Kategorie: 1930

Auswahl im Jahrgang 1930 veröffentlichter Beiträge

  • Der internationale Faschismus

    Die Schutztruppe der Besitzenden

    — Jg. 1930, Nr. 43 —

    Der Wahlsieg der deutschen Faschisten hat auch die Österreichischen Dunkelmänner um Seipel wieder kühner gemacht. Schober verschwindet, und der geistliche Herr tritt wieder selbst auf den Plan, unterstützt von dem Heimwehrfürsten Starhemberg. Seipel gibt seinem Bruder in Christo, dem „kalten“ Faschisten Brüning, den Rat, zu gleicher Zeit mit ihm die Nazis in die Regierungskoalition einzubeziehen. In der Tschechoslowakei hat sich die Faschisten-Clique um Stribrny wilde nationalistische Exzesse geleistet, die von dem Prager Polizei-Präsidenten mit wohlwollender Passivität mitangesehen wurden. Der polnische Militärdiktator Pilsudski holt zum letzten Schlag gegen die parlamentarische Scheindemokratie aus. Die finnische Lappo-Bewegung, geführt von einem Großbauern, dringt siegreich bis Helsingfors vor; einige tausend Kommunisten wandern in finnische Kerker oder werden außer Landes verwiesen. In Ungarn herrscht der Blutterror Horthys. Das Rumänien Carols wetteifert mit seinen Nachbarn um die Krone des weißen Schreckens. In Spanien hat sich ein lediglich dekorativer Szenenwechsel vollzogen. Ein General ist vom politischen Theater verschwunden, sein Platz nimmt ein nicht minder ehrgeiziger und scharfmacherischer Matador ein. Das Italien Mussolinis darf in diesem Kranze natürlich nicht fehlen. Mit Beifall hat die italienische Presse Hitlers Wahlsieg begrüßt.

    *

    Die fascistische Bewegung in allen Ländern ist nichts als der letzte Versuch der Großbourgeoisie, sich mit allen Mitteln an der politischen Macht zu halten. Sie benutzt dabei die Hilfe all derer, die in Verkennung ökonomischer Notwendigkeiten und Gesetze sich auf ihre Seite, auf die falsche Seite, stellen.

    Der deutsche Faschismus weiß, daß er in Deutschland mit einer aufgeklärten Arbeiterschaft zu rechnen hat, und demgemäß spinnt er seine Fäden. Er rechnet außerdem mit der zunehmenden Verelendung der großen Angestellten-Massen. Und er rechnet mit der wachsenden geistigen und materiellen Entwurzelung der noch selbständigen Mittelstandsexistenzen.

    Aus diesem Kalkül ergibt sich sein Programm. Er hängt sich das Mäntelchen eines Schein-Sozialismus um und hofft dabei auf Zustrom aus den Kreisen der Arbeiterschaft. Er nennt sich antimarxistisch und hofft auf den Zulauf der Angestellten, die sich zum Teil unter Hervorkehrung eines überholten Standesbewußtseins wild gegen ihre fortschreitende Proletarisierung gebärden und sich von dem Faseismus den Aufstieg auf der gesellschaftlichen Stufenleiter versprechen. Gerade die kleinen kaufmännischen Angestellten sind in ihrer oftmals geradezu rührenden politischen Naivität den hohlen Frasen hitlerischer Verblendungsmanöver umso mehr ausgesetzt, weil sie sich entgegen allen volkswirtschaftlichen Gesetzen nicht als Klasse, sondern als Stand fühlen, der sich noch alles von der Privatinitiative innerhalb der heutigen Gesellschaftsordnung verspricht. Sie verkleben sich die Augen und hängen romantischen Wunschträumen nach, die aller Ökonomie Hohn sprechen.

    Dem selbständigen und gehobenen Mittelstand erklärt der deutsche Faschismus, sein Abstieg rühre von der sich immer weiter ausbreitenden Herrschaft der großen Warenhäuser und Kartelle her, die zumeist unter dem Einfluß jüdischen Kapitals ständen. Außerdem würde sich mit der Brechung der Zinsknechtschaft auch seine materielle Lage bessern. Das Ganze umgibt Hitler mit schwarz-weiß-roten Hakenkreuzschärpen, mit schmetternden Fanfaren, mit „Sturmgebraus und Wogenprall“, wodurch er die Unterstützung hoher Militärs und ehemaliger fürstlicher Potentaten gewinnt, die sich 1918 vorübergehend in Mauselöcher verkrochen hatten und jetzt wieder ihre Zeit für gekommen halten.

    Man sieht, der deutsche Faschismus trägt den deutschen ökonomischen Verhältnissen scheinbar Rechnung, um desto eifriger sein wahres Gesicht zu tarnen. Seine eigentliche politische Bestimmung wird erst durch die mehr oder weniger öffentliche Sympathie evident, mit der ihn die deutsche Großindustrie begleitet und — finanziert. Man braucht nur an Namen wie Kirdorf, Thyssen, Borsig, aber auch Bechstein und Mutschmann zu erinnern, nicht zu vergessen Hugenberg, der ja als Exponent der deutschen Großindustrie dem Faschismus in Deutschland zumindesten seine publizistische und organisatorische Unterstützung gibt[…]

    1930, 43 · Ludwig Kuttner

  • Das Bärtchen

    Das Bärtchen

    — Jg. 1930, Nr. 42 —

    Wenn ich an den starken Mann denke, habe ich immer sein Bärtchen vor mir. Es ist kein Bart, mächtig hervorgeschossen im ungestümen Drang des Werdens zum martialischen Schnauz — nein, es ist eine Fliege, die sich nach ungewisser Fahrt auf einer Oberlippe niedergelassen hat. Auf der Oberlippe des werdenden Diktators.

    Da klebt es nun, das Bärtchen. Fühlt es sich glücklich? Ist ihm die Schere, die täglich die unkontrollierbaren Zigeunergelüste seiner Bartnatur beschneidet, die Erfüllerin heimlicher Sehnsüchte? Oder möchte es anders sein? Hat es etwa das Bedürfnis, sich zuweilen in Wut prahlerisch zu sträuben, oder träumt es verloren von kokett gezwirbelten Spitzen? Fühlt es sich fehl am Platze? Paßt ihm das Gesicht nicht, in das es da hineingeraten ist? Vielleicht zierte es lieber das modische Oblatengesicht eines Schaufensterdekorateurs, vielleicht daß es sich wahlverwandt fühlt den traurigen Rehaugen Chaplins. Sicher nistet an seinen Wurzeln der Groll, daß der Diktator nicht Maler geblieben ist, geziert mit kleidsamer Lavalliere-Crawatte, der Mund sanft geschwungen in sacharinsüßer Reserviertheit.

