Schlagwort: Max Barth

  • Hitler stößt vor

    — Jg. 1931, Nr. 50 —

    Herr Hitler rüstet sich zur Thronbesteigung. Er predigt seinen ungeduldigen Scharen noch einmal Geduld; die fälligen Pogrome müssen noch einmal ein wenig hinausgeschoben werden. Er designiert seinen Botschafter für das Land, das seine Seele sucht, das heilige Land des Faschismus: Prinz Waldeck-Pyrmont soll als sein Vertreter nach Rom. Er schickt seinen Herrn Rosenberg nach London, läßt ihn um gut Wetter bitten und seinen baldigen höchsteigenen Besuch anmelden. Und er geht selbst an die Front: er redet selbst.

    Im Hotel Kaiserhof zu Berlin hat er die Vertreter der englischen und der amerikanischen Presse empfangen und ihnen versichert, daß die Nazis nicht so schlimm seien, wie sie sind. Zum Beispiel wollten sie, wenn sie erst an der Spitze seien, die Privatschulden bezahlen. Was das Boxheimer Dokument betreffe, so sei es „eine Arbeit einer Privatperson, die unter Beteiligung eines Spitzels, der sie später der Polizei auslieferte, zustandegekommen“ sei. Er, Hitler, sei legal, besonders, da man ja sozusagen schon mit einem Bein in der Regierung stehe. Kein Zweifel, sagt er, wir kommen dran; jetzt oder in zwei, in fünf oder zehn Monaten. Die kommunistische Gefahr, sagt er, ist furchtbar; ihr könnt froh sein, daß wir Nazis da sind. Aber habt keine Angst: die SA sollen unter unserer Regierung weder zur Polizei noch zur Staatsmiliz werden, sagt er, sie sollen nur wie bisher „dem Schutze der Partei“ dienen. Sie sind sein Abwehrmittel gegen einen sozialistischen oder kommunistischen Aufstand. Sagt er, und die deutsche Arbeiterschaft hat’s gehört und sich gemerkt: der Oberosaf höchstselbst hat ausländischen Vertretern kapitalistischer Interessen versichert, daß die SA nicht gegen das Kapital, sondern nur gegen die Arbeiter marschieren sollen. Weil sie „zuverlässiger“ seien als das Heer und die Polizei.

    So also nimmt der (staatenlose?) Österreicher Hitler die diplomatischen Beziehungen mit dem Ausland auf, als wär er schon Duce Deutschlands. Freundliche Beziehungen zum ausländischen Kapital sind ihm wichtig; die zum deutschen Proleten sind kaum herzlich zu nennen.

    Es scheint verschiedenen Meldungen nach sicher zu sein, daß Hitler in Berlin nicht nur mit den englischen und amerikanischen Zeitungsmännern Fühlung gesucht und gefunden hat, sondern auch mit dem Zentrum und mit Vertretern der „Wirtschaft“. Außerdem hat er offenbar direkt oder indirekt mit dem General Schleicher — dem er ja kein Unbekannter war — verhandelt.

    Auf der Rechten scheint man sich einig zu sein. Und links? Ist die Einheitsfront im Werden? Rüstet sich die SPD zum Widerstand?

    Nein. Kein Zweifel, daß die Massen der sozialdemokratischen Arbeiter den Wunsch haben, gemeinsam mit ihren Klassengenossen gegen den Faschismus Front zu machen. Aber wer fragt nach den Massen? Die „Welt am Montag“ behauptet zwar, der Mann, der in einem kommunistischen Blatt geschrieben hat, der Parteivorstand der SPD habe sich bereits für eine „nationale Regierung“ von Braun bis Hitler entschieden, habe sich die Meldung aus den unsauberen Fingern gesogen.

    Aber hat nicht Severing den Hakenkreuzlern in öffentlicher Versammlung (in Leipzig) geraten, ihre Terrormethoden aufzugeben: „Das ist die einzige Grundlage, auf der wir uns einigen können und die zu einem Wiederaufstieg Deutschlands führen kann.“ Was ist das anders als ein Tolerierungs-, wenn nicht gar ein Bündnisangebot?

    Und hat nicht der „Vorwärts“ vom 3. Dezember in einem großen Artikel ausgeführt, daß die Koalition mit Hitler nicht ohne weiteres prinzipiell abzulehnen sei. Es komme darauf an, wie innerhalb der Koalition die Kräfte verteilt seien. Und das deutsche Volk habe dann ja nach spätestens vier Jahren die Möglichkeit, den Faschismus abzuschaffen: durch — Neuwahlen!

    Darf man nach solchen Äußerungen hoffen, daß die Führer der SPD den Entschluß finden werden, gegen den Faschismus und gegen Hitler Ernst zu machen? Nein. Die SPD ist kein Bollwerk gegen den Faschismus.

    Ein Bollwerk, ja, mehr als das: die einzige Kampftruppe, die fähig ist, Hitler und sein volksverräterisches System zu erledigen, ist die Arbeiterschaft. Aber ihre Einigung kann nur von unten kommen. Nur im aktiven Zusammenwirken der Proleten beider Lager liegt der Sieg. In der Einheitsfront des Proletariats wird man, wenn nur die richtigen Parolen ausgegeben werden, nicht nur die sozialistischen und kommunistischen Arbeiter finden, sondern auch die Schar der unorganisierten und einen großen Teil der christlichen.

    Wenn die Arbeiterschaft einig und geschlossen ist, wird kein Naziheer sie besiegen. Wie die Einheitsfront herzustellen ist, ist das wichtigste und ernsteste Problem unserer Tage. Vielleicht hebt Hitlers volksfeindliche, kapitalfreundliche Attacke auf die Macht die proletarische Einheitsfront aus der Taufe. Dann hätte sein Dasein einen geschichtlichen Sinn erhalten.

    1931, 50 · Max Barth

  • Eine vorbildliche Familie

    — Jg. 1931, Nr. 10 —

    Ich weiß nicht, was die Leute immer über die schlechten Zeiten zu klagen haben, das ist doch alles übertrieben, wissense, die sind eben mit nichts zufrieden, ich zum Beispiel kenne da eine gewisse Familie, die kommt ganz schön aus, sie lebt vom Existenzminimum und kann alle Einnahmen, die darüber hinausgehen, auf die hohe Kante legen. Ich will Ihnen mal ihren vorbildlichen Etat vorführen.

    Also es sind fünf Köpfe: Vater, Mutter, ein Bub von 14, ein Mädel von 7 Jahren und dann noch ein Setzling von anderthalb. Sehen Sie, die leben da glücklich und vergnügt in einer Zweizimmer-Wohnung; Küche ist natürlich dabei; aber von Zentralheizung und Warmwasserversorgung und solch kostspieligem Zeug ist seffaständlich keine Rede, die Leute sind halt noch vom guten, alten Schlag. Darum leben sie auch in einer Altwohnung — ist immerhin auch eine Ersparnis, wer den Pfennig nicht ehrt, und Raum ist in der kleinsten Hütte …

    Übrigens zahlen die Leutchen keinerlei Steuer, wozu auch; Steuern hat ja in Deutschland nur unsereins zu zahlen, und wie! — immer gleich in die Zehntausende, aber was die sozial tieferstehenden Schichten sind, die haben’s ja wie der Herrgott in Frankreich, und zahlt der vielleicht Steuern?

    Na, sie verdienen auch diese Vergünstigung, meine lieben Bekannten; denn die sind noch vom alten Schlag; da hat zum Beispiel die Frau bis vor sechs Jahren immer noch einen weißen Unterrock gekauft, jedes Jahr; den hat sie aber nun auch aufgegeben; was die Leutchen anziehen, sind wenige, aber gute Sachen: baumwollene Strümpfe die Frau, Flanellhemden der Mann und der Junge, schwarze Rindslederstiefel alle zusammen. Solid, aber gut. Die Stiefel werden zweimal im Jahr besohlt, nur die der Alten und der beiden größeren Kinder versteht sich; achtmal Schuhsohlen für fünf Personen — das langt.

    Was soll ich Ihnen noch erzählen? Ja, also Obst, Salat und dergleichen essen diese schlichten, vorbildlichen Menschen nicht; für Sport werfen sie kein Geld zum Fenster hinaus, und Tabak und Bier gibt’s nicht. Was die Bildung betrifft, so kommen sie mit vier Kinobilletten und vier Reclamheften im Monat aus; ist ja auch reichlich genug, was sollen schon solche Leute mit zum Beispiel Literatur! Zweimal im Jahr darf sich auch eins von den Fünfen die Haare schneiden lassen, natürlich tragen da die übrigen immer ein bißeben wilde Perücken herum, bis sie auch an der Reihe sind; aber das hält warm, schützt das Hirn und erspart Kopfbedeckung, wenigstens im Sommer, meinen Sie nicht auch? Der Vater läßt sich jeden Monat achtmal rasieren, fast jede Woche zweimal, trägt also auch auf diese Weise zur Verbilligung des Haushalts bei. Kurzum, es sind vorbildliche Staatsbürger, wenn nur alle, die immer so auf die Besitzenden schimpfen, sich nach ihnen richten würden. Wir brauchen Einfachheit und Bescheidenheit, brauchen wir, nehmse noch ein Brasil, ja? und einen Hennessy, bitteschön!

    Was sagense? Gäb’s nich, sone Familie? Da irrense aber, kann ich Ihnen flüstern: die gibt’s! Wissense, was der Reichsindex der Lebenshaltungskosten ist? Das ist die amtliche Berechnung des durchschnittlichen Existenzminimums. Und die Familie, von der ich Ihnen erzählt habe, ist diejenige, nach der unser Index berechnet ist. Die Etatsposten, die ich Ihnen da von meinen Bekannten erzählt habe, stammen aus dem Haushalt der amtlichen Indexfamilie. Was amtlich ist, das stimmt; und wenn amtlich ausgerechnet wird, daß die normale Familie so und so lebt, dann sollten Sie’s nicht besser wissen wollen. Vielleicht mehr: nehmse sich ein Muster, und noch’n Kognac.

    1931, 10 Mara Bu

  • Mann und Frau

    — Jg. 1932, Nr. 14 —

    Eine Hauptrolle unter den vielen Minderwertigkeits- und anderen Komplexen, auf denen die völkische Weltanschauung aufgebaut ist, spielt die Sorge um die Stabilisierung der sexuellen Herrschaft des Männchens.

    Die christliche deutsche Ehe liegt den Nationalsozialisten dringend am Herzen, denn in ihr hat der Mann in jeder Hinsicht das Heft in der Hand. Und so sehr die Frau als Stimmvieh geschätzt wird, so wenig hat sie nach nationalsozialistischer Auffassung in der Politik zu suchen, so wenig wird sie im Dritten Reich zu melden haben.

    In Versammlungen darf sie zwar gehen; aber auch nicht in alle. Schon gibt es „Werbeabende“ der Sturm-Abteilungen, auf deren Ankündigungen man an der Stelle, wo sonst den Juden der Eintritt verboten wird, steht: „Frauen haben keinen Zutritt!“

    Ist der Nazismus in mancher Hinsicht ausgesprochen römische Imitation, so sehen wir in seiner Stellung zur Frau ausgewachsenen Orientalismus sich breit machen. Die Verweisung der Frau in die Küche und ins Bett, d.h. ihre ausschließliche Bestimmung zu haushaltlieber und sexueller Funktion; die Ausschließung von politischen Rechten; die Abstempelung zum Besitzobjekt des Mannes, d.h. die Erzwingung streng monogamer Haltung der Frau (bei, nota bene, keinerlei Garantie für das gleiche Verhalten des Mannes); die geistige Unterernährung, die man der Frau zudenkt; die Absperrung von der Teilnahme an vielen Interessen des Mannes — das alles ist orientalisch. Diese Umgitterung der Welt der Frau, diese Verlötung durch Keuschheitsgürtel für Leib und Geist ist alttestamentlich und allgemein-östlich. […]

    Wenn die Völkischen konsequent wären, würden sie unter ihre Programmpunkte auch die Wiedereinführung des Harems aufnehmen. Die Frau gehört hinter Gitter; Schleier vors Gesicht; Eunuch vor die Tür! Dann kann der Mann draußen die Welt regieren, wie er sich das so vorstellt.

    Gottlob gibt es noch aufrechte Denker, die vor der letzten Konsequenz nicht zurückschrecken. Zwar hört man noch nicht die Forderung nach dem streng verschlossenen Frauengemach; aber immerhin ist schon ein völkischer Profet der Vielweiberei entstanden. Er heißt von Roithberg, ist Arzt und Rassenforscher, und hat im Hammer-Verlag eine Broschüre „Die ungenügende monogame Ehe“ erscheinen lassen. Es heißt in ihr:

    „Heute stehen unsere westeuropäischen Anschauungen und christlichen Eheauffassungen in direktem Widerspruche mit dem Willen des Schöpfers … In der Zeit, da das Weib nur ein Kind austragen kann, kann der Mann sehr viele Kinder erzeugen. Gott hat das mit voller Absicht getan, damit sich der tüchtige, im Leben und in der Arbeit sich bewährende Mann eher vermehre als der Krüppel, Untaugliche und Arbeitslose. Er will die Hinaufzucht unserer Rasse, und das ist bei doppelgeschlechtlichen Einzelwesen nur dann zu erreichen, wenn wenigstens von dem einen Teil der beiden Geschlechter nur die besseren zur Fortpflanzung kommen. Als diesen Teil hat Gott den Mann ausersehen und polygam erschaffen … Gott hat den Mann nicht nur physisch, sondern psychisch polygam gemacht; wäre er nur körperlich polygam und seelisch monogam, so wäre dies ein Widerspruch. Gott aber kennt keine Halbheiten; es ist alles wohl durchdacht.“

    Da ist die völkische Ideologie also auf streng legalem Wege ins Allerorientalischste gemündet: Der liebe Gott will’s! Und er weiß, was er tut; er „kennt keine Halbheiten“! Welch hohes Ziel beginnt da aufzuleuchten wie Montsalwatsch dem tumben Toren Parsifal: die Vielweiberei als sittliches Ideal und göttliche Forderung! Monogamie der Frau, Polygamie für den Mann! Juda ist überwunden: man ist schon bei Mohamed.

