Kategorie: 1924

Auswahl im Jahrgang 1924 veröffentlichter Beiträge

  • Die Abfindung

    — 5. Jg. 1924, Nr. 39 —

    Die Hohenzollern, denen es bekanntlich sehr schlecht geht, führen einen Rechtsstreit, um von der deutschen Republik eine Jahresrente von 1 1/2 Millionen herauszuschlagen. Sie glauben einen berechtigten Anspruch darauf zu haben, daß das Volk, das sie in die Tinte geritten haben, dafür auch ordentlich bleche. Damit sie standesgemäß weiterleben können. „Standesgemäß“, d. h. wie es ihnen paßt, vor allem aber ohne durch das entwürdigende Mittel der Arbeit das tägliche Brot herbeischaffen zu müssen.

    1 1/2 Millionen sind für die vielköpfige Familie (Gottes Segen lag ja immer auf dem Hause Hohenzollern — wenigstens in puncto Fruchtbarkeit) vielleicht nicht sehr viel. (Wie sie’s nun mal zu treiben gewöhnt sind.) Immerhin liegt ein derartiges Einkommen einige Grade über dem Existenzminimum. Man kann schon mit viel weniger auskommen, wenn es sein muß. Da hat z. B. erst vor kurzem Berlin der verarmten Tochter des großen Chirurgen Virchow, der Ehrenbürger der Stadt war, eine widerrufliche Monatspension von 225 Goldmark bewilligt. Nun, Virchow hat ja auch nur für die Erhaltung von Menschenleben gearbeitet; diese Tätigkeit steht weniger hoch im Kurs als die andere: Menschen zu Millionen in den Tod zu hetzen. Es ist also recht und billig, wenn die Hohenzollern, die alles in allem an die fünfzig Leute sind, ein paar hundertmal mehr bekommen.

    Hoffentlich, so muß man sich sagen, verfällt nicht diese Republik auf die Idee, nach dem bismärckisch-hohenzollernschen Prinzip, das bei der Einverleibung des Königreichs Hannover durch Preußen zur Anwendung gebracht worden ist, das Eigentum der verflossenen „Herrscher“ einfach für verfallen zu erklären und aus Gnade eine mäßige, bescheidene Abfindung zu schenken. Denn wovon wollten dann die armen Leute die Propaganda für ihre Wiedereinsetzung bezahlen?

    Ix

  • Zur Strecke gebracht

    Zur Strecke gebracht

    — Jg. 1924, Nr. 51 —

    Am 19. September 1902 ließ Wilhelm II. auf der Grimnitzer Heide ein Denkmal errichten, das vermeldete, daß er hier den 200. Hirsch „zur Strecke gebracht“ habe. 

    Im Jahre 1900, beim Streik der Straßenbahnangestellten in Berlin, schickte Wilhelm II. an das Kommando des Gardekorps ein Telegramm, in dem es hieß: „Ich erwarte, daß beim Einschreiten der Truppen mindestens 300 Leute zur Strecke gebracht werden.“ 

    Am 16. August 1888 hatte er in Frankfurt an der Oder bei einer Denkmalseinweihung gesagt, er werde „lieber unsere gesamten 18 Armeekorps und 42 Millionen Deutsche auf der Strecke liegen lassen“, als einen einzigen Stein von dem abtreten, was sein Vater und Prinz Friedrich Karl (1870) errungen hätten. 

    November 1918 ist der große Jägersmann nach Holland gereist. Auf der Strecke lagen 50 Armeekorps: 2 Millionen Deutsche.

