Kategorie: 1929

Auswahl im Jahrgang 1929 veröffentlichter Beiträge

  • Sturz in den Ruin

    SPIEGEL SPECIAL Geschichte 1/2008

    Im Oktober 1929 riss die Finanzkrise an der Wall Street die Weltwirtschaft in den Abgrund. Die Weimarer Republik traf der Schock schwer. Doch erst die Deflationspolitik der Regierung Brüning wurde Deutschland zum Verhängnis – und ebnete Adolf Hitler den Weg.

    Schon der Morgen war anders als alle Tage, die Winston Churchill bisher erlebt hatte. Der spätere Premierminister Seiner Majestät, der auf einer Amerika-Reise in New York Station gemacht hatte, schaute von seinem Zimmer im Luxushotel Savoy-Plaza hinaus auf die Fifth Avenue. Dort drängten sich die Passanten, Feuerwehrleute eilten herbei, doch sie waren zu spät gekommen.

    „Direkt unter meinem Fenster hatte sich ein Gentleman 15 Stockwerke in die Tiefe gestürzt“, berichtete Churchill von der Begebenheit in der Frühe des 25. Oktober 1929. Der Mann, der an diesem Freitag in den Tod sprang, gehörte zu den Unglücklichen, die erst ihr Vermögen verloren hatten und dann die Nerven.Später folgte Churchill einer Einladung an die Wall Street. Er nahm auf der Besuchertribüne der Börse Platz, dort machte er seine zweite Grenzerfahrung an diesem Tag. Er wurde Zeuge einer Finanzkrise, wie sie die Welt noch nicht gesehen hatte.

    Die Kurse fielen und fielen und fielen, der Ticker ratterte ohne Unterlass, das Papierband konnte die Notierungen gar nicht so schnell ausspucken, wie sie sanken. Ratlos standen die Händler auf dem Parkett, sie sahen aus „wie die Zeitlupenaufnahme eines aufgeschreckten Ameisenhaufens“, beschrieb Churchill, was er von der Empore beobachten konnte.

    Am Tag zuvor war die Verkaufswelle ins Rollen gekommen. Erst verloren nur einzelne Papiere kräftig an Wert, dann schwoll die Bewegung zu einer Massenflucht an. Jeder Händler wollte nur noch raus aus dem Markt, egal zu welchem Preis.

    Am Montag setzte sich der Verfall fort, am Dienstag sackten die Kurse ins Bodenlose: Rund 16,4 Millionen Aktien wurden an diesem Tag verramscht, ein Rekord, der fast 40 Jahre hielt. Existenzen wurden vernichtet, Träume waren zerplatzt. Das meiste dessen, was in den Jahren zuvor an Papiervermögen aufgetürmt worden war, hatte der Sturm an der Wall Street fortgeweht.

    „Wenige Menschen verloren jemals so rapide an Ansehen“, resümierte später der Ökonom John Kenneth Galbraith, „wie die Bankleute von New York in den fünf Tagen vom 24. bis zum 29. Oktober.“

    Einen Tag später endete Churchills Besuch in den USA, der Staatsmann nahm das Schiff zurück nach England. Es war gleichsam der Aufbruch in eine andere Zeit.Der Börsenkrach von 1929 war der Auftakt zur ersten Weltwirtschaftskrise, die tatsächlich diesen Namen verdient; ihre Ausläufer waren bis nach Japan und Australien zu spüren. Sie hat nicht nur zahllose Menschen und Unternehmen ruiniert, sie hat die Weltläufte verändert – und ganz besonders das Geschehen in Deutschland. Das „Dritte Reich“, der Zweite Weltkrieg, die Teilung des Landes: All das wäre ohne die globale Wirtschaftskrise nicht denkbar gewesen.

    Den vollständigen Artikel von Alexander Jung finden Sie hier: https://www.spiegel.de/spiegel/spiegelspecialgeschichte/d-55573686.html

  • Die Wehrfrage

    — 1929, Nr. 3 —

    Die große Politik aller Länder kreist immer deutlicher um den Mittelpunkt der Wehrfrage. Die Rechtsparteien, die unbedingte Anhänger der Wehrhaftigkeit sind, haben das längst erkannt. Die Linksparteien haben es entweder noch nicht erkannt, oder sie haben sich gescheut, die Frage anzuschneiden, weil sie wohl wußten, daß in ihren Reihen darüber große Meinungsverschiedenheiten bestehen. Nur so ist es zu erklären, daß in Deutschland die Demokraten und Sozialdemokraten erst jetzt an die Ausarbeitung eines Wehrprogramms gehen.

    Die Frage liegt deswegen sehr schwierig, weil einmal politische und militärische Richtlinien sich vielfach überschneiden, und weil bei den militärischen zwei Linien nebeneinander laufen. Politisch lautet die Frage so: Ist es bei der engen Verstrickung der Weltwirtschaft und Weltkultur heute noch zweckmäßig, Meinungsverschiedenheiten zwischen Staaten durch militärische Machtmittel zu schlichten? Militärisch lautet die Frage so: Lassen sich offensichtige und nichtoffensichtige Rüstungen unter ein und dieselbe Formel bringen? Da die militärischen Rüstungen, auch nach Ansicht der Wehrfreunde, nur Mittel zu politischen Zwecken sind, sollen sie als das Primäre zuerst behandelt werden.

    Die Schöpfer der Friedensverträge haben, wenn auch die Wehrfreunde das vielfach bezweifeln, die ehrliche Absicht gehabt, der Welt neues Kriegsgrausen zu sparen. Sie haben wohl erkannt, daß das nur durch die allgemeine Abrüstung zu erzielen sei. Deswegen haben sie den Unterlegenen ein gewisses Maß von Abrüstung aufgezwungen in der Erwartung, daß ihre eigenen Völker dann allmählich auf diesem Wege folgen würden. Der Trugschluß dabei war der, daß sie nur die offensichtigen Rüstungen vertragsmäßig beschränken konnten, nicht aber die nichtoffensichtigen. Der Trugschluß war um so schlimmer, weil die letzteren heute eine weit größere kriegerische Bedeutung haben als die ersten. Man kann ohne weiteres alle die Waffen abschaffen, die nur Kriegszwecken dienen, nicht aber die, die gleichzeitig für Friedenszwecke ganz unentbehrlich sind. Diese letzteren sind es, die man in Frankreich „potentiel de guerre“ nennt. Wenn deutsche Staatsmänner von der vollkommenen Abrüstung Deutschlands reden, so meinen sie die uns durch den Friedensvertrag aufgezwungene Abrüstung der offensichtigen Kriegsmittel. Wenn französische Staatsmänner Mißtrauen gegen unsere Abrüstung zeigen, so meinen sie die nichtoffensichtigen. Beide reden also aneinander vorbei. Dieses anmutige Spielchen kann fortgesetzt werden, bis beiden Völkern eines Tages die Gift- und Gasbomben auf die Köpfe hageln.

    Aus diesem fast unlösbaren Wirrwarr kann nur die Beantwortung der eingangs gestellten politischen Frage den Ausweg zeigen. Ich bin der Ansicht, daß es heute überhaupt keinen möglichen Fall gibt, wo durch den Gewalteingriff des Krieges für einen der Beteiligten irgendein Nutzen erzielt werden kann. Ich behaupte, daß die enge Verstrickung der Weltwirtschaft und Weltkultur es mit sich bringt, daß kein Volk das andere schädigen kann, ohne sich selbst mitzuschädigen. Mit dem Augenblick, wo man zugibt, daß aus einem Kriege auch der Sieger keinesfalls mehr einen Nutzen, sondern sogar sicher auch einen Schaden nehmen wird, muß man doch sagen, daß der Krieg an sich jeden Sinn verloren hat. Um diese Meinungsverschiedenheiten dreht sich der Kampf, den ich seit Jahren nicht nur gegen meine Gegner der Rechten, sondern seit die Wehrfrage auch bei den beiden mir nahestehenden Linksparteien angeschnitten worden ist, auch gegen einige der eigenen Freunde führe.

    So weit sind wir immerhin schon gekommen, daß einen Angriffskrieg auch die Rechtsparteien nicht mehr offen fordern. Alles dreht sich nur noch um den Verteidigungskrieg. Ich sehe hier ganz ab von dem uralten Trick der Kriegsinteressenten, ihre Profitkriege in den Augen der Völker in Verteidigungskriege umzufälschen. Ich will nur einmal nüchtern prüfen, ob es denn bei einem wirklichen Angriff kein besseres Verteidigungsmittel gibt als die Tötungsmaschinen.

    Die Frage spielte bei meinen letzten Vortragsreisen im Osten Deutschlands eine große Rolle. Man stellte mir von seiten der Kriegsfreunde mehrfach die Frage, was ich tun würde, wenn Polen über uns herfiele. Ich antwortete, daß ich solch einen Überfall für ganz ausgeschlossen hielte, daß die Polengefahr auch eines jener Bilder sei, das die Kriegsinteressenten dauernd an die Wand malten, um die beiden Völker in ewiger Furcht vor einander zu halten. Weiter behauptete ich, daß, selbst wenn die Polen in Ostpreußen und Pommern einfallen sollten, der Generalstreik ein besseres Abwehrmittel wäre als irgendeine blutige Kampfhandlung.

    Natürlich fiel darob die ganze Rechtspresse über mich her. Ich konnte sie aber mit ihren eigenen Waffen schlagen. Sie selbst haben gelegentlich der französischen Ruhrbesetzung das Mittel des passiven Widerstandes als das beste in hohen Tönen gepriesen. Daß es damals versagte, lag nicht an dem Mittel an sich, sondern daran, daß wir es durch heimlich eingemischte aktive Gegenwehr verfälschten. Aber selbst denjenigen, die an die Güte des Generalstreiks als kriegsverhinderndes Mittel nicht glauben, erwidere ich, daß heute jeder lokale Krieg mit automatischer Sicherheit den europäischen Krieg auslösen würde, und daß ein solcher das Ende der europäischen Kultur und Wirtschaft wäre. Wenn ich aber zu wählen habe zwischen einem sicher schlechten und einem vielleicht guten Abwehrmittel, dann wähle ich das letztere, selbst auf die Gefahr hin, daß es nicht alle meine Hoffnungen erfüllen sollte. […]

    Ich bin vielleicht allzu sehr Optimist, aber ich glaube, daß ein wirklich als solcher erkannter Angreifer heute die ganze Welt gegen sich hätte. Ich glaube an ein Weltgewissen, will aber den Gegnern das Zugeständnis machen, daß dieses Gewissen stark durchsetzt ist mit Nützlichkeitserwägungen. Es gibt kein besseres Mittel, den Angreifer für die ganze Welt erkennbar zu machen, als den passiven Widerstand des Angegriffenen. Unser unter grobem Rechtsbruch erfolgter Einfall in Belgien hat das Weltgewissen tatsächlich geweckt. Es ist eben der Grundfehler aller Militaristen und Nationalisten, daß sie die sittliche Seite ihrer Taten gegenüber der gewalttätigen unterschätzen. […]

    1929, 3 · Paul von Schoenaich

    Sobald einer die Unfähigkeit spürt, sich im Leben durchzusetzen, fängt er an, sich für einen Idealisten zu halten.