    Ja, das ist es wohl. Über unserem Bärtchen liegt ganz einfach die dumpfe Melancholie eines ganz und gar verfehlten Daseins. Die hoffnungsvolle Oberlippe seines Lebens ist plötzlich aus ihrer malerischen Reserve herausgerissen und steilt sich wild unter dem Anprall rhetorischer Brandung. Aus dem lnnern des ehemals so sanften Malers grollt es dumpf wie von drohenden Gewittern. Das zarte Bärtchen sieht die idyllischen Träume eines geruhsamen Ziergartendaseins jäh zerrinnen. Angstbeklekkert duckt es sich vor den donnernden Wortkaskaden gegen Juden, Sozi- und PazifistengesindeL Es klebt zerquetscht an der selbstgefällig gewordenen Oberlippe, während Militärkapellen brausend einfallen und paradegewohnte Beine die Erde erzittern machen. Weltgeschichte wird gemacht. Mit den billigen Mitteln, die in Deutschland üblich sind.

    Das Bärtchen, gänzlich undeutsch und verdattert bis in die Pigmentzellen der Haare, möchte ganz Fliege sein, um wegfliegen zu können. Aber das ist es nur im Sprachgebrauch. Darum muß es bleiben. Darum ist es wahrscheinlich einmal eine gewichtige Attraktion im Nationalmuseum des dritten Reiches, bewallfahrtet von staunenden Untertanen. Wenn es nicht den keineswegs abwegigen Gedanken in seinem Haargehege nährt, sich selbstmordend von der gehaßten Oberlippe zu tilgen durch die schmerzhaft eiternde Bartfinne, Sykosis vulgaris genannt. Zuzutrauen ist ihm das! Der Diktator sollte es beizeiten abrasieren lassen, ihm zum Heil und dem deutschen Volke zum bleibenden Gedächtnis.

    1930, 42 hm

  • Die Schamlosen

    — Jg. 1930, Nr. 47 —

    Im Simplizissimus stand neulich die bissige Anekdote von dem Herrn Geheimrat, der auf Befragen behauptet, es gehe ihm schlecht. „Aber warum denn schlecht, Herr Geheimrat?“, fragt ihn der Andere, und darauf erfolgt zürnend die Antwort: „Aus grundsätzlichen Erwägungen, mein Lieber.“

    Die Pointe wird den Technikern der deutschen Notgemeinschaft nicht gerade in den Kram passen, denn sie enthüllt dem, der es noch nicht wissen sollte, den ekelhaften Schmus, der jetzt wieder um den kommenden „Notwinter“ herum gemacht wird. Wenn sich die unteren Schichten den Riemen enger schnallen, fängt man weiter oben regelmäßig ein vaterländisches Geseires an. Die Leute, denen es verhältnismäßig noch recht gut geht, glauben, wenn sie auch mitjammerten, trügen die Proleten ihr Los leichter, und sie halten es sicher für eine ethisch wertvolle und patriotisch lobenswerte Tat, wenn aus „grundsätzlichen Erwägungen“ heraus ihr Klagelied erschallt, während den andern der Magen knurrt.

    In keinem andern Lande wäre diese famose Art, die Gegensätze zu überbrücken, möglich. Kein Prolet der Welt wird an eine Notgemeinschaft glauben, wenn sich ihm die gut gestellte und bestens gesicherte Mittelschicht im patriotischen Mäntelchen anbiedert, um mit ihm gemeinsam auf die Paradeverdiener zu schimpfen, die man als Prellbock vorschiebt: die „pensionswütigen“ Minister und die klotzig verdienenden Aufsichtsräte. Es ist einfach heuchlerisch, wenn gewisse Kreise so tun, als nage in Deutschland mit wenigen Ausnahmen alles am gleichen Hungertuch.

    Leute, die auf exponierten Posten stehen, sollten wenigstens den Rummel nicht mitmachen. Was soll man dazu sagen, wenn heute Pfarrer von der Kanzel herunter von der Not sprechen, durch die „wir“ hindurchmüssen, wenn sie so tun, als ob sie, die bestens Versorgten und Gesicherten, auch zu den Opfern der Zeit gehörten? Wohl kann man dem schafsgeduldigen deutschen Volk manches bieten, aber gewisse Anzeichen deuten darauf hin, daß es vielleicht eines Tages doch an der äußersten Grenze angelangt ist. Mir haben wiederholt alte Weiblein, die mit allgemeinen Redensarten zu lenken bei Gott leicht ist, wenn diese nur in der richtigen Sauce gereicht werden — mir haben solche in letzter Zeit mehrfach versichert, wie schön die Predigt des Herrn Pfarrer gewesen wäre, wenn er nicht immer so auffällig von einer gemeinsamenNot gesprochen hätte. Wenn die „Treuesten der Treuen“ hellhörig werden, sollte man schleunigst die nötigen Konsequenzen ziehen.

    Aber die Herren Pfarrer sind nicht die Einzigen, die sich zuweilen im Ton vergreifen. Mir blieb neulich die Luft weg, als vor Gericht ein gesetzter Vorsitzender dem miekrigen Angeklagten voll Ernstes erklärte, es gehe uns allen heute schlecht. Ich möchte wirklich nicht vor einem armen Kerl, der draußen auf der hoffnungslosen Provisionsreise (deren ganzes Risiko ihm aufgehalst ist) in größter Not seine Reisemuster versetzt und nun um Verständnis für eine solche Lage wirbt, ich möchte vor einem solchen Menschen um alles in der Welt nicht so dastehen wie dieser Richter.

    Merken alle diese Leute denn nicht, wie bodenlos traurig ihr Verhalten ist? Sie können von Glück sagen, daß sie ein so verdammt gutmütiges Volk zu bearbeiten haben. Man sollte jeden Einzelnen zwei Jahre lang an die proletarische Front abkommandieren, dorthin, wo es am miesesten ist. Vielleicht würden sie nachher nicht mit einer solch‘ schamlosen Selbstverständlichkeit sich der Not anbiedern, wie sie es heute weithin tun.

