Kategorie: 1921

Auswahl im Jahrgang 1921 veröffentlichter Beiträge

  • Deutscher Frühling

    Deutscher Frühling

    — Jg. 1921, Nr. 12 —

    Frühling! Das ist etwa so: eine süße Ahnung von köstlichen Sommern liegt in der Luft. Ewig heiter und sorglos blaut droben der weite Himmel und eine sanfte Melodie schwingt hin durch unendliche Räume. Ein ganzes Sortiment von Wundern ist hingeworfen mit heiterer Gebärde. Tage, verträumt im milden Lächeln Gottes, das Blume heißt und Tau und ziehende Wolke und WellenspieL Das ganze leicht ausstaffiert mit Eichendorff-Gefühlchen als Extra-Beigabe für uns Deutsche.

    Aber der „teutsche“ Spießer, zerrüttet von Revolution, Demokratie und Schicksal, gruppiert sich trauernd um das Grab eines verstorbenen Militarismus und pflanzt in den lachenden Frühling hinein mit liebenden Händen die Blümchen seiner alldeutschen Hoffnungen.

    Frühlingswinde lispeln dazu in deutschem Akzent ein uraltes Lied. Gewaltige Visionen steigen auf von prächtigen Frühlingsparaden, vom Taktschritt deutscher Regimenter, von Schnurrbartspitzen halbgöttisch zum Himmel gezwirbelt, von Händen gehorsamst an Hosennähten, von höfischem Glanz und Festen. In der Ferne winkt ein köstlicher Sommer: Deutschland befreit von Juden und Idealisten, im Glanz seiner Helmspitzen sich spiegelnd.

    Ach ja! Wenn sie jetzt der Frühling mit Macht überfällt und sie liegen irgendwo hingegossen auf spinatgrüner Flur und die Kordel baumelt am Lodenhemde melancholisch in die Welt hinein, wenn sie da liegen und träumen zu den Wolken hinauf, träumen sie immer nur dies; jeder Tautropfen spiegelt es wieder; jeder Vogelsang kennt nur diese Weise und aller Wolken Zug geht nur diesen Weg.

    Man möchte Psychiater sein, um Menschen zu verstehen, die, aus einem irren Bluttaumel und Vernichtungswahn jählings in die Wirklichkeit erwacht, nach wenigen Monaten schon den Moment des Erwachens verfluchen. Die den gräßlichen Anschauungsunterricht eines unheimlichen Amoklaufes genossen haben und doch nicht mehr begreifen, warum sie einmal in ganz natürlichem Ekel die Mordwaffen hingeworfen haben.

    Man möchte wissen, was in Menschen vorgeht, die, herausgewachsen aus dem Humus einer Jahrtausende alten christlichen Kultur, immer noch erstarrt und enttäuscht stehen, weil ein Weltkrieg, eine rasende Orgie von Vernichtung, Haß und Gemeinheit nur Elend und Not, moralischen Tiefstand und sittlichen Verfall gebracht hat.

    Man möchte es begreifen, warum ein Volk auf der hohen Stufe der Wissenschaft, wie es das deutsche ist, es nicht fertig bringt, mittels dieses wissenschaftlichen Denkens den langen Weg einer unglücklichen Entwicklung bis zur Katastrophe klarzulegen.

    Soviel von den Zulu-Kaffern bekannt ist, sollen sie die Fähigkeit besitzen, aus gemachten üblen Erfahrungen zu lernen. Wir haben an Deutschland das betrübliche Beispiel, daß ein Volk einen Weltkrieg verlieren kann und trotzdem im alten Fahrwasser weitertreiben, mit denselben vagen Hirngespinsten und denselben erdenfremden Träumen.

    Sollte nichts von den Zulus zu lernen sein?

    Man steht erschüttert in diesem Frühling, am Ende einer kurzen Spanne Zeit, da irgendwelche Hoffnungen in uns sproßten. Einmal, im November 1918, als das Volk sich von seinen Fesseln befreite, keimte schüchtern hoffnungsvolle Saat. Etliche nannten es eine Revolution. Arme Menschen! Wieviel Hoffnungen und heiße Sehnsüchte spracht ihr damit aus! Heute wissen wir es. Es war keine Revolution. Es war ein bedauerlicher Irrtum! Es war eine kleine Entgleisung der deutschen Psyche. Nichts weiter. Der kurze Weg von damals bis heute demonstriert dies vortrefflich. Tausende liegen mit Gewehrkolben niedergeschlagen, von hinten „auf der Flucht“ erschossen, von Kommisstiefeln zu Tode getrampelt. Der Geist von 1914 lebt noch. Er hat sich auch im Bürgerkrieg bewährt. Seine Methoden sind noch weiter ausgebaut worden. Und was in manchen Köpfen von „den Tagen der Schmach“ noch geblieben, sucht man mit Gummiknüppeln, Stinkbomben und Rüpeleien vollends auszutreiben!

    
Vergessen der Wahnwitz des Weltkrieges. Vergessen die Ströme von Blut. Vergessen das Grauen des Schlachtfeldes, die tierischen Ekstasen der Riesenabschlachtungen, die grandiose Arbeit raffinierter Vernichtungstechnik Vergessen die Blamage der Marneschlacht, vergessen der Unsinn vor Verdun und noch vieles mehr. Vergessen! Nichts ist in diesen Köpfen haften geblieben von dem grausigen Spuk.


    Was geblieben ist, ist nur eitel Phrase: von dem Dolchstoß von hinten und all dem Kohl, der zu widerlich ist, um ihn aufzuwärmen.

    Daß Millionen unter der Erde modern und Hunderttausende von Krüppeln dahinvegetieren, wer spricht noch davon! Indessen hören wir von duldenden, gottergebenen Fürsten, die in der Verbannung ihre Millionen verzehren. Es ist ekelhaft.

    Dies ist deutscher Frühling. Die Sonne lacht. Ungeahnte Wunder tun sich auf. Man möchte sich hingeben und Mensch sein. Aber man ist hineingestellt in die Misere der „teutschen“ Staatsmaschinerie als Objekt einer lieblichen Verwaltungs-Bürokratie. Wenn man nicht hier und dort Menschen hätte, um derentwillen es sich verlohnt, zu bleiben, man schiffte sich ein, irgendwohin, weit weg.

    1921, 12

    Hermann Mauthe

  • Warum ich nicht Pfarrer blieb

    — Jg. 1921, Nr. 20 —

    Eine Beichte

    1. Entlassungsgesuch. „Da ich es mit meiner persönlichen Überzeugung nicht mehr vereinigen kann, nach meinem demnächst erfolgenden Ausscheiden aus der hiesigen Amtsverwesung die von mir seinerzeit leichtsinnigerweise übernommene und während meiner früheren kirchlichen Amtstätigkeit bereits mehrfach verletzte Verpflichtung für den Dienst an der evangelischen Kirche Württembergs wieder auf mich zu nehmen, so bitte ich das Konsistorium, mich mit Beendigung meiner hiesigen Verwendung aus diesem Dienste entlassen zu wollen.

    Eßlingen, 5. Dezember 1911
    Erich Schairer,
    Professoratsverweser am Eßlinger Lehrerseminar.“

    2. Eidesformel. „Sie als angestellter Pfarrgehilfe (Pfarrverweser) verpflichten sich durch Handtreue an Eides Statt: Seiner Königlichen Majestät, unserem Allergnädigsten König und Herrn, treu und gehorsam zu sein, und alle Obliegenheiten Ihrer Stelle in der Kirche, Schule und Seelsorge nach Vorschrift der Gesetze und Verordnungen, sowie nach den Weisungen Ihrer Vorgesetzten mit Eifer, Fleiß und Genauigkeit zu erfüllen. Sie werden sich insbesondere bei Ihren kirchlichen Vorträgen und dem Religionsunterricht an die Heilige Schrift halten, und sich keine Abweichungen von dem evangelischen Lehrbegriffe, so wie derselbe vorzüglich in der Augsburgischen Konfession enthalten ist, erlauben. In Ihrem Lebenswandel werden Sie sich sorgfältig hüten, Anstoß und Ärgernis zu geben, sich durch ein untadelhaftes, bescheidenes und menschenfreundliches Betragen der Zufriedenheit Ihrer Vorgesetzten und die Achtung und Liebe der Gemeinde zu erwerben suchen. Sie werden sich bestreben, in allem so zu handeln, wie es Ihre Pflicht fordert und Sie es gegen den allwissenden Gott zu verantworten sich getrauen.

    Eßlingen, den 21. August 1909 t. E. Schairer.

