Kategorie: 1932

Auswahl im Jahrgang 1932 veröffentlichter Beiträge

  • Zwei Briefe

    — Jg. 1932, Nr. 23 —

    Lieber Freund, du bist immer noch Mitglied der SPD, hast, trotz mancher Bedenken, getreu der Parole deiner Führer vor einigen Wochen den Marschall „Vorwärts“, Herrn von Hindenburg, gewählt, weil er dir als letzter, als einziger Schutz gegen den Faschismus empfohlen worden ist – und jetzt bist du natürlich schwer enttäuscht. Wenn die Lage nicht so scheußlich ernst wäre, würde ich sagen: geschieht dir recht. Denn erstens scheint es in der Art Hindenburgs zu liegen, daß er seine Wähler enttäuscht; 1926 haben ihn die Rechtsparteien aufgestellt und gewählt, weil sie hofften, er werde ihrem Einfluß erliegen aber siehe da, Hindenburg wurde ein guter, verfassungstreuer Republikaner und Hüter des „Systems“; 1932 wird Hindenburg von den System-Parteien aufgestellt und gewählt, weil er angeblich ein Schutz gegen den Faschismus sein soll — aber siehe da, Hindenburg stürzt das „System“ und öffnet den Faschisten die Türe zur Regierung. Das hättest du vielleicht doch ahnen können. Und zweitens hättest du, auch wenn du gegen die Persönlichkeit gerade Hindenburgs nicht hast mißtrauisch sein wollen, wissen müssen, daß überhaupt nicht eine einzelne Person ein „Bollwerk“ gegen den Faschismus sein kann.

    Aber so treibt ihr, du und deine Parteifreunde, Politik. Ihr überlegt, ob man wohl dieser oder jener Persönlichkeit das Schicksal der Arbeiterklasse „anvertrauen“ kann; ihr betrachtet die Nationalsozialisten als einen Haufen blöder oder perverser Gesellen; ihr habt geglaubt, sie könnten nie zur Macht kommen (oder würden sich, einmal an der Macht, sofort unsterblich blamieren), weil es ihnen angeblich an Sachkenntnis und Verstand fehlt. Ihr betrachtet die Politik allmählich mit den Augen des spießigsten Kleinbürgers. So viel ist von eurem einstigen Marxismus übrig geblieben! Ihr könntet heute vom Marxistenfresser Hugenberg Marxismus lernen, der die politische und wirtschaftliche Entwicklung richtiger vorausgesehen hat und besser gerechnet hat. Deshalb nähert er sich heute seinem Ziel, während eure Partei Schiffbruch erlitten hat.

    Ihr habt die Krise für eine vorübergehende, durch die Unachtsamkeit oder Dummheit der Wirtschaftsführer hervorgerufene Erscheinung gehalten und den Faschismus für einen von tüchtigen Propagandisten aufgeblasenen Luftballon, der bald zerplatzen wird. Wer aber einmal erkannt hat, daß die Krisen im Kapitalismus unvermeidlich sind, und daß sie im absterbenden Kapitalismus immer schärfer werden, und wer erkannt hat, daß der Faschismus aus der Krise einerseits und der Kampfunfähigkeit der Arbeiterklasse andererseits mit Notwendigkeit entstehen muß, der weiß, daß er sich bei jeder politischen Entscheidung nur nach dem einzigen Gesichtspunkt zu richten hat: wie stärkt man die Kampfkraft der Arbeiterklasse? Darnach habt ihr nicht gefragt. Eure Tolerierungspolitik war deswegen (und nur deswegen) falsch, weil sie die Arbeiterschaft von Tag zu Tag mehr geschwächt hat. Wenn man jahrelang Lohnabbau und Raub aller politischen und wirtschaftlichen Rechte widerstandslos hinnimmt, dann wird man selber schwach und der Gegner stark und dann kann man nicht plötzlich sagen: halt!, sondern dann wird man eben eines schönen Tages vor die Tür gesetzt, so, wie man’s euch gemacht hat. Das ist sehr „undankbar“ von den Herren, denen ihr bisher gedient habt, sehr undankbar vor allem von dem, der nur durch eure Hilfe noch im Amt ist aber die Politik fragt wenig nach kleinbürgerlichen Moralbegriffen; der Vorwurf, falsche Politik getrieben zu haben, trifft nicht sie, sondern euch.

