Schlagwort: Josef Eberle

  • Frau Momm

    — Jg. 1930, Nr. 12 —

    Ihr Mann ist in Potsdam Regierungspräsident,
    Justizrat ist ihr Herr Schwager,
    ihr Schwiegersohn gar ist Ministerialdezernent
    aus mächtig feudalem Lager.
    Wie Sie sehen, gehört die gute Frau Momm
    zu den allerbesten Kreisen.
    Die Dame ist überdies kolossal fromm,
    so fällt es nicht schwer, zu beweisen,
    daß sie das mit dem fraglichen Silbergeschirr
    nicht aus gemeinen Motiven gemacht,
    sondern weil sie nervös, überreizt und irr …
    Eine Strafverfolgung kommt nicht in Betracht.

    Klassenjustiz? Aber erlauben Sie mal!
    Die Dame ist krank und gehört ins Spital.
    Und weil ihr Fall nicht der Tragik entbehrt,
    ist sie unseres höchsten Mitgefühls wert.

    Und dann ist da noch der Fall Marie Schmidt,
    der lang nicht so interessant ist,
    weil nämlich ein einfaches Dienstmädchen mit
    so vornehmem Volk nicht verwandt ist.
    Im Gegenteil, diese Frauensperson
    gehört zu den unteren Schichten.
    Im Monat verdient sie dreißig Mark Lohn,
    und mit ihr macht man nicht lang Geschichten.
    In ihrem Fall heißt es einfach: sie stahl!
    Und darauf steht Kittchen im Deutschen Reich.
    Für Arm und für Reich, das ist völlig egal,
    denn vor dem Gesetz sind wir alle gleich.

    Klassenjustiz? Aber erlauben Sie mal!
    So eine Person! Das ist ein Skandal.
    Klar, daß die da ins Kittchen gehört,
    so eine ist unserer tiefsten Verachtung wert.

    1930, 12 Tyll

  • Der Holzkopf

    — Jg. 1929, Nr. 18 —

    Das Berliner 8-Uhr-Abendblatt erzählt in einer seiner letzten Ausgaben eine Geschichte, die jeden Vaterländisch-Gesinnten tief schmerzlich berühren muß. Es handelt sich um nichts weniger als um die vielfältigen Irrfahrten des göttlichen Dulders Hindenburg. Nicht des lebenden, sondern des eisernen, der in der großen Zeit auf dem heutigen „Platz der Republik“ in Berlin aufgestellt war. Man durfte gegen entsprechendes Entgelt der „vielfach überlebensgroßen Figur“ aus knorrigem deutschem Eichenholz zu Gunsten der Kriegsverletzten und Kriegshinterbliebenen eiserne und goldene Nägel in Brust und Nabel treiben. Je vernagelter, desto besser — so ist nun mal das Heldenideal unseres Volkes.

    Dieser Hindenburg stand in Obhut des Luftfahrerdankes, der auch für die Verwaltung der eingenommenen Gelder verantwortlich war. Und wie das bei unseren gemeinnützigen und patriotischen Unternehmungen so üblich ist, geriet die Luftfahrerdank G. m. b. H. mit ihrem gesamten Vermögen in Konkurs. Man eröffnete ein Strafverfahren gegen den Geschäftsführer, das aus vaterländischen Motiven natürlich im Sand verlaufen mußte. Auch der eiserne Hindenburg geriet in die Konkursmasse und kam unter den Hammer. Die Konkursverwaltung wollte mit ihm keinen Gewinn erzielen, sie machte einigen vaterländischen Verbänden Offerte in dieser Branche, kam aber mit ihnen leider nicht ins Geschäft, da sie nicht einmal die Zerlegungs- und Transportkosten bezahlen wollten. Man bot den Hindenburg wahllos nach rechts und nach links an — umsonst: die Hindenburgkonjunktur war vorbei. An der Börse für nationale Werte herrschte durchgreifende Baisse.

    Schließlich ließ man den Helden von der Firma Erich Butzke abbrechen. Herr Butzke bot ihn billigst zum dritten- und letztenmal an, diesmal an Ostpreußen, deren Land das lebende Original von den Russen befreit hatte. Aber die undankbaren Ostpreußen hatten keinen Bedarf.

