Kategorie: 1926

Auswahl im Jahrgang 1926 veröffentlichter Beiträge

  • Theodor Lessing

    — Jg. 1926, Nr. 25 —

    In Hannover benehmen sich Studenten absichtlich, bewußt und systematisch wie Lausbuben, indem sie den Professor Theodor Lessing anflegeln, seine Vorlesungen stören, ihre eigenen Schulstunden schwänzen, um Versammlungen abzuhalten, ihr Pensum nicht lernen, Demonstrationsausflüge machen, Phrasen in die Welt posaunen, bei denen sie sich nichts gedacht haben und auch andere sich nichts denken können. Der Stahlhelm speist sie, die reaktionären Kücken anderer deutschen Hochschulen schicken ihnen Sympathiekundgebungen, halten auch Versammlungen ab, inszenieren Kundgebungen und verkünden tragisch und offiziell besondere Streiktage, an denen sie durch körperliches Fernbleiben aus den Hörsälen sinnfällig daran erinnern, daß sie auch sonst, mit dem, was man in ihren Kreisen Geist zu nennen beliebt, nicht dort sind. Und das alles aus Sympathie für ihre Mitarmen im Geiste. Böse Buben sympathisieren immer miteinander.

    Die ganze Studentenschaft der technischen Hochschulen in Deutschland nebst einiger Handelshochschulen, nebst einiger landwirtschaftlicher Hochschulen, nebst einiger „richtigen“ Universitäten, nebst einer erklecklichen Anzahl nichtakademischer Trottel schäumt, geifert, tobt gegen einen einzigen Mann. Einen Privatdozenten, einen Republikaner, einen Antimilitaristen, einen einfachen, aber klaren denkenden Menschen. Einen Juden.

    Und dieses kleine Jüdchen, das übrigens nicht einmal reinjüdischer Abstammung ist, evangelisch gewesen und freiwillig zum Judentum übergetreten ist, hat die Stirn, der entfesselten Meute der teutschen Jüngelchen, hinter denen hetzend die Rechtsparteien mit ihrer Presse, reiche Eltern mit ihrem Geld und mißgünstige Professoren mit ihrem Haß und ihrer Autorität stehen, zu trotzen, einfach zu trotzen. Er weicht nicht. Er will seine Stelle nicht aufgeben, obwohl sein Rektor ihm deutlich gesagt hat, daß er ihn nur ungern schützt, obwohl seine Kollegen aus Angst vor der angedrohten Schließung der Hochschule in einem Dokument der Schande von ihm abgerückt sind, und obwohl sogar der Magistrat der Stadt Hannover die Stirn gehabt hat, von ihm den freiwilligen Rücktritt zu verlangen.

    Was hat Lessing verbrochen? Nun, abgesehen davon, daß er Jude und der einzige der hannöverischen Professoren ist, dessen Name über Deutschlands Grenzen hinausgedrungen ist, hat er einige Bücher geschrieben, die eine in besseren Kreisen nicht geschätzte Weltanschauung enthüllen. Dann hat er in der Presse Berichte über den Fall Haarmann veröffentlicht, die dem Gericht und allen besseren Bürgern unsympathisch waren. Und schließlich hat er im Vorjahr, als die Kandidatur Hindenburgs propagiert wurde, im größten Blatt der Deutschen in der Tschechoslowakei eine psychologische Studie über Hindenburg geschrieben, die Linksgerichtete ihrer Mäßigung wegen in Staunen, die Reaktionäre aber, da sie nicht ins allgemeine Hurragebrüll paßte, in Rage versetzt hat.

    Daher also das Kesseltreiben der jeunesse dorée gegen Lessing. Das Toben der entfesselten Masseninstinkte gegen den Einen.

    Diese akademische Jugend von heute benimmt sich wie Mob, wie Janhagel. Es gab Zeiten, in denen die jungen deutschen Studenten sich opferten für eine große Sache. Da jeder von ihnen sich hingab, aufgab für das Allgemeine. Heute opfern sie sich nicht; heute wollen sie opfern: einen anderen, einen Einzelnen, auf dem Altar ihres Dünkels, ihrer politischen Verhetztheit, ihrer grünen Unverschämtheit. Damals, 1813, 1848, 1914 haben sich Studenten hingeworfen, bereit, unterzugehen für etwas großes — ja, auch 1914! Sie haben sich nicht wichtig gemacht, sondern sich freiwillig erniedrigt für die Sache, an die sie glaubten. Ob der Glaube ein guter, wahrer oder ein schlechter, trügerischer war, ist nebensächlich. Es war Demut, Dienstbereitschaft, Bescheidenheit und darum Größe in ihrem Handeln. Aber heute üben sie aus Eingebildetheit, Selbstüberhebung, lausbübischer Radausucht Terror gegen einen einzigen Mann. Das ist ihre Tapferkeit. Das ist ihre Tapferkeit.

    Und darauf sind sie noch stolz. Ein jämmerlicher Stolz, das!

    1926, 25, Max Barth

  • Der ewige Untertan

    Die deutsche Gefahr

    — Jg. 1926, Nr. 43 —

    Das gefährlichste Moment der innenpolitischen Lage in Deutschland liegt wohl darin, daß wir eine Republik, aber keine oder viel zu wenig republikanische Bürger haben. Wir haben eine Form, aber keinen Inhalt; ein Faß, aber keinen Wein.

    Die Reichswehr ist eine durchaus bürgerliche Angelegenheit. Das könnte sie auch ohne Schaden sein, wenn das Bürgertum darnach wäre. Die Schweizer Miliz ist eine bürgerlich-bäuerliche Institution, ohne jede sozialistische Komponente, und doch ist sie ein Hort der Freiheit. Der Schweizer Bürger will frei sein, der deutsche Bürger nicht. Da liegt der Hase im Pfeffer.

    Der deutsche Bürger hat seit dem Dreißigjährigen Kriege keine Geschichte mehr. Während die Schweizer Geschichte vom Leben, Arbeiten, Sichentwickeln des Bürgers und Bauern handelt, ist die deutsche Geschichte seit jenem unseligen Einschnitt in alles politische Geschehen, dem Dreißigjährigen Kriege, eine Geschichte der Fürsten. Das deutsche Heer, in welchen Formen es auch immer auftrat, ist ein Instrument der Dynastien gewesen. Das Volk ist stets Material seiner Herren gewesen. Diese Herren haben 1918 gewechselt. Aber das Volk ist Material geblieben.

    Wie soll der, der jahrhundertelang Untertan war, in wenigen Jahren ein freier Staatsbürger werden? Die Kirchen haben aus eigenem Interesse die Untertaneneigenschaft des Deutschen sorgfältig gepflegt, ja, wenn es ihnen notwendig erschien, mit Gewalt erhalten. In den Tagen der größten deutschen Revolution, im Bauernkrieg, hat Luther sein unsoziales und durchaus reaktionäres Herz bewiesen, als er sich zu den Fürsten und gegen die Bauern stellte. Er war ein Vorläufer jener christusfernen Stahlhelmpastoren, als er den blutgierigen Fürstenknechten sein „Schlagt die Bauern tot!“ zurief. „Schlagt die Bauern tot!“, das war damals soviel als „Schlagt die deutsche Freiheit tot! Schlagt das deutsche Volk tot!“

    Und man hat beide gründlich totgeschlagen. Wo steht heute die protestantische Kirche in Deutschland? Auf der Seite der Freiheit etwa? Und unsere bürgerliche Erziehung durch Jahrhunderte? Wovon war die Rede in unseren Schulbüchern und in denen unserer Väter, Großväter und Ahnen? Niemals ist der freie Mann, sondern stets nur der loyale Untertan deutsches bürgerliches Ideal und höchstes staatsbürgerliches Erziehungsziel der Schule gewesen. Dann trat der junge Deutsche in die Welt. Das heißt, er trat leider nicht in die Welt, sondern in die Enge seiner Berufstätigkeit. Hier wurde der übertriebene Autoritätsglaube der Erziehung in die praktische Angst vor dem Vorgesetzten umgewandelt. Nicht der Charakter, ja meist nicht einmal die berufliche Leistung entschieden über die „Karriere“ (jenen deutsche Träume bealpdrückenden Begriff!), sondern Gefügigkeit, Gehorsam, bereitwillige Aufgabe der eigenen Persönlichkeit. Der Untertan hat in jedem Wettlauf um den Erfolg in Deutschland gesiegt.

    So war es bei der Armee, in der Beamtenschaft, ja selbst in kaufmännischen und technischen Betrieben. Ein Gefühl für Freiheit hatte schließlich nur mehr der Proletarier. Aber auch der nur, weil und solange er nichts zu verlieren hatte.

    Auf der proletarischen Antithese zum Besitz läßt sich aber eine demokratische Republik nicht aufbauen.