  • Verblendet

    Verblendet

    – Jg. 1924, Nr. 18 vom 4. Mai – 

    Neuen Katastrophen entgegen?

    von Heinrich Ströbel

    Die unheilvollen Kräfte, die Deutschland seit zehn Jahren ins Verderben gestürzt, rumoren unheimlich weiter. Es scheint, als ob die Masse dieses Volkes aus den blutigen und tragischen Lehren seiner Vergangenheit nicht das Mindeste gelernt habe. Vor allem nicht die Schicht, die einst selbst von sich rühmte, daß sie „Bildung und Besitz“ repräsentiere. Nicht die leiseste Erkenntnis ist ihr aufgedämmert, daß an dem Unglück Deutschlands nichts anderes die Schuld trägt, als der schrankenlos herrschende Gewaltkult, der zum Fanatismus gewordene Glaube an die Machtpolitik. Noch heute, und gerade heute wieder, sucht man die Ursache für die Weltkatastrophe und den Zusammenbruch Deutschlands überall sonst, in der Einkreisungspolitik des „Feindbundes“, in der Unzulänglichkeit der Heeresvorlage von 1912, nur nicht da, wo sie zu finden ist: in der stupiden und brutalen Vorstellung, daß Deutschland durch Waffengewalt die Vormacht in Europa an sich reißen könne. Und doch war es diese Wahnidee, die den Weltkrieg provozierte. Wie leicht wäre der europäische Frieden zu erhalten gewesen, wenn Deutschland sich mit England verständigt hätte, statt alle großen Nachbarstaaten gegen sich aufzubringen. Aber man glaubte mit der bestorganisierten Armee der Welt aller Welt Trotz bieten zu können.

    Und ein Besessener dieses bewußt-militaristischen Machtwahns und während des letzten Jahrzehnts dessen sichtbarste Verkörperung war Ludendorff. Ein Soldat, der sein Handwerk vielleicht so gründlich beherrschte, wie irgend einer seiner Zeitgenossen, der aber zum Fluch seines Landes wurde, weil er alles Volks- und Völkerleben nur unter dem Gesichtswinkel des Soldaten betrachtete. Ohne jedes Verständnis für die sozialen, kulturellen und moralischen Kräfte des zeitgenössischen Lebens, dachte er nur in Divisionen, Batterien und U-Booten, in Durchbrüchen, Umgehungsmanövern und Vernichtungsstrategie. Aber da die Komponenten und Exponenten des Weltgeschehens sich nun einmal nicht auf die simple militaristische Formel bringen ließen, konnte die Rechnung Ludendorffs schließlich unmöglich stimmen. Er brachte nun alle Welt gegen Deutschland auf, entfesselte unwiderstehliche Gegenkräfte und verspielte Deutschlands Zukunft. An dem Zusammenbruch des Jahres 1918 ist er der wahre Schuldige.

    Ja, die militärische Niederlage Ludendorffs wäre noch viel fürchterlicher gewesen, wenn nicht die Revolution für den schmählich geschlagenen Oberkommandierenden und seine unaufhaltsam zurückweichende, halb aufgelöste Armee die strategische Entlastung gebracht hätte. Nur die Ausrufung des deutschen Volksstaates hinderte die Entente-Mächte daran ihren Sieg militärisch bis aufs Äußerste auszunutzen und die zurückflutenden deutschen Truppen völlig zu vernichten, Franzosen und Amerikaner waren in Stärke von 50 Divisionen bereitgestellt, um östlich von Metz den tödlichen Flankenstoß gegen die deutschen Heerestrümmer zu unternehmen, ebenso viele französisch-amerikanische Truppen sollten folgen. Es war ein namenloses Glück für Deutschland, es rettete hunderttausenden Deutscher das Leben, daß dieser Angriff infolge des Waffenstillstandes unterblieb. Hätte Ludendorff diesen letzten Stoß aushalten müssen, so wäre es nicht nur um seinen Feldherrenruhm geschehen gewesen, sondern auch die blödsinnige Dolchstoß-Legende wäre ihm sicherlich im Halse stecken geblieben!

    Nur weil Ludendorff, die deutsche Militärkaste und die ganze deutsche Reaktion dank einer unverdienten Schicksalsfügung vor den letzten, schmählichsten Folgen ihrer brutalen Wahnsinnspolitik bewahrt blieben, nur weil die Revolution ihnen die Konsequenzen der militärischen Niederlage, die Unterwerfung unter den Versailler Friedensvertrag usw. abnahm, konnte der nationalistische Dünkel sich nur zu bald wieder in seiner ganzen Unverfrorenheit aufblähen.