    Wo ist jetzt der Widerstand der „Eisernen Front“? Was für mutige Worte hat man im Wahlkampf von euren Führern gehört! „Niemals!“ — „entschlossener Widerstand“ — „Kampf bis aufs Messer“ usw. Jetzt haben die Faschisten mindestens zu drei Vierteln die Macht erobert — aber wo ist der Widerstand?

    Es wird in eurer Partei viel über die „Bonzen“ geschimpft; auch du tust das gern, wahrscheinlich um zu zeigen, wie revolutionär du bist. Aber ich gebe gar nichts auf das Geschimpfe über die „Bonzen“. Wenn auch nur ein kleiner Teil der Mitglieder erkannt hätte, daß die Politik der Partei falsch ist und zum Bankrott führt und gesehen hätte, warum sie falsch ist und welche Mittel es gibt, um die Arbeiterklasse zu stärken, dann hätten die „Bonzen“ den Einfluß nicht mehr, den sie heute noch haben.

    Entschuldigt euch doch nicht immer mit der Behauptung, die kommunistische Partei habe eben gar nichts Anziehendes für euch, auch ihre Politik sei falsch und schwäche die Arbeiterklasse. Das ist zum Teil richtig, zum Teil übertrieben; auf keinen Fall ist es eine Entschuldigung für euer Verhalten. Wenn ihr die Fehler eurer Partei bis auf den Grund erkannt habt und bereit seid, aus der Erkenntnis die Konsequenzen zu ziehen, dann findet ihr auch Wege, um eure Erkenntnis in die Tat umzusetzen.

    Dein ***

    Lieber Freund, du kannst jetzt, wie alle Kommunisten, mit einigem Stolz darauf hinweisen, wie richtig die Parole der KPD: „Wer Hindenburg wählt, wählt Hitler“ gewesen ist; wie richtig es gewesen ist, wenn die KPD immer wieder betont hat, daß die Arbeiterklasse in der heutigen Situation eine durchaus selbständige Politik treiben müsse, eine Politik, deren oberster Leitsatz ist: Stärkung der Arbeiterklasse. Jetzt, wo die Tolerierungspolitik Schiffbruch erlitten hat, müsse, sagst du, doch wohl jeder zugeben, daß die KPD richtig gehandelt habe.

    Gewiß. Trotzdem aber ist der Einfluß der KPD nicht im Wachsen, sondern im Sinken. Das Ergebnis der Landtagswahlen in Oldenburg beweist ebenso wie die sonstigen Wahlen der letzten Zeit, daß die KPD nicht einmal die Verluste der SPD für sich buchen kann. Du wirst sagen, Wahlzahlen seien kein Gradmesser für die Stärke einer Partei oder gar einer Klasse — aber zeigt denn die außerparlamentarische Wirklichkeit ein anderes Bild? Das wirst du nicht behaupten wollen.

    Wir stehen also vor der Tatsache, daß in der heutigen Situation sowohl die SPD als auch die KPD an Einfluß verlieren, und das bedeutet: daß die Arbeiterklasse schwächer wird. Wie kommt das?

    Bei der Beantwortung dieser Frage darf man natürlich SPD und KPD nicht in einen Topf werfen. Daß die SPD abnimmt, ist sehr natürlich; das kann gar nicht anders sein, denn eine so schwere Wirtschaftskrise muß jede reformistische Arbeiterpartei schwächen; verwunderlich ist höchstens, daß der Zerfall nicht noch schneller geht. Bei der KPD ist das etwas ganz anderes. Ihr werden von der Krise die Massen zugetrieben; ihr Einfluß muß steigen, vorausgesetzt daß — ihre Politik richtig ist. Man könnte etwa sagen: Die SPD kann taktisch noch so geschickt operieren, sie wird verlieren; die KPD muß schon eine sehr ungeschickte Taktik anwenden, wenn sie es fertig bringen will, zu verlieren. Und so ist es ja gegenwärtig.