    Das Bürgertum hat in Deutschland immer versagt. Es hatte in Dutzenden von Kriegen wohl den Mut zum Sterben, aber es hat noch nie den Mut zum Leben gehabt. Und das, weil es aus Untertanen besteht. Auch heute noch. Der Untertan ist in Deutschland unsterblich. Und solange er das ist, werden wir keine richtige Republik haben. […]

    Darum, weil Deutsche Untertanen sind, können sie sich auch nicht regieren. Das ist so selbstverständlich, wie nur irgend etwas selbstverständlich sein kann. Der Bürger hat die Revolution nicht gemacht. Er wachte plötzlich in einer Republik auf. Und hatte große Angst. Und aus Angst wurde er Demokrat. Rosa, damit die Roten ihm nichts tun. Ich habe in München sogar viele Leute der „guten“ Gesellschaft gekannt, die U.S.P.-Mitläufer waren. Nur aus Angst! Später wurden sie Hitlerianer. Auch aus Angst. Der deutsche Bürger stellte sich mit zittrigen Beinen auf jeden der nacheinander kommenden Böden der Verhältnisse. Und wurde nur wirklich böse, wenn ihm Einer ans Portemonnaie ging, ein Einzelner, den man erschießen konnte. Aber als der sogenannte Staat in der Inflation das tat, da weinte der Bürger nur, anstatt sich zu wehren, und fiel auf alle Bären herein, die man ihm aufhängte. […]

    Der deutsche Untertan hat sich antirepublikanische Richter und Staatsanwälte, eine antirepublikanische Reichswehr, antirepublikanische Gymnasial- und Universitätsprofessoren, einen zu 80 Prozent antirepublikanischen Beamtenapparat geschaffen. Er hat eine antirepublikanische Republik geschaffen, weil er die antirepublikanischen Personen nicht abschaffte. Wo hat sich ein bürgerlicher Wille zur Republik gezeigt? Wo hat sich der Mut gezeigt, an die Feinde der Republik heranzugehen und sie kopfüber aus allen Ämtern und Stellen hinauszuschmeißen? Und wenn der Verwaltungskarren ein paar Jahr holprig gegangen wäre, was hätte es geschadet? Besser auf der holprigen Straße eines politisch ehrlich gewollten Zustandes als im sofaweichen Dreck, wie wir bisher gefahren sind. […]

    1926, 43 Franz Carl Endres

  • Die „Nationalen“

    — Jg. 1926, Nr. 25 —

    Ich kann mir an dieser Stelle, so groß meine Neigung dazu auch ist, die Vorbemerkung nicht erlassen, daß ich meiner ganzen ursprünglichen Anlage nach zum Nationalen in einem unbedingt bejahenden Verhältnis stehe. Es ist mir nahezu unmöglich, mich ins Ausland verpflanzt zu denken. Ich vermag mich nur in deutsches Seelenleben mitfühlend einzuleben, nur in deutscher Sprache mit einer mir genügenden Genauigkeit auszudrücken, und Fremden gegenüber würde es mir bestimmt ähnlich gehen wie Thomas Mann, der von sich erzählt, daß er auf seiner Mittelmeerfahrt den konstantinopeler Verehrern in „fließendem Deutsch“ auf ihre Kundgebung geantwortet habe.

    Gegen die Juden, die Franzosen, die Engländer und besonders die Amerikaner habe ich mancherlei auf dem Herzen, was zu meinem Deutschtum in sehr naher Beziehung steht. Aber Eines hat mich bisher noch immer gehindert, dieser nationalen Einstellung auch öffentlich Ausdruck zu geben, und das ist es klingt merkwürdig das Treiben unserer heutigen Nationalen, mit denen ich um keinen Preis verwechselt werden möchte, weil sie mir allzu peinliche Verkörperungen jenes minderen Deutschtums scheinen, an dessen Vorhandensein erinnert zu werden den nationalen Sinn nur immer aufs neue bedrücken und demütigen kann. Mit ihnen zuerst glaube ich mich auseinandersetzen zu müssen, ehe ich es wagen darf, gegen fremde Nationaleigenschaften zu Felde zu ziehen.

    Erich Schairer hat jüngst mit Recht darauf hingewiesen, daß das Nationale sich, wie nach Friedrich Theodor Vischer das Moralische, eigentlich von selbst verstehe und daß es bereits verdächtig sei, wenn man es allzu geflissentlich in den Vordergrund stelle. Das tun unsere Nationalen schon damit, daß sie sich als Nationale bezeichnen und als solche von den anderen Volksgenossen, die sie ohne weiteres als nicht-national betrachten zu dürfen meinen, absondern. Denn was berechtigt sie, objektiv angesehen, zu einer derartig lieblosen Verurteilung des größeren Teils ihrer Nation, der zuzugehören sie doch angeblich so stolz sind? Ist nicht gerade diese lieblose Verurteilung am Ende ein Beweis dafür, daß sie in Wahrheit gar nicht national sind?


    Aber abgesehen davon: ist das etwa gute deutsche Art (oder nicht vielmehr übelste internationale Unart), sich aufzuspielen, als ob man irgend einen Vorzug gepachtet habe? Weckt nicht, um hier an die naheliegende Parallele zu erinnern, eine Kirche, die sich „rechtgläubig“ nennt, oder eine andere, die sich als die „alleinseligmachende“ empfiehlt, schon dadurch ein gewisses Mißtrauen in uns? Edle Art, die ihrer selbst gewiß ist und die die Kraft in sich fühlt, durch sich selbst zu überzeugen, bedarf keiner marktschreierischen Reklame, wie sie etwa die Parteibezeichnungen „deutschnational“ und „deutschvölkisch“ ohne Zweifel doch bedeuten.[…]

    Bei alledem halten unsere Nationalen sich sonderbarerweise noch für die großen Idealisten. Es ist mir niemals klar geworden, womit sie diesen Anspruch begründen wollen. Mir scheint, daß er durch die Länge der Zeit bei ihnen auch mehr zu einem bloßen Glaubensartikel geworden ist. Denn nur so läßt es sich erklären, daß sie auf die offenherzige Frage, was ihr Ideal denn nun eigentlich sei, die ebenso offenherzige Antwort erteilen, ihr Ideal sei es, dem deutschen Vaterlande wieder zu einem starken Heer, einer stolzen Flotte und zu überseeischen Kolonien zu verhelfen, damit es dem Ausland gegenüber so machtvoll auftreten könne wie ehedem. Daß dies und nichts anderes deutscher Idealismus sei, dessen sind sie augenscheinlich unangreifbar gewiß. Und sie werden sehr böse, wenn man nur von ferne anzudeuten wagt, daß man dergleichen bis dahin gerade immer für robustesten Materialismus gehalten habe.

    Noch sonderbarer jedoch will mich die Methode dünken, mit der sie ihre nationale Gesinnung gegenüber den geschichtlichen Ereignissen der letzten zwölf Jahre zu bekunden bestrebt sind. Als jedem zugängliche Tatsache liegt hier vor, daß unser Volk sich vier Jahre hindurch, d.h. eine vorher für ganz unmöglich gehaltene Zeitspanne lang, gegen die ungeheure, beständig wachsende Übermacht fast aller übrigen Großmächte behauptet hat und erst unterlegen ist, als bereits Hunderttausende an Erschöpfung zugrunde gegangen, die letzten Reserven verbraucht und die Bundesgenossen abgefallen waren. Dies, wie gesagt, die Tatsache. Und nun die Frage: wie soll man sich als Glied seines Volkes wohl zu ihr stellen? Es mag auf den ersten Blick ausgeschlossen scheinen, daß die Stellungnahme eine andere sein könnte als die einer befestigten Treue gegenüber der Gemeinschaft, mit der man sich durch so schlimme Schicksale verbunden weiß, einer vertieften Liebe zu diesem Volk, das so Schweres erduldet, so vieles geopfert, sich so tapfer gewehrt hat und last, not least so ruhmvoll unterlegen ist. Aber die Dolchstoßlegende zeigt, daß diese Annahme falsch ist und daß die alleinseligmachende nationale Gesinnung vielmehr darin besteht, seinem zusammengebrochenen Volk aus sicherem Hinterhalt noch einem Fußtritt zu versetzen und seiner blutenden Wunden und seiner Todesmattigkeit mit dem geifernden Anwurf zu spotten, es habe feige versagt, die Front verraten und ohne Not den Kampf aufgegeben.[…]

    Es ist so: solange alles gut ging, standen unsere Nationalen in „unerschütterlicher Treue“ zu ihrem Volk. Aber sobald das Schicksal dieses ihres Volkes sich wandte, da war es aus mit ihrer Treue. In dem siegreichen Volke lebten sie gern, von dem besiegten kehrten sie sich ab […]

    Es ist eine Qual, die Auseinandersetzung mit ihnen nicht ganz vermeiden zu können. Sie läßt sich aber deshalb nicht ganz vermeiden, weil jene es wagen, die teuern Namen „deutsch“ und „national“ dadurch zu entweihen, daß sie sie in ihrem Minderlingssinne verfälschen. Die Welt muß wissen, daß deutsch und deutschnational sein noch etwas anderes bedeutet, als mit dem Säbel rasseln, großsprecherisch den Mund aufzureißen, hoffnungslose Beschränktheit als Charakterfestigkeit ausgeben, neue Gedanken trottelhaft begeifern, die Idee grundsätzlich bekämpfen, fremde Kulturgüter unbesehen herabsetzen, die des eigenen Volkes verständnislos mißachten, selbsterwählte Ideale verraten, sein Volk in der Not, statt ihm zu helfen, noch durch sinnlose Beschimpfungen schänden.

    Denn wenn das und das allein zum Deutschtum und Nationalbewußtsein gehörte — und nach dem Gebaren unserer heutigen Nationalen sieht es manchmal fast so aus —, dann wäre es keine Ehre mehr, deutsch und national zu sein. Das aber habe ich bisher geglaubt. Und ich möchte es gern weiter glauben dürfen.

    1926, 25 Kuno Fiedler

  • Gleichheit

    — Jg. 1926, Nr. 35 —

    Kein politisches Schlagwort muß sich gröbere Mißverständnisse und dümmere Ausdeutungen gefallen lassen, als die alte demokratische Forderung — oder Behauptung — der Gleichheit aller Staatsbürger.

    Es ist wirklich kein Kunststück, festzustellen, daß die Menschen verschieden sind. Immerhin sind sie z.B. darin gleich, daß sie alle sterben müssen, und daß sie alle zum Leben Brot, Kleider und Häuser brauchen. Daß sie alle leiden, wenn man sie quält, und froh sind, wenn man sie in Ruhe läßt. Erst wenn ihre Grundbedürfnisse befriedigt sind, wenn gewisse allgemein gleiche Grundbedingungen erfüllt sind, wird es den Einzelnen möglich, die persönlichen Eigenschaften und Gaben zur Geltung zu bringen, in denen ihre Verschiedenheit von anderen beruht. Es ist also keine „öde Gleichmacherei“, sondern die Voraussetzung für das Gegenteil, wenn man von einer sozialen Ordnung verlangt, daß sie „gerecht“ sei, daß sie allen Teilhabern gleichen Start und gleiche Chancen gewähre. Nur auf diese Weise wird die richtige, die gerechte Auslese, wird Sieg und Führerschaft der Besten ermöglicht.