    1932, 3 · Hermann Mauthe

  • Sozialismus

    — Jg. 1929, Nr. 32 —

    Ein Arbeiter unter den Lesern der Sonntags-Zeitung hat mir vor längerer Zeit einen Brief geschrieben, der mit den Worten schließt: Glauben Sie an den Sozialismus? Wenn ja: wann sind wir für den Sozialismus reif?

    Da ich mir inmitten der heutigen Gesellschaftsordnung immer als Sozialist vorkomme und es wenigstens solange zu bleiben gedenke, als wir keine sozialistische Gesellschaftsordnung haben, so gestehe ich nicht ohne Befangenheit, daß ich auf diese Fragen bis heute keine Antwort gefunden habe. Sie scheinen mir eine verdächtige Ähnlichkeit mit der Frage nach Gott und dem ewigen Leben zu haben, auf die ich ebenfalls keinen Bescheid weiß; die ich aber vorsichtshalber zu verneinen pflege, denn ich kann mit ziemlicher Sicherheit annehmen, daß der Fragesteller sich dabei etwas denken wird, was ich ablehne. Wahrscheinlich versteht auch mein Freund, der sich nach meinem Glauben an den Sozialismus erkundigt hat, eine Art von Reich Gottes auf Erden darunter, in dem keiner mehr etwas für sich haben will. In diesem Fall würde ich alle meine Lebenserwartungen in den Wind schlagen müssen, wenn ich Ja sagen wollte.

    Nein, ich glaube nicht an einen Sozialismus, zu dem man erst „reif“ werden müßte. Aber ich bin Sozialist, denn ich hasse und verachte diese Gesellschaft, in der die Drohnen von der Ausbeutung der Bienen leben dürfen, und ich kann mir nichts Unwirtschaftlicheres denken als den Wirtschaftsapparat, der zu diesem Zwecke in Bewegung gesetzt wird. Ich bin überzeugt, daß eine gerechte Ordnung und eine wirtschaftlichere Wirtschaft möglich ist, ohne das vorher aus Menschen Engel zu werden brauchten.

    Eben weil die Menschen keine Engel sind, muß hiezu die sogenannte „freie“ Wirtschaftsordnung, in der wir leben, durch eine gebundene abgelöst werden, in der jeder, ob er will oder nicht, seinen Dienst zu erfüllen hat, und in der die Güter nicht ins Blaue hinein, sondern nach einem Plan erzeugt und verteilt werden. Über den Weg zu diesem Ziel getraue ich mir nicht eine Ansicht zu äußern, die den Anspruch auf Alleingültigkeit erheben könnte. Ich halte es nicht für ausgeschlossen, daß es verschiedene Wege dazu gibt, ja daß es sogar auf Umwegen erreichbar ist. Ich begrüße jede Annäherung an das Ziel, gehe sie aus, von wo sie wolle; und mißtraue jedem Ismus, der die Patentlösung in der Tasche zu haben behauptet. (Auch dem Marxismus.) Insbesondere bin ich mir keineswegs so ganz klar darüber, ob die Durchführung des Sozialismus von einer gewaltsamen, blutigen Umwälzung bedingt (und andererseits garantiert) ist. Die Geschichte lehrt allerdings, daß herrschende Klassen ihre Macht nicht freiwillig aus der Hand zu geben pflegen. Aber ich weiß nicht, ob diese Geschichte schon lange genug gedauert hat, daß man behaupten könnte, was bisher so oder so gewesen sei, müsse überhaupt und immer so sein.

    *

    Alle mehr oder weniger gelehrten bürgerlichen Einwände gegen den Sozialismus gehen aus einer Wurzel hervor, deren populäre Formel lautet: da nicht alle Menschen gleich sind, so können sie auch nicht alle gleichviel haben wollen. Gegen die Demokratie, die politisch „alles gleichmachen“ wolle, hat man seinerzeit ähnlich argumentiert. Ihre Vertreter haben mit Recht erwidert, daß sie nicht alles gleichmähen, aber allen gleichen Start geben möchten. Was hat der Sozialist auf jenen Vorwurf zu antworten?

    Es stimmt schon, daß nicht alle Menschen gleich sind, so wenig wie alle Baumblätter, alle Katzen oder alle Wanzen. Aber bis an einen gewissen Punkt sind sie alle gleich: alle müssen essen, wenn sie Hunger haben, alle müssen sich kleiden und ein Dach über dem Kopf haben, wenn sie nicht frieren sollen, und alle müssen sterben, wenn sie krank oder alt sind. Solange das so sein wird, solange hat jede menschliche Gesellschaft die Pflicht, ihre einzelnen Mitglieder vor Hunger und Frost zu bewahren und in Krankheit und Alter zu pflegen, und das Recht, die hiezu erforderliche Arbeitsleistung auf alle zu verteilen; jedes einzelne Mitglied der Gesellschaft hat umgekehrt das Recht, die Sicherung seiner Existenz zu beanspruchen, und die Pflicht, zu dem hiezu nötigen Aufwand sein Teil beizusteuern. Für die kleinste gesellschaftliche Gruppe, die Familie, gilt dies als selbstverständlich, ohne daß man diesen Sozialismus groß als solchen bezeichnet. Auch noch in der altgermanischen Dorfgenossenschaft und in der mittelalterlichen Stadt hat es diesen Sozialismus gegeben. Heute gehören wir, wohl oder übel, größeren gesellschaftlichen Verbänden an. Ist es nicht selbstverständlich, daß auch jene Pflicht und jenes Recht sich auf sie vererben muß?

    Keiner hat dies so überzeugend begründet und gleichzeitig die Durchführung der Forderung technisch so vollkommen ins einzelne durchdacht wie der Wiener Ingenieur und Soziologe Popper-Lynkeus in seinem Werk über die „Allgemeine Nährpflicht“, dessen Studium vielleicht als Ergänzung zu Karl Marxens Parteibibel manchen eifrigen Sozialisten empfohlen werden darf. Und ein anderer Nichtmarxist, der sich ebenfalls Gedanken nicht bloß über den Weg, sondern das Ziel gemacht hat, Wichard von Moellendorff, hat vor Jahren in dieser Zeitung erklärt, daß ein vierstündiger Arbeitstag genügen würde, um die Bedürfnisse der heutigen Gesellschaft durch arbeitsteilige Arbeit zu decken.

    *

    An dem Punkt, wo die Menschen ungleich werden (und das können sie erst, wenn die allen gleichen Bedürfnisse befriedigt sind), hört die Notwendigkeit und das Recht des Sozialismus auf. Von da an wäre Sozialismus nicht Hilfe, sondern Vergewaltigung. Wenn einmal eine überspannte „sozialistische“ Epoche käme, wo die Menschen, die jetzt unter dem Banner der individualistischen „Freiheit“ den Kampf aller gegen alle führen, gewissermaßen alle in einer großen Kaserne leben müßten, dann wäre es an der Zeit, dem Sozialismus den Kampf anzusagen. Aber darüber brauchen wir uns heute wahrhaftig keine Sorgen zu machen.

    1929, 32

  • Polizei oder Militär?

    — Jg. 1929, Nr. 20 —

    Die Berichte vom Berliner Kriegsschauplatz des ersten Mai 1929 sind zwar je nach der Parteistellung der Berichtenden ebenso verschieden wie etwa die über eine Schlacht im Weltkrieg, aber es gibt doch einige Tatsachen, die von niemand mehr bestritten werden können. Z. B. folgende:

    1. Im Laufe des ersten Mai ist in Berlin das polizeiliche Verbot von Maifeiern, abgesehen von einigen kleineren Ansammlungen, die rasch zerstreut wurden, nicht übertreten worden. Diese Feststellung (wie auch die, daß keine eigentlichen Kämpfe stattgefunden haben) richtet sich in gleichem Maße gegen die Verteidigungsversuche der Polizei wie gegen die blutigen Frasen der Kommunisten und einige bombastische Telegramme aus Moskau, die von „Revolution“ usw. reden.

    2. Die Schießerei ist von der Polizei begonnen worden. Ob Zivilisten überhaupt geschossen haben, ist fraglich. Jedenfalls ist nur ein einziger Polizist durch einen Schuß verletzt worden, und zwar aus Versehen von einem Kollegen.

    3. Die Polizei hat z. T. ohne jede Warnung Passanten erschossen. In den meisten Fällen begann sie sofort nach dem Warnruf „Straße frei!“ mit der Schießerei.

    4. Die Polizei hat ganz unbeteiligte Menschen aus Wohnungen herausgeschleift, mißhandelt und verhaftet. Schon die paar Prozesse, die in Moabit im Schnellverfahren verhandelt worden sind, zeigen das sehr deutlich.

    Außerdem werden eine Unmenge einzelner Beispiele von rohem und sinnlosem Vorgehen der Polizei berichtet. Sie hat z. B. Menschen, die auf Verkehrsinseln die Straßenbahn erwarteten, ohne jede Warnung mit dem Gummiknüppel auseinandergetrieben, hat in den abgesperrten Stadtteilen blindlings die Straßen hinabgeschossen und in Wohnungen hineingefeuert und hat auch aus den abgesperrten Bezirken heraus mit Maschinengewehren in freigegebene Straßen geschossen usw. Das Ergebnis von fünf Kampftagen war daher auf Seiten des „Zivils“: 24 Tote, 73 Schwerverletzte, über hundert Leichtverletzte, auf Seiten der Polizei: kein Toter, 4 Schwerverletzte, 43 Leichtverletzte, unter ihnen, wie gesagt, nur ein einziger durch einen Schuß Verletzter.

    „Soll dies künftig rechtens in Preußen sein, daß die Polizei, wenn eine ihrer Vorschriften von einer kleinen Rotte Menschen wirklich oder vermeintlich nicht befolgt wird, plötzlich ganze Stadtteile abriegeln, in die Fenster knallen, total unbeteiligte Menschen aus Wohnungen zerren, mit Gummiknüppeln lahm und krumm schlagen und wie Treibwild niederschießen darf? Soll es zur Maxime werden, daß Städte oder Stadtteile des eigenen Landes wegen irgendwelcher polizeiwidriger Akte einzelner Einwohner insgesamt als Kriegsgebiet behandelt werden können?“ Fragt das „Tagebuch“.