    Aus der Augsburgischen Konfession. „Erstlich wird einträchtig gelehrt und gehalten, daß Ein einig göttlich Wesen sei… und sind doch drei Personen in demselben einigen göttlichen Wesen… Weiter wird bei uns gelehret, daß nach Adams Fall alle Menschen… in Sünden empfangen und geboren werden keinen wahren Glauben an Gott von Natur haben können, daß auch dieselbige… Erbsünde wahrhaftiger Zeuge sei und verdammen alle die unter den ewigen Gottesorn, so nicht durch die Taufe… neu geboren werden. Desgleichen wird gelehrt, daß Gott der Sohn sei Mensch geworden, geboren aus der reinen Jungfrau Maria…, daß er ein Opfer wäre nicht allein für die Erbsünde, sondern auch für alle andere Sünde, und Gottes Zorn versöhnete. Ebenso: daß derselbige Christus sei abgestiegen zur Hölle, wahrhaftig am dritten Tage von den Toten auferstanden, aufgefahren gen Himmel, sitzend zur Rechten Gottes… Ferner, daß derselbige Herr Christus endlich wird öffentlich kommen, zu richten die Lebendigen und die Toten … Vom Abendmahl des Herrn wird also gelehret, daß wahrer Leib und Blut Christi wahrhaftig unter der Gestalt des Brots und Weins im Abendmahl gegenwärtig sei, und da ausgeteilt und genommen werde… Auch wird gelehret, daß unser Herr Jesus Christus am Jüngsten Tage… die gottlosen Menschen und die Teufel in die Hölle und die ewige Strafe verdammen wird…

    *

    Als ich, frisch von der Hochschule weg, im Sommer 1909 als „Pfarrgehilfe“ verpflichtet und in der Eßlinger Stadtkirche feierlich ordiniert wurde, machte ich mir über den Inhalt dieser oben wieder gegebenen Verpflichtung kaum Gedanken, obwohl ich das Augsburgische Glaubensbekenntnis kannte. Ich hatte es nicht allzulange vorher fürs Examen großenteils auswendig gelernt, natürlich ohne es nur einen Augenblick für mich selber anzunehmen. Dreieinigkeit, Erbsünde, Menschwerdung des Gottessohnes, Opfertod, Höllen fahrt, Auferstehung, Wiederkunft, ewige Verdammnis, Verwandlung beim Abendmahl — alles das war für mich Aberglaube, im besten Fall Symbol, aber nicht „wahrhaftig“. Ich hielt den Glauben an diese „Heilstatsachen“ auch wirklich bei der Ausübung des Pfarramts nicht für entscheidend. Aber als ich dann mein Amt auszuüben begann, da kam ich bald in eine böse Zwickmühle. Einerseits war ich verpflichtet, bei den Amtshandlungen dauernd jene Sätze, die für mich wirklich nur leere Formeln waren, in den Mund zu nehmen, und getraute mich nicht, das zu unterlassen; andererseits hütete ich mich, in Predigten und Unterricht etwas zu sagen, was ich nicht sorgfältig vor mir selber vertreten konnte. So kam ich mir beim Aussprechen der liturgischen Formeln, des Glaubensbekenntnisses u. dgl. mehr und mehr als ganz kläglicher charakterloser Pfaffe vor, als Schauspieler, der seinen Spott mit dem trieb, was anderen heilig war; während ich in der eigenen Rede mir teils bewußt war, mich gegen meine Verpflichtung zu vergehen, da ich verschwieg, was ich hätte sagen müssen, teils aber mich so auszudrücken bestrebt war, daß ich selber unter meinen Worten etwas verstehen konnte, was ich „glaubte“, während sich die Zuhörer allerdings wahrscheinlich etwas ganz anderes dachten. Das war mir schließlich das Allerpeinlichste, denn bis dahin war es mein Hauptstolz gewesen, wenigstens ein ehrlicher Kerl zu sein. Ich fühlte, daß ich eine zweideutige Figur spielte, daß ich da auf eine Bahn geriet, an deren Ende ich vielleicht jede Achtung vor mir selber verloren haben könnte. Ich griff nach 14 Monaten pfarramtlicher Tätigkeit rasch zu, als sich die Stelle eines Verwesers an einem Lehrerseminar auftat. Ich erhielt sie, froh, bis auf weiteres der Ausübung meiner kirchlichen Pflichten enthoben zu sein. Damals lernte ich Christoph Schrempf kennen, las seine Schriften, hörte seine Vorträge und konnte mich in persönlichem Verkehr mit ihm aussprechen. Seine Persönlichkeit war mir eine Offenbarung: er sprach das aus, was ich bisher halb unbewußt empfunden hatte, er hatte die Konsequenzen gezogen, um die ich im Begriff war, mich herumzudrücken. Ich schwur mir jetzt, künftig keinen Talar mehr anzuziehen.

    Als ich um meine Entlassung aus dem Kirchendienst einkam, und zwar unter ausdrücklicher Bezichtigung dessen, was ich selber in grobem Deutsch einen Meineid heißen mußte, da erwartete ich zum mindesten, daß man mir von der Behörde aus schwere Vorwürfe wegen dieser — verspäteten Offenheit machen würde. Was geschah? Der Herr Prälat X. — seinen Namen habe ich tatsächlich vergessen, ich erinnere mich bloß noch, daß er gestorben ist — forderte mich auf, mein Gesuch zurückzuziehen, und redete mir eindringlich zu, keinen so radikalen Schritt zu machen. Ich solle doch zunächst einmal ein Urlaubsgesuch einreichen, man werde mir gerne ein, zwei Jahre Urlaub geben; dann könne ich mich wieder besinnen. Ich lehnte brüsk ab; mein Respekt vor dieser Kirche, die sich an einem „Meineid“ nicht nur nicht stieß, sondern den Meineidigen sozusagen zu dessen Fortsetzung ermunterte, war auf Null gesunken.

    Man hat mich später manchmal gefragt, ob mich mein Austritt aus dem Pfarrdienst noch nicht gereut habe. Ein gewisser Geist in meiner eigenen Brust hat mir schon hie und da zugeraunt: Esel, wie gut könntest du’s jetzt haben, wie nett könntest du mit deiner Familie irgendwo im Hohenlohischen sitzen, in einem jener wundersamen alten Städtchen, Oehringen, Waldenburg, Weikersheim, Langenburg und wie sie heißen, an deren Mauern diese gräßliche Zeit vorüber strömt, fast ohne sie zu benetzen! Wie hübsch lebt sich’s in so einem kühlen Pfarrhaus, dahinter den verträumten Pfarrgarten mit Gemüserabatten, Träublesstöcken, Spargelbeet und lauschiger Laube! Das bißchen Amtsgeschäft ist leicht erledigt, du hast deine Bücher, deinen Wein im Keller, deine heitere Geselligkeit mit den Honoratioren, Kegelabend, manchmal ein unschuldiges Spielchen, ein Ausflug, ein Vesperspaziergang; ruhig, behaglich und ungestört flöße dein Leben in gewohnten Geleisen, in Mörike- und Gäwelesstimmung getaucht. Das hättest du haben können, das hast du verscherzt, dreifaches Rindvieh!

    Ja, das alles habe ich schwimmen lassen. Aber doch hat mich’s nicht gereut, noch keine Sekunde.

    1921, 20

  • Die Unmenschlichkeit Gottes

    — Jg. 1921, Nr. 11 —

    Wer bin ich, daß ich mit dir reden darf? sagte ein Frommer
    und betete von Stunde an nicht mehr.

    Hans Natonek

    Im Tübinger evangelisch-theologischen Seminar, dem „Stift“, wurde einmal bei einer Semesterprüfung (ich glaube Frühjahr 1907) den Studierenden der Theologie die Aufgabe zur Beantwortung gestellt: „Wie weit ist der Anthropomorfismus in der Gottesvorstellung berechtigt?“ (Anthropomorfismus heißt: Vorstellung Gottes in menschlicher Gestalt). Ich schrieb damals in meiner Arbeit, die Vorstellung Gottes in menschlicher Gestalt oder als Wesen mit menschlichen Eigenschaften sei soweit berechtigt, als sie naiv sei, d. h. solange, als sie nicht als solche, als Vermenschlichung, zum Bewußtsein gekommen sei. Sobald dies eintrete, werde der „Anthropomorfismus“ vom religiösen Menschen als anstößig empfunden und deshalb abgelehnt, auch wenn er noch so verfeinert, veredelt oder — verwaschen sei.

    Diese Antwort lautete anscheinend nicht so, wie sie auf Grund fleißigen Besuchs der Vorlesungen und vorgeschriebenen Übungen (an dem ich’s, ich muß es gestehen, damals etwas fehlen ließ) hätte ausfallen sollen. Die Herren Vorgesetzten wollten, grob gesagt, ungefähr zur Antwort haben, daß der Anthropomorfismus bei den nichtchristlichen Religionen verwerflich, bei der christlichen dagegen erlaubt sei, weil er dazu ganz was anderes und „Höheres“ sei. Meine Lösung klang eher nach revolutionärer Respektlosigkeit als nach braver Wiedergabe von Gelerntem, und ich bekam ein schlechtes Zeugnis.