    Wenn diesen dann infolge ihrer besonderen Leistung eine besondere Stellung und ein größerer Anteil an den Gütern des Lebens zufällt, wenn ihnen die Befriedigung von Bedürfnissen über das allgemein gleiche Minimum hinaus gestattet wird, so widerspricht das zunächst keineswegs demokratischen Grundsätzen. Erst die Vererbung größeren Besitzes oder größerer Macht ist bedenklich, fordert Korrektur und Sicherung.

    Auch hier wieder lautet ein kindlicher Einwand: es werde ja doch nie gelingen, alle Güter, allen Besitz auf die Dauer gleichmäßig zu verteilen. Er erinnert fatal an den Satz, daß es keinen Sinn habe, die Stiefel zu putzen, weil sie ja doch bald wieder schmutzig würden. Eine periodische Neuaufteilung des Besitzes, wie sie die mosaische Gesetzgebung im sogenannten „Halljahr“ alle fünfzig Jahre vorsah, wäre eine sehr weise Einrichtung, weil sie zwar keine mathematische Gleichheit garantieren, aber die sehr schädliche allzu große Ungleichheit des Besitzes verhindern würde. Es gibt nämlich eine Grenze nach oben und eine nach unten, innerhalb derer in einem gesunden Gemeinwesen Einzelbesitz wünschenswert oder erträglich ist. Was drüber oder drunter ist, das ist vom Übel.

    Das übermäßige Anwachsen von Besitz in einer einzelnen Hand ließe sich nun aber auf sehr einfache Weise verhindern: durch eine radikale Erbschaftsbesteuerung, wie sie etwa der vor fünf Jahren ermordete Erzberger einmal im Sinne hatte. Auf dem Weg über eine Erbschaftssteuer könnte man auch die Enteignung des Großgrundbesitzes bewerkstelligen, zu der die Verfassung von Weimar zwar die Handhabe bietet, aber ohne daß sie bis jetzt von einem deutschen Staatsmann ergriffen worden wäre. Am Spezialfall des Grundbesitzes wird die Gemeinschädlichkeit des Übermaßes für jeden Betrachter, der nicht absichtlich die Augen verschließt, ganz besonders deutlich. Zwar würde es auch ohne Großgrundbesitz noch eine „Arbeiterfrage“ geben; aber sie würde anders und weniger gefährlich lauten als die unsrige.

    Was heute von den Besitzenden und Privilegierten verächtlich als „Masse“ behandelt und trotz demokratischen Formen und „freiester Verfassung der Welt“ von der Teilnahme am Leben des Staates so weit als möglich ferngehalten wird, ist das Ergebnis einer undemokratischen, ungerechten, verkehrten Gesellschaftsordnung, die dem, der hat, noch mehr gibt und dem, der nicht hat, auch das Wenige noch nehmen möchte. Erst eine Nivellierung, die altes Sumpfgelände austrocknet und alte Aufschüttungen abträgt, die das Monopol der Reichen, der „Gebildeten“ (sie sind es ja nur in Anführungszeichen), der „Akademiker“ beseitigt -, erst eine solche Einebnung könnte den gesunden Nährboden schaffen für ein Volk, das nicht „Masse“ ist; das nicht von „Bonzen“ geführt wird, sondern von Persönlichkeiten.

    1926, 35 Erich Schairer

  • Kriegsdienst?

    Kriegsdienst?

    — Jg. 1926, Nr. 52 —

    Der Gedanke der Kriegsdienstverweigerung hat in der deutschen Friedensbewegung festen Fuß gefaßt. Das hat auch der im Oktober in Heidelberg abgehaltene Pazifistenkongreß wieder bewiesen. Alle Referate, Diskussionsreden und Resolutionen, die sich für die Kriegsdienstverweigerung aussprachen, haben den lebhaften Beifall der Mehrheit der Kongreßteilnehmer erhalten. Trotzdem besteht natürlich, besonders in der größten deutschen Friedensorganisation, der Deutschen Friedensgesellschaft, die einen verhältnismäßig konservativen Pazifismus vertritt, noch eine starke Gegnerschaft zu diesem Grundgedanken. 

    Der Argumente, die von seiten der konservativen, „gemäßigten“ Pazifisten gegen die „radikalen“ Kriegsdienstverweigerer ins Feld geführt werden, sind es viele. Das wichtigste, das übrigens die meisten der anderen umfaßt, das Rahmenargument sozusagen, ist das staatspolitische. Es lehnt die Kriegsdienstverweigerung ab, weil es in ihr den ersten Schritt zur Anarchie sieht, die Gefährdung des Staats und der Staatsgrundlage durch die vom Individuum auf Grund seines Gewissens, seiner Gesinnung, seiner Überzeugung ausgeübte Initiative. Wir erleben also das Merkwürdige, daß Menschen, die seit Jahren und Jahrzehnten ständig als politische Protestanten der offiziellen, legalen, staatlich sanktionierten Lehre von der Unentbehrlichkeit und Gottgewolltheit der Armee und des Krieges ihre eigene, aus innerstem Gewissensdrang erwachsene pazifistische Gesinnung entgegensetzen, in diesem speziellen Fall, der nichts weiter ist als der erste Schritt zur Verwirklichung des Pazifismus, plötzlich ihr protestantisches Prinzip im Stich lassen zugunsten des katholischen, das dem Individuum das Recht der Selbstbestimmung über sich und sein Verhalten zum Krieg abspricht. Ist das konsequent? […] 

    So sehr richtig ist, daß das Individuum um des Wohls der Gesamtheit willen gewisse Beschränkungen seiner Handlungsfreiheit durch die Gesetze und Maßnahmen des Staates dulden muß, so falsch ist es, daß der Staat ein sakrosanktes Wesen sei, dessen Gebaren zu beurteilen, zu kontrollieren und zu beeinflussen das Individuum kein Recht habe. Der Staatsbürger hat nicht nur das Recht, sondern sogar die Pflicht, den Staat und sein Gebaren zu kontrollieren. Wie sollte überhaupt eine Entwicklung der Staatsform, der Gesetzgebung, der Verwaltungsmethoden, der sozialen Zustände möglich sein, wenn nicht die Glieder des Staates die Kontrolle und Abänderung dieser Organisations- und Verwaltungsmaschine ausübten? Ein Mittel dieser Kontrolle des Staats ist die Forderung der Abschaffung des Kriegs, ein weiteres und wirksameres die Verpflichtung zur Kriegsdienstverweigerung. 

    Nicht daß ich glaubte, durch die Kriegsdienstverweigerung sei der Krieg aus der Welt zu schaffen! Sie ist hauptsächlich deshalb wichtig, weil sie besonders drastisch und verständlich den Staat, d.h. die für sein Gebaren direkt Verantwortlichen an ihre Verantwortung und Pflicht erinnert. Weil sie ein Mahnruf an die Staatsmänner ist, pazifistische Politik zu machen, auf die Abschaffung des Krieges hinzuarbeiten. Die stärkste Mahnung, die wir bis jetzt zur Verfügung haben. 

    Darin, daß ein moderner Krieg nicht durch die Kriegsdienstverweigerung der Massen verhindert werden kann, bin ich mit vielen Pazifisten und den meisten Nichtpazifisten einig. Der nächste Krieg, der mit Giftgasen und hauptsächlich von Flugzeugen geführt werden wird, benötigt keine großen Heere; er wird immer die verhältnismäßig kleine Zahl der Flugzeug- und Autoführer, Techniker und Chemiker finden, die zu seiner Durchführung nötig sein werden. […] 

    Es ist aber trotz allem verkehrt, die Kriegsdienstverweigerung als veraltetes, unwichtiges Mittel zu verwerfen oder gar verächtlich zu machen. Sie hat immer noch ihre große Bedeutung. Sie ist ein Druckmittel auf die Regierenden, ein lauter, nicht zu überhörender Protest. Sie ist die konsequente Schlußfolgerung aus den pazifistischen Gedankengängen und Proklamationen. Sie ist ein Beweis der Zivilkurasche, die sich nicht in dienende Unterwürfigkeit auflöst vor den unsittlichen Forderungen des Staates und dem zürnenden Stirnrunzeln seiner Lenker. Und sie ist eine moralische Demonstration, die wir vom Pazifisten verlangen, ein Beweis seiner Gesinnung, seiner Konsequenz, ein Beweis der Übereinstimmung zwischen seinem Denken und Handeln. Sie ist die Probe aufs Exempel. 

    Darum also: Kriegsdienstverweigerung? Ja!


    1926, 52 · Max Barth 

  • In Opposition

    In Opposition

    — Jg. 1926, Nr. 52 —

    Als Oppositionsblatt ist die Sonntags-Zeitung gegründet und bisher geführt worden, und sie gedenkt auch darin zu verharren. Sie opponiert, kurz gesagt, gegen die herrschende Richtung im gesamten öffentlichen Leben des Vaterlandes, in Presse, Politik, Wirtschaft und sogenannter „Kultur“, die man unter Schlagworten wie Nationalismus, Kapitalismus, Klerikalismus und dergleichen zu verstehen pflegt. Sie wehrt sich gegen diese Mächte nicht, wie liebenswürdige Leser und vor allem Nichtleser oft behaupten, aus purer mefistofelischer Freude am Verneinen, am Schimpfen und Schlechtmachen; sondern weil ihr Herausgeber von deren Verlogenheit, Gemeinheit und Dummheit täglich greifbare Beweise vor sich hat und dem Bedürfnis nicht zu widerstehen vermag, dem Ausdruck zu verleihen. Sobald die Welt, in der ich lebe, vernünftig, anständig und wahrhaftig zu werden anfängt, werde ich die Sonntags-Zeitung eingehen lassen und dafür Erbauungsschriften herausgeben.