    Die Antwort auf diese Frage wird lauten müssen: das hängt von der Ausbildung der Polizei ab. Nach der Revolution, als der Glaube an das Wort „Der Mensch ist gut“ noch stärker war, hat man viel davon gesprochen, der Polizist müsse der „Vertrauensmann der Straße“ sein. Heute wagt man kaum mehr davon zu reden. Denn heute ist die Ausbildung der Polizei, des „zweiten Heeres“, ganz militärisch. Die Polizei wird auf den Bürgerkrieg trainiert. Nach einem Artikel in der Beamten-Korrespondenz „Beko“ haben die jungen Polizeianwärter jeden vierten Tag einmal einige Stunden Unterricht im Polizeidienst, im übrigen aber werden sie militärisch gedrillt. Auf der Polizeioffiziersschule ist es nicht anders. Die Leiter halten sich an die Übungsmethoden des alten Generalstabs, teils weil sie selber noch in dieser Mentalität leben, teils weil es die Vorschriften verlangen. Bei den von Zeit zu Zeit stattfindenden Offiziersbesprechungen z. B. erhalten die Offiziere in versiegeltem Umschlag taktische Aufgaben für den Bürgerkrieg gestellt, die sie mit Bleisoldaten zu lösen haben. In den Maitagen haben die Offiziere die jungen Polizeimannschaften (man hat zum größten Teil ganz junge Leute „eingesetzt“) dann genau so in den „Krieg“ geführt wie sie es am Sandkasten gelernt haben.

    Im September vorigen Jahres hat Ignaz Wrobel in einem Artikel der „Weltbühne“ auf ein Buch „Polizeiverwendung, dargestellt an Aufgaben, Buch II, Beim Einsatz im Stadtgebiet“ von K. v. Oven hingewiesen. Wenn man heute diesen Artikel und die darin angeführten Zitate aus Ovens Buch liest, dann ist man über das Vorgehen der Polizei in den Maitagen nicht mehr erstaunt: die Praxis entspricht haargenau der Theorie, in der von nichts anderem die Rede ist als von „Einsatz“, „Stoßrichtung“, „Kampfweise der Aufständischen“, „Ablieferung von Gefangenen“ usw. Es ist also gar kein Wunder, wenn man heute, wie die „Frankfurter Zeitung“ in einem Bericht über die Maitage es getan hat, feststellen muß: „Die Aufgabe ist typisch polizeilich, der Einsatz an Mannschaften aber und das Vorgehen ist militärisch.“

    Die Vorschriften für die Ausbildung der Polizei sind militärisch und die Lehrer und Offiziere leben in militärischem Geist — man muß also die Ausbildungsvorschriften und die Personalpolitik ändern. Für beides ist das preußische Ministerium des Innern verantwortlich. Hier sitzt zwar der Sozialdemokrat Grzesinski an der Spitze, aber man merkt nichts davon. Ob er nicht kann oder ob er nicht will, weiß ich nicht. Jedenfalls hat der Ministerialdirektor Klausener, der Leiter der Polizeiabteilung, mehr Einfluß auf die Polizei als Grzesinski. Hier müßte man also mit dem Ausputzen anfangen.

    Wahrscheinlich geschieht aber nichts. Höchstens werden ein paar reaktionäre Polizeioffiziere, die sich durch besonders rohes Vorgehen bemerkbar gemacht haben, versetzt. Zehn gegen eins zu wetten: als Lehrer an eine Polizeischule. Damit die Tradition erhalten bleibt.

    1929, 20 Hermann List

    1. 5. 1929: Während der Maikundgebungen kommt es in vielen Städten zu Unruhen. In Berlin gehen 13.000 Polizisten gewaltsam gegen Demonstranten vor. Neun Menschen sterben, 63 werden schwer verletzt.

    3. 5. 1929: Nach neuen Zusammenstößen zwischen Demonstranten und Polizei verhängt der Berliner Polizeipräsident ein „Verkehr- und Lichtverbot“ über die Berliner Bezirke Wedding und Neukölln. Es wurden insgesamt 33 Demonstranten getötet, weitere 198 Demonstranten sowie 47 Polizisten wurden verletzt.

  • Der tönerne Koloß

    — Jg. 1929, Nr. 12 —

    Die Sozialdemokratische Partei Deutschlands hat ein Jahr glanzvollsten äußeren Aufstiegs hinter sich. Es ist ihr bei den Maiwahlen gelungen, über 9,1 Millionen Stimmen, das sind 153 Reichstagsmandate auf sich zu vereinen, mithin einen Stimmengewinn von 16 Prozent zu erzielen. Die Mitgliederzahl ist im Jahre 1928 von 867 671 auf 937 381 gestiegen; es ist also ein Zuwachs von 69 710 Mitgliedern erreicht worden. Die Einnahmen sind auf die Riesensumme von über 10,25 Millionen Mark im Jahr angeschwollen, wovon die Bezirke allein nahezu 7 Millionen Mark (im Jahre 1927: 5,6) aus eigenen Mitteln aufgebracht haben. Von diesen 10 “ Millionen Mark konnten für die Wahlen 1928 2,6 Millionen ausgegeben werden. Die Sozialdemokratie verfügt über 196 Zeitungen mit überwiegend eigenen selbständigen Druckereien. Der Jungbrunn der Partei, die „Sozialistische Arbeiterjugend“, hat im Jahr 1928 rund 5 000 neue Mitglieder gewonnen (ihr erster nennenswerter Zuwachs seit den Inflationsjahren) und zählt heute 54 000 Mitglieder, wobei immerhin erst auf 17 Altmitglieder ein jugendliches Mitglied kommt. Die der S.P.D. nahestehenden sogenannten „freien“ Gewerkschaften haben einen Mitgliederbestand von über 4,5 Millionen. Im ersten Halbjahr 1928 haben die Verbände des A.D.G.B. 255 000 neue Mitglieder gewonnen. Der A.D.G.B. verfügt über 98 Presseorgane mit einer Auflage von 6,9 Millionen. Als dem Bannkreis der Sozialdemokratie zugehörig sind ferner die Arbeiter-Kultur- und Sportorganisationen (die Sportbewegung mit allein 1,2 Millionen Mitgliedern) zu nennen, außerdem die Konsumgenossenschaftsbewegung und die im Jahre 1924 gegründete Bank der Arbeiter, Angestellten und Beamten mit einem Jahres-Umsatz von über 2 Milliarden Mark und mit 117 Millionen Einlagen und Depositen. Die Bank hat Ende 1928 ihr Aktienkapital von 4 auf 12 Millionen Mark erhöht.

    Das ist in großen Zügen das grafische Bild der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands. Der kleine „Bund der Kommunisten“ aus den Tagen von Marx ist ein riesenhafter Koloß geworden. Der organisatorische Aufbau der S.P.D. fordert Bewunderung und Anerkennung heraus. Die Erreichung dieser Riesenzahlen ist das Werk emsiger Zellenarbeit, der Erfolg eifrigster Parteifunktionäre.

    Und trotzalledem (oder gerade deshalb?) ist der Elan der Partei erlahmt, steht der tatsächliche Einfluß der Mammutpartei auf den allgemeinen deutschen Wirtschaftsapparat im krassen Gegensatz zu diesen Mitglieder- und Umsatzzahlen. Die Partei hat Fett angesetzt, sie ist im Lauf der Jahre behäbig geworden und sonnt sich am Glorienschein der Zahlen. Aber dabei hat sich der Charakter der Partei grundsätzlich gewandelt. Man bejaht den heutigen Staat und sucht ihn von innen heraus zu erobern, merkt dabei aber nicht, daß der kapitalistische Staat sich die Partei zu seinem eigenem Nutzen gefügig macht. Hermann Müller erklärt in einer Reichstagsrede, daß Wehrmachtfragen keine Parteiangelegenheit mehr sein dürfen, und erhält von dem deutschnationalen Reichstagsabgeordneten v. Lettow-Vorbeck prompt ein Lob für diese Bekundung vaterländischer Gesinnung. Severing, einstige Hoffnung aller Republikaner, fällt einen Schiedsspruch in der großen Ruhrarbeiteraussperrung, der nach vorsichtiger Schätzung eines privatwirtschaftlichen Verarbeiterwerks im Ruhrgebiet eine Mehrbelastung von 1,5 bis 1,8 Prozent gegenüber der alten Lohnsumme darstellt. Severing schreibt sich diese mehr als zweifelhafte Tat als die eines Führers zugute, der „auch manchmal gegen den Strom schwimmen müsse“, wie er in einer Rede anläßlich einer Reichsbannertagung in Essen stolz verkündet hat. Und in der schmählichen Panzerkreuzeraffäre begibt man sich der größten Chance, die jemals einer Partei in den Schoß geworfen wurde, um in der Regierung ein geruhsames, auf eine Legislaturperiode berechnetes Leben aufnehmen zu können, das die langsame Eroberung des Staates zur Aufgabe hat. Statt die bürgerlichen Ministerkollegen vor die Alternative zu stellen, in einen neuen Wahlkampf unter der Parole „für oder gegen Panzerkreuzer“ zu ziehen oder für die sofortige Einstellung des Panzerkreuzerbaues zu stimmen, spricht man von realpolitischen Notwendigkeiten, die eben die Beteiligung an einer Koalitionsregierung erfordern.

    Es sei zwar nicht verkannt, daß die Tätigkeit eines Otto Braun, des tatkräftigsten und hervorstechendsten Politikers in Deutschland neben Stresemann, in der preußischen Regierung relativ erfolgreich war und ist. Es sei ebensowenig verkannt, daß sich Hilferding bei der Aufstellung und der nachher notwendigen Verteidigung seines Etats um eine soziale Ausgestaltung bemüht hat (siehe den Versuch einer Senkung des Einkommensteuertarifs, Erhöhung der Erbschaftssteuer und der Biersteuer). Es sei auch die Initiative Severings anerkannt bei dem Versuch, die Teno zu beseitigen, wenn es auch beim Versuch geblieben ist. Auch Wissell hat einiges durchgesetzt, so das Gesetz über die Ausgesteuerten. Aber alles in allem ist diese Beteiligung an der Koalitionsregierung bis heute eine lange Kette eklatanter Mißerfolge, die umso schwerer wiegen, weil sie die ganze Partei als solche in ihrer Programmsetzung und in der praktischen Arbeitsleistung aufs schwerste diskreditieren.

    Hermann Müller hat in der praktischen Führung versagt, und seinen Sozialismus, auch den allerreformistischsten, glaubt ihm heute niemand mehr. Er ist dem bürgerlichen Liberalismus zuzurechnen. Es ist schon so: Man versucht Realpolitik zu treiben und vergißt die Realitäten. Man spricht von Konzessionen, es sind aber Niederlagen. Man nennt Notwendigkeiten, was in Wirklichkeit Preisgaben sozialistischer Grundlehren sind. Man will den Teufel vertreiben, bedient sich aber dazu Beelzebubs.

    Eine kleine Gruppe in der S.P.D. gibt es nun allerdings, die anerkennt, was ist: es ist der Kreis um Paul Levi. Man beschimpft diese Männer deshalb und nennt sie „Utopisten“. Aber was nutzt das kleine Häuflein inmitten der Riesenherde? Es wird zwar sehr geschickt ab und zu als revolutionäres Vorspannpferd gebraucht (siehe die Meuterei anläßlich der Panzerkreuzeraffäre), um die völlige Demaskierung der Partei zu vermeiden; es wird auch auf dem kommenden Parteitag scharfe Auseinandersetzungen mit diesem linken Flügel geben (der Antrag eines Bezirkes attestiert z. B. den „Ministergenossen“ die Unzufriedenheit mit ihrer bisher geleisteten Arbeit) — all dies aber wird die S.P.D. von dem Wege zur Verbürgerlichung nicht abhalten können, den sie bis jetzt sehr erfolgreich beschritten hat.

