Kategorie: Einstieg

  • Heilbronner Presseskandal mit Folgen

    Heilbronner Presseskandal mit Folgen

    Er gilt als einer der mutigsten Journalisten der Weimarer Republik, der seine Wortgewalt und seinen Sprachwitz gezielt gegen politische Heuchelei, Nationalismus und Antisemitismus rich­tete: Erich Schairer.

    Ernst Jäckh empfiehlt ihn als Nachfolger von Theodor Heuss nach Heilbronn, als Heuss den Posten des Chefredakteurs der Neckar-Zeitung aufgibt, um in Berlin Geschäftsführer des Deutschen Werkbundes zu werden. Wie Heuss hat auch Schairer für Naumanns Zeitschrift „Die Hil­fe“ gearbeitet. 1918 übernimmt Schairer nicht nur den Posten von Heuss bei der Neckar-Zeitung, sondern gleich auch dessen Wohnung in der Lerchenstraße.

    Doch bald überwirft er sich mit dem Verleger, der es nicht gerne sieht, dass Schairer Leugner der deutschen Kriegsschuld in seinem Blatt angreift. Als er in einem Artikel wieder gegen die Verfechter der Kriegsschuldlüge wettert, lässt er Schairers Text aus der Druckplatte herauskratzen. Die Zeitung erscheint am 15. November 1919 mit einem weißen Fleck auf der Titelseite. Noch am selben Tag dieses Presseskandals teilt der Verleger seinem Chefredakteur mit, dass er nicht mehr in der Redaktion zu erscheinen brauche.

    Schairer gründet darauf kurzerhand die „Heilbronner Sonntags-Zeitung“, in deren erster Ausgabe vom 4. Januar 1920 er schreibt: „Wir leben dem Buchstaben nach in einer sozialen und demo­kratischen Republik. Aber der Geist des Sozialismus und der Demokratie, der Rücksicht, Ver­ständnis, Wohlwollen und Gerechtigkeit bedeutet, ist nicht zum Leben erwacht. Diesem Geist wird diese Zeitung dienen.“ Die Heilbronner Sonntags-Zeitung ändert bald ihren Namen in Süddeut­sche Sonntags-Zeitung, dann Sonntagszeitung, verbreitet sich in kurzer Zeit über ganz Deutschland und wird zu einem der bedeutendsten Wochenblätter. Stolz betont sie ihre Unabhängigkeit: „Die Sonntags-Zeitung wird künftig ohne Inserate erscheinen und den Beweis liefern, dass auch heute die Existenz einer Zeitung ohne Inserate möglich ist.“ Entschieden kämpft Schairer gegen den Aufstieg des Nationalsozialismus in der Weimarer Republik. So kündigt er noch im Oktober 1932 für seinen Verlag „Das Kleine Hitler-Album“ an, mit boshaften Karikaturen vom Illustrator der Sonntagszeitung, dem Holzschneider Hans Gerner. Im März 1933 wendet sich Schairer gegen die Zustimmung des Reichstags zum Ermächtigungsgesetz, die er als Selbstentmachtung des Parlaments« brandmarkt. So nimmt es nicht wunder, dass am 26. März 1933 die Sonntagszeitung mit nur einer Meldung erscheint: »Bis aufweiteres verboten«. Redakteure der Zeitung werden in Schutzhaft genommen, Schairer selbst muss sich täglich bei der Gestapo melden.

    Nach dem Krieg wird Schairer zunächst Chefredakteur des Schwäbischen Tagblatts in Tübin­gen, bevor ihn die amerikanische Militärregierung nach Stuttgart holt. Schairer und sein Freund Josef Eberle werden die ersten Herausgeber der Stuttgarter Zeitung.

    Quelle: https://verlagshaus24.de/zeitreise-heilbronn

    Siehe auch: https://www.stimme.de/regional/heilbronn/stadt/lokales/schoene-zeitreise-neues-buch-zur-stadtgeschichte-heilbronn-art-4547671

    und auch hier:

  • Verblendet

    Verblendet

    – Jg. 1924, Nr. 18 vom 4. Mai – 

    Neuen Katastrophen entgegen?

    von Heinrich Ströbel

    Die unheilvollen Kräfte, die Deutschland seit zehn Jahren ins Verderben gestürzt, rumoren unheimlich weiter. Es scheint, als ob die Masse dieses Volkes aus den blutigen und tragischen Lehren seiner Vergangenheit nicht das Mindeste gelernt habe. Vor allem nicht die Schicht, die einst selbst von sich rühmte, daß sie „Bildung und Besitz“ repräsentiere. Nicht die leiseste Erkenntnis ist ihr aufgedämmert, daß an dem Unglück Deutschlands nichts anderes die Schuld trägt, als der schrankenlos herrschende Gewaltkult, der zum Fanatismus gewordene Glaube an die Machtpolitik. Noch heute, und gerade heute wieder, sucht man die Ursache für die Weltkatastrophe und den Zusammenbruch Deutschlands überall sonst, in der Einkreisungspolitik des „Feindbundes“, in der Unzulänglichkeit der Heeresvorlage von 1912, nur nicht da, wo sie zu finden ist: in der stupiden und brutalen Vorstellung, daß Deutschland durch Waffengewalt die Vormacht in Europa an sich reißen könne. Und doch war es diese Wahnidee, die den Weltkrieg provozierte. Wie leicht wäre der europäische Frieden zu erhalten gewesen, wenn Deutschland sich mit England verständigt hätte, statt alle großen Nachbarstaaten gegen sich aufzubringen. Aber man glaubte mit der bestorganisierten Armee der Welt aller Welt Trotz bieten zu können.

    Und ein Besessener dieses bewußt-militaristischen Machtwahns und während des letzten Jahrzehnts dessen sichtbarste Verkörperung war Ludendorff. Ein Soldat, der sein Handwerk vielleicht so gründlich beherrschte, wie irgend einer seiner Zeitgenossen, der aber zum Fluch seines Landes wurde, weil er alles Volks- und Völkerleben nur unter dem Gesichtswinkel des Soldaten betrachtete. Ohne jedes Verständnis für die sozialen, kulturellen und moralischen Kräfte des zeitgenössischen Lebens, dachte er nur in Divisionen, Batterien und U-Booten, in Durchbrüchen, Umgehungsmanövern und Vernichtungsstrategie. Aber da die Komponenten und Exponenten des Weltgeschehens sich nun einmal nicht auf die simple militaristische Formel bringen ließen, konnte die Rechnung Ludendorffs schließlich unmöglich stimmen. Er brachte nun alle Welt gegen Deutschland auf, entfesselte unwiderstehliche Gegenkräfte und verspielte Deutschlands Zukunft. An dem Zusammenbruch des Jahres 1918 ist er der wahre Schuldige.

    Ja, die militärische Niederlage Ludendorffs wäre noch viel fürchterlicher gewesen, wenn nicht die Revolution für den schmählich geschlagenen Oberkommandierenden und seine unaufhaltsam zurückweichende, halb aufgelöste Armee die strategische Entlastung gebracht hätte. Nur die Ausrufung des deutschen Volksstaates hinderte die Entente-Mächte daran ihren Sieg militärisch bis aufs Äußerste auszunutzen und die zurückflutenden deutschen Truppen völlig zu vernichten, Franzosen und Amerikaner waren in Stärke von 50 Divisionen bereitgestellt, um östlich von Metz den tödlichen Flankenstoß gegen die deutschen Heerestrümmer zu unternehmen, ebenso viele französisch-amerikanische Truppen sollten folgen. Es war ein namenloses Glück für Deutschland, es rettete hunderttausenden Deutscher das Leben, daß dieser Angriff infolge des Waffenstillstandes unterblieb. Hätte Ludendorff diesen letzten Stoß aushalten müssen, so wäre es nicht nur um seinen Feldherrenruhm geschehen gewesen, sondern auch die blödsinnige Dolchstoß-Legende wäre ihm sicherlich im Halse stecken geblieben!

    Nur weil Ludendorff, die deutsche Militärkaste und die ganze deutsche Reaktion dank einer unverdienten Schicksalsfügung vor den letzten, schmählichsten Folgen ihrer brutalen Wahnsinnspolitik bewahrt blieben, nur weil die Revolution ihnen die Konsequenzen der militärischen Niederlage, die Unterwerfung unter den Versailler Friedensvertrag usw. abnahm, konnte der nationalistische Dünkel sich nur zu bald wieder in seiner ganzen Unverfrorenheit aufblähen.

    Wenige Wochen erst waren seit dem militärischen Niederbruch, seit der blamablen Abdankung und Flucht Ludendorffs vergangen, und schon regte sich in Deutschland wieder der alte Geist. Die junge Heeresmacht der Republik wurde der Leitung wilhelminischer Generale unterstellt, und gerade der sozialistische Führer, in dem der Geist des ehrlichen Bekennermutes und der Völkeraussöhnung am stärksten lebendig geworden war, Kurt Eisner, fiel von der Hand eines nationalistischen Mörders, den die chauvinistische Hetze der alten Kriegsverbrecher erst zu seiner Untat aufgestachelt hatte.