    Es blieb nach alledem nichts übrig, als das vernagelte Heldenideal, gevierteilt und in lauter kleine Stücke zerschnitten, auf dem Lagerplatz der Berliner Hoch- und Tiefbaufirma Meyer (ausgerechnet Meyer!) in einem Schuppen unterzustellen. Man versuchte zwar, die Hindenburgklötzchen zu konservieren, aber es ist ein Naturgesetz, daß alles Veraltete, Unbrauchbare und Überlebte zu Staub zerfallen muß. Rost, Schwamm und Moder zerfraßen den mächtigen Heldenleib, und eines schönen Tages hat man die schimmligen und morschen Überreste pietätslos und ohne Trauerfeierlichkeiten verbrannt. Nicht einmal ein Regierungsvertreter war anwesend.

    Nur der Holzkopf (ja, ja, ich weiß schon!) blieb erhalten. Allein seine Ausmaße müssen Respekt einflößen: hat er doch im Durchmesser an die zwei Meter. Was soll mit ihm geschehen? Wie man hört, soll ein reicher Amerikaner, der das Stück für sein Raritätenkabinett erwerben möchte, bereits ein Angebot gemacht haben.

    Können wir es länger mit ansehen, wie nationale Güter zu Spottpreisen verschleudert werden? Nein, unser Hindenburg muß uns erhalten bleiben. Ich schlage deshalb vor, einen „Verein zur Erhaltung des Holzkopfs“ zu gründen. Mitgliedsbeiträge können eingesandt werden an…

    1929, 18 Tyll

  • Die Schreckenskammer

    — Jg. 1926, Nr. 31 —

    Haben Sie schon das Kalb mit den zwei Köpfen gesehen? Oder den Neger auf der Messe, der lebende Ratten frißt? Oder die stachlige Dame, die man auf der Burg zu Nürnberg zeigt, und deren Jungfernschaft unzerstörbar, weil aus Eisen, ist? Es hat Ihnen nicht gegruselt? Dann besuchen Sie das Landesgewerbemuseum in Stuttgart, Abteilung Geschmacksverirrungen. Sie werden das Gruseln lernen!

    Herr Direktor Pazaurek führt Ihnen dort unter Glas, gut eingemottet, den Geist des totgesagten Mittelstandes der verflossenen 50 Jahre vor. Sie sehen dort, womit man in der kaiserlichen, der schrecklichen Zeit seinen hemmungslosen Drang nach Gemüts- und Wohnungskultur befriedigt hat, vom Patent-Closett-Sitz „Moralität“ bis zum Zeppelinkopf als Faßhahn. Da stehen alle die süßen Dinge, lieblos und systematisch geordnet. „Reisepräsente“: Fliegenschwämme, Porzellanschweine und -Kühe mit auf den Bauch gemalten Stadtpanoramen, Bierkrüge usw. „Gruß aus N.“

    Es war eine Zeit des Aufstiegs, nach Siebzig. Die jungen Mädchen besuchten das Pensionat, häkelten Sofaschoner und Deckchen in rauhen Mengen, brandmalten den Trompeter von Säckingen, stickten auf Stramin sinnige Sprüche („Wo Glaube, da Liebe, wo Liebe, da Friede!“), die man gerahmt übers Ehebett hing, oder, wenn draufstand „Frohes Erwachen ohne Sorgen — guten Morgen!“, übern Waschtisch. Firm in der Kunst, malte man die beiden Raffael-Engelchen auf Tabaksdosen, Teller, Messer, Gabel, Scher‘ und Licht. Wo eben Platz war.

    Man war auch fromm: ein auf die Kaffeetasse gepinseltes Herz-Jesu-Bild machte, daß die Morgenbrühe noch einmal so gut schmeckte. Die aufblühende Industrie unterstützte das Christentum, wo sie nur konnte, durch Massenproduktion von Schutzengeln, Lourdes-Madonnen, Weihwasserkesseln aus Porzellan, Gips und Papiermaché. Billig und ganz dem religiösen Zug der Zeit entsprechend.

    Die täglichen Gebrauchsgegenstände enthob man ihrer nüchternen Zweckmäßigkeit, indem man ihnen teils „scherzhafte“, teils „künstlerische“ Formen gab. Da gibt es Revolver als Briefbeschwerer, Reitpeitschen als Thermometer, den obligaten Dackelhund aus den Fliegenden Blättern, der schlechtweg auf alles dressiert ist: Zigarrenspitzen abzuschneiden, Tante Paulas Spitzenbluse zu zieren und Postkartengrüße zu übermitteln. Aus Totenköpfen trank man einander Schmollis zu oder strich sich Senf auf die Wurst, W.-C.-Anlagen mußten als Aschenbecher dienen. Den Don-Juans, die das „savoir vivre“ hatten, war schon damals sublimiertere Erotik nicht fremd: sie benutzten als Zigarren-Etuis zierliche Damenkorsetts und als Stiefelzieher eine lasziv die Beine spreizende Dame aus Holz. Äußerst beliebt war eine Nachbildung des Brüsseler „Manneken piß“ als Likörflasche. Prosit!