    Das ist die Weltanschauung, nach der sich Neudeutschland unbewußt gesehnt hat! Freie Bahn dem Tüchtigen! Nieder mit den entsittlichten Marxisten, die auch der Frau das zugestehen, was sie dem Mann gestatten! Und hoch die Lehre semitischer Wüstenstämme: erotische Freizügigkeit dem deutschen Manne, aber Harem und Kindbett den deutschen Frauen!

    1932, 14 Mara Bu

    Wunder der Statistik. In Nr. 38 der „Weltbühne“ bespricht Ozzo Lehmann-Rußbüldt die Statistiken über den Waffenhandel, die der Völkerbund herausgibt. Er entdeckt dabei neben manchen anderen auch folgende Merkwürdigkeit: Nach der chinesischen Einfuhrstatistik hat China im Jahr 1925 für 5,4 Millionen Dollar Waffen und Munition eingeführt, davon für 3 Millionen aus Deutschland; nach der deutschen Ausfuhrstatistik hat Deutschland im gleichen Jahr für 400.000 Dollar Waffen nach China ausgeführt. — Wo die Differenz geblieben ist, das können einem vielleicht ein paar Munitionsschieber und das Reichswehrministerium sagen.

    1929, 30

  • Theodor Lessing

    — Jg. 1926, Nr. 25 —

    In Hannover benehmen sich Studenten absichtlich, bewußt und systematisch wie Lausbuben, indem sie den Professor Theodor Lessing anflegeln, seine Vorlesungen stören, ihre eigenen Schulstunden schwänzen, um Versammlungen abzuhalten, ihr Pensum nicht lernen, Demonstrationsausflüge machen, Phrasen in die Welt posaunen, bei denen sie sich nichts gedacht haben und auch andere sich nichts denken können. Der Stahlhelm speist sie, die reaktionären Kücken anderer deutschen Hochschulen schicken ihnen Sympathiekundgebungen, halten auch Versammlungen ab, inszenieren Kundgebungen und verkünden tragisch und offiziell besondere Streiktage, an denen sie durch körperliches Fernbleiben aus den Hörsälen sinnfällig daran erinnern, daß sie auch sonst, mit dem, was man in ihren Kreisen Geist zu nennen beliebt, nicht dort sind. Und das alles aus Sympathie für ihre Mitarmen im Geiste. Böse Buben sympathisieren immer miteinander.

    Die ganze Studentenschaft der technischen Hochschulen in Deutschland nebst einiger Handelshochschulen, nebst einiger landwirtschaftlicher Hochschulen, nebst einiger „richtigen“ Universitäten, nebst einer erklecklichen Anzahl nichtakademischer Trottel schäumt, geifert, tobt gegen einen einzigen Mann. Einen Privatdozenten, einen Republikaner, einen Antimilitaristen, einen einfachen, aber klaren denkenden Menschen. Einen Juden.

    Und dieses kleine Jüdchen, das übrigens nicht einmal reinjüdischer Abstammung ist, evangelisch gewesen und freiwillig zum Judentum übergetreten ist, hat die Stirn, der entfesselten Meute der teutschen Jüngelchen, hinter denen hetzend die Rechtsparteien mit ihrer Presse, reiche Eltern mit ihrem Geld und mißgünstige Professoren mit ihrem Haß und ihrer Autorität stehen, zu trotzen, einfach zu trotzen. Er weicht nicht. Er will seine Stelle nicht aufgeben, obwohl sein Rektor ihm deutlich gesagt hat, daß er ihn nur ungern schützt, obwohl seine Kollegen aus Angst vor der angedrohten Schließung der Hochschule in einem Dokument der Schande von ihm abgerückt sind, und obwohl sogar der Magistrat der Stadt Hannover die Stirn gehabt hat, von ihm den freiwilligen Rücktritt zu verlangen.

    Was hat Lessing verbrochen? Nun, abgesehen davon, daß er Jude und der einzige der hannöverischen Professoren ist, dessen Name über Deutschlands Grenzen hinausgedrungen ist, hat er einige Bücher geschrieben, die eine in besseren Kreisen nicht geschätzte Weltanschauung enthüllen. Dann hat er in der Presse Berichte über den Fall Haarmann veröffentlicht, die dem Gericht und allen besseren Bürgern unsympathisch waren. Und schließlich hat er im Vorjahr, als die Kandidatur Hindenburgs propagiert wurde, im größten Blatt der Deutschen in der Tschechoslowakei eine psychologische Studie über Hindenburg geschrieben, die Linksgerichtete ihrer Mäßigung wegen in Staunen, die Reaktionäre aber, da sie nicht ins allgemeine Hurragebrüll paßte, in Rage versetzt hat.

    Daher also das Kesseltreiben der jeunesse dorée gegen Lessing. Das Toben der entfesselten Masseninstinkte gegen den Einen.

    Diese akademische Jugend von heute benimmt sich wie Mob, wie Janhagel. Es gab Zeiten, in denen die jungen deutschen Studenten sich opferten für eine große Sache. Da jeder von ihnen sich hingab, aufgab für das Allgemeine. Heute opfern sie sich nicht; heute wollen sie opfern: einen anderen, einen Einzelnen, auf dem Altar ihres Dünkels, ihrer politischen Verhetztheit, ihrer grünen Unverschämtheit. Damals, 1813, 1848, 1914 haben sich Studenten hingeworfen, bereit, unterzugehen für etwas großes — ja, auch 1914! Sie haben sich nicht wichtig gemacht, sondern sich freiwillig erniedrigt für die Sache, an die sie glaubten. Ob der Glaube ein guter, wahrer oder ein schlechter, trügerischer war, ist nebensächlich. Es war Demut, Dienstbereitschaft, Bescheidenheit und darum Größe in ihrem Handeln. Aber heute üben sie aus Eingebildetheit, Selbstüberhebung, lausbübischer Radausucht Terror gegen einen einzigen Mann. Das ist ihre Tapferkeit. Das ist ihre Tapferkeit.

    Und darauf sind sie noch stolz. Ein jämmerlicher Stolz, das!

    1926, 25, Max Barth

  • Winterschlaf

    — Jg. 1930, Nr. 49 —

    „Professor Pötzl in Wien ist es gelungen, den Menschen in künstlichen Winterschlaf zu versetzen.“ (Zeitungsmeldung)

    „Alma“, sagte ich zu meiner Frau, „wie wär’s, wenn du dir das neue Kleid aus dem Sinn schlügst? Wir kommen viel billiger weg, wenn wir uns pötzln lassen.“

    „Und wenn inzwischen das Dritte Reich ausbricht?“ fragte sie, sie ist nämlich streng völkisch.

    „Eben drum!“ meinte ich. „Solln wir uns abrackern, um uns in dieser verjudeten Republik über Wasser, beziehungsweise Eis zu halten, bis der große Morgen tagt? Das können wir doch viel angenehmer haben: wir legen uns winterschlafen, und wenn wir wieder aufwachen, ist’s Frühling, die Sonne scheint, von allen Kirchtürmen leuchten die Hakenkreuze, und an den Landstraßen hängen die Juden und andere Vaterlandsbeziehungsweise Rassenverräter, Baum um Baum. Wie wonnig wird uns sein, mein Herz, wenn so der Deutsche Lenz uns anlacht!“

    „Und du sitzest auf dem Trockenen“, rief Alma. „Wie willst du im Dritten Reich einen Posten bekommen, wenn du nicht von Anfang an dabei bist? Jetzt hast du Aussichten; du weißt, daß dir der Portier versprochen hat, bei seinem Neffen, dem Gymnasiasten, ein gutes Wort für dich einzulegen, damit er sein Mädel bittet, ihren Bräutigam, den Chef der Befreiungsdivision Oberbayern, was für dich tun zu lassen. Du kannst am Morgen nach dem Umsturz glatt Hoffilosof bei Hitler selbst werden, wenn du es geschickt anfängst.“

    „Alma“, sagte ich, „die Stelle läuft mir nicht davon. Ich bin doch gut Freund mit dem Herrn Krotoschiner, dem Führer der Sturmstaffel Treuenbrietzen, der wird die Sache schon schmeißen. Auf den ist Verlaß, was der anpackt, das wird was. Man muß sich immer an die Juden halten, wenn man seiner Sache sicher sein will; was die in die Hand nehmen, ist in Ordnung. Krotoschiner wird die Sache schon schmeißen. Na, was meinst du dazu?“

    „Gemacht!“ sagte Alma, und wir bestellten uns den Professor Pötzl.

    Er sandte uns einen seiner Mitarbeiter, der ließ sich vorausbezahlen, stellte ein rotierendes Hakenkreuz vor uns auf und murmelte einen monotonen Singsang, der zur Hälfte aus dem Muspilli, zur Hälfte aus der Kabbala stammte, dazu schlug er unaufhörlich das Hakenkreuz und machte priesterliche Verbeugungen in der Richtung gen Walhall. Wir schauten eine halbe Stunde stier in die rotierende Swastika und ließen das arische Geseires des Einschläferers in uns hinabrieseln wie teutschen Wein dann waren wir eingeschlafen.

    Und so liegen wir denn nun im friedlichen Winterschlaf, brauchen weder Brot noch Geld, weder Licht noch Kohlen noch Gas, und träumen mit seligem Lächeln um die deutschen Lippen dem Morgen der Befreiung entgegen, an dem es durch alle Boulevardblätter rauschen, durch alle Straßen hallen wird: „Deutschland erwache, Juda verrecke!“ Das walte Wotan!

    1930, 49 Mara Bu

    Die Symbol-Krawatte. Es gibt, falls Sie das noch nicht wissen sollten, auch Hakenkreuz-Krawatten. Inserate im „Völkischen Beobachter“ verkunden: „Kaufen Sie nur von rein nationalsozialistischem Betrieb Qualitätskrawatten mit fein eingewebtem Symbol…“ — Das Hauptsymbol liegt wohl darin, daß sich der Arbeiter mit solcher Krawatte selbst den Hals zuzieht.

    1932, 36

  • Vom Hungern

    Vom Hungern

    — Jg. 1925, Nr. 27 —

    In einer Ansprache an Vertreter der Aufwertungsorganisationen hat Herr von Hindenburg u.a. gesagt: „Im großen und ganzen stehe ich dieser Frage ja fern … Ich habe selbst mein Vermögen verloren. Wenn ich nicht meine Pension gehabt hätte, und die war ja ausreichend, hätte ich auch hungern müssen.“

    Denken Sie mal an: er hätte auch fast gehungert! Welches Heldentum! Er hätte beinahe erfahren, wie es dem Hauptteil des Volkes, an dessen Spitze er steht, in der Inflationszeit und schon vorher, in den Kriegsjahren, zumute gewesen ist. Beinahe — ums Härchen; aber das ist’s eben; dieses Härchen macht es aus: daß sie nie ganz und wirklich von dem gleichen Schicksal erfaßt werden wie das übrige Volk — das trennt unsere Regierenden, Maßgebenden und Prominenten vom Volke. Sie sitzen immer nur im Kino und sehen den Film „Die Tragödie Deutschlands“ laufen. Wo unser Volk auf offener Bühne stirbt, da sitzen sie mit der übrigen, der außerdeutschen Menschheit dabei als Zuschauer.

    Herr von Hindenburg hätte beinahe gehungert. Und er ist naiv genug, das jenen Männern vorzuhalten, die gekommen sind, ihn um Hilfe zu bitten, weil sie gehungert haben, wirklich gehungert, höchst prosaisch und ohne das Pathos, das in so einem „Beinahe“ liegt.

    Herr von Hindenburg hat seine Pension gehabt; „und die war ja ausreichend“. Ein wahres Wort! Wahrer als alle Heeresberichte, die jemals von der Firma Hindenburg in die Welt geschickt worden sind. Hat sich der deutsche Heros mit der ausreichenden Pension und dem aufgewerteten Reichspräsidentengehalt auch einmal gefragt, ob die Pensionen seiner „Helden“, der Muskaten, die im Weltkrieg zu Wracks geschossen worden sind, auch „ausreichend“ sind? Ach ja, Herr Präsident: im großen und ganzen stehen Sie dieser Frage ja fern. Man muß Ihnen darin beipflichten […]

    1925, 27 Mara Bu

  • Die gerettete Uniform

    — Jg. 1925, Nr. 37 —

    Herr von Hindenburg, der bisher nur Besuche empfangen und gemacht hat, ist aktiv geworden: er regiert. Er hat seine erste Amtshandlung begangen: er hat die Verordnung aufgehoben, durch die den ehemaligen Offizieren Wilhelms das Recht, die Uniform zu tragen, beschnitten worden war.

    Ein Merkmal: gewogen und zu leicht befunden! In dieser Zeit, da wieder einmal die Not im Volke steigt, bringt es dieser „Repräsentant des Volkswillens“, dieser so marktschreierisch angepriesene „Retter“ fertig, seine erste Amtshandlung dem Maskeradenbedürfnis seiner ehemaligen Berufsgenossen zu widmen. Dazu haben wir offenbar einen Präsidenten der Republik, daß er sich zu allererst mal um die Neuaufbügelung der wilhelminischen Livreen verdient macht!