    1930, 47 m

  • Volksgemeinschaft

    — Jg. 1930, Nr. 10 —

    Die „Heimat“ des Volkes besteht nach der nationalistischen Ideologie aus Gemeinplätzen, auf denen sich die Mitglieder der vaterländischen Vereine tummeln dürfen. Wer da nicht mittut, gehört zu den entwurzelten Massen und ist im innersten Grunde seines Wesens undeutsch. Auch in der Provinzstadt X. hat sich aus allen Schichten der Bevölkerung ein solches nationales Bollwerk gebildet; man kommt dort von Zeit zu Zeit zusammen, um in öffentlichen Kundgebungen als einzige Vertreter der guten alten Zeit sich über den Massenund Klassenwahn der Neuzeit zu entrüsten. Unter den Anwesenden befindet sich dann beispielsweise:

    Die Heimarbeiterin A. Sie befaßt sich mit Perlenstickerei und verdient in der Stunde 10 bis 16 Pfennige; ihre Wohnung besteht aus einer gegipsten, nicht heizbaren Kammer; ihre Bildung entstammt dem Lesebuch der katholischen Volksschule; ihre Religiosität ist im Sonntagsblättchen beheimatet.

    Der Generalleutnant B. Er bezieht von der Republik eine Jahrespension von 14.000 Mark, außerdem genießt er noch die Zinsen aus einem kleinen Vermögen; die Wohnung für die zweiköpfige Familie besteht aus sechs Zimmern mit Bad und sonstigem Zubehör; die Bildung riecht nach Kadettenhaus, gemildert durch Besuch des Stammtisches im Hotel Y; Religiosität: Wotanskult.

    Der Industriearbeiter C. Er erhält in der Fabrik einen Stundenlohn von 80 Pfennig, wovon noch die Sozialbeiträge abgehen. Die Wohnung für seine fünfköpfige Familie besteht aus einem großen und einem kleinen schrägen Zimmer nebst Küchenanteil; Bildung: evangelische Volksschule plus vaterländische Presse; die Religiosität besteht aus dem Bestreben, sich bei den Unterstützungsinstanzen der Kirchengemeinde für alle Fälle in Erinnerung zu halten.

    Der Stadtpfarrer D. Er bezieht ein Monatsgehalt von etwa 800 Mark und ist pensionsberechtigt; seine Dienstwohnung besteht aus einem geräumigen Einfamilienhaus mit Garten und reichlichem Zubehör; seine Bildung: akademisch; seine Religiosität: selbstverständlich.

    Der Bauer E. Er kommt auf einen Stundenlohn von etwa 24 Pfennig; die Wohnung für seine siebenköpfige Familie besteht aus einem Wohnraum und zwei gegipsten Kammern; seine Bildung: Dorfschule plus 11 Jahre Heimatkalender; seine Religiosität: Naturreligion mit einem gehörigen Schuß Traditionsbewußtsein.

    Der Kommerzienrat F. Er ist Aufsichtsratsmitglied und hat ein jährliches Einkommen von rund 100.000 Mark; er besitzt eine Villa mit 11 Zimmern und ein kleineres Gebäude für die Dienerschaft; seine Bildung besteht aus einer dunklen Erinnerung ans Gymnasium plus Lektüre des Scherlmagazins und der Fachpresse; seine Religiosität kommt nur an hohen Festtagen zum Durchbruch.

    Auf den ersten Blick hat es durchaus den Anschein, als ob diese Leute nichts „Gemeinsames“ hätten, aber wenn dann der Festredner von einem links stehenden und meistenteils jüdisch aussehenden Feind spricht, der „es“ rauben wolle, was ihm aber selbstverständlich bei dem einmütigen Zusammenhalt des Vereins niemals gelingen werde, dann kommt dieses Gemeinsame in einer tumultuarischen Begeisterung mächtig zum Ausbruch, und jeder gelobt sich in heiligem Zorn, in seinem Teil die Fahne des echten Deutschtums hoch zu halten. Nur wenn sie dann zu Hause sind, in der Dachkammer, im Pfarrgarten, im Palais, da fragen sie sich, was sie nun eigentlich hochhalten sollen und wissen darauf keine rechte Antwort.

    1930, 10 Kurt Debil

  • In Verlegenheit

    — Jg. 1930, Nr. 35 —

    Der Wahlausweis ist ins Haus gekommen. Nummer so und so. Wahllokal da und da. Was macht man bloß?

    Zuhause bleiben? Aber sie werden dann kommen nachmittags, die Schlepper, und milde Vorwüde ausstrahlen. Mit Recht eigentlich. Man ist doch schließlich Staatsbürger, nicht wahr. Es kann auf eine Stimme ankommen; auf die deine!

    Verreisen? Mit dem Rucksack in den Wald liegen? Es sieht nach Flucht aus, nach Feigheit. Geht auch nicht. Würde einen ganz schlechten Eindruck machen.

    Also hingehen. Schließlich ist die Wahl ja geheim. Man kann zwei Zettel statt einen in den Umschlag tun. Man kann zwei Parteien ankreuzen, oder gar keine. Dann ist die Stimme ungültig. Doch das Gewissen sagt: das ist so etwas wie Betrug, wenn du’s absichtlich machst; du müßtest dich vor dir selber schämen.

    Aber ums Himmels willen: was kann man denn mit gutem Gewissen wählen? Welche Partei ist die richtige? Hat man nicht die ganze Zeit auf die verdammten Bonzen geschimpft?

    Aha, da sind doch die sogenannten Splitterparteien. Ist die U.S.P. des wackeren alten Ledebour eigentlich noch da? Oder wie wär’s mit Vitus Hellers Christlich-sozialer Reichspartei? Die Leute sind sozialistisch und pazifistisch bis in die Knochen. Wären’s eigentlich wert, daß man sie unterstützte.

    Bloß: sie werden bestimmt nicht durchdringen. 60.000 Stimmen in einem Wahlkreis, sonst langt’s keinen Sitz! Und das ist ausgeschlossen. Alle Stimmen, die auf Splitterparteien fallen, sind nun einmal verloren, umsonst abgegeben. Sogar wenn’s so einem Grüppchen zwei, drei Sitze langen würde — was hätt’s für einen Wert? Nein, dazu denken wir zu sehr politisch. Wenn ich meine Stimme abgebe, soll sie wenigstens ein wenn auch kleines Gewicht haben.