    Wenige Wochen erst waren seit dem militärischen Niederbruch, seit der blamablen Abdankung und Flucht Ludendorffs vergangen, und schon regte sich in Deutschland wieder der alte Geist. Die junge Heeresmacht der Republik wurde der Leitung wilhelminischer Generale unterstellt, und gerade der sozialistische Führer, in dem der Geist des ehrlichen Bekennermutes und der Völkeraussöhnung am stärksten lebendig geworden war, Kurt Eisner, fiel von der Hand eines nationalistischen Mörders, den die chauvinistische Hetze der alten Kriegsverbrecher erst zu seiner Untat aufgestachelt hatte.

    Wie sich dann im Laufe der Zeit die alte Geistesverfassung des deutschen Volkes wieder einstellte, ist ja allen Sehenden nur zu bekannt. Wir erlebten die verschiedenen Stadien der „Erfüllungspolitik“, die ja nichts war, als die systematische Nichterfüllung. Erzberger wollte noch so viel Steuern aufbringen, um nicht nur die eigenen Staatsausgaben, sondern auch die Reparationsverpflichtungen decken zu können. Aber die ganz bewußt herbeigeführte und gesteigerte Inflation, die eine märchenhafte Vermögensansammlung und die abenteuerlichste Steuerhinterziehung der Industriellen und Schieber ermöglichte, führte mit eherner Notwendigkeit zum Bankerott des deutschen Reiches und zum Bankerott der Reparationspolitik. Die Jahre hindurch beharrlich betriebene Nichterfüllungspolitik reizte die französischen Gewaltpolitiker hinwiederum zur Ruhrbesetzung an. Die Ruhrbesetzung aber entflammte erst recht den deutschen Nationalismus. Die „verbotenen“ Geheimbünde erlangten eine ungeheure Ausbreitung. Der passive Widerstand schlug häufig genug in den aktiven um. Schlageter wurde zum Volkshelden der Nationalisten und — Kommunisten!

    Und hinter dem aktiven Widerstand, der sich zur Volkserhebung und zum Befreiungskrieg gegen Frankreich auswachsen sollte, standen Hitler und Ludendorff, der längst wieder das Idol aller Nationalisten, der künftige Befreier Deutschlands geworden war. Schon bei seiner Vernehmung vor dem Untersuchungsausschuß im Jahre 1919 hatte man ihm stürmische Ehrungen bereitet, und wie groß inzwischen seine Volkstümlichkeit geworden war, bewies ja in München neben dem Hackenzusammenschlagen sämtlicher Offizierszeugen und dem Zujauchzen der Völkischen, die aus Devotion und Revanchegeist geborene Freisprechung dieses Hauptschuldigen.

    Kein Zweifel: Ludendorff hält sich noch immer für den Oberstkommandierenden des neu entbrennenden Weltkrieges und starke Teile des deutschen Volkes teilen seinen Glauben. Und die Franzosen sind eine viel zu intelligente Nation, um diese Zeichen der Zeit nicht zu erkennen. Sie erkennen sie sogar früher, als manche Deutsche selbst. So sagte General Buat schon 1920 voraus, daß Ludendorff der Organisator der Konterrevolution und des Revanchekrieges sein werde. Aus seinen Gesichtszügen, dem eckigen Doppelkinn, den übermäßig starken Wangen las er die unerbittliche Willensenergie, die Härte, um nicht zu sagen die Rohheit des Mannes ab, der vor keinem Mittel zurückschrecke, das ihn zum Ziele zu führen schien, das sein unmäßiger Hochmut gesteckt habe. „Nein, gewiß“, schrieb Buat, „der gibt sich nicht in die Lage, der wird sich nie dreingeben. Wer weiß, ob es in den Unruhen, die uns die Zukunft vorbehält, keinen Platz für einen deutschen Diktator geben wird, und vielleicht sogar für einen europäischen? … Ludendorff ist der Mann, der fähig ist, die Rolle zu spielen… Wir werden noch einmal von ihm sprechen hören.“ Und Ludendorff hat sich beeilt, seinem französischen Porträtisten die Lebensechtheit seiner Zeichnung zu bestätigen.