    Wie sich dann im Laufe der Zeit die alte Geistesverfassung des deutschen Volkes wieder einstellte, ist ja allen Sehenden nur zu bekannt. Wir erlebten die verschiedenen Stadien der „Erfüllungspolitik“, die ja nichts war, als die systematische Nichterfüllung. Erzberger wollte noch so viel Steuern aufbringen, um nicht nur die eigenen Staatsausgaben, sondern auch die Reparationsverpflichtungen decken zu können. Aber die ganz bewußt herbeigeführte und gesteigerte Inflation, die eine märchenhafte Vermögensansammlung und die abenteuerlichste Steuerhinterziehung der Industriellen und Schieber ermöglichte, führte mit eherner Notwendigkeit zum Bankerott des deutschen Reiches und zum Bankerott der Reparationspolitik. Die Jahre hindurch beharrlich betriebene Nichterfüllungspolitik reizte die französischen Gewaltpolitiker hinwiederum zur Ruhrbesetzung an. Die Ruhrbesetzung aber entflammte erst recht den deutschen Nationalismus. Die „verbotenen“ Geheimbünde erlangten eine ungeheure Ausbreitung. Der passive Widerstand schlug häufig genug in den aktiven um. Schlageter wurde zum Volkshelden der Nationalisten und — Kommunisten!

    Und hinter dem aktiven Widerstand, der sich zur Volkserhebung und zum Befreiungskrieg gegen Frankreich auswachsen sollte, standen Hitler und Ludendorff, der längst wieder das Idol aller Nationalisten, der künftige Befreier Deutschlands geworden war. Schon bei seiner Vernehmung vor dem Untersuchungsausschuß im Jahre 1919 hatte man ihm stürmische Ehrungen bereitet, und wie groß inzwischen seine Volkstümlichkeit geworden war, bewies ja in München neben dem Hackenzusammenschlagen sämtlicher Offizierszeugen und dem Zujauchzen der Völkischen, die aus Devotion und Revanchegeist geborene Freisprechung dieses Hauptschuldigen.

    Kein Zweifel: Ludendorff hält sich noch immer für den Oberstkommandierenden des neu entbrennenden Weltkrieges und starke Teile des deutschen Volkes teilen seinen Glauben. Und die Franzosen sind eine viel zu intelligente Nation, um diese Zeichen der Zeit nicht zu erkennen. Sie erkennen sie sogar früher, als manche Deutsche selbst. So sagte General Buat schon 1920 voraus, daß Ludendorff der Organisator der Konterrevolution und des Revanchekrieges sein werde. Aus seinen Gesichtszügen, dem eckigen Doppelkinn, den übermäßig starken Wangen las er die unerbittliche Willensenergie, die Härte, um nicht zu sagen die Rohheit des Mannes ab, der vor keinem Mittel zurückschrecke, das ihn zum Ziele zu führen schien, das sein unmäßiger Hochmut gesteckt habe. „Nein, gewiß“, schrieb Buat, „der gibt sich nicht in die Lage, der wird sich nie dreingeben. Wer weiß, ob es in den Unruhen, die uns die Zukunft vorbehält, keinen Platz für einen deutschen Diktator geben wird, und vielleicht sogar für einen europäischen? … Ludendorff ist der Mann, der fähig ist, die Rolle zu spielen… Wir werden noch einmal von ihm sprechen hören.“ Und Ludendorff hat sich beeilt, seinem französischen Porträtisten die Lebensechtheit seiner Zeichnung zu bestätigen.

    Man kann sich deshalb vorstellen, wie das Auftreten der Hitler und Ludendorff, und wie vor allem die Freisprechung dieser Organisatoren des Revanchekrieges auf Frankreich wirken muß. Denn auch Hitler ist, durch Gewährung der Bewährungsfrist, faktisch freigesprochen worden. Wie er sich „bewähren wird“, haben ja seine Drohreden vor Gericht bewiesen. Und die Wirkung dieses Prozesses muß noch vertieft werden, durch den Ausgang des Prozesses Zeigner. Denn das unerhörte Urteil gegen Zeigner bildete nur die Ergänzung des Hitler-Ludendorff-Prozesses. Kamen die Hitler und Ludendorff straffrei davon, weil der Hochverrat gegen die Republik und die Vorbereitung zum Revanchekrieg dem deutschen Bürgertum als patriotische, gottwohlgefällige Dinge gelten, so wurde der ehemalige sozialdemokratische Ministerpräsident Zeigner unter brutalster Mißachtung aller Entlastungs- und Strafmilderungsmomente zu mehrjähriger Gefängnisstrafe und zum Verluste der bürgerlichen Ehrenrechte verurteilt, weil seine ganze Tätigkeit der demokratischen Unterpfeilerung der Republik und der Bekämpfung der militärischen Geheimorganisationen gegolten hatte. Die unglaubliche Freisprechung in München und das skandalöse Verdikt in Leipzig erklären sich nur aus der gleichen nationalistischen Verblendung.

    Daß Zeigner das Opfer des in Deutschland besonders stark entwickelten moralischen Feingefühls geworden sei — schon dieser Gedanke ist die blutigste Satire. An welches Maß von politischer Korruption haben wir uns in Deutschland gewöhnen müssen! Erzberger überragte sicherlich das Unterholz seiner Partei um ein Beträchtliches, aber daß er Politik und Privatgeschäfte in der bedenklichsten Weise vermengte, kann auch der nicht bestreiten, der seine Ermordung für die niederträchtigste Schurkerei hält. Und doch wäre dieser Erzberger längst wieder in Amt und Würden, wenn ihn nicht das Mörderblei niedergestreckt hätte. Oder ist Herr Hermes etwa dadurch zum Rücktritt von seinem Ministerposten gezwungen worden, daß ihm vor Gericht die eindeutigsten Weinkaufsgeschichten nachgewiesen wurden? Und sind nicht unlängst einem Staatssekretär und obendrein hohem Justizbeamten (Welsmann, d. R.) Dinge angehängt worden, die früher nicht ohne schwerste Folgen für den Beschuldigten oder den Beschuldiger geblieben wären?

    Nur Zeigner, der unbeugsame Demokrat, der rücksichtslose Gegner der vertrags- und gesetzeswidrigen Waffenbünde, wurde niedergehetzt und durch einen Justizmord politisch und menschlich vernichtet. Ja, die nationalistische Verfolgungswut ist damit nicht einmal zufrieden: ist doch gegen Zeigner jetzt auch noch die Anklage wegen Landesverrats erhoben worden, begangen durch jene Reden im Volkshaus und im sächsischen Landtag (!), in denen behauptet wurde, daß zwischen der Reichswehr und gewissen rechtsradikalen Geheimorganisationen enge Beziehungen beständen. Unter den mehr als 1300 Landesverratsprozessen hat dieser Landesverratsprozeß gegen Zeigner gerade noch gefehlt, um dem Ausland jedes Mißtrauen gegen den deutschen Militarismus und die deutsche Mentalität einzuflößen. Erklärte doch auch die „Times“ die französische Behauptung, daß Deutschland während der durch die Ruhrbesetzung unterbrochenen Waffenkontrolle seine Kräfte für die militärische Reorganisation verdoppelt habe, für glaubhaft und darum eine scharfe Kontrolle für unbedingt geboten.

    Auf der anderen Seite aber zeigt die Regierung Karr-Stresemann so wenig Entschlußkraft, den Forderungen nach einer solchen Kontrolle und den Bedingungen der Sachverständigenkommission zu entsprechen, daß wir nur zu bald wieder in die schwersten äußeren und inneren Konflikte geraten könnten. Jeder derartige Konflikt aber müßte unsere ohnehin nur provisorisch gestützte Valuta sofort wieder ins Gleiten und damit von neuem unser gesamtes Wirtschaftsleben aus Rand und Band bringen.

    Nur wenige Deutsche ahnen leider, daß wieder einmal der Boden unter uns schwankt. Möchten die Wissenden den Wahlkampf dazu ausnutzen, um der völkischen Raserei rechtzeitig in den Arm zu fallen!

    Siehe z.B. auch:

    https://www.deutschlandfunkkultur.de/erster-weltkrieg-schonungslose-analyse-der-deutschen-schuld.1270.de.html?dram:article_id=289753

    https://www.sueddeutsche.de/politik/ausbruch-des-ersten-weltkrieges-1914-deutschland-und-oesterreich-sind-hauptverantwortlich-1.2061512

  • Das Ende

    Das Ende

    — Jg. 1933, Nr. 11 —

    Wenn diese Zeilen in Druck gehen, hat sich die „nationale Revolution“ im Anschluß an das Wahlergebnis vom 5. März in ähnlicher Form durchgesetzt, wie die Revolte 1918 nach der militärischen Niederlage. Damals hob sich keine Hand in Deutschland, das Kaiserreich zu verteidigen. Auch diesmal ist es ähnlich gegangen. Die Träger der Republik von Weimar haben erkannt, daß diese Epoche zu Ende ist.

