— Jg. 1926, Nr. 14 —

Karl Hau ist tot. Gottes Mühlen mahlen langsam; aber die der bürgerlichen Gerechtigkeit mahlen sicher. Im Jahre 1907 hat man ihm das Leben abgesprochen: aber Totgesagte leben lange; er wurde begnadigt und hat es 17 Jahre im Zuchthaus ausgehalten. Dann, vor anderthalb Jahren, ist er weiterer „Gnade“ teilhaftig geworden: man hat ihn entlassen, hinausgelassen in das Leben. Es war ein ganz anderes geworden, während er unter den Begrabenen gesteckt hatte. Luftschiff, Flugzeug, Weltkrieg, Republik, Radio, Jazzband, Bubikopf — er war fremd; alles war anders. Er hat den Anschluß nicht mehr gefunden.

Vielleicht hätte er ihn gefunden, wenn er hätte Wurzel schlagen, sich in das neue Leben hineinleben, sich in die seelische, geistige und leibliche Unmittelbarkeit des modernen Getriebes hineintasten dürfen. Es ist ihm aber nicht beschieden gewesen. Mit dem Rechtsfanatismus eines Kohlhaas hat er sich daran gemacht, seine Reinigung zu betreiben. Obwohl er sich hätte sagen können, daß das, was er durchgemacht hat, mehr ist als die Reinigung, die eine etwaige nachträgliche Freisprechung hätte geben können. Daß er noch ein Plus, ein Guthaben hatte gegenüber dem Gerechtigkeits-„Soll“ dieser bürgerlichen Gesellschaft. Die Frage, ob er schuldig gewesen ist oder nicht, war völlig belanglos geworden — für die Welt. Er aber, sei es aus dem schmerzenden Bewußtsein heraus, ein halbes Menschenalter lang unschuldig gequält worden zu sein, sei es aus der Manie des Schuldigen heraus, der die fixe Idee seiner Unschuld fanatisch verficht, um in allererster Linie sich selbst zu überzeugen (weil er ohne den Glauben an seine Makellosigkeit nicht zu leben vermag) — hat sofort den hartnäckigen Kampf um seine Rehabilitierung aufgenommen. Er konnte nicht vorwärts schauen, weil er keinen Grund unter den Füßen spürte. Er schaute zurück und suchte den längst in den Abgrund gestürzten Boden, auf dem er wieder Fuß fassen zu können hoffte.

Und dieses fiebernde Bemühen, die Welt zum Glauben an sich und seine Unschuld zu zwingen, entzog ihm auch das letzte Fußbreit Erdboden, auf dem er hätte Atem schöpfen können zu neuem Ausschreiten: seine Bücher machten die bürokratisch-farisäerhafte Gesetzesgerechtigkeit wieder auf ihn aufmerksam. Der törichte Steckbrief wurde erlassen: der 17 Jahre lang begraben gewesen war, sollte aus dem Licht wieder zurück gezwungen werden in die Düsternis des Kerkers. Hau floh.

Er wurde unstet. Ging nach Italien, suchte eine Möglichkeit sein Leben zu fristen, fand nichts, brach zusammen, verzweifelte und wurde schließlich als unbekannter Toter, oder vielmehr als unbekannter Sterbender — denn er röchelte noch — ins Krankenhaus Tivoli in der Nähe von Rom eingeliefert. Starb. Ursache: Schlaganfall oder Gift, mit 99 v. H. Wahrscheinlichkeit: Gift.

Aber war das wirklich die Ur-Sache, der Ur-Grund, daß dieses Leben so sinnlos ausgehen mußte, daß dieser Mensch, der, als er das Zuchthaus verließ, voll Gier nach dem Leben war, nur in die Welt zurückgekehrt ist, um sie gleich freiwillig zu verlassen? Die wahre Ursache hat doch wohl in ihm selbst gelegen; aber er hätte vielleicht doch noch seinen Platz, seinen Raum, seinen Daseinszweck gefunden, hätte nicht eine kurzsichtige Justiz wieder einmal den tötenden Buchstaben des kodifizierten Rechts über den lebendigmachenden Geist der Gnade siegen lassen.

1926, 14 Max Barth

Karl Hau ist im August 1924 aus dem Zuchthaus in Bruchsal entlassen worden, nachdem er versprochen hatte, seinen Fall ruhen zu lassen. Als er diese Zusage nicht hielt und deshalb wieder verhaftet werden sollte, hat er im März 1926 in Italien Selbstmord begangen.

Am 3. August 2026 waren 70 Jahre seit dem Tod des Journalisten und Zeitungsherausgebers Erich Schairer im Schorndorfer Krankenhaus vergangen. Anlass, um die hier vorliegende, vor bald 30 Jahren begonnene Internetpräsenz etwas aufzufrischen. Hier publiziert sind Beiträge aus der 1920 von Erich Schairer in Heilbronn zunächst als „Die Heilbronner Sonntags-Zeitung“ gegründeten Wochenzeitung. Der Karikaturist Hans Gerner unterstreicht ab ca. 1925 mit seinen scharfen Holzschnitten den Kurs Erich Schairers „…gegen Kirchentum, Kapitalismus, Krieg und Gewaltherrschaft, für Geistesfreiheit, Gemeinwirtschaft, Gerechtigkeit und Frieden“. Ergänzend zu den Artikeln aus der Sonntags-Zeitung – deren Autoren mit einem * gekennzeichnet sind – wurden zahlreiche im Zusammenhang mit Erich Schairer stehende, von Zeitgenossen bzw. Nachkommen verfasste Beiträge in die hier vorliegende Sammlung aufgenommen.

Carl Hau