    Notabene: die gesetzmäßige Regelung dieser Uniformfrage durch den Reichstag stand bevor. Aber die alten Offiziere haben sich wohl mit Grund gesagt, daß die Volksvertretung ihnen den gewünschten Freibrief, das Recht, ihre Livree nach Belieben zu tragen, nicht erteilen würde. Da mußte sich der gute Hindenburg in den Reichstagsferien schnell der Sache annehmen und das Parlament vor ein fait accompli stellen.

    Und der „demokratische“ Herr Wehrminister Geßler, der den Ukas gegenzeichnen mußte, hat sich also auch dazu hergegeben, der Entscheidung der Volksvertreter vorzugreifen.

    Es ergeben sich zwei Fragen: Läßt sich der Reichstag das gefallen? Und: Wie lange will sich die Deutsche demokratische Partei noch mit diesem Herrn Geßler blamieren? Wann wimmelt sie ihn ab und spediert ihn, unter Verabreichung eines Freibillets nach deutschnationalen Gegenden, hinaus?

    Und Herr Hindenburg? Auf einem Apfelbaum wachsen nun einmal keine Zwetschgen. Mag er noch so viele pazifistische Töne tönen und volksberuhigende Worte säuseln, die man ihm eingelernt hat, – er bleibt doch der er war. Die geliebte Uniform, die er in seiner jetzigen Dienststellung leider nicht mehr so oft spazieren tragen darf wie früher, seinen alten Kollegen zurückzugeben, ist ihm Herzenssache.

    Die Kriegskrüppel aus dem Mannschafts- und Unteroffiziersstand dagegen müssen nach wie vor im schäbigen Zivil rumlaufen. Es wäre für die deutsche Öffentlichkeit und den einzelnen gutgesinnten Deutschen ja auch zu peinlich, auf Schritt und Tritt durch den Anblick Gelähmter, Hinkender, Einarmiger, Einäugiger, Hustender, Nervenzitternder in Uniform daran erinnert zu werden, daß diese Unzähligen, die ein Teil ihrer selbst für Deutschland hingegeben haben, von ihrem lieben Vaterland mit einem Bettelpfennig abgefunden werden.

    Da erlaubt man lieber denen, die — als Gesunde! — ihre auskömmliche Pension bekommen, in Blau, Rot, Achselstücken und Sporen zu paradieren. Der Anblick ist erfreulicher.

    1925,37 · Ix

    Je kleiner der vaterländische Wille, je größer die nationale Geste; patriotische Feiern sind entschieden leichter durchzuführen als Vermögensabgaben.

    1923, 9 · Hermann Mauthe

  • Kriegsdienst?

    Kriegsdienst?

    — Jg. 1926, Nr. 52 —

    Der Gedanke der Kriegsdienstverweigerung hat in der deutschen Friedensbewegung festen Fuß gefaßt. Das hat auch der im Oktober in Heidelberg abgehaltene Pazifistenkongreß wieder bewiesen. Alle Referate, Diskussionsreden und Resolutionen, die sich für die Kriegsdienstverweigerung aussprachen, haben den lebhaften Beifall der Mehrheit der Kongreßteilnehmer erhalten. Trotzdem besteht natürlich, besonders in der größten deutschen Friedensorganisation, der Deutschen Friedensgesellschaft, die einen verhältnismäßig konservativen Pazifismus vertritt, noch eine starke Gegnerschaft zu diesem Grundgedanken. 

    Der Argumente, die von seiten der konservativen, „gemäßigten“ Pazifisten gegen die „radikalen“ Kriegsdienstverweigerer ins Feld geführt werden, sind es viele. Das wichtigste, das übrigens die meisten der anderen umfaßt, das Rahmenargument sozusagen, ist das staatspolitische. Es lehnt die Kriegsdienstverweigerung ab, weil es in ihr den ersten Schritt zur Anarchie sieht, die Gefährdung des Staats und der Staatsgrundlage durch die vom Individuum auf Grund seines Gewissens, seiner Gesinnung, seiner Überzeugung ausgeübte Initiative. Wir erleben also das Merkwürdige, daß Menschen, die seit Jahren und Jahrzehnten ständig als politische Protestanten der offiziellen, legalen, staatlich sanktionierten Lehre von der Unentbehrlichkeit und Gottgewolltheit der Armee und des Krieges ihre eigene, aus innerstem Gewissensdrang erwachsene pazifistische Gesinnung entgegensetzen, in diesem speziellen Fall, der nichts weiter ist als der erste Schritt zur Verwirklichung des Pazifismus, plötzlich ihr protestantisches Prinzip im Stich lassen zugunsten des katholischen, das dem Individuum das Recht der Selbstbestimmung über sich und sein Verhalten zum Krieg abspricht. Ist das konsequent? […] 

    So sehr richtig ist, daß das Individuum um des Wohls der Gesamtheit willen gewisse Beschränkungen seiner Handlungsfreiheit durch die Gesetze und Maßnahmen des Staates dulden muß, so falsch ist es, daß der Staat ein sakrosanktes Wesen sei, dessen Gebaren zu beurteilen, zu kontrollieren und zu beeinflussen das Individuum kein Recht habe. Der Staatsbürger hat nicht nur das Recht, sondern sogar die Pflicht, den Staat und sein Gebaren zu kontrollieren. Wie sollte überhaupt eine Entwicklung der Staatsform, der Gesetzgebung, der Verwaltungsmethoden, der sozialen Zustände möglich sein, wenn nicht die Glieder des Staates die Kontrolle und Abänderung dieser Organisations- und Verwaltungsmaschine ausübten? Ein Mittel dieser Kontrolle des Staats ist die Forderung der Abschaffung des Kriegs, ein weiteres und wirksameres die Verpflichtung zur Kriegsdienstverweigerung. 

    Nicht daß ich glaubte, durch die Kriegsdienstverweigerung sei der Krieg aus der Welt zu schaffen! Sie ist hauptsächlich deshalb wichtig, weil sie besonders drastisch und verständlich den Staat, d.h. die für sein Gebaren direkt Verantwortlichen an ihre Verantwortung und Pflicht erinnert. Weil sie ein Mahnruf an die Staatsmänner ist, pazifistische Politik zu machen, auf die Abschaffung des Krieges hinzuarbeiten. Die stärkste Mahnung, die wir bis jetzt zur Verfügung haben. 

    Darin, daß ein moderner Krieg nicht durch die Kriegsdienstverweigerung der Massen verhindert werden kann, bin ich mit vielen Pazifisten und den meisten Nichtpazifisten einig. Der nächste Krieg, der mit Giftgasen und hauptsächlich von Flugzeugen geführt werden wird, benötigt keine großen Heere; er wird immer die verhältnismäßig kleine Zahl der Flugzeug- und Autoführer, Techniker und Chemiker finden, die zu seiner Durchführung nötig sein werden. […] 

    Es ist aber trotz allem verkehrt, die Kriegsdienstverweigerung als veraltetes, unwichtiges Mittel zu verwerfen oder gar verächtlich zu machen. Sie hat immer noch ihre große Bedeutung. Sie ist ein Druckmittel auf die Regierenden, ein lauter, nicht zu überhörender Protest. Sie ist die konsequente Schlußfolgerung aus den pazifistischen Gedankengängen und Proklamationen. Sie ist ein Beweis der Zivilkurasche, die sich nicht in dienende Unterwürfigkeit auflöst vor den unsittlichen Forderungen des Staates und dem zürnenden Stirnrunzeln seiner Lenker. Und sie ist eine moralische Demonstration, die wir vom Pazifisten verlangen, ein Beweis seiner Gesinnung, seiner Konsequenz, ein Beweis der Übereinstimmung zwischen seinem Denken und Handeln. Sie ist die Probe aufs Exempel. 

    Darum also: Kriegsdienstverweigerung? Ja!


    1926, 52 · Max Barth 

  • Heldentum

    Heldentum

    — Jg. 1930, Nr. 25 —

    Bericht eines Helden 

    Am 9. Juni ist in der Nähe von Kiel ein Obelisk enthüllt worden, dessen eine Seite die Inschrift trägt: „Es kommt der Tag, wo Recht über Macht triumfiert!“, während auf einer anderen zu lesen ist: „Im Weltkrieg von 1914 bis 1918 blieben 5132 Helden, 199 U-Boote“. Helden — darf man dazu mal was sagen? 

    Diese fünftausend U-Bootsleute waren lauter Helden. Und zwar nicht etwa, weil zufällig sie das Pech hatten, mit ihrem Kahn in die Luft zu fliegen oder sich in den Sand und Schlamm des Meeresgrundes einzubohren, sondern weil alles, was damals Uniform trug, eben Held war. Die Soldaten des großen Krieges sind im Jargon ihrer Totengräber, der mannhaften Vaterlandsfreunde, vier Jahre lang samt und sonders Helden gewesen und sind es, wenn die nationalen Durchhalter feiern, heute noch. Was steckt dahinter? Etwas sehr Einfaches: ein Volk, das seine Helden ehrt, ehrt sich selber; wenn man das Volk der damals waffentragenden Männer zum Volk der Helden erklärt, so wird die Nation ein Heldenvolk, nämlich ein Volk aus lauter Helden, und alle Heimkrieger, Kriegsschürer, Kriegsnutznießer und Etappendurchhalter und -profitler sind einbegriffen, sanktioniert und mitgeadelt. Helden, Helden, so weit ich seh! Die ganze Flur stinkt nach ihnen. 

    Ich bin berufsmäßiger Held gewesen, vier Jahre lang, und habe schon 1918 im damals bedeutendsten Blatt der Jugendbewegung bescheiden (nicht als Pazifist) gegen diese Zuerkennung des Heldentitels protestiert. Ich darf also wohl auch jetzt. 

    Wir waren keine Helden. Wir haben vier Jahre lang, gezwungen, unter der Fuchtel gehalten, für Widersetzlichkeit mit Zuchthaus und Tod bedroht, widerwillig und innerlich verzweifelt eine dreckige, zermürbende und gemeine Arbeit namens Krieg ausgeführt. Die Entlohnung war tariflich festgelegt; sie war schändlich gering und ausbeuterisch: für 53 Pfennig bares Geld im Tag hatte man sein Leben auszuliefern. Das galt für die gemeinen Arbeiter, die unteren Helden. Die oberen Helden, die Herren Kriegsbeamten und Direktoren, bekamen natürlich eine anständige Gage. Sie stand in keinem Verhältnis zu der unseren. 

    Wir Helden waren feige. Tapferkeit war Leichtsinn; wir lehnten sie ab. Tapfer waren nur die jungen Ersätze – am ersten Tag. Sie kamen, streckten den Kopf über Deckung, um Freund und Feind zu zeigen, daß sie sich nicht fürchteten, bekamen eine geplatzt und waren Helden gewesen. Ihre Kameraden lernten prompt davon und wurden grundsätzlich untapfer wie wir. 

    Im Anfang, als man noch nicht wußte, was Krieg war, und in geistiger Betrunkenheit zum frischfröhlichen Jagen zu stürmen glaubte, kam es gewiß vor, daß die Feldgrauen aus Lust und Liebe ins feindliche Feuer rannten. Das hatte bald ein Ende, es kamen mehr als dreieinhalb Jahre Kater. Schwarzes, geronnenes Blut, gelblich-weißes verspritztes Gehirn, Verwundete, die stundenlang „Mutter!“ brüllen (eigener Schmerzen gar nicht zu gedenken) — die Illusion geht rasch flöten. Ein toter Mensch, der nicht eingebuddelt wird, ist Aas, verfault einem vor den Augen und stinkt weithin — da weicht schnell der Rausch. Später bekamen wir vor Sturmangriffen Schnaps in Menge, damit wir wieder Helden würden; es hat nicht viel genutzt. Wir haben in diesen vier Jahren Angst gehabt, wie ihr andern es euch nie vorstellen könnt; ich auch, natürlich, Angst bis dort hinaus, und das oft genug. Setzt ihr euch mal in einen Lehmgraben oder in ein Erdloch, während ein Trommelfeuer wie ein Hagelwetter über euch niedergeht! Ihr sitzt und wartet, ob’s euch trifft; tun könnt ihr nichts, ihr müßt nur stillhalten. Wenn ihr Pech habt, seid ihr im nächsten Augenblick ohne Kopf oder in euere Bestandteile tranchiert oder zerblasen, gestaltloser Dreck unter Dreck. Und dann wundert euch, wenn ihr Angst bekommt, ihr mit dem Begeisterungsfusel, dem Heldenschmus! 

    Wie ihr euch die Helden denkt! „Patrouille!“ — und schon spritzt alles, und die Aspiranten schlagen sich die Nasen voll, um mitzudürfen. Scheibe! Patrouille war eine gewöhnliche Werktagsfunktion, und wer sich drücken konnte, der tat’s. Wenn ihr Heldenschmuser wüßtet, wie man suchen und betteln mußte, bis die paar Mann beisammen waren, die man als Patrouillenführer mitzunehmen hatte! Euere Helden wollten alle nicht. Der Unterstand war immerhin sicherer; und außerdem wollten sie schlafen. Denn wir hatten ja Tag und Nacht Schlaf. Euere Helden schimpften und fluchten, wenn sie den dienstlichen Befehl erhielten, mitzukommen, räsonnierten und weigerten sich. (In euerem Patriotenhirn heißt das, glaub ich, Meuterei oder doch mindestens Ungehorsam oder Feigheit vor dem Feind. Bei uns Helden war es selbstverständlich und natürlich.) 