    Es ist noch nicht an der Zeit, Nekrologe zu schreiben. In ruhigen Zeiten wird ein gerechteres Urteil über die verflossenen 14 Jahre gefällt werden, als dies in der Hitze des Wahlkampfs möglich war, wo von nationaler Seite in Bausch und Bogen verdammt wurde, was man links fast wie ein verlorenes Paradies beweint.

    Eine objektive Prüfung der Bilanz beider Epochen zeigt klar, daß die Aktiven der Republik von Weimar trotz vierjähriger Krise viel größer und hochwertiger als die des Kaiserreichs sind, obwohl die Republik mit den erdrückenden Passiven des Kaiserreichs vorbelastet war.

    Damals waren keine Lebensmittel und Rohstoffe im Lande. Ein heruntergewirtschafteter Produktionsapparat mußte erst wieder auf die normale Warenproduktion umgestellt werden. Der Verkehr wurde monatelang durch die Demobilmachung schwer belastet und die Ablieferung des besten Eisenbahnmaterials verschärfte noch den Zustand. Von den anderen Kriegsfolgen sei nur noch die Unsicherheit über die Friedensbedingungen erwähnt.

    Das alles fällt auf der Passivseite der Eröffnungsbilanz des „dritten Reiches“ weg. […]

    Der Vergleich zwischen dem Zusammenbruch des Kaiserreiches und dem der Republik von Weimar wird der künftigen Geschichtsschreibung noch manche Parallele aufzeigen. Es gibt aber auch einen fundamentalen Unterschied zwischen dem Entstehen und Walten des Weimarer Staates und des angebrochenen „dritten Reiches“.

    Die Sozialdemokratie nahm die militärische Niederlage von 1918 als nationales Unglück hin und tat nur widerstrebend jene Schritte zur politischen Umstellung und Erhaltung des Reiches, die ihr später als Novemberverbrechen angekreidet wurden. Aus der Auffassung des nationalen Unglücks, das gemeinsam getragen und überwunden werden müsse, verzichtete sie auf jede Maßnahme gegen die Verantwortlichen am Zusammenbruch. Die Sozialdemokratie handelte also nach dem Bibelwort: „Richtet nicht, auf daß ihr nicht gerichtet werdet.“

    Ganz anders verfuhr die nationale Revolution. Sie machte für die Krise in Deutschland (Auswirkung der Weltwirtschaftskrise!) einzig und allein den Marxismus verantwortlich, als ob die deutsche Wirtschaft seit 1918 von Partei- und Gewerkschaftsführern geleitet worden wäre, und nicht von den Stinnes, Thyssen, Cuno, Vögler, Kirdorf usw. Daß die Krise in den marxistenreinen U.S.A. früher begann und schlimmere Folgen brachte, hat die „nationalen“ Ankläger gegen den deutschenMarxismus keinen Augenblick beirrt. Sie handelten nach keinem Bibelspruch, sondern nach einem uralten Grundsatz des Klassenkampfes: „Richtet, auf daß ihr nicht gerichtet werdet!“ […]

    Das Volk will einen Weg aus der Krise und muß zugleich den Eindruck bekommen, daß eine Bewegung alle Energie für die Verwirklichung ihres Programms einsetzt.

    Diese ihre Aufgabe hatten die „Marxisten“ nicht begriffen. Sie ließen sich von vornherein in die Verteidigung drängen und verstanden keine Schwäche des Gegners zu ihrem Erfolg zu nützen.

    Hätten sie dem ungewissen Vierjahresprogramm ein Vierwochen- oder Viermonatsprogramm mit klaren Forderungen entgegengestellt, so wäre die Regierung zur Formulierung ihres Programms gedrängt worden. Ihre künftige Politik wäre im Kontrast zum Krisen- und Sozialprogramm der sozialistischen Opposition gestanden.

    Die Forderungen eines solchen Programms drängen sich förmlich auf. Erste, richtungweisende Forderung: Beseitigung der Armut durch volle Anwendung aller technischen Fortschritte, Beseitigung aller kapitalistischen Hemmungen einer planmäßigen Bedarfswirtschaft, sofortige Steigerung der Kaufkraft zur Wiederingangsetzung des ganzen Produktionsapparats.

    Aber die Sozialisten fühlten sich durch die alten Vorwürfe so bedrängt und waren über das Gebot der Stunde so wenig im klaren, daß die Gegner vollständig den Kampf bestimmten. Gewiß, der Gegner wandte ungewohnte Mittel an; aber eben seine Geschichte zeigt, daß eine aufstrebende Bewegung nur wenig behindert werden kann […]

    1933, 11 · Fritz Sturm

  • Wie Wilhelm

    Kommt es nur mir so vor, oder hat der neue deutsche Reichskanzler wirklich diese frappante Ähnlichkeit mit Wilhelm dem Zweiten von Hohenzollern?

    Natürlich nicht äußerlich, meine ich. Obwohl man vielleicht auch da… Wenn man sich die Barttracht anders vorstellen würde… Aber das spielt keine Rolle. Ich denke an das Auftreten, an den geistigen Habitus, an die Charaktereigenschaften.

    Erinnert ihr euch noch an den früheren Kaiser? An seine fabelhafte Vielseitigkeit und Beweglichkeit? An jene Impulsivität, die den politischen Beamten des Zweiten Reichs so manchesmal zu schaffen machte? An seine Frömmigkeit, die auf einer gewissermaßen persönlichen Fühlung mit Gott zu beruhen schien? An die naive Freude am Reisen und Reden, die ihn beherrschte, so daß er „bald hier, bald da“ zu sehen und zu hören war, in Uniform und Zivil, in allen Sätteln gerecht, von allem etwas verstehend, überall zu Hause? Wer sich ihm entgegenstellte, den wollte er zerschmettern (z.B. die bösen Sozialdemokraten); er gedachte sein Volk herrlichen Zeiten entgegenzuführen; er war der Friedenskaiser und rutschte dann freilich in einen Krieg hinein. (Und den Krieg verlor er.)

    Und der neue Kanzler? Hat er in der kurzen Zeit, die er nun im Amte ist, nicht schon eine ganze Reihe von Zügen entwikkelt, die geradezu frappant an den ehemaligen deutschen Kaiser erinnern?

    Auch Adolf Hitler liebt die markigen Reden, die Ansprachen an sein Volk, und hat dabei den technischen Vorsprung des Rundfunks und des Flugzeugs voraus, Einrichtungen, die es damals noch nicht gab und um deren Handhabung ihn Wilhelm der Verflossene wahrscheinlich ehrlich beneidet.

    Auch Adolf Hitler betrachtet den „allmächtigen Gott“ als seinen speziellen Bundesgenossen, mit dem zusammen er die Wiederauferstehung der Nation herbeiführen wird, ein „Reich der Größe, der Kraft, der Herrlichkeit und der Gerechtigkeit, Amen“, wie er im Anklang an das Vaterunser jene Berliner Sportpalastrede vom 10. Februar geschlossen hat.

    Auch Hitler will den Kommunismus und „Marxismus“, wie man jetzt sagt, ausrotten; er will Christentum und Familie in seinen Schutz nehmen; er tritt für die „Erhaltung und Festigung des Friedens“ ein und strebt mit allen Kräften nach Abrüstung. Dann passiert es ihm freilich zwischendurch (wie Wilhelm s. Z. die Daily-Telegraf-Affäre), daß ein Engländer ein Interview nicht ganz einwandfrei wiedergibt und daß Mißverständnisse wegen des polnischen Korridors und so berichtigt werden müssen.

    Freitag abend spricht er vor dem begeisterten Publikum im Berliner Sportpalast über die deutsche Zukunft, am Sonntag eröffnet er mit einer äußerst sachkundigen Rede die deutsche Automobilausstellung und steht am seihen Tag noch in Kassel, „an der Stelle, von der aus ein Kaiser und ein Bismarck den Friedrichsplatz überschauten“ (Völk. Beobachter vom 13. Februar), und am Sonntag Mittag finden wir ihn in Leipzig dabei, wie Richard Wagners 50. Todestag begangen wird. Er darf da nicht fehlen.

    Könnte man diese Wiederkehr Wilhelms II. in anderer Gestalt nicht beinahe gespenstisch heißen?

    Jedenfalls ist sie kein Zufall. Das deutsche Volk will offenbar solche Führer haben wie Wilhelm und Hitler.

    Sollen wir ihm wünschen, daß das Ergebnis diesmal anders ausfalle? Wird es, kann es mit der Herrlichkeit des dritten Reiches ein anderes Ende nehmen als mit der des zweiten?