    Später erzählte ich einmal Christoph Schrempf davon, und er tröstete mich mit dem Bescheid, daß meine Antwort die einzig richtige gewesen sei.

    Ich würde sie auch heute nicht anders aussprechen und habe nie verstehen können, wie die christlichen Theologen die „überwundenen“ Gottesvorstellungen früherer Religionsformen so überlegen ablehnen und gar bespötteln konnten, ohne daß es ihnen eingefallen wäre, sich auch einmal an ihrer eigenen Nase zu packen.

    Für das religiöse Leben an sich spielt die Art der Gottesvorstellung überhaupt keine entscheidende Rolle. Zwischen der Frömmigkeit eines Fetischanbeters eines Ahnenverehrers, eines Polytheisten (der an viele Götter glaubt), eines Monotheisten (der einen Gott anbetet) und eines Pantheisten (dem das All Gott ist) besteht nicht der geringste Unterschied, wenn sie aufrichtig ist. Alle Religionen sind im gewissen Sinne gleich „wahr“, oder: es gibt keine „wahre“ Religion, der gegenüber die anderen „falsch“ wären. Jede Religion ist solange wahr, als ihr Gott dem Denken seines Bekenners nicht widerstreitet oder ihm stand hält. Was soll einen Menschen hindern, sich seinen Gott in Gestalt eines Tigers vorzustellen, solange ihm dieses göttlich (profan ausgedrückt: überlegen) dünkt, solange ihm noch nichts von unserem Hochmut gewachsen ist, der auf das Tier als ein minderwertiges Wesen herabsieht? Darf man daran zweifeln, daß die alten Griechen oder Germanen von Schauern echtester Religion durchschüttelt wurden, wenn sie zu ihren Göttern beteten, die nichts anderes waren als Menschen in Riesenformat? In dieser ihrer Größe bestand die Göttlichkeit, und dem naiven Gläubigen fiel es lange nicht ein, sich an ihrem oft allzu menschlichen Lebenswandel zu stoßen. Es ist sehr interessant, zu beobachten, wie das Bild der Gottheit erst spät in der abendländischen Religionsgeschichte dann allmählich moralische Züge bekommt, bis der gerechte Gott der Juden, der liebende Vatergott der Christen als vorläufiges Endergebnis des „des anthropomorfistischen“ (menschliche Eigenheiten entfernenden) Reinigungsprozesses heraus kommt. Stück um Stück wird Gott das menschliche Kleid ausgezogen, werden die menschlichen Farben ausgelöscht, menschliche Eigenschaften abgeschält — nämlich immer dann, wenn sie als Schwächen, als „Menschlichkeiten“ erkannt werden. Freilich: je weiter die Reinigung schreitet, desto blasser und verwaschener, desto unlebendiger wird dieser Gott; und die populäre Vorstellung gefällt sich mit größter Zähigkeit in unzähligen Rückfällen, die umso reizvoller und poetischer anmuten, je grotesker sie oft ausfallen (man denke an die christlichen Legenden und Heiligengeschichten!).

    Die Entmenschlichung Gottes aber schreitet weiter, mit der wahrhaft göttlichen Unerbittlichkeit der Naturgesetze, die auch dem menschlichen Denken eignet: bis zum Ende, bis auch dieses Wesen, dessen Blutleere die schließliche Auflösung schon ahnen läßt, vollends restlos zersetzt ist wie das Metall im Königswasser. Auch der christliche Gott ist nichts anderes als ein Idealmensch. Auch die Gerechtigkeit und die Gnade, die Weisheit und die Güte Gottes sind menschliche Eigenschaften, sind Anthropomorfismen, sind Gottes nicht würdig und an ihm nicht wirklich. Wer heute nicht bloß oberflächlich und halb, sondern ganz und gründlich nachdenkt, wessen Urteil unvoreingenommen und von eigenen Wünschen nicht getrübt ist, der wird damit den Weg zu Ende schreiten und des alten Gottes letzte menschliche Eigenschaft, die Persönlichkeit, vollends ausstreichen. Jetzt, wenn der nach menschlichem Bild geschaffene Gott ganz bei Seite geräumt ist, wird im Innern des modernen Menschen der Raum frei für den neuen unendlich viel größeren Gott, der alles umfaßt und mit dem er in seiner Winzigkeit sich nicht messen und vergleichen darf, mit dem er, um wieder derb zu reden, nicht mehr Vetterles tut und — Schindluder treibt. Wenn man von ihm reden will (am besten redet man möglichst wenig von ihm), dann kann dies eigentlich nur in Verneinungen oder Verneinungspaaren geschehen. Er ist alles das nicht, was man bisher von ihm ausgesagt hat. Er ist nicht menschlich — unmenschlich…

    1921, 11

  • Das deutsche Presse-Elend

    — Jg. 1921, Nr. 6 —

    „Wir sind heillos und schamlos belogen und betrogen worden von unseren Zeitungen.“ So lautete das Urteil sehr ruhiger und sehr besonnener Männer bis in die konservativsten Kreise hinein, als sie Gelegenheit hatten, sich den Schaden ihrer Gutgläubigkeit zu besehen — im Herbst 1918. Und es machte damals keinen so großen Eindruck, wie die Presse sich verteidigte. Das tat sie natürlich, wie das jedes Sünders gutes Recht ist.

    Sie sagte erstens: „Die andern, die Feinde haben es auch nicht besser gemacht als wir.“ Das war zum Teil richtig, zum Teil doch auch nicht. Wer in Kriegszeiten z. B. die „Times“ las mit ihrer täglichen Großspalte: „Through German eyes“ (durch deutsche Augen), der weiß, daß der englische Zeitungsleser ganz ausgezeichnet auf dem Laufenden war mit allem, was die deutsche Presse zu sagen hatte. Unsere Zeitungen dagegen haben uns irgend einen mit unseren Lügen gespeisten „Courant“ oder eine noch verlogenere „Tidende“ vorgesetzt als „Stimme des Auslands“. Und zweitens hieß es: „Wir mußten lügen auf Kommando! Das A.O.K. rief und alle, alle logen. Nur aus vaterländischer Pflicht!“ Sei’s drum. Ihr mußtet lügen. Dann bleibt es aber dabei: wir sind belogen und betrogen worden. Ein Glück für euch, daß das deutsche Publikum das gutmütigste von allen und das Publikum des kürzesten Gedächtnisses ist.

    Nun heißt es heute, wir sollen doch das Vergangene vergangen sein lassen. Wiederaufbau, Einigkeit, Vertrauen — darum allein handle es sich jetzt. Schön und gut. Obwohl man sich fragen kann, ob ein Mensch und ein Volk etwas lernen können, wenn sie sich vornehmen, ihre einschneidendsten Erfahrungen in den Wind zu schlagen und grundsätzlich a tempo zu vergessen.

    Jetzt aber Hand aufs Herz! Ist’s heute viel anders als damals? Die Oberste Heeresleitung ist zwar nicht mehr da. Dafür hat irgend ein Stinnes oder ein anderer Generalgewaltiger der schweren Finanz die Presse fest in der Hand. Man kann aber nicht der Wahrheit dienen und dem Mammon, sagt irgendwo — so ungefähr — das Evangelium. Allmächtig ist das Kapital ja allerdings nicht; nicht auf alle Preßorgane kann es seine weithin gebietende harte Faust legen. Aber seinem Schicksal entgeht der deutsche Zeitungsleser auch dann nicht; die geschmeidigere Hand seiner Parteigewaltigen erwartet ihn und massiert und durchwalkt den Biederen in seinem Leibblättchen, ohne daß er es auch nur ahnt. Denn die Herren mögen es ja herzensgut meinen mit ihren Pflegebefohlenen, sie mögen höchst ehrenwert sein — das sind sie alle, alle ehrenwert -, aber sie leben nun einmal des Glaubens, daß das Brot der lauteren Wahrheit unserem schwachen Magen schlechterdings nicht bekömmlich sei.

    Daß dem so ist, das merkt jeder, der noch einen Gaumen hat zum Schmecken, an der läpperichen Bescherung, die ihm tagtäglich in seiner Presse vorgesetzt wird.