    Bliebe also: S.P.D. oder K.P.D. Welche von beiden? Die Panzerkreuzerpartei? Die Selbstzerfleischer?

    Die Sozialdemokraten haben sich im letzten Reichstag und im Kabinett Hermann Müller als derart unzuverlässig und unfähig erwiesen, daß ich mir geschworen habe, das nächstemal nicht mehr Liste 1 zu wählen. Soll ich mich neuen Enttäuschungen aussetzen? Kann man eine Partei wählen, von der nichts, aber auch gar nichts zu erwarten ist?

    Aber ist nicht eine starke Sozialdemokratie die einzige Möglichkeit der Rettung vor dem drohenden Bürgerblock, dessen Schatten sich immer deutlicher am Horizont abzeichnet? Vor einem Bürgerblock mit Einschluß der Hakenkreuzler, die man noch vor ein paar Wochen nicht für „regierungsfähig“ gehalten hat, was man heute kaum mehr unterschreiben kann? Wäre ein „Hindenburgkabinett“, eine reaktionäre Regierung von den Nationalsozialisten bis zur Staatspartei, nicht ein großes Unglück für Deutschland? Ein umso größeres, wenn eine starke und aggressive radikale Linke ihr die erwünschten Anlässe zum „Durchgreifen“ liefern würde? Darf man einer derartigen gefährlichen Wendung Vorschub leisten?

    Die Kommunisten kommen für keine Regierungsbildung, für keinerlei „positive“ politische Arbeit in Betracht. Zu ihrem und unserem Glück, denn so, wie sie sind, haben sie ebensowenig das Zeug dazu wie die Hitlerleute. Aber sind sie nicht die einzige zuverlässige Oppositionspartei, die wir haben? Hätte ich nicht im letzten Reichstag fast immer so abgestimmt wie die Kommunisten? Werden nicht im nächsten Reichstag Dinge zur Debatte stehen — Strafrechtsreform, Schulgesetz, Kirchengesetze, Sozialpolitik, Steuerfragen, Wrrtschaftsgesetzgebung, Verhältnis zu Rußland —, bei denen ich mit ziemlicher Sicherheit annehmen kann, daß die kommunistische Partei meine Meinung vertreten wird? Wird es also nicht das Beste sein, kommunistisch zu wählen?

    Ich will mir’s nocheinmal überlegen. Wie heißt doch das alte, gute Wahlrezept des Herrn von Gerlach? „Lieber einen Meter zu weit nach links als einen Zentimeter zu weit nach rechts!“

    1930, 35 · Erich Schairer

  • Winterschlaf

    — Jg. 1930, Nr. 49 —

    „Professor Pötzl in Wien ist es gelungen, den Menschen in künstlichen Winterschlaf zu versetzen.“ (Zeitungsmeldung)

    „Alma“, sagte ich zu meiner Frau, „wie wär’s, wenn du dir das neue Kleid aus dem Sinn schlügst? Wir kommen viel billiger weg, wenn wir uns pötzln lassen.“

    „Und wenn inzwischen das Dritte Reich ausbricht?“ fragte sie, sie ist nämlich streng völkisch.

    „Eben drum!“ meinte ich. „Solln wir uns abrackern, um uns in dieser verjudeten Republik über Wasser, beziehungsweise Eis zu halten, bis der große Morgen tagt? Das können wir doch viel angenehmer haben: wir legen uns winterschlafen, und wenn wir wieder aufwachen, ist’s Frühling, die Sonne scheint, von allen Kirchtürmen leuchten die Hakenkreuze, und an den Landstraßen hängen die Juden und andere Vaterlandsbeziehungsweise Rassenverräter, Baum um Baum. Wie wonnig wird uns sein, mein Herz, wenn so der Deutsche Lenz uns anlacht!“

    „Und du sitzest auf dem Trockenen“, rief Alma. „Wie willst du im Dritten Reich einen Posten bekommen, wenn du nicht von Anfang an dabei bist? Jetzt hast du Aussichten; du weißt, daß dir der Portier versprochen hat, bei seinem Neffen, dem Gymnasiasten, ein gutes Wort für dich einzulegen, damit er sein Mädel bittet, ihren Bräutigam, den Chef der Befreiungsdivision Oberbayern, was für dich tun zu lassen. Du kannst am Morgen nach dem Umsturz glatt Hoffilosof bei Hitler selbst werden, wenn du es geschickt anfängst.“

    „Alma“, sagte ich, „die Stelle läuft mir nicht davon. Ich bin doch gut Freund mit dem Herrn Krotoschiner, dem Führer der Sturmstaffel Treuenbrietzen, der wird die Sache schon schmeißen. Auf den ist Verlaß, was der anpackt, das wird was. Man muß sich immer an die Juden halten, wenn man seiner Sache sicher sein will; was die in die Hand nehmen, ist in Ordnung. Krotoschiner wird die Sache schon schmeißen. Na, was meinst du dazu?“

    „Gemacht!“ sagte Alma, und wir bestellten uns den Professor Pötzl.

    Er sandte uns einen seiner Mitarbeiter, der ließ sich vorausbezahlen, stellte ein rotierendes Hakenkreuz vor uns auf und murmelte einen monotonen Singsang, der zur Hälfte aus dem Muspilli, zur Hälfte aus der Kabbala stammte, dazu schlug er unaufhörlich das Hakenkreuz und machte priesterliche Verbeugungen in der Richtung gen Walhall. Wir schauten eine halbe Stunde stier in die rotierende Swastika und ließen das arische Geseires des Einschläferers in uns hinabrieseln wie teutschen Wein dann waren wir eingeschlafen.

    Und so liegen wir denn nun im friedlichen Winterschlaf, brauchen weder Brot noch Geld, weder Licht noch Kohlen noch Gas, und träumen mit seligem Lächeln um die deutschen Lippen dem Morgen der Befreiung entgegen, an dem es durch alle Boulevardblätter rauschen, durch alle Straßen hallen wird: „Deutschland erwache, Juda verrecke!“ Das walte Wotan!

    1930, 49 Mara Bu

    Die Symbol-Krawatte. Es gibt, falls Sie das noch nicht wissen sollten, auch Hakenkreuz-Krawatten. Inserate im „Völkischen Beobachter“ verkunden: „Kaufen Sie nur von rein nationalsozialistischem Betrieb Qualitätskrawatten mit fein eingewebtem Symbol…“ — Das Hauptsymbol liegt wohl darin, daß sich der Arbeiter mit solcher Krawatte selbst den Hals zuzieht.

