Schlagwort: Paul von Schoenaich

  • Gestohlen?

    — Jg. 1931, Nr. 4 —

    Der Reichstag wird erst in einigen Tagen wieder zusammentreten. Eigentlich müßte ich also seine kommenden Taten abwarten. Leichtsinnig, wie ich nun einmal bin, nehme ich aber an, daß sie, wie bisher, gleich Null sein werden. Die Herren Abgeordneten werden etwas schimpfen, im Herzen aber ganz froh sein, daß die Regierung sie der unangenehmen Lage überhebt, sich vor den Augen ihrer Wähler die Finger zu verbrennen. Ich nehme daher als sicher an, daß der Etat für 1931 einschließlich aller gepanzerten Lustkähne durch Regierungsdiktat ebenso bewilligt werden wird, wie den Gewerkschaften die Durchführung von Lohnkämpfen unmöglich gemacht worden ist.

    Ich komme also zu dem traurigen Ergebnis, daß die Republik in Nebel gehüllt morgen verschwinden kann, und daß die Staatsgewalt dem Volke entzogen worden ist. Als nur kümmerlichen Laienjuristen interessiert mich nun die Frage, ob die Staatsgewalt etwa gestohlen ist. Und da ist mir folgender Vergleich eingefallen.

    Die fremden Kaufleute in China pflegen sich, da die einheimischen Arbeitskräfte billig sind, sehr viel häusliche Dienstboten zu halten. Diese chinesischen Dienstboten haben sich zweierlei angewöhnt: Jeder tut nur das, wofür er gemietet worden ist, und alle verstehen es, sich durch allerlei Listen Nebeneinnahmen zu verschaffen. Diejenigen Dienstboten aber, denen das noch nicht genügt, haben, soweit sie nicht einfach plump mausen, eine geniale Methode des allmählichen Stehlens erdacht. Objekt dieses Tuns sind solche Gegenstände, die die Herrschaft nur sehr selten braucht. Sie werden zunächst an irgend einen geheimen Ort innerhalb des Hauses verbracht. Wenn die Herrschaft eines Tages danach fragt, so erklärt der Täter, er könne sich nicht darauf besinnen, den Gegenstand jemals gesehen zu haben. Dann fällt die Entscheidung: Entweder die Herrschaft findet sich mit der Tatsache ab, daß der Gegenstand futsch ist, oder sie schlägt Krach. Im letzteren Falle erscheint der betreffende Boy (so heißen diese in China) bald mit dem glücklich wiedergefundenen Gegenstand und avanziert dadurch zur „Dienstbotenperle“. Im ersteren Falle kann der Boy den Gegenstand nunmehr in aller Ruhe zum eigenen Nutzen verwerten.

    Ich muß gestehen, daß ich diese chinesische Kunst des allmählichen Stehlens für das genialste halte, was auf dem Gebiete der Enteignung jemals von einem Menschenhirn erdacht worden ist.

    Und nun die Nutzanwendung für unsere Sendboten des Volkes: Die vom Volk ausgehende Staatsgewalt ist noch vorhanden, sie ist von der Regierung Brüning nur an einem verborgenen Platz niedergelegt worden. Die große Entscheidung steht jetzt bevor. Wird das Volk Krach schlagen oder wird es sich mit der Tatsache abfinden? Herr Brüning möge es mir nicht übelnehmen, daß ich ihn gewissermaßen mit einem chinesischen Boy vergleiche. Er möge es um so weniger übelnehmen, als manche dieser Boys sonst ganz famose Leute sind. Jedenfalls dünkt mir seine Methode immer noch schmerzloser als die, die die Mannen Adolfs I. vermutlich anwenden werden. Sie werden mit Gewalt den Kleinen im Volke den letzten Rest ihrer Staatsgewalt nehmen und ihn sich selbst und ihren großen Freunden in die Taschen bugsieren.

    Gibt es für unsere nach Gehaltsklasse 10 (– 20 Prozent) besoldeten Volksboten denn eigentlich gar keine Möglichkeit mehr, uns aus den, in mancher Hinsicht gewiß bequemen, chinesischen Haushaltsverhältnissen wieder in unbequemere, aber solidere westeuropäische zurückzuführen?