    Wir möchten wissen, wie es mit uns steht, draußen im Ausland, was die Kreise von uns denken, von denen nun einmal für die nächsten Jahre unser Schicksal wie das Schicksal der ganzen Welt abhängt. Und wir sollten meinen, daß wir das jetzt wissen dürften, jetzt wo kein ,,Endsieg“ und kein „Durchhalten“ mehr einzig davon abhängt, daß wir das nicht erfahren. „Wir möchten wissen, wie es mit uns steht, hier bei uns im Innern, wie lange wir z. B. noch das frisch-fromm-fröhlich-freie Turnspiel an den Hebeln der Notenpresse ungestraft üben dürfen. Und wir sollten meinen, eine möglichst nüchterne Auskunft über die Wetterzeichen unseres drohenden Bankerotts sei uns dienlicher als der Lärm der dröhnenden Frasen, mit denen man uns betäubt: über „völkische Belange“, „sozialethische Werte“ und was der neumodische Moralschwatz sonst an Schlagern zu Tage fördert. Aber nein. Von dem, was uns zu wissen nötig wäre, kein Sterbenswörtchen! Was wir wirklich erfahren aus Leitartikeln und Parlamentsberichten, ist höchstens, daß die Macher unserer öffentlichen Meinung uns für unglaubliche Trottel an Verstand und Urteilskraft halten. Goethe war gewiß ein tiefer Verächter der öffentlichen Meinung; und die Worte, die über den Verstand des deutschen Zeitungslesers bei Schopenhauer zu lesen sind, sind sicher nichts weniger als schmeichelhaft. Aber ihre Gesinnungen und Worte sind noch milde, verglichen mit der Verachtung der Urteilsfähigkeit des Publikums, wie sie aus der Praxis unserer Zeitungsverleger und Zeitungsschreiber durchscheint.

    Korrupt, frivol, faul bis ins Mark ist unsere Geldwirtschaft und die Art, wie man bei uns die Steuern umlegt, eintreibt und — bezahlt. Mindestens ebenso korrupt, frivol, faul bis ins Mark ist die Art, wie bei uns mit der Wahrheit gewirtschaftet wird. Nur daß man diese Tatsache vielleicht nicht so schroff, so bitter, so empört ausdrücken sollte. Wie sagt doch Goethe im Kophtischen Lied? „Habet die Narren eben zum Narren auch wie sich’s gehört.“ Wer nur hören will, wonach ihn die Ohren jucken, den soll man nicht bedauern, wenn ihm statt der Wahrheit die Fräse vorgesetzt wird. Wie ein Volk genau die Regierung hat, die es verdient, so hat es auch die Presse, die für es gut genug ist. Der Neudeutsche läßt es ja auch sonst nicht undeutlich merken, daß ihm die Wahrheit einen Pfifferling wert ist.

    Doch auch noch andere Dinge sind beim Neudeutschen im Kurs gesunken, wie man wiederum am Pegel seiner Presse ablesen kann. Fleiß, Solidität, Ordnungsliebe, Disziplin sind alte gute Eigenschaften des Deutschen, tief verankert in seinem Wesen und von seinen geschichtlichen Erziehern ihm tüchtig „eingehämmert“, um diesen pädagogischen Lieblingsausdruck des neueren Deutschen auch zu gebrauchen. Die Schädlichkeiten des Liegens im Schützengraben, des Herumlungerns in den Etappen und Heimatgarnisonen, die Lumpereien der sogenannten Revolution hatten eine vorübergehende Verfinsterung dieser Tugenden zur Folge. Der zeitweilige Verlust dieser sittlichen Güter hat nun eine solche Sehnsucht nach ihnen geweckt und die Sehnsucht wird von klugen Hetzern so zum Fanatismus aufgepeitscht, daß darüber unser Volk andere Güter, die auch sittliche Güter sind, um ein billiges gibt: ich meine den Sinn für Freiheit der Persönlichkeit und den Sinn für Recht und Gerechtigkeit.

    Was gilt unter uns noch die Freiheit, wenn in Württemberg — nicht im Preußen des alten Stils, sondern im Freistaat Württemberg — ein Fall möglich geworden ist, wie der Fall Wieland. Ein Richter hält einen Vortrag über ein geschichtliches Thema, einen Vortrag von trocken referierender Sachlichkeit und Wissenschaftlichkeit, einen Vortrag, an dem man höchstens kritisieren könne, daß er Forschungsergebnisse bietet, die kein Kenner bestreitet, von denen jeder Theologiestudierende sagen könnte, das habe er in seinen Fuchsensemestern in seinen Hörsälen gehört. Diesen Vortrag nimmt der Justizminister zum Anlaß, um den Redner, einen Richter, vor seinen Vorgesetzten zu zitieren und eine Art von Disziplinarverfahren gegen ihn einzuleiten. Und als man den Minister an die Verfassung erinnert, die „freieste Verfassung der Welt“, an der er tätig mitwirkte, da winkt er mit dem Beamtengesetz, das, wie es scheint, denjenigen der „Achtung für unwürdig“ erklärt, der eine simple geschichtliche Wahrheit feststellt. Wir sind heruntergekommen und wissen selber nicht wie. Unter unseren Wilhelmen — den württembergischen wie den preußischen — wäre so etwas nicht möglich gewesen. Hätte ein Kultminister der 80er Jahre des vorigen Jahrhunderts es gewagt, beispielsweise den Ästhetiker F. Th. Vischer wegen seiner wirklich scharfen und beißenden Worte über die Beichte — nachzulesen in seinen Lyrischen Gesängen — vor seinen Vorgesetzten zu zitieren — nicht dem Ästhetiker, dem Minister hätte man den Stuhl vor die Türe gesetzt. Und man denke an die Herren vom verflossenen Evangelischen Bund mit ihren hohen Tönen des sogenannten „Lutherzorns gegen römisches Afterchristentum“. Ein Sturm der Entrüstung nicht von der Linken, sondern gerade von der nationalliberalen Mitte und der konservativen Rechten hätte den Minister weggefegt, der es gewagt hätte, einen dieser Romkämpfer vor seinen Vorgesetzten zu zitieren. Heute kräht kein Hahn bei solchen Eingriffen eines der Denkfreiheit feindselig gesinnten Ministers. Die bürgerliche Presse schien es für ihre Pflicht zu halten, eine so unerhörte Tatsache ihrem Publikum zu unterschlagen. Sie konnte dies, weil diesem Publikum die Freiheit der Persönlichkeit einen Pfifferling gilt.

    Und Recht und Gerechtigkeit gilt ihm und seiner Presse nicht viel mehr. Die heutigen Machthaber haben sich neulich feierlich und entrüstet gegen den Vorwurf der Rechtsbeugung verwahrt. Aber wie soll man denn sonst die Tatsachen bezeichnen? Gewaltakte sind begangen worden von links und von rechts. Das Schwert der deutschen Gerechtigkeit hat scharf zugehauen nach links, wogegen nichts zu sagen ist. Wenn der, der zum Schwert greift, durchs Schwert umkommt, ist kein Grund zur Entrüstung. Aber was alles von rechts gesündigt wurde, hat keine oder nur eine lächerliche Sühne gefunden. Den Hochverrätern, die mit gestiefeltem und gesporntem Fuß der Regierung Noske den Fußtritt verabfolgten, daß sie in einem Schwung von Berlin nach Stuttgart flog, wird nicht ein Haar gekrümmt; man lädt sie förmlich ein, ein zweites Tänzchen zu wagen. Wenn Gerechtigkeit das Fundament der Reiche ist, steht der sogenannte Freistaat Deutschland auf wackligen Füßen. Von diesem Messen mit zweierlei Maß hat die große Mehrzahl der biederen deutschen Zeitungsleser nicht die leiseste Ahnung.

    Was folgt aus alledem? Wir wollen eine Zeitung, die uns nicht täglich mit Lügen speist, mit Mammonslügen, mit Parteifunktionärslügen, mit offiziösen Lügen; wir wollen eine Zeitung, deren Leiter kein Engel und kein Musterknabe zu sein braucht, der sich auch einmal verhauen darf, weil ihm Gott den Zorn der freien Rede gab, von dem wir nur das eine wissen müssen, daß er ein aufrechter Mann ist, der nach nichts fragen muß als nach seiner ehrlichen Überzeugung. So bitter not wie das tägliche Brot tut uns eine solche Zeitung, und wir können goldfroh sein, daß wir in Württemberg wenigstens eine solche haben.

    1921, 6 Paul Sakmann

    Gut, daß es auch eine Sonntags-Zeitung gibt!

