Kategorie: 1925

Auswahl im Jahrgang 1925 veröffentlichter Beiträge

  • Vom Hungern

    Vom Hungern

    — Jg. 1925, Nr. 27 —

    In einer Ansprache an Vertreter der Aufwertungsorganisationen hat Herr von Hindenburg u.a. gesagt: „Im großen und ganzen stehe ich dieser Frage ja fern … Ich habe selbst mein Vermögen verloren. Wenn ich nicht meine Pension gehabt hätte, und die war ja ausreichend, hätte ich auch hungern müssen.“

    Denken Sie mal an: er hätte auch fast gehungert! Welches Heldentum! Er hätte beinahe erfahren, wie es dem Hauptteil des Volkes, an dessen Spitze er steht, in der Inflationszeit und schon vorher, in den Kriegsjahren, zumute gewesen ist. Beinahe — ums Härchen; aber das ist’s eben; dieses Härchen macht es aus: daß sie nie ganz und wirklich von dem gleichen Schicksal erfaßt werden wie das übrige Volk — das trennt unsere Regierenden, Maßgebenden und Prominenten vom Volke. Sie sitzen immer nur im Kino und sehen den Film „Die Tragödie Deutschlands“ laufen. Wo unser Volk auf offener Bühne stirbt, da sitzen sie mit der übrigen, der außerdeutschen Menschheit dabei als Zuschauer.

    Herr von Hindenburg hätte beinahe gehungert. Und er ist naiv genug, das jenen Männern vorzuhalten, die gekommen sind, ihn um Hilfe zu bitten, weil sie gehungert haben, wirklich gehungert, höchst prosaisch und ohne das Pathos, das in so einem „Beinahe“ liegt.

    Herr von Hindenburg hat seine Pension gehabt; „und die war ja ausreichend“. Ein wahres Wort! Wahrer als alle Heeresberichte, die jemals von der Firma Hindenburg in die Welt geschickt worden sind. Hat sich der deutsche Heros mit der ausreichenden Pension und dem aufgewerteten Reichspräsidentengehalt auch einmal gefragt, ob die Pensionen seiner „Helden“, der Muskaten, die im Weltkrieg zu Wracks geschossen worden sind, auch „ausreichend“ sind? Ach ja, Herr Präsident: im großen und ganzen stehen Sie dieser Frage ja fern. Man muß Ihnen darin beipflichten […]

    1925, 27 Mara Bu

  • Vereinsleben

    — Jg. 1925, Nr. 24 —

    Wir feiern gegenwärtig wieder ein bißchen viel Feste, trotzdem wir „durch und durch verarmt“ sind. Dabei ist ein sehr munter bewegtes Vereinsleben zu konstatieren.

    Das ganze Volk scheint sich manchmal in Vereine aufgelöst zu haben. Diese Vereine leben von dem Klamauk der periodischen Feste mit ihren öffentlichen Umzügen, Dauerreden und Banketts („Orden und Ehrenzeichen sind anzulegen“), den Wallungen und Ballungen künstlich gezüchteter Hochgefühle, den Kassenberichten, Rück- und Ausblicken. Die Ursache dieser Veranstaltungswut ist immer das kindliche oder kindische Bestreben, etwas zu gelten, etwas zu scheinen. Man will irgend eine bedrückende Situation durch den Tamtam großer Worte überwinden. Man sucht sich Beachtung zu verschaffen: durch Blechmusik und Aufmachung. Der Geist Wilhelms II. schwebt über dieser Republik.

    Ob sich ein General bei einem Regimentsappell dicke tut, oder ob ein Reserveoffizier in einer Gefreitenvereinigung sich einen Rahmen für sein bescheidenes Ehrgeizehen geschaffen hat — es ist im Grunde genau dasselbe, als wenn deutsche Mannen Hochtouristik auf völkische Art betreiben, oder Arbeiter durchaus proletarisch Mandolinen spielen. Patriotismus und Lokalpatriotismus überkugeln sich in edlem Wettstreit. Jedes Nest hat seine historischen Festspiele und feiert sie nach dem gleichen Klischee wie die Jahrtausendfeier am Rhein. Vorstände von Verschönerungsvereinen sprechen dabei wie Minister, und Minister zuweilen wie Vereinsvorstände. Landstriche besinnen sich in geräuschvoller Weise auf ihre Eigenart; Kulickes interessieren sich mächtig für ihren komplizierten Familienstammbaum und berufen Familientage ein. Es gibt offenbar überhaupt nichts mehr, was nicht Anlaß zu Vereinsgründungen, Festen und Umzügen, zu Paraden und Reden wäre.

    Der Schein interessiert heute eben mehr als das Sein. So auftreten, als ob man nicht Sekretär, sondern Rechnungsrat, nicht Commis, sondern Abteilungsvorsteher wäre: das ist der Drang jedes Deutschen. Jeder möchte in seinem Umkreis höher „eingestuft“ sein, als seiner Stellung eigentlich entspricht. Nur ja um Gotteswillen nicht zeigen was man ist.

    
Auf das ganze Volk übertragen ergibt das dann diesen neudeutschen Klamauk, an dem die ausländischen Studienkommissionen irre werden. Weil kein Mensch auf den Gedanken kommt, daß ein angeblich armes und ausgepowertes Volk auf diese Art und Weise seine Armut, wahrhaftig: seine Armut zum Ausdruck bringt.

    1925, 24 Hermann Mauthe

  • Die gerettete Uniform

    — Jg. 1925, Nr. 37 —

    Herr von Hindenburg, der bisher nur Besuche empfangen und gemacht hat, ist aktiv geworden: er regiert. Er hat seine erste Amtshandlung begangen: er hat die Verordnung aufgehoben, durch die den ehemaligen Offizieren Wilhelms das Recht, die Uniform zu tragen, beschnitten worden war.

    Ein Merkmal: gewogen und zu leicht befunden! In dieser Zeit, da wieder einmal die Not im Volke steigt, bringt es dieser „Repräsentant des Volkswillens“, dieser so marktschreierisch angepriesene „Retter“ fertig, seine erste Amtshandlung dem Maskeradenbedürfnis seiner ehemaligen Berufsgenossen zu widmen. Dazu haben wir offenbar einen Präsidenten der Republik, daß er sich zu allererst mal um die Neuaufbügelung der wilhelminischen Livreen verdient macht!

    Notabene: die gesetzmäßige Regelung dieser Uniformfrage durch den Reichstag stand bevor. Aber die alten Offiziere haben sich wohl mit Grund gesagt, daß die Volksvertretung ihnen den gewünschten Freibrief, das Recht, ihre Livree nach Belieben zu tragen, nicht erteilen würde. Da mußte sich der gute Hindenburg in den Reichstagsferien schnell der Sache annehmen und das Parlament vor ein fait accompli stellen.

    Und der „demokratische“ Herr Wehrminister Geßler, der den Ukas gegenzeichnen mußte, hat sich also auch dazu hergegeben, der Entscheidung der Volksvertreter vorzugreifen.

    Es ergeben sich zwei Fragen: Läßt sich der Reichstag das gefallen? Und: Wie lange will sich die Deutsche demokratische Partei noch mit diesem Herrn Geßler blamieren? Wann wimmelt sie ihn ab und spediert ihn, unter Verabreichung eines Freibillets nach deutschnationalen Gegenden, hinaus?

    Und Herr Hindenburg? Auf einem Apfelbaum wachsen nun einmal keine Zwetschgen. Mag er noch so viele pazifistische Töne tönen und volksberuhigende Worte säuseln, die man ihm eingelernt hat, – er bleibt doch der er war. Die geliebte Uniform, die er in seiner jetzigen Dienststellung leider nicht mehr so oft spazieren tragen darf wie früher, seinen alten Kollegen zurückzugeben, ist ihm Herzenssache.