    Unsere Patrouillen machten wir oft genug am anderen Morgen erst: auf dem Meldeformular. Unser Kompagnieführer, der Held Oberleutnant N., war eines Tages mit den Schauergeschichten allein nicht zufrieden: er verlangte ein für allemal, daß man Draht vom russischen Verhau mitbrächte. Der Gefreite P. war der erste, der es fertig brachte, er ist dann auch bald Unteroffizier geworden. Von da an lieferten auch wir anderen jeden Tag unser Stück Russendraht ab: hinter der Stellung, unter einem Dutzend deutscher Drahtrollen lag nämlich auch eine russische […] 

    Euere Helden, liebe Leute, gingen aus Angst, gebückt auf die Latrine und saßen geduckt auf der Stange; sie erledigten ihre Geschäfte in größter Eile und knöpften oft erst daheim, im besser geschützten Schützengraben, die Hose zu. 

    Wir Helden sind keineswegs singend in die Schlacht gestürmt, wie jene legendären Kinder von 1914 es gehalten haben sollen. Wir haben geflucht und geschimpft, wenn wir selbst stürmen mußten oder wenn ein Angriff des Gegners bevorstand, und hofften nur das Eine; daß es den anderen treffen möge, und wenn er auch unser bester Kamerad war. 

    Wir Helden haben einander um jeden Bissen Brot scheel angesehen. Wir haben den Bauern Geflügel, Brot und Schweine geraubt. Einer unserer vorgesetzten Helden hat sich in Frankreich die Liebe der Frauen durch Vorhalten des Revolvers errungen. Wir Helden haben alle Hunde aufgefressen, die wir erwischen konnten, den des Bataillonführers einbegriffen. Viele von uns Helden haben sich so oft als möglich besoffen, gewöhnliche Helden und vorgesetzte. (Die gewöhnlichen wurden bestraft, wenn’s rauskam.) Viele haben durch Einführung eines Stückchens Seife einen Tripper vorgetäuscht, um wenigstens ins Lazarett zu kommen, und viele haben sich mit Absicht eine richtige Geschlechtskrankheit geholt. Viele haben den wilden Mann gespielt, mancher hat zwei bis drei Jahre lang Verrücktheit simuliert bis der Krieg alle war. 

    Wir waren Zwangshelden. Ihr wolltet Heldenhaftigkeit von uns erpressen und bekamt geliefert, was ihr verdientet. Nur für das große Maul, das ihr immer noch Unheil anrichten laßt, habt ihr den Lohn noch nicht. Es ist euch noch nicht gestopft worden. Aber vielleicht kommt das noch. 

    1930, 25 · Max Barth 

  • Hinter den Kulissen der Sonntagszeitung

    von Max Barth

    Anfangs 1924 machte Dr. Schairer mir den Vorschlag, zu ihm nach Heilbronn zu kommen, da sein Mitarbeiter Hermann Mauthe im Begriff sei, nach Mexiko auszuwandern. So war ich vom Frühjahr 1924 bis Ende Juli 1932 an der „Sonntags-Zeitung“, zeitweilig als Redaktionsmitglied, in den Zwischenzeiten als regelmäßiger auswärtiger Mitarbeiter. In den Zeiten, da ich nicht in Heilbronn, beziehungsweise in Stuttgart lebte, wohin Schairer und sein Blatt im Sommer 1925 übergesiedelt waren, nahm zunächst Hermann Mauthe, der nach wenigen Monaten von Mexiko genug gehabt hatte, und später Hermann List meinen Platz ein. Im Frühjahr 1931 übernahm List die Sonntags-Zeitung als Herausgeber; auf den 1. August 1932 nahm Schairer sie wieder an sich und entließ mich. Von da an arbeitete ich nur noch gelegentlich mit.

    Eine logische Folge von Schairers Vorliebe für den gesunden Menschenverstand, für das Allgemeinverständliche und die schlichte, direkte Rede war, daß ein Teil der Beiträge seines Blattes von Nichtpolitikern und Nichtschriftstellern stammte, also von Lesern, die über irgendein Gebiet Bescheid wußten. Berufsschreiber schätzte er nicht sehr, obgleich wir beide ja auch solche waren. Als sich einmal Emil Ludwig unterfing, uns einige Beiträge zu schicken, sagte er: „Die schicken wir ihm zurück! Das ist so ein Schriftsteller.“ Andere Blätter nahmen Arbeiten des damals sehr bekannten Verfassers mit Kußhand an, weil sein Name einen Abglanz auf sie warf. Zu unseren Mitarbeitern gehörte z. B. ein Mann, der zwei Doktortitel hatte, aber ein Vagabund war. Er erschien ein- oder zweimal im Jahr auf der Redaktion, kam gerade von Italien oder Afrika, blieb ein Weilchen, erzählte und ließ zwei oder drei Artikel da. Ein anderer, der von Zeit zu Zeit auftauchte, war ein wirklicher Vagabund, einer aus Prinzip, mit anarchistischer Weltanschauung. Er trug einen gewaltigen braunen Vollbart und hatte eine reich und voll tönende Stimme, in seinem weitschwingenden Mantel schritt er einher wie ein König. Schairer hatte eine Schwäche für Originale. Normale Besucher — die oft die Redaktion aufsuchten, weil sie ihn sehen wollten — gingen abgekühlt von dannen, wenn nichts an ihnen Schairers Interesse weckte. Er konnte dann von erstaunlicher Wortkargheit sein und von bewußter Primitivität und Hölzernheit.

    Unter den Lesern hatten wir auch allerhand Käuze. In einem Winkel des Bayrischen Waldes saß zum Beispiel ein einfacher aber politisch interessierter Mann, der nichts an sich hatte, was ihn als Gesinnungsgenossen auswies, aber da er arm war, bekam er die „Sonntags-Zeitung“ umsonst. Ein anderer Gratisbezieher war ein Mann in einem bayerischen Gefängnis. Er hatte zwei Morde auf dem Gewissen, und offenbar sehr üble. Von Zeit zu Zeit schrieb er einen Brief, in dem er seine Erwartung mitteilte, bald begnadigt zu werden. Als ich in New York, wo ich bei Hearst arbeitete, einmal eine Auseinandersetzung mit einem Kollegen hatte, einem alten nationalistischen Amerikadeutschen, brach der plötzlich wütend aus: „Und die Zeitung, an der Sie waren, das war doch nur ein Winkelblatt!“ Auch er muß die „S.-Z.“ manchmal gelesen haben. Vielleicht war er jener Mann, der von Zeit zu Zeit lange Briefe schrieb, die mit Chicago datiert und aus Chicago abgesandt waren. Er unterschrieb mit „Austauschprofessor“, und die Briefe waren voll von Beschimpfungen. Es hagelte nur so von Landesverrätern, Hochverrätern, Lumpen, A… löchern usw. und von Drohungen, was man mit uns anfangen werde. Ich schlug Schairer vor, einmal so einen Erguß abzudrucken, aber er sagte: „Das ist ein Psychopath; der will ja gerade, daß man seine Sachen druckt. Es trifft ihn viel mehr, wenn man ihn garnicht beachtet.“ Womit er sicherlich recht hatte.

    Die Behörden waren der „Sonntags-Zeitung“ natürlich nicht sehr gewogen. Zwar waren die einzelnen Beamten — wie ich mindestens aus der Stuttgarter Zeit weiß — aus Interesse scharf dahinter her, das abgelieferte Pflichtexemplar gleich nach dem Herauskommen lesen zu können; aber die Behörde als Amt versuchte immer wieder, dem Dr. Schairer ein Bein zu stellen. Das fing schon an, als die erste Nummer erschienen war. Schairer hat die Geschichte in dem 1929 erschienenen Sammelband „Mit andern Augen“ erzählt.

    Eines Tages, noch in Heilbronn, kam ich von der Post zurück. Frau Schairer ließ mich ein. „Gehen Sie nur nicht hinein“, sagte sie, „die Polizei ist da.“ Ich ging natürlich doch hinein. Schairer stand blaß vor Wut an seinem Stehpult, während zwei Kriminalbeamte in einem Schrank wühlten. Ich fragte, was los sei; Schairer zeigte mir die vor ihm liegende letzte Nummer. Er hatte da in einem Artikel über die Neuordnung Deutschlands davon geredet, daß dazu auch die „Zerschlagung Preußens“ nötig sei. Das war ein volkswirtschaftlicher Ausdruck; man redet von der Zerschlagenheit eines Großgrundbesitzes zum Beispiel. Mit dem Hochverrat, den man Schairer anhängen wollte, war es nichts. Die Beamten stießen auf eine Fotografie: Auf einer breiten Treppe standen Herren im Gehrock, hohe Offiziere und Schairer auch dabei. Er mußte erklären. „Das ist der deutsche Botschafter in Konstantinopel, das der General Soundso…“; ich glaube, es war auch der eine oder andere türkische Offizier dabei. Schairer war im Krieg eine zeitlang zur deutschen Botschaft in Konstantinopel abkommandiert gewesen; er hatte auch, gemeinsam mit einem Türken, ein deutsch-türkisches Worterbuch herausgebracht. Die Beamten wandten sich anderen Dingen zu. Gleich das nächste war ein Dokument mit sonderbaren Schriftzeichen, womöglich in einer Verschwörerschrift. Es war ein Handschreiben aus der Kanzlei des Sultans Abdul Hamid II. an Schairer, eine Anerkennung seines Wirkens für die Türkei.

    Als die Nazis „dran waren“, ging es natürlich erst recht los. Im Frühjahr 1933 wurde die „Sonntags-Zeitung“ verboten; das Verbot wurde aber nach vier Wochen aufgehoben. Ein halbes Jahr später, im September 1933, legte die Gestapo von Altona der in Berlin drei Nummern vor, die zeigen sollten, daß die „S.-Z.“ „feindlich eingestellt“ sei. „Ihr Druck in lateinischer Schrift“, heißt es da auch, „läßt darauf schließen, daß sie auch für den Versand ins Ausland bestimmt ist.“ Der Denunziant war die Oberpostdirektion Hamburg; sie hatte die drei Nummern der Gestapo übergeben. Berlin wandte sich an die Politische Polizei in Stuttgart, und die antwortete, das Weiterbestehen der „Sonntags-Zeitung“ sei „aus besonderen politischen Gründen“ wünschenswert. Es ist also anzunehmen, daß man das Blatt der Tarnung wegen zunächst am Leben ließ. Man wollte wohl zeigen — besonders dem Ausland (man denke an die lateinische Schrift und die Bedeutung, die sie für Gestapohirne hatte!) — daß auch unabhängige Blätter geduldet würden. Die Verfolgung erstreckte sich übrigens auch auf andere. So wurden zwei Partner, die sich Dr. Schairer genommen hatte, nacheinander abgelehnt, der eine im November 1935, der andere im Januar 1936: eine weitere verlegerische Tätigkeit des N. N. könne nicht befürwortet werden, hieß es jedesmal. Auch über den Drucker Friedrich Späth in Waiblingen wurde dieses Verdikt ausgesprochen. Späth kam dann auf einige Zeit in Schutzhaft.

    An Schairer selbst ging man im März 1936 heran. Dem Reichsverband der deutschen Zeitungsverleger wurde vom Württembergischen Politischen Landespolizeiamt, dem er, wie mitgeteilt wurde, „aktenmäßig bekannt“ war, sein Lebenslauf geschildert: Pfarrer, der aus der Kirche ausgetreten war, Redakteur an der „Neckar-Zeitung“, Herausgeber der „Sonntags-Zeitung“, „die er in radikal pazifistischem Sinne leitete“. Dreimal wegen politischer Vergehen angezeigt, zweimal beim Oberreichsanwalt, 1926 und 1927, einmal bei der Stuttgarter Staatsanwaltschaft, 1928. Alle drei Verfahren waren eingestellt worden: obwohl man ihm sehr gerne etwas anhängen wollte, konnte man aus den beanstandeten Texten doch keinen Landesverrat konstruieren. Es wurden Stücke aus seinen Artikeln abgedruckt (belastende natürlich, für Nazihirne); es wurde seine dunkle Vergangenheit aufgedeckt: wichtige Funktionen in Friedensgesellschaft, deutscher Liga für Menschenrechte, republikanischer Beschwerdestelle, Mitgliedschaft in Freidenker- und Monistenbund, zeitweilige Mitgliedschaft in der Internationalen Arbeiterhilfe. Und natürlich konnte „die Fortsetzung seiner verlegerischen Tätigkeit nicht befürwortet werden.“

  • Kolonien

    — Jg. 1927, Nr. 15 —

    Das Beste an dem miserablen „Friedensvertrag“ von Versailles ist vielleicht, daß er uns unserer Kolonien beraubt hat. Es erspart uns viele Ausgaben: Die Regierung hat einen Posten weniger, aufgrund dessen sie das Geld des Volkes verputzen kann. Wir brauchen nicht mehr die Söhne der deutschen Bauern und Arbeiter nach Afrika, Asien und in die Südsee zu schicken, damit sie dort für „ihre Interessen“ sterben. Wir laufen nicht mehr Gefahr, wegen unserer Nachbarschaft zu den von anderen sogenannten Kulturvölkern unterjochten Völkern in Eingeborenenaufstände oder gar in nationale Kriege verwickelt zu werden. Für die Teutobolde allerdings sind das alles zwingende Gründe, nun erst recht nach der Wiedergewinnung von Kolonien zu streben. Und unsere Verantwortlichen, die jeden Tag zehnmal vor dem Angesicht der Welt feierlich allen Imperialismus abschwören, kennen keine heiligere Pflicht, als nach Aufrüstung der Reichswehr und Rückgabe unserer früheren Kolonien zu geilen. Damit wir auch wissen, wofür wir sie bezahlen!