    1931, 4 · Paul von Schoenaich

  • Die Wehrfrage

    — 1929, Nr. 3 —

    Die große Politik aller Länder kreist immer deutlicher um den Mittelpunkt der Wehrfrage. Die Rechtsparteien, die unbedingte Anhänger der Wehrhaftigkeit sind, haben das längst erkannt. Die Linksparteien haben es entweder noch nicht erkannt, oder sie haben sich gescheut, die Frage anzuschneiden, weil sie wohl wußten, daß in ihren Reihen darüber große Meinungsverschiedenheiten bestehen. Nur so ist es zu erklären, daß in Deutschland die Demokraten und Sozialdemokraten erst jetzt an die Ausarbeitung eines Wehrprogramms gehen.

    Die Frage liegt deswegen sehr schwierig, weil einmal politische und militärische Richtlinien sich vielfach überschneiden, und weil bei den militärischen zwei Linien nebeneinander laufen. Politisch lautet die Frage so: Ist es bei der engen Verstrickung der Weltwirtschaft und Weltkultur heute noch zweckmäßig, Meinungsverschiedenheiten zwischen Staaten durch militärische Machtmittel zu schlichten? Militärisch lautet die Frage so: Lassen sich offensichtige und nichtoffensichtige Rüstungen unter ein und dieselbe Formel bringen? Da die militärischen Rüstungen, auch nach Ansicht der Wehrfreunde, nur Mittel zu politischen Zwecken sind, sollen sie als das Primäre zuerst behandelt werden.

    Die Schöpfer der Friedensverträge haben, wenn auch die Wehrfreunde das vielfach bezweifeln, die ehrliche Absicht gehabt, der Welt neues Kriegsgrausen zu sparen. Sie haben wohl erkannt, daß das nur durch die allgemeine Abrüstung zu erzielen sei. Deswegen haben sie den Unterlegenen ein gewisses Maß von Abrüstung aufgezwungen in der Erwartung, daß ihre eigenen Völker dann allmählich auf diesem Wege folgen würden. Der Trugschluß dabei war der, daß sie nur die offensichtigen Rüstungen vertragsmäßig beschränken konnten, nicht aber die nichtoffensichtigen. Der Trugschluß war um so schlimmer, weil die letzteren heute eine weit größere kriegerische Bedeutung haben als die ersten. Man kann ohne weiteres alle die Waffen abschaffen, die nur Kriegszwecken dienen, nicht aber die, die gleichzeitig für Friedenszwecke ganz unentbehrlich sind. Diese letzteren sind es, die man in Frankreich „potentiel de guerre“ nennt. Wenn deutsche Staatsmänner von der vollkommenen Abrüstung Deutschlands reden, so meinen sie die uns durch den Friedensvertrag aufgezwungene Abrüstung der offensichtigen Kriegsmittel. Wenn französische Staatsmänner Mißtrauen gegen unsere Abrüstung zeigen, so meinen sie die nichtoffensichtigen. Beide reden also aneinander vorbei. Dieses anmutige Spielchen kann fortgesetzt werden, bis beiden Völkern eines Tages die Gift- und Gasbomben auf die Köpfe hageln.

    Aus diesem fast unlösbaren Wirrwarr kann nur die Beantwortung der eingangs gestellten politischen Frage den Ausweg zeigen. Ich bin der Ansicht, daß es heute überhaupt keinen möglichen Fall gibt, wo durch den Gewalteingriff des Krieges für einen der Beteiligten irgendein Nutzen erzielt werden kann. Ich behaupte, daß die enge Verstrickung der Weltwirtschaft und Weltkultur es mit sich bringt, daß kein Volk das andere schädigen kann, ohne sich selbst mitzuschädigen. Mit dem Augenblick, wo man zugibt, daß aus einem Kriege auch der Sieger keinesfalls mehr einen Nutzen, sondern sogar sicher auch einen Schaden nehmen wird, muß man doch sagen, daß der Krieg an sich jeden Sinn verloren hat. Um diese Meinungsverschiedenheiten dreht sich der Kampf, den ich seit Jahren nicht nur gegen meine Gegner der Rechten, sondern seit die Wehrfrage auch bei den beiden mir nahestehenden Linksparteien angeschnitten worden ist, auch gegen einige der eigenen Freunde führe.