    Dann kam die „große Zeit“. Der Patridiotismus machte sich Luft. Auf Bierfilzen, Krügen, Schnupftüchern, Lebkuchen wurden, umkränzt von Eichenlaub, die Visagen unserer Landesväter und Massenmörder verherrlicht. Zeppeline, U-Boote, die „dicke Berta“ prangten als Schmuck am treudeutschen Christbaum. Und weil die Heimatkrieger doch auch etwas von der großen Zeit haben wollten, machten sie aus Granaten Blumenvasen und schifften auf schwarz-weiß-roten Bettvorlagen mit eingewebtem E. K. in den Ehehafen, oder banden sich eine schwarz-weiß-rote Bartbinde um. Der Kunsthonig „Eiserner Hindenburg“ hatte so durchschlagenden Erfolg, daß der Fabrikant des schwarz-weiß-roten „besten deutschen durchlochten Reinigungspapiers: Deutsche Eiche“ mit Aufträgen überschüttet wurde.

    Es war eine herrliche Zeit. Pazaurek nennt diese Kategorie seiner Sammlung „Hurra-Kitsch“.

    Aber eines fehlt noch in diesem Milieu: die Mumie, für die das alles geschaffen wurde. Der Mann mit dem vorgebundenen Stärkebrettchen, mit Röllchen und Zugstiefeln, mit Speckwülsten am Hals und Berlocken auf dem Wanst, mit aufgezwirbeltem Schnurrbart, kraftvollem Hurrabaß und sämtlichen Jahrgängen der „Gartenlaube“ und „Über Land und Meer“, Mitglied eines Dutzends Vereine, Vater zweier heiratsfähiger Töchter mit anständiger Aussteuer (Bettwäsche, Wärtikoh und Regulator), dito eines Korpsstudenten. Aber diese Kulturmumie kann Pazaurek seiner Kollektion nicht einverleiben: sie wird noch heute auf Amtsstuben, Büros und an Stammtischen benötigt!

    1926, 31 Tyll

  • Karikatur und Satire

    Humor ist, wenn man trotzdem lacht, sagt Wilhelm Busch. Diese reifste Form der Weltbetrachtung beruht auf milder Resignation, auf Skepsis und tiefer Einsicht in die Unzulänglichkeit und Fragwürdigkeit alles Menschlichen, also auf überlegener Weisheit. Der Humor sieht immer beide Seiten, und da er ausgleichend und versöhnend wirkt, bietet er oft die letzte Lebensmöglichkeit, nämlich: sich mit dem Gegebenen, so wie es nun mal ist, abzufinden. Humor ist eine Alterserscheinung. Und überdies eine Rarität. Denn sabbern allein beweist noch keinen Humor.

    Der Satiriker hat ihn nicht. Er will sich nicht abfinden, er ist keineswegs geneigt, das Gegebene als endgültig hinzunehmen. Er will es ändern. Und so verhält er sich vor allem einmal zu jeder Autorität, der er sich beugen soll, kritisch. Wehe, wenn sie, statt auf geistiger und sittlicher Überlegenheit zu beruhen, sich auf Äußerlichkeiten oder auf das Recht des Stärkeren stützt. Sie verfällt unfehlbar der Lächerlichkeit. Auslachen ist oft die einzige Waffe, einem an äußeren Machtmitteln überlegenen Gegner beizukommen. Denn man sagt, Lächerlichkeit töte.

    Kein Wunder, daß Karikatur und Satire immer zu den schärfsten politischen Waffen gehört haben. Und stets war es die Opposition, die diese Waffen mit besonderer Virtuosität geführt hat. Das mag daran liegen, daß etwas bereits Bestehendes oder Verwirklichtes, wie es eine Gesellschaftsordnung, eine Regierungsform oder ein Regierungsprogramm ist, naturgemäß viel mehr Angriffsflächen bietet als eine Theorie, die noch nicht realisiert ist. So richten sich Karikatur und Satire der Opposition immer gegen das Bestehende, indem sie ihm den Schein des Unabänderlichen und Gottgewollten nehmen, es respektlos vivisezieren, seine Fundamente: Autoritätsglauben und Wert-Theorie untergraben, die Kehrseite der Medaille zeigen, kurz, es lächerlich machen. Und da sich die beiden an einen der elementarsten Triebe wenden, an die Lachlust, die ja die Menschen immer am liebsten auf Kosten anderer befriedigen, wirken diese politischen Kampfmittel viel unmittelbarer als alle sachlich-theoretischen Überzeugungsversuche.