    Manche Beurteiler, und zwar gerade freundlich gesinnte, finden nun, es sei verkehrt, wenn man sich innerhalb der Oppositionsfront, die sich politisch als „Linke“ zu bezeichnen pflegt, nicht einer bestimmten Parteirichtung anschließe und für diese wirke. Es ist etwas daran, und die laue Gleichgültigkeit oder feige Heuchelei, die sich so gerne als ein „über den Parteien-Stehen“ gebärdet, ist auch mir in der Seele zuwider. Wer seinem Volk und seiner Zeit etwas sagen will, darf sich nicht scheuen, Partei zu ergreifen, auch auf die Gefahr hin, einmal daneben zu hauen. Aber ich habe meine guten Gründe, wenn ich kein Parteimann im engeren Sinne bin und meine Zeitung keiner der mir von Fall zu Fall nahestehenden Linksparteien verschreibe, auch der sozialdemokratischen nicht, a la suite deren ich mich bei Wahlen und dergleichen zu finden pflege. Zu den mir widerwärtigen öffentlichen Unsitten gehört nämlich eine, die auch auf der linken Seite stark verbreitet ist, und die ich den Parteigeist — im schlimmen Sinne — nennen möchte: daß man im eigenen Lager alles schön und gut und im gegnerischen alles böse und schlecht finden muß. Es ist dasselbe, was unseren sogenannten Patriotismus so lächerlich und verbohrt erscheinen läßt; was den Kampf der Klassen verfälscht; was die Auseinandersetzung der Konfessionen und Weltanschauungen vergiftet. Ich mag da nicht mitmachen. Ich halte es für keinen Verrat des eigenen Lagers, wenn man auch einmal eine Persönlichkeit oder eine Handlung des gegnerischen versteht oder billigt; und für kein Beschmutzen des eigenen Nestes, wenn man Unsauberkeiten, die sich in diesem vorfinden, beseitigt oder schwache Stellen in ihm kritisiert. Ich halte das nicht etwa für schädlich, sondern sogar für notwendig.

    Und ich kann mir diese Haltung umsomehr gestatten, als ich ja nicht darauf aus bin, Anhänger um mich zu scharen, einen Klüngel oder eine „Gemeinde“, wie die Profeten lieber sagen, zu sammeln. Ich stehe auf eigenen Füßen und möchte auch die anderen Menschen um mich her gerne auf solchen stehen sehen. Ich bin keineswegs des Glaubens, daß ich im Besitz der alleinigen und patentierten Wahrheit sei. Ich möchte haben, daß auch die anderen, wie ich, nach der Wahrheit suchen, sie aber dabei gerne ihren eigenen Weg gehen lassen. Ich hoffe, der Inhalt dieser Zeitung wird so verstanden. Meine Leser sollen nicht von der Unfehlbarkeit, nur vom guten Willen ihrer Zeitung überzeugt sein. Ich will, daß sie auch diese prüfen, daß sie nachdenken über das, was darin steht; nicht etwa, daß sie, wie der Stammtischbruder auf sein Leibblatt, darauf schwören sollen. Wenn mancher, der eben auch gerne geführt sein möchte, in der Sonntags-Zeitung das ersehnte Leitseil nicht findet: dem kann ich nicht helfen, für den bin ich nicht da, er möge sich ein Parteiblatt kaufen.

    Daß ich damit den Kreis der Leser zu meinem eigenen Nachteil einschränke, weiß ich. Und leider sind unter denen, die in seinem Bezirke liegen, auch noch manche, auf die ich, offen gestanden, keinen sehr großen Wert lege. Diejenigen nämlich, denen es im Grunde nicht Ernst ist; die sich mit der Lektüre dieser Zeitung bloß amüsieren wollen. Die Allesbesserwisser, die Blasierten, die „Intellektuellen“. Ihre Ansprüche an „Geistigkeit“ vermag ich nicht zu befriedigen, und mag es auch nicht. Der Leser, den ich am liebsten habe, ist der einfache, der unverbildete „Mann auf der Straße“. Und es ist meine und meiner Mitarbeiter Unzulänglichkeit, wenn die Zeitung nicht immer so geschrieben ist, daß er ihren Inhalt aufzufassen vermag. Es ist nämlich für unsereinen, der sich den Jargon der sogenannten „Gebildeten“ angewöhnt hat, gar nicht so einfach, ein gutes Deutsch ohne Fremdwörter zu schreiben. In diesem Punkt, dem der Gemeinverständlichkeit, sollte es mit der Sonntags-Zeitung noch besser werden.

    1926, 52 Sch.

  • Das Land der Mitte

    — Jg. 1926, Nr. 16 —

    Zu meiner Schande muß ich gestehen, daß ich während des Kriegs lange an die offizielle Legende über seinen Ausbruch geglaubt habe: Deutschland sei von seinen Feinden überfallen worden. Ich konnte mir nämlich einfach nicht vorstellen, daß ein so „eingekreistes“ Land Händel mit seinen Umliegern provoziert habe. Etwas so Unvernünftiges schien mir nicht wahrscheinlich. Erst als später die Akten über den Kriegsausbruch veröffentlicht wurden, gingen mir die Augen auf. Darüber, daß es in der hohen Politik nichts so Verkehrtes, Dummes und scheinbar Unmögliches gibt, das nicht geschehen könnte. Und seither habe ich sogar noch ein Weiteres dazugelernt: daß es Politiker gibt, vor denen das Sprichwort, daß Schaden klug mache, zuschanden wird. Daß kein Fehler groß genug ist, als daß er nicht von denen, die ihn begangen haben, wiederholt werden könnte. Daß vielmehr nach einem Worte Wolfgang Pfleiderers gerade die entscheidenden Dummheiten immer wieder gemacht werden.

    Wenn man gelesen hat, was nach dem Genfer Mißerfolg auf der sogenannten „nationalen“ Seite in Deutschland über den Völkerbund und Deutschlands Verhältnis zu ihm verzapft worden ist, dann hat man eine neue Bestätigung für diese Lebensweisheit. Es gibt wahrhaftig in Deutschland immer noch Leute, ernsthafte Leute, die nicht zu wissen scheinen, wo sie sich befinden. Daß unser Land immer noch den gleichen Erdenfleck bildet, ohne „natürliche“ Grenzen, mitten drin in dem Kleinstaaten-Komplex Europa, der selber heute nicht viel mehr ist als ein Puffer zwischen Asien und Amerika. Wir sind und bleiben „eingekreist“, von zwar nicht mehr feindlichen, aber andersartigen Mächten umgeben, ein richtiges „Land der Mitte“. Es ist wahrhaftig kein Zufall, daß Deutschland Jahrhunderte lang der europäische Kriegsschauplatz gewesen ist. Soll es vielleicht auch noch einmal der Weltkriegsschauplatz werden, auf dem Westen und Osten, England und Rußland, Amerika und Asien, Kapitalismus und Sozialismus ihre Entscheidungsschlachten schlagen?

    Wer sein deutsches Land liebt, wer sein deutsches Volkstum kennt, kann das nicht wünschen. Er wird vielmehr die durch Natur und nationale Eigenart bestimmte Aufgabe Deutschlands darin erblicken müssen, zwischen den Gegensätzen, in die es eingekeilt ist, und die sich in ihm selber vermischen, zu vermitteln. Die Synthese zwischen Osten und Westen, alter und neuer Welt, zu finden und zu bilden. Es wäre ebenso falsch und einseitig, wenn wir uns östlich wie wenn wir uns westlich „orientieren“ wollten, denn die Scheidelinie geht mitten durch uns selber hindurch. Wer in der Mitte liegt, kann nur einen Beruf haben: den des Mittlers.

    Damit ist für unsere ganze Politik, die äußere und, so merkwürdig es vielleicht klingt, auch in gewissem Sinne für die innere, die klare Linie vorgezeichnet. Wir haben im Innern von Amerika und von Rußland zu lernen, und brauchen weder die amerikanischen noch die russischen Fehler nachzumachen. Und bei allen außenpolitischen Auseinandersetzungen auf der Welt ist die einzig vernünftige und angemessene Haltung Deutschlands die pazifistische: einer absoluten Neutralität.

    Daß diese nicht immer leicht sein wird, versteht sich. Aber um so reizvoller und dankbarer, dächte ich, müßte die Aufgabe für Staatsmänner sein; und ihre Ausführung bedeutet keineswegs Passivität und Verzicht. Es sei denn Verzicht auf großspuriges Auftreten, Maulheldentum, Säbelgerassel und derartige Geräusche gewisser Größen von gestern, die hoffentlich bald von vorgestern und nicht, wie sie sich träumen, wieder diejenigen von morgen sein werden.

    1926, 16 Sch.

  • Die Einigung Europas

    — Jg. 1926, Nr. 32 —

    Die Konsolidierung Europas in irgend einer Form ist heute zu einer Notwendigkeit geworden. Ich glaube, daß man diese These aufstellen kann, ohne den Widerspruch eines denkfähigen Menschen zu finden.

    Die Konsolidierung Europas ist durch die Wirtschaftsnot notwendig geworden, in der (mit Ausnahme des Weltreichs England) die europäischen Einzelstaaten sich der erdrückenden Überlegenheit Nordamerikas gegenüber befinden. Ich habe die europäischen Einzelstaaten einmal mit kleinen Krämern verglichen, die in der Einzelkonkurrenz mit dem großen Warenhause Nordamerika rettungslos Bankrott machen müssen, wenn sie außerdem noch vom Zoll- und Wirtschaftskampf untereinander geschwächt sind oder gar Prozesse und Raufereien untereinander veranstalten. Die einzige Rettung für diese zu Krämern gewordenen, einst sehr wohlhabenden Kaufleute ist die Genossenschaft, also irgend eine Art Gemeinschaft.

    Sie müssen, gar nicht der Moral wegen, sondern schon ganz allein aus nüchternem Selbsterhaltungstrieb, zusammenstehen, jeden Gedanken an Krieg untereinander begraben. Aus einem nationalen Empfinden heraus — das ich mir von keinem Menschen abstreiten lasse — predige ich für meine Person den Frieden. Weil ich weiß, daß ein neuer Krieg den Untergang Europas und damit Deutschlands bedeutet.

    Es ist heute gar nicht an der Zeit, die Friedensfrage vom Weltanschauungsstandpunkt zu behandeln. Jede Weltanschauung ist „unrichtig“, weil jede subjektiv sein muß. Hier aber liegt ein objektiver Zwang zu einer neuen Gemeinschaft vor. Ein Zwang, der dem weltanschaulichen Pazifisten vielleicht sympathisch, dem weltanschaulichen Gewaltfreund vielleicht unsympathisch ist — der aber eben für beide schlechterdings ein Zwang ist.