    Man kann sich deshalb vorstellen, wie das Auftreten der Hitler und Ludendorff, und wie vor allem die Freisprechung dieser Organisatoren des Revanchekrieges auf Frankreich wirken muß. Denn auch Hitler ist, durch Gewährung der Bewährungsfrist, faktisch freigesprochen worden. Wie er sich „bewähren wird“, haben ja seine Drohreden vor Gericht bewiesen. Und die Wirkung dieses Prozesses muß noch vertieft werden, durch den Ausgang des Prozesses Zeigner. Denn das unerhörte Urteil gegen Zeigner bildete nur die Ergänzung des Hitler-Ludendorff-Prozesses. Kamen die Hitler und Ludendorff straffrei davon, weil der Hochverrat gegen die Republik und die Vorbereitung zum Revanchekrieg dem deutschen Bürgertum als patriotische, gottwohlgefällige Dinge gelten, so wurde der ehemalige sozialdemokratische Ministerpräsident Zeigner unter brutalster Mißachtung aller Entlastungs- und Strafmilderungsmomente zu mehrjähriger Gefängnisstrafe und zum Verluste der bürgerlichen Ehrenrechte verurteilt, weil seine ganze Tätigkeit der demokratischen Unterpfeilerung der Republik und der Bekämpfung der militärischen Geheimorganisationen gegolten hatte. Die unglaubliche Freisprechung in München und das skandalöse Verdikt in Leipzig erklären sich nur aus der gleichen nationalistischen Verblendung.

    Daß Zeigner das Opfer des in Deutschland besonders stark entwickelten moralischen Feingefühls geworden sei — schon dieser Gedanke ist die blutigste Satire. An welches Maß von politischer Korruption haben wir uns in Deutschland gewöhnen müssen! Erzberger überragte sicherlich das Unterholz seiner Partei um ein Beträchtliches, aber daß er Politik und Privatgeschäfte in der bedenklichsten Weise vermengte, kann auch der nicht bestreiten, der seine Ermordung für die niederträchtigste Schurkerei hält. Und doch wäre dieser Erzberger längst wieder in Amt und Würden, wenn ihn nicht das Mörderblei niedergestreckt hätte. Oder ist Herr Hermes etwa dadurch zum Rücktritt von seinem Ministerposten gezwungen worden, daß ihm vor Gericht die eindeutigsten Weinkaufsgeschichten nachgewiesen wurden? Und sind nicht unlängst einem Staatssekretär und obendrein hohem Justizbeamten (Welsmann, d. R.) Dinge angehängt worden, die früher nicht ohne schwerste Folgen für den Beschuldigten oder den Beschuldiger geblieben wären?

    Nur Zeigner, der unbeugsame Demokrat, der rücksichtslose Gegner der vertrags- und gesetzeswidrigen Waffenbünde, wurde niedergehetzt und durch einen Justizmord politisch und menschlich vernichtet. Ja, die nationalistische Verfolgungswut ist damit nicht einmal zufrieden: ist doch gegen Zeigner jetzt auch noch die Anklage wegen Landesverrats erhoben worden, begangen durch jene Reden im Volkshaus und im sächsischen Landtag (!), in denen behauptet wurde, daß zwischen der Reichswehr und gewissen rechtsradikalen Geheimorganisationen enge Beziehungen beständen. Unter den mehr als 1300 Landesverratsprozessen hat dieser Landesverratsprozeß gegen Zeigner gerade noch gefehlt, um dem Ausland jedes Mißtrauen gegen den deutschen Militarismus und die deutsche Mentalität einzuflößen. Erklärte doch auch die „Times“ die französische Behauptung, daß Deutschland während der durch die Ruhrbesetzung unterbrochenen Waffenkontrolle seine Kräfte für die militärische Reorganisation verdoppelt habe, für glaubhaft und darum eine scharfe Kontrolle für unbedingt geboten.