    Inwiefern die Taktik der KPD falsch ist, ist schon dutzendmale gesagt worden und dir (wie vielen in der Partei) sehr wohl bekannt. Oder willst du bestreiten, daß (um gleich das Wichtigste zu nennen) die Kommunisten jeglichen Einfluß in den Massenorganisationen (Gewerkschaften, Kulturorganisationen) verloren haben, zu mindestens achtzig Prozent durch eigene Schuld? Was hilft da die Aufforderung, sich der Arbeit in den Massenorganisationen zuzuwenden, wenn in ihnen keine Stützpunkte mehr vorhanden sind? Was hilft (um ein anderes Beispiel zu nennen) die Aufforderung: Das Gesicht dem Betrieb zu!, wenn die Partei jahrelang die Betriebsarbeit vernachlässigt und ihre Hoffnung auf die revolutionären Erwerbslosen gesetzt hat? Natürlich ist, wie auch diese Beispiele zeigen, in letzter Zeit manches an der Taktik geändert worden aber was nützen alle diese halben Wendungen, wenn nicht die ganze taktische Linie der Partei von Grund auf überprüft wird? Das ist aber nur möglich, wenn in der Partei die Diskussion über taktische Fragen freigegeben wird. Und zwar sofort.

    Nun gibt es in der Partei Leute (ich weiß nicht recht, ob auch du zu ihnen gehörst), die das alles zugeben, dann aber sagen: Die Partei ist in einer schweren Krise; diese Krise muß überwunden werden. Aber das braucht Zeit. Für den Augenblick ist die Partei nun eben einmal nicht aktionsfähig; man muß natürlich daran arbeiten, daß sie es wieder wird, aber das geht nicht so schnell, dazu ist viel beharrliche, stille Arbeit innerhalb der Partei notwendig.

    Wer so sagt, hat im Grunde schon vor dem Faschismus kapituliert. Denn wenn die Partei nicht jetzt, in den nächsten Wochen aktionsfähig wird, wenn es ihr nicht noch gelingt (was doch ihre Aufgabe und ihr Ziel ist und was zu erreichen sie den besten Willen hat), in der Arbeiterklasse den Widerstand gegen den Faschismus zu organisieren — dann ist das Schicksal der deutschen Arbeiterschaft auf Jahre hinaus entschieden. Eine furchtbare Verantwortung liegt jetzt auf der kommunistischen Partei. Jetzt hat sie es noch in der Hand, ihre Taktik zu ändern und damit den Grund zu legen zum erfolgreichen Kampf gegen den Faschismus, der sie und die ganze Arbeiterbewegung bedroht, jetzt noch — aber nicht mehr lange. Glaubst du, daß sie die Frist, die ihr noch gegeben ist, nützen wird?

    1932, 23 · Dein H. D.

  • Mann und Frau

    — Jg. 1932, Nr. 14 —

    Eine Hauptrolle unter den vielen Minderwertigkeits- und anderen Komplexen, auf denen die völkische Weltanschauung aufgebaut ist, spielt die Sorge um die Stabilisierung der sexuellen Herrschaft des Männchens.

    Die christliche deutsche Ehe liegt den Nationalsozialisten dringend am Herzen, denn in ihr hat der Mann in jeder Hinsicht das Heft in der Hand. Und so sehr die Frau als Stimmvieh geschätzt wird, so wenig hat sie nach nationalsozialistischer Auffassung in der Politik zu suchen, so wenig wird sie im Dritten Reich zu melden haben.

    In Versammlungen darf sie zwar gehen; aber auch nicht in alle. Schon gibt es „Werbeabende“ der Sturm-Abteilungen, auf deren Ankündigungen man an der Stelle, wo sonst den Juden der Eintritt verboten wird, steht: „Frauen haben keinen Zutritt!“

    Ist der Nazismus in mancher Hinsicht ausgesprochen römische Imitation, so sehen wir in seiner Stellung zur Frau ausgewachsenen Orientalismus sich breit machen. Die Verweisung der Frau in die Küche und ins Bett, d.h. ihre ausschließliche Bestimmung zu haushaltlieber und sexueller Funktion; die Ausschließung von politischen Rechten; die Abstempelung zum Besitzobjekt des Mannes, d.h. die Erzwingung streng monogamer Haltung der Frau (bei, nota bene, keinerlei Garantie für das gleiche Verhalten des Mannes); die geistige Unterernährung, die man der Frau zudenkt; die Absperrung von der Teilnahme an vielen Interessen des Mannes — das alles ist orientalisch. Diese Umgitterung der Welt der Frau, diese Verlötung durch Keuschheitsgürtel für Leib und Geist ist alttestamentlich und allgemein-östlich. […]

    Wenn die Völkischen konsequent wären, würden sie unter ihre Programmpunkte auch die Wiedereinführung des Harems aufnehmen. Die Frau gehört hinter Gitter; Schleier vors Gesicht; Eunuch vor die Tür! Dann kann der Mann draußen die Welt regieren, wie er sich das so vorstellt.