    Wenn Kolonien einen Sinn haben könnten, so — in unserer unsentimentalen Zeit — doch keinesfalls den, unser „nationales Prestige“ zu heben, sondern einzig den: unserer Volkswirtschaft zu nützen. Daß sie das tun könnten, wird schwerlich zu beweisen sein. Wäre es so, erhöbe sich immer noch die Frage, ob es heutzutage, wo die Erkenntnis von der Unsittlichkeit des Kolonialismus nicht nur in den Hirnen vieler Angehöriger „zivilisierter“ Völker aufzudämmern beginnt, sondern auch — was ausschlaggebend ist — die annoch unterjochten „Wilden“ zur geschlossenen Befreiungsaktion gegen ihre Zwingherren anfeuert, nicht zweckmäßiger wäre, auf die politische Oberherrschaft über außereuropäische Gebiete, eine Herrschaft, deren Wert ebenso problematisch ist wie ihre Fortdauer, zu verzichten und statt dessen ohne Anmaßung, mit Freundlichkeit, Klugheit und Geschick Geschäfte zu machen, die beiden Teilen nützen.

    Es geht nämlich auch anders. Beispiel: China. Wir haben dort kein Tsingtau mehr, das wir als Musterkolonie in allen vier Weltenden ausschreien können; es wimmeln dort keine deutschen Soldaten mehr rum, um den schlampigen Gelben preußische Disziplin vorzuführen; keine Iltisse beschießen mehr Takuforts; keine „Germans“ sind mehr stolz, daß sie ein britischer Admiral „to the front“ kommandiert, damit sie für die Sache der weißen Nationen ins Gras beißen, und kein Waldersee spielt mehr Weltmarschall und kommt zu spät, weil der Krieg vorbei und alles, alles wieder gut ist. Auch gibt’s in China für die Deutschen keine Sonderrechte, keine eigene Gerichtsbarkeit und dergleichen mehr. Und trotzdem floriert das Geschäft. Trotzdem? — gerade deshalb!

    Versailles hat unserem Drang nach imperialistischer Betätigung im eigenen Kontinent einen Dämpfer aufgesetzt. Seien wir so klug, uns nun nicht Ersatz zu suchen in Eroberungsplänen außerhalb Europas. Die große Auseinandersetzung zwischen den in Knechtschaft gehaltenen farbigen Rassen, deren Vorkämpfer China und Rußland sind, sollte uns nicht an der Seite der Sklavenhalter finden, oder doch mindestens nicht im Bunde mit ihnen, durch gleiche Schuld mit ihnen verkettet.

    Hätten wir Kolonien, so wäre alles weniger einfach: es ist schwer, aufzugeben, was man hat. Wir sind aber in der glücklichen Lage, keine zu haben; seien wir nicht so dumm, in der Ära des zusammenbrechenden Kolonialismus schnell noch mit in die Firma einzutreten, damit wir, wenn der Kladderadatsch kommt, doch ganz bestimmt auch unseren Balken auf den Deez kriegen. Seien wir vielmehr froh, daß wir diesmal keine Kastanien im Feuer haben; mögen die anderen die ihren selbst rauslangen!

    1927, 15 Max Barth

  • Justizopfer: Fechenbach

    Justizopfer: Fechenbach

    — Jg. 1924, Nr. 37 —

    Die bayerischen Volksgerichte, eine der übelsten Erscheinungen unserer Tage, haben den wohlverdienten Untergang gefunden. Wohlverdient: denn ihre Rechtsprüche hatten mit Recht selten etwas zu tun. Sie waren gemeingefährliche Institutionen.

    Nun sind sie dahin; und übrig blieben von ihrem Wirken nur die beschämende Erinnerung und ein Rest von Opfern, die hinter Gefängnismauern sitzen. Unter ihnen der Landesverräter Fechenbach.

    Sein Verbrechen ist: daß er der Geheimsekretär Eisners gewesen ist. Der Bürger hat ein gutes Gedächtnis, wenn er will. Sein Groll gegen alles, was ihm fremd oder unverständlich ist, überdauert Weltuntergänge. Denn er hat Charakter. Den Charakter eines Hundes. In ihm steckt eine tückische Bestie; manchmal schlummert sie; aber wenn sich je eine Gelegenheit bietet, dem Gehaßten die Zähne ins Fleisch zu schlagen, ist sie sofort wach.

    Fechenbach war zu sorglos. Aber man darf ihm das nicht zum Vorwurf machen: keiner hätte, an seiner Stelle, vermuten können, daß bürgerliche „Volksrichter“ in ihrem blinden Haß soweit gehen könnten, in der Weitergabe eines Textes, wie dem des Rittertelegramms, Landesverrat zu erblicken. Das Rittertelegramm vom Juli 1914 belastete nur den Papst, höchstens noch die österreichische Regierung, keinesfalls aber die deutsche (auch nicht die kaiserliche, die zu schützen sich das „Volksgericht“ im Falle Fechenbach anscheinend berufen fühlte).

    Man brauchte einen Strick; denn man wollte dem Verhaßten eine Schlinge drehen. Und was in anderen Ländern beim ersten Versuch sich als mürber Faden erwiesen hätte, der keine Maus tragen könnte, zeigte sich in Bayern als solides Seil, an dem man den „Landesverräter“ Fechenbach so hoch aufhängen konnte, wie es einen gelüstete.

    Trotzdem es sich um ein „Pressedelikt“ handelte, das schon drei Jahre verjährt war, trotzdem in derselben Sache bereits 1920 ein rechtskräftiges Urteil (Freispruch) ergangen war, hat man Anklage erhoben. Trotzdem weder der Nachweis zu erbringen war, daß der Tatbestand des Landesverrats erfüllt sei, daß ferner durch die Veröffentlichung des Telegramms dem deutschen Reiche Schaden zugefügt worden sei — es gibt noch viele „Trotzdem“ — hat man Fechenbach zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt.

    Diese Münchner Gerechten sind in der Tat Gerächte. Sie haben den Ursinn der „Strafe“ wieder entdeckt, der da ist: Rache. Sie sind in ihrer Bosheit und Rachsucht naiv wie das Tier oder der primitive Mensch.

    Was aber tun wir, die nicht primitiv sind, sondern kompliziert und empfindsam genug, daß es uns bis ins Mark erschüttert, zu sehen, wie die Gerechtigkeit als Werkzeug der Rache gebraucht wird? Wenn wir sehen, daß nicht nur geringe Vergehen hart gestraft werden, sondern daß Unschuldige „von Rechts wegen“ gemordet werden?

    Müssen wir nicht aufstehen, uns vereinigen, zum Sturm antreten, um niederzureißen den Turm, in dem der Schuldlose schutzlos der Willkür der legalen bürgerlichen Strafsucht preisgegeben ist?

    Immer wieder erinnert man sich, wenn der Fall Fechenbach erwähnt wird, an den französischen Hauptmann Dreyfus und seinen Verteidiger, seinen Befreier [Émile] Zola. Der große Franzose hat nicht geruht, bis es ihm gelungen war, das Gewissen seines Volkes wachzurufen, dem unschuldig Verurteilten die Freiheit wiederzugeben. Sollte die Seele des deutschen Volkes so dumpf und stumpf sein, daß es unmöglich wäre, in ihr einen Enthusiasmus für das Recht, eine Begeisterung für die Wiederherstellung der Gerechtigkeit, eine große Leidenschaft für die Befreiung eines zu unrecht Eingekerkerten zu entfesseln?

    1924, 37 Max Barth

    Das „Rittertelegramm“ ist ein Telegramm des bayrischen Gesandten beim Vatikan Baron Ritter vom 16. Juli 1914, wonach der Papst ein „scharfes Vorgehen“ Österreichs gegen Serbien gebilligt hat. Fechenbach ist wegen Weitergabe seines Textes an einen Schweizer Journalisten (im April 1919) am 20. Oktober 1922 als Landesverräter zu 10 Jahren Zuchthaus verurteilt worden. Am 19. Dezember 1924 ist er begnadigt worden.

    Am 7. August 1933 wurde Fechenbach auf dem Weg von Detmold in das KZ Dachau im Kleinenberger Wald zwischen Paderborn und Warburg ermordet. Der Führer des Transportkommandos, SA-Obertruppführer Friedrich Grüttemeyer stieg mit Fechenbach aus dem Auto und versuchte erfolglos Namen von Informanten zu erhalten. Als Grüttemeyer zur Seite ging, feuerten SS-Mann Paul Wiese und der SA-Angehörige Walter Focke mehrere Pistolenschüsse auf Fechenbach ab, der lebensgefährlich verletzt und bewusstlos in ein Scherfelder Krankenhaus gebracht wurde, wo er noch am Abend des gleichen Tages starb, ohne das Bewusstsein wiedererlangt zu haben. Der Witwe wurde per Telegramm am 8. August mitgeteilt, ihr Mann sei bei einem „Fluchtversuch“ verwundet worden und später verstorben. Reinhard Heydrich behauptete in einem Schreiben vom 9. August in seiner Funktion als „Der Politische Polizeikommandeur Bayerns“, Fechenbach sei „von den Beamten der Lippischen Landesregierung bei einem Fluchtversuch erschossen worden“.[14] Den Befehl zum Transport hatte der von den Nationalsozialisten zum Regierungschef in Lippe ernannte Hans-Joachim Rieckegegeben,[15] der persönlich Fechenbach verfolgt hatte. Der Tat verdächtigt wurden vier SA- und SS-Männer aus Detmold: Friedrich Grüttemeyer, 1969 verurteilt wegen Beihilfe zum Mord zu einer Zuchthausstrafe von vier Jahren[16], Paul Wiese, 1948 verurteilt wegen „vorsätzlichen Totschlags“ zu einer Zuchthausstrafe von fünf Jahren[17], Karl Segler, dem keine Beteiligung nachgewiesen werden konnte und Josef Focke, der nie gefasst wurde[18]. Die Rolle Rieckes konnte nie ganz aufgeklärt werden. Ihm konnte der Befehl zum Mord nicht nachgewiesen werden, ein Strafverfahren gegen ihn wurde 1970 eingestellt.[19] Tatsache war aber, dass Riecke den Mörder Paul Wiese einige Monate später als seinen persönlichen Fahrer eingestellt hatte.[20][15]

    Das Grab von Fechenbach befindet sich auf dem jüdischen Friedhof in Rimbeck.

    Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Felix_Fechenbach

  • Justizopfer: Heinrich Wandt

    Justizopfer: Heinrich Wandt

    — Jg. 1925, Nr. 24 —

    Vor einigen Jahren gab es in Berlin ein politisch linksstehendes Blatt, das nicht gerade zu den erfreulichsten Erscheinungen der deutschen Presse gehörte, weil es nämlich seinen Beruf u. a. darin sah, Skandale aus dem Leben der „Gesellschaft“ auf unschöne Weise ans Licht der Öffentlichkeit zu bringen. Überschrift wie „Das Liebesnest in der Budapester Straße“, „Der Nuttenmarkt auf dem Kurfürstendamm“, „Der Herr Direktor mit der Reitpeitsche“ und andere Rosinen dieser Art waren an der Tagesordnung. Selbst, wenn man annimmt, diese saftigen Saucen wären einzig in der Absicht aufgetischt worden, möglichst viele Zeitgenossen zur Lektüre der den übrigen Teil des Blattes ausfüllenden pazifistisch-radikalen politischen Artikel zu verführen, kann man nicht Ja und Amen dazu sagen. Denn wenn auch in der Politik der gute Wille das Mittel bis zu einem gewissen Grad heiligen kann, so schädigt das schlechte Mittel doch immer den Zweck, weil diejenigen angelockt werden, denen das miese Mittel eigentlicher Zweck ist, während die andern, auf die es dem Werbenden in Wirklichkeit ankommt, vor dem stinkenden Köder schauernd entweichen.

    Diese „Freie Presse“ und besonders ihr Redaktor Heinrich Wandt waren natürlich der Justiz unserer „Republik“ ein Dorn im Auge, weniger — das versteht sich am Rande — wegen der Skandalartikel, als wegen der politischen Richtung. Man war furchtbar scharf darauf, den Mann bei erster Gelegenheit am Wickel zu nehmen. Diese Gelegenheit ließ nicht lange auf sich warten: Wandt ließ ein Buch erscheinen mit dem Titel „Etappe Gent“, in dem er mit genauen Namens- und Datumsangaben eine Reihe jener typischen Fälle aus dem schweren Leben hinter der Front schilderte, die, wer im Krieg war, aus Erzählungen und persönlichen Einblicken kennt. Dabei passierte es, daß er irgend einem der Prinzen Reuß — die ja alle Heinrich heißen und sich nur durch ihre Nummern unterscheiden — etwas in die Schuhe schob, was ein anderer seiner Sippe getan hatte. Der irrtümlicherweise in dem Buch statt Heinrich dem Sechsundneunzigsten genannte Heinrich der Siebenundneunzigste klagte wegen Beleidigung, und Wandt, der seinen Irrtum sofort eingestanden und versichert hatte, er habe nicht den Kläger, sondern den andern gemeint, bekam ein halbes Jahr Loch.

    Aber die Justiz ruht nicht, bis sie ihr Opfer so am Kragen hat, daß es sich auch wirklich lohnt. Sie sucht, sucht und findet. Und im Jahr 1923 hatte sie, was sie brauchte.

    Da hat sich nämlich Wandt einmal der Hehlerei schuldig gemacht. Jemand hat aus dem Reichsarchiv eine Urkunde gestohlen, die einen Beitrag zu der von uns während des Kriegs getriebenen Flamenpolitik darstellte, und hat sie Wandt übergeben. Für diese Hehlerei bekam Wandt zwei Jahre Gefänignis. Die Strafe wurde aber mit einer anderen von fünf Jahren Zuchthaus wegen „Landesverrats“ zu einer Gesamtstrafe von sechs Jahren Zuchthaus zusammengezogen. Seit dem Dezember 1923 ist Wandt im Zuchthaus.