    Auf der anderen Seite aber zeigt die Regierung Karr-Stresemann so wenig Entschlußkraft, den Forderungen nach einer solchen Kontrolle und den Bedingungen der Sachverständigenkommission zu entsprechen, daß wir nur zu bald wieder in die schwersten äußeren und inneren Konflikte geraten könnten. Jeder derartige Konflikt aber müßte unsere ohnehin nur provisorisch gestützte Valuta sofort wieder ins Gleiten und damit von neuem unser gesamtes Wirtschaftsleben aus Rand und Band bringen.

    Nur wenige Deutsche ahnen leider, daß wieder einmal der Boden unter uns schwankt. Möchten die Wissenden den Wahlkampf dazu ausnutzen, um der völkischen Raserei rechtzeitig in den Arm zu fallen!

    Siehe z.B. auch:

    https://www.deutschlandfunkkultur.de/erster-weltkrieg-schonungslose-analyse-der-deutschen-schuld.1270.de.html?dram:article_id=289753

    https://www.sueddeutsche.de/politik/ausbruch-des-ersten-weltkrieges-1914-deutschland-und-oesterreich-sind-hauptverantwortlich-1.2061512

  • Justizopfer: Fechenbach

    Justizopfer: Fechenbach

    — Jg. 1924, Nr. 37 —

    Die bayerischen Volksgerichte, eine der übelsten Erscheinungen unserer Tage, haben den wohlverdienten Untergang gefunden. Wohlverdient: denn ihre Rechtsprüche hatten mit Recht selten etwas zu tun. Sie waren gemeingefährliche Institutionen.

    Nun sind sie dahin; und übrig blieben von ihrem Wirken nur die beschämende Erinnerung und ein Rest von Opfern, die hinter Gefängnismauern sitzen. Unter ihnen der Landesverräter Fechenbach.

    Sein Verbrechen ist: daß er der Geheimsekretär Eisners gewesen ist. Der Bürger hat ein gutes Gedächtnis, wenn er will. Sein Groll gegen alles, was ihm fremd oder unverständlich ist, überdauert Weltuntergänge. Denn er hat Charakter. Den Charakter eines Hundes. In ihm steckt eine tückische Bestie; manchmal schlummert sie; aber wenn sich je eine Gelegenheit bietet, dem Gehaßten die Zähne ins Fleisch zu schlagen, ist sie sofort wach.

    Fechenbach war zu sorglos. Aber man darf ihm das nicht zum Vorwurf machen: keiner hätte, an seiner Stelle, vermuten können, daß bürgerliche „Volksrichter“ in ihrem blinden Haß soweit gehen könnten, in der Weitergabe eines Textes, wie dem des Rittertelegramms, Landesverrat zu erblicken. Das Rittertelegramm vom Juli 1914 belastete nur den Papst, höchstens noch die österreichische Regierung, keinesfalls aber die deutsche (auch nicht die kaiserliche, die zu schützen sich das „Volksgericht“ im Falle Fechenbach anscheinend berufen fühlte).

    Man brauchte einen Strick; denn man wollte dem Verhaßten eine Schlinge drehen. Und was in anderen Ländern beim ersten Versuch sich als mürber Faden erwiesen hätte, der keine Maus tragen könnte, zeigte sich in Bayern als solides Seil, an dem man den „Landesverräter“ Fechenbach so hoch aufhängen konnte, wie es einen gelüstete.

    Trotzdem es sich um ein „Pressedelikt“ handelte, das schon drei Jahre verjährt war, trotzdem in derselben Sache bereits 1920 ein rechtskräftiges Urteil (Freispruch) ergangen war, hat man Anklage erhoben. Trotzdem weder der Nachweis zu erbringen war, daß der Tatbestand des Landesverrats erfüllt sei, daß ferner durch die Veröffentlichung des Telegramms dem deutschen Reiche Schaden zugefügt worden sei — es gibt noch viele „Trotzdem“ — hat man Fechenbach zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt.