    Die Kriegskrüppel aus dem Mannschafts- und Unteroffiziersstand dagegen müssen nach wie vor im schäbigen Zivil rumlaufen. Es wäre für die deutsche Öffentlichkeit und den einzelnen gutgesinnten Deutschen ja auch zu peinlich, auf Schritt und Tritt durch den Anblick Gelähmter, Hinkender, Einarmiger, Einäugiger, Hustender, Nervenzitternder in Uniform daran erinnert zu werden, daß diese Unzähligen, die ein Teil ihrer selbst für Deutschland hingegeben haben, von ihrem lieben Vaterland mit einem Bettelpfennig abgefunden werden.

    Da erlaubt man lieber denen, die — als Gesunde! — ihre auskömmliche Pension bekommen, in Blau, Rot, Achselstücken und Sporen zu paradieren. Der Anblick ist erfreulicher.

    1925,37 · Ix

    Je kleiner der vaterländische Wille, je größer die nationale Geste; patriotische Feiern sind entschieden leichter durchzuführen als Vermögensabgaben.

    1923, 9 · Hermann Mauthe

  • Unterschiede

    Unterschiede

    — Jg. 1925, Nr. 15 —

    Wenn deutsche Kapitalisten mit französischen und englischen zusammenkommen, um neue Verdienstmöglichkeiten auszuknobeln, dann ist das im Interesse des „Vaterlandes“.

    Wenn deutsche Pazifisten nach Frankreich gehen, um unter Einsatz ihrer ganzen Persönlichkeit Fäden der Verständigung zu knüpfen, dann ist das nationale Würdelosigkeit.

    Wenn ein durch Jahre der Entbehrung zermürbtes Volk zusammenbricht, weil man ihm im größten aller Kriege zumutete, alle Lasten zu tragen, dann ist das vaterlandslos und ein schmählicher Dolchstoß.

    Wenn Generale und Monarchen im Moment der größten Verantwortung um falsche Pässe betteln, kopflos werden, weil sie Angst um ihren Kopf haben, dann folgt ihnen die Liebe und die Hochachtung aller guten Patrioten.

    Wenn Studenten und ehemalige Offiziere politische Mordorganisationen gründen, den Gegner feig aus dem Hinterhalt niederknallen lassen, wenn sie durch kindische Attentate dem Staat die größten Schwierigkeiten bereiten, dann umstrahlt sie der Glanz edlen Heldentums.

    Wenn Arbeiter aus der Not ihres Daseins heraus sich zu Krawallen hinreißen lassen, wenn dann aus irgend einer dunklen Ecke ein Schuß fällt, dann ist Grund dafür, Maschinengewehre knattern zu lassen, und die Überlebenden wegen Landfriedensbruch auf Jahre ins Zuchthaus zu schicken.

    Wenn ein Beamter seiner republikanischen Gesinnung Ausdruck verleiht und für den Staat eintritt, dem er den Treu-Eid geschworen hat, dann ist er ein Fremdkörper, der früher oder später ausgeschieden werden muß.

    Wenn ein Diener der Republik unzweideutig ausspricht, daß die Monarchie wieder kommen muß, wenn ein Minister den Eid auf die republikanische Verfassung leistet, gleichzeitig aber Führer der monarchistischen Bewegung ist, dann ist er der Mann aller aufrechten Deutschen.

    Wenn nationale Politiker ihren Wählern alles versprechen und nichts halten, wenn sie stets wie Esel zwischen Ja und Nein schwanken, dann sind sie die geborenen Führer des Volkes.

    Wenn die bösen Republikaner nicht so uneins sind, wie man das gerne haben möchte, wenn sie die Pläne des Gegners durchkreuzen, dann ist das ein widerlicher Kuhhandel von Parteibonzen.

    Wenn der Reichs-Rechts-Jarres-Block die Felle davonschwimmen sieht, und deshalb gerne Hindenburg vor seinen Parteiwagen spannen möchte, dann geschieht das wirklich nur in ehrlicher Sorge um das darniederliegende Vaterland.

    Wenn die Republikaner entschlossen sind, der Republik auch in der kommenden entscheidenden Stunde zum Sieg zu verhelfen, dann tun sie es nur in dem Bestreben, sich die Futterkrippe zu erhalten.

    Wenn einer eine andere Ansicht hat, als die eben skizzierte, dann ist er in den Augen der Patentpatrioten kein deutscher Mann.

    1925, 15 · hm

    Das Jahr 1925 war in mancher Hinsicht ein Schicksalsjahr für die junge Weimarer Republik. Nach sechs Jahren Demokratie war das Vertrauen der Deutschen in die Republik auf einem Tiefpunkt. Unruhen und Putschversuche, ständige Regierungswechsel, politische Morde und die Verarmung des Mittelstandes nach dem Inflationsjahr 1923 – all dies führte dazu, dass der Ruf nach einem starken Mann an der Spitze des Staates immer lauter wurde. Viele Deutsche wollten schlicht ihren Kaiser Wilhelm wieder haben.

    Quelle: https://www.deutschlandfunk.de/hindenburgs-wahl-als-auftakt-zum-dritten-reich.871.de.html?dram:article_id=125103

  • Die Versöhnung

    Die Versöhnung

    — Jg. 1925, Nr. 25 —

    Die Verständigung mit Frankreich unter ausdrücklichem Verzicht auf Elsaß-Lothringen, die jetzt unter der Präsidentschaft Hindenburgs von einer deutschnationalen Regierung betrieben wird, hätte schon ein paar Jahre früher an die Spitze unseres außenpolitischen Programms gehört. Die damaligen deutschen Minister hätten freilich das Leben riskiert, wenn sie so etwas gewagt hätten. Die heutigen riskieren weniger, aber immerhin ihren Sessel —, vorausgesetzt, daß es ihnen ernst ist mit ihrem Schritt. Vielleicht ist es auch nur eine Stresemanniade; ein Schachzug im Rahmen der bisherigen, scheinbar schlauen, in Wirklichkeit verkehrten Politik, England gegen Frankreich auszuspielen. 

    Daß man das deutsche Angebot, auf das nunmehr die französische Antwort erfolgt ist, monatelang nicht veröffentlicht hat, würde zu dieser Annahme passen. Ehrliche Politik kann mit offenen Karten spielen. Oder hat man es dem eigenen Volk so lange als möglich verheimlichen wollen? Nachdem man es jahrelang mit allen Mitteln gegen den Abschaum der Menschheit, die Franzosen, verhetzt hat, mußte man ihm wohl etwas Zeit zur Umstellung lassen. Man wird dann auch jetzt den Hebel nur allmählich weiter rücken und die Verhandlungen über den Sicherheitspakt möglichst in die Länge ziehen. (Für die Unterhändler selber ganz angenehm; Herr Trendelenburg, der seit über einem halben Jahr den Handelsvertrag abschließt, mag sich in Paris hübsch akklimatisiert haben.) 

    Während dieser Zeit dürfte es sich also herausstellen, ob der Sicherheitspakt diplomatisches Spiel oder politischer Ernst ist. In diesem Falle, wenn wirklich eine Annäherung an Frankreich beabsichtigt ist (die das A und O einer vernünftigen deutschen Außenpolitik sein müßte), würde in der von Hugenberg und Stinnes kontrollierten Presse doch wohl zur Abrüstung der Köpfe geschritten werden. Bei der Schafsdämlichkeit, mit der die deutschen Zeitungsleser den ihnen vorgesetzten Kohl zu fressen und zu verdauen pflegen, könnte man denken, daß ein Quartal hiezu genügen würde. Aber der Franzosenhaß sitzt, glaube ich, doch tiefer als das „Gott strafe England!“ Seine systematische, zielbewußte Ausräumung ist ein so großes Unternehmen, daß ich es unserer verehrlichen Regierung eigentlich nicht zutrauen kann. 