    Gottlob gibt es noch aufrechte Denker, die vor der letzten Konsequenz nicht zurückschrecken. Zwar hört man noch nicht die Forderung nach dem streng verschlossenen Frauengemach; aber immerhin ist schon ein völkischer Profet der Vielweiberei entstanden. Er heißt von Roithberg, ist Arzt und Rassenforscher, und hat im Hammer-Verlag eine Broschüre „Die ungenügende monogame Ehe“ erscheinen lassen. Es heißt in ihr:

    „Heute stehen unsere westeuropäischen Anschauungen und christlichen Eheauffassungen in direktem Widerspruche mit dem Willen des Schöpfers … In der Zeit, da das Weib nur ein Kind austragen kann, kann der Mann sehr viele Kinder erzeugen. Gott hat das mit voller Absicht getan, damit sich der tüchtige, im Leben und in der Arbeit sich bewährende Mann eher vermehre als der Krüppel, Untaugliche und Arbeitslose. Er will die Hinaufzucht unserer Rasse, und das ist bei doppelgeschlechtlichen Einzelwesen nur dann zu erreichen, wenn wenigstens von dem einen Teil der beiden Geschlechter nur die besseren zur Fortpflanzung kommen. Als diesen Teil hat Gott den Mann ausersehen und polygam erschaffen … Gott hat den Mann nicht nur physisch, sondern psychisch polygam gemacht; wäre er nur körperlich polygam und seelisch monogam, so wäre dies ein Widerspruch. Gott aber kennt keine Halbheiten; es ist alles wohl durchdacht.“

    Da ist die völkische Ideologie also auf streng legalem Wege ins Allerorientalischste gemündet: Der liebe Gott will’s! Und er weiß, was er tut; er „kennt keine Halbheiten“! Welch hohes Ziel beginnt da aufzuleuchten wie Montsalwatsch dem tumben Toren Parsifal: die Vielweiberei als sittliches Ideal und göttliche Forderung! Monogamie der Frau, Polygamie für den Mann! Juda ist überwunden: man ist schon bei Mohamed.

    Das ist die Weltanschauung, nach der sich Neudeutschland unbewußt gesehnt hat! Freie Bahn dem Tüchtigen! Nieder mit den entsittlichten Marxisten, die auch der Frau das zugestehen, was sie dem Mann gestatten! Und hoch die Lehre semitischer Wüstenstämme: erotische Freizügigkeit dem deutschen Manne, aber Harem und Kindbett den deutschen Frauen!

    1932, 14 Mara Bu

    Wunder der Statistik. In Nr. 38 der „Weltbühne“ bespricht Ozzo Lehmann-Rußbüldt die Statistiken über den Waffenhandel, die der Völkerbund herausgibt. Er entdeckt dabei neben manchen anderen auch folgende Merkwürdigkeit: Nach der chinesischen Einfuhrstatistik hat China im Jahr 1925 für 5,4 Millionen Dollar Waffen und Munition eingeführt, davon für 3 Millionen aus Deutschland; nach der deutschen Ausfuhrstatistik hat Deutschland im gleichen Jahr für 400.000 Dollar Waffen nach China ausgeführt. — Wo die Differenz geblieben ist, das können einem vielleicht ein paar Munitionsschieber und das Reichswehrministerium sagen.