    So weit sind wir immerhin schon gekommen, daß einen Angriffskrieg auch die Rechtsparteien nicht mehr offen fordern. Alles dreht sich nur noch um den Verteidigungskrieg. Ich sehe hier ganz ab von dem uralten Trick der Kriegsinteressenten, ihre Profitkriege in den Augen der Völker in Verteidigungskriege umzufälschen. Ich will nur einmal nüchtern prüfen, ob es denn bei einem wirklichen Angriff kein besseres Verteidigungsmittel gibt als die Tötungsmaschinen.

    Die Frage spielte bei meinen letzten Vortragsreisen im Osten Deutschlands eine große Rolle. Man stellte mir von seiten der Kriegsfreunde mehrfach die Frage, was ich tun würde, wenn Polen über uns herfiele. Ich antwortete, daß ich solch einen Überfall für ganz ausgeschlossen hielte, daß die Polengefahr auch eines jener Bilder sei, das die Kriegsinteressenten dauernd an die Wand malten, um die beiden Völker in ewiger Furcht vor einander zu halten. Weiter behauptete ich, daß, selbst wenn die Polen in Ostpreußen und Pommern einfallen sollten, der Generalstreik ein besseres Abwehrmittel wäre als irgendeine blutige Kampfhandlung.

    Natürlich fiel darob die ganze Rechtspresse über mich her. Ich konnte sie aber mit ihren eigenen Waffen schlagen. Sie selbst haben gelegentlich der französischen Ruhrbesetzung das Mittel des passiven Widerstandes als das beste in hohen Tönen gepriesen. Daß es damals versagte, lag nicht an dem Mittel an sich, sondern daran, daß wir es durch heimlich eingemischte aktive Gegenwehr verfälschten. Aber selbst denjenigen, die an die Güte des Generalstreiks als kriegsverhinderndes Mittel nicht glauben, erwidere ich, daß heute jeder lokale Krieg mit automatischer Sicherheit den europäischen Krieg auslösen würde, und daß ein solcher das Ende der europäischen Kultur und Wirtschaft wäre. Wenn ich aber zu wählen habe zwischen einem sicher schlechten und einem vielleicht guten Abwehrmittel, dann wähle ich das letztere, selbst auf die Gefahr hin, daß es nicht alle meine Hoffnungen erfüllen sollte. […]

    Ich bin vielleicht allzu sehr Optimist, aber ich glaube, daß ein wirklich als solcher erkannter Angreifer heute die ganze Welt gegen sich hätte. Ich glaube an ein Weltgewissen, will aber den Gegnern das Zugeständnis machen, daß dieses Gewissen stark durchsetzt ist mit Nützlichkeitserwägungen. Es gibt kein besseres Mittel, den Angreifer für die ganze Welt erkennbar zu machen, als den passiven Widerstand des Angegriffenen. Unser unter grobem Rechtsbruch erfolgter Einfall in Belgien hat das Weltgewissen tatsächlich geweckt. Es ist eben der Grundfehler aller Militaristen und Nationalisten, daß sie die sittliche Seite ihrer Taten gegenüber der gewalttätigen unterschätzen. […]

    1929, 3 · Paul von Schoenaich

    Sobald einer die Unfähigkeit spürt, sich im Leben durchzusetzen, fängt er an, sich für einen Idealisten zu halten.

    1932, 3 · Hermann Mauthe

  • Fantasien eines Ochsen

    — Jg. 1925, Nr. 4 —

    In den großen Schlächtereien von Chicago werden täglich viele Tausend Ochsen und Schweine geschlachtet. Der Betrieb ist so großartig organisiert, daß man fast sagen kann: am einen Ende werden die lebenden Tiere hineingetrieben und am andern kommen die fertigen Würste, Schinken und Stiefel heraus. Die Ochsen werden in einem großen Kral zusammengetrieben und von dort durch einen langen Doppelzaun in das Schlachthaus.