    Wie steht es nun mit diesem „Landesverrat“? Es handelt sich um das gleiche Dokument, wegen dessen die überaus schwere Strafe von zwei Jahren Gefängnis für Hehlerei ausgesprochen wurde. Diese Urkunde nämlich soll Wandt nach Annahme des Reichsgerichts — er selbst bestreitet es — dem belgischen Schriftsteller Dr. Wullus übergeben haben, der sie 1921 in einem Buch „Flamenpolitik, Suprême espoir allemand de domination en Belgique“ abgedruckt hat.

    Der Inhalt ist, wie Senatspräsident Freymuth in der „Friedenswarte“ angibt, die Niederschrift der Vernehmung eines in deutsche Gefangenschaft geratenen Führers der Flamenpartei durch einen deutschen Hauptmann. Die Vernehmung hat am 24. September 1918 stattgefunden.

    Daß während des Krieges die maßgebenden deutschen Stellen den flämischen Autonomisten Freundschaft und Hilfe gewährt haben, ist kein Geheimnis. In dieser Urkunde steht zu lesen, daß das Endziel der Politik der „aktivistischen Frontpartei“ im belgischen Heere die Errichtung eines selbständig verwalteten Flanderns innerhalb eines freien Belgiens und die Herbeiführung eines Verständigungsfriedens zwischen diesem Belgien und Deutschland sei. Also eine Forderung, die weder die Flamenbewegung bloßstellen konnte (denn der hat man in Belgien ja noch viel schlimmere Ziele zugetraut) noch die deutschen Behörden (oder diese doch höchstens vor den deutschen Annexionisten, die ganz Belgien mit Haut und Haar auffressen wollten).

    Trotzdem hat das Reichsgericht die — angenommene, nicht bewiesene — Weitergabe dieses Dokuments an einen ausländischen Schriftsteller als Landesverrat mit fünf Jahren Zuchthaus bestraft. Dr. Wullus hat in einem offenen Brief vom 23. März 1924 und neuerdings in einem Brief an das (belgische) Justizministerium und einer Notiz in der „Nation Belge“ vom 3. April 1925 versichert, daß Wandt an der Weitergabe des Schriftstückes unschuldig sei.

    Besonders merkwürdig, ja geradezu haarsträubend, ist aber die Begründung des Urteils gegen Wandt. Wie der Abgeordnete Dr. Levi am 10. März 1925 im Reichstag mitgeteilt hat, ist das Reichsgericht bei der Verurteilung von folgender Erwägung ausgegangen: „Maßgebend ist, daß durch den Verrat des Schriftstücks zugleich die belgischen Persönlichkeiten verraten worden sind, mit denen die deutsche Regierung während des Krieges in Verbindung getreten war. Sollte unsere Regierung einmal in die Lage kommen, für ihre Zwecke jener Männer von neuem sich bedienen zu müssen, was bei einer Veränderung der gegenwärtigen politischen Lage leicht eintreffen könnte, so würde ihr das durch diesen Verrat bedeutend erschwert werden.“

    Diese Begründung spricht nichts weniger aus als die Hoffnung, daß wir eines Tages wieder in die Lage kommen könnten, mit Belgiern gegen ihre Regierung zu konspirieren — und wäre das wohl möglich ohne einen neuen Krieg? Oder sollten die für diese Sätze verantwortlichen Herren gar eine Förderung flämischer autonomistischer Bewegungen durch unsere Regierung auch in Friedenszeit in Erwägung ziehen? So dumm werden doch wohl weder sie noch unsere regierenden Stellen sein!

    Auf alle Fälle: hier ist vom Reichsgericht, nicht von einem bayerischen „Volksgericht“, ein Mensch wegen Landesverrats verurteilt worden, ohne daß seine Schuld erwiesen wäre und unter einer Begründung, die dazu angetan ist, nicht nur im Inland, sondern auch im Ausland starke Zweifel an der loyalen Gesinnung Deutschlands zu erregen.

    Schleunige Revision ist zu fordern. Und bis dahin Freilassung des Verurteilten. Wandt ist seit Dezember 1923 im Zuchthaus. Selbst wenn die Hehlerei keinem Zweifel unterliegt, hat er die für sie ausgesprochenen zwei Jahre Gefängnis durch die erlittene Zuchthaushaft von anderthalb Jahren verbüßt. Er hat außerdem neun Monate in Untersuchungshaft gesessen. Wenn man ihm aber nicht sein Recht gewähren will, so schenke man ihm Gnade.

    1925, 24 Max Barth

    Heinrich Wandt ist im Februar 1926 begnadigt worden, und zwar wegen der „Beunruhigung“, die der Fall Wandt in Belgien hervorgerufen habe.

  • Justizopfer: Hau

    Justizopfer: Hau

    — Jg. 1926, Nr. 14 —

    Karl Hau ist tot. Gottes Mühlen mahlen langsam; aber die der bürgerlichen Gerechtigkeit mahlen sicher. Im Jahre 1907 hat man ihm das Leben abgesprochen: aber Totgesagte leben lange; er wurde begnadigt und hat es 17 Jahre im Zuchthaus ausgehalten. Dann, vor anderthalb Jahren, ist er weiterer „Gnade“ teilhaftig geworden: man hat ihn entlassen, hinausgelassen in das Leben. Es war ein ganz anderes geworden, während er unter den Begrabenen gesteckt hatte. Luftschiff, Flugzeug, Weltkrieg, Republik, Radio, Jazzband, Bubikopf — er war fremd; alles war anders. Er hat den Anschluß nicht mehr gefunden.

    Vielleicht hätte er ihn gefunden, wenn er hätte Wurzel schlagen, sich in das neue Leben hineinleben, sich in die seelische, geistige und leibliche Unmittelbarkeit des modernen Getriebes hineintasten dürfen. Es ist ihm aber nicht beschieden gewesen. Mit dem Rechtsfanatismus eines Kohlhaas hat er sich daran gemacht, seine Reinigung zu betreiben. Obwohl er sich hätte sagen können, daß das, was er durchgemacht hat, mehr ist als die Reinigung, die eine etwaige nachträgliche Freisprechung hätte geben können. Daß er noch ein Plus, ein Guthaben hatte gegenüber dem Gerechtigkeits-„Soll“ dieser bürgerlichen Gesellschaft. Die Frage, ob er schuldig gewesen ist oder nicht, war völlig belanglos geworden — für die Welt. Er aber, sei es aus dem schmerzenden Bewußtsein heraus, ein halbes Menschenalter lang unschuldig gequält worden zu sein, sei es aus der Manie des Schuldigen heraus, der die fixe Idee seiner Unschuld fanatisch verficht, um in allererster Linie sich selbst zu überzeugen (weil er ohne den Glauben an seine Makellosigkeit nicht zu leben vermag) — hat sofort den hartnäckigen Kampf um seine Rehabilitierung aufgenommen. Er konnte nicht vorwärts schauen, weil er keinen Grund unter den Füßen spürte. Er schaute zurück und suchte den längst in den Abgrund gestürzten Boden, auf dem er wieder Fuß fassen zu können hoffte.

    Und dieses fiebernde Bemühen, die Welt zum Glauben an sich und seine Unschuld zu zwingen, entzog ihm auch das letzte Fußbreit Erdboden, auf dem er hätte Atem schöpfen können zu neuem Ausschreiten: seine Bücher machten die bürokratisch-farisäerhafte Gesetzesgerechtigkeit wieder auf ihn aufmerksam. Der törichte Steckbrief wurde erlassen: der 17 Jahre lang begraben gewesen war, sollte aus dem Licht wieder zurück gezwungen werden in die Düsternis des Kerkers. Hau floh.

    Er wurde unstet. Ging nach Italien, suchte eine Möglichkeit sein Leben zu fristen, fand nichts, brach zusammen, verzweifelte und wurde schließlich als unbekannter Toter, oder vielmehr als unbekannter Sterbender — denn er röchelte noch — ins Krankenhaus Tivoli in der Nähe von Rom eingeliefert. Starb. Ursache: Schlaganfall oder Gift, mit 99 v. H. Wahrscheinlichkeit: Gift.

    Aber war das wirklich die Ur-Sache, der Ur-Grund, daß dieses Leben so sinnlos ausgehen mußte, daß dieser Mensch, der, als er das Zuchthaus verließ, voll Gier nach dem Leben war, nur in die Welt zurückgekehrt ist, um sie gleich freiwillig zu verlassen? Die wahre Ursache hat doch wohl in ihm selbst gelegen; aber er hätte vielleicht doch noch seinen Platz, seinen Raum, seinen Daseinszweck gefunden, hätte nicht eine kurzsichtige Justiz wieder einmal den tötenden Buchstaben des kodifizierten Rechts über den lebendigmachenden Geist der Gnade siegen lassen.

    1926, 14 Max Barth

    Karl Hau ist im August 1924 aus dem Zuchthaus in Bruchsal entlassen worden, nachdem er versprochen hatte, seinen Fall ruhen zu lassen. Als er diese Zusage nicht hielt und deshalb wieder verhaftet werden sollte, hat er im März 1926 in Italien Selbstmord begangen.

  • Justizopfer: Matteotti

    Justizopfer: Matteotti

    — Jg. 1926, Nr. 14 —

    Im Juni 1924 ist der italienische Sozialist [Giacomo] Matteotti von Faschisten ermordet worden. Im März 1926 sind die Mörder teils freigesprochen, teils so verurteilt worden, daß sie in wenigen Monaten wieder im Lichte (mussolinischer Gnade) wandeln werden. Mussolini, der Vergewaltiger des Rechts und der Menschlichkeit, hat alle Ursache, die Sonne seines Wohlwollens über den Verurteilten strahlen zu lassen: wer weiß, was sie aussagen würden, wenn sie aussagen würden! Man weiß es nicht; aber man ahnt es, mit einer hundertprozentigen Ahnung, die noch schwerer wiegt als unser einstweilen neunzigprozentiges Wissen.

    Daß der Prozeß gegen die Mörder Matteottis ein freches Theaterstück sein würde, hat man zwar gewußt. Vor allem bei uns in Deutschland hat man daran nicht gezweifelt: denn wir haben schon genug ähnliche Fälle in unserem eigenen Lande erlebt. Allerdings: daß die blutbefleckten Buben es wagen würden, so frech, so grotesk frech daherzulügen, wie es der Hauptschuldige Dumini getan hat, hätten selbst wir uns nicht träumen lassen. Er hat die Stirn gehabt, zu behaupten, Matteotti sei an einem Blutsturz gestorben; und die Stichwunden, die sein armer, zerfetzter Körper aufwies, seien Wanzenstiche gewesen, die er sich selbst aufgekratzt habe.

    Ein für nichtitalienische Richter besonders lehrreiches Kapitel ist der Urteilsspruch über die drei Mörder Dumini, Volpi und Poveromo, die nicht wie ihre Komplizen freigesprochen worden sind. Sie wurden verurteilt zu je 12 Jahren Gefängnis, wegen — Mordes? — nein: wegen Totschlags ohne Vorbedacht. Da man aber nicht feststellen konnte, wer der eigentliche Mörder war, wurden jedem 5 Jahre abgezogen. Rest: 7. Nun hatten die Geschworenen mildernde Umstände anerkannt. Dafür gab’s wieder einen Abzug. Wie man ihn ausgerechnet hat, mögen die Götter wissen; fest steht, daß als Strafe blieben: 5 Jahre 11 Monate 20 Tage. Aber der Mord hatte ja politische Gründe, und für politische Verbrechen existiert eine Amnestie. Darum waren 4 Jahre der Strafe zu erlassen. Endergebnis also: 1 Jahr 11 Monate 20 Tage. Und die haben die Kerle bis auf wenige Wochen schon abgesessen. Also werden sie bald frei. Und alles ist zufrieden: die Richter, die Mörder, die Faschisten und Mussolini.

    Das ist das Gesicht des Faschismus. Gewissenlos, brutal, frech, hohnvoll, solange er sich im Besitz der Macht weiß: so grinst er uns an — jenseits der Alpen oder diesseits: es ist überall das gleiche.

    Das einzig Schöne, Starke und Würdige in der Geschichte des Matteottiprozesses ist der Brief an den Präsidenten des Schwurgerichts von Chieti, durch den die Witwe Matteottis, die als Nebenklägerin aufgetreten war, ihre Klage zurückzog, als sie merkte, wie man diesen Prozeß führen würde. Er heißt: „Exzellenz! Die Ermordung Giacomo Matteottis, die für mich und meine Kinder eine Tragödie ist und als solche von jedem freien Menschen in Italien empfunden wurde, hatte in mir den Glauben geweckt, daß der Ruf nach Gerechtigkeit nicht ungehört verhallen würde; dieser Glauben hat mich in meinem äußersten Jammer aufrechterhalten und mich bewogen, als Privatklägerin aufzutreten. Aber in den Wechselfällen der Untersuchung und durch die jüngste Amnestie ist der Prozeß — der wahre Prozeß — nach und nach wesenlos geworden. Was heute von ihm bleibt, ist nur ein Schatten. Ich hatte keinen Haß auszudrücken und keine Rache zu fordern; ich wollte nur Gerechtigkeit. Die Menschen haben sie mir verweigert; ich werde sie von der Geschichte empfangen und von Gott. Ich ersuche Sie daher, mir zu erlauben, dem Prozeß fernzubleiben, der mich nichts weiter angeht. Meine Anwälte, die auch in diesem Augenblick mit mir solidarisch sind, werden meiner Entscheidung rechtskräftige Form geben. An Sie, Exzellenz, richte ich die Bitte, mich der Qual, vor den Assisen zu erscheinen, zu entbinden. Es würde mir vorkommen, als ob ich dadurch das Andenken Giacomo Matteottis beleidige, für den das Leben etwas furchtbar Ernstes war, jenes Andenken, um dessentwillen ich weiterlebe, einsam und zerrissen, und in dessen Licht ich meine Söhne zu stolzen und furchtlosen Menschen erziehen will, wie ihr Vater einer war. Mit Hochachtung Velia Matteotti.“

    Das ist die Sprache einer Römerin. Wenn der Duce, der große Schuldige, der in Chieti nicht vor den Schranken gestanden hat, nicht vor lauter Cäsarenwahnsinn taub geworden wäre für die Stimme der großen, edlen und freien Gesinnung, müßte er sich wie ein Hund in seine Hütte verkriechen, in der Erinnerung an seine eigenen, verlogenen, großmäuligen Frasen.