    Diese Münchner Gerechten sind in der Tat Gerächte. Sie haben den Ursinn der „Strafe“ wieder entdeckt, der da ist: Rache. Sie sind in ihrer Bosheit und Rachsucht naiv wie das Tier oder der primitive Mensch.

    Was aber tun wir, die nicht primitiv sind, sondern kompliziert und empfindsam genug, daß es uns bis ins Mark erschüttert, zu sehen, wie die Gerechtigkeit als Werkzeug der Rache gebraucht wird? Wenn wir sehen, daß nicht nur geringe Vergehen hart gestraft werden, sondern daß Unschuldige „von Rechts wegen“ gemordet werden?

    Müssen wir nicht aufstehen, uns vereinigen, zum Sturm antreten, um niederzureißen den Turm, in dem der Schuldlose schutzlos der Willkür der legalen bürgerlichen Strafsucht preisgegeben ist?

    Immer wieder erinnert man sich, wenn der Fall Fechenbach erwähnt wird, an den französischen Hauptmann Dreyfus und seinen Verteidiger, seinen Befreier [Émile] Zola. Der große Franzose hat nicht geruht, bis es ihm gelungen war, das Gewissen seines Volkes wachzurufen, dem unschuldig Verurteilten die Freiheit wiederzugeben. Sollte die Seele des deutschen Volkes so dumpf und stumpf sein, daß es unmöglich wäre, in ihr einen Enthusiasmus für das Recht, eine Begeisterung für die Wiederherstellung der Gerechtigkeit, eine große Leidenschaft für die Befreiung eines zu unrecht Eingekerkerten zu entfesseln?

    1924, 37 Max Barth

    Das „Rittertelegramm“ ist ein Telegramm des bayrischen Gesandten beim Vatikan Baron Ritter vom 16. Juli 1914, wonach der Papst ein „scharfes Vorgehen“ Österreichs gegen Serbien gebilligt hat. Fechenbach ist wegen Weitergabe seines Textes an einen Schweizer Journalisten (im April 1919) am 20. Oktober 1922 als Landesverräter zu 10 Jahren Zuchthaus verurteilt worden. Am 19. Dezember 1924 ist er begnadigt worden.

    Am 7. August 1933 wurde Fechenbach auf dem Weg von Detmold in das KZ Dachau im Kleinenberger Wald zwischen Paderborn und Warburg ermordet. Der Führer des Transportkommandos, SA-Obertruppführer Friedrich Grüttemeyer stieg mit Fechenbach aus dem Auto und versuchte erfolglos Namen von Informanten zu erhalten. Als Grüttemeyer zur Seite ging, feuerten SS-Mann Paul Wiese und der SA-Angehörige Walter Focke mehrere Pistolenschüsse auf Fechenbach ab, der lebensgefährlich verletzt und bewusstlos in ein Scherfelder Krankenhaus gebracht wurde, wo er noch am Abend des gleichen Tages starb, ohne das Bewusstsein wiedererlangt zu haben. Der Witwe wurde per Telegramm am 8. August mitgeteilt, ihr Mann sei bei einem „Fluchtversuch“ verwundet worden und später verstorben. Reinhard Heydrich behauptete in einem Schreiben vom 9. August in seiner Funktion als „Der Politische Polizeikommandeur Bayerns“, Fechenbach sei „von den Beamten der Lippischen Landesregierung bei einem Fluchtversuch erschossen worden“.[14] Den Befehl zum Transport hatte der von den Nationalsozialisten zum Regierungschef in Lippe ernannte Hans-Joachim Rieckegegeben,[15] der persönlich Fechenbach verfolgt hatte. Der Tat verdächtigt wurden vier SA- und SS-Männer aus Detmold: Friedrich Grüttemeyer, 1969 verurteilt wegen Beihilfe zum Mord zu einer Zuchthausstrafe von vier Jahren[16], Paul Wiese, 1948 verurteilt wegen „vorsätzlichen Totschlags“ zu einer Zuchthausstrafe von fünf Jahren[17], Karl Segler, dem keine Beteiligung nachgewiesen werden konnte und Josef Focke, der nie gefasst wurde[18]. Die Rolle Rieckes konnte nie ganz aufgeklärt werden. Ihm konnte der Befehl zum Mord nicht nachgewiesen werden, ein Strafverfahren gegen ihn wurde 1970 eingestellt.[19] Tatsache war aber, dass Riecke den Mörder Paul Wiese einige Monate später als seinen persönlichen Fahrer eingestellt hatte.[20][15]