    1932, 36

  • Versäumte Möglichkeiten

    Versäumte Möglichkeiten

    — Jg. 1930, Nr. 49 —

    Die „Deutsche Allgemeine Zeitung“ hat dieser Tage auf die geradezu selbstmörderische Verblendung hingewiesen, mit der die Republik die unabweisbaren Bedürfnisse des deutschen Volkes nach Tamtam und Ordensgeklunker ignoriert. Es sei, ruft sie aus, ein Unfug, in einem Volke, dem die Freude am Soldatentum im Blute sitze, die Armee ohne Paradeuniform zu lassen, und wenn man die Orden abgeschafft habe und z.B. den Diplomaten als Ersatz Vasen, Zigarettendosen mit Brillanten und andere Kostbarkeiten überreiche, so wisse man eben einfach nicht, daß so was kein Ersatz sei, und daß damit niemals die moralischen und politischen Eroberungen zu machen seien, die etwa Frankreich mit seiner Ehrenlegion mache.

    Etwas ist schon daran. Je schwerer es ein Staat hat, desto mehr sollte er sich um diese unwägbaren Dinge kümmern. Das deutsche Volk wäre wahrscheinlich viel leichter über die Beschränkung seiner Wehrmacht hinweggekommen, wenn man sie wenigstens mit prächtigen Paradeuniformen ausstaffiert hätte […]

    So ist in den Ietzten Jahren aus unterdrücktem Verlangen heraus ein bedenkliches Vakuum entstanden, in das nun der geschmacklose, aber um die Bedürfnisse der Massen wissende Herr Hitler mit seinem forschen S.A.-Heerbann einströmt. Man fragt nicht mehr nach Programmen und Argumenten, sondern verlangt nach dem Apparat. Es ist bezeichnend, daß heute ohne große imponierende Aufmärsche mit Blechmusik keine Politik mehr zu machen ist. Eine tiefe Sehnsucht, von der Republik ignoriert, stillt sich aus sich selbst heraus. Die Herzen konnten den Weg zum Volksstaat nicht finden, nun finden sich die Hände zur Hosennaht, und es stellt sich wie von selbst die leichteste der Gruppierungen her: die Gruppenkolonne.

    Was hat man nur den vielen Tausenden angetan, als man ihnen die Aussicht auf Orden nahm! Deren Zauber ist unleugbar. Ihr Besitz verlieh auch dem dürftigsten Dasein Farbe und Genüge. Es gab Höhepunkte des Lebens, wo man sich strahlend die Orden vorknöpfte und herausgehoben war aus dem Dreck; mochte nachher auch der Alltag wieder mies sein, das Geltungsbedürfnis wußte, daß es von Zeit zu Zeit Genüge finden konnte.

    Die Republik hätte sich in den schwierigen Entwicklungsjahren dieser menschlichen Schwächen ruhig bedienen dürfen, ja müssen. Man ändert den Charakter eines Volkes nicht auf dem Verordnungsweg von heute auf morgen, und gerade so grotesk unwirkliche Dinge wie der Ordenszauber und anderes haben die zäheste Lebenskraft.

    Dem gewaltsam trocken gelegten Amerika bricht der Alkohol aus allen Poren; das seiner dümmsten Dummheiten beraubte deutsche Volk schafft sich abseits vom Staat seine eigenen militärischen Paraden und seine Privatorden.

    Man soll ein Pferd nicht am Schwanz aufzäumen, besonders wenn es ein altes Militärpferd ist.

    1930, 49 · oha

    Die große Trommel. Der „Völkische Beobachter“, das Organ der „Nationalsozialistischen deutschen Arbeiterpartei“, bringt folgende Anzeige: Große Trommel wird für die Musikabteilung der N.S.D.A.P. benötigt. Gefällige Angebote an die Musikabteilung der N.S.D.A.P. München, Corneliusstraße 12. — Herr Hitler ist von jeher für Schlagzeug gewesen.

    1923, 15

  • Die Miekrigen

    — Jg. 1930, Nr. 25 —

    Am armen Mann lernen nicht nur die Frisöre, sondern auch die Juristen ihr Handwerk.

    Man höre sich mal ein paar Tage lang in unseren Gerichtssälen die kleinen und kleinsten „Fälle“ an (die fast durchweg der allmählich beängstigenden Flut der Eigentumsdelikte angehören), und man wird nicht nur über die arrogante Weltfremdheit junger Staatsanwälte staunen können, sondern vor allem über die würdevolle Selbstverständlichkeit, mit der da die Rechtsprechung einer Gesellschaftsordnung gehandhabt wird, der in mancher Hinsicht schon selbst das Urteil gesprochen ist.

    Selbst durch die „mildernden Umstände“ hindurch grollt in den Urteilen die moralische Entrüstung einer Schicht, deren Gott der Privatbesitz ist; und da für den Bestand des heutigen Systems die Ehrlichkeit und Anständigkeit der kleinen Leute viel wichtiger ist als die der großen, sind die Strafen selbst für Lappalien oft mehr als gesalzen. Es ist eben hierzulande ratsamer, eine Stadtbank um zehn Millionen zu betrügen, als eine Fürsorgebehörde unter falschen Angaben um zehn Mark zu erleichtern. Denn dort wird lediglich der Reservefond einer Großbank in Mitleidenschaft gezogen, während hier der so wichtige Bestand miekriger Anständigkeit vermindert wird. Nichts wäre aber für unsere Gesellschaftsordnung gefährlicher als das. Denn schließlich lebt sie ja davon.

    Erschütternd ist es, wie Hunderttausende aus einem ärmlichen Arbeitsdasein ohne nennenswerten Versuch der Auflehnung und Empörung in das trostlose Hungerdasein der Arbeitslosigkeit übergehen. Wie sie sich dort gegen den endgültigen Absturz wehren und diesem Schicksal doch oft nicht entrinnen können. Im Gerichtssaal trifft man sie dann wieder. Die bürgerliche Gesellschaft, die sie erbarmungslos dem Labyrinth wirtschaftlicher Anarchie preisgegeben hat, lauert mit Argusaugen auf den ersten Schritt, der vom vorgezeichneten Weg abgeht, und es ist ihr bei ihrem scheinheiligen Drang nach „Gerechtigkeit“ völlig gleichgültig, ob dieser Fehltritt zwangsläufig erfolgt ist oder nicht. Sie kann sich auf solche Erwägungen gar nicht einlassen, denn sie würde damit den Ast absägen, auf dem sie sitzt.