    1929, 30

  • Die deutsche Familie

    — Jg. 1932, Nr. 38 —

    Im Herbst 1917 stand Krause bei einem Reserveregiment an der Westfront und wartete sehnsüchtig aber mit einiger Gewißheit auf einen baldigen Urlaub, denn er hatte, wenn auch schweren Herzens, zwohundert Mark Kriegsanleihe, das bekannte „mündelsichere Papier“, gezeichnet. Damit waren zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen; erstens: Urlaub geschunden, zweitens: für die Berufsausbildung seines 13jährigen Sohnes Karl eine sichere Rücklage gemacht. Der alte Krause, sein Vater, saß inzwischen zu Hause hinter dem Ofen und laborierte an den Beschwerden, die ihm das Alter und die Kriegsernährung beschert hatte. Manchmal, wenn es gar zu arg war, suchte er Trost an dem Gedanken, daß sein Sohn das E.K.II erhalten habe. Aber es war ein schwacher. Denn man war, wie gesagt, bereits im Herbst 1917. Der 13jährige Karl dagegen erlebte zur selben Zeit das ewig neue Wunder vaterländischen Einsatzes. Seine Klasse war samt dem Lehrer zur „Sicherstellung der Ernährung“ auf dem Gut eines ostelbischen Junkers bei der Ernte der Kartoffeln eingesetzt worden, welche selbiger nachher größtenteils zu Schnaps und damit zum zuverlässigsten Antriebsmittel nationaler Begeisterung verarbeitete. Im Hause Krausens ging Pastor Schulze mit schöner Selbstverständlichkeit aus und ein, die erlahmende vaterländische Spannkraft durch forcierte Hoffnungen auf den Himmel neu belebend.

    Im Herbst 1918 überfiel Krausens die Gewißheit, daß man einerseits die in den bekannten mündelsicheren Papieren angelegten Beträge so gut als verloren anzusehen gewissermaßen berechtigt sei, andererseits hatte man immer noch starke Hoffnung auf das im Schützengraben oft ventilierte Eigenheim, und konnte, wenn man wollte, den Sozialismus deutlich marschieren hören. Im Hause ging Pastor Schulze immer noch mit schöner Selbstverständlichkeit aus und ein und verwies in der Ungewißheit der Umsturztage mit doppelt berechtigt erscheinendem Ernst nach oben. Gegen die Republik hatte er nichts einzuwenden, da sie noch gar nicht da war.

    Im Herbst 1925 döste Großvater Krause, seiner Spargroschen auf eine aufregende und radikale Weise beraubt, zwischen Wut und Entsagung schwankend seinem baldigen Ende entgegen. Vater Krause war damit beschäftigt, Vergleiche zu ziehen zwischen dem „Dank des Vaterlandes“ und den eben ausgesprochenen Rentenkürzungen. Weiter kam er nicht.

    Karl, der nunmehr 21jährige, war, politisch hellhörig, inzwischen zu Adolf Hitlers Bewegung gestoßen, aus welchem Grunde er sein in Anbetracht der unsicheren Zeiten zu früh gezeugtes und geborenes Knäblein Adolf taufen ließ. Pastor Schulze ging im Hause aus und ein und schimpfte in würdigen Nebensätzen mit zunehmendem Erfolg auf die Republik.

    Im Herbst 1930 starb Großvater Krause am Alter und an der Ungerechtigkeit der Zeit. Vater Krause erging sich über das „System“ in bitteren Redewendungen, mit denen er seine Entrüstung über die neuerlichen Rentenkürzungen geschickt zu verbinden wußte. Karl war arbeitslos und fing an, sich an Adolf Hitlers pickfeinem Umgang ein wenig aufzuhalten. Sein Sohn Adolf dagegen schoß sichtlich in die Höhe und zeigte neben rachitischen Merkmalen auch solche unverfälschter arischer Rasse. Pastor Schulze malte bei seinen jeweiligen Besuchen gedankenverloren Hakenkreuze auf den Tisch.

    Im Herbst 1932 brütete Vater Krause stumpf über der anscheinend unlösbaren Frage, was nun eigentlich ein Existenzminimum sei. An dem Tempo, mit dem es immer weiter herabgedrückt wurde, lernte er den Grad der nationalen Erneuerung erkennen. Karl sah, wie selbst freiheitlich gesinnte Bürger sich von dem zackigen Schliff des Arbeitsdienstes Gutes versprachen, und ging kurz entschlossen in ein Arbeitslager. Sein Sohn Adolf wurde zur selben Zeit für würdig befunden, in die Hitlerjugend aufgenommen zu werden; er freute sich darauf, bald auf irgend einem Gut eines Junkers zur „Sicherung der Ernährung“ eingesetzt zu werden. Pastor Schulze schwamm mit schöner Selbstverständlichkeit im Fahrwasser Hitlers.