    Oder werden dem tönernen Koloß doch noch eherne Füße wachsen?

    1929, 12 Ludwig Kuttner

  • Nur für Herrschaften

    — Jg. 1929, Nr. 34 —

    Vor einigen Wochen haben ein paar russische Flieger auf einem Europarundflug auch in Rom einen Besuch gemacht und sind dort festlich empfangen worden: Begrüßung mit Faschistengruß und Händedruck, Reden, Gelage und was so dazugehört. Diese „Verbrüderung zwischen Bolschewisten und Faschisten“ war natürlich für die sozialdemokratischen Zeitungen ein gefundenes Fressen. In der ganzen Welt rufen die Kommunisten zum Kampf gegen den Faschismus auf, aber in Rom lassen sich bolschewistische Flieger von Mussolini und seinen Anhängern feiern und bejubeln — das war ein so augenfälliger Gegensatz, daß die Sozialdemokraten unmöglich ihren Spott zurückhalten konnten; und ihr Spott war ja ganz berechtigt.

    Aber kaum war das Propellergesurr der bolschewistischen Flugzeuge über Rom verklungen, da erschienen in Kiel italienische Kriegsschiffe. Die Besatzung wurde von den Kieler Behörden festlich empfangen: Begrüßung mit Händedruck, Reden, Gelage und was so dazu gehört. Der Oberpräsident von Schleswig-Holstein lud die fascistischen Offiziere zu einem Bankett in ein Hotel ein und sprach dabei vor seinen Gästen von der „Freundschaft des deutschen Volkes, das, wenn es einmal erkennt, daß eine Hand ihm in Freundschaft dargeboten wird, diese Hand ergreift und herzlich drückt“. Der also geredet hat, war kein Anhänger Hugenbergs, sondern ein Sozialdemokrat, Kürbis mit Namen.

    Während er sich bei Wein und Braten mit den fascistischen Offizieren verbrüderte, sammelten sich vor dem Hotel Arbeitslose und brachen in die Rufe aus: Nieder mit dem Faschismus! Wir haben Hunger! Gebt uns Arbeit und Brot! Aber gegen Arbeitslose hat ja ein sozialdemokratischer Oberpräsident ein wirksames Mittel: den Gummiknüppel. Die Polizei „säuberte“ also den Platz vor dem Hotel und zeigte so den tafelnden Faschisten, daß man auch in Deutschland mit dieser Waffe umzugehen weiß. Haben die kommunistischen Zeitungen nicht recht, wenn sie schreiben: „S.P.D. feiert fascistische Offiziere“, und mit Spott und Empörung über die Sozialfascisten herziehen? Doch, sie haben recht.

    Aber nur drei Tage lang. Denn kaum war der Rauch der italienischen Kriegsschiffe am Horizont verschwunden, da traf in Pillau ein sowjetrussisches Geschwader ein und wurde feierlich empfangen: Begrüßung mit Händedruck, Reden, Gelage und was so dazugehört. Ein deutscher Seeoffizier sagte in seiner Begrüßungsansprache u. a.: „Es ist mir eine besondere Freude, Ihnen, Herr Kapitän Smirnow, meinen Glückwunsch zu dem vorzüglichen Aussehen der Torpedoboote „Lenin“ und „Rykow“ und zu der tadellosen Haltung Ihrer Mannschaften zum Ausdruck zu bringen. Wir teilen die Freude der Sowjetregierung an den Erfolgen der Aufbauarbeit auch Ihrer Flotte.“ Und in Berlin, wo für den russischen Konteradmiral noch ein besonderer Empfang veranstaltet wurde, brachte ein deutscher Admiral ein Hoch auf die Sowjetflotte und die Völker der Sowjetunion aus und wünschte der Sowjetunion „zum Ausbau ihrer Seeschiffahrt vollen Erfolg“.

    Diese „Verbrüderung“ der deutschen und der russischen Offiziere ist natürlich von den sozialdemokratischen Zeitungen wieder zur Verspottung der Kommunisten, deren russische Bundesgenossen mit deutschen Offizieren tafeln, benützt worden. Und haben sie nicht recht?

    Doch, sie haben natürlich recht. Es haben beide recht: die Sozialdemokraten und die Kommunisten. Leider aber hört man von ihrem Spott immer nur dann etwas, wenn gerade die andere Partei sich einen Verstoß gegen das „proletarische Empfinden“ hat zuschulden kommen lassen.

    1929, 34 Jan Hagel

  • Im Außendienst

    — Jg. 1929, Nr. 19 —

    Bei der Behandlung des Etats des Auswärtigen Amts im Haushaltsausschuß des Reichstags ist man wieder einmal darauf gestoßen, wie teuer unser politischer Außendienst arbeitet. Vor allem, weil seine Beamten, vom Botschafter bis zum Legationssekretär, fabelhafte Gehälter beziehen.

    Der höchstbezahlte Innenbeamte der deutschen Republik, der Reichspräsident, hat monatlich 15 000 Mark. Ebensoviel bekommt schon der Botschafter in London; mehr bekommen: der Gesandte in Buenos Aires (15 300 Mark), der Botschafter in Madrid (15 400 Mark), der in Washington (17 800 Mark) und der in Moskau (19 200 Mark). Der Reichskanzler hat ein Einkommen von monatlich 4250 Mark; als Legationssekretär in Teheran würde er 300 Mark weiter bekommen. Der Gesandte in Teheran hat über 10 000 Mark, der in Budapest nicht ganz 10 000; Stresemann, der Leiter unserer auswärtigen Politik, stellt sich monatlich noch nicht auf 4000 Mark, seine rechte Hand im Auswärtigen Amt, Staatssekretär von Schubert, auf 2300 Mark. Hingegen bekommt ein deutscher Konsul in Danzig 2400 Mark, der in Curitiba (das ist die Hauptstadt des brasilianischen Staates Parana) 5400 und ein Gesandtschaftsrat in Athen 9000 Mark. Alles monatlich, liebe Leser, die ihr solche Zahlen nicht einmal für ein Jahreseinkommen gewöhnt sein möget.

    Nun darf man freilich in- und ausländische Gehälter nicht ohne Weiteres nebeneinander stellen, so wenig wie in- und ausländische Löhne. Wenn man beides vergleichen will, muß man wissen, was die Lebensbedürfnisse im Ausland und im Inland kosten. Hiebei wird sich zeigen, daß man im Ausland unter Umständen doppelt oder meinetwegen dreimal so viel Geld braucht, um so zu leben wie im Inland. Man wird also vielleicht nichts einwenden dürfen, wenn Außenbeamte das Doppelte oder Dreifache des Gehalts beanspruchen, das sie vorher in Berlin bekommen haben. Aber dabei ergeben sich noch lange keine solchen Zahlen wie die angeführten.

    Zu ihnen kommt man erst, wenn man den Auslandsangestellten der Republik eine weitere Konzession macht: daß sie im Ausland nicht ebenso, sondern erheblich besser zu leben haben als daheim. Nämlich weil sie als vorgeschobene Posten eines großen Volkes vor der Öffentlichkeit des Auslands repräsentieren müssen. Namentlich natürlich die Chefs der einzelnen Missionen, die Botschafter und Gesandten. Sie müssen einfach, heißt es, auf großem Fuß leben, mit den besten Kreisen verkehren, prächtige Feste und Gesellschaften geben: damit der Ruf ihres Volkes nicht beeinträchtigt werde, und weil nach vielen alten Erfahrungen bei Sektglas oder Havana oft gerade die wichtigsten diplomatischen Gespräche stattfinden. Wenn man also den Berufszweck dieser Beamten nicht gefährden wolle, so könne man nicht umhin, ihnen entsprechende Summen zur Verfügung zu stellen. Außer etwa man würde sie bloß den reichsten Familien der Heimat entnehmen, was aber aus Gründen der sachlichen Eignung gefährlich und überdies in einer Republik keinesfalls angängig wäre.

    Dieser Grund für die Überbezahlung der diplomatischen Außenbeamten wird manchem plausibel scheinen. Er mag es auch in früheren Zeiten gewesen sein. Heute gilt er nur noch sehr bedingt. Denn heute wird die Politik nicht mehr ausschließlich in höfischen „Kabinetten“, im kleinen Zirkel einiger Vornehmen, im Anschluß an irgendwelche gesellschaftlichen „Ereignisse“ gemacht, sondern in Parlamenten und — Aufsichtsratssitzungen, zwischen den nüchternen Wänden von Arbeitszimmern, wenn auch allenfalls im Klubsessel und mit der Zigarettendose in der Hand. Und die „Repräsentation“, die früher einmal einen Sinn hatte, insofern sie nämlich Macht zum Ausdruck bringen oder vortäuschen sollte, ist heutzutage, wo es statistische Handbücher gibt, oberhalb einer bescheidenen Grenze eine leere, unnötige oder gar lächerliche Äußerlichkeit.

    Das weiß auch Gustav Stresemann, der im Haushaltungsausschuß seinen Etat verteidigt und dabei selber über die unvernünftige Art der Repräsentation durch „Massenspeisungen“ und dergleichen gejammert hat, die kein Vergnügen, sondern eine Qual bedeute. Aber, hat er hinzugefügt, wenn alle andern es so machen (auch die Herren russischen Auslandsvertreter!), dann könne man doch von unseren Botschaftern nicht verlangen, „daß sie allein ein andere Lebensführung beobachten“.
    So? Warum denn nicht? Wäre es eine Schande, wenn die Vertreter eines Volkes, das erstens einen großen Krieg verloren hat und zweitens sich auf seine sittliche und geistige Qualtät so viel zu gute tut, mit gutem Beispiel vorangingen?

    Nach dem amerikanischen Befreiungskrieg war es, glaube ich, da fielen die Gesandten des jungen amerikanischen Staats in den europäischen Hauptstädten überall dadurch auf, daß sie zu offiziellen Empfängen und Staatsfeierlichkeiten nicht im goldbetreßten Frack erschienen, sondern im bescheidenen Anzug aus „Homespun“, daheim gesponnenem und gewebtem Tuch.

    Amerika ist dabei gar nicht schlecht gefahren, meine ich. Seine Diplomaten verschmähen, soviel ich weiß, auch heute noch, wo sie das mächtigste Reich der Welt verkörpern, die europäische Höflingstracht, die als Diplomatenuniform immer noch Mode ist.

    Die deutsche Republik hingegen hat diese, samt Schiffhut und Degen, auf 1. Januar 1929 wieder neu eingeführt.

    1929, 19 Wendnagel

  • Langsam voran

    — Jg. 1929, Nr. 28 —

    Das Kamel und die Schnecke gingen einmal eine Wette ein, wer zuerst am Flusse wäre. Die Schnecke gewann; denn das Kamel hatte den Dienstweg eingeschlagen.