    Theorien und Systeme sind etwas Totes. Sie leben nur durch die Menschen, die sie vertreten oder verkörpern. Deshalb greift die Satire, wenn sie ein System oder eine Klasse treffen will, deren typische Vertreter an, zum Beispiel: den Offizier, den Richter, den Abgeordneten, den Pfarrer, den Literaten, den Bonzen, den Star, den Spiesser oder den Polizeidiener. In allen diesen Typen soll weniger das menschlich meist uninteressante Individuum getroffen werden als vielmehr die Klasse oder Institution, deren bezeichnende Repräsentanten diese Figuren sind. Es ist wohl denkbar, daß auch das korrupteste System noch den oder jenen achtbaren Vertreter aufweisen kann, dem also unrecht geschieht. Aber hier gilt: mitgegangen, mitgehangen! Objektivität ist noch nie die starke Seite der Satire gewesen. Sie ist bewußt einseitig, sie verallgemeinert, übertreibt und vergröbert, denn sie will möglichst sinnfällig sein, um von allen verstanden zu werden. Sie will Kritik wachrufen. Gerechtigkeit, landläufig genommen, darf man von ihr nicht erwarten, so wenig wie fotografische Ähnlichkeit von der Karikatur. Und doch sind die beiden in einem höheren Sinn sowohl gerecht wie ähnlich, denn sie geben das Wesentliche.

    Häufig hört man von friedliebenden Leuten den Einwand: gewiß ist es so, aber so scharf darf man es nicht ausdrücken; das Persönliche sollte aus dem Spiel bleiben. Voila — das berühmte Kalb mit den zwei Köpfen! Bei uns zerfällt der Mensch immer in das „Persönliche“ und sonst noch was. Was heißt denn das: politisch ist er zwar ein Gauner, aber menschlich ist er ein anständiger Kerl? Also ist er doch ein Gauner. Und was bleibt, wenn man das „Persönliche“ bei unsern Regierern aus dem Spiel läßt? Bestenfalls ein Titel und ein Parteibuch. Weil sie zum großen Teil persönlich Nullen sind, sind sie es auch politisch. Ein kleiner skatspielender Amtsrichter ist vom Standpunkt des Satirikers aus wirklich nicht besonders interessant. Aber wenn der kleine Amtsrichter plötzlich Staatspräsident wird, dann gewinnt auch sein „Persönliches“ an Interesse für den Satiriker, der draus Schlüsse ziehen kann auf das Wesen seiner Klasse, die ihn gewählt hat und ihn gar als Ideal ansieht.

    Getroffene Hunde bellen. Bei uns besonders laut. Denn unsere Angegriffenen sind meist weder so klug noch so humorvoll wie der verstorbene Stresemann, von dem man erzählt, daß er ein Sammler aller seine Person betreffenden Karikaturen gewesen sei. Im allgemeinen bieten sie gegen Spott und Witz den ganzen schwerfälligen Apparat ihrer Macht auf. Das hagelt nur so von Geld- und Gefängnis-Strafen, von Verboten, Beschlagnahmungen, Unterdrückungen und anderen Knüppelmaßnahmen. Was einem den Verdacht nahebringt, daß die Herren ihrer Gottähnlichkeit selbst nicht trauen. Wahre, wirkliche Autorität leidet nicht darunter, daß man zeigt, auch ihr sei nichts Menschliches fremd.

    Im Übrigen sei bemerkt, daß die Art der Satire, die Möglichkeiten zu richterlichem Einschreiten bietet, nicht immer die beste ist. Denn gerade das ist ja einer der Hauptreize für den Satiriker, etwas zu sagen, ohne es eigentlich zu sagen. Und wenn man ihm das Singen verbietet, so pfeift er. Das ist meist viel weniger harmlos. Bosheiten hintenherum klingen immer gehässiger, galliger und spitzer als in aller Öffentlichkeit ausgesprochene Spöttereien. Die Franzosen sind klüger. Sie wissen, daß das öffentliche Durch-den-Kakao-ziehen der Regierenden ein harmloses Ventil für die Unzufriedenheit der Regierten ist. Gewaltsame Verdrängung führt nach Freud stets zur Hysterie.