    Niemand wird vom deutschen Nationalisten verlangen wollen, daß er den Franzosen liebt. Auch der französische Nationalist liebt den Deutschen. nicht. Aber beide müssen in die Gesellschaft: „Deutschland, Frankreich und Cie.“ eintreten und für gemeinschaftliche Interessen arbeiten. Sie müssen, kaufmännisch gesprochen, aus zwei Konkurrenzfirmen eine gemeinschaftliche Firma werden und andere, noch kleinere mit aufnehmen. Deshalb soll und braucht keiner der Knecht des anderen zu werden.

    Nicht nur wirtschaftlich, auch politisch ist dies in Anbetracht der Tatsache notwendig, daß alle anderen Erdteile sich konsolidieren. Wir schreiten rasch aus der Periode nationaler Bildungen in die der kontinentalen hinüber. Der panamerikanische Völkerbund ist im Werden. In Afrika tönt der Ruf: „Afrika den Afrikanern“. Die panasiatische Idee, deren militärische Gestaltung Rußland übernommen hat, mit einem Erfolge, der leider in Deutschland noch gar nicht hinreichend bekannt ist, wird in wenigen Jahren sogar eine militärische Gefahr für Europa bedeuten.

    Angesichts dieser Bildungen ist es für Europa eine Pflicht der Selbsterhaltung, auch an seine eigene Konsolidierung zu denken. Ohne sie kommt es unter die Räder!

    Es gibt aber kein gesundes Deutschland in einem zerbrochenen Europa. Wir sind unlösbar mit dem Schicksal des Kontinents verkettet.

    Darum müssen wir Europäer werden. Wir müssen das Gemeinsame der Not, der Gefahr, der dringenden Notwendigkeit gemeinschaftlichen Fühlens und Handelns endlich verstehen. Ich gestehe offen: ich würde niemals ein Wort für Frieden und Versöhnung schreiben, wenn ich wüßte, daß Frieden und Versöhnung Deutschland schaden würden. Nur weil ich weiß, daß es gar keine andere Rettung gibt, darum schreibe ich.

    Andere handeln in ihrem Gebiete ebenso und gründen wirtschaftlich im Kleinen, was sie politisch im Großen vielleicht (ich sage: vielleicht, da ich die Ansichten der Herren nicht kenne) als Internationalismus geißeln. Soeben ist ein internationales Röhrenabkommen unter Dach gebracht worden, das die Röhrenindustrien von Deutschland, Frankreich, Luxemburg und Belgien umschließt. Das ist ein Schritt zum wirtschaftlichen Europa. Er erfolgte jedenfalls, weil er notwendig war. Hunderte von anderen Schritten werden folgen. Die europäische Zollunion ist eine Selbstverständlichkeit. Sie könnte bei größerer Einsicht der politisch Maßgebenden heute schon da sein.

    Europa kommt, weil es kommen muß. Und mit Europa kommt der europäische Friede als eine Selbstverständlichkeit. Die Sache liegt jenseits von Sympathie und Antipathie.

    1926, 32 Franz Carl Endres

  • Abrüstung

    Abrüstung

    — Jg. 1926, Nr. 45 —

    Die neue Zeit will auch dem alten Kriegsgott Mars an den Kragen. Und nicht mit Unrecht. Denn solange er Speer und Schild trug, war er ein vornehmer, ritterlicher Kämpfer. Seit er aber eine Gasmaske auf hat und sich in die Erde buddelt, hat er sich selbst sein Grab gegraben. Und als taugliches Mittel zur Lösung von Völkerkonflikten kann er auch nicht mehr angesehen werden, weil er infolge der engen Verstrickung der Weltwirtschaft nicht nur den Besiegten ruiniert, sondern auch den Sieger auf den Hund bringt. Den Beweis haben wir vor Augen: das wirtschaftlich, politisch, seelisch heute noch an den Kriegsfolgen darniederliegende Europa. Nicht nur die Mittelmächte haben den Krieg verloren, sondern ganz Europa hat ihn verloren. Noch viel ärgere Verheerungen aber wird der Gaskrieg der Zukunft anrichten. Und für ein solches Ende mit Schrecken sollten nochmals Millionen von Menschen ihr Leben opfern müssen? Das wäre doch wahrlich der Gipfel des Wahnsinns!

    Darum wird jeder vernünftige Mensch in Europa, der seinem Vaterland und den anderen Völkern einen zweiten Weltkrieg ersparen möchte, es freudig begrüßen, daß jetzt endlich an die Erfüllung des Artikels 8 der Völkerbundssatzung herangegangen werden soll, welcher die allgemeine Rüstungsbeschränkung fordert. Im Frühjahr dieses Jahres ist in Genf eine Kommission für die Vorbereitung der Abrüstungskonferenz zusammengetreten. An den Beratungen dieser Kommission hat Deutschland, schon vor seinem Beitritt zum Völkerbund, teilgenommen.

    In der Tat ist die allgemeine Abrüstung der springende Punkt des ganzen Friedensproblems.

    Nach welchem Schlüssel sollen aber die Rüstungen herabgesetzt werden? Hiezu hat der Völkerbundsrat einen Fragebogen für die vorbereitende Kommission ausgearbeitet, der reichlich kompliziert erscheint. Gewiß, das Problem ist schwierig und kompliziert. Aber man wird den zu erwartenden Widerständen gegenüber schon ein wenig radikal und diktatorisch verfahren müssen. Als man Deutschland entwaffnete, hat man auch nicht viel Federlesens gemacht. Wozu nach einer Formel für die Abrüstung suchen? Sie ist ja schon längst gefunden: es ist die Abrüstung Deutschlands. Sie muß zur Basis für die Verhandlungen gemacht und unter ausschließlicher Zugrundelegung der Zahl der Einwohner auf alle Staaten in Anwendung gebracht werden. Diese können um so unbedenklicher die deutsche Entwaffnung als Maßstab anerkennen, als kein anderes Land in militärgeografischer Hinsicht so ungünstig daran ist wie Deutschland.

    Hoffentlich sind die Herren Abrüstungskommissare über die Bedeutung des Gaskrieges der Zukunft ganz im klaren. Meist werden ja Hinweise darauf von rückständigen Militärs mit den tapferen Worten: „Bange machen gilt nicht“ abgetan. Wenn man aber die gewaltigen Aufwendungen sieht, die England, Frankreich, Italien und auch Amerika für Flugzeuge und Giftgaswaffen machen, wenn man die enormen Fortschritte der militärischen Giftgasfabrikation seit dem Weltkrieg bedenkt, und wenn man die Berichte liest, die der Völkerbund von den größten chemischen Autoritäten aller Länder erhalten hat, dann ist jeder Zweifel ausgeschlossen, daß in einem kommenden Krieg die Giftgase als Kampfmittel aus Flugzeugen und Geschütz in allergrößtem Stile zur Anwendung kommen werden. Dieses Kampfmittel ermöglicht es den Kriegführenden, über die feindlichen Fronten und Etappen hinweg Giftgasangriffe gegen die großen Städte, gegen die Industrie-, Bergwerks- und Werftenbezirke, gegen die politischen Zentren, gegen die Knotenpunkte des Handels- und Verkehrslebens zu führen. Ein Schutz der Bevölkerung gegen Giftgase ist nicht möglich. Man kann die Einwohner nicht mit Gasmasken, wie mit Regenschirmen, ausrüsten, und wenn man es könnte, würde es nichts nützen, denn stark konzentrierte Gase durchdringen auch die Masken. Auch der Bau von Unterständen für die Großstädter ist praktisch nicht durchführbar. Und selbst wenn er es wäre, so würde sich die Bevölkerung nicht rechtzeitig bergen können, denn die Gasangriffe kommen plötzlich.

    Man kann sich sehr wohl vorstellen, daß ein mit aller Energie erbarmungslos durchgeführter Giftgaskrieg den Kriegswillen des Gegners leichter und rascher zu brechen vermag, als es durch den langwierigen modernen Schützengrabenkrieg möglich ist. Der Feldherr der Zukunft wird also sein Operationsziel nicht wie bisher nur im feindlichen Heer, sondern auch in der feindlichen Wirtschaft erblicken. Diese wird er in erster Linie durch den rücksichtslos geführten Gaskrieg zu vernichten trachten.

    Diese Betrachtung zeigt, daß die Abrüstungskommission sich nicht nur auf die Abrüstung zu Lande und zu Wasser einstellen darf, sondern daß ganz besonders die Abrüstung in der Luft und die möglichste Verhinderung der Anwendung der Giftgase zu ihrem Aufgabenkreis gehören wird. Dazu muß gefordert werden: überstaatliche Verbote der Herstellung, des Handels, der Einfuhr und Ausfuhr von Stoffen, die dem Zweck des Giftgaskrieges dienen, soweit sie nicht für eine lebenswichtige Industrie nötig sind, und weitestgehendes Kontrollrecht des Völkerbundes gegenüber allen in Frage kommenden staatlichen und privaten Betrieben im Gebiet der chemischen Industrie und der wissenschaftlichen Laboratorien.

    Es ist wahr, daß durch die materielle Abrüstung allein der Friede auf die Dauer noch nicht verbürgt wird, sondern daß die völlige Sicherheit erst dann erreicht sein wird, wenn die moralische Abrüstung der Völker Tatsache geworden ist. Die moralische Abrüstung wird aber durch die materielle Abrüstung gefördert, und zwar um so mehr, je vollkommener und gerechter diese durchgeführt wird.

    1926, 45 Berthold von Deimling

    Die patriotischen Spießer halten die Welt für einen Kriegerverein und ihren Kriegerverein für die Welt. 

    1922, 16 Hermann Mauthe


    Die patriotischen Spießer halten die Welt für einen Kriegerverein und ihren Kriegerverein für die Welt. 