    Umsomehr ist es die Pflicht aller Vernünftigen, ihn, und sei es auch nur sandkornweise, abtragen zu helfen. Europa wird untergehen, wenn es sich nicht assoziiert; Voraussetzung dafür ist das deutsch-französische Bündnis; Voraussetzung für dieses die Beseitigung des Revanchegeistes. Wer an ihr arbeitet, dient seinem Volk; wer sie verhindert, und hielte er sich für noch so patriotisch, verrät es. 

    Deutsche und Franzosen, laßt euch nicht von Verblendeten und Interessenten weiter belügen! Ihr steht euch „völkisch“ viel näher als ihr glaubt; ihr ergänzt euch prächtig, wo ihr verschieden seid. Lernt euch kennen, studiert einander, besucht euch! Der Krieg hat euch, die Einfachen, Unverbildeten unter euch, durch Quartier und selbst Gefangenschaft ja eher näher als ferner gerückt. Pflegt die Beziehungen von damals; knüpft neue an! Arbeiterorganisationen, haltet gemeinsame Kongresse, schickt euch eure Kinder in die Ferien; Jugendbünde, macht euch auf die Fahrt ins Nachbarland; Schüler, wechselt Briefe mit Kameraden jenseits der Grenze; Studenten, soweit ihr nicht unheilbar fanatisiert seid, besucht gegenseitig eure Hochschulen; Ästheten, Künstler, Kunsthistoriker, Schriftsteller, Männer der Wissenschaft, widmet euch der Erkenntnis und Erforschung der nachbarlichen Kultur, die, ohne daß es manchem von euch bewußt ist, zum Teil eure eigene ist! 

    Deutschland und Frankreich sind Geschwister. Geschwister können sich so hassen, wie sie sich lieben sollten. Ihr habt nur die eine Wahl: beide zu Grunde zu gehen oder euch endlich, endlich wieder die Hand zu reichen. 

    1925, 25 · Erich Schairer 

  • Pazifismus tut not

    Pazifismus tut not

    — Jg. 1925, Nr. 12 —

    Das Wort Pazifismus hat nirgends einen schlechteren Klang als in Deutschland. Schlaue behaupten, es käme von der Einseitigkeit der deutschen Pazifisten. Ach nein; die Abneigung liegt begründet in der deutschen Mentalität der wilhelminischen Ära. Jedes Wort gegen Krieg und für zwischenstaatliche Verständigung und internationale Schiedgerichtsbarkeit und Abrüstung hat hier einen femininen Charakter; hier in dem Lande, in dem noch bis vor kurzem durch die landläufigen Redeblüten militärischer Romantiker die Gebärfreudigkeit angeregt zu werden pflegte. 

    Der Geist des Mißtrauens, der uns über den Rhein herüber entgegenweht, ist vielleicht begründeter, als selbst deutsche Pazifisten glauben wollen. Gewiß: dieses Mißtrauen ist sich nun seit 1918 so ziemlich gleich geblieben; einerlei, wer bei uns am Ruder war. Aber kommt das nicht vielleicht daher, daß diese Regierungen entweder nichts getan haben oder nicht viel tun konnten, um der Welt zu zeigen, daß der Geist von 1914 im Schwinden begriffen ist? 

    Von der ersten Haager Konferenz im Jahr 1899 geht eine gerade Linie bis zu den Vorbehalten über den Eintritt in den Völkerbund. Damals war es schon die Ansicht der beteiligten Mächte, „eine Beschränkung der die ganze Menschheit bedrückenden Militärlasten sei höchst wünschenswert.“ Aber der deutsche Vertreter erwiderte: „Das deutsche Volk wird keineswegs erdrückt vom Gewicht seiner Abgaben, es treibt keineswegs dem Abgrund zu, es steht keineswegs vor der Erschöpfung und dem Untergang.“ Damit war die Konferenz in ihrem Hauptpunkt zum Scheitern gebracht. Auf der zweiten Konferenz im Jahr 1907, als es um die Errichtung eines ständigen Schiedsgerichts ging, war wiederum Deutschlands Nein entscheidend für den kläglichen Ausgang. Von da ab datiert die verhängnisvolle Umgruppierung in der europäischen Politik. Das Instrument der Verständigung und Vermittlung war verhindert, Wilhelms Unbesonnenheit trieb zu Konflikten. Es sind Glieder einer Kette, der Sprung nach Agadir, die Blankovollmacht an Österreich, der Einbruch in Belgien, die Gewaltfriedensverträge von Brest-Litowsk und Bukarest. 

    Nur in einem Punkt haben wir die Linie unserer Gewaltpolitik verlassen und uns für Recht und Gerechtigkeit eingesetzt: als man uns den Schandvertrag von Versailles aufzwang. Der doch, wir merken es heute immer besser, weniger ein Produkt sinnlosen Hasses als ein Ausfluß französischer Angst ist. Hervorgegangen aus dem Geist des Mißtrauens, den wir unter Wilhelm II. so unermüdlich genährt haben. Wer so beharrlich Abrüstungs- und Schiedsgerichtsgedanken ablehnt und sich auf sein blankes Schwert stützt, wer so wenig Vertrauen in die ersten hoffnungsvollen Ansätze einer planvollen Organisation der internationalen Beziehungen hat, der darf sich nicht wundern, wenn sich die Schwierigkeiten einer Verständigung über seine wirklichen Nöte turmhoch häufen und wenn sein Appell an das Recht untergeht im Mißtrauen. 

    Bei der Bekämpfung des Vertrags von Versailles ist uns, bezeichnenderweise, die sogenannte Schuldfrage immer mehr im Vordergrund gestanden als die angeblich nicht aufzubringenden Lasten (2 1/2 Milliarden sind als höchste jährliche Zahlung vorgesehen, rund 6 Milliarden werfen wir jährlich für Alkohol und Tabak hinaus). Die nackte Feststellung, daß wir zuerst angegriffen haben, ist umgewandelt worden in die Lüge von der Alleinschuld der Deutschen am Kriege, von der im Friedensvertrag mit keinem Wort die Rede ist. Aber der Kampf hat ein viel weiteres Ziel. Man möchte nicht nur keine Schuld an dem Verhängnis haben, sondern auch noch beweisen, daß die deutsche Politik vor dem Kriege die richtige war, ja daß die andern die Schuld am Weltkrieg tragen. Die Folgen jener Vereitelung der Haager Konferenzen benützt man dazu, um zu sagen: seht, es war denen ja gar nicht ernst mit ihrer Rederei um den Frieden herum. Wenn irgendwo irgendeiner irgendetwas gesagt hat, das den Unschuldlügnern in den Kram paßt, wird es herbeigeschleppt zum großen Reinwaschen. 

    Indessen ist man sich in der Welt draußen längst klar darüber, in welchem Umfang das kaiserliche Deutschland am Weltbrand schuldig zu sprechen ist. Nur wir wissen es immer noch nicht. Wir appellieren fortgesetzt an das Weltgewissen; dabei ist nirgends weniger Glauben an eine Politik des Rechts, als bei uns. Wir haben nicht den Mut, mit der Politik der Gewalt Schluß zu machen. Unsere Hoffnungen sind im Stillen immer noch bei ihr. 