    Und so marschieren sie denn täglich auf vor den Schranken des Gerichts, die kleinen Verbrecher aus Not, die bescheidenen Betrüger, die dilettantischen Darlehens- und Provisionsschwindler. Sie verteidigen sich mit kläglichen Ausreden und hören mit Unterwürfigkeit die Moralpauken des jungen Staatsanwalts, der, so mangelhaft auch seine Kenntnisse noch sein mögen, doch schon weiß, daß eine „gewisse Notlage“ immer noch keine genügende Entschuldigung für ungesetzliche Handlungen ist. Er und seine Kollegen vom Richtertisch kommen aus einer Gesellschaftsschicht, in der jeder durch ein weitverzweigtes Netz von „Beziehungen“ aller Art so getragen wird, daß normalerweise ein Untersinken gar nicht möglich ist; sie kennen nicht die völlige Isolierung des Proleten, den keine gesellschaftlichen Bindungen halten und dem sehr oft nur noch ein Weg übrig bleibt, der zwischen Fürsorge, Kriminalität und Selbstmord hin und her geht.

    Wenn dieser Klassenstaat auch nur ein wenig Fairneß kennen würde, müßte er allen diesen Handlungen die Entschuldigung der Notwehr zubilligen. Statt dessen befleißigt er sich aber einer heuchlerischen Strenge, die vom bedrängten Kleinen zuweilen sogar mehr Korrektheit im Handeln verlangt, als er dies bei ehrbaren Geschäftsleuten tut. Wenn z.B. ein Notleidender sich in den Möglichkeiten, erhaltene Darlehen zurückzuzahlen, getäuscht hat, verfällt er zehnmal leichter der Anklage und Verurteilung des Betrugs als der Geschäftsmann, der sich leichtsinnigerweise in seinen Transaktionen übernommen oder bei seinen Geschäften die schmale Grenze zwischen Erlaubtem und Strafbarem „versehentlich“ etwas überschritten hat.

    Eine Reform des Strafgesetzbuches wird an diesen Dingen nicht viel ändern können. Das kapitalistische System hat das Recht und die Richter, die zu ihm passen.

    1930, 25 · hm

  • Heldentum

    Heldentum

    — Jg. 1930, Nr. 25 —

    Bericht eines Helden 

    Am 9. Juni ist in der Nähe von Kiel ein Obelisk enthüllt worden, dessen eine Seite die Inschrift trägt: „Es kommt der Tag, wo Recht über Macht triumfiert!“, während auf einer anderen zu lesen ist: „Im Weltkrieg von 1914 bis 1918 blieben 5132 Helden, 199 U-Boote“. Helden — darf man dazu mal was sagen? 

    Diese fünftausend U-Bootsleute waren lauter Helden. Und zwar nicht etwa, weil zufällig sie das Pech hatten, mit ihrem Kahn in die Luft zu fliegen oder sich in den Sand und Schlamm des Meeresgrundes einzubohren, sondern weil alles, was damals Uniform trug, eben Held war. Die Soldaten des großen Krieges sind im Jargon ihrer Totengräber, der mannhaften Vaterlandsfreunde, vier Jahre lang samt und sonders Helden gewesen und sind es, wenn die nationalen Durchhalter feiern, heute noch. Was steckt dahinter? Etwas sehr Einfaches: ein Volk, das seine Helden ehrt, ehrt sich selber; wenn man das Volk der damals waffentragenden Männer zum Volk der Helden erklärt, so wird die Nation ein Heldenvolk, nämlich ein Volk aus lauter Helden, und alle Heimkrieger, Kriegsschürer, Kriegsnutznießer und Etappendurchhalter und -profitler sind einbegriffen, sanktioniert und mitgeadelt. Helden, Helden, so weit ich seh! Die ganze Flur stinkt nach ihnen. 

    Ich bin berufsmäßiger Held gewesen, vier Jahre lang, und habe schon 1918 im damals bedeutendsten Blatt der Jugendbewegung bescheiden (nicht als Pazifist) gegen diese Zuerkennung des Heldentitels protestiert. Ich darf also wohl auch jetzt. 

    Wir waren keine Helden. Wir haben vier Jahre lang, gezwungen, unter der Fuchtel gehalten, für Widersetzlichkeit mit Zuchthaus und Tod bedroht, widerwillig und innerlich verzweifelt eine dreckige, zermürbende und gemeine Arbeit namens Krieg ausgeführt. Die Entlohnung war tariflich festgelegt; sie war schändlich gering und ausbeuterisch: für 53 Pfennig bares Geld im Tag hatte man sein Leben auszuliefern. Das galt für die gemeinen Arbeiter, die unteren Helden. Die oberen Helden, die Herren Kriegsbeamten und Direktoren, bekamen natürlich eine anständige Gage. Sie stand in keinem Verhältnis zu der unseren. 

    Wir Helden waren feige. Tapferkeit war Leichtsinn; wir lehnten sie ab. Tapfer waren nur die jungen Ersätze – am ersten Tag. Sie kamen, streckten den Kopf über Deckung, um Freund und Feind zu zeigen, daß sie sich nicht fürchteten, bekamen eine geplatzt und waren Helden gewesen. Ihre Kameraden lernten prompt davon und wurden grundsätzlich untapfer wie wir. 

    Im Anfang, als man noch nicht wußte, was Krieg war, und in geistiger Betrunkenheit zum frischfröhlichen Jagen zu stürmen glaubte, kam es gewiß vor, daß die Feldgrauen aus Lust und Liebe ins feindliche Feuer rannten. Das hatte bald ein Ende, es kamen mehr als dreieinhalb Jahre Kater. Schwarzes, geronnenes Blut, gelblich-weißes verspritztes Gehirn, Verwundete, die stundenlang „Mutter!“ brüllen (eigener Schmerzen gar nicht zu gedenken) — die Illusion geht rasch flöten. Ein toter Mensch, der nicht eingebuddelt wird, ist Aas, verfault einem vor den Augen und stinkt weithin — da weicht schnell der Rausch. Später bekamen wir vor Sturmangriffen Schnaps in Menge, damit wir wieder Helden würden; es hat nicht viel genutzt. Wir haben in diesen vier Jahren Angst gehabt, wie ihr andern es euch nie vorstellen könnt; ich auch, natürlich, Angst bis dort hinaus, und das oft genug. Setzt ihr euch mal in einen Lehmgraben oder in ein Erdloch, während ein Trommelfeuer wie ein Hagelwetter über euch niedergeht! Ihr sitzt und wartet, ob’s euch trifft; tun könnt ihr nichts, ihr müßt nur stillhalten. Wenn ihr Pech habt, seid ihr im nächsten Augenblick ohne Kopf oder in euere Bestandteile tranchiert oder zerblasen, gestaltloser Dreck unter Dreck. Und dann wundert euch, wenn ihr Angst bekommt, ihr mit dem Begeisterungsfusel, dem Heldenschmus! 