    1922, 16 Hermann Mauthe

  • Justizopfer: Hau

    Justizopfer: Hau

    — Jg. 1926, Nr. 14 —

    Karl Hau ist tot. Gottes Mühlen mahlen langsam; aber die der bürgerlichen Gerechtigkeit mahlen sicher. Im Jahre 1907 hat man ihm das Leben abgesprochen: aber Totgesagte leben lange; er wurde begnadigt und hat es 17 Jahre im Zuchthaus ausgehalten. Dann, vor anderthalb Jahren, ist er weiterer „Gnade“ teilhaftig geworden: man hat ihn entlassen, hinausgelassen in das Leben. Es war ein ganz anderes geworden, während er unter den Begrabenen gesteckt hatte. Luftschiff, Flugzeug, Weltkrieg, Republik, Radio, Jazzband, Bubikopf — er war fremd; alles war anders. Er hat den Anschluß nicht mehr gefunden.

    Vielleicht hätte er ihn gefunden, wenn er hätte Wurzel schlagen, sich in das neue Leben hineinleben, sich in die seelische, geistige und leibliche Unmittelbarkeit des modernen Getriebes hineintasten dürfen. Es ist ihm aber nicht beschieden gewesen. Mit dem Rechtsfanatismus eines Kohlhaas hat er sich daran gemacht, seine Reinigung zu betreiben. Obwohl er sich hätte sagen können, daß das, was er durchgemacht hat, mehr ist als die Reinigung, die eine etwaige nachträgliche Freisprechung hätte geben können. Daß er noch ein Plus, ein Guthaben hatte gegenüber dem Gerechtigkeits-„Soll“ dieser bürgerlichen Gesellschaft. Die Frage, ob er schuldig gewesen ist oder nicht, war völlig belanglos geworden — für die Welt. Er aber, sei es aus dem schmerzenden Bewußtsein heraus, ein halbes Menschenalter lang unschuldig gequält worden zu sein, sei es aus der Manie des Schuldigen heraus, der die fixe Idee seiner Unschuld fanatisch verficht, um in allererster Linie sich selbst zu überzeugen (weil er ohne den Glauben an seine Makellosigkeit nicht zu leben vermag) — hat sofort den hartnäckigen Kampf um seine Rehabilitierung aufgenommen. Er konnte nicht vorwärts schauen, weil er keinen Grund unter den Füßen spürte. Er schaute zurück und suchte den längst in den Abgrund gestürzten Boden, auf dem er wieder Fuß fassen zu können hoffte.

    Und dieses fiebernde Bemühen, die Welt zum Glauben an sich und seine Unschuld zu zwingen, entzog ihm auch das letzte Fußbreit Erdboden, auf dem er hätte Atem schöpfen können zu neuem Ausschreiten: seine Bücher machten die bürokratisch-farisäerhafte Gesetzesgerechtigkeit wieder auf ihn aufmerksam. Der törichte Steckbrief wurde erlassen: der 17 Jahre lang begraben gewesen war, sollte aus dem Licht wieder zurück gezwungen werden in die Düsternis des Kerkers. Hau floh.

    Er wurde unstet. Ging nach Italien, suchte eine Möglichkeit sein Leben zu fristen, fand nichts, brach zusammen, verzweifelte und wurde schließlich als unbekannter Toter, oder vielmehr als unbekannter Sterbender — denn er röchelte noch — ins Krankenhaus Tivoli in der Nähe von Rom eingeliefert. Starb. Ursache: Schlaganfall oder Gift, mit 99 v. H. Wahrscheinlichkeit: Gift.

    Aber war das wirklich die Ur-Sache, der Ur-Grund, daß dieses Leben so sinnlos ausgehen mußte, daß dieser Mensch, der, als er das Zuchthaus verließ, voll Gier nach dem Leben war, nur in die Welt zurückgekehrt ist, um sie gleich freiwillig zu verlassen? Die wahre Ursache hat doch wohl in ihm selbst gelegen; aber er hätte vielleicht doch noch seinen Platz, seinen Raum, seinen Daseinszweck gefunden, hätte nicht eine kurzsichtige Justiz wieder einmal den tötenden Buchstaben des kodifizierten Rechts über den lebendigmachenden Geist der Gnade siegen lassen.

    1926, 14 Max Barth

    Karl Hau ist im August 1924 aus dem Zuchthaus in Bruchsal entlassen worden, nachdem er versprochen hatte, seinen Fall ruhen zu lassen. Als er diese Zusage nicht hielt und deshalb wieder verhaftet werden sollte, hat er im März 1926 in Italien Selbstmord begangen.

  • Justizopfer: Matteotti

    Justizopfer: Matteotti

    — Jg. 1926, Nr. 14 —

    Im Juni 1924 ist der italienische Sozialist [Giacomo] Matteotti von Faschisten ermordet worden. Im März 1926 sind die Mörder teils freigesprochen, teils so verurteilt worden, daß sie in wenigen Monaten wieder im Lichte (mussolinischer Gnade) wandeln werden. Mussolini, der Vergewaltiger des Rechts und der Menschlichkeit, hat alle Ursache, die Sonne seines Wohlwollens über den Verurteilten strahlen zu lassen: wer weiß, was sie aussagen würden, wenn sie aussagen würden! Man weiß es nicht; aber man ahnt es, mit einer hundertprozentigen Ahnung, die noch schwerer wiegt als unser einstweilen neunzigprozentiges Wissen.

    Daß der Prozeß gegen die Mörder Matteottis ein freches Theaterstück sein würde, hat man zwar gewußt. Vor allem bei uns in Deutschland hat man daran nicht gezweifelt: denn wir haben schon genug ähnliche Fälle in unserem eigenen Lande erlebt. Allerdings: daß die blutbefleckten Buben es wagen würden, so frech, so grotesk frech daherzulügen, wie es der Hauptschuldige Dumini getan hat, hätten selbst wir uns nicht träumen lassen. Er hat die Stirn gehabt, zu behaupten, Matteotti sei an einem Blutsturz gestorben; und die Stichwunden, die sein armer, zerfetzter Körper aufwies, seien Wanzenstiche gewesen, die er sich selbst aufgekratzt habe.

    Ein für nichtitalienische Richter besonders lehrreiches Kapitel ist der Urteilsspruch über die drei Mörder Dumini, Volpi und Poveromo, die nicht wie ihre Komplizen freigesprochen worden sind. Sie wurden verurteilt zu je 12 Jahren Gefängnis, wegen — Mordes? — nein: wegen Totschlags ohne Vorbedacht. Da man aber nicht feststellen konnte, wer der eigentliche Mörder war, wurden jedem 5 Jahre abgezogen. Rest: 7. Nun hatten die Geschworenen mildernde Umstände anerkannt. Dafür gab’s wieder einen Abzug. Wie man ihn ausgerechnet hat, mögen die Götter wissen; fest steht, daß als Strafe blieben: 5 Jahre 11 Monate 20 Tage. Aber der Mord hatte ja politische Gründe, und für politische Verbrechen existiert eine Amnestie. Darum waren 4 Jahre der Strafe zu erlassen. Endergebnis also: 1 Jahr 11 Monate 20 Tage. Und die haben die Kerle bis auf wenige Wochen schon abgesessen. Also werden sie bald frei. Und alles ist zufrieden: die Richter, die Mörder, die Faschisten und Mussolini.

    Das ist das Gesicht des Faschismus. Gewissenlos, brutal, frech, hohnvoll, solange er sich im Besitz der Macht weiß: so grinst er uns an — jenseits der Alpen oder diesseits: es ist überall das gleiche.

    Das einzig Schöne, Starke und Würdige in der Geschichte des Matteottiprozesses ist der Brief an den Präsidenten des Schwurgerichts von Chieti, durch den die Witwe Matteottis, die als Nebenklägerin aufgetreten war, ihre Klage zurückzog, als sie merkte, wie man diesen Prozeß führen würde. Er heißt: „Exzellenz! Die Ermordung Giacomo Matteottis, die für mich und meine Kinder eine Tragödie ist und als solche von jedem freien Menschen in Italien empfunden wurde, hatte in mir den Glauben geweckt, daß der Ruf nach Gerechtigkeit nicht ungehört verhallen würde; dieser Glauben hat mich in meinem äußersten Jammer aufrechterhalten und mich bewogen, als Privatklägerin aufzutreten. Aber in den Wechselfällen der Untersuchung und durch die jüngste Amnestie ist der Prozeß — der wahre Prozeß — nach und nach wesenlos geworden. Was heute von ihm bleibt, ist nur ein Schatten. Ich hatte keinen Haß auszudrücken und keine Rache zu fordern; ich wollte nur Gerechtigkeit. Die Menschen haben sie mir verweigert; ich werde sie von der Geschichte empfangen und von Gott. Ich ersuche Sie daher, mir zu erlauben, dem Prozeß fernzubleiben, der mich nichts weiter angeht. Meine Anwälte, die auch in diesem Augenblick mit mir solidarisch sind, werden meiner Entscheidung rechtskräftige Form geben. An Sie, Exzellenz, richte ich die Bitte, mich der Qual, vor den Assisen zu erscheinen, zu entbinden. Es würde mir vorkommen, als ob ich dadurch das Andenken Giacomo Matteottis beleidige, für den das Leben etwas furchtbar Ernstes war, jenes Andenken, um dessentwillen ich weiterlebe, einsam und zerrissen, und in dessen Licht ich meine Söhne zu stolzen und furchtlosen Menschen erziehen will, wie ihr Vater einer war. Mit Hochachtung Velia Matteotti.“

    Das ist die Sprache einer Römerin. Wenn der Duce, der große Schuldige, der in Chieti nicht vor den Schranken gestanden hat, nicht vor lauter Cäsarenwahnsinn taub geworden wäre für die Stimme der großen, edlen und freien Gesinnung, müßte er sich wie ein Hund in seine Hütte verkriechen, in der Erinnerung an seine eigenen, verlogenen, großmäuligen Frasen.

    Aber bei uns im kühlen, vernünftigen Norden erkennen sich nicht einmal kleinere, spießbürgerlichere, gesündere fascistische Maulhelden selbst — was kann man da von einem Irrsinnnigen, Größenwahnsinnigen unter der heißen italienischen Sonne erwarten?

    1926, 14 Max Barth

    Der Urheber des Mordes an Matteotti ist Mussolini. Zwischeninstanz zwischen ihm und den Mördern war sein Pressechef Rossi, der nachher ins Ausland floh und Mussolini beschuldigte. Rossi ist im August 1928 von der Schweiz aus auf italienisches Gebiet gelockt, verhaftet und im September 1929 zu 30 Jahren Zuchthaus verurteilt worden.