    Aber bei uns im kühlen, vernünftigen Norden erkennen sich nicht einmal kleinere, spießbürgerlichere, gesündere fascistische Maulhelden selbst — was kann man da von einem Irrsinnnigen, Größenwahnsinnigen unter der heißen italienischen Sonne erwarten?

    1926, 14 Max Barth

    Der Urheber des Mordes an Matteotti ist Mussolini. Zwischeninstanz zwischen ihm und den Mördern war sein Pressechef Rossi, der nachher ins Ausland floh und Mussolini beschuldigte. Rossi ist im August 1928 von der Schweiz aus auf italienisches Gebiet gelockt, verhaftet und im September 1929 zu 30 Jahren Zuchthaus verurteilt worden.

    Siehe auch:https://www.zeit.de/1994/24/die-affaere-matteotti/komplettansicht

  • Justizopfer: Max Hölz

    Justizopfer: Max Hölz

    — Jg. 1926, Nr. 45 —

    Die kommunistische Presse berichtet, einer der Kronzeugen der Staatsanwaltschaft aus dem Hölz-Prozeß habe vor einem Rechtsanwalt zu Protokoll gegeben, daß er seine früheren Aussagen, die für Hölz belastend waren, widerrufe; sie seien ihm von der Justiz abgepreßt worden. Vor dem gleichen Anwalt hat ein Arbeiter, der der Erschießung des Gutsbesitzers Heß, wegen dessen Tötung Hölz zu lebenslänglichem Zuchthaus verurteilt worden ist, beigewohnt hat, zu Protokoll gegeben, daß er den wahren Täter kenne; er werde ihn aber erst vor Gericht nennen.

    Die Sache Hölz ruht nicht. Frau Hölz hat in einem Vortrag der Roten Hilfe in Frankfurt für die Wiederaufnahme des Verfahrens gegen ihren unschuldig zu lebenslänglichem Zuchthaus verurteilten Mann gesprochen, so eindrucksvoll, daß selbst die „Frankfurter Zeitung“ glaubt, man könne von den verantwortlichen Stellen „erwarten“, daß sie sich noch einmal mit der Sache Hölz beschäftigen. Hölz selbst hat im Zuchthaus mit einer Darstellung seiner Erlebnisse begonnen; ein Abschnitt daraus ist schon in einer Zeitschrift veröffentlicht worden.

    Die Freunde des ungerechterweise so schwer Verurteilten werden nicht locker lassen, bis sie die Wiederaufnahme des Verfahrens und die Ersetzung des 1921 ergangenen schändlichen Urteils durch ein den Handlungen des roten Generals angemessenes erreicht haben. Man wird dieser deutschen Justiz nicht gestatten, einen Menschen lebendig zu begraben, einfach deshalb, weil er den Besitzenden und daher Regierenden als Führer der nach Gerechtigkeit verlangenden Massen verhaßt ist. Die maßgebenden Stellen zeigen sich zwar in der Angelegenheit Hölz verflucht schwerhörig, so schwerhörig, daß man beinahe den Eindruck bekommt, sie würden Hölz auch dann nicht freilassen, wenn sie von seiner Unschuld überzeugt wären: weil sie ihn fürchten. Hölz ist der Prügelknabe unserer Justiz und unserer gesamten Bourgeosie: dadurch, daß sie ihn zum Monsterverbrecher, zum Inbegriff alles Schlechten, das in ihnen selbst steckt, machten, verschaffen sie sich das „gute Gewissen“, das sie als sanftes Ruhekissen für den Schlaf ihrer Nächte brauchen. Schlafen Sie gut, meine Herrschaften? Nun wir hoffen, daß wir Ihnen dieses Polster eines Tages unter dem süßschlummernden Köpfchen wegziehen werden!

    Die Bourgeoisie hat Max Hölz zum Sinnbild der Masse gemacht; darum hat ihn die Masse als solches anerkannt. Erst seit seiner Verurteilung ist Hölz, der Führer der mitteldeutschen Kämpfer, zum Märtyrer und Helden des gesamten deutschen Proletariats geworden. Die Art, wie der Prozeß gegen ihn geführt worden ist und wie er in der Haft behandelt wird, enthüllt die Gemeinheit der Gesinnung, mit der auf der anderen Seite gekämpft wird, und stärkt die Treue der Massen zu Hölz, den Entschluß, ihn dieser Justiz aus den Händen zu reißen.

    Vergessen wir’s nicht: Man hat am 16. April 1921 einen Preis von 50 000 Mark ausgeschrieben für Aussagen, die zu seiner Verurteilung führen würden. Man hat den Hauptbelastungszeugen, der behauptet, Hölz habe Heß von der Straße aus erschossen, durch einen Lokaltermin überzeugt, daß das nicht stimmen könne, worauf er seine Behauptung so abänderte, daß sie mit den festgestellten Tatsachen und Möglichkeiten übereinstimmte. An diesem Lokaltermin durfte aber weder Hölz noch seine Verteidiger teilnehmen.

    Vergessen wir’s nicht: Man hat Hölz den Arzt verweigert. Man hat den Schwerkranken von einem Zuchthaus ins andere durch halb Deutschland geschleppt. Auf seine Beschwerde hin hat man seine Gichtschwellungen für „Fettpolster“ erklärt. Man hat ihm, wie seine Frau behauptet, sein Zellenfenster eine Zeit lang zugemauert. Man hat ihm für einige Monate verboten, Briefe zu schreiben oder zu empfangen. Man hat ihm jetzt seine Bibliothek entzogen, die er viereinhalb Jahre lang hat benützen dürfen. Seiner Frau hat man, nachdem Hölz in den Hungerstreik eingetreten war, gesagt: „Wenn Ihr Mann vierzehn Tage gehungert hat, werden wir ihn künstlich ernähren; wenn er die Ernährung verweigert, dann ist er in vier Wochen tot.“

    Das wäre wohl die für unsere „Gerechten“ günstigste Lösung: wenn Hölz stürbe. Dann wären sie aus allen Verlegenheiten raus. Das könnte ihnen so passen. Damit sie nicht diese Freude und diesen Triumf haben: setzt euch ein für Max Hölz! Verlangt die Wiederaufnahme des Prozesses!

    1926, 45 Max Barth

    Siehe auch: https://www.deutsche-revolution.de/neutrales-komitee-fuer-max-hoelz

    Max Hölz ist am 18. Juli 1928 aus der Strafanstalt entlassen worden. Ein Wiederaufnahmeverfahren wegen des Totschlags an Gutsbesitzer Heß, dessen Täter sich freiwillig gemeldet hat, schwebt noch.

  • Justizopfer: Jakubowski

    — Jg. 1928, Nr. 3 —

    Jakubowski, ein russischer Kriegsgefangener, ist am 26. März 1925 von einem mecklenburgischen Schwurgericht zum Tode verurteilt und am 15. Februar 1926 hingerichtet worden. Aller Wahrscheinlichkeit nach ist er das Opfer eines Justizmordes geworden.

    Jakubowski soll seinen dreijährigen unehelichen Sohn Ewald Nogens ermordet haben. Das Kind ist seit dem 9. November 1924 verschwunden. Jakubowski soll es in die Heide hinausgebracht, getötet und vergraben haben. Ein Beweis liegt nicht vor; das Alibi des Hingerichteten war schon bei der Verhandlung fast lückenlos, nur wo er sich während einer halben Stunde aufgehalten hat, kann nicht durch Zeugen bewiesen werden (von ihm nicht, aber auch vom Gericht nicht): also, hat das Gericht angenommen, hat er in dieser Zeit den Mord begangen. Daß eine Zeugin, die Schreie gehört hat, diesen Vorfall an den Beginn dieser halben Stunde legt (zu dem der „Mörder“ noch gar nicht am Tatort gewesen sein konnte), hat dem Gericht dabei anscheinend keine Sorge gemacht. Es heißt in der Anklageschrift (nicht in der Urteilsbegründung!): „Die von der Zeugin angegebene Zeit scheint allerdings nicht ganz richtig gewesen zu sein, da die Erdrosselung nicht schon um 5.45 Uhr, sondern erst nach 6 erfolgt sein wird.“ „Erfolgt sein wird“ — diese willkürliche Annahme hat sich allem Anschein nach das Gericht zu eigen gemacht. Der „lückenlose Indizienbeweis“, auf den hin ein Mensch um einen Kopf kürzer gemacht worden ist, ist überhaupt kein Beweis, enthält von Beweisen keine Spur. Der einzige Zeuge, der Jakubowski auf dem Weg zur Mordstelle gesehen haben will, ist ein Idiot; er ist unbeeidigt vernommen worden („weil er wegen Verstandesschwäche von dem Wesen und der Bedeutung des Eides keine genügende Vorstellung hat“); wenige Wochen später ist er als unheilbar geisteskrank ins Irrenhaus gebracht worden. Zur Zeit der Verhandlung war er trotz seiner offenkundigen Idiotie noch geeignet, als Kronzeuge zu dienen und durch seine simpelhafte Aussage (nicht einmal sein Alter wußte er anzugeben) das Schicksal eines Menschen zu besiegeln.

    Das Gericht hat, um Jakubowskis Schuld glaubhaft zu machen, den Mann einen schlechten Vater genannt; das Gegenteil ist bewiesen. Es hat ihm, der nur schlecht deutsch sprach, trotz seiner Bitte einen russischen Dolmetscher verweigert; seine Feststellungen zu einzelnen Punkten seiner Aussage: er sei falsch verstanden worden, hat es als „faule Ausrede“ abgetan. Jakubowski hat bis zuletzt seine Unschuld beteuert; er hat auf eine andere Spur gewiesen: es scheint, daß man sich um den Hinweis überhaupt nicht gekümmert hat.

    Der katholische Gefängnisgeistliche wunderte sich über die Art der Verhandlung. Er war wie sein evangelischer Kollege überzeugt, die Hinrichtung hätte nicht stattgefunden, wenn es sich um einen Mecklenburger gehandelt hätte. Der Vertreter der Regierung, ein Ministerialrat, der bei der Verhandlung anwesend war, hielt den Indizienbeweis für nicht gelungen, erwartete bestimmt die Begnadigung — und deckte, nachdem sie abgelehnt war, seinen Minister. Die Gefängnisbeamten waren zum Teil von Jakubowskis Unschuld überzeugt, zum Teil von seiner Schuld nicht überzeugt. Der Pflichtverteidiger appellierte noch zwei Tage vor der Hinrichtung in einem Briefe an das Staatsministerium in Neustrelitz und gab seiner festen Überzeugung Ausdruck, daß Jakubowski unschuldig sei.

    Alles umsonst! Der Kopf des armen Kerls mußte fallen. Die Maschine hat gesiegt. Fiat Justitia! Der schmutzige Rechtsbegriff einer schmutzigen bourgeoisen Ideologie muß unangetastet bleiben: die Todesstrafe muß auch dann als heilig und gerecht erscheinen, wenn ihre Anwendung selbst nach dem Buchstaben des Gesetzes nicht gerechtfertigt scheint. Am Menschen liegt nichts: der ist antastbar und vogelfrei; unantastbar und tabu ist allein der Apparat.

    1928, 3 Max Barth

    Der Mann, der Jakubowski hätte begnadigen können, ist der ehemalige mecklenburg-strelitzische Ministerpräsident Hustädt. Eine Strafanzeige der Liga für Menschenrechte gegen Ankläger und Richter im Jabubowskiprozeß, Oberstaatsanwalt Müller und Landgerichtspräsident von Buchka, ist abgelehnt worden. Ein auf Antrag der Eltern Jakubowskis eingeleitetes Wiederaufnahmeverfahren schwebt noch. Der meineidige Hauptbelastungszeuge, August Nogens, ist im Juni 1929 zum Tode verurteilt worden.

  • Die Ära der Morde

    Die Ära der Morde

    Die Ära der politischen Morde hat mit dem Mord an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht begonnen (15. Januar 1919). Es folgte der Mord an Kurt Eisner (21. Februar 1919). Von den später Ermordeten sollen erwähnt werden: im Jahre 1919: Leo Jogiches, Gustav Landauer, Eugen Levine, Hugo Haase; im Jahr 1920: Hans Paasche; im Jahre 1921: Karl Gareis, Walther Rathenau.

    Vom 30. April bis 4. Mai 1919 sind in München und Umgebung von den Regierungstruppen etwa 500 Personen erschossen worden („auf der Flucht“ oder „in Notwehr“), unter ihnen die 21 katholischen Gesellen und die 53 Russen in Gräfelfing. Amtlich registriert sind nur 181, und zwar als „tödlich verunglückt“.

    Die (zum Teil „standrechtlichen“) Erschießungen von Arbeitern, die bei revolutionären Kämpfen in die Gefangenschaft der Regierungstruppen geraten sind (z. B. im Ruhrgebiet, März 1920), können unmöglich aufgezählt werden. Erwähnt seien die 15 Arbeiter aus Bad Thale, die am 25. März 1920 von Marburger Studenten „auf der Flucht“ erschossen worden sind.