    Es zeigte sich nun, daß die Tiere, wenn sie das Blut ihrer geschlachteten Brüder witterten, sehr schwer vorwärts zu treiben waren. Es mußten dazu zahlreiche hochentlohnte Viehtreiber angestellt werden. Die Amerikaner dressierten deshalb einen alten Leitochsen, die Herde ins Schlachthaus zu führen. Für ihn öffnete sich neben der Tür des Schlachthauses ein behaglicher Stall, in dem er weiche Streu und gutes Futter fand. Der amerikanische Volksmund hat diesen Ochsen „Judas“ getauft.

    Eines Abends, als Judas bereits in den Kral getrieben war, entstand im Schlachthaus eine Betriebsstörung. Die Schlachtung mußte unterbrochen werden. Die Nacht sank über Chicago, und Judas schlenderte von Gruppe zu Gruppe seiner Kameraden. Die meisten dösten dahin, wie Ochsen zu dösen pflegen; nur in einer Gruppe debattierte man lebhaft.

    Ein junger, nur mäßig genährter Ochse sprach: „Wir sollten gegen das Schlachten gewaltsam vorgehen. Wenn wir mit vereinten Kräften gegen den Zaun rennen, dann werden wir die Freiheit gewinnen. Das Land hier gehört ohnehin uns und nicht den Menschen. Unsere Voreltern streiften hier als freie Büffel und nährten sich von dem schmackhaften Steppengras.“

    „Sehr schön“, antwortete ein anderer, „das würde uns aber nichts nützen, denn hier in der Gegend wächst längst kein Gras mehr; wir würden verhungern oder von Verkehrsmaschinen zermalmt werden; außerdem schmeckt das Kunstfutter, das man uns reicht, ja viel besser als das langweilige Gras.“

    „Das aber immer noch besser als das Schlachtbeil“, fiel ein Dritter ihm ins Wort. Und dann ein Vierter: „Gewiß, Spaß macht es nicht, geschlachtet zu werden; aber das hilft ja alles nichts, man hat immer Ochsen geschlachtet, man wird weiter Ochsen schlachten, darum hat es gar keinen Zweck, daß wir uns dagegen sträuben.“

    „Sehr richtig“, fiel ein Fünfter ein, „außerdem ist die Sache glänzend organisiert. Die Maschinen sind technisch vollendet, bereiten kaum mehr Schmerz, und schließlich ist es doch eine große Ehre für einen einfachen Ochsen, als Hauptstück auf der Tafel eines wahren Menschen- und Tierfreundes zu stehen.“

    Als Judas sich dies Gespräch ein wenig angehört hatte, wurde er nachdenklich. Wenn der erste Redner etwa seine Gewaltpläne unter die anderen Ochsen trüge, könnte es sein, daß man ihn, den braven Leitochsen, als ungeeignet selbst zum Schlachthaus triebe, und dann ade, schöner warmer Stall und schmackhaftes Futter.

    Darum winkte er die beiden letzten Redner zu sich und schlug ihnen vor, ein Nachrichtenbüro für Ochsen und eine Tageszeitung zu gründen; für die Finanzierung würde die Schlachthofdirektion sicher sorgen.

    Als die Sonne blutrot über dem Michigansee emporstieg, war drinnen die Betriebsstörung behoben; und als der Aufseher nach Judas rief und mit der Futterkiepe klapperte, da trollte Judas schleunigst fürbaß und brüllte dazu, wie Ochsen zu brüllen pflegen, wenn ihnen gutes Futter winkt.

    Die anderen Ochsen aber trollten hinterher, — sogar der, der eigentlich gewaltsam ausbrechen wollte. Denn schließlich wollte er von den anderen nicht für einen Renegaten gehalten werden. Das war nämlich damals der schlimmste Vorwurf, den man einem Ochsen machen konnte.

    1925, 4 Paul von Schoenaich