    Ein kleiner lustiger Ruhrkrieg ist uns immer noch sympathischer als die Erledigung einiger Lieferungsrückstände. Immer wenn eine eigene oder eine fremde Regierung etwas in der Richtung der Verständigung gewollt, und immer, wenn dann andere, gestärkt durch den chauvinistischen Rückhalt, es ausgenützt haben, verziehen die 1914er das Gesicht: hier seht ihrs wieder, ihr dämlichen Friedensfreunde. Und wenn einer den Mut hat, wie Professor Förster, offen zu sein, ist die ganze Meute hinter ihm her. Weil sie glauben, Politik und Moral vertrügen sich nicht. Weil sie an die Schliche ihrer Geheimdiplomatie gewöhnt sind. Weil sich bei ihnen immer noch Geschäft und Politik so gut vertragen. 

    Pazifismus tut not. Solidarität tut not. Das Geschäft muß hinaus aus der Politik, und dafür die Moral, die anständige Gesinnung, hinein. Dafür und für nichts anderes kämpft der viel verkannte Förster. Hat er denn nicht Recht? 

    Es gibt keine ehrliche Politik ohne das Bewußtsein der Verbundenheit, und es gibt keine Verbundenheit unter Geschäftspolitikern. Es gibt kein Vertrauen, wenn nicht einer den Anfang macht, es zu rechtfertigen. Und es gibt Situationen, in denen nur noch der Mut zu ein bißchen Vertrauen helfen kann. Wir sind in einer solchen. Die zivilisierte Welt steht vor dem Augenblick, in dem sie dem Chaos Form geben muß. Der geschichtliche Moment drängt zur Weltorganisation. 

    1925, 12 · Hermann Mauthe 

    Empfindliche Gemüter.

    In der „Selbsthilfe“, dem Blatt der Volksrechtspartei, hat Herr W. P. mit seiner spitzigen Feder unabsichtlich einige Leser verwundet. Die Schriftleitung sieht sich veranlaßt, mitzuteilen, daß die Leser „selbstverständlich nicht gemeint“ seien. Ist das nicht gerade der Fehler an unserer ganzen Presse, daß die Leser nie gemeint sind? Und der Fehler der verehrlichen Leserschaft, daß sie sich so selten getroffen fühlt? 

    1929, 36 

  • Gedenkfeiern

    Gedenkfeiern

    — Jg. 1925, Nr. 9 —

    Der heutige 1. März wird auf Anordnung des Reichsministeriums des lnnern und unter Mitwirkung der „kirchlichen Behörden“ als „Gedenktag für die Opfer des Weltkrieges“ begangen. D. Red. 

    Gedenktage sind Meilensteine auf dem weiten Weg der Vergeßlichkeit und Gedankenlosigkeit. Heute ist wieder ein solcher; und es ist nicht zu bezweifeln, daß er „würdig“ und im gewissen Sinne „erhebend“ verlaufen wird. Denn je mehr wir uns von dem „großen Geschehen“ entfernen, desto eher hat die vaterländische Rhetorik Aussicht, das Gedächtnis zu besiegen. 

    Bei einem ungetrübten Blick rückwärts wäre es ja unmöglich, die Würde zu wahren, wenn gewisse Leute das Podium betreten, um mit erhobener Stimme über das traurige Resultat ihrer Geistesverfassung zu sprechen. 

    Auf dem Kongreß der Arbeiter- und Soldatenräte Deutschlands im Dezember 1918 in Berlin hat Richard Müller in seiner Eröffnungsrede gesagt: „Bevor wir an unsere Arbeit gehen, an diese große, schöne und schwere Arbeit, wollen wir jener unglücklichen Menschen gedenken, die als Opfer des fluchbeladenen, gestürzten Systems gefallen sind (die Versammlung erhebt sich), deren Gebeine draußen in kühler Erde ruhen. Wir wollen aber auch jener gefallenen Freiheitskämpfer gedenken, die im Kampfe für die sozialistische Republik gefallen sind. Das gesamte arbeitende Volk dankt diesen Helden, unvergessen werden sie fortleben als die großen Toten der sozialistischen Republik…“ 

    Wie oft sind seit dieser ersten Gedächtnisrede solche und ähnliche Reden gehalten worden? Von Leuten aus allen Lagern, mehr oder weniger belastet mit der Mitschuld an dem Unfaßlichen. 

    Der Redner setzt sich bei einer solchen Feier in Positur und sagt etwa: unsere Helden sind gefallen als Opfer eines fluchbeladenen Systems; aber das Gedächtnis erwidert: hast du nicht für die Kriegskredite gestimmt? Oder der Redner sagt: sie zogen hinaus, um das Vaterland zu verteidigen gegen welsche Rachsucht und englische Habgier; daraufhin das Gedächtnis: habt ihr nicht die ersten Kriegserklärungen in die Welt hinausgeschickt? Was habt ihr denn getan, den Krieg zu verhindern? Der Redner sagt: wir haben gekämpft für Recht und Gerechtigkeit und unsere gerechte Sache; aber das Gedächtnis sagt: sind wir nicht in Belgien eingefallen und haben das Völkerrecht schon zu Beginn mit Füßen getreten? Haben wir nicht französische Frauen deportiert und belgische Zivilisten von ihren Familien gerissen? Fabriken unnötigerweise ausgeplündert und französische Gruben ersäuft? Der Redner sagt: in berechtigter Notwehr ergriffen wir das Schwert, unser einziges Ziel war die Verteidigung; darauf das Gedächtnis: wolltet Ihr nicht die halbe Welt annektieren? Warum schreit ihr über die geraubten Kolonien? 

    Der Redner sagt: Schulter an Schulter haben wir gekämpft, ein einig Volk von Brüdern, haben gemeinsam gedarbt und gelitten, in Not und Tod vereint als deutsche Brüder: wir liebten vereint, wir haßten vereint, wir hatten alle nur einen Feind … Aber das Gedächtnis sagt: habt ihr nicht aus dem Tod und der Qual eurer Brüder Profite gezogen? seid ihr nicht weit vom Schuß gesessen und weit von der Not des Hungers? Haben nicht die einen Krankheit und Siechtum, Verlust ihrer Existenz und ihrer Ersparnisse erfahren, und seid nicht ihr wohlbehalten über die „große Zeit“ hinweggekommen? 

    Der Redner sagt: der Sieg war zum Greifen nahe, da haben die Vaterlandslosen uns das Schwert aus der Hand geschlagen und den Dolch in den Rücken gestoßen; darauf das Gedächtnis: der Dolchstoß — das war die „Volksgemeinschaft“ der Vaterlandsparteiler und der Klassenegoismus der Besitzenden, der sich um das letzte Opfer herumgedrückt hat und das Volk alle Lasten tragen ließ, bis es zusammenbrach. Der Redner: der beispielloseste Opfermut aller Kreise ist durch Verbrecher um seine Früchte betrogen worden; aber das Gedächtnis erwidert: was habt ihr für ein frevles Spiel mit der Kriegsanleihe getrieben? Nur um euren Besitz nicht zu schmälern, habt ihr alles auf eine Karte gesetzt und dem kleinen Mann, der sowieso Leben und Gesundheit darangab, vorgeschwatzt, hier sei die „sicherste Kapitalsanlage“ und die „beste Sparkasse“. Statt daß ihr euch wie das perfide Albion dazu aufgeschwungen hättet, den Besitz und die Kriegsgewinne zu schröpfen. Der Redner: die gutgläubigen Deutschen sind auf die vierzehn Punkte eines politischen Gauners hereingefallen; darauf das Gedächtnis: daß Wilson mit seinen Ideen unterlegen ist, das ist das Werk jener Männer, die mit ihrer Geistesverfassung der euren so außerordentlich nahestehen. 