    1933, 8 · Erich Schairer

  • Verantwortlich

    Verantwortlich

    — Jg. 1928, Nr. 11 —

    Wenn ich mit einer brennenden Pfeife über den Heuboden meiner eigenen Scheuer gehe, etwas Glut fällt heraus, die Scheuer brennt ab, — was glauben Sie, was mir geschieht, obwohl vielleicht außer mir selber nicht einmal jemand zu Schaden gekommen ist?

    Wenn ich als Angestellter der Firma Meier einem armen Reisenden, der mich dauert, fünfzig Mark aus der mir anvertrauten Kasse schenke — den Betrag, den der Chef jeden Abend herausnimmt, um ihn zu verjuxen —, glauben Sie, man wird mir das hingehen lassen?

    Wenn ich mit dem mir anvertrauten Gelde meines Mündels an der Börse spekuliere, z.B. in Filmaktien, oder in Speck, und elend hereinfalle, so daß am Schluß nichts mehr da ist, — wird der Herr Staatsanwalt mich etwa nicht beim Wickel nehmen?

    Wegen Veruntreuung, wegen Unterschlagung, wegen fahrlässiger Brandstiftung? Obwohl meine Gesinnung in allen diesen Fällen am Ende nicht einmal unanständig zu nennen wäre? Aber ich bin eben verantwortlich für etwas, für das Geld, den Besitz, oder Leben und Gesundheit meiner Mitbürger; und wenn ich diese Güter schädige, werde ich zur Verantwortung gezogen. Ich werde bestraft, oder muß Schadenersatz leisten, oder beides.

    Wenn ich als „verantwortlicher“ Minister meines Landes leichtsinnigerweise einen Krieg heraufbeschwöre, in dem zwei Millionen Landsleute mehr oder weniger qualvoll verrecken; wenn ich als Heerführer diesen Krieg infolge meiner bodenlosen Leichtfertigkeit in der Abschätzung der gegnerischen Kräfte verliere, so daß mein Volk 132 Milliarden Mark Kriegsentschädigung zu zahlen bekommt; wenn ich als Chef der Staatsbank so lange Papiergeld drucken lasse, bis es seinen bloßen Papierwert nicht mehr wert ist und auf diese Weise Hunderttausende um ihr mühselig erspartes Vermögen betrüge — was glauben Sie, daß mir dann passiert? Du lieber Gott: nichts. Ich werde höchst ehrenvoll pensioniert, bekomme dicke Ruhegehälter, genieße überall hohen Respekt. Statt daß man mich — (na, malts euch selber aus).

    Wenn ich aus der Kasse meines Landes Leuten wie etwa den Ruhrindustriellen, die schon vorher Millionäre sind, Millionen an die Rippen schmeiße, auf die sie nicht das geringste Anrecht haben; oder wenn ich mich mit den Geldern dieser Kasse als Beamter des Reichswehrministeriums an Film- und Speckgesellschaften beteilige, mit dem Erfolg, daß zwanzig Millionen Steuergelder in die Binsen gehen — wird da wohl ein Hahn darnach krähen? Jawohl, das wird einer, es wird wochenlang, monatelang in den Zeitungen und im Reichstag darüber gequatscht werden. Solange, bis der nächste Skandal reif ist. Aber wird mir etwas passieren? Nicht die Bohne, ich bekomme meine Pension, ziehe mich ins Privatleben zurück, und kann nach ein paar Jahren womöglich wieder weiß nicht was werden, Abgeordneter, Minister, Reichskanzler, Diktator oder so.

    Das ist der kleine Unterschied zwischen der Verantwortlichkeit im gewöhnlichen Leben und der Verantwortlichkeit in der Politik.

    Wenn es anders wäre, dann müßte ja die Politik ein höchst gefährliches Gewerbe sein.

    Und dann würde wahrscheinlich mancher die Finger davon lassen. Heiße er — bitte, die Namen selber einzusetzen, und ziemlich weit oben anzufangen.

    Ich halte es nicht für ausgeschlossen, daß es dann besser um uns stünde.

    1928, 11 Kazenwadel

  • Gleichheit

    — Jg. 1926, Nr. 35 —

    Kein politisches Schlagwort muß sich gröbere Mißverständnisse und dümmere Ausdeutungen gefallen lassen, als die alte demokratische Forderung — oder Behauptung — der Gleichheit aller Staatsbürger.

    Es ist wirklich kein Kunststück, festzustellen, daß die Menschen verschieden sind. Immerhin sind sie z.B. darin gleich, daß sie alle sterben müssen, und daß sie alle zum Leben Brot, Kleider und Häuser brauchen. Daß sie alle leiden, wenn man sie quält, und froh sind, wenn man sie in Ruhe läßt. Erst wenn ihre Grundbedürfnisse befriedigt sind, wenn gewisse allgemein gleiche Grundbedingungen erfüllt sind, wird es den Einzelnen möglich, die persönlichen Eigenschaften und Gaben zur Geltung zu bringen, in denen ihre Verschiedenheit von anderen beruht. Es ist also keine „öde Gleichmacherei“, sondern die Voraussetzung für das Gegenteil, wenn man von einer sozialen Ordnung verlangt, daß sie „gerecht“ sei, daß sie allen Teilhabern gleichen Start und gleiche Chancen gewähre. Nur auf diese Weise wird die richtige, die gerechte Auslese, wird Sieg und Führerschaft der Besten ermöglicht.

    Wenn diesen dann infolge ihrer besonderen Leistung eine besondere Stellung und ein größerer Anteil an den Gütern des Lebens zufällt, wenn ihnen die Befriedigung von Bedürfnissen über das allgemein gleiche Minimum hinaus gestattet wird, so widerspricht das zunächst keineswegs demokratischen Grundsätzen. Erst die Vererbung größeren Besitzes oder größerer Macht ist bedenklich, fordert Korrektur und Sicherung.

    Auch hier wieder lautet ein kindlicher Einwand: es werde ja doch nie gelingen, alle Güter, allen Besitz auf die Dauer gleichmäßig zu verteilen. Er erinnert fatal an den Satz, daß es keinen Sinn habe, die Stiefel zu putzen, weil sie ja doch bald wieder schmutzig würden. Eine periodische Neuaufteilung des Besitzes, wie sie die mosaische Gesetzgebung im sogenannten „Halljahr“ alle fünfzig Jahre vorsah, wäre eine sehr weise Einrichtung, weil sie zwar keine mathematische Gleichheit garantieren, aber die sehr schädliche allzu große Ungleichheit des Besitzes verhindern würde. Es gibt nämlich eine Grenze nach oben und eine nach unten, innerhalb derer in einem gesunden Gemeinwesen Einzelbesitz wünschenswert oder erträglich ist. Was drüber oder drunter ist, das ist vom Übel.

    Das übermäßige Anwachsen von Besitz in einer einzelnen Hand ließe sich nun aber auf sehr einfache Weise verhindern: durch eine radikale Erbschaftsbesteuerung, wie sie etwa der vor fünf Jahren ermordete Erzberger einmal im Sinne hatte. Auf dem Weg über eine Erbschaftssteuer könnte man auch die Enteignung des Großgrundbesitzes bewerkstelligen, zu der die Verfassung von Weimar zwar die Handhabe bietet, aber ohne daß sie bis jetzt von einem deutschen Staatsmann ergriffen worden wäre. Am Spezialfall des Grundbesitzes wird die Gemeinschädlichkeit des Übermaßes für jeden Betrachter, der nicht absichtlich die Augen verschließt, ganz besonders deutlich. Zwar würde es auch ohne Großgrundbesitz noch eine „Arbeiterfrage“ geben; aber sie würde anders und weniger gefährlich lauten als die unsrige.

    Was heute von den Besitzenden und Privilegierten verächtlich als „Masse“ behandelt und trotz demokratischen Formen und „freiester Verfassung der Welt“ von der Teilnahme am Leben des Staates so weit als möglich ferngehalten wird, ist das Ergebnis einer undemokratischen, ungerechten, verkehrten Gesellschaftsordnung, die dem, der hat, noch mehr gibt und dem, der nicht hat, auch das Wenige noch nehmen möchte. Erst eine Nivellierung, die altes Sumpfgelände austrocknet und alte Aufschüttungen abträgt, die das Monopol der Reichen, der „Gebildeten“ (sie sind es ja nur in Anführungszeichen), der „Akademiker“ beseitigt -, erst eine solche Einebnung könnte den gesunden Nährboden schaffen für ein Volk, das nicht „Masse“ ist; das nicht von „Bonzen“ geführt wird, sondern von Persönlichkeiten.

    1926, 35 Erich Schairer

  • Pazifismus tut not

    Pazifismus tut not

    — Jg. 1925, Nr. 12 —

    Das Wort Pazifismus hat nirgends einen schlechteren Klang als in Deutschland. Schlaue behaupten, es käme von der Einseitigkeit der deutschen Pazifisten. Ach nein; die Abneigung liegt begründet in der deutschen Mentalität der wilhelminischen Ära. Jedes Wort gegen Krieg und für zwischenstaatliche Verständigung und internationale Schiedgerichtsbarkeit und Abrüstung hat hier einen femininen Charakter; hier in dem Lande, in dem noch bis vor kurzem durch die landläufigen Redeblüten militärischer Romantiker die Gebärfreudigkeit angeregt zu werden pflegte. 