    Wie ihr euch die Helden denkt! „Patrouille!“ — und schon spritzt alles, und die Aspiranten schlagen sich die Nasen voll, um mitzudürfen. Scheibe! Patrouille war eine gewöhnliche Werktagsfunktion, und wer sich drücken konnte, der tat’s. Wenn ihr Heldenschmuser wüßtet, wie man suchen und betteln mußte, bis die paar Mann beisammen waren, die man als Patrouillenführer mitzunehmen hatte! Euere Helden wollten alle nicht. Der Unterstand war immerhin sicherer; und außerdem wollten sie schlafen. Denn wir hatten ja Tag und Nacht Schlaf. Euere Helden schimpften und fluchten, wenn sie den dienstlichen Befehl erhielten, mitzukommen, räsonnierten und weigerten sich. (In euerem Patriotenhirn heißt das, glaub ich, Meuterei oder doch mindestens Ungehorsam oder Feigheit vor dem Feind. Bei uns Helden war es selbstverständlich und natürlich.) 

    Unsere Patrouillen machten wir oft genug am anderen Morgen erst: auf dem Meldeformular. Unser Kompagnieführer, der Held Oberleutnant N., war eines Tages mit den Schauergeschichten allein nicht zufrieden: er verlangte ein für allemal, daß man Draht vom russischen Verhau mitbrächte. Der Gefreite P. war der erste, der es fertig brachte, er ist dann auch bald Unteroffizier geworden. Von da an lieferten auch wir anderen jeden Tag unser Stück Russendraht ab: hinter der Stellung, unter einem Dutzend deutscher Drahtrollen lag nämlich auch eine russische […] 

    Euere Helden, liebe Leute, gingen aus Angst, gebückt auf die Latrine und saßen geduckt auf der Stange; sie erledigten ihre Geschäfte in größter Eile und knöpften oft erst daheim, im besser geschützten Schützengraben, die Hose zu. 

    Wir Helden sind keineswegs singend in die Schlacht gestürmt, wie jene legendären Kinder von 1914 es gehalten haben sollen. Wir haben geflucht und geschimpft, wenn wir selbst stürmen mußten oder wenn ein Angriff des Gegners bevorstand, und hofften nur das Eine; daß es den anderen treffen möge, und wenn er auch unser bester Kamerad war. 

    Wir Helden haben einander um jeden Bissen Brot scheel angesehen. Wir haben den Bauern Geflügel, Brot und Schweine geraubt. Einer unserer vorgesetzten Helden hat sich in Frankreich die Liebe der Frauen durch Vorhalten des Revolvers errungen. Wir Helden haben alle Hunde aufgefressen, die wir erwischen konnten, den des Bataillonführers einbegriffen. Viele von uns Helden haben sich so oft als möglich besoffen, gewöhnliche Helden und vorgesetzte. (Die gewöhnlichen wurden bestraft, wenn’s rauskam.) Viele haben durch Einführung eines Stückchens Seife einen Tripper vorgetäuscht, um wenigstens ins Lazarett zu kommen, und viele haben sich mit Absicht eine richtige Geschlechtskrankheit geholt. Viele haben den wilden Mann gespielt, mancher hat zwei bis drei Jahre lang Verrücktheit simuliert bis der Krieg alle war. 

    Wir waren Zwangshelden. Ihr wolltet Heldenhaftigkeit von uns erpressen und bekamt geliefert, was ihr verdientet. Nur für das große Maul, das ihr immer noch Unheil anrichten laßt, habt ihr den Lohn noch nicht. Es ist euch noch nicht gestopft worden. Aber vielleicht kommt das noch. 

    1930, 25 · Max Barth 

  • Warum „Sonntags-Zeitung“?

    Warum „Sonntags-Zeitung“?

    Zum Beginn des Jahres 1930 schreibt Erich Schairer:

    Gerade zehn Jahre ist es nun her, da bekam ich als wohlbestallter Chefredaktör der demokratischen Heilbronner „Neckarzeitung“ wegen begründeten Verdachts sozialistischer und sonstiger radikaler Neigungen vom Herrn Verleger den Stuhl vor die Türe gesetzt. Der „Fall“ war eine Zeitlang Tagesgespräch in der Stadt, und Freunde rieten mir, diese Situation zu einer eigenen Zeitungsgründung auszunützen. Ich verpulverte einen Teil meiner Abfindung, ließ Plakate anschlagen, einen Aufruf drucken und Einzeichnungen für ein erstes Jahresabonnement sammeln. Wenn sich tausend Leser für ein Jahr verpflichten würden, wollte ich’s wagen. Sechshundert kamen zusammen, und am 1. Januar 1920 erschien die erste Nummer der „Heilbronner Sonntags-Zeitung“. Ich erklärte in einem programmatischen Einführungsartikel, diese Zeitung werde dem Geiste des Sozialismus und der Demokratie dienen, der in der angeblich sozialistischen und demokratischen Republik noch keineswegs lebendig geworden sei.

    In vielen deutschen Städten sind damals solche Zeitungen gegründet worden. Fast alle sind nach kurzer Frist wieder eingegangen. Auch mir ist dieses Schicksal oft profezeit worden. Es sei unmöglich, hieß es, eine Zeitung aufrecht zu erhalten, die weder eigenes Kapital noch eine Interessengruppe oder Partei hinter sich habe, und die dazu noch verrückterweise auf Inserate verzichte.