    Herbst 1933: Armenbegräbnis Krausens, Karl erhält ’ne Auszeichnung für Verdienste an der Arbeitsfront, Adolf wird bei der Kartoffelernte eingesetzt, Schulze hält Feldgottesdienste ab. Parademärsche, Schnaps, Kriegsbegeisterung, mündelsichere Papiere, Urlaub, Eigenheim, Rentenkürzung, Arbeitsdienst, Armenbegräbnis…

    1932, 38 anonym

  • Religiöse Pause

    — 1932 —

    Goethe, den man wohl auch zu den „Gottlosen“ rechnen darf, war ein erbitterter Hasser des Glockenläutens. Er hieß es ein „unerträgliches Gebimmele“; er spricht im Faust vom „verdammten Läuten“, vom „verfluchten Bim-Bam-Bimmel“.

    Ich muß gestehen, daß ich die Kirchenglocken am Sonntag und sogar am Werktag nicht ungern läuten höre, auch wenn sie mir nicht den Ruf zum Kirchgang bedeuten, sondern mich nur daran erinnern, daßes Sonntagvormittag oder Werktagabend ist.

    Ich habe auch nicht die Abneigung gegen die Kirchen, die manche Gottlosen haben oder zur Schau tragen. Wenn ich Gelegenheit habe, trete ich gerne ein und empfinde die Kühle und Stille in den hohen Räumen als angenehme Untcrbrediung des Draußen, das lärmt oder heiß ist. Deshalb bedaure idi es manchmal, daß die Evangelischen ihre Kirchen die Woche über zuschließen, statt sie wie die Katholi schen offen zu halten.

    Ich kann mir daneben vorstellen, daß viele von diesen Kirchen einmal zu Versammlungen weltlichen Charakters dienen werden und sich dazu ganz gut eignen werden. In der Schweiz z. B. werden ja die Kirchen längst zu solchen Zwecken herangezogen.

    Auch die Wörter Religion und Gott brauchten, was mich persönlich betrifft, nicht abgeschafft zu werden. Es gibt „waschechte“ Freidenker, die sich an dem Gruß „Grüß Gott“ ärgern, oder an Ausdrücken wie „weiß Gott“, „in Gottes Namen“. Eigentlich dürften diese Leute auch unsere Zeitrechnung, die von Christi Geburt ausgeht, nicht mitmachen; so wenig übrigens wie die Christen „Dienstag“ oder „Donnerstag“ schreiben dürften, weil sie damit im Grunde doch einem heidnischen Götzen huldigen.

    In Wirklichkeit sind alle diese Wörter und Ausdrücke so abgeschliffen, daß sie ihren ursprünglichen Inhalt längst verloren haben. Sie sind Reliquien, ehrwürdige Reste der Vergangenheit, die nur noch Altertumswert haben oder die sich inzwischen unmerklich mit neuem Inhalt gefüllt haben. Das ist das Schicksal aller Worte, und wer vor einem alten Wortinhalt zurückschaudert, der zeigt genau besehen nichts anderes, als daß er ihm immer noch eine gewisse Bedeutung beimißt.

    Ich könnte von mir aus mit bestem Gewissen auch „wenn Gott will“ sagen, ja sogar „mit Gottes Hilfe“, obwohl ich doch an keinen Gott mehr glaube.

    Ich würde damit lediglich ausdrücken, daß ich mir bewußt bin, daß es auf meinen Willen allein oder auf den menschlichen allein nicht ankommt, daß meine Macht und menschliche Macht überhaupt ziemlich eng begrenzt sind.

    Und das Wort „Religion“, so wie Strauß oder Schleiermacher es verstehen, scheint mir sinnvoll und gut, gerade wenn man die ursprüngliche Bedeutung „Bindung“ zu Grunde legt. Ich fühle mich „gebunden“, an die Welt, von der ich ein Stück bin; ich empfinde diese Bindung sogar als Glück und Quell der Seligkeit wie eine Liebesbindung oder Blutsverwandtschaft.

    Trotzdem vermeide ich es, von Gott zu sprechen, und lasse es mir gerne gefallen, für „gottlos“, sogar im üblen Nebensinne, erklärt zu werden. Auch das Wort Religion, meine ich, gehört bis auf weiteres vom Gebrauche ausgeschlossen.

    Aus dem einzigen, aber triftigen Grund, weil es zu fortwährenden Mißverständnissen führt.

    In einer Zeit wie der unseren, wo Altes zusammenbricht und Neues noch nicht da ist, müssen solche Mißverständnisse vermieden werden. Wer der Wahrheit dienen will, und das ist schließlich Pflicht eines anständigen Menschen, darf unter keinen Umständen den Schein begünstigen, als ob er den alten Glauben noch habe oder aufrecht erhalten wünsche. Wo die Wahrhaftigkeit in Gefahr kommt, hört die Pietät auf.

    Solange das Wort „Gott“ so aufgefaßt werden kann, als ob man einen persönlichen Gott damit meine, gehöre ich also zu den Gottlosen; und solange sollte sich jeder zu den Gottlosen rechnen, der nicht mehr an den Gott der Kirche glaubt. Selbst dann, wenn dabei das andere Mißverständnis in Kauf genommen werden müßte, daß ihn gewisse Leute für des Teufels halten und für einen bösen Menschen erklären.

    Solange „Religion“ die Bedeutung haben kann, die Sigmund Freud und andere dem Worte beimessen: als versuche man mit einem Gott zu verkehren, der von Menschen angebetet sein will —, solange will ich das Wort in Verruf erklären und „irreligiös“ sein, auch wenn ich mich im Stillen auf meine Art für „religiös“ halte.

    Anders kommen wir nicht weiter, kommen wir nicht aus dem geistigen Sumpfe heraus, in dem wir mit diesem sogenannten Christentum stecken. Goethe hat von ihm einmal ein grobes Wort gebraucht, das heute einem Schriftsteller Gefängnis eintrüge. Und er hat ein ander mal gesagt, das „Märchen von Christus“ sei die Ursache, daß „die Welt noch zehn Millionen Jahre stehen kann und niemand recht zu Verstand kommt“.

    Wollen wir nicht lieber versuchen, die zehn Millionen Jahre etwas abzukürzen? Wollen wir nicht das Unsere tun, damit wir aus der großen Verlogenheit herauskommen, bei der schon so mancher „Schaden an seiner Seele genommen“ hat?

    Auch wenn es dabei einige liebgewordene Gewohnheiten zu opfern gilt, einige persönliche Beziehungen, einige angenehme Stunden: das Opfer ist unvermeidlich, und es ist nicht zu groß.

    Bekennen wir uns zur Gottlosigkeit; und stoßen wir uns auch nicht daran, wenn diese manchmal im Kampf der Meinungen in Formen zum Ausdruck kommt, die verletzend wirken. Geburtsvorgänge sind meistens mit unerquicklichen, ja häßlichen Begleiterscheinungen ver bunden. Wir dürfen uns davon nicht abschrecken lassen.

    Es wird einmal eine Zeit kommen, wo man wieder von Gott und Religion wird reden können, ohne mißverstanden zu werden; etwa wie wir heute vom Himmel oder vom Sonnenaufgang reden. Dann wird man, denke ich, auch den ganzen christlichen Sprach- und Gedankenschatz wieder ausgraben und unbefangen verwenden, so wie es vor ein paar hundert Jahren mit dem Reich der römisch-griechischen Götterwelt geschehen ist. (Vielleicht mit alleiniger Ausnahme des „Marterholzes“, des am Kreuzesgalgen hängenden Christus, dessen Bild nur für Gemüter erträglich ist, die es gedankenlos hinnehmen können.) Die Bibel ist eine unerschöpfliche Fundgrube von Weisheit und Wahrheit; man wird sie dereinst wieder zu würdigen wissen.

    Vielleicht werden sogar wieder „religiöse“ Feiern möglich werden. Aber wahrscheinlich in Formen, die wir noch nicht ahnen, die jeden falls von den heutigen grundverschieden sind, etwa so verschieden wie ein heutiger „Gottesdienst“ von einer alten heidnischen oder jüdischen Opferszene.

    Einstweilen muß eine „religiöse Pause“, ein „religiöses Moratorium“ könnte man sagen, eintreten. Ohne Kirche, ohne Bekenntnis, ohne Gott und Religion.

    Die Gottlosigkeit, die „gewonnene Stille und Ruhe ist nicht der Tod, sondern das Leben, das fortblüht und leuchtet, und guten Gewissens wandeln wir hindurch, der Dinge gewärtig, die kommen oder nicht kommen werden“, wie Gottfried Keller im „Verlorenen Lachen“ so gut gesagt hat.

    „Gott“ ist darum nicht tot, wenn auch der Gott, der christliche Gott, dem Schicksal seiner vielen Vorgänger nicht entgehen wird.

    „Gottlosigkeit“, 1932