    Hermann Hesse

  • Mit Mütze und Schläger

    — Jg. 1921, Nr. 4 —

    Als ich im Herbst 1906 auf die Hochschule kam, habe ich mich einer farbentragenden schlagenden Verbindung angeschlossen und bin bald eines ihrer begeistertsten Mitglieder geworden. Nicht blind begeistert: ich habe bald manche Mängel gesehen, vor allem, daß das geistige Leben im Bund nicht recht auf der Höhe war. Im Ganzen aber herrschte ein gesundes, tüchtiges Leben. Wir waren 20 bis 30 „Aktive“, d. h. jüngere Semester, und ein Dutzend oder mehr „Inaktive“, die mehr oder weniger heftig dem Abschluß ihrer Studien zudrängten; das war so die rechte Zahl: nicht so viel, daß nicht jeder jeden genau gekannt hätte oder daß Sonderungsbestrebungen möglich gewesen wären, aber auch nicht so wenig, daß der Einzelne zu viel Arbeit für den Bund und keine Möglichkeit gehabt hätte, Freunde zu finden. Unter den 40 war eine große Zahl begabter Leute, und an der Spitze stand ein 3. Semester, das aber bereits im praktischen Leben gestanden hatte und ein halb Dutzend Jahre älter war als wir anderen. Die Zusammensetzung war gut, und der Bund strebte aufwärts, verfolgte seine Ziele geschickt und mit Ausdauer. Man trug „Kulör“, d. h. Mütze und Band, also mußte man im Anzug und Auftreten auf sich halten; das taten wir, ohne daß wir Fatzken gewesen wären. Und es wurde „Bestimmung gefochten“, also war es in Ordnung, daß man auf dem täglichen „Hauboden“ regelmäßig sein Hemd durchschwitzte und sich gegenseitig grün und blau schlug; die Erfolge auf Mensur selber machten uns stolz, ohne daß wir unnötig „geramscht“, d. h. Zusammenstöße gesucht hätten. Das Studium kam bei den Meisten nicht zu kurz, obwohl wir nicht bloß fochten, sondern auch ritten, „spuzten“, d. h. Ausfahrten machten, wanderten und — tranken. Zucht und Freiheit waren glücklich verbunden, ich verdanke meinem Bund viel und habe allerhand auch für ihn getan.

    Von 1910 ab — man kann’s auf das Jahr hin angeben — kam zu allen Verbindungen ein Nachwuchs, der einen andern Geist mitbrachte. Wir hatten den volkstümlichen Schwabengeist gehabt: aufrichtig, derb, kräftig in Liebe und Haß, und für unsere Ideale begeistert; der Bundeswahlspruch „Freundschaft, Ehre, Vaterland“ war uns ehrlich das Höchste. Von 1910 ab wurde das anders, jetzt kamen die Streber, die vom ersten Tag ab an Examen und Karriere dachten, die Korrekten und Patenten, denen Bügelfalte und modische Kravatte und gesellschaftlicher Schliff das Höchste waren, und die statt dem Männertrunk den Weibern nachliefen. Die Jungen kamen zum Bund nicht mehr oder selten wegen „Freundschaft, Ehre, Vaterland“, sondern weil gesellschaftlich was geboten war, und weil man für später „Beziehungen“ bekam. Die „Alten Herren“ wurden fürs Leben der Jungen immer wichtiger; sie hatten der Aktivitas ein Haus gebaut, und diese fing damit an, sich zum Klub zu entwickeln. Es gab Semester, in denen es wieder besser war; im Ganzen wird Keiner, der diese Jahre in Tübingen erlebt hat, die Veränderung verkennen, die 1910 eingesetzt hat.

    Der Krieg kam. Das Nationale — damit war ich ganz einverstanden gewesen — hatte in allen Verbindungen immer eine starke Rolle gespielt (parteipolitisch war meine Verbindung nicht belastet gewesen). So war die Begeisterung groß, und die meisten haben sich gut geschlagen. Und im Feld fühlte man sich erst recht zusammengehörig, oft ist einer stundenlang gelaufen oder geritten, um einen Bundesbruder zu treffen. Und die Familien der Alten Herren schickten allen von daheim Liebesgaben mit einem Stück des dreifarbigen Bands, und mancher ist mit dem Band um die Brust gefallen und begraben worden. Es war echte, schöne Freundschaft, die Treue war unter Bundesbrüdern kein leerer Wahn. Das kann keiner vergessen, der mit dabei war.

    Und doch hat mir der Krieg die Augen geöffnet und hat meine Kritik an studentischer Art wachsen lassen. Bei der Beförderung zum Offizier wurde gefragt: hat er Beziehungen, ist er Akademiker, hat er die Reife-Prüfung, das Einjährige, dann erst zuletzt kam die einzige Frage, auf die es ankam: ist er ein guter Soldat. Das war übel gewesen im Frieden und wurde schamlos im Krieg. Jeder, der draußen war und mit im Graben lag, hat unter der „Mannschaft“, d. h. den Nicht-Einjährigen eine erstaunliche Anzahl Leute getroffen, die nach Urteil, Charakter, soldatischer Eignung von niemand zu übertreffen waren. Sie konnten, auch wenn sie 30 Monate im Feld waren, nicht Offizier werden — man hat lieber die windigsten, jüngsten Einjährigen befördert; die paar Ausnahmen, wo etwa Mannschafts-Flieger die Achselstücke bekamen, sind wirkliche Ausnahmen geblieben, in Württemberg werden’s noch keine drei sein. Das war das Eine, was ich sah. Ich war niemals so blöd gewesen, die „besseren“ Leute ohne weiteres für die tüchtigsten Leute zu halten, oder zu bezweifeln, daß unter dem „Volk“ gleich Tüchtige wären; aber daß „besser“ und tüchtig, und Arbeiter und weniger tüchtig sich so wenig decken würden, das hatte ich nicht gewußt. Alle Standesvorrechte, das war mir im Graben klar geworden, mußten deshalb in Zukunft verschwinden, auch wenn sie scheinbar harmlos waren. Der Student mußte aufhören, Bestimmung zu fechten und außerhalb der Kneipe Mütze und Band zu tragen. Das habe ich 1915 und 1916 in meinem Bund beantragt, und als ich nicht durchdrang, 17 und 18 wenigstens Reformen erstrebt. Ein bißchen was hab ich erreichen können, alles Wesentliche ist geblieben.

    Mütze und Schläger durften nicht bleiben, weil sie Standes-Vorrechte sind und wir zu einem Volk verschmelzen mußten. Und es gab noch einen anderen Grund, der nicht weniger wichtig war. Der Krieg hatte ganz neue politische, wirtschaftliche, kulturelle Verhältnisse geschaffen, den Geisteswissenschaften ihre Rückständigkeit, Unfähigkeit, Weltfremdheit bestätigt und ihnen zu den ungelösten und unerkannten alten Aufgaben hin neue von höchster Lebensbedeutung gestellt. Von den Universitätsprofessoren war kein neuer Geist zu erwarten, die Hoffnung stand nur bei der akademischen Jugend. Wenn die ihre Aufgabe erkannte und ernst nahm, konnte sie kein Geld und keine Lust mehr haben für Äußerlichkeiten und keine Zeit mehr fürs Fechten (das als Gegenmittel gegen Saufen, Stubenhocken, körperliche und geistige Verweichlichung und auch gegen deutsche Formlosigkeit einmal eine Berechtigung haben konnte). Wenn der Musensohn nicht Filister werden wollte, mußte er volkstümlich bleiben und werden, und mußte erstreben und suchen. Der Krieg, ob gewonnen oder verloren, hatte alle Sachverständigen-Meinungen, alle „ehrwürdigen“ Überlieferungen und hochstehenden Überzeugungen erschüttert; Volk und Staat mußten auf ganz neue Grundlagen gestellt werden. Dafür hoffte ich auch auf die akademische Jugend. Ich habe die Hoffnung begraben. Die jungen Herren mit Mütze und Schläger haben viereinhalb Jahre größten Erlebens verschlafen, und haben nichts vergessen und nichts gelernt. Sie sehen ihre Aufgabe darin, nationale Redensarten zu dreschen und als Stütze des alten Systems sich gegen den inneren Feind zur Verfügung zu stellen; sie verteidigen alte äußerliche Kasten-Vorrechte, pflegen alte und suchen neue „Beziehungen“. Die Studentenverbindungen haben einmal Ideale gehabt; sie haben 1910 angefangen, Vergnügungsstätten und Versorgungsanstalten zu werden; sie haben heute keine Existenzberechtigung mehr. Student kommt von studere = sich strebend bemühen, mit Ernst und Eifer suchen. Die heutigen Studenten glauben alles gefunden zu haben; sie können ihr Volk, dessen geborene Führer zu sein sie sich rühmen, nicht erlösen — das Volk muß sorgen, daß es sich von seinen Herren Studenten erlöst, für die es teures Geld bezahlt und die fortfahren, die Wissenschaft zur Hure zu machen — nach dem Vorbild ihrer Professoren, die im Krieg „wissenschaftlich festgestellt“ haben, daß der Mensch in Deutschland leben könne von dem, was er auf deutsche Lebensmittelkarten bekam.

    Ich bin gern froh mit Menschen, von denen ich weiß, daß sie, wo’s notwendig ist, ernst sind; ich mache auch gerne Dummheiten mit leidlich gescheiten Menschen. So bin ich Student gewesen und habe mich wohl gefühlt.