    Der Redner sagt: ein undeutsches Wesen hat in Deutschland die Oberhand gewonnen; das Gedächtnis erwidert: freilich, noch nie und nirgends ist schamloser und feiger gegen Volksgenossen mit Mord und Totschlag gewütet worden, und noch nie hat die Justiz so wenig Interesse gezeigt, das mit Füßen getretene Recht wieder zu Ansehen zu bringen. 

    Der Redner schließt: eher wird Deutschland nicht zu neuem Ansehen, zu Macht und Größe gelangen, ehe nicht der alte Geist über den Geist der „Novemberverbrecher“ gesiegt hat; daraufhin das Gedächtnis: nach den letzten Jahren wohl möglich, daß er nocheinmal siegen wird, aber nur und Deutschland seinem endgültigen Untergang entgegenzutreiben. 

    Aber wie das Gedächtnis den Mund auftun will, um dem Redner all dies tatsächlich zu erwidern, wird es verhindert durch den machtvollen Applaus des tief ergriffenen Publikums, das dem Redner „voll und ganz“ beipflichtet. 

    1925, 9 · Hermann Mauthe 

  • Deutsches Gespräch

    Deutsches Gespräch

    — Jg. 1925, Nr. 18 —

    Hallo, sieht man Sie auch mal wieder? Wie geht’s? Wie steht’s? Machen Se Geschäfte? … Die heutigen Zustände, meinen Sie. Nun ja, politisch, aber sonst … Sie verstehn mich schon. Bringt sich natürlich kaum durch … Ober, die Weinkarte! … Eine verfluchte Schweinerei heute auf der Straße; die Leute sind wie toll … Was sagen Sie? Ach so, das Reichsbanner! Einfach verbieten. Frechheit das, wie die sich auf einmal großtun … Meine Frau hab‘ ich ein bißchen an die Riviera geschickt, verträgt das naßkalte Wetter nicht … Wie? Hindenburg soll weniger Stimmen haben als dieser Marx! Undenkbar! Ich sage Ihnen, ganz unmöglich. Warten Se ab! … Hoffentlich tun sich die Kommunisten nicht zu dicke. Ein wenig Klamauk schadet ja nich; gibt immer nette Gelegenheiten zu kleinen Machtproben … Sehen Se nur mal die Blonde da drüben … Nein, am dritten Tisch. Kesses Weib, was? … Der Niedner hat sich gar nicht schlecht gehalten, da kürzlich in Leipzig … Die Kerle gehören ja alle an die Wand gestellt … Warum man mit diesen Verbrechern so viel Umstände macht? Fragen Se doch die schlappe Regierung in Berlin … Was gröhlen die nun bloß wieder da draußen? … Die Internationale? Daß diese Leute auch gar kein Nationalgefühl haben. Da plagt man sich für dieses Pack ab, um Deutschland wieder flott zu machen, und was tun se? … Manchmal ist einem das alles bis da … An dem letzten Posten Jute hab‘ ich übrigens ganz nett verdient … Wenn diese Angestellten nur einen endlich mit ihren ewigen Lohnforderungen verschonen wollten … Sie, halt, was ist das, Hindenburg hat die Mehrheit? Geben Se so’n Wisch her … Na, Gott sei Dank. Was hab‘ ich Ihnen gesagt? Endlich mal ’n Lichtblick … Daß ich’s nicht vergesse, wollen Se morgen abend nich mitkommen in die Oper, ich hab‘ noch ein Billet … Wie, Sie verstehen nicht viel davon? Ich auch nicht, aber Gott man muß sich doch mal wieder zeigen. Sonst geht immer meine Frau hin mit dem Lachwitz. Schneidiger Kerl, was? … Ist natürlich immer noch bei der Reichswehr; „zuverlässiger“ Republikaner … Na, hören Se; Sie werden nicht klug aus ihm? Der ist doch zuverlässig, auf den können wir uns doch verlassen … Ober, nu lassen Se mal ’n nationales Stück spielen … Das mit ‚m Hindenburg war gar kein schlechter Einfall. Fabelhaft militärisches Auftreten. So was zieht immer noch, trotz dieser Republik. Wir können doch nich ewig auf dem Bauch rutschen. Denen werden wirs schon noch zeigen … Aufstehen, das Flaggenlied! Sehen Sie, das sind Augenblicke … Was? Der Kerl da drüben bleibt sitzen? Raus mit dem Halunken! Jedenfalls einer von auswärts. Na, der ist aber geflogen … Ober, Ober … Da sitzt man nu eine Viertelstunde bei leeren Gläsern … Aber Se wollen doch im Ernst nicht schon gehen? Trinken Se noch ein Fläschchen mit … Ach so, Se wollen noch da rüber ins Kabarett! Ist denn was los da? … So, tolle Nummer? Ach nein! Dann komm‘ ich natürlich mit … Die Ragetti ist da? Sie, das ist doch nicht die, wo früher im Odeon aufgetreten ist? … Die ist’s? Warum haben Se das bloß nich früher gesagt? … Ist denn auch ’n guter Komiker da? Wissen Se, so einer mit politischen Pointen. Na, wie der neulich im Trocadero den Ebert veräppelt hat, ich kann Ihnen bloß sagen, ich hab‘ mich schief gelacht … Wissen Se, das mit dem Barmatstunk hat nun auch ein Ende. Ist ja ’ne Schande. Heut‘ kann ja jeder Ostjude einem die besten Geschäfte wegschnappen … Hindenburg wird schon ausmisten … Wegen den Amerika-Krediten haben Se Angst? … Na, die Kerls sind ja momentan etwas belämmert, aber nur recht forsch aufgetreten, dann werden diese Newyorker Juden schon Respekt bekommen … Bin gespannt auf die Ragetti. Die Blonden haben mich von jeher verrückt gemacht … Und jetzt, wo der Hindenburg, meinen Sie? Natürlich, da kann man sich mal ’n vergnügten Abend leisten … Da sind wir ja schon. Ich glaube die spielen eben das Deutschlandlied! … Na, da kommen mer ja gerade recht … 

    1925, 18 · hm 

  • Unsere Schuld

    Unsere Schuld

    — Jg. 1925, Nr. 46 —

    „Wir“, denen diese Zeilen gelten, das ist ein sehr erheblicher Teil des gebildeten deutschen Mittelstandes. Wenn wir am Jahrestage der deutschen Revolution darnach gefragt haben, was aus den „Revolutionserrungenschaften“ geworden ist, so hat die Antwort nur lauten können: nichts. Zwar, daß uns die deutsche Republik finanziell besser stellen werde als früher, darauf hofften wir vernünftigerweise selbst nicht; nur hätten wir gewünscht, daß die Lasten des verlorenen Krieges etwas gleichmäßiger auf alle Schultern verteilt worden wären, als es in Wahrheit geschehen ist. Aber auch die kostbarsten Güter, die uns die neue Zeit zu schenken versprach und um derentwillen gerade wir auf manche sonstigen Vorteile verzichtet hätten: Gerechtigkeit in der staatlichen Verwaltung und Freiheit der persönlichen Überzeugung, auch sie sind in der „freiesten Republik der Welt“ so stark gefährdet wie nur je in den Zeiten der Monarchie.

    Es ist sehr bequem, aber weder ehrlich noch zweckmäßig, die Schuld an diesen jämmerlichen Zuständen allein außer uns zu suchen. Laßt uns etliche Jahre zurückdenken!