    Diese ehrwürdige deutsche Fabel fällt mir zu meinem Troste immer ein, wenn ich etwas über die Vorbereitungen zum deutschen Einheitsstaat lese.

    Im Januar 1928 hat eine Konferenz von Reichs- und Länderministern (die „Länderkonferenz“) einen „Arbeitsausschuß“ dafür eingesetzt. Dieser Ausschuß hat sich in zwei Ausschüsse geteilt, in den Finanzausschuß (zur Aufstellung des „endgültigen“ Finanzausgleichs zwischen Reich und Ländern) und den Verfassungsausschuß. Der Finanzausschuß schläft seither. Der Verfassungsausschuß dagegen ist im Mai 1928 zusammgekommen und hat „Sachverständige“ beauftragt, Referate auszuarbeiten. Im Oktober 1928 hat er abermals getagt, die Referate entgegengenommen und zwei Unterausschüsse aufgestellt. Der eine sollte Vorschläge zur territorialen Neugliederung abfassen, der andere die Abgrenzung der Zuständigkeiten zwischen Reich und Ländern festlegen. Vor acht Tagen sind nun diese Unterausschüsse zusammgetreten.

    Zunächst wurde konstatiert, daß der erste, der Territorialausschuß, erst arbeiten könne, wenn der zweite, der Zuständigkeitsausschuß, fertig wäre. Die Beratungen des ersten wurde deshalb bis zum Herbst verschoben. Der zweite hat sich ausgesprochen; erstens für die Übernahme des Justizwesens durch das Reich (mit 6 gegen 5 Stimmen), zweitens (mit 9 gegen 2 Stimmen) für die Verwandlung der preußischen Provinzen samt den zwischen sie eingestreuten Kleinstaaten in „Länder neuer Art“ neben den „Ländern alter Art“ Bayern, Sachsen, Württemberg und Baden, wobei diese etwas mehr Selbständigkeit behalten als jene bekommen sollen.

    Im September wollen die beiden Unterausschüsse wieder zusammenkommen. Sie wollen dann ihre Arbeit abschließen und dem Verfassungsausschuß berichten. Dieser wird dann seinerseits „Stellung nehmen“ und der Länderkonferenz berichten. Wenn die Länderkonferenz, nehmen wir an nächstes Frühjahr, Stellung genommen hat, wird das Ergebnis wohl oder übel der Reichsregierung vorgelegt werden.

    Diese kann dann einen Gesetzentwurf daraus machen, wenn sie Lust dazu hat. Nehmen wir an, das sei der Fall, dann wird sie wahrscheinlich zunächst zu diesem Behuf im Reichsministerium des Innern einen Ausschuß mit etlichen Unterausschüssen bilden lassen, in denen Referate und Korreferate ausgearbeitet werden. Die Unterausschüsse werden Sachverständige berufen und Sitzungen abhalten. Dann werden sie . . . na, reden wir nächstes Jahr wieder drüber!

    1929, 28 Wendnagel

    „Die Sorge ist berechtigt, daß der Versuch gemacht werden wird, durch mehr oder weniger sanften Druck und auf Umwegen zum Einheitsstaat zu gelangen. Sollte dieser Weg beschritten werden, so wird eine unmittelbare Gefahr für den Bestand des Reiches heraufbeschworen; denn nichts ist irriger als die Meinung, die Länder würden sich schließlich in ihr unvermeidliches Schicksal fügen. So wie die Dinge in Europa liegen, kann dieses Spiel mit dem Feuer den ganzen Kontinent in Brand stecken.“

    Bazille auf der Länderkonferenz im Januar 1928

  • Das Luftschiff

    Das Luftschiff

    — Jg. 1929, Nr. 36 —

    Während ich diese Zeilen schreibe, legt das Luftschiff „Graf Zeppelin“ den letzten Teil seiner Weltreise zurück. Wenn ihm das Glück treu bleibt, wird es wohlbehalten in Friedrichshafen landen, sein Führer Dr. Eckener wird drei Tage lang in dem Gefühl schwelgen können, der gefeiertste Mann in Deutschland zu sein, und gewisse unserer Volksgenossen werden sich furchtbar darüber entrüsten, daß die begeisterten Amerikaner aufgrund dieser Leistung des deutschen Volkes nicht zum mindesten die sofortige Annullierung des Young-Planes betreiben. Nur die eine Frage wird jetzt noch seltener gestellt werden als je: hat der Luftschiffbau überhaupt eine Zukunft?

    Auf die Gefahr hin, als Nörgler und Schwarzseher betrachtet zu werden, muß ich diese Frage auch nach der neuesten Rekordreise verneinen. Ich denke nicht daran, die Erfindung des Grafen Zeppelin zu verkleinern oder die Leistungen der Erbauer und der Führer des jüngsten oder der früheren Luftschiffe herabzusetzen. Aber die Erfindung des lenkbaren Luftschiffes ist von einem Schicksal ereilt worden, das auch schon andere vortreffliche Erfindungen getroffen hat: sie ist mitten in ihrer Entwicklung von einer besseren überholt worden, von der des Flugzeuges. Ein kurzer Vergleich soll das nochmals klar machen:

    1. Luftschiffe von der Bauart des ,,Grafen Zeppelin“ sind, zumal für deutsche Verhältnisse, außerordentlich teuer. Was ein solcher Koloß eigentlich kostet, haben wir nie genau erfahren. Auf jeden Fall lassen sich für die aufgewendete Millionensumme Dutzende von recht stattlichen Flugzeugen bauen. Diese sind imstande, Hunderte von Fahrgästen zu befördern, und zwar mit einer Besatzung von wenigen Leuten. Der Flugriese dagegen faßt bekanntlich kaum zwanzig Reisende, für die ein Stab von rund 50 Mann Besatzung notwendig ist. Schon aus diesem Grunde muß das Luftschiff immer ein ausgesprochenes Luxusfahrzeug bleiben.

    2. Das moderne Metallflugzeug ist ein ziemlich widerstandsfähiges Ding. Es läßt sich in jedem Schuppen unterbringen, kann fast ohne fremde Hilfe starten und auf jedem Sturzacker landen. Es hat sich von Wind und Wetter in staunenswertem Maße unabhängig gemacht. Benzin und Öl, seine einzigen Betriebsstoffe, sind in den Kulturländern in jedem Dorfe zu haben. Der unbeholfene und zerbrechliche Luftriese braucht zu seiner Unterbringung ungeheure, kostspielige Hallen, die womöglich noch drehbar sein sollen. Start und Landung sind nur bei ganz günstiger Witterung möglich und erfordern auch da Hunderte von geschulten Mannschaften und dementsprechend riesige Flugplätze. Geradezu ans Kindesalter der Technik erinnert der Zwang, vor jeder Landung erhebliche Mengen des teuren Füllgases einfach in die Luft zu blasen.

    3. Wer auch auf der Luftreise Bequemlichkeit und Eleganz wünscht, kommt in einem modernen Großflugzeug ebenso gut auf seine Rechnung wie im Luftschiff. An Schnelligkeit bleibt der Zeppelin hinter größeren Flugzeugen zurück. Nicht einmal an Fahrsicherheit übertrifft er das moderne Flugzeug. Eine Reise über den Ozean ist vorerst für beide noch ein Wagnis. Der einzige Vorzug, den ich gegenwärtig noch am Luftschiff entdecken kann, liegt in seinem größeren Aktionsradius. Aber ehe der Luftschiffbau dazu gekommen sein wird, diesen Vorteil mehr als ein paar Dutzend bevorzugter Zeitgenossen zugute kommen zu lassen, wird ihn vielleicht das Flugzeug auch hierin überholt haben.

    Diese Überlegungen, die sich ja von Jahr zu Jahr stärker aufdrängen, müssen natürlich auch schon in Friedrichshafen angestellt worden sein. Was treibt die Herren dazu, so unentwegt ihre Kuren an dem toten Patienten fortzusetzen? Neben der Furcht vor dem „Abbau“ vor allem ein Gespenst, das auch sonst im deutschen Lande genug Unheil anrichtet: die Tradition, die um jeden Preis fortgesetzt werden muß.

    Ich bin neugierig, was Dr. Eckener, der unbestrittene Reklame-Weltmeister, anstellen wird, wenn auch die Begeisterung über seine neueste Leistung abgeflaut sein wird. Nun, es ist seine Sache. Ich glaube es aber trotz meiner 40 Jahre bestimmt noch zu erleben, daß man, wenn nicht schon mit diesem, dann aber mit einem der nächsten Luftschiffe das tun wird, was man mit einem wohlerhaltenen Kadaver eben noch tun kann: ausstopfen und ins Museum stellen.

    1929, 36 Gerhard Ott

  • Der Holzkopf

    — Jg. 1929, Nr. 18 —

    Das Berliner 8-Uhr-Abendblatt erzählt in einer seiner letzten Ausgaben eine Geschichte, die jeden Vaterländisch-Gesinnten tief schmerzlich berühren muß. Es handelt sich um nichts weniger als um die vielfältigen Irrfahrten des göttlichen Dulders Hindenburg. Nicht des lebenden, sondern des eisernen, der in der großen Zeit auf dem heutigen „Platz der Republik“ in Berlin aufgestellt war. Man durfte gegen entsprechendes Entgelt der „vielfach überlebensgroßen Figur“ aus knorrigem deutschem Eichenholz zu Gunsten der Kriegsverletzten und Kriegshinterbliebenen eiserne und goldene Nägel in Brust und Nabel treiben. Je vernagelter, desto besser — so ist nun mal das Heldenideal unseres Volkes.

    Dieser Hindenburg stand in Obhut des Luftfahrerdankes, der auch für die Verwaltung der eingenommenen Gelder verantwortlich war. Und wie das bei unseren gemeinnützigen und patriotischen Unternehmungen so üblich ist, geriet die Luftfahrerdank G. m. b. H. mit ihrem gesamten Vermögen in Konkurs. Man eröffnete ein Strafverfahren gegen den Geschäftsführer, das aus vaterländischen Motiven natürlich im Sand verlaufen mußte. Auch der eiserne Hindenburg geriet in die Konkursmasse und kam unter den Hammer. Die Konkursverwaltung wollte mit ihm keinen Gewinn erzielen, sie machte einigen vaterländischen Verbänden Offerte in dieser Branche, kam aber mit ihnen leider nicht ins Geschäft, da sie nicht einmal die Zerlegungs- und Transportkosten bezahlen wollten. Man bot den Hindenburg wahllos nach rechts und nach links an — umsonst: die Hindenburgkonjunktur war vorbei. An der Börse für nationale Werte herrschte durchgreifende Baisse.

    Schließlich ließ man den Helden von der Firma Erich Butzke abbrechen. Herr Butzke bot ihn billigst zum dritten- und letztenmal an, diesmal an Ostpreußen, deren Land das lebende Original von den Russen befreit hatte. Aber die undankbaren Ostpreußen hatten keinen Bedarf.