    Das Grab von Fechenbach befindet sich auf dem jüdischen Friedhof in Rimbeck.

    Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Felix_Fechenbach

  • Die Ära der Morde

    Die Ära der Morde

    Die Ära der politischen Morde hat mit dem Mord an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht begonnen (15. Januar 1919). Es folgte der Mord an Kurt Eisner (21. Februar 1919). Von den später Ermordeten sollen erwähnt werden: im Jahre 1919: Leo Jogiches, Gustav Landauer, Eugen Levine, Hugo Haase; im Jahr 1920: Hans Paasche; im Jahre 1921: Karl Gareis, Walther Rathenau.

    Vom 30. April bis 4. Mai 1919 sind in München und Umgebung von den Regierungstruppen etwa 500 Personen erschossen worden („auf der Flucht“ oder „in Notwehr“), unter ihnen die 21 katholischen Gesellen und die 53 Russen in Gräfelfing. Amtlich registriert sind nur 181, und zwar als „tödlich verunglückt“.

    Die (zum Teil „standrechtlichen“) Erschießungen von Arbeitern, die bei revolutionären Kämpfen in die Gefangenschaft der Regierungstruppen geraten sind (z. B. im Ruhrgebiet, März 1920), können unmöglich aufgezählt werden. Erwähnt seien die 15 Arbeiter aus Bad Thale, die am 25. März 1920 von Marburger Studenten „auf der Flucht“ erschossen worden sind.

    Die ersten Fememorde sind im Frühjahr 1921 in Oberschlesien bei den Kämpfen der deutschen Freikorps gegen die Polen begangen worden. Nach den Aussagen Hauensteins (genannt Heinz), des Führers der „Spezialpolizei“, sind es über 200. Sie sind durch die sog. Spiecker-Amnestie außer Strafverfolgung gesetzt worden. Von den Fememorden, die 1922 und 1923 bei der schwarzen Reichswehr und 1923 bei den Stoßtrupps im Ruhrgebiet verübt worden sind, ist nur ein kleiner Teil aufgeklärt worden.

    Max Barth

  • Aufruf an mich selbst

    — Jg. 1924, Nr. 13 —

    Einem längst gefühlten Bedürfnis gehorchend, habe ich mich entschlossen, eine neue Partei zu gründen. Um sicher zu sein, daß meine Forderungen im Reichstag richtige und nachdrückliche Vertretung finden, habe ich mich selbst als Spitzenkandidat meiner Reichs- und meiner sämtlichen Einzellisten aufgestellt. Weitere Kandidaten werden nicht auf die Liste gesetzt. Kandidat bin nur ich. Parteimitglied kann außer mir niemand werden. Meine Partei soll möglichst vor innerer Zersplitterung bewahrt bleiben. In einer gestern abend im großen Saal des „Blauen Kanarienvogels“ abgehaltenen Versammlung meiner selbst habe ich einstimmig beschlossen, folgenden Wahlruf an mich zu erlassen: „Bürger, Zeitgenosse, Genosse und edles Stimmtier! Nur die allerdümmsten Kälber wählen ihren Metzger selber. Darum wähle DICH! Wahltag ist Zahltag! Dem Volke muß die Religion erhalten bleiben. Nieder mit dem großkapitalistischen, in den Klauen der Jesuiten, Juden, Ultramontanen und Völkischen ächzenden freimaurerischen Marxismus! Nieder mit der Reaktion! Hoch Stinnes! Stimme für edle Menschlichkeit! Gegen die Zehnpfennigtaxe in den Rotunden! Gegen Shimmy! Gegen die Bügelfalte! Gegen die Tollwut der Hunde! Sie ist volksfeindlich. Welchen Nutzen bringt dir der Neumond? Stimme dagegen, gegen den Mond überhaupt! Stimme für Sterne! Die Zukunft gehört dem schwarzweißroten Sowjetstern mit eingelegtem Hakenkreuz. Er allein bringt Rettung! Darum stimme für Mara Bu!“