    Als die Staatsmaschine eingefahren, die Klassenherrschaft von „Besitz und Bildung“ gesichert war, da blieb es verborgen, wie unzulänglich der größte Teil des akademischen Nachwuchses war. Heute ist der Einzelne auf sich selbst gestellt, heute sollte der Akademiker suchen, sich mühen, sollte zweifeln gerade am „Selbstverständlichen“, sollte den Mut haben, selber zu denken, zum Erkannten aufrecht sich zu bekennen — dann müßte er in scharfen Gegensatz zur „Gesellschaft“ kommen, weil er dann auf die Seite des Volkes und des Volkstümlichen, Kraftvollen, Natürlichen treten müßte. Statt dessen paradieren die jungen Herrn mit Mütze und Schläger, sind patent, wo wir 400 Milliarden Schulden haben, beweisen körperlichen Mut (vielmehr: Beherrschtheit), wo die Zeit moralischen Mut braucht, sind „der Väter heiligem Brauche treu“, wo alle Grundlagen sich geändert haben.

    Die jungen Herrn mit Mütze und Schläger sind die Söhne des gutsituierten Bürgertums. Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Unsoziale, verbildete Eltern haben Kinder, die in Zeiten der schwersten Not nur an sich selber denken, auf ewig Gestriges schwören und pfauenhaft eitel sind. Die Axt ist dieser Bourgeoisie an die Wurzel gelegt.

    1921, 4 Karl Hammer

  • Amtsstuben-Muff

    Amtsstuben-Muff

    — Jg. 1921, Nr. 33 —

    In Deutschland wird auf die Bürokratie mit innerer Genugtuung geschimpft. Und mit Recht. Denn es gibt nichts, was die kleinen Alltäglichkeiten so gallig und widerwärtig machen kann wie der Amtsstubenmuff. Der Bürger — ruhig, wie er ist — steckt alle Zurechtweisungen und Gedankenlosigkeiten ein, bis er gelegentlich eines Renkontres mit einem im Frühstück gestörten Beamten in „Eingesandt“ oder Schimpfkanonade seinem Herzen Luft macht. Dadurch fühlt er sich befreit — bis zum nächstenmal. War er im wilhelmischen Deutschland bösartigen Charakters, so trug er nach und wählte rot. Seine subalterne Gesinnung unterschied sich im Grunde garnicht vom Aktenmenschen. Da die täglichen Kleinigkeiten den Charakter bekunden und bilden, ist der Bürokratismus nicht eine nebensächliche Lächerlichkeit, über die man hinwegsehen könnte, er ist ein kulturpolitisches Charakteristikum des Deutschen. In den Amtsstuben wird dieser stickige Geist zwar in Reinkultur gezüchtet, bei näherem Zusehen aber macht er sich überall breit: in Schule, Haus und Wirtschaft, am Stammtisch wie auf der Wanderung. Er gedeiht zwischen Tintenfaß und Aktenständer auf dem Boden der Pensionsberechtigung am besten, aber das ganze öffentliche Leben ist infiziert. Nur daß man dann nicht mehr von Bürokratismus spricht, sondern von Banausentum, Kleinigkeitskrämerei, Engstirnigkeit. Insofern ist der Beamte entschuldigt.

    Wenn das Kind zum ersten Male in das kultusministeriell vorgeschriebene Heft mit genehmigter Feder einen regelrechten Satz schreibt, fließt der trübe Geist der Beschränktheit mit ein. Der Jüngling nach bestandener Promotion bzw. Staatsarbeit „über das Wenn und Aber bei Heinrich von Veldecke“ nimmt den dicken Muff mit ins Leben hinaus, der, elementar zerlegt, aus folgenden Grundstoffen sich zusammensetzt: Besserwissen, Vorrecht, Minderwertigkeit der Nebenmenschen, Anciennität als Prinzip. Lehranstalt und Universität beglaubigen im Diplom die durch Examen erhärtete Zusammensetzung des Muffs. Ein Esel attestiert dem anderen die Qualifikation. Gleich ob Jurist, Filologe oder Militäranwärter, hat der Prüfling gelernt, das Leben zu rubrizieren, alle vorkommenden Fälle begrifflich zu subsumieren unter bekannte Größen. „Was man nicht deklinieren kann, sieht man als Aktenrest dann an.“ In Praxis heißt man dies: nach Schema „F“ arbeiten. Es gibt keinen Beruf, der davon frei wäre.

    Bei aller Lächerlichkeit hat dieser muffige Geist seine sehr, sehr ernste Bedeutung. Bismarck beklagte sich mit Recht über den Ehrgeiz der Geheimräte, das Volk mit einem Gesetz zu beglücken, über dessen Materie sie als Assessoren einmal nachdenken durften. Die moderne Art der Gesetzgebung ist ein legitimes Kind dieser Gesinnungsart, genau so wie die überhebliche Verwaltung. Gesetzgebungsarbeit ist auch Schema F-Arbeit nach vorgeschriebenen Formularen. Das Ungewöhnliche, aber eminent Wichtige bleibt Aktenrest: „Das haben wir noch nicht gehabt.“ Das ist ganz hoch oben genau so wie unten. An irgend einer Stelle zu reformieren, wie es die Amtsknechte an der Rotationspresse verlangen, hat gar keinen Zweck. Was ist bei der Reform des Auswärtigen Amtes herausgekommen, wie steht es mit der Vereinfachung der Verwaltung, was kosten die 100 000 Söldner? Schon durch die Kleinigkeit hätte die sog. Revolution einen Sinn bekommen, sämtliche Akten zu verbrennen und 14 Tage alle Amtstuben mit ihren Insassen auszulüften. Aber die Akten blieben, nur verschwanden die 14 Tage, da es krachte, die Schreiberseelen auf den Locus.

    Ich weiß sehr wohl, daß dieser Geist nicht auf mechanischem Wege, weder mit Gewalt noch mit Zureden, auszurotten ist. Er ist die Frucht einer total falschen Erziehung und Selbsteinschätzung des Menschen. Des Menschen? Verzeihung, des Mannes mit Examen, Titel, Grad, Anwartschaft. Und Einschätzung dessen, was man Staat nennt, dieser Institution im Range der Götterschaft. Die Erziehung ist in ihrer Vermittlung von Kenntnissen ganz auf den zukünftigen Beruf eingestellt, die humanistischen Schulen (in Preußen nach Humboldts Plan) präparieren geradezu den Beamten; jeder Charakterbildung ist sie abträglich. Die Selbsteinschätzung redet sich Unentbehrlichkeit, Würde an, die garnicht vorhanden sind. Aber der Staat bestätigt durch Lebenslänglichkeit und besonderen Schutz (vor Beleidigungen beispielsweise) diese hohe Auffassung. Aber es bleibt ein Unsinn, solch hämmorhoidale Seifenblasen auf Kosten der Mitmenschen, die sich obendrein anöden lassen müssen, zu konservieren.

    Mit Verfügungen einsichtiger Minister ist es also nicht getan. Im Gegenteil: die überragendste Kraft würde sich nutzlos vergeuden im Kampfe gegen subalterne Stupidität und Passivität. Wir wollen darum die Herren, die sich aus Idealismus (selten) oder persönlichsten Gründen dazu hergeben, den leerlaufenden Mechanismus mit ihrem Namen zu decken, bedauern und Verständnis haben für Adolf Hoffmanns lebenskluges Wort: „Mir sieht hier Keener wieder.“

    Manchmal gelüstet einen nach einem Gewaltmenschen, wie etwa Friedrich II. es war, der die Kraft dazu hatte, auszumisten, wo Faulheit, Klischee und Überheblichkeit sich breitmachen. Der Fall Deutschland ist aber anscheinend hoffnungslos, weil wir Spezialisten keine Menschen mehr haben, die die großen Zusammenhänge sehen.

    1921, 33 Ludwig H. Schmidts

    Nicht zu jedem Amt gab Gott auch den Verstand; es müßte sonst weniger Ämter geben.

    1924, 45 Momos

  • Ein sozialistisches Programm

    — Jg. 1921, Nr. 49 —

    Entwurf eines Bekenntnisses zur Gemeinwirtschaft, vor dem Görlitzer Parteitag der S.P.D. 1921 von einem Nichtmarxisten für einen Marxisten verfaßt

    Wir sind durch zwei Menschenalter vom kommunistischen Manifest und durch eines vom Erfurter Programm getrennt. Die wirtschaftliche Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft hat in großen Zügen den ihr vorausgesagten Lauf genommen, und wir haben den Tag erlebt, an dem den Sozialisten die Macht zufiel, um die Kapitalisten zu beerben.

    An diesem Wendepunkt der sozialistischen Geschichte ist eine schwere Enttäuschung zu verzeichnen. Es hat nichts genützt, sich im Glauben an sein besseres Recht und im Besitz seiner stärkeren Gewalt zu befinden. Der Versuch, den Sieg zu verwirklichen, endete mit einer Niederlage.