    Es blieb nach alledem nichts übrig, als das vernagelte Heldenideal, gevierteilt und in lauter kleine Stücke zerschnitten, auf dem Lagerplatz der Berliner Hoch- und Tiefbaufirma Meyer (ausgerechnet Meyer!) in einem Schuppen unterzustellen. Man versuchte zwar, die Hindenburgklötzchen zu konservieren, aber es ist ein Naturgesetz, daß alles Veraltete, Unbrauchbare und Überlebte zu Staub zerfallen muß. Rost, Schwamm und Moder zerfraßen den mächtigen Heldenleib, und eines schönen Tages hat man die schimmligen und morschen Überreste pietätslos und ohne Trauerfeierlichkeiten verbrannt. Nicht einmal ein Regierungsvertreter war anwesend.

    Nur der Holzkopf (ja, ja, ich weiß schon!) blieb erhalten. Allein seine Ausmaße müssen Respekt einflößen: hat er doch im Durchmesser an die zwei Meter. Was soll mit ihm geschehen? Wie man hört, soll ein reicher Amerikaner, der das Stück für sein Raritätenkabinett erwerben möchte, bereits ein Angebot gemacht haben.

    Können wir es länger mit ansehen, wie nationale Güter zu Spottpreisen verschleudert werden? Nein, unser Hindenburg muß uns erhalten bleiben. Ich schlage deshalb vor, einen „Verein zur Erhaltung des Holzkopfs“ zu gründen. Mitgliedsbeiträge können eingesandt werden an…

    1929, 18 Tyll

  • Der Briefkastenonkel

    — Jg. 1929, Nr. 6 —

    Hausfrau. Sodawasserflecken aus Taschentüchern zu entfernen, glückt nicht immer. Versuchen Sie es einmal mit folgendem Mittel: Eine Gallone Wasser, ein halbes Pfund Schmierseife und drei Kilo Soda werden zu einem dünnen Brei gekocht. Dann gibt man das Weiße dreier Eier, ein halbes Pfund kleingeriebene blühende Brennesseln (mit Blüten!) hinzu, streut zwei Unzen Haferflocken und vier Lot Zimt darüber und treibt das Ganze durch den Wolf. Der Teig wird auf die verunreinigte Stelle gestrichen und, nachdem das Tuch drei Tage in der Sonne gelegen hat, abgekratzt. Hilft das nicht, so bleibt Ihnen als letztes, aber immer wirksames Mittel noch das Verbrennen des Taschentuchs. 

    1929, 6 Ix

  • Sterndeuter

    — Jg. 1929, Nr. 42 —

    Es ist Herbst geworden. Das Jahr geht seinem Ende zu. Man beginnt schon wieder zurückzublicken. Ein Beginnen, das in jedem Falle an Reiz gewinnt, wenn man die Ereignisse mit denen vergleicht, die vorher für dieses Jahr vorausgesagt worden waren. Mit anderen Worten, wenn man einen der „bewährten“ astrologischen Kalender aufstöbert, durchblättert und — feststellt, was nun von den Profezeiungen eingetroffen ist.

    Alles — o ihr Skeptiker, zweifelt nicht! — alles ist eingetroffen. Hat nicht Mars in diesem Jahr auf dieser Erde „Dispute, Sorgen, Explosionen, Brände“ gebracht? „Neues auf dem Gebiet der Technik und Wissenschaft, Morde, Selbstmorde, Verwirrung in politischen Angelegenheiten, gespannte internationale Beziehungen, aber auch Entspannungen, fatale Vorkommnisse, Grubenunglücke, viele Heiraten in höheren Kreisen, wichtige Debatten in Parlamenten, finanzielle Schwankungen an der Börse, Unfälle im Eisenbahnverkehr, auch mit Automobilen.“ Und noch genauere Angaben haben gestimmt, Dinge, an die niemand gedacht hatte, wie „Schneestürme im Januar“ (wo, ob in Deutschland oder Alaska, ist allerdings nicht angegeben).

    Wenn man diese hundert Seiten voll Kinderweisheit — es ist der „Profetische Kalender für das Jahr 1929“ des „führenden Astrologen“ A. M. Grimm — nach der Voraussage von Ereignissen durchsucht, die nicht jeder Schulbube vorher wissen kann, dann findet man unter tausenden von Selbstverständlichkeiten immerhin ein oder zwei konkrete Angaben. Sehr nett dabei, zu sehen, wie bei den Sterndeutern die politischen Wünsche die Väter der profetischen Gedanken sind. Da sind z. B. die Sterne sichtlich mit dem Bolschewismus unzufrieden: in den Profezeiungen über das „Schicksal der einzelnen Länder“ heißt es bei „Sowjet-Rußland“:

    „Die Freunde und Helfer des Zarismus treten hervor, Vorbereitung des Umsturzes“. Man merkt zwar nichts davon, aber die kapitalistischen Sterne müssen es wissen. Daß die Sterne außerdem Gegner des Pazifismus sind, war schon vor einem Jahr dem offiziellen Organ des „Deutschen Astrologenbundes“ zu entnehmen: „dem famosen Kellogg-Pakt“, hieß es da, „werden wir ein gewaltsames und baldiges Ende profezeien müssen“.

    Das Wichtigste in dem kosmisch-astrologischen Kalender steht natürlich hinten: der Prospekt über astrologische Arbeiten, in dem der Verfasser, in einer langen von 1000 bis 10 Mark gehenden Preisliste seine verschiedenartig nuancierten Horoskope, Schicksalskurven-Berechnungen und Deutungen von Nativitäten anpreist. Keine Sorge! Die von allen wundergläubigen Kirchen und Konfessionen gepflegte Naivität der Menschheit ernährt auch solche Profeten. Passieren kann ihnen, selbst wenn es bei ihren Opfern Nervenzusammenbrüche gibt, nichts: die Gerichte billigen ihnen nämlich den „guten Glauben“ zu.

    1929, 42 Ehrmann

  • Vom Spucken

    — Jg. 1929, Nr. 46 —

    Spucken Sie? — Wieso Ihr Urgroßvater? Ich denke, der ist längst tot? — Ach so, Sie sind Spiritist! Nein, das meine ich nicht, sondern das andere, mit ck. Das richtige Spucken, wissen Sie. Wie ein Lama oder ein Maurer, kurz, sehen Sie: so! Da hab ich eine Fliege getroffen, tut mir sehr leid. — So, Sie nicht? Kurios. Ich spucke. — Nein, einfach so, ohne Anlaß. Zum Beispiel auf den Asfalt, wissen Sie, in die Weite; man kann da unglaubliche Leistungen erzielen, Rekorde geradezu, sag ich Ihnen. Aber ja nicht im Bogen; das ist Kraftverschwendung. Möglichst flach, Flachbahngeschoß, Sie erinnern sich? — Haha! richtig, damals hat uns auch mancher angespuckt; vielleicht ist es bei mir noch eine Reminiszenz, eine verspätete Rache sozusagen. Aber ich glaub das doch nicht ganz. Es ist noch von viel früher. Wenn ich auf einem Turm stehe oder an einem Fenster, im vierten, fünften Stockwerk, oder im Theater auf der Galerie — immer hab ich Lust; es macht mir geradezu Angst. Zum Beispiel im Theater: wenn ich es nun, gegen meinen Willen, aber weil etwas in mir es möchte, plötzlich täte, dem Herrn da drunten auf die glänzende Glatze. Das wäre doch höchst peinlich. — Für mich, mein ich. Für ihn auch, ja. Aber für mich, mein ich. — Ja, das können Sie nicht verstehen; ich auch nicht. Aber wer weiß, ob er nicht einmal etwas tun wird, was er nie tun wollte. Die Wünsche überrumpeln manchmal den Willen. Ich sitze darum nie gern in der ersten Reihe, oben. Unten, im Parterre, macht’s nichts; da juckt es mich nicht. Ich glaube, das Fallen ist das Interessante daran; das lockt. Haben Sie nie in einer alten Burg Steine in den schwarzen Brunnen geworfen? Oder in einen See, der unter ihnen, am Fuß des Hanges, lag? — Sehen Sie! Daß es fällt, eine ungreifbare Linie zieht zwischen uns und dem Drunten: das ist auch dabei. Aber das ist noch nicht alles. Am schönsten ist es vom Brückengeländer hinab ins Wasser. Da darf man. Man sammelt haushälterisch den Speichel, spitzt den Mund, denkt sich aus, wo es wohl auftreffen werde, und spuckt. Platsch; es gibt ein kleines Loch oder auch nicht; man sieht das weiße Häufchen einige Sekunden lang; es zergeht. Und dann die kleinen Ringe, die sich ausbreiten und zergehen. Lauter feine, kleine Ringe. — Ja, auch mit Steinen. Aber das ist zu plump, zu undifferenziert, zu unpersönlich. Der Stein ist hart und nichts von einem selbst. Der Erfolg ist zu drastisch. Und zu sicher. Mit Steinen, das ist — amerikanisch. Kindliche Sensation durch technisches Mittel, nuancenlos und knallig. Gar nichts Märchenhaftes mehr, der Erfolg ist sicher. Nein, nicht mit Steinen. Mit Steinen nur bei sehr großen Höhen, besonders, wenn man nicht weiß, gelingt es einem überhaupt, so weit hinaus zu schmeißen, daß das Wasser noch erreicht wird: das Moment der Spannung, das Risiko, wissen Sie, macht dabei den Reiz aus. Aber sonst, in kleinen Verhältnissen: spucken. — Kindlich, sagen Sie? Sie haben recht, wie mich das freut! Sagen Sie ruhig kindisch. Kindskopf ist keine Beleidigung, für mich nicht. Selbst wenn Sie sagen sollten: infantil -, na sehen Sie, hab ich mir’s doch gedacht! Also infantil, sehr gut, sehr gut. Und nun noch: Psychoanalyse, bitte. — Also! — Nein, nein, nicht im Geringsten! Ich bin nicht so. Sie haben ja auch recht; ich weiß das, aber ich schäme mich gar nicht. — Nein, ich gehe da rechts ab; ich will da über die Kanalbrücke. Wollen Sie nicht mitkommen? — Schade. Na, adjöh denn. Ich bin nun mal so: ich spucke.

    1929, 46 Mara Bu

  • Der Moloch

    Der Moloch

    Vom Zehnmilliardenetat der deutschen Republik für 1929 nimmt der Wehretat rund 700 Millionen Mark in Anspruch; davon sind 200 Millionen für die Marine. Wenn man weiß, wie dieser Wehretat zustandekommt, dann weiß man auch, daß ohne jede nähere Untersuchung hundert Millionen bei der Marine und hundert beim Landheer gestrichen werden könnten, ohne daß darum ein Mann entlassen zu werden brauchte oder der Wert unserer militärischen Rüstung Not litte.

    Aber diese 700 Millionen sind noch lange nicht unsere gesamten Rüstungskosten. Es wäre eine Arbeit für Wochen, diese zusammenzutragen und zu den gesamten öffentlichen Ausgaben in Deutschland, die sich, vorsichtig geschätzt, auf 15 Milliarden belaufen mögen, ins Verhältnis zu setzen. Versuchen wir, in ganz groben Umrissen einen Begriff davon zu geben.