    Siehe auch:https://www.zeit.de/1994/24/die-affaere-matteotti/komplettansicht

  • Justizopfer: Max Hölz

    Justizopfer: Max Hölz

    — Jg. 1926, Nr. 45 —

    Die kommunistische Presse berichtet, einer der Kronzeugen der Staatsanwaltschaft aus dem Hölz-Prozeß habe vor einem Rechtsanwalt zu Protokoll gegeben, daß er seine früheren Aussagen, die für Hölz belastend waren, widerrufe; sie seien ihm von der Justiz abgepreßt worden. Vor dem gleichen Anwalt hat ein Arbeiter, der der Erschießung des Gutsbesitzers Heß, wegen dessen Tötung Hölz zu lebenslänglichem Zuchthaus verurteilt worden ist, beigewohnt hat, zu Protokoll gegeben, daß er den wahren Täter kenne; er werde ihn aber erst vor Gericht nennen.

    Die Sache Hölz ruht nicht. Frau Hölz hat in einem Vortrag der Roten Hilfe in Frankfurt für die Wiederaufnahme des Verfahrens gegen ihren unschuldig zu lebenslänglichem Zuchthaus verurteilten Mann gesprochen, so eindrucksvoll, daß selbst die „Frankfurter Zeitung“ glaubt, man könne von den verantwortlichen Stellen „erwarten“, daß sie sich noch einmal mit der Sache Hölz beschäftigen. Hölz selbst hat im Zuchthaus mit einer Darstellung seiner Erlebnisse begonnen; ein Abschnitt daraus ist schon in einer Zeitschrift veröffentlicht worden.

    Die Freunde des ungerechterweise so schwer Verurteilten werden nicht locker lassen, bis sie die Wiederaufnahme des Verfahrens und die Ersetzung des 1921 ergangenen schändlichen Urteils durch ein den Handlungen des roten Generals angemessenes erreicht haben. Man wird dieser deutschen Justiz nicht gestatten, einen Menschen lebendig zu begraben, einfach deshalb, weil er den Besitzenden und daher Regierenden als Führer der nach Gerechtigkeit verlangenden Massen verhaßt ist. Die maßgebenden Stellen zeigen sich zwar in der Angelegenheit Hölz verflucht schwerhörig, so schwerhörig, daß man beinahe den Eindruck bekommt, sie würden Hölz auch dann nicht freilassen, wenn sie von seiner Unschuld überzeugt wären: weil sie ihn fürchten. Hölz ist der Prügelknabe unserer Justiz und unserer gesamten Bourgeosie: dadurch, daß sie ihn zum Monsterverbrecher, zum Inbegriff alles Schlechten, das in ihnen selbst steckt, machten, verschaffen sie sich das „gute Gewissen“, das sie als sanftes Ruhekissen für den Schlaf ihrer Nächte brauchen. Schlafen Sie gut, meine Herrschaften? Nun wir hoffen, daß wir Ihnen dieses Polster eines Tages unter dem süßschlummernden Köpfchen wegziehen werden!

    Die Bourgeoisie hat Max Hölz zum Sinnbild der Masse gemacht; darum hat ihn die Masse als solches anerkannt. Erst seit seiner Verurteilung ist Hölz, der Führer der mitteldeutschen Kämpfer, zum Märtyrer und Helden des gesamten deutschen Proletariats geworden. Die Art, wie der Prozeß gegen ihn geführt worden ist und wie er in der Haft behandelt wird, enthüllt die Gemeinheit der Gesinnung, mit der auf der anderen Seite gekämpft wird, und stärkt die Treue der Massen zu Hölz, den Entschluß, ihn dieser Justiz aus den Händen zu reißen.

    Vergessen wir’s nicht: Man hat am 16. April 1921 einen Preis von 50 000 Mark ausgeschrieben für Aussagen, die zu seiner Verurteilung führen würden. Man hat den Hauptbelastungszeugen, der behauptet, Hölz habe Heß von der Straße aus erschossen, durch einen Lokaltermin überzeugt, daß das nicht stimmen könne, worauf er seine Behauptung so abänderte, daß sie mit den festgestellten Tatsachen und Möglichkeiten übereinstimmte. An diesem Lokaltermin durfte aber weder Hölz noch seine Verteidiger teilnehmen.

    Vergessen wir’s nicht: Man hat Hölz den Arzt verweigert. Man hat den Schwerkranken von einem Zuchthaus ins andere durch halb Deutschland geschleppt. Auf seine Beschwerde hin hat man seine Gichtschwellungen für „Fettpolster“ erklärt. Man hat ihm, wie seine Frau behauptet, sein Zellenfenster eine Zeit lang zugemauert. Man hat ihm für einige Monate verboten, Briefe zu schreiben oder zu empfangen. Man hat ihm jetzt seine Bibliothek entzogen, die er viereinhalb Jahre lang hat benützen dürfen. Seiner Frau hat man, nachdem Hölz in den Hungerstreik eingetreten war, gesagt: „Wenn Ihr Mann vierzehn Tage gehungert hat, werden wir ihn künstlich ernähren; wenn er die Ernährung verweigert, dann ist er in vier Wochen tot.“

    Das wäre wohl die für unsere „Gerechten“ günstigste Lösung: wenn Hölz stürbe. Dann wären sie aus allen Verlegenheiten raus. Das könnte ihnen so passen. Damit sie nicht diese Freude und diesen Triumf haben: setzt euch ein für Max Hölz! Verlangt die Wiederaufnahme des Prozesses!

    1926, 45 Max Barth

    Siehe auch: https://www.deutsche-revolution.de/neutrales-komitee-fuer-max-hoelz

    Max Hölz ist am 18. Juli 1928 aus der Strafanstalt entlassen worden. Ein Wiederaufnahmeverfahren wegen des Totschlags an Gutsbesitzer Heß, dessen Täter sich freiwillig gemeldet hat, schwebt noch.

  • Das falsche Geleise

    — Jg. 1926, Nr. 3 —

    Die Faschingszeit ist im Anzug. In Köln, in München, aber auch anderswo beginnen wieder Gewissen zu schlagen. Darf man denn . . . ? In einer Zeit, wo . . . ? Bälle, Redouten, Flirt und Suff — neben Arbeitslosigkeit, Selbstmord und Hungerödem?

    Eigentlich dürfte man wohl nicht. Aber man tut’s trotzdem. Und weil man nicht ehrlich zu gestehen wagt, daß man zu schwach ist, auf Gewohntes zu verzichten, oder daß fremdes Leid nicht wehe tut, wenn man so vorsichtig ist, es zu umgehen oder die Augen ein wenig zuzumachen, — so erfindet man Ausreden. Beispielsweise in Gmünd. Dort hat sich eine Versammlung auf dem Rathaus mit der Frage beschäftigt, ob man nicht dieses Jahr auf die geplanten Kostümbälle verzichten solle. „Nach reger Aussprache wurde beschlossen, die Bälle in bescheidenem Rahmen abzuhalten, wobei in der Hauptsache auf die Geschäftswelt Rücksicht genommen wurde. Bei Nichtabhaltung würden, so stellten einige Vertreter der hiesigen Geschäftswelt fest, nicht nur die Wirte betroffen werden, sondern in erster Linie das Schneiderinnengewerbe, bei dem mit einer vorläufigen Entlassung von etwa 50 Schneiderinnen für die zwei nächsten Monate zu rechnen gewesen wäre.“

    Gott, wie sozial empfunden! Ich muß doch ein Barbar sein, daß sich mir jedesmal, wenn ich so etwas lese, etwas im Leibe herumdreht. Wahrscheinlich ist es mein wirtschaftliches Gewissen, dem es einfach nicht hinunter will, daß man Bier saufen soll, damit Wirte und Brauer nicht brotlos werden, Zigaretten rauchen, Ansichtskarten schreiben, Hüte, Seidenstrümpfe oder Ballkostüme tragen soll, damit soundsoviel Angestellte und Arbeiter in der betreffenden Branche weiterbeschäftigt werden können. Ist denn der Konsum wegen der Produzenten da oder nicht vielmehr umgekehrt, zum Teufel? Kann ich dafür, daß dieses blödsinnige Wirtschaftssystem, das wir haben, seine Arbeitskräfte nicht dahin zu stellen vermag, wo sie nötig wären? Daß man sie z. B. heute nicht zum Bau von Wohnungen verwendet, sondern zur Herstellung von Zahn-, Schuh-, Gesundheits-, Vernunft- und anderen Zerstörungsmitteln?

    Die 50 durch den Verzicht auf Kostümbälle in Gmünd bedrohten Schneiderinnen hätten alle Hände voll zu tun, um Kleider für abgerissene arme Proletarierfrauen zu nähen, wenn diese Frauen Kleider kaufen könnten. Sie könnten kaufen, wenn ihre Männer nicht arbeitslos wären. Ihre Männer wären nicht arbeitslos, wenn Gmünd die 500 Wohnungen bauen würde, die dort ohne Zweifel fehlen. Gmünd könnte diese Wohnungen bauen, wenn Geld dazu vorhanden wäre. Geld dazu wäre vorhanden, wenn es von Reich, Ländern, Gemeinden und Privaten nicht für irgendwelchen Luxus wie Reichsmarine, Neckarkanal, Eckenerspende und Kostümbälle verschwendet würde.

    Walther Rathenau hat in seinen Schriften neben aller sonstigen Unwirtschaftlichkeit im Einzelnen das Grundübel unserer privatkapitalistischen Wirtschaft in der falschen Lenkung des gesamten Erzeugungsvorgangs aufgedeckt. Von dem halben Dutzend Wirtschaftsminister, die in Deutschland ihres Amtes walten, wird noch lange keiner drauf kommen.

    Und wenn einer doch drauf käme und gar versuchen würde, darnach zu handeln? Dann würde er schleunigst abgesägt.

    1926, 3 Sch.