    Wir waren gute Patrioten. Der Krieg hatte die meisten von uns schonungslos an die Front gejagt. Der „Unabkömmlichen“ gab es wenig in unsern Reihen. Warum auch? Der Staat war uns nicht verpflichtet. Und wir waren durch das bürgerliche Ehrgefühl an ihn gekettet, das er zur rechten Zeit noch dadurch zu kitzeln verstand, daß er uns in den Glorienstand seiner Offiziere erhob. So gingen wir für ihn durch dick und dünn und wehrten uns bis zuletzt gegen das Gefühl, daß er uns, daß er das ganze deutsche Volk schändlich betrogen habe, obwohl unsere Erfahrungen daheim und draußen immer eindringlicher davon zeugten. Dann kam die Revolution. Im ersten Augenblicke schien uns alles zusammenzubrechen, was bisher fest gestanden, was auch unser Leben getragen hatte. Wir glaubten den Stoß gegen uns gerichtet. Dann begannen wir zu überlegen, wurden aber auch jetzt noch von den zwiespältigsten Empfindungen gequält. Wollten wir uns, überwältigt von dem ungeheuren Glücksgefühl des Zauberwortes „Frieden“, der neuen Bewegung begeistert in die Arme werfen, so stieß sie uns im selben Augenblicke durch ihre Begleiterscheinungen, losgelassene Verbrecherbanden und geplünderte Magazine, zurück. Allerdings erkannten wir bald, daß dieses zügellose Chaos eine ganze Welt an neuen Ideen gebären wollte, deren Kühnheit und Größe unsern Herzschlag stocken ließ. Wie Frühlingsstürme umwehte es unsern Geist. Nun mußte alles hinweggefegt werden, was niedrig und häßlich im Leben gewesen war. Aber wir schauten dem Kampf der Geister untätig zu. Wir warteten darauf, daß andere uns die Freiheit brächten. Wir verstanden die flehenden Rufe der Kämpfer nicht, die uns um Unterstützung baten. Wir stellten uns nicht zur Verfügung, als es galt, die muffigen Amtsstuben von den Geheimräten zu säubern. Statt dessen machten wir billige Witze über die Schuster und Schneider als Minister und hatten ein heimliches Wohlgefallen daran, daß diese Republik, die gekommen war, ohne uns zu fragen, nun ohne uns in Nöte geriet.

    Wir erkannten zu spät, daß ihre Nöte auch unsere Nöte waren. Das kühne, himmelanstrebende Dach, das sie auf den brüchigen alten Mauern aufbauen mußte, droht auch in seinen letzten Teilen einzustürzen und uns unter sich zu begraben. Können wir an einen Neubau denken? Nur, wenn wir von unten, wenn wir bei uns selbst anfangen.

    1925,46
    Gerhard Ott

  • Dummes Zeug

    — Jg. 1925, Nr. 37 —

    Wenn mich mein Onkel früher vor den Sozialdemokraten warnen wollte, sagte er immer, das seien dumme Leute, die wollten alles teilen, und dächten nicht daran, daß es nach zehn, zwanzig Jahren noch wieder Reiche und Arme geben würde, weil es eben Faule und Fleißige gebe. Später sagte mir dann einmal ein sozialdemokratischer Abgeordneter, daß das ja gar nicht wahr sei, sie wollten gar nicht teilen, so dumm seien sie nicht.

    Heute muß ich gestehen, daß ich es gar nicht so dumm fände, und daß mich der Einwand meines klugen Onkels stark an jene Theorie erinnert, die besagt, man brauche die Stiefel nicht zu putzen, well sie ja doch wieder schmutzig würden. Wenn man alle Menschenalter einmal den Besitz etwas nivellieren würde (man könnte es, weiß Gott, ganz einfach: durch eine Erbschaftssteuer!), dann gäbe es wenigstens keine ganz Reichen neben ganz Armen. Es brauchen nicht alle gleich viel zu haben, das ist Unsinn; aber zu große Besitzunterschiede sind auch Unsinn. Eben weil die Menschen ungleich sind, sollen sie gleichen Start haben; und der ist nur möglich, wenn die irdischen Güter nicht gar so ungleich verteilt sind.

    Die alten Juden, von denen wir manches übernommen haben, was weniger wichtig ist, sollen eine sehr vernünftige soziale Einrichtung gehabt haben: das Hall- oder Jubeljahr. Es kehrte alle 50 Jahre wieder; und in ihm wurden alle Sklaven frei und alle Schulden hinfällig.

    Nebenbei: Ich würde zu gern auch in der Parteipolitik ein solches Halljahr einführen. Da müßten alle Parteien aufgelöst und alle Abgeordneten für zehn Jahre nicht wieder wählbar werden. Es gäbe dann neue Abgeordnete, und diese könnten neue Fraktionen und neue Parteien gründen. 1918 hätte ein solcher Termin sein sollen. Aber wahrscheinlich ist das ein dummer Gedanke, wie der vom „Teilen“. Ich will also lieber jetzt das Maul halten.

    1925, 37

  • Justizopfer: Heinrich Wandt

    Justizopfer: Heinrich Wandt

    — Jg. 1925, Nr. 24 —

    Vor einigen Jahren gab es in Berlin ein politisch linksstehendes Blatt, das nicht gerade zu den erfreulichsten Erscheinungen der deutschen Presse gehörte, weil es nämlich seinen Beruf u. a. darin sah, Skandale aus dem Leben der „Gesellschaft“ auf unschöne Weise ans Licht der Öffentlichkeit zu bringen. Überschrift wie „Das Liebesnest in der Budapester Straße“, „Der Nuttenmarkt auf dem Kurfürstendamm“, „Der Herr Direktor mit der Reitpeitsche“ und andere Rosinen dieser Art waren an der Tagesordnung. Selbst, wenn man annimmt, diese saftigen Saucen wären einzig in der Absicht aufgetischt worden, möglichst viele Zeitgenossen zur Lektüre der den übrigen Teil des Blattes ausfüllenden pazifistisch-radikalen politischen Artikel zu verführen, kann man nicht Ja und Amen dazu sagen. Denn wenn auch in der Politik der gute Wille das Mittel bis zu einem gewissen Grad heiligen kann, so schädigt das schlechte Mittel doch immer den Zweck, weil diejenigen angelockt werden, denen das miese Mittel eigentlicher Zweck ist, während die andern, auf die es dem Werbenden in Wirklichkeit ankommt, vor dem stinkenden Köder schauernd entweichen.

    Diese „Freie Presse“ und besonders ihr Redaktor Heinrich Wandt waren natürlich der Justiz unserer „Republik“ ein Dorn im Auge, weniger — das versteht sich am Rande — wegen der Skandalartikel, als wegen der politischen Richtung. Man war furchtbar scharf darauf, den Mann bei erster Gelegenheit am Wickel zu nehmen. Diese Gelegenheit ließ nicht lange auf sich warten: Wandt ließ ein Buch erscheinen mit dem Titel „Etappe Gent“, in dem er mit genauen Namens- und Datumsangaben eine Reihe jener typischen Fälle aus dem schweren Leben hinter der Front schilderte, die, wer im Krieg war, aus Erzählungen und persönlichen Einblicken kennt. Dabei passierte es, daß er irgend einem der Prinzen Reuß — die ja alle Heinrich heißen und sich nur durch ihre Nummern unterscheiden — etwas in die Schuhe schob, was ein anderer seiner Sippe getan hatte. Der irrtümlicherweise in dem Buch statt Heinrich dem Sechsundneunzigsten genannte Heinrich der Siebenundneunzigste klagte wegen Beleidigung, und Wandt, der seinen Irrtum sofort eingestanden und versichert hatte, er habe nicht den Kläger, sondern den andern gemeint, bekam ein halbes Jahr Loch.