    Satire muß sein, hat mir mein Herr Staatsanwalt versichert, als er mich verknaxte. Und er muß ja wissen, was ihm nottut.

    Tyll

  • Die Halbgötter

    Manchmal möcht‘ ich gar zu gerne wissen,
    wie sich das bei großen Herrn verhält,
    ob die hin und wieder auch mal müssen,
    und wie sich die Würde dazu stellt.

    Was für ein Gesicht macht wohl der große
    Takkur, wenn er das Papier ergreift,
    oder Er, wenn Er die Marschallshose
    zu bewußtem Zweck herunterstreift?

    Wie benimmt sich dabei unser Gerhart?
    Kennt er Goethes Haltung im W.C.?
    Ist Stefan Georges Stuhlgang sehr hart,
    oder jauchzt er dabei Evoe?

    Wahrt die bonapartischen Gebärden
    Mussolini auch, wo’s niemand sieht?
    Kann’s die Denkerwürde wohl gefährden,
    wenn Graf Keyserling die Strippe zieht?

    Ob Diktator, Denker, Dichter, König,
    keinem ist der Erdenrest geschenkt.
    Und den Landmann schert die Herkunft wenig,
    wenn er seine Wiesen damit tränkt.

    1926, 39 Tyll

  • Repräsentation

    Die Herren in Frack und gestärkter Brust,
    geschniegelt, gebügelt und selbstbewußt,
    im Knopfloch die Chrysantheme.
    Die Damen in Seide und Krepp-Sateng,
    geschminkt und gepudert und, huch, so mongdäng —
    mit einem Wort: Crême de la Crême!
    Und es tanzen mal rechts und es tanzen mal links,
    die Sorgen vergessen habend,
    die Müllers, die Löbes, die Severings
    auf dem parlamentarischen Abend.

    Die Konkurrenz aber erhebt ein Mordsgezeter:
    Seht eure sauberen Arbeitervertreter!
    Verräter sind es vom Scheitel zur Zeh —
    darum hinein in die K.P.D.!

    Und wiederum schmeißt sich in Frack und in Lack
    das prominente Berliner politische Pack,
    denn man schätzt Krestinskis Empfänge.
    Dort wird auf silbernen Tellern soupiert,
    die mit Sichel und Hammer geschmackvoll verziert,
    Und das Essen hat sieben Gänge.
    Es hebt der Vertreter vom Sowjetstaat
    sein Sektglas und ruft mit Emfase:
    Es lebe das kämpfende Proletariat!
    Und die Gäste nippen am Glase.

    Die Konkurrenz aber erhebt ein Mordsgezeter:
    Da habt ihr die Bolschewikenvertreter!
    So sieht sie aus, die Sowjet-Idee —
    darum hinein in die S.P.D.!

    So tobt nun seit Wochen das Pressegeschrei.
    Die eine beschimpft die andere Partei
    mit gespielter Entrüstungspose.
    Doch ob sich Krestinski auf Cocktails versteht,
    und ob sich Herr Löbe im Walzertakt dreht,
    das, scheint mir, ist Jacke wie Hose.
    Denn die Bonzen sind sich überall gleich,
    und zeigen das gleiche Bestreben
    bei uns und im roten Sowjetreich:
    auf dem Rücken der andern zu leben!

    Warum also, Prolet, das wüste Gezeter?
    Du hast sie gewählet, es sind deine Vertreter!
    Und das nächstemal wählst du wie eh und je
    wiederum S. oder K.P.D.!

    1929, 9 Tyll

  • Offiziersball

    Emilie, reich mir die Hurratüte
    und heft den Christbaumschmuck mir an den Latz!
    Heut sammelt sich von deutscher Männerblüte
    der Bodensatz.

    Und wenn auch die Novemberlinge spotten,
    wir strahlen doch im alten Farbenglanz.
    Ein deutscher Mann fühlt erst in scheckigen Klamotten
    sich voll und ganz.

    Was Not des Volkes! Arbeitslosenqualen?
    Die Löhne klein, das Fressen schlecht und karg?
    Wenn die uns solche Pensionen zahlen,
    ist’s halb so arg.

    Nun laßt das Blech in Wort und Ton erschallen:
    Mit Gott fürs Vaterland! Durch Kampf zum Sieg!
    D i e Stellung wird gehalten, bis wir fallen
    bei Hurra und bei Pfropfenknallen,
    wie einst im Krieg . . .

    1926, 51 Tyll

  • Ode an die Dummheit

    Ode an die Dummheit

    Laß mich um deinen Sockel Kränze winden
    aus Immortellen und aus Immergrün!
    Nie wird die Allmacht deines Thrones schwinden,
    und deiner Hand das Zepter zu entwinden
    ist heißes, doch vergebliches Bemühn.

    Du blinzelst nicht wie Themis durch die Binde,
    du unterscheidest weder Links noch Rechts;
    dem Millionärs- und dem Proletenkinde
    legst in die Windeln du dein Angebinde
    ohn‘ Ansehn der Person und des Geschlechts.

    Wie hehr, wenn du, von Ochsen und Kamelen
    umringt, an denen du in Liebe hängst,
    Politikern und deutschen Generälen,
    die deiner Gunst besonders sich empfehlen,
    die volle Sonne deiner Gnade schenkst!

    Heil ihm, den du mit segensreichen Händen
    im Überschwang geruhst zu benedein;
    laut Bibel wird er einst im Himmel länden,
    auf Erden sind die dicksten Dividenden
    (Kartoffeln, wie man früher sagte) sein!

    Noch nie gelang’s, sich deiner zu erwehren,
    dein Schild ist gegen Hieb und Stoß gefeit.
    Und könnte diese Welt dich denn entbehren?
    O laß mich drum in Andacht dich verehren,
    denn dein ist Reich und Macht und Herrlichkeit!

    1926, 18 Tyll

  • Die Konfirmationstorte

    — Jg. 1929, Nr. 13 —

    Die Bäcker, das wußten schon Max und Moritz, sind fromme Leute, und wenn die besseren Bäcker, die Konditoren, noch frömmer sind, so entspricht das wohl einer gottgegebenen Ordnung. Sie sind frömmer in einem feineren Sinn: sie wissen, was sie sowohl einem tiefer verstandenen Gott als auch einer höherstehenden Kundschaft schuldig sind; daß es nicht genügt, mit Treu und Redlichkeit den Brotteig zu rühren; daß der Sauerteig ihrer Frömmigkeit viel unmittelbarer ins Werk ihrer Hände einzugehen hat. Kann denn, so meinen sie daher, Gott etwas mehr gefallen als eine Konfirmationstorte, die nicht die sinnlose Kreisform, sondern die sinnige Form einer Bibel hat? Können wir, denken sie gleichzeitig, unseren Kunden eine liebere Freude machen, als wenn wir ihnen ein solch köstliches Sinnbild ins festliche Haus schicken?

    Ich habe eine solche Torte — wie schön war der helle schweinsleder-zuckrige Einband, mit dem Strahlenkreuz und den Blümlein darauf — mitten im aufstrebenden Stuttgart gesehen, im Herzen eines Volkes, das von jeher die Angelegenheiten des Magens und des Glaubens mit gleicher Gründlichkeit zu behandeln pflegte. Wo in der Welt wird das Konfirmationsfest mit solcher Liebe vorbereitet, mit solcher Sorgfalt gefeiert? Wo sind die christlichen Belange und die bürgerlichen Werte, die Wünsche und die Geschenke der Taufpaten, die lebenswegweisenden Briefe und die Taschenmesser, die Mahnworte und die Briefbeschwerer so sinnvoll vereinigt? Wo tröstet die durch ungewohnte Kleidung bedrängten Kinder und die auf harten Kirchenbänken ermüdeten Angehörigen eine solch heitere Aussicht, wo harret ihrer ein so reichlich gedeckter Tisch? Hier wahrlich herrscht der rechte Geist, und niemand kann es den Guten mißgönnen, wenn das Wort Gottes, das vom Herrn Pfarrer vorher so wunderschön ausgelegt worden ist, auch noch von der Hausfrau in schokoladene Stücke zerlegt wird und also in die Gläubigen eingehet.

    1929, 13 Severus

    Der Pietismus ist der Versuch, mit dem „lieben Gott“ in ein übertrieben familiäres Verhältnis zu kommen.

    1924, 45 Momos

    Es gibt so exemplarisch tugendhafte Menschen, daß man bei ihrem Anblick unwillkürlich Sehnsucht nach ein klein wenig Laster bekommt.

    1922, 48 Momos