  • Kirche und Aufwertung

    — Jg. 1926, Nr. 31 —

    Die Freidenkervereine haben einmal in Stuttgart ein Plakat anschlagen lassen, auf dem unter Hinweis auf das Verhalten der Kirche bei der Volksabstimmung über die Fürstenvermögen zum Austritt aus der Kirche aufgefordert wurde. Denn die Kirchen stünden nicht auf der Seite der Mühseligen und Beladenen: sie seien nicht Volks-, sondern Fürstenkirchen. Deshalb hätten sie ja auch nicht protestiert, als die alten Leute, die Mündel und die kleinen Sparer durch die Inflation enteignet wurden.

    Diese letztere Feststellung (nur diese) wird im Stuttgarter Evangelischen Gemeindeblatt als eine „längst widerlegte Verleumdung“ bezeichnet. „Bekanntlich haben die Kirchen im Gegenteil sich rechtzeitig und mit allem Nachdruck für eine möglichst weitgehende, gerechte Aufwertung eingesetzt.“

    Wenn ein Satz mit „bekanntlich“ anfängt, bin ich sonst gerne etwas mißtrauisch gegen seinen Inhalt. Auch könnte man vielleicht, wenn man pedantisch sein wollte, finden, daß das „bekanntlich“ erfolgte rechtzeitige und nachdrückliche Eintreten der Kirche für eine „möglichst weitgehende“ nachträgliche Aufwertung und ihr Verhalten während der Inflation zwei Paar Stiefel seien; daß also hier etwas ganz anderes bestritten werde, als was behauptet worden sei. Aber bekämpfen wir den Zweifel, wie man’s uns damals im Konfirmandenunterricht empfohlen hat, und glauben wir einfach beides: daß die Kirche rechtzeitig und nachdrücklich gegen die Inflation und für die Aufwertung gekämpft hat.

    Dann bleibt uns zunächst nur das Eine unbegreiflich: daß wir vernagelten Freidenker von dieser „bekannten“ Tätigkeit der Kirche gar nichts gemerkt haben.

    Wo, wann, wie mag sie ausgeübt worden sein?

    Waren vielleicht Massenumzüge, die Geistlichkeit im Ornat an der Spitze? Massenversammlungen mit Pfarrern beider Fakultäten als flammenden Rednern?

    Aber nein, so machen’s die Kommunisten, nicht die Kirchenleute. Wie würde das aussehen, behüte, wenn Konsistorialräte auf die Straße gingen?

    Aber wahrscheinlich hat der „Evangelische Preßverband“ und der Volksverein in Mönchen-Gladbach eine Pressekampagne eröffnet? Die deutschen Zeitungen mit Artikeln, Aufsätzen, Aufrufen gegen die Inflation oder für die Aufwertung überschwemmt? Oder hat die Kirche dringliche Eingaben an die Parlamente gerichtet? Die ihr nahestehenden Parteien „rechtzeitig“ und „nachdrücklich“ bearbeitet, sie möchten um der Gerechtigkeit oder um Jesu Christi willen gegen die Inflation oder für die Aufwertung auftreten?

    Verflucht nochmal, daß ich gar nichts, aber auch gar nichts davon erfahren habe. Sollten die Zeitungen alle im Solde des Teufels stehen und den ganzen Kampf der Kirche gegen die Inflation glatt in den Papierkorb geworfen haben?

    Halt, haalt! Jetzt geht mir ein Licht auf! Die Kirche kämpft ihre Kämpfe weder auf der Straße noch auf dem Papier. Hat sie nicht ihre ureigene Arena, wo sie ihre Autorität entfaltet und wo ihr „bekanntlich“ niemand dreinredet: eben die Kirche?

    Sie wird also wohl auf allen Kanzeln in Deutschland mit heiligem Eifer gegen den Betrug an den Witwen und Waisen zu Felde gezogen sein. Wochen- und monatelang, rechtzeitig und mit allem Nachdruck. Wie müssen die Gotteshäuser widergehallt haben von dem frommen Zorn der Pfarrer und Priester, von Profeten- und Jesusworten! Wie mag es den Inflationsgewinnern, den Reichen und Mächtigen in ihren Stühlen da zu Mute geworden sein! Wie müssen die Mühseligen und Beladenen, die Betrogenen und Bestohlenen da aufgeatmet haben, als ihnen der christliche Klerus in ihrem Elend zu Hilfe kam? Durch die Kirchen und Bethäuser von ganz Deutschland muß da eine Welle gebraust sein, eine Welle neuer Sittlichkeit, ein Entrüstungssturm gegen den unsittlichen Staat, der denen nimmt, die wenig oder nichts haben, und denen gibt, die haben!

    Daß ich auch davon nichts gemerkt habe, daran bin ich nun sicher ganz allein schuld. Weil ich ja nie in die Kirche gehe.

    1926, 31 Kazenwadel

  • Die Schreckenskammer

    — Jg. 1926, Nr. 31 —

    Haben Sie schon das Kalb mit den zwei Köpfen gesehen? Oder den Neger auf der Messe, der lebende Ratten frißt? Oder die stachlige Dame, die man auf der Burg zu Nürnberg zeigt, und deren Jungfernschaft unzerstörbar, weil aus Eisen, ist? Es hat Ihnen nicht gegruselt? Dann besuchen Sie das Landesgewerbemuseum in Stuttgart, Abteilung Geschmacksverirrungen. Sie werden das Gruseln lernen!

    Herr Direktor Pazaurek führt Ihnen dort unter Glas, gut eingemottet, den Geist des totgesagten Mittelstandes der verflossenen 50 Jahre vor. Sie sehen dort, womit man in der kaiserlichen, der schrecklichen Zeit seinen hemmungslosen Drang nach Gemüts- und Wohnungskultur befriedigt hat, vom Patent-Closett-Sitz „Moralität“ bis zum Zeppelinkopf als Faßhahn. Da stehen alle die süßen Dinge, lieblos und systematisch geordnet. „Reisepräsente“: Fliegenschwämme, Porzellanschweine und -Kühe mit auf den Bauch gemalten Stadtpanoramen, Bierkrüge usw. „Gruß aus N.“

    Es war eine Zeit des Aufstiegs, nach Siebzig. Die jungen Mädchen besuchten das Pensionat, häkelten Sofaschoner und Deckchen in rauhen Mengen, brandmalten den Trompeter von Säckingen, stickten auf Stramin sinnige Sprüche („Wo Glaube, da Liebe, wo Liebe, da Friede!“), die man gerahmt übers Ehebett hing, oder, wenn draufstand „Frohes Erwachen ohne Sorgen — guten Morgen!“, übern Waschtisch. Firm in der Kunst, malte man die beiden Raffael-Engelchen auf Tabaksdosen, Teller, Messer, Gabel, Scher‘ und Licht. Wo eben Platz war.

    Man war auch fromm: ein auf die Kaffeetasse gepinseltes Herz-Jesu-Bild machte, daß die Morgenbrühe noch einmal so gut schmeckte. Die aufblühende Industrie unterstützte das Christentum, wo sie nur konnte, durch Massenproduktion von Schutzengeln, Lourdes-Madonnen, Weihwasserkesseln aus Porzellan, Gips und Papiermaché. Billig und ganz dem religiösen Zug der Zeit entsprechend.

    Die täglichen Gebrauchsgegenstände enthob man ihrer nüchternen Zweckmäßigkeit, indem man ihnen teils „scherzhafte“, teils „künstlerische“ Formen gab. Da gibt es Revolver als Briefbeschwerer, Reitpeitschen als Thermometer, den obligaten Dackelhund aus den Fliegenden Blättern, der schlechtweg auf alles dressiert ist: Zigarrenspitzen abzuschneiden, Tante Paulas Spitzenbluse zu zieren und Postkartengrüße zu übermitteln. Aus Totenköpfen trank man einander Schmollis zu oder strich sich Senf auf die Wurst, W.-C.-Anlagen mußten als Aschenbecher dienen. Den Don-Juans, die das „savoir vivre“ hatten, war schon damals sublimiertere Erotik nicht fremd: sie benutzten als Zigarren-Etuis zierliche Damenkorsetts und als Stiefelzieher eine lasziv die Beine spreizende Dame aus Holz. Äußerst beliebt war eine Nachbildung des Brüsseler „Manneken piß“ als Likörflasche. Prosit!

    Dann kam die „große Zeit“. Der Patridiotismus machte sich Luft. Auf Bierfilzen, Krügen, Schnupftüchern, Lebkuchen wurden, umkränzt von Eichenlaub, die Visagen unserer Landesväter und Massenmörder verherrlicht. Zeppeline, U-Boote, die „dicke Berta“ prangten als Schmuck am treudeutschen Christbaum. Und weil die Heimatkrieger doch auch etwas von der großen Zeit haben wollten, machten sie aus Granaten Blumenvasen und schifften auf schwarz-weiß-roten Bettvorlagen mit eingewebtem E. K. in den Ehehafen, oder banden sich eine schwarz-weiß-rote Bartbinde um. Der Kunsthonig „Eiserner Hindenburg“ hatte so durchschlagenden Erfolg, daß der Fabrikant des schwarz-weiß-roten „besten deutschen durchlochten Reinigungspapiers: Deutsche Eiche“ mit Aufträgen überschüttet wurde.

    Es war eine herrliche Zeit. Pazaurek nennt diese Kategorie seiner Sammlung „Hurra-Kitsch“.

    Aber eines fehlt noch in diesem Milieu: die Mumie, für die das alles geschaffen wurde. Der Mann mit dem vorgebundenen Stärkebrettchen, mit Röllchen und Zugstiefeln, mit Speckwülsten am Hals und Berlocken auf dem Wanst, mit aufgezwirbeltem Schnurrbart, kraftvollem Hurrabaß und sämtlichen Jahrgängen der „Gartenlaube“ und „Über Land und Meer“, Mitglied eines Dutzends Vereine, Vater zweier heiratsfähiger Töchter mit anständiger Aussteuer (Bettwäsche, Wärtikoh und Regulator), dito eines Korpsstudenten. Aber diese Kulturmumie kann Pazaurek seiner Kollektion nicht einverleiben: sie wird noch heute auf Amtsstuben, Büros und an Stammtischen benötigt!

    1926, 31 Tyll