    Zunächst ist daran zu erinnern, daß die Reichswehr es verstanden hat, einen erklecklichen Teil ihrer Ausgaben für Kasernenbauten, Exerzierplätze und dgl. auf die Gemeinden abzuschieben, die sich ja darum raufen, eine Garnison zu bekommen. Das „Andere Deutschland“ hat in seiner letzten Nummer allein aus Schlesien sechs Städte aufgeführt, die zusammen über 6 Millionen Mark für Kasernenbauten ausgegeben haben.

    Zweitens sind eine Reihe von Ausgabeposten als „unsichtbare“ Rüstungsausgaben anzusprechen, die gar nicht im Etat des Reichswehrministeriums, sondern in anderen Abschnitten des Gesamthaushaltsplans enthalten sind, vor allem in dem Etat des Verkehrsministeriums. Hieher gehören die Subventionen für das Luftfahrwesen und die Beihilfen für Firmen, die als Kriegsmaterialerzeuger in Betracht kommen.

    Drittens sind die Ausgaben für die staatliche Polizei, ebenfalls rund 700 Millionen, zu denen das Reich den Ländern Zuschüsse in Höhe von 200 Millionen Mark beisteuert, zwar nicht gerade durchweg, aber zu einem großen Teil Rüstungsausgaben. Denn die staatliche Polizei ist in ihrem heutigen Umfang und Wesen auch eine Art Militär, obwohl sie nur zu inneren Zwecken bestimmt ist. Wenn sie sich nicht selber als solches fühlen würde, wie hätte sie dann die ehrenvolle Aufgabe übernehmen können, in ihren einzelnen Landesabteilungen die „Tradition“ der ehemaligen deutschen Kolonialarmee zu pflegen? (Die württembergische Schutzpolizei z. B. ist Traditionstruppenteil der Südseeschutztruppe; für uns Eingeborene immer ein merkwürdiges, wenig ehrenvolles Bewußtsein.)

    Taxieren wir alle diese Rüstungskosten, die nicht im Reichswehretat stehen, zusammen auf 400 Millionen, so wissen wir, daß wir deutsches Volk jährlich über eine Milliarde Mark aufbringen, um den nächsten Krieg vorzubereiten.

    Dabei ist der letzte bekanntlich noch nicht ganz abgezahlt. Die Versorgung von Kriegsbeschädigten und Hinterbliebenen kostet im Etatsjahr 1929 etwa anderthalb Milliarden; die Kriegsentschädigung zweieinhalb Milliarden (davon über den Reichsetat anderthalb, eine weitere zahlen wir über die Industrie- und die Eisenbahnobligationen).

    Es gibt ein Sprichwort: Schaden macht klug, oder: Gebrannte Kinder fürchten das Feuer.

    Solche Weisheiten gelten aber, ähnlich wie die Lehren des Christentums, nur im Privatleben.

    Vielmehr: nicht einmal da.

    1929, 16 Sch.

    Siehe hierzu auch den Artikel von Michael Berger in der Neuen Zürcher Zeitung vom 24.08.2014: https://www.nzz.ch/international/europa/ein-geheimplan-fuer-den-zweiten-weltkrieg-1.18368619

  • Der Friede von Potsdam

    Der Friede von Potsdam

    — Jg. 1929, Nr. 26 —

    In diesen Wochen wird der Kampf gegen die Kriegsschuldlüge und den Sklavenvertrag von Versailles mit verstärkten Kräften geführt. In allen Orten werden Vorträge gehalten, in denen dem Publikum eingeredet wird, wir müßten nur deswegen zahlen, weil im Versailler Vertrag stehe, wir seien am Krieg schuldig, und die ahnungslosen Zuhörer können sich nicht mehr fassen vor Entrüstung über die unerhörte Machtgier und Ungerechtigkeit unserer Feinde.

    Nun wird niemand behaupten, der Versailler Vertrag sei ein Bollwerk der Gerechtigkeit oder ein Mittel zur Befriedung Europas, und wer 1918 auf die vierzehn Punkte Wilsons vertraut hat oder wer, trotz allen Enttäuschungen, auch heute noch den Geist dieser Punkte wirksam sehen möchte, hat allen Grund, sich über den Versailler Vertrag zu beklagen. Aber merkwürdigerweise kommen die Angriffe gegen die Ungerechtigkeiten des Vertrages gerade von der andern Seite, nämlich von denen, die über den „Idealisten“ Wilson spotten und im Völkerleben nichts anderes anerkennen als gewaltsame Regelungen. Gerade die Militaristen und die Gewaltpolitiker sind es, die den Kampf gegen Versailles führen, und zwar deshalb, weil sich die Prinzipien, die sie selber anerkennen, diesmal gegen ihr eigenes Land und nicht gegen ein fremdes gewandt haben. Bei ihrem Kampf gegen die Ungerechtigkeit ist es ihnen nicht um Gerechtigkeit, sondern um Macht zu tun; das Recht ist ihnen nur ein Mittel, kein Ziel. Und deshalb können wir, die wir dem Recht im Völkerleben zur Macht verhelfen wollen, diesen Kampf gegen Versailles nicht ohne weiteres mitmachen, auch wenn wir selber den Vertrag für ein übles Machwerk halten.

    Die skrupellose Selbstgerechtigkeit derer, die jetzt an Recht und Moral appellieren und doch grundsätzlich Gegner der Moral in der Politik sind, kann durch nichts besser gekennzeichnet werden als durch die Untersuchung der Frage: wie hätte der Friedensvertrag ausgesehen, wenn Deutschland gesiegt hätte?

    Man erinnert sich noch an die Siegfriedensprogramme unserer Alldeutschen, die halb Europa und ganz Afrika annektieren wollten. Daraus wollen wir jetzt nicht eingehen. Ernster zu nehmen sind schon die Programme der Industrie und der Obersten Heeresleitung. Noch im September 1917 hat Ludendorff im Falle eines Friedens gefordert: Annektierung der französischen Industriegebiete auf beiden Seiten der Maas, militärische Besetzung Belgiens, bis es sich politisch an Deutschland anschließt, Druck auf Holland, sich ebenfalls anzuschließen, Vergrößerung des afrikanischen Kolonialbesitzes usw. Noch weiter ist eine Denkschrift der Industrieverbände vom Mai 1915 gegangen; sie verlangt Annektierung der Festungen Verdun und Belfort, der Erzbecken von Briey und Longwy, der Kohlengebiete Nordfrankreichs bis Calais — kurz: die Somme als Grenze.

    Fantasien seien das? Kann sein; aber wir haben ja als Beweis für den Machtkoller der deutschen Industrie und der Obersten Heeresleitung nicht nur solche Programme, sondern zwei abgeschlossene Friedensverträge: den von Brest-Litowsk mit Rußland und den von Bukarest mit Rumänien.

    Quelle: https://www.zeit.de/2018/07/friedensvertrag-von-brest-litowsk-deutsches-reich-russland/komplettansicht

    Im Frieden von Brest-Litowsk wurden von Rußland das Baltikum, Finnland, Russisch-Polen, Litauen, die Ukraine und Bessarabien losgelöst, ein Gebiet, das doppelt so groß ist wie Deutschland. Wilhelm II. war schon zum Herzog von Kurland, Livland und Estland bestimmt. Rußland mußte versprechen, das Gold der russischen Staatsbank an Deutschland abzuliefern und für ewige Zeiten von der gesamten Ölproduktion ein Viertel Deutschland zu überlassen.

    Im Vertrag von Bukarest wurde Rumänien verkleinert, entwaffnet und wirtschaftlich „versklavt“ (so sagt man doch, deutsche Moralisten?). „Bis zu einem später zu vereinbarenden Zeitpunkt“ sollte das Land besetzt bleiben; die Truppenführung hatte das Aufsichtsrecht über alle Fabriken und Betriebe. Rumänien mußte auf 90 Jahre einer deutschen Gesellschaft das alleinige Recht zur Ausbeutung der Ölquellen überlassen. Auf 90 Jahre, nicht auf 58.

    Das sind ein paar Bestimmungen aus den Verträgen von Brest-Litowsk und Bukarest, die von den Gesinnungsfreunden unserer jetzigen Unschuldslämmer abgeschlossen wurden. Sie legen die Vermutung nahe, daß der Vertrag von Potsdam, den die kaiserliche Regierung im Falle ihres Sieges abgeschlossen hätte, dem Vertrag von Versailles mindestens ebenbürtig geworden wäre. Wer das weiß, der sollte lieber, statt gegen die Ungerechtigkeiten der andern zu wüten (mit dem geheimen Ziel, es ihnen später zu vergelten), einmal in sich gehen und sich schämen.

    1929, 26 Fritz Lenz

    Die „Kriegsschuldlüge“

    Artikel 231 des Versailler Vertrags

    Die alliierten und assoziierten Regierungen erklären, und Deutschland erkennt an, daß Deutschland und seine Verbündeten als Urheber für alle Verluste und Schäden verantwortlich sind, die die alliierten und assoziierten Regierungen und ihre Staatsangehörigen infolge des Krieges, der ihnen durch den Angriff Deutschlands und seiner Verbündeten aufgezwungen wurde, erlitten haben.

    Siehe hierzu auch:

    Lieber Leser!

    http://erich-schairer.de/schandfrieden/

  • Der neunte November

    Der neunte November

    — Jg. 1929, Nr. 45 —

    Das ist der Wind der Reaktion
    mit Mehltau, Reif und alledem;
    das ist die Bourgeoisie am Thron,
    der annoch steht, trotz alledem.

    Freiligrath 1848

    Wissen Sie, wann die deutsche Verfassung von 1871 im Reichstag angenommen worden ist? Ich nicht. Kein Mensch ist je auf die Idee gekommen, diesen Tag als Geburtstag des Deutschen Reichs zu feiern. Das ist bekanntlich von amtswegen der 18. Januar, der Tag, an dem 1871 (nach einem langen Kuhhandel zwischen den Fürsten) König Wilhelm von Preußen im Spiegelsaal des Versailler Schlosses zum deutschen Kaiser ausgerufen worden ist.

    Mit 1918 wird das anders gehalten. Der 9. November, an dem die Republik geboren wurde, ist für unsere Offiziellen und Offiziösen eine peinliche Erinnerung, etwas, das nach Bolschewismus riecht. Also feiern wir schon lieber als Geburtstag unserer deutschen Republik den 11. August, den Tag, an dem im Jahre 1919 Friedrich Ebert die Weimarer Verfassung unterschrieben hat.