    Daß es schwer sei, wußte ich. Daß es möglich ist, glaube ich bewiesen zu haben. Gleich von Anfang an habe ich diesen meinen „Spleen“ der inseratenlosen Zeitung allerdings nicht durchgeführt. Im ersten Jahrgang hatte jede Nummer eine ganze Seite von mir höchstpersönlich acquirierter Annoncen. (Alles selber machen: das war mein Geschäftsgeheimnis, das mich neben der Anhänglichkeit und Opferwilligkeit der Leser in jenen ersten Jahren, notabene in den Inflationsjahren, über Wasser gehalten hat.) Ich hatte mir aber vorgenommen und das auch öffentlich versprochen, jedes folgende Jahr eine Viertelseite Inserate abzubauen. Das habe ich gehalten: seit dem fünften Jahrgang erscheint in der Sonntags-Zeitung kein Inserat mehr, und es wird keines in ihr erscheinen, solange ich sie herausgebe.

    Warum? Das Inseratenwesen ist, wie schon Lassalle gepredigt hat, in erster Linie schuld an der Minderwertigkeit unserer Zeitungen. Wie kann ein Blatt dem öffentlichen Interesse dienen, das gleichzeitig über den Inseratenteil jedem zahlungsfähigen Privatinteresse zur Verfügung steht? Auch die sozialistische und die kommunistische Presse glaubt ohne diese unreinliche Verquickung nicht existieren zu können. Sie könnte es, wenn sie es wagen würde, sich räumlich oder zeitlich etwas einzuschränken und sich von den Lesern statt von den Geschäftemachern bezahlen zu lassen.

    Die Sonntags-Zeitung ist stolz darauf, daß sie das fertig bringt. Ihre Leserzahl ist, mit Ausnahme von zwei Stockungen, in der Inflationszeit 1922-23 und während der Wirtschaftskrise 1926-27, langsam aber stetig gewachsen. Sie wird, wie ich vermute, noch weiter zunehmen.

    Soll ich aus den zehn Jahren, die jetzt vergangen sind, ein paar Anekdoten erzählen? Wie ich meine Mitarbeiter fand, mit Druckereien wechseln mußte, manches richtig und vieles falsch vorausgesagt habe? Oder etwas von Gerichtsverhandlungen, Landes- und Hochverratsklagen, Haussuchungen und so? Es gäbe schon einiges, aber reden wir lieber später drüber, wenn wir einmal älter und geschwätziger geworden sind. Bloß eine kleine Geschichte will ich aufwärmen: wie der Name „Sonntags-Zeitung“, den so manche für wenig glücklich halten, ohne mein Wissen für ihr Dasein entscheidend gewesen ist.

    Die „Sonntags-Zeitung“ (von Januar bis Oktober 1920: „Heilbronner Sonntags-Zeitung“, von da bis Oktober 1922 „Süddeutsche Sonntags-Zeitung“, seither nur noch „Die Sonntags-Zeitung“) heißt so aus dem gleichen Grund, aus dem eine Montags erscheinende Zeitung „Montags-Zeitung“ heißt. Aber der Name hat für manche Leute ein Nebengeschmäckchen, das ich seinerzeit absichtlich ignoriert habe. Und gerade das hat dem Blatt sozusagen in der Wiege einmal das Leben gerettet.

    Damals nämlich war das Zeitungspapier noch kontingentiert. Wenn man eine Zeitung herausgeben wollte, brauchte man einen Bezugsschein von der „Wirtschaftsstelle für das deutsche Zeitungsgewerbe“ in Berlin. Am 30. Dezember 1919 hatte ich mir einen solchen erbeten und ihn ohne weiteres erhalten. Kurz darauf, als die erste Nummer erschienen war, bekam ich einen Brief dieser selben Wirtschaftsstelle, aber mit anderer Unterschrift, anscheinend von einer anderen Abteilung, in dem es hieß: für meine Zeitung sei kein Druckpapier freigegeben, ihre Herausgabe verstoße gegen das Gesetz und müsse deshalb strafrechtlich verfolgt werden. Ich erwiderte mit einem höflichen Hinweis auf die in meinen Händen befindliche Bewilligung. Und daraufhin kam von Berlin folgende köstliche Antwort: „Wie die auf Grund Ihrer gefl. Mitteilungen vorgenommenen Nachprüfungen ergaben, ist Ihnen allerdings von der für Zeitschriften zuständigen Abteilung der Wirtschaftsstelle ein Bezugsrecht auf vierteljährlich 650 Kilogramm Druckpapier zur Herausgabe einer Sonntags-Zeitung freigegeben worden. Unter der Bezeichnung „Sonntags-Zeitung“ wird von uns eine Zeitschrift religiöser oder wenigstens unterhaltender Tendenz verstanden, nicht aber ein Blatt, das, wie das Ihrige, zwar nur wöchentlich erscheint, aber politische und Tagesereignisse behandelt und deshalb den Charakter einer Tageszeitung hat. Wir wollen nicht die Feststellung unterlassen, daß Ihnen das Bezugsrecht zur Herausgabe dieser Zeitung niemals gewährt worden wäre, wenn Sie uns den wirklichen Charakter Ihres Blattes näher ausgeführt hätten.“

    Für ein religiöses „oder wenigstens“ unterhaltendes Sonntagsblättchen wäre damals in der armen deutschen Republik das Papier nicht zu knapp gewesen. Aber ein Blatt wie die Sonntags-Zeitung hätten die Herren Bonzen ohne Weiteres unterdrückt, wenn sie geahnt hätten, wie es ausfallen würde.

    Es gibt, glaube ich, auch heute noch ein paar Leute, die sich ehrlich freuen würden, wenn diese offenbar nicht religiöse, ja nicht einmal unterhaltende Zeitung ihr Erscheinen einstellen müßte. Ich hoffe, liebe Leser, euch ist sie unterhaltend genug und nicht zu wenig „religiös“. Wir wollen den verehrlichen Herrschaften, die mehr fürs „Religiöse oder wenigstens Unterhaltende“ sind, zum Trotze die Alten bleiben und weitermachen.

    Die Sonntags-Zeitung erscheint übrigens, was noch nicht alle gemerkt haben, seit 1. Juli 1925 nicht mehr in Heilbronn, sondern in Stuttgart.

    Sch.

    Die Auflage der Sonntags-Zeitung

    • Mitte 1920 : 2000
    • Mitte 1921 : 3100
    • Mitte 1922 : 3900
    • Mitte 1923 : 3900
    • Mitte 1924 : 4300
    • Mitte 1925 : 5200
    • Mitte 1926 : 5900
    • Mitte 1927 : 5700
    • Mitte 1928 : 6200
    • Mitte 1929 : 6500