    Aber die Justiz ruht nicht, bis sie ihr Opfer so am Kragen hat, daß es sich auch wirklich lohnt. Sie sucht, sucht und findet. Und im Jahr 1923 hatte sie, was sie brauchte.

    Da hat sich nämlich Wandt einmal der Hehlerei schuldig gemacht. Jemand hat aus dem Reichsarchiv eine Urkunde gestohlen, die einen Beitrag zu der von uns während des Kriegs getriebenen Flamenpolitik darstellte, und hat sie Wandt übergeben. Für diese Hehlerei bekam Wandt zwei Jahre Gefänignis. Die Strafe wurde aber mit einer anderen von fünf Jahren Zuchthaus wegen „Landesverrats“ zu einer Gesamtstrafe von sechs Jahren Zuchthaus zusammengezogen. Seit dem Dezember 1923 ist Wandt im Zuchthaus.

    Wie steht es nun mit diesem „Landesverrat“? Es handelt sich um das gleiche Dokument, wegen dessen die überaus schwere Strafe von zwei Jahren Gefängnis für Hehlerei ausgesprochen wurde. Diese Urkunde nämlich soll Wandt nach Annahme des Reichsgerichts — er selbst bestreitet es — dem belgischen Schriftsteller Dr. Wullus übergeben haben, der sie 1921 in einem Buch „Flamenpolitik, Suprême espoir allemand de domination en Belgique“ abgedruckt hat.

    Der Inhalt ist, wie Senatspräsident Freymuth in der „Friedenswarte“ angibt, die Niederschrift der Vernehmung eines in deutsche Gefangenschaft geratenen Führers der Flamenpartei durch einen deutschen Hauptmann. Die Vernehmung hat am 24. September 1918 stattgefunden.

    Daß während des Krieges die maßgebenden deutschen Stellen den flämischen Autonomisten Freundschaft und Hilfe gewährt haben, ist kein Geheimnis. In dieser Urkunde steht zu lesen, daß das Endziel der Politik der „aktivistischen Frontpartei“ im belgischen Heere die Errichtung eines selbständig verwalteten Flanderns innerhalb eines freien Belgiens und die Herbeiführung eines Verständigungsfriedens zwischen diesem Belgien und Deutschland sei. Also eine Forderung, die weder die Flamenbewegung bloßstellen konnte (denn der hat man in Belgien ja noch viel schlimmere Ziele zugetraut) noch die deutschen Behörden (oder diese doch höchstens vor den deutschen Annexionisten, die ganz Belgien mit Haut und Haar auffressen wollten).

    Trotzdem hat das Reichsgericht die — angenommene, nicht bewiesene — Weitergabe dieses Dokuments an einen ausländischen Schriftsteller als Landesverrat mit fünf Jahren Zuchthaus bestraft. Dr. Wullus hat in einem offenen Brief vom 23. März 1924 und neuerdings in einem Brief an das (belgische) Justizministerium und einer Notiz in der „Nation Belge“ vom 3. April 1925 versichert, daß Wandt an der Weitergabe des Schriftstückes unschuldig sei.

    Besonders merkwürdig, ja geradezu haarsträubend, ist aber die Begründung des Urteils gegen Wandt. Wie der Abgeordnete Dr. Levi am 10. März 1925 im Reichstag mitgeteilt hat, ist das Reichsgericht bei der Verurteilung von folgender Erwägung ausgegangen: „Maßgebend ist, daß durch den Verrat des Schriftstücks zugleich die belgischen Persönlichkeiten verraten worden sind, mit denen die deutsche Regierung während des Krieges in Verbindung getreten war. Sollte unsere Regierung einmal in die Lage kommen, für ihre Zwecke jener Männer von neuem sich bedienen zu müssen, was bei einer Veränderung der gegenwärtigen politischen Lage leicht eintreffen könnte, so würde ihr das durch diesen Verrat bedeutend erschwert werden.“

    Diese Begründung spricht nichts weniger aus als die Hoffnung, daß wir eines Tages wieder in die Lage kommen könnten, mit Belgiern gegen ihre Regierung zu konspirieren — und wäre das wohl möglich ohne einen neuen Krieg? Oder sollten die für diese Sätze verantwortlichen Herren gar eine Förderung flämischer autonomistischer Bewegungen durch unsere Regierung auch in Friedenszeit in Erwägung ziehen? So dumm werden doch wohl weder sie noch unsere regierenden Stellen sein!

    Auf alle Fälle: hier ist vom Reichsgericht, nicht von einem bayerischen „Volksgericht“, ein Mensch wegen Landesverrats verurteilt worden, ohne daß seine Schuld erwiesen wäre und unter einer Begründung, die dazu angetan ist, nicht nur im Inland, sondern auch im Ausland starke Zweifel an der loyalen Gesinnung Deutschlands zu erregen.

    Schleunige Revision ist zu fordern. Und bis dahin Freilassung des Verurteilten. Wandt ist seit Dezember 1923 im Zuchthaus. Selbst wenn die Hehlerei keinem Zweifel unterliegt, hat er die für sie ausgesprochenen zwei Jahre Gefängnis durch die erlittene Zuchthaushaft von anderthalb Jahren verbüßt. Er hat außerdem neun Monate in Untersuchungshaft gesessen. Wenn man ihm aber nicht sein Recht gewähren will, so schenke man ihm Gnade.

    1925, 24 Max Barth

    Heinrich Wandt ist im Februar 1926 begnadigt worden, und zwar wegen der „Beunruhigung“, die der Fall Wandt in Belgien hervorgerufen habe.

  • Kirchensteuern

    — Jg. 1925, Nr. 38 —

    Ein Schauspiel für Götter: das evangelische Volk jammert über seine Kirchensteuern.

    Früher, als diese gottlose Trennung von Staat und Kirche noch nicht in der Verfassung verankert war, hat es nämlich fast gar nichts gekostet, evangelischer Christ zu sein. Die paar Groschen zahlte man mit einem schlechten Witz. Was die Mutter Kirche brauchte, hatte im übrigen der Vater Staat aufzubringen.

    Jetzt ist die „Trennung“ da. Infolgedessen bekommt die Kirche vom Staat bloß noch lumpige paar Millionen. Damit kann sie doch nicht auskommen! Sie muß sich wohl oder übel an ihre lieben Kinder wenden. Die finden das unerhört; schimpfen im Wirtshaus; schicken ein „Eingesandt“ an die Presse; behaupten, sie werden diesmal aber keinen Pfennig zahlen.

    Schämt euch! Wollt ihr denn die Segnungen eurer Kirche, irdische und gar schließlich noch himmlische, umsonst genießen? Was glaubt ihr, was die vielen Pfarrer, die standesgemäß leben sollen, für Geld kosten? Vergeßt bitte nicht, daß es lauter Akademiker sind, die um schweres Geld haben studieren müssen. Sollen studierte Herren, womöglich Reserveoffiziere, heutigentags etwa von Heuschrecken und wildem Honig leben, oder nicht wissen, wohin sie samt Frau und Kindern ihr Haupt hinlegen sollen? Wißt ihr nicht, daß sie einen schweren Beruf haben, sogut wie täglich arbeiten müssen, ungerechnet die vielen Seelenkämpfe, die sie mit sich selber ausfechten?

    Zahlt nur, gute Leute. Nachher wird’s euch dann leichter sein. Von wegen: keinen Pfennig — da könnt ihr euch nämlich brennen. Ich weiß Fälle, da war einer eurer Glaubensbrüder im Rückstand mit der Steuer; flugs kam der Gerichtsvollzieher und holte an Hausrat, was entbehrlich schien. Im Namen — des Gesetzes.