    Mit der stehts eigenartig. Mit ihren radikalen Forderungen (oder sagen wir schon ruhig „Formulierungen“) wie Demokratisierung und Sozialisierung der Betriebe, Bodenreform, Reichsarbeiterrat, Einheitsschule im Sinne der Brechung aller Bildungsprivilegien usw. usw. hätte sie revolutionär wirken und sich auswirken können — im November 1918. Im August 1919 war das schon völlig ausgeschlossen. Gesetze sind, wie Lassalle richtig erkannt hat, nur wirksam als Ausdruck realer Machtverhältnisse; die aber hatten sich im Herbst 1919 schon so weit nach rechts verschoben, daß man auf dem Papier sich ohne jede Angst radikal gebärden konnte, weil man wußte, daß Papier geduldig ist, daß man die Suppe nicht halb so heiß essen würde, wie sie gekocht war. (Beiläufig gesagt, „kochte“ sie damals gar nicht mehr, sie wurde nur noch „gedämpft“.) So grotesk es klingen mag: wer heute die Weimarer Verfassung nach ihrem Buchstaben und nach ihrem Geist ernsthaft durchführen wollte, könnte das nur mit dem Mittel der proletarischen Diktatur, und umgekehrt wäre es für eine proletarische Diktatur schon eine ganz respektable Leistung, auch nur das Werk von Weimar (lest es mal aufmerksam durch!) in die Wirklichkeit umzusetzen.

    Was war uns vor 11 Jahren der 9. November? Ein Tag des Jubels und der Befreiung, eines Jubels, der selbst weite Kreise des Bürgertums mitriß. Was ist der Tag der Erinnerung uns heute? „Ein Gelächter und eine schmerzliche Scham.“ Was soll er uns sein? Ein Tag der Einkehr und der Selbstbesinnung über das, was versäumt worden ist, Besinnung über das, was wir heute noch tun können.

    Der bürgerlichen Legende, der 9. November 1918 sei gar kein Tag der Revolution, sondern nur ein Tag des Zusammenbruchs gewesen, muß scharf entgegengetreten werden. Sie hat nur insofern einen richtigen Kern, als bei allen Revolutionen (z. B. 1789, 1848, 1871 in Frankreich, 1917 in Rußland) wirtschaftliche Krisen, Hungersnöte, militärische Zusammenbrüche den letzten Anstoß zum offenen Aufruhr gegeben haben. Aber der militärische Zusammenbruch und das deutsche Waffenstillstandsangebot fallen ja bereits in die ersten Oktobertage, und die Ausrufung der Republik in München am 7. November wäre auch ohne den Kieler Matrosenaufstand erfolgt. Sie war wie überall nur möglich als die notwendige Reaktion auf vier Jahre unmenschlicher Unterdrückung, sie war nicht das Werk einer Partei oder Gruppe (Spartakisten gab es damals wenige, S.P.D. und sogar U.S.P. schwankten), sondern ausschließlich das Werk der breiten Massen. Als Philipp Scheidemann — alles weniger als ein Revolutionär — vom Balkon des Reichstags die deutsche Republik ausrief, war das Ganze nur noch eine Formsache (oder ein Mittel, die Ausrufung der Räterepublik durch Liebknecht zu verhindern?), denn längst beherrschten die Arbeiterbataillone, die auf Parteibefehl aus ihren Fabriken in das Innere der Stadt marschiert waren, die Berliner Straßen.

    Noch wenige Wochen vorher allerdings hatte der Vizekanzler Payer dem Prinzen Max seinen Abscheu vor dem parlamentarischen System nach englischem Muster ausgedrückt, hatte seine Partei (die Fortschrittler, heute Demokraten) sich gegen das Frauenstimmrecht gewehrt, und bis zu den führenden Sozialdemokraten war man der Ansicht, daß über die endgültige Staatsform erst die Nationalversammlung zu entscheiden habe. Wie die — ohne vorhergegangene Revolution — entschieden hätte, erscheint zweifelhaft — oder eigentlich schon nicht mehr zweifelhaft. Herr Payer hatte ja durchaus im Sinne seiner Partei gesprochen, die in ihrem Programm keineswegs auch nur die parlamentarische Monarchie, sondern bloß die konstitutionelle (Gewaltenteilung zwischen Fürst und Volk) verlangte und deren Nachfolger, die Demokraten, noch in Weimar zur Hälfte für Schwarzweißrot stimmten. Wahrscheinlich wäre es, wenn die Dinge rein gesetzlich verlaufen wären, zu einer Art Reichsverweserschaft gekommen, und wie sich sowas auswächst, haben wir in Ungarn gesehen.

    Miljukow erzählt in seinen Erinnerungen, daß im Oktober 1917, wenige Tage vor der Revolution der Bolschewisten, der weißgardistische General Kornilow Kerenski angeboten habe, in Petersburg einzurücken und Ordnung zu schaffen. Obwohl ihm das Wasser bereits am Halse stand, brachte es der Sozialist Kerenski doch nicht fertig, die Truppen Kornilows auf die Arbeiter loszulassen. Unser Noske hatte da weniger Skrupel, und General Groener hatte im Dezember 1918 und im Januar 1919 Gelegenheit, in Berlin gründlich „Ordnung zu schaffen“.

    Die fromme Legende, Ebert, Noske, Groener hätten Deutschland vor dem Bolschewismus gerettet, wird schon dadurch widerlegt, daß es damals in Deutschland noch kaum Kommunisten gab. In allen Arbeiter- und Soldatenräten hatten die Mehrheitssozialisten eine überwältigende Mehrheit, und wenn gegen diese Mehrheit aus den Betrieben und Kasernen heraus rebelliert wurde, so doch nur deshalb, weil diese Mehrheit auch die bescheidensten kleinbürgerlichen Erwartungen enttäuschte. Was damals die Volksbeauftragten kurzerhand dekretierten, z. B. das Wahlrecht der Frauen und Jugendlichen, das hat die Nationalversammlung nachher ohne weiteres geschluckt, und wer zweifelt ernsthaft daran, daß sie auch die Fürstenenteignung, die Abschaffung des Adels, die Zerschlagung des ostelbischen Großgrundbesitzes und vor allem die Schaffung des Einheitsstaats, wenn sie diese Reformen vorgefunden hätte, geschluckt hätte!

    Wir werfen dieser Revolution nicht vor, daß sie in dem allgemeinen Chaos nicht gleich zu sozialisieren anfing, sondern daß sie eben nicht einmal eine radikal bürgerliche Revolution war. Dazu hätte allerdings auch die Schaffung einer absolut republikanischen Reichswehr — wenn man schon überhaupt auf einer Reichswehr bestand — und eines entschieden republikanischen Beamtentums gehört. Man sagt, es hätte an den nötigen Leuten dazu gefehlt. Das mag für die Mitgliedschaft der sozialdemokratischen Parteien zutreffen, denn schließlich konnte ja vor dem Krieg kein Sozialdemokrat Beamter werden oder sich Beamtenkenntnisse aneignen. Aber es kam ja auf die unteren Beamten gar nicht so sehr an, die waren bis dahin meist unpolitisch bzw. hatten die politische Meinung ihrer Vorgesetzten; sie haben sich auch beim Kapp-Putsch noch relativ gut gehalten, weil keiner seine Stellung verlieren wollte. (Wie wäre das heute?) Für die Besetzung der mittleren und vor allem der oberen Beamtenstellen aber gab es genug zuverlässige Republikaner, Kaufleute, Lehrer, Ärzte, die sich im Krieg gründlich in den Verwaltungsapparat eingearbeitet oder wenigstens die Voraussetzungen zur Einarbeit erworben hatten. Die Republik hat (mit der Ausnahme Erzberger) auf diese Menschen verzichtet, selbst wenn sie Walther Rathenau und Hugo Preuß hießen (der eine wurde zu spät geholt, der andere zu früh abgesägt); sie hat selbst auf Posten, zu denen gar keine Fachkenntnisse, sondern nur leidliche Umgangsformen gehörten, lieber abgedankte Offiziere als zuverlässige Republikaner gesetzt und damit dafür gesorgt, daß ein reaktionärer Verwaltungsapparat die ganze Gesetzgebung sabotieren konnte.

    Es muß zugegeben werden, daß man jetzt nach 11 Jahren so allmählich beginnt die begangenen Fehler einzusehen und noch allmählicher sie wenigstens an einigen Stellen wiedergutzumachen. Ob uns die Reaktion dazu noch Zeit läßt? Sie hat die Hand an der Gurgel der Republik, und von Österreich her weht ein böser Ostwind. Von St. Helena aus hat Napoleon profezeit, in hundert Jahren werde Europa republikanisch oder kosakisch sein. Die Entscheidung für Mitteleuropa wird bald fallen.

    1929, 45 Fritz Edinger

  • Die Konfirmationstorte

    — Jg. 1929, Nr. 13 —

    Die Bäcker, das wußten schon Max und Moritz, sind fromme Leute, und wenn die besseren Bäcker, die Konditoren, noch frömmer sind, so entspricht das wohl einer gottgegebenen Ordnung. Sie sind frömmer in einem feineren Sinn: sie wissen, was sie sowohl einem tiefer verstandenen Gott als auch einer höherstehenden Kundschaft schuldig sind; daß es nicht genügt, mit Treu und Redlichkeit den Brotteig zu rühren; daß der Sauerteig ihrer Frömmigkeit viel unmittelbarer ins Werk ihrer Hände einzugehen hat. Kann denn, so meinen sie daher, Gott etwas mehr gefallen als eine Konfirmationstorte, die nicht die sinnlose Kreisform, sondern die sinnige Form einer Bibel hat? Können wir, denken sie gleichzeitig, unseren Kunden eine liebere Freude machen, als wenn wir ihnen ein solch köstliches Sinnbild ins festliche Haus schicken?

    Ich habe eine solche Torte — wie schön war der helle schweinsleder-zuckrige Einband, mit dem Strahlenkreuz und den Blümlein darauf — mitten im aufstrebenden Stuttgart gesehen, im Herzen eines Volkes, das von jeher die Angelegenheiten des Magens und des Glaubens mit gleicher Gründlichkeit zu behandeln pflegte. Wo in der Welt wird das Konfirmationsfest mit solcher Liebe vorbereitet, mit solcher Sorgfalt gefeiert? Wo sind die christlichen Belange und die bürgerlichen Werte, die Wünsche und die Geschenke der Taufpaten, die lebenswegweisenden Briefe und die Taschenmesser, die Mahnworte und die Briefbeschwerer so sinnvoll vereinigt? Wo tröstet die durch ungewohnte Kleidung bedrängten Kinder und die auf harten Kirchenbänken ermüdeten Angehörigen eine solch heitere Aussicht, wo harret ihrer ein so reichlich gedeckter Tisch? Hier wahrlich herrscht der rechte Geist, und niemand kann es den Guten mißgönnen, wenn das Wort Gottes, das vom Herrn Pfarrer vorher so wunderschön ausgelegt worden ist, auch noch von der Hausfrau in schokoladene Stücke zerlegt wird und also in die Gläubigen eingehet.

    1929, 13 Severus

    Der Pietismus ist der Versuch, mit dem „lieben Gott“ in ein übertrieben familiäres Verhältnis zu kommen.

    1924, 45 Momos

    Es gibt so exemplarisch tugendhafte Menschen, daß man bei ihrem Anblick unwillkürlich Sehnsucht nach ein klein wenig Laster bekommt.

    1922, 48 Momos