    Der Geist des Mißtrauens, der uns über den Rhein herüber entgegenweht, ist vielleicht begründeter, als selbst deutsche Pazifisten glauben wollen. Gewiß: dieses Mißtrauen ist sich nun seit 1918 so ziemlich gleich geblieben; einerlei, wer bei uns am Ruder war. Aber kommt das nicht vielleicht daher, daß diese Regierungen entweder nichts getan haben oder nicht viel tun konnten, um der Welt zu zeigen, daß der Geist von 1914 im Schwinden begriffen ist? 

    Von der ersten Haager Konferenz im Jahr 1899 geht eine gerade Linie bis zu den Vorbehalten über den Eintritt in den Völkerbund. Damals war es schon die Ansicht der beteiligten Mächte, „eine Beschränkung der die ganze Menschheit bedrückenden Militärlasten sei höchst wünschenswert.“ Aber der deutsche Vertreter erwiderte: „Das deutsche Volk wird keineswegs erdrückt vom Gewicht seiner Abgaben, es treibt keineswegs dem Abgrund zu, es steht keineswegs vor der Erschöpfung und dem Untergang.“ Damit war die Konferenz in ihrem Hauptpunkt zum Scheitern gebracht. Auf der zweiten Konferenz im Jahr 1907, als es um die Errichtung eines ständigen Schiedsgerichts ging, war wiederum Deutschlands Nein entscheidend für den kläglichen Ausgang. Von da ab datiert die verhängnisvolle Umgruppierung in der europäischen Politik. Das Instrument der Verständigung und Vermittlung war verhindert, Wilhelms Unbesonnenheit trieb zu Konflikten. Es sind Glieder einer Kette, der Sprung nach Agadir, die Blankovollmacht an Österreich, der Einbruch in Belgien, die Gewaltfriedensverträge von Brest-Litowsk und Bukarest. 

    Nur in einem Punkt haben wir die Linie unserer Gewaltpolitik verlassen und uns für Recht und Gerechtigkeit eingesetzt: als man uns den Schandvertrag von Versailles aufzwang. Der doch, wir merken es heute immer besser, weniger ein Produkt sinnlosen Hasses als ein Ausfluß französischer Angst ist. Hervorgegangen aus dem Geist des Mißtrauens, den wir unter Wilhelm II. so unermüdlich genährt haben. Wer so beharrlich Abrüstungs- und Schiedsgerichtsgedanken ablehnt und sich auf sein blankes Schwert stützt, wer so wenig Vertrauen in die ersten hoffnungsvollen Ansätze einer planvollen Organisation der internationalen Beziehungen hat, der darf sich nicht wundern, wenn sich die Schwierigkeiten einer Verständigung über seine wirklichen Nöte turmhoch häufen und wenn sein Appell an das Recht untergeht im Mißtrauen. 

    Bei der Bekämpfung des Vertrags von Versailles ist uns, bezeichnenderweise, die sogenannte Schuldfrage immer mehr im Vordergrund gestanden als die angeblich nicht aufzubringenden Lasten (2 1/2 Milliarden sind als höchste jährliche Zahlung vorgesehen, rund 6 Milliarden werfen wir jährlich für Alkohol und Tabak hinaus). Die nackte Feststellung, daß wir zuerst angegriffen haben, ist umgewandelt worden in die Lüge von der Alleinschuld der Deutschen am Kriege, von der im Friedensvertrag mit keinem Wort die Rede ist. Aber der Kampf hat ein viel weiteres Ziel. Man möchte nicht nur keine Schuld an dem Verhängnis haben, sondern auch noch beweisen, daß die deutsche Politik vor dem Kriege die richtige war, ja daß die andern die Schuld am Weltkrieg tragen. Die Folgen jener Vereitelung der Haager Konferenzen benützt man dazu, um zu sagen: seht, es war denen ja gar nicht ernst mit ihrer Rederei um den Frieden herum. Wenn irgendwo irgendeiner irgendetwas gesagt hat, das den Unschuldlügnern in den Kram paßt, wird es herbeigeschleppt zum großen Reinwaschen. 

    Indessen ist man sich in der Welt draußen längst klar darüber, in welchem Umfang das kaiserliche Deutschland am Weltbrand schuldig zu sprechen ist. Nur wir wissen es immer noch nicht. Wir appellieren fortgesetzt an das Weltgewissen; dabei ist nirgends weniger Glauben an eine Politik des Rechts, als bei uns. Wir haben nicht den Mut, mit der Politik der Gewalt Schluß zu machen. Unsere Hoffnungen sind im Stillen immer noch bei ihr. 

    Ein kleiner lustiger Ruhrkrieg ist uns immer noch sympathischer als die Erledigung einiger Lieferungsrückstände. Immer wenn eine eigene oder eine fremde Regierung etwas in der Richtung der Verständigung gewollt, und immer, wenn dann andere, gestärkt durch den chauvinistischen Rückhalt, es ausgenützt haben, verziehen die 1914er das Gesicht: hier seht ihrs wieder, ihr dämlichen Friedensfreunde. Und wenn einer den Mut hat, wie Professor Förster, offen zu sein, ist die ganze Meute hinter ihm her. Weil sie glauben, Politik und Moral vertrügen sich nicht. Weil sie an die Schliche ihrer Geheimdiplomatie gewöhnt sind. Weil sich bei ihnen immer noch Geschäft und Politik so gut vertragen. 

    Pazifismus tut not. Solidarität tut not. Das Geschäft muß hinaus aus der Politik, und dafür die Moral, die anständige Gesinnung, hinein. Dafür und für nichts anderes kämpft der viel verkannte Förster. Hat er denn nicht Recht? 

    Es gibt keine ehrliche Politik ohne das Bewußtsein der Verbundenheit, und es gibt keine Verbundenheit unter Geschäftspolitikern. Es gibt kein Vertrauen, wenn nicht einer den Anfang macht, es zu rechtfertigen. Und es gibt Situationen, in denen nur noch der Mut zu ein bißchen Vertrauen helfen kann. Wir sind in einer solchen. Die zivilisierte Welt steht vor dem Augenblick, in dem sie dem Chaos Form geben muß. Der geschichtliche Moment drängt zur Weltorganisation. 

    1925, 12 · Hermann Mauthe 

    Empfindliche Gemüter.

    In der „Selbsthilfe“, dem Blatt der Volksrechtspartei, hat Herr W. P. mit seiner spitzigen Feder unabsichtlich einige Leser verwundet. Die Schriftleitung sieht sich veranlaßt, mitzuteilen, daß die Leser „selbstverständlich nicht gemeint“ seien. Ist das nicht gerade der Fehler an unserer ganzen Presse, daß die Leser nie gemeint sind? Und der Fehler der verehrlichen Leserschaft, daß sie sich so selten getroffen fühlt? 

    1929, 36 

  • Unsere Schuld

    Unsere Schuld

    — Jg. 1925, Nr. 46 —

    „Wir“, denen diese Zeilen gelten, das ist ein sehr erheblicher Teil des gebildeten deutschen Mittelstandes. Wenn wir am Jahrestage der deutschen Revolution darnach gefragt haben, was aus den „Revolutionserrungenschaften“ geworden ist, so hat die Antwort nur lauten können: nichts. Zwar, daß uns die deutsche Republik finanziell besser stellen werde als früher, darauf hofften wir vernünftigerweise selbst nicht; nur hätten wir gewünscht, daß die Lasten des verlorenen Krieges etwas gleichmäßiger auf alle Schultern verteilt worden wären, als es in Wahrheit geschehen ist. Aber auch die kostbarsten Güter, die uns die neue Zeit zu schenken versprach und um derentwillen gerade wir auf manche sonstigen Vorteile verzichtet hätten: Gerechtigkeit in der staatlichen Verwaltung und Freiheit der persönlichen Überzeugung, auch sie sind in der „freiesten Republik der Welt“ so stark gefährdet wie nur je in den Zeiten der Monarchie.

    Es ist sehr bequem, aber weder ehrlich noch zweckmäßig, die Schuld an diesen jämmerlichen Zuständen allein außer uns zu suchen. Laßt uns etliche Jahre zurückdenken!