    Eins will ich euch sagen: nächstes Jahr wird die Kirchensteuer vielleicht noch ein bißchen saftiger ausfallen. Da könnt ihr dann erst recht zeigen, daß ihr für eure liebe Kirche auch etwas zu opfern imstande seid.

    Ihr tut’s ja freiwillig. Wem’s nicht paßt, der kann austreten.

    1925, 38 Kazenwadel

    Das Christentum wurde von einem Juden begründet und der neudeutsche Antisemitismus von einem Hofprediger.

    1922, 5 Mauthe

  • Fantasien eines Ochsen

    — Jg. 1925, Nr. 4 —

    In den großen Schlächtereien von Chicago werden täglich viele Tausend Ochsen und Schweine geschlachtet. Der Betrieb ist so großartig organisiert, daß man fast sagen kann: am einen Ende werden die lebenden Tiere hineingetrieben und am andern kommen die fertigen Würste, Schinken und Stiefel heraus. Die Ochsen werden in einem großen Kral zusammengetrieben und von dort durch einen langen Doppelzaun in das Schlachthaus.

    Es zeigte sich nun, daß die Tiere, wenn sie das Blut ihrer geschlachteten Brüder witterten, sehr schwer vorwärts zu treiben waren. Es mußten dazu zahlreiche hochentlohnte Viehtreiber angestellt werden. Die Amerikaner dressierten deshalb einen alten Leitochsen, die Herde ins Schlachthaus zu führen. Für ihn öffnete sich neben der Tür des Schlachthauses ein behaglicher Stall, in dem er weiche Streu und gutes Futter fand. Der amerikanische Volksmund hat diesen Ochsen „Judas“ getauft.

    Eines Abends, als Judas bereits in den Kral getrieben war, entstand im Schlachthaus eine Betriebsstörung. Die Schlachtung mußte unterbrochen werden. Die Nacht sank über Chicago, und Judas schlenderte von Gruppe zu Gruppe seiner Kameraden. Die meisten dösten dahin, wie Ochsen zu dösen pflegen; nur in einer Gruppe debattierte man lebhaft.

    Ein junger, nur mäßig genährter Ochse sprach: „Wir sollten gegen das Schlachten gewaltsam vorgehen. Wenn wir mit vereinten Kräften gegen den Zaun rennen, dann werden wir die Freiheit gewinnen. Das Land hier gehört ohnehin uns und nicht den Menschen. Unsere Voreltern streiften hier als freie Büffel und nährten sich von dem schmackhaften Steppengras.“

    „Sehr schön“, antwortete ein anderer, „das würde uns aber nichts nützen, denn hier in der Gegend wächst längst kein Gras mehr; wir würden verhungern oder von Verkehrsmaschinen zermalmt werden; außerdem schmeckt das Kunstfutter, das man uns reicht, ja viel besser als das langweilige Gras.“

    „Das aber immer noch besser als das Schlachtbeil“, fiel ein Dritter ihm ins Wort. Und dann ein Vierter: „Gewiß, Spaß macht es nicht, geschlachtet zu werden; aber das hilft ja alles nichts, man hat immer Ochsen geschlachtet, man wird weiter Ochsen schlachten, darum hat es gar keinen Zweck, daß wir uns dagegen sträuben.“

    „Sehr richtig“, fiel ein Fünfter ein, „außerdem ist die Sache glänzend organisiert. Die Maschinen sind technisch vollendet, bereiten kaum mehr Schmerz, und schließlich ist es doch eine große Ehre für einen einfachen Ochsen, als Hauptstück auf der Tafel eines wahren Menschen- und Tierfreundes zu stehen.“

    Als Judas sich dies Gespräch ein wenig angehört hatte, wurde er nachdenklich. Wenn der erste Redner etwa seine Gewaltpläne unter die anderen Ochsen trüge, könnte es sein, daß man ihn, den braven Leitochsen, als ungeeignet selbst zum Schlachthaus triebe, und dann ade, schöner warmer Stall und schmackhaftes Futter.

    Darum winkte er die beiden letzten Redner zu sich und schlug ihnen vor, ein Nachrichtenbüro für Ochsen und eine Tageszeitung zu gründen; für die Finanzierung würde die Schlachthofdirektion sicher sorgen.

    Als die Sonne blutrot über dem Michigansee emporstieg, war drinnen die Betriebsstörung behoben; und als der Aufseher nach Judas rief und mit der Futterkiepe klapperte, da trollte Judas schleunigst fürbaß und brüllte dazu, wie Ochsen zu brüllen pflegen, wenn ihnen gutes Futter winkt.

    Die anderen Ochsen aber trollten hinterher, — sogar der, der eigentlich gewaltsam ausbrechen wollte. Denn schließlich wollte er von den anderen nicht für einen Renegaten gehalten werden. Das war nämlich damals der schlimmste Vorwurf, den man einem Ochsen machen konnte.

    1925, 4 Paul von Schoenaich

  • Ein Märtyrer

    Ein Märtyrer

    — Jg. 1925, Nr. 8 —

    Am 21. Februar [1925] sind es sechs Jahre her, daß Kurt Eisner ermordet worden ist.

    Vielleicht — ich weiß nicht — wird einmal eine Zeit sein, wo man in Deutschland diesen Tag als Gedenktag feiern wird.

    Heute geschieht das natürlich nicht. Wie sollte man auch? Kaum die Parteigenossen des Toten werden durch ihre Presse auf das Datum aufmerksam gemacht werden. An bürgerlichen Stammtischen ich aber spuckt man aus, wenn der Name fällt; man hält seinen Träger für einen Schuft, einen gemeinen Kerl, einen Vaterlandsverräter. Sein Mörder erfreut sich der Freiheit und besten Ansehens, hat wahrscheinlich sogar ein gutes Gewissen, in der Überzeugung, einen jüdischen „Schädling“ beseitigt zu haben. Wie Haase, wie Landauer, wie Rosa Luxemburg.

    Märtyrerschicksal. Schande für die Lebenden, nicht für die Gemordeten. „Wer schweigt, nimmt teil an der Schande.“ Darum soll hier heute ein Wort der Hochachtung für Kurt Eisner stehen.

    Nicht weil er etwa ein „großer Mann“ gewesen wäre. Er war ein guter Literat, aber ein schlechter Politiker. Weltfremd, unpraktisch, ohne Menschenkenntnis, ohne den Willen zur Macht. Ich glaube, er hat das selber empfunden; und wäre wohl nie auf den Gedanken gekommen, bayerischer Ministerpräsident werden zu wollen, wenn — ein Besserer dagewesen wäre.

    Er hat sich bewußt geopfert, weil er es für seine Pflicht hielt. Denn das war er: ein Charakter. Ein Mann mit dem Mute zur Wahrheit; einer, der wirklich eine Gesinnung, eine Überzeugung hatte, die ihm gebot, gegen Unrecht und Unterdrückung zu kämpfen; und dem Gewissensgebot unbedingte Richtschnur war, vor der alle anderen Rücksichten, und gerade die auf eigene Person und Familie, zurück zutreten hatten. Es war kein Zufall, daß er damals anno 18 aus dem Gefängnis, nicht aus irgend einer Pfründe heraus an die Spitze der Münchener Revolution trat.

    Gäbe es in der deutschen Politik von heute viele solcher Männer, die wie Eisner bei der Übernahme eines Amts nicht darnach fragen würden, ob sie nun pensionsberechtigt sind, — dann wäre sie sicher nicht das anrüchige Gewerbe, als das sie sich verschreien lassen, muß.

    Unsere Tragik: wir haben zwar charaktervolle Männer, aber sie sind keine Politiker. Und wir haben Politiker, aber mit zu wenig Charakter. Die richtige Legierung fehlt.

    1925, 8 | Erich Schairer