    Es fehlte nicht an der Reife der Dinge, sondern an der Reife der Menschen. Es besteht kein Grund zum Verzweifeln, sondern aus Verstehen und Umlernen kann neue Kraft gewonnen werden. Vergebens behaupten unsere Gegner, unsere Sache scheitere am natürlichen Wesen der Menschheit. An uns ist es, zu beweisen, daß unsere Schwächen nicht angeboren, sondern angekünstelt, nicht unabänderlich, sondern überwindbar sind.

    Wir litten an der Einbildung, über die Tugend des Gemeinsinnes zu verfügen. Hatten wir nicht vielleicht nur noch keine Gelegenheit gehabt, das Laster gemeinschädlicher Begierden und Handlungen auszuüben? Wir bedürfen einer bewußten Selbstzucht, um uns in der Zukunft als echte Sozialisten zu bewähren, die in ihren Reihen keine Tat auf Kosten der Gemeinschaft dulden.

    Wir unterschätzten die Fähigkeiten des Unternehmertums, das erfahrener und gewissenhafter ist, als wir wußten. Wir haben zu beherzigen, daß uns in dem Augenblick einer wahren Sozialisierung eine Aufgabe und nicht schon deren Lösung zufällt, daß es also gilt, die wertvollen Eigenschaften des Kapitalismus in den Sozialismus miteinzubringen.

    Es genügte nicht, das erhoffte Ziel in Umrissen vor sich zu sehen. Wir stellten uns den Übergang vom Kapitalismus zu glatt und einfach, zu automatisch und zu schematisch vor. Wir werden allmählich erkennen, daß auch die Welt unserer Ordnungen mehr als das kleine Einmaleins bedingt.

    Wir stammen aus dem Zeitalter des Erwerbs und des Erfolges. Wir klagen über die Versündigungen des Ehrgeizes und der Habsucht. Aber solange ein Rest von Neid und Mißgunst unseren Blick und Willen trübt, droht uns die Gefahr des blinden Wütens. Selbst das vielgeschmähte private Eigentum von Produktionsmitteln hat sowohl Lichtseiten, die jede sozialistische Gemeinschaft würdigen wird, wie auch Schattenseiten, deren geheime Anbetung sich nicht einmal eine sozialistische Gemeinschaft leisten darf. Es tut mehr not, die heutige Eigentumsgeltung als die heutige Eigentümerschicht zu beseitigen.

    Wir sind der Kindheit der technischen Erdumwälzung noch nicht entwachsen. Sonst würden wir in aller Ruhe den mindestens zwiespältigen Charakter der sich rational dünkenden Produktion, nämlich den Segen ihrer planmäßigen Bedarfsdeckung und den Fluch ihrer planlosen Bedarfserregung, überschauen und begreifen, daß nicht nur die Unternehmer, sondern auch wir fortwährend das Erste durch das Zweite zerstören helfen, indem wir nach einem Schlaraffien trachten. Das Werk der Konstruktions- und Organisationskunst ist geleistet, wenn sie der Gemeinschaft an allen ihren Gliedern eine mäßige Lebensfristung sichert. Sozialist sein heißt nebenbei auch, seine Ansprüche an die Gemeinschaft beschränken.

    Denn Sozialist sein heißt, über den Kapitalismus hinaus das Getriebe der Wirtschaft nicht nur zweckmäßig einrichten wollen, sondern ihm im Namen der Gemeinschaft den Zweck erst setzen. Die Wirtschaft ist nicht um ihrer selbst willen da. Deshalb steht die kritiklose Verhimmelung der Produktivität einem Sozialisten übel an. Wir haben doch nachgerade hinter den süßen Bissen des belohnten Fleißes den sauren Beigeschmack gekostet, der jede gesellschaftliche Arbeit begleitet. Je mehr man sie vervollkommnet, desto deutlicher ist sie für den Menschen, der sie verrichtet (solange ihn die Maschine nicht ganz verdrängt), ein Dienst, dessen Freiheit günstigsten Falles einen freiwilligen Pflichtengehorsam gestattet, gleichviel ob ein privater oder ein von der Gemeinschaft bestellter Disponent die Anordnungen trifft. Es ist nicht sozialistisch, sondern liberal und demokratisch gedacht, wenn man die unvermeidliche straffste Disziplin des gesellschaftlichen Betriebes durch Unzweckmäßigkeiten frei oder durch Mitbestimmungsrechte gerecht gestatten will.

    Innerhalb des sozialistischen Bannkreises sei es geboten, daß jeder Arbeitsfähige eine gleichwertige Menge exekutiver Arbeit verrichte, und daß jeder Lebende eine gleichwertige Menge der also erzeugten Güter erhalte. Außerhalb des sozialistischen Bannkreises dagegen sei es verboten, Güter durch vergesellschaftete Arbeit zu erzeugen. So sieht die sozialistische Auffassung von Freiheit und Gerechtigkeit aus, deren dritte Schwester im Bunde, die Brüderlichkeit, vom neunzehnten Jahrhundert vergessen worden war.

    Seitdem sich zeigte, daß die Landwirtschaft und mancher Gewerbezweig den Konzentrationsregeln der Industrie nicht folgten, schwankten wir, ob wir zur Fabrik hin oder von der Fabrik fort streben sollten. Die sozialistische Gemeinschaft hüte sich vor einem doktrinären Entweder-Oder und anerkenne das praktische Teils-Teils. Je weniger Güter die Gemeinschaft durch vergesellschaftete Arbeit zu erzeugen braucht, desto heilsamer vermag sie den zwischen dem Einzelnen und der Gemeinschaft ewig schwärenden Schmerz zu lindern. Dadurch, daß der Sozialismus alle Erscheinungen unter den Gesichtswinkel des Klassenkampfes zwischen industriellem Bürgertum und Proletariat zwängt, entfremdet er sich jene zahlreichen Neutralen, die ihm anhängen würden, sobald er die Front veränderte.

    Der neuerdings zum Schieber umgetaufte willkürliche Händler stellt den eigentlichen Feind des Sozialismus dar. Er ist es, der auch unter uns im Dunkeln munkelt. Ins Helle mit ihm! Nicht sein Geschäft, sondern unsere Vereinbarung bestimme Form und Inhalt unserer Wohlfahrt. Sein Reich, dieses Mittelding zwischen Markt und Plan, werde aufgeteilt in die beiden Reiche: des Alle bindenden Planes und des Niemanden bindenden Marktes.

    Der Sozialist hat sich über die Staatsscheu seiner Vorgänger emporzuschwingen. Zu seinem Wesen paßt es nicht, den Staat wie einen Regenmantel zu behandeln, den man bei gewöhnlichem Wetter in den Schrank hängt und bei schlechtem Wetter beschuldigt, Nässe durchzulassen. Der sozialistische Staat ist identisch mit der Gesellschaft. Er erläßt auf demokratischer Grundlage seine Gesetze und überträgt der sozialistisch verfaßten Wirtschaft unter öffentlicher Verantwortung jene Befugnisse, die heute von Privaten wie Gottesgnadengeschenke empfangen und genossen werden. Der Sozialist fühlt sich im Staat als Soldat und beseitigt den unwürdigen Zustand, in dem der Staat ein lächerlich fiskalisch-bürokratischer Konkurrent derjenigen Klasse ist, welche ihn ihren Interessen vorspannt.

    Jedes Volk ist imstande, einen solchen Sozialismus aus sich heraus zu gebären; jedes aber auch, sich einem Sozialismus der Völker anzuschließen. Auch zwischen den Völkern wird die Regel Platz greifen, daß sie internationale Beziehungen nur da eingehen, wo Not es gebietet, jenseits dieser Grenze aber den Nationen überlassen, zu bleiben, was sie sind: gewachsene Organismen, die voneinander aus Gründen des Blutes und der Heimat in ihren Sitten und Gebräuchen abweichen. Opfern wir auch dasjenige Händlerideal, welches hinter einem kommerziellen Einerlei die imperialistischen Triebe verbarg, und bekehren wir uns zur Republik der Menschheit, die den Streit zwischen Einzahl und Mehrzahl möglichst selten beginnen und niemals auf Kosten des Ganzen beenden läßt.

    Thesen:

    1. Der Sozialismus ergreift in der Kette zwischen Mensch und Menschheit zugunsten des Teiles Partei, solange es die Wohlfahrt des Ganzen erlaubt, und zugunsten des Ganzen Partei, sobald es die Wohlfahrt des Teiles erheischt.