    Die ersten Fememorde sind im Frühjahr 1921 in Oberschlesien bei den Kämpfen der deutschen Freikorps gegen die Polen begangen worden. Nach den Aussagen Hauensteins (genannt Heinz), des Führers der „Spezialpolizei“, sind es über 200. Sie sind durch die sog. Spiecker-Amnestie außer Strafverfolgung gesetzt worden. Von den Fememorden, die 1922 und 1923 bei der schwarzen Reichswehr und 1923 bei den Stoßtrupps im Ruhrgebiet verübt worden sind, ist nur ein kleiner Teil aufgeklärt worden.

    Max Barth

  • Aufruf an mich selbst

    — Jg. 1924, Nr. 13 —

    Einem längst gefühlten Bedürfnis gehorchend, habe ich mich entschlossen, eine neue Partei zu gründen. Um sicher zu sein, daß meine Forderungen im Reichstag richtige und nachdrückliche Vertretung finden, habe ich mich selbst als Spitzenkandidat meiner Reichs- und meiner sämtlichen Einzellisten aufgestellt. Weitere Kandidaten werden nicht auf die Liste gesetzt. Kandidat bin nur ich. Parteimitglied kann außer mir niemand werden. Meine Partei soll möglichst vor innerer Zersplitterung bewahrt bleiben. In einer gestern abend im großen Saal des „Blauen Kanarienvogels“ abgehaltenen Versammlung meiner selbst habe ich einstimmig beschlossen, folgenden Wahlruf an mich zu erlassen: „Bürger, Zeitgenosse, Genosse und edles Stimmtier! Nur die allerdümmsten Kälber wählen ihren Metzger selber. Darum wähle DICH! Wahltag ist Zahltag! Dem Volke muß die Religion erhalten bleiben. Nieder mit dem großkapitalistischen, in den Klauen der Jesuiten, Juden, Ultramontanen und Völkischen ächzenden freimaurerischen Marxismus! Nieder mit der Reaktion! Hoch Stinnes! Stimme für edle Menschlichkeit! Gegen die Zehnpfennigtaxe in den Rotunden! Gegen Shimmy! Gegen die Bügelfalte! Gegen die Tollwut der Hunde! Sie ist volksfeindlich. Welchen Nutzen bringt dir der Neumond? Stimme dagegen, gegen den Mond überhaupt! Stimme für Sterne! Die Zukunft gehört dem schwarzweißroten Sowjetstern mit eingelegtem Hakenkreuz. Er allein bringt Rettung! Darum stimme für Mara Bu!“

    Die Wirkung des Aufrufs war Erfolg versprechend. Mein frenetischer Beifall belohnte mich. Beim Verlassen des Versammlungslokals zeigte es sich, daß ich mir die Pferde ausgespannt, d. h. den Motor abgekurbelt hatte. Begeistert schob ich mich zu meiner Wohnung. Tiefe Rührung entpreßte mir eine Dankrede an mich selbst.

    Letzte Meldung. Die Partei Mara Bu hat sich, Blättermeldungen zufolge, in einen rechten und einen linken Flügel gespalten. Der rechte ist für, der linke gegen die Ausrottung der Blattläuse. Einigungsverhandlungen sind im Gang. Man erwartet den Abschluß eines Blocks.

    1924, 13 Mara Bu

    Der „Fortschritt“ ist ein Karussell; aber es fährt sich so wunderschön.

    Bei der „freien Bahn dem Tüchtigen“ gibt es längst schon wieder Wagen-Klassen.

    1922, 39 Mauthe

  • Der Briefkastenonkel

    — Jg. 1929, Nr. 6 —

    Hausfrau. Sodawasserflecken aus Taschentüchern zu entfernen, glückt nicht immer. Versuchen Sie es einmal mit folgendem Mittel: Eine Gallone Wasser, ein halbes Pfund Schmierseife und drei Kilo Soda werden zu einem dünnen Brei gekocht. Dann gibt man das Weiße dreier Eier, ein halbes Pfund kleingeriebene blühende Brennesseln (mit Blüten!) hinzu, streut zwei Unzen Haferflocken und vier Lot Zimt darüber und treibt das Ganze durch den Wolf. Der Teig wird auf die verunreinigte Stelle gestrichen und, nachdem das Tuch drei Tage in der Sonne gelegen hat, abgekratzt. Hilft das nicht, so bleibt Ihnen als letztes, aber immer wirksames Mittel noch das Verbrennen des Taschentuchs. 

    1929, 6 Ix

  • Literatur

    Mancher hat einen feingespitzten, treffenden, zündenden Aforismus hinter der Stirn. Auf dem Weg zur Zunge wird ein umständliches und langweiliges Essay daraus. Er schreibt es nieder — und es gibt einen dicken Wälzer, flach, seicht, von vorn bis hinten nur wässrige Brühe.

    1927, 6 Ix

  • Max Barth

    Max Barth

    Max Barth, geboren am 22. Januar 1896 in Waldkirch/Elztal. Nach der Realschule Besuch des Karlsruher Lehrerseminars; Teilnahme am Ersten Weltkrieg in Belgien, Frankreich, Polen und Rumänien. Drei Jahre Volksschullehrer; seit 1922 freier Autor und Journalist. Erste Veröffentlichungen in der „Sonntags-Zeitung“ Anfang 1924. Im selben Jahr von Erich Schairer in die Redaktion geholt, wurde Barth unter zahlreichen Pseudonymen zu einem der produktivsten und vielseitigsten Mitarbeiter. Im August 1932 wegen politischer Differenzen entlassen, gründete Barth eine eigene kleine Wochenzeitung („Die Richtung“). Aufgrund drohender Verhaftung wegen „Hochverrats“ (Barth hatte in seiner Zeitung zur Abwehr des Nationalsozialismus zum Generalstreik aufgerufen). Anfang März 1933 Flucht in die Schweiz. Damit begann ein 17 Jahre währendes Exil, das Barth rund um die Welt führte (Frankreich: 1933 und 1935, Spanien: 1934, Tschechoslowakei: 1935, Norwegen: 1938, Schweden: 1940 und USA: 1941). 1950 Heimkehr: zunächst Stuttgart, zwei Jahre später Waldkirch, wo er sich – über die politische Entwicklung und seine eigene „Überflüssigkeit“ enttäuscht – „zu Ende lebte“. Tod am 15. Juli 1970.

    Pseudonyme: Mufti Bufti, Mara Bu, Karl Fehr, Franz Kury, Jack, Knurrhahn, Peng

    Selbständige Veröffentlichungen:

    Kabif [als Mufti Bufti]. Gedichte. Stuttgart: Verlag der „Sonntags-Zeitung“ 1930.

    Die Rubaijat des Omar Khaijam. Frankfurt: Europäische Verlagsanstalt 1963.

    Die Nacht des Kaisers. Der Herr des Reiches. Waldkirch: Privatdruck 1964.

    Ein fremder Hund: Waldkirch: Privatdruck 1964.

    Der rote Stein und andere Geschichten. Waldkirch: Privatdruck 1966.

    Höllentorer Chronik. Waldkirch: Privatdruck o.J.

    Spur im Ufersand. Eine Auswahl aus dem Werk. Waldkirch: Waldkircher Verlag 1971.

    Flucht in die Welt. Exilerinnerungen 1933-1950. Hrsg. von Manfred Bosch. Waldkirch: Waldkircher Verlag 1986.

    Lob des Dialekts. Waldkircher Redensarten. Texte und Gedichte. Waldkirch: Waldkircher Verlag 1986.

    (Biografie und Bibliografie aus: Manfred Bosch (Hg.), Mit der Setzmaschine in die Opposition, Auswahl aus Erich Schairers Sonntags-Zeitung 1920-1933, 1989)

    Inventory of the MAX BARTH PAPERS, 1916-1962
    M.E. Grenander Department of Special Collections and Archives GERMAN INTELLECTUAL ÉMIGRÉ COLLECTION

    siehe auch:

    https://www.zeit.de/1987/18/sechseinhalbtausend-mark-wiedergutmachung

    https://de.wikipedia.org/wiki/Max_Barth_(Journalist)

  • Sacco und Vanzetti

    Sacco und Vanzetti

    — Jg. 1927, Nr. 18 —

    Am 9. April 1927 sind in Boston die beiden italienischen Arbeiter Sacco und Vanzetti zum zweitenmal zum Tode verurteilt worden. Dieser Fall Sacco-Vanzetti ist ein Beispiel politischer Rechtsprechung und ungerechter Handhabung der Justiz, wie es die Fälle Dreyfus in Frankreich, Fechenbach und Hölz in Deutschland waren. Die beiden Italiener sind am 5. Mai 1920 verhaftet worden unter der Beschuldigung, am 15. April desselben Jahres zwei Angestellte einer Firma in South Braintree (Mass.) ermordet zu haben. Die beiden Ermordeten hatten Lohngelder zu transportieren und wurden vor einem Schuhladen von einer Bande, die damals in den Neu-Englandstaaten die Beraubung von Kassenboten zu ihrer Spezialität gemacht hatte, getötet. Die Bande entfloh in einem Auto mit den 15 750 Dollars, die ihr in die Hände gefallen waren.

    Seit 1920 sind die beiden Unschuldigen in Haft; nach dem vor wenigen Wochen ergangenen letzten Todesurteil sollen sie in der Woche vom 10. bis 16. Juli dieses Jahres hingerichtet werden. Der Grund, aus dem sie verhaftet wurden, ist ein politischer: sie waren Anarchisten und hatten gerade in jener Zeit eine Reihe von Protestkundgebungen organisiert, in der sie gegen die amerikanische Justiz zu Felde zogen, weil der italienische Arbeiter Andrea Salsedo ohne Angabe von Gründen festgenommen und acht Wochen in Haft gehalten worden war; bis er schließlich als Leichnam wieder in Freiheit gesetzt wurde. (Auch nachträglich ist die Verhaftung Salsedos nicht begründet worden.) Sacco und Vanzetti waren also der amerikanischen Justiz sehr unbequem; um sie zu vernichten, wurde die schlecht aufgezogene Anklage wegen Raubmords gegen sie erhoben. Das Verfahren gegen sie ist die in legaler Form ausgeführte illegale Absicht, zwei Gegner korrupter Justiz zu ermorden. Ein Beispiel, das auch in europäischen Ländern seine Parallelen hat.

    Es ist Sacco und Vanzetti weder irgend eine Beziehung zur Verbrecherwelt nachzuweisen gewesen, noch hat man einen Anhaltspunkt für die Auffindung der übrigen Mitglieder der Bande — die doch irgendwie zu den beiden Verhafteten in Beziehung stehen müßten — gefunden. Schon in der ersten Hauptverhandlung, 1921, haben zehn Zeugen beschworen, daß Sacco zurzeit des Mordes in Boston sich befand; noch mehr haben beeidigt, daß Vanzetti gleichzeitig in Plymouth (in Amerika, nicht in England) war. Trotzdem ist schon damals, 1921, ein Todesurteil gefällt worden. Und das, obwohl dreizehn von der Staatsanwaltschaft geladene Zeugen keinen der beiden Angeklagten identifizieren konnten, zweiundzwanzig andere Zeugen bestimmt erklärten, daß keiner der beiden am Überfall beteiligt gewesen sei. Von den fünfen, die Sacco und Vanzetti als die Mörder indentifizierten, waren drei unglaubwürdig: zwei wegen ihres Charakters und einer wegen der Widersprüche, die zwischen seiner Aussage und der anderer Zeugen bestand.

    Die übrigen zwei waren zwei Mädchen, die genau einundeinviertel Sekunden lang das Auto mit der Räuberbande hatten vorbeiflitzen sehen. Diese Zeit hat ihnen genügt, um von Sacco (über Vanzetti konnten sie überhaupt nichts aussagen) eine ganze Fülle von Einzelheiten zu erkennen, z. B. daß der Mann ein wenig größer war als sie, ungefähr 140-145 Pfund wog, sauber rasiert war, dünne Wangen, dunkle Brauen, dunkles Haar, hohe Stirn, grünlich-weiße Gesichtsfarbe, gestraffte, kantige Schultern hatte, das Haar zurückgekämmt trug; daß dieses Haar „zwischen zwei und zweieinhalb Zoll lang“ war; daß er ein grünes Hemd trug und ein klar und fein geschnittenes Gesicht hatte. „Er war ein muskulöser, tatbereit (active) aussehender Mann und hatte eine starke linke Hand, eine mächtige Hand.“ Das alles in knapp einer Sekunde erfaßt? Wie man’s nimmt: in der Voruntersuchung haben die beiden Mädchen sich nicht getraut, Sacco zu identifizieren; aber einige Wochen später erklärte dann die eine, Miß Splaine, daß ihr durch „Überlegen“ die Gewißheit gekommen sei. Und die andere schloß sich ihr an.

    Seit sieben Jahren sind Sacco und Vanzetti unschuldig im Gefängnis. Die Sozialisten, Kommunisten, wirklich liberalen, wirklich demokratischen Menschen vieler Länder, auch Amerikas, haben in unzähligen Protesten die Freilassung der beiden Opfer einer verkommenen Justiz gefordert: umsonst — die Bourgeoisie will ihr Opfer haben. Ihr schlägt bei diesem Justizmord auch nicht eine Minute lang das Gewissen.

    1927, 18 – Max Barth

    Sacco und Vanzetti sind am 23. August 1927 in Boston auf dem elektrischen Stuhl hingerichtet worden, nachdem der Gouverneur von Massachusetts, Fuller, eine Begnadigung abgelehnt hatte.