    Wir waren gute Patrioten. Der Krieg hatte die meisten von uns schonungslos an die Front gejagt. Der „Unabkömmlichen“ gab es wenig in unsern Reihen. Warum auch? Der Staat war uns nicht verpflichtet. Und wir waren durch das bürgerliche Ehrgefühl an ihn gekettet, das er zur rechten Zeit noch dadurch zu kitzeln verstand, daß er uns in den Glorienstand seiner Offiziere erhob. So gingen wir für ihn durch dick und dünn und wehrten uns bis zuletzt gegen das Gefühl, daß er uns, daß er das ganze deutsche Volk schändlich betrogen habe, obwohl unsere Erfahrungen daheim und draußen immer eindringlicher davon zeugten. Dann kam die Revolution. Im ersten Augenblicke schien uns alles zusammenzubrechen, was bisher fest gestanden, was auch unser Leben getragen hatte. Wir glaubten den Stoß gegen uns gerichtet. Dann begannen wir zu überlegen, wurden aber auch jetzt noch von den zwiespältigsten Empfindungen gequält. Wollten wir uns, überwältigt von dem ungeheuren Glücksgefühl des Zauberwortes „Frieden“, der neuen Bewegung begeistert in die Arme werfen, so stieß sie uns im selben Augenblicke durch ihre Begleiterscheinungen, losgelassene Verbrecherbanden und geplünderte Magazine, zurück. Allerdings erkannten wir bald, daß dieses zügellose Chaos eine ganze Welt an neuen Ideen gebären wollte, deren Kühnheit und Größe unsern Herzschlag stocken ließ. Wie Frühlingsstürme umwehte es unsern Geist. Nun mußte alles hinweggefegt werden, was niedrig und häßlich im Leben gewesen war. Aber wir schauten dem Kampf der Geister untätig zu. Wir warteten darauf, daß andere uns die Freiheit brächten. Wir verstanden die flehenden Rufe der Kämpfer nicht, die uns um Unterstützung baten. Wir stellten uns nicht zur Verfügung, als es galt, die muffigen Amtsstuben von den Geheimräten zu säubern. Statt dessen machten wir billige Witze über die Schuster und Schneider als Minister und hatten ein heimliches Wohlgefallen daran, daß diese Republik, die gekommen war, ohne uns zu fragen, nun ohne uns in Nöte geriet.

    Wir erkannten zu spät, daß ihre Nöte auch unsere Nöte waren. Das kühne, himmelanstrebende Dach, das sie auf den brüchigen alten Mauern aufbauen mußte, droht auch in seinen letzten Teilen einzustürzen und uns unter sich zu begraben. Können wir an einen Neubau denken? Nur, wenn wir von unten, wenn wir bei uns selbst anfangen.

    1925,46
    Gerhard Ott

  • Die Nationalsozialisten

    Die Nationalsozialisten

    — Jg. 1923, Nr. 19 —

    […] Über „Wesen, Grundsätze und Ziele der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei“ spricht in einer programmatischen Broschüre der Hauptschriftleiter Alfred Rosenberg des „Völkischen Beobachters“. Das Programm an sich ist in mehr als einer Beziehung sehr interessant. Es verlangt Selbstbestimmungsrecht und Gleichberechtigung der Völker, gerade so wie Sozialisten und Pazifisten – Hitler aber predigt innen- und außenpolitische Gewalt und Dr. Dinter appelliert mit Theaterpose ans „Schwert“. Es verlangt Verstaatlichung der Trusts, Kommunalisierung der Großwarenhäuser – sollen damit Sozialisten gefischt werden? Ist die Forderung auf Abschaffung des arbeits- und mühelosen Einkommens eine nationalsozialistische Erfindung? Oder die nach Kolonien, nach Bodenreform? Todesstrafe für Wucherer und Schieber, Erfassung der Kriegsgewinne, Aufhebung des Friedensvertrages usw. Diese „Forderungen“ blenden für einen Augenblick die urteilslose Masse. Wege zu diesen Zielen zeigt Hitler nie. Das ganze Programm ist Täuschung und Trug, um die Massen für die eigentlichen „Ziele“ einzufangen. Und diese sind: plumper Antisemitismus und Revanchekrieg. Darüber läßt Herr Hitler keinen Zweifel. Wer ihn in seinen Versammlungen reden hört, gibt sich darüber keinen Täuschungen hin. Schlagt die Juden und Franzosen tot! So heißt das Evangelium dieser beschränktesten aller Nationalisten. Und sie verstehen es vortrefflich, dafür Stimmung zu machen. Leider sind Juden sowohl wie Franzosen den nationalsozialistischen Fäusten unerreichbar, und solange dienen die Judenknechte und Franzosenfreunde, die sich Sozialisten nennen, als Prügelknaben…

    *

    An einem Freitag morgen kam ich nach München. Ich erwartete nach den mir zugegangeneo Berichten zum mindesten auf der Brust jedes zweiten Müncheners ein stattliches Hakenkreuz. Ich wurde enttäuscht. Den ganzen Tag über sah ich nur zweimal dieses mißbrauchte Zeichen, beide Male am Hals junger Damen. Abends fand eine der Hitlerschen Massenversammlungen im Zirkus Krone statt. Schon zwei Stunden vor Beginn sammelten sich die Hundertschaften auf dem Marsfeld. Hitler verfügt über etwa 30 Hundertschaften, von denen allerdings nur wenige die Zahl hundert erreichen. Sie setzen sich zum größten Teile aus jugendlichen Arbeitern und Angestellten zusammen, denen das Soldatenspielen Freude macht. Mit einem Stahlhelm auf dem Kopfe oder einer grauen Skimütze mit schwarz-weiß-roter Kokarde, einem roten Armband mit einem schwarzen Hakenkreuz im weißen Felde kommt man sich auch zu interessant vor. Und erst alle die geheimnisvollen Befehle und Andeutungen der Vorgesetzten! „Heute und morgen erhöhte Alarmbereitschaft!“ Wem sollte da nicht die Brust voller Stolz schwellen? Und wenn man des Abends im Hofbräukeller bei seiner „Moaß“ sitzt und vor den Ohren des friedlichen Bürgers mit den Kraftausdrücken des großen Meisters um sich wirft, wer sollte da nicht selbstbewußt werden? Der Bayer lebt von der Opposition um jeden Preis […]

    Herr Hitler ist der Typ des Demagogen, wie ihn Mommsen (Röm. Geschichte, Bd. 5, S. 717) in der Person des Apion treffend schildert:

    „Vor dem Kaiser Caligula erschien die Deputation der Judenfeinde, geführt von Apion, auch einem alexandrinischen Gelehrten, der ,Weltschelle‘, wie Kaiser Tiberius ihn nannte, voll großer Worte und noch größerer Lügen, von dreistester Allwissenheit und unbedingtestem Glauben an sich selbst, wenn nicht der Menschen, doch ihrer Nichtswürdigkeit kundig, ein gefeierter Meister der Rede wie der Volksverführung, schlagfertig, witzig, unverschämt und unbedingt loyal.“

    Wort für Wort trifft auf Hitler zu. In der ersten Massenveranstaltung sagte er als Motto: „Ich werde nun nacheinander acht Massenveranstaltungen halten, und wenn so fortgesetzt Öl ins Feuer gegossen wird, müßte ein Wunder geschehen, wenn es nicht zur Explosion kommt“. Er hat sein Wort gehalten. Er appelliert an die niedrigsten Instinkte der Massen. Seine Beredsamkeit ersetzt den fehlenden Inhalt durch ihre schillernde Form. Er wird es zur Explosion bringen, die ihn aber selbst hinwegfegen wird.

    Der deutsche Staatsbürger aber schläft. Schallt es einmal allzulaut aus München herüber, ruft er nach den Gesetzen zum Schutz der Republik, nach Vereins- und Zeitungsverboten. Von solchen Zwangsmaßnahmen das Heil zu erwarten, zeugt von einer geradezu einzigartigen Unkenntnis politischer und psychologischer Grundtatsachen. Alles Verbotene reizt nicht nur den Knaben, auch den Erwachsenen. Mit dem Sozialistengesetz hat man nur den Sozialisten genützt. Und Herr Hitler quittiert jeden überflüssigen Zwang äußerlich mit Protestgeschrei, im Innern aber dankbar lächelnd. Es gibt nur ein Mittel gegen die nationalsozialistische Geistlosigkeit: ihr positiven republikanisch-sozialistischen Geist entgegenzusetzen, der sehr wohl imstande ist, die Jugend zu begeistern, und der allein eine sichere Entwicklung des Ganzen gewährleistet. Wird dieser Geist in unserem Volke stark, dann brauchen wir keine nationalsozialistischen Explosionen zu befürchten. Sie bleiben dann nur ein ohnmächtiges Feuerwerk von kurzer Dauer. Große Kreise der „republikanischen“ Bevölkerung sind aus Bequemlichkeit und Trägheit republikanisch. Wachen sie nicht bald auf, dann blüht Herrn Hitlers Geschäft; und Herr Hitler wird dann mit recht temperamentvollen Fußtritten die aufwecken, die heute noch schlafen…

    1923,19

    Walter Ostermann

  • Deutscher Frühling

    Deutscher Frühling

    — Jg. 1921, Nr. 12 —

    Frühling! Das ist etwa so: eine süße Ahnung von köstlichen Sommern liegt in der Luft. Ewig heiter und sorglos blaut droben der weite Himmel und eine sanfte Melodie schwingt hin durch unendliche Räume. Ein ganzes Sortiment von Wundern ist hingeworfen mit heiterer Gebärde. Tage, verträumt im milden Lächeln Gottes, das Blume heißt und Tau und ziehende Wolke und WellenspieL Das ganze leicht ausstaffiert mit Eichendorff-Gefühlchen als Extra-Beigabe für uns Deutsche.