    Die Wirkung des Aufrufs war Erfolg versprechend. Mein frenetischer Beifall belohnte mich. Beim Verlassen des Versammlungslokals zeigte es sich, daß ich mir die Pferde ausgespannt, d. h. den Motor abgekurbelt hatte. Begeistert schob ich mich zu meiner Wohnung. Tiefe Rührung entpreßte mir eine Dankrede an mich selbst.

    Letzte Meldung. Die Partei Mara Bu hat sich, Blättermeldungen zufolge, in einen rechten und einen linken Flügel gespalten. Der rechte ist für, der linke gegen die Ausrottung der Blattläuse. Einigungsverhandlungen sind im Gang. Man erwartet den Abschluß eines Blocks.

    1924, 13 Mara Bu

    Der „Fortschritt“ ist ein Karussell; aber es fährt sich so wunderschön.

    Bei der „freien Bahn dem Tüchtigen“ gibt es längst schon wieder Wagen-Klassen.

    1922, 39 Mauthe

  • Aktionäre

    — Jg. 1924, Nr. 17 —

    Irgendwo in Hannover ist man kürzlich auf eine sehr ergiebige Erdölquelle gestoßen.

    Ein Ereignis für ganz Deutschland, hätte man denken können. Allgemeine Freude. Vorträge in den Schulen, Filmvorführungen, Zeitungsartikel: „Ein neuer Bodenschatz“, „Bereicherung des Nationalvermögens“ und dergleichen.

    Es blieb aber bei einer kleinen Notiz unter „Neueste Nachrichten“, einem kleinen Artikel im Handelsteil (den der Bürger nicht liest, weil er lateinisch gedruckt ist) und — ja, die Aktien der bohrenden Firma gingen über Nacht um zehn und etliche Prozent in die Höhe.

    Einige Leute werden sich also immerhin über den Erfolg gefreut haben: die Herren Aktionäre, die Bankdirektoren und Börsenjobber, die in dem betreffenden Papier „engagiert“ waren.

    Sollen wir’s ihnen gönnen? Haben sie verdient, was sie „verdient“ haben? Für ihre Tatkraft, mit der sie die Bohrung durchgeführt, den Schweiß, den sie dabei vergossen, den Segen, den sie damit gestiftet haben? Du lieber Gott, von den Herren haben die meisten vielleicht nie einen Bohrturm gesehen außer in der Berliner Illustrierten, und, da sie in „besseren Verhältnissen“ aufgewachsen sind, wissen sie wahrscheinlich kaum, wie Erdöl riecht. Sie gehören zu der Schicht von Mitbürgern, die ihr Geld im Klubsessel und an der Telefonstrippe verdienen.

    Es stimmt schon: daß das ein ungeheurer Unfug ist; daß diese Menschen mit „arbeitslosem Einkommen“ in Wirklichkeit erbärmliche Schmarotzer sind; daß zwischen Arbeit und Kapital niemals Friede gemacht werden kann, solange der Arbeiter zusehen muß, wie fette Faulenzer mit dem, was er in saurer, schlechtgelohnter Fronarbeit erschaffen und aufbauen hilft, an der Börse spielen. Man komme mir nicht mit dem Geschwätz von der „wirtschaftlichen Notwendigkeