Schlagwort: Ix

Pseudonym von Erich Schairer

  • Die Abfindung

    — 5. Jg. 1924, Nr. 39 —

    Die Hohenzollern, denen es bekanntlich sehr schlecht geht, führen einen Rechtsstreit, um von der deutschen Republik eine Jahresrente von 1 1/2 Millionen herauszuschlagen. Sie glauben einen berechtigten Anspruch darauf zu haben, daß das Volk, das sie in die Tinte geritten haben, dafür auch ordentlich bleche. Damit sie standesgemäß weiterleben können. „Standesgemäß“, d. h. wie es ihnen paßt, vor allem aber ohne durch das entwürdigende Mittel der Arbeit das tägliche Brot herbeischaffen zu müssen.

    1 1/2 Millionen sind für die vielköpfige Familie (Gottes Segen lag ja immer auf dem Hause Hohenzollern — wenigstens in puncto Fruchtbarkeit) vielleicht nicht sehr viel. (Wie sie’s nun mal zu treiben gewöhnt sind.) Immerhin liegt ein derartiges Einkommen einige Grade über dem Existenzminimum. Man kann schon mit viel weniger auskommen, wenn es sein muß. Da hat z. B. erst vor kurzem Berlin der verarmten Tochter des großen Chirurgen Virchow, der Ehrenbürger der Stadt war, eine widerrufliche Monatspension von 225 Goldmark bewilligt. Nun, Virchow hat ja auch nur für die Erhaltung von Menschenleben gearbeitet; diese Tätigkeit steht weniger hoch im Kurs als die andere: Menschen zu Millionen in den Tod zu hetzen. Es ist also recht und billig, wenn die Hohenzollern, die alles in allem an die fünfzig Leute sind, ein paar hundertmal mehr bekommen.

    Hoffentlich, so muß man sich sagen, verfällt nicht diese Republik auf die Idee, nach dem bismärckisch-hohenzollernschen Prinzip, das bei der Einverleibung des Königreichs Hannover durch Preußen zur Anwendung gebracht worden ist, das Eigentum der verflossenen „Herrscher“ einfach für verfallen zu erklären und aus Gnade eine mäßige, bescheidene Abfindung zu schenken. Denn wovon wollten dann die armen Leute die Propaganda für ihre Wiedereinsetzung bezahlen?

    Ix

  • Die gerettete Uniform

    — Jg. 1925, Nr. 37 —

    Herr von Hindenburg, der bisher nur Besuche empfangen und gemacht hat, ist aktiv geworden: er regiert. Er hat seine erste Amtshandlung begangen: er hat die Verordnung aufgehoben, durch die den ehemaligen Offizieren Wilhelms das Recht, die Uniform zu tragen, beschnitten worden war.

    Ein Merkmal: gewogen und zu leicht befunden! In dieser Zeit, da wieder einmal die Not im Volke steigt, bringt es dieser „Repräsentant des Volkswillens“, dieser so marktschreierisch angepriesene „Retter“ fertig, seine erste Amtshandlung dem Maskeradenbedürfnis seiner ehemaligen Berufsgenossen zu widmen. Dazu haben wir offenbar einen Präsidenten der Republik, daß er sich zu allererst mal um die Neuaufbügelung der wilhelminischen Livreen verdient macht!

    Notabene: die gesetzmäßige Regelung dieser Uniformfrage durch den Reichstag stand bevor. Aber die alten Offiziere haben sich wohl mit Grund gesagt, daß die Volksvertretung ihnen den gewünschten Freibrief, das Recht, ihre Livree nach Belieben zu tragen, nicht erteilen würde. Da mußte sich der gute Hindenburg in den Reichstagsferien schnell der Sache annehmen und das Parlament vor ein fait accompli stellen.

    Und der „demokratische“ Herr Wehrminister Geßler, der den Ukas gegenzeichnen mußte, hat sich also auch dazu hergegeben, der Entscheidung der Volksvertreter vorzugreifen.

    Es ergeben sich zwei Fragen: Läßt sich der Reichstag das gefallen? Und: Wie lange will sich die Deutsche demokratische Partei noch mit diesem Herrn Geßler blamieren? Wann wimmelt sie ihn ab und spediert ihn, unter Verabreichung eines Freibillets nach deutschnationalen Gegenden, hinaus?

    Und Herr Hindenburg? Auf einem Apfelbaum wachsen nun einmal keine Zwetschgen. Mag er noch so viele pazifistische Töne tönen und volksberuhigende Worte säuseln, die man ihm eingelernt hat, – er bleibt doch der er war. Die geliebte Uniform, die er in seiner jetzigen Dienststellung leider nicht mehr so oft spazieren tragen darf wie früher, seinen alten Kollegen zurückzugeben, ist ihm Herzenssache.

    Die Kriegskrüppel aus dem Mannschafts- und Unteroffiziersstand dagegen müssen nach wie vor im schäbigen Zivil rumlaufen. Es wäre für die deutsche Öffentlichkeit und den einzelnen gutgesinnten Deutschen ja auch zu peinlich, auf Schritt und Tritt durch den Anblick Gelähmter, Hinkender, Einarmiger, Einäugiger, Hustender, Nervenzitternder in Uniform daran erinnert zu werden, daß diese Unzähligen, die ein Teil ihrer selbst für Deutschland hingegeben haben, von ihrem lieben Vaterland mit einem Bettelpfennig abgefunden werden.

    Da erlaubt man lieber denen, die — als Gesunde! — ihre auskömmliche Pension bekommen, in Blau, Rot, Achselstücken und Sporen zu paradieren. Der Anblick ist erfreulicher.

    1925,37 · Ix

    Je kleiner der vaterländische Wille, je größer die nationale Geste; patriotische Feiern sind entschieden leichter durchzuführen als Vermögensabgaben.

    1923, 9 · Hermann Mauthe

  • Der Briefkastenonkel

    — Jg. 1929, Nr. 6 —

    Hausfrau. Sodawasserflecken aus Taschentüchern zu entfernen, glückt nicht immer. Versuchen Sie es einmal mit folgendem Mittel: Eine Gallone Wasser, ein halbes Pfund Schmierseife und drei Kilo Soda werden zu einem dünnen Brei gekocht. Dann gibt man das Weiße dreier Eier, ein halbes Pfund kleingeriebene blühende Brennesseln (mit Blüten!) hinzu, streut zwei Unzen Haferflocken und vier Lot Zimt darüber und treibt das Ganze durch den Wolf. Der Teig wird auf die verunreinigte Stelle gestrichen und, nachdem das Tuch drei Tage in der Sonne gelegen hat, abgekratzt. Hilft das nicht, so bleibt Ihnen als letztes, aber immer wirksames Mittel noch das Verbrennen des Taschentuchs. 

    1929, 6 Ix

  • Literatur

    Mancher hat einen feingespitzten, treffenden, zündenden Aforismus hinter der Stirn. Auf dem Weg zur Zunge wird ein umständliches und langweiliges Essay daraus. Er schreibt es nieder — und es gibt einen dicken Wälzer, flach, seicht, von vorn bis hinten nur wässrige Brühe.

    1927, 6 Ix