    Aber der „teutsche“ Spießer, zerrüttet von Revolution, Demokratie und Schicksal, gruppiert sich trauernd um das Grab eines verstorbenen Militarismus und pflanzt in den lachenden Frühling hinein mit liebenden Händen die Blümchen seiner alldeutschen Hoffnungen.

    Frühlingswinde lispeln dazu in deutschem Akzent ein uraltes Lied. Gewaltige Visionen steigen auf von prächtigen Frühlingsparaden, vom Taktschritt deutscher Regimenter, von Schnurrbartspitzen halbgöttisch zum Himmel gezwirbelt, von Händen gehorsamst an Hosennähten, von höfischem Glanz und Festen. In der Ferne winkt ein köstlicher Sommer: Deutschland befreit von Juden und Idealisten, im Glanz seiner Helmspitzen sich spiegelnd.

    Ach ja! Wenn sie jetzt der Frühling mit Macht überfällt und sie liegen irgendwo hingegossen auf spinatgrüner Flur und die Kordel baumelt am Lodenhemde melancholisch in die Welt hinein, wenn sie da liegen und träumen zu den Wolken hinauf, träumen sie immer nur dies; jeder Tautropfen spiegelt es wieder; jeder Vogelsang kennt nur diese Weise und aller Wolken Zug geht nur diesen Weg.

    Man möchte Psychiater sein, um Menschen zu verstehen, die, aus einem irren Bluttaumel und Vernichtungswahn jählings in die Wirklichkeit erwacht, nach wenigen Monaten schon den Moment des Erwachens verfluchen. Die den gräßlichen Anschauungsunterricht eines unheimlichen Amoklaufes genossen haben und doch nicht mehr begreifen, warum sie einmal in ganz natürlichem Ekel die Mordwaffen hingeworfen haben.

    Man möchte wissen, was in Menschen vorgeht, die, herausgewachsen aus dem Humus einer Jahrtausende alten christlichen Kultur, immer noch erstarrt und enttäuscht stehen, weil ein Weltkrieg, eine rasende Orgie von Vernichtung, Haß und Gemeinheit nur Elend und Not, moralischen Tiefstand und sittlichen Verfall gebracht hat.

    Man möchte es begreifen, warum ein Volk auf der hohen Stufe der Wissenschaft, wie es das deutsche ist, es nicht fertig bringt, mittels dieses wissenschaftlichen Denkens den langen Weg einer unglücklichen Entwicklung bis zur Katastrophe klarzulegen.

    Soviel von den Zulu-Kaffern bekannt ist, sollen sie die Fähigkeit besitzen, aus gemachten üblen Erfahrungen zu lernen. Wir haben an Deutschland das betrübliche Beispiel, daß ein Volk einen Weltkrieg verlieren kann und trotzdem im alten Fahrwasser weitertreiben, mit denselben vagen Hirngespinsten und denselben erdenfremden Träumen.

    Sollte nichts von den Zulus zu lernen sein?

    Man steht erschüttert in diesem Frühling, am Ende einer kurzen Spanne Zeit, da irgendwelche Hoffnungen in uns sproßten. Einmal, im November 1918, als das Volk sich von seinen Fesseln befreite, keimte schüchtern hoffnungsvolle Saat. Etliche nannten es eine Revolution. Arme Menschen! Wieviel Hoffnungen und heiße Sehnsüchte spracht ihr damit aus! Heute wissen wir es. Es war keine Revolution. Es war ein bedauerlicher Irrtum! Es war eine kleine Entgleisung der deutschen Psyche. Nichts weiter. Der kurze Weg von damals bis heute demonstriert dies vortrefflich. Tausende liegen mit Gewehrkolben niedergeschlagen, von hinten „auf der Flucht“ erschossen, von Kommisstiefeln zu Tode getrampelt. Der Geist von 1914 lebt noch. Er hat sich auch im Bürgerkrieg bewährt. Seine Methoden sind noch weiter ausgebaut worden. Und was in manchen Köpfen von „den Tagen der Schmach“ noch geblieben, sucht man mit Gummiknüppeln, Stinkbomben und Rüpeleien vollends auszutreiben!

    
Vergessen der Wahnwitz des Weltkrieges. Vergessen die Ströme von Blut. Vergessen das Grauen des Schlachtfeldes, die tierischen Ekstasen der Riesenabschlachtungen, die grandiose Arbeit raffinierter Vernichtungstechnik Vergessen die Blamage der Marneschlacht, vergessen der Unsinn vor Verdun und noch vieles mehr. Vergessen! Nichts ist in diesen Köpfen haften geblieben von dem grausigen Spuk.


    Was geblieben ist, ist nur eitel Phrase: von dem Dolchstoß von hinten und all dem Kohl, der zu widerlich ist, um ihn aufzuwärmen.

    Daß Millionen unter der Erde modern und Hunderttausende von Krüppeln dahinvegetieren, wer spricht noch davon! Indessen hören wir von duldenden, gottergebenen Fürsten, die in der Verbannung ihre Millionen verzehren. Es ist ekelhaft.

    Dies ist deutscher Frühling. Die Sonne lacht. Ungeahnte Wunder tun sich auf. Man möchte sich hingeben und Mensch sein. Aber man ist hineingestellt in die Misere der „teutschen“ Staatsmaschinerie als Objekt einer lieblichen Verwaltungs-Bürokratie. Wenn man nicht hier und dort Menschen hätte, um derentwillen es sich verlohnt, zu bleiben, man schiffte sich ein, irgendwohin, weit weg.

    1921, 12

    Hermann Mauthe

  • Mörderische Statistik

    [15.02.2016] Emil Julius Gumbel hat um 1920 politisch motivierte Morde untersucht und stellte fest: Die Justiz ist auf dem rechten Auge blind. Mehr als 350 rechtsextremen Morden standen rund 20 linksextreme gegenüber. Linke Täter bekamen Todesurteile, rechte im Schnitt nur vier Monate Haft. Sein Buch wurde von den Nazis verbrannt, jetzt ist es wieder da.

    Von Otto Langels

    Der Justiz der Weimarer Republik wird nachgesagt, sie sei „auf dem rechten Auge blind“ gewesen und habe damit als rechtsstaatliche Institution versagt. Rechtsextreme Straftäter hätten kaum etwas zu befürchten gehabt, während Staatsanwälte und Richter Linksextremisten rigoros verfolgt und bestraft hätten. Emil Julius Gumbel, ein junger Mathematiker und Statistiker, untermauerte diese These bereits 1922 in einer Aufstellung der politischen Morde in den Jahren 1919 bis 1922. Seine Recherchen veröffentlichte er unter dem Titel „Vier Jahre politischer Mord“ und setzte damit sein Leben aufs Spiel.

    „Der Arbeiter Piontek wurde am 12. März 1919, angeblich, weil er sich geweigert hatte, einem Soldaten Feuer zu geben, verhaftet, und in der Normannenstraße von dem Gefreiten Ritter und dem Unteroffizier Wendler erschossen. Am 31. Januar 1922 verurteilte das Schwurgericht Ritter wegen versuchten Totschlags mit mildernden Umständen zu 3 Jahren Zuchthaus, Wendler wurde freigesprochen.“

    Der Mord an dem Arbeiter Piontek ist einer von mehreren hundert Fällen, die Emil Julius Gumbel in seiner Schrift „Vier Jahre politischer Mord“ auflistet. Akribisch sammelte der 1891 in München geborene Mathematiker Daten und Fakten über alle politischen Gewaltverbrechen, von rechts wie von links. Er beschrieb detailliert die Tat, nannte, soweit bekannt, die Namen der Mörder und Auftraggeber sowie die strafrechtlichen Folgen. Dabei berücksichtigte Gumbel die Umstände jedes einzelnen Mordes aus den Jahren 1919 bis 22:

    „Ich habe nur solche Fälle aufgenommen, wo die erschießende Partei nicht behauptet hat, dass sie von der Menge angegriffen wurde.“

    Emil Julius Gumbel fasste die Fälle in Tabellen zusammen. Das Ergebnis ist bedrückend: 354 rechtsextremen Morden, hauptsächlich verübt von ehemaligen Soldaten und Freikorps-Angehörigen, stehen 22 linksextreme Morde gegenüber. Noch erschreckender ist die Sühne der Verbrechen. Die Gerichte verhängten bei linken Tätern zehn Todesurteile, in den übrigen Prozessen betrug die durchschnittliche Haftstrafe 15 Jahre pro Mord, rechte Mörder kamen mit durchschnittlich vier Monaten Haft davon.