    2. Der Sozialismus heiligt Einrichtungen wie das Eigentum, insofern sie dem Ganzen dienen oder die Wohlfahrt des Ganzen nicht berühren, und entheiligt Einrichtungen wie das Eigentum, insofern sie das Ganze zum Teil in Beziehung setzen, ohne das Ganze zu fördern. Innerhalb der vom Ganzen benötigten Produktion kennt der Sozialismus nur ein bedingtes Privateigentum, das zur Strafe für Verstöße gegen die Gesellschaftsordnung entzogen werden kann und auf das die Gesellschaft bei freiwilligem Verzicht des Einzelnen die Vorhand hat. Außerhalb der gesellschaftlichen Produktion genießt das Privateigentum den unbedingten Schutz der Gesellschaft.

    3. Der Sozialismus unterscheidet zwischen:
    a) ausführendem Gesellschaftsdienst (z. B. des Metalldrehers, des Schreibers, des Bahnschaffners),
    b) dienstwertiger freier Arbeit (z. B. der Hausfrau, des Handwerkers, des Bauern, des Arztes, des Lehrers),
    c) von der Gesellschaft benötigter freier Tätigkeit (z. B. des industriellen Direktors, des Verwaltungsbeamten, des Abgeordneten),
    d) anderer freier Tätigkeit (z. B. des Künstlers, des Schriftstellers, des nebenberuflich Beschäftigten).
    Wer b) verrichtet, kann von a) befreit werden. Unter alle, die b) nicht verrichten, wird a) gleichmäßig verteilt, auch wenn sie c) und d) verrichten. Mit anderen Worten: a) und b) gelten als Dienste, c) und d) nicht; a) wird planmäßig rationiert, b) planmäßig angerechnet, c) und d) nach dem Marktprinzip behandelt.

    4. Der Sozialismus gesteht dem Ganzen zu, zu bestimmen, wieviel Gesellschaftsdienst (3 a) jährlich verrichtet werden soll. Hiezu stellt er fest, wie groß der jährliche Gesamtbedarf an Produktions- und Konsumptionsmittein ist und wieviel davon durch dienstwertige freie Arbeit (3 b) entsteht; in diese Rechnung ist die gesellschaftliche Ein- und Ausfuhr eingeschlossen. Außer im Rahmen des Gesellschaftsdienstes verbietet der Sozialismus, die Arbeit nach Anordnung und Ausführung zu teilen; insbesondere erlaubt der Sozialismus jede nebenberufliche freie Tätigkeit (3 d) nur unter der Bedingung, daß sie ohne Arbeitsteilung erfolgt. Mit anderen Worten: der Sozialismus macht die arbeitsteilige Arbeit von öffentlicher Konzession und Kontrolle abhängig.

    5. Der Sozialismus behält sich vor, die Dienstrationen (3 a) je nach Zweckmäßigkeit kontinuierlich (als tägliche Dienststunden) oder intermittierend (als Dienstjahre) zu beanspruchen. Die auf das Leben eines Arbeitsfähigen (außer 3 b) entfallende Dienstmenge wird jedoch genau gleich bemessen. Ebenso wird genau paritätisch (Altersunterschiede!) das gesellschaftliche möglichst uniforme Arbeitsprodukt unter die Konsumenten verteilt. Der Sozialismus scheut sich nicht vor der Gleichförmigkeit dieses gesellschaftlichen Unterbaues, weil er Zeit genug zu ersparen glaubt, um jeden einzelnen außerhalb des Gesellschaftsdienstes für die persönlichen Nuancen sorgen zu lassen.

    6. Der Sozialismus billigt der gesellschaftlichen Wirtschaft innerhalb des Staates die Selbstverwaltung zu. Die Zentralorgane dieser Selbstverwaltung sind paritätisch mit anordnenden und ausführenden Funktionären der Gesellschaft zu besetzen. Im einzelnen Betrieb liegt die volle Verantwortung beim anordnenden Funktionär. Der Staat (Rechtsstaat) beschränkt sich auf die wirtschaftliche Rahmengesetzgebung, vor deren Beschluß er die Wirtschaft hört.

    7. Der Sozialismus ist sich der geo- und ethnografischen Differenzen auf der Erde bewußt. Er wünscht auf das Verhältnis zwischen den Völkern und der Menschheit dieselben Thesen anzuwenden wie auf jedes Verhältnis zwischen Einzelnen und einem Ganzen. Aber er kann sich beispielsweise vorstellen, daß ein Volk das Los der Kargheit statt der Auswanderung wählt, ohne deswegen von der Menschheit eine Erleichterung dieses Loses fordern zu dürfen.

    1921, 49 ***

    Die so laut verkündigten Geburtswehen einer neuen Zeit haben sich als gewöhnliche Verdauungsbeschwerden erwiesen.

    1922, 43 Momos

  • Eine Einladung

    Eine Einladung

    — Jg. 1921, Nr. 1 —

    An das Bureau des Reichspräsidenten. Oberdadaistisches Zentralamt, Schöneberg (Stadtpark), Steinacherstraße 2, Fernspr. Stephan 1375, Streng vertraulich!

    Der Oberdada ist der Messias! Er hält am Freitag den 31. Dezember B, abends 9 ½ Uhr, im Beethovensaal die Neujahrsrede auf das dadaistische Jahr C des Himmels. Es wird ein lustiger Silvesterabend und eine lustige Silvesterrede. Aber wer Ohren hat zu hören, wird den Ernst hören. — Fortsetzung auf dem Faschings-Dada-Ball am 20. Januar C im Marmorsaal.

    Das oberdadaistische Zentralamt bittet um Angabe, ob der Herr Reichspräsident dem Ball beiwohnen wird, damit eine Loge reserviert werden kann. Die Teilnahme am Ball ist eine intertellurische Notwendigkeit. 

    Das oberdadaistische Zentralamt
         

    1921, 1   

  • Erneuerung

    — Jg. 1921, Nr. 1 —

    Weihnachten und Neujahr gehören zu den Terminen, an denen auch die Presse, vor allem natürlich die mit der Leitartikel-Fabrikware der Korrespondenzbüros gespeiste Provinzpresse, zwischendurch im Kanzeltone zu reden pflegt. Manche Inseratenplantage verschreibt sich sogar dazu einen leibhaftigen Pfarrer, der die Gelegenheit gerne benützt, einige „Sprüche“ durch die Rotationsmaschine laufen zu lassen. Der Brauch ist mir wegen seiner Geschmacklosigkeit und inneren Unwahrhaftigkeit immer widerlich gewesen; und die geistigen Erzeugnisse, die bei dieser Gelegenheit die Farbwalze passieren, sind selten erfreulich.

    Weiß man denn immer noch nicht, daß das Moralpredigen, möge es selbst mit der Zunge eines Abraham a Santa Clara geschehen, noch nie etwas gefruchtet hat? Wird nicht seit 2000 Jahren christliche Sittlichkeit gepredigt, ohne daß die Menschheit sich dadurch in ihrem natürlichen und manchmal sogar unnatürlichen Egoismus hätte im Geringsten stören lassen?

    Da hat sich, vor einem halben Jahr glaube ich, in Berlin ein „Bund der Erneuerung wirtschaftlicher Sitte und Verantwortung“ gebildet. Aber ich habe nicht den Eindruck, daß bisher eine einzige Zigarette weniger geraucht, eine Flasche Parfüm weniger verspritzt, eine Pulle Sekt weniger konsumiert, oder irgend ein unnötiger und angesichts unserer Lage sträflicher Aufwand unterblieben wäre.

    Man hätte denken können, die Revolution werde auch eine „gesellschaftliche“ Umwälzung bringen. Wenn Bürger und Arbeiter Minister werden, dann werde vielleicht auch die einfache Bürgersitte und der schlichte Sinn des Arbeiters den „guten Ton“ feudaler Herkunft ablösen. Aber geradesogut wie irgend ein Parvenü der Vornovemberzeit haben sich — mit wenigen rühmlichen Ausnahmen, z. B. dem Reichswirtschaftsminister a. D. Wissell — die neuen Männer bemüht, so rasch als möglich umzulernen, sich modisch auszustaffieren, „standesgemäß“ aufzutreten und den ganzen „besseren“ Lebenswandel mitzumachen. Der Herr Reichspräsident Ebert ist auf Pressebällen, Kino-Premieren, Rennen ein häufig gesehener Gast, und die illustrierten Blätter zeigen ihn als höchst elegante Erscheinung im Kreis des Gefolges. Ich verlange gewiß nicht, daß er Harmonikahosen und Gummiwäsche tragen und in Arbeiterkneipen verkehren solle; aber daß er Bälle besucht und die neueste Mode mitmacht, will mir nicht gefallen. Die neue Oberschicht hat es nicht verstanden — trotzdem unsere Armut ihr eine glänzende Chance geliefert hätte — die gesellschaftlichen Sitten zu erneuern, einen neuen, zeitgemäßen und besseren „guten Ton“ einzuführen.

    1921, 1 Sch.