    „Am 10. März kamen zu dem jungen Kurt Friedrich, 16 Jahre, seine beiden Freunde Hans Galaska, 16 Jahre, und Otto Werner, 18 Jahre, in die Wohnung der Mutter des Friedrich zu Besuch. Die drei jungen Menschen hatten sich nie mit Politik beschäftigt. Sie waren kaum zusammen, als acht Regierungssoldaten auf Grund einer Denunziation ankamen. Sie erklärten die drei jungen Menschen für verhaftet und führten sie ab. Nach zwei schrecklichen Tagen des Wartens fand Frau Friedrich die drei jungen Freunde im Leichenschauhaus als Tote wieder. Es erfolgte weder gegen die beteiligten Mannschaften noch gegen die verantwortlichen Offiziere ein Verfahren.“

    Das Reichsjustizministerium bestätigte zwar die Angaben Gumbels, aber seine aufrüttelnde Bilanz blieb folgenlos, nicht ein einziger Mörder wurde auf Grund der Recherchen Gumbels bestraft. 1924 fasste der Mathematiker seine Statistiken in einem bitteren Fazit zusammen:

    „Es ist amtlich bestätigt, dass in Deutschland seit 1919 mindestens 400 politische Morde vorgekommen sind. Es ist amtlich bestätigt, dass fast alle von rechtsradikaler Seite begangen wurden, und es ist amtlich bestätigt, dass die überwältigende Zahl dieser Morde unbestraft geblieben ist.“

    Bevor Emil Julius Gumbel mit seiner Veröffentlichung Anstoß erregt, hat sich der Sozialdemokrat als erklärter Kriegsgegner und Pazifist bereits den Hass rechtsradikaler Kreise zugezogen: Im März 1919 taucht ein Offizier der Garde-Kavallerie-Schützendivision mit zehn bewaffneten Männern in seiner Berliner Wohnung auf, um ihn als „Schädling“ standrechtlich zu erschießen. Gumbel hat Glück, er befindet sich gerade im Ausland. Die Soldaten verwüsten und plündern daraufhin seine Wohnung. Ein Jahr später schlägt ihn ein rechtsradikaler Mob während einer Versammlung der Deutschen Friedensgesellschaft blutig nieder. Dennoch veröffentlicht er die Statistik der politischen Morde und riskiert damit sein Leben.

    1923 wird Gumbel Privatdozent für Statistik an der Universität Heidelberg, er zieht sich jedoch schon bald den Zorn rechter Studenten und konservativer Professoren zu, als er bei einer Friedensversammlung vom „Feld der Unehre“ spricht. Die Universität leitet sogleich ein Disziplinarverfahren gegen ihn ein, es endet glimpflich, aber die Fakultät lässt es sich nicht nehmen, ihn als „ausgesprochene Demagogennatur“ zu bezeichnen. Als er im Mai 1932 die Figur einer Kohlrübe für ein Kriegerdenkmal vorschlägt, ist die Empörung groß, die Universität entzieht ihm umgehend wegen „Unwürdigkeit“ die Lehrbefugnis.

    1991 stellte die Hochschule zu seinem 100. Geburtstag klar:

    „Die Universität handelte falsch und beging Unrecht, als sie Gumbel ausschloss.“

    Emil Julius Gumbel wird noch im selben Jahr Gastprofessor in Paris, und das rettet ihm als Juden womöglich das Leben. 1933 verbrennen die Nazis seine Bücher, darunter „Vier Jahre politischer Mord“. Er selbst wird ausgebürgert.

    „Ich empfinde es als große Ehre, dass ich wegen meiner Veröffentlichungen über die Schwarze Reichswehr und die politischen Morde bereits auf die erste Ausbürgerungsliste kam.“

    Schreibt er Jahre später.

    1940 flieht Emil Julius Gumbel vor den Nazis in die USA, dort hält er sich mühsam mit Lehraufträgen über Wasser. Nach dem Krieg möchte er nach Deutschland zurückkehren, aber an seiner alten Heidelberger Universität ist er nicht willkommen. Lediglich die Freie Universität Berlin bietet ihm eine Gastprofessur. Als er 1966 in New York stirbt, würdigt ihn keine deutsche Zeitung.

    Dabei hat Emil Julius Gumbel mit „Vier Jahre politischer Mord“ bereits Anfang der 1920er Jahre eindringlich auf die hemmungslose mörderische Gewalt von rechts hingewiesen. Er hat zugleich auf das Versagen der Justiz aufmerksam gemacht und damit frühzeitig zwei Ursachen für das spätere Scheitern der Weimarer Republik benannt.

    Emil Julius Gumbel: Vier Jahre politischer Mord.
    Reprint der Originalausgabe von 1922.
    Verlag Das Wunderhorn, Heidelberg, 1980. 360 Seiten, 12,80 Euro

    Quelle: https://www.deutschlandfunk.de/moerderische-statistik-gewalt-von-rechts.1310.de.html?dram:article_id=345863

    Siehe auch…

    Die Leerstelle

    Die NS-Verfolgung queerer Menschen wurde lange nicht anerkannt. Wegen staatlicher Repression machten Überlebende ihr Leid nicht öffentlich. So auch Kurt Koch, der vier Konzentrationslager überlebte.

    https://www.bpb.de/themen/deutschlandarchiv/578025/die-leerstelle

  • Über diese Website

    Über diese Website

    „Zeitungspapier ist ein vergänglicher Stoff. Es ist im allgemeinen gut so, denn was in der Zeitung steht, ist nicht für die Ewigkeit bestimmt, sondern für den Augenblick. […] Aber manches darin ist doch wert, auf holzfreiem Papier ein wenig länger aufbewahrt zu werden.“

    So schreibt Erich Schairer in der Einleitung seines 1929 in Stuttgart erschienenen ersten Jahrbuchs der Sonntags-Zeitung, in welchem er, unter dem Titel „Mit andern Augen“, auf die ersten zehn Jahre seiner mit der Weimarer Republik aufgewachsenen Wochenzeitung zurückblickt.

    Schairers journalistisches und publizistisches Werk sowie einige Beiträge seiner Zeitgenossen und Epigonen bieten einen erhellenden Blick „mit andern Augen“ in die jüngere deutsche Geschichte.

    Diese Website über meinen Großvater und sein Werkn habe ich um das Jahr 2000 herum begonnen und erstmals veröffentlicht. Etwa zwanzig Jahre dümpelte sie unverändert im weltweiten Netz. Aktuell habe ich sie nun aus Anlass des kommenden 100. Jubiläumsjahrs der Gründung der „Sonntags-Zeitung“ inhaltlich erweitert und in ihrer typografischen Erscheinung bearbeitet.

    Nachtrag 9.8.2016: Wir hatten am 3. August 2026 den 70sten Todestag Erich Schairers. Anlass für mich zu einem neuerlichen update und „relaunch“

    Eine redaktionelle Anmerkung:

    In der „Sonntags-Zeitung“ gab es neben den Holzschnitt-Karikaturen Hans Gerners keine weiteren Bilder. Zur Illustration einiger hier präsentierter Artikel habe ich zusätzlich ein paar Beitragsbilder bzw. Fotos ausgesucht und hinzugefügt. Diese Bilder haben in der Regemit der jeweils ursprünglichen Veröffentlichung der Artikel nichts zu tun und sind dort nicht enthalten.

    Stuttgart, im März 2019, update: 9.8.2026
    Andreas Schairer

  • Ode an die Dummheit

    Ode an die Dummheit

    Laß mich um deinen Sockel Kränze winden
    aus Immortellen und aus Immergrün!
    Nie wird die Allmacht deines Thrones schwinden,
    und deiner Hand das Zepter zu entwinden
    ist heißes, doch vergebliches Bemühn.

    Du blinzelst nicht wie Themis durch die Binde,
    du unterscheidest weder Links noch Rechts;
    dem Millionärs- und dem Proletenkinde
    legst in die Windeln du dein Angebinde
    ohn‘ Ansehn der Person und des Geschlechts.

    Wie hehr, wenn du, von Ochsen und Kamelen
    umringt, an denen du in Liebe hängst,
    Politikern und deutschen Generälen,
    die deiner Gunst besonders sich empfehlen,
    die volle Sonne deiner Gnade schenkst!

    Heil ihm, den du mit segensreichen Händen
    im Überschwang geruhst zu benedein;
    laut Bibel wird er einst im Himmel länden,
    auf Erden sind die dicksten Dividenden
    (Kartoffeln, wie man früher sagte) sein!

    Noch nie gelang’s, sich deiner zu erwehren,
    dein Schild ist gegen Hieb und Stoß gefeit.
    Und könnte diese Welt dich denn entbehren?
    O laß mich drum in Andacht dich verehren,
    denn dein ist Reich und Macht und Herrlichkeit!

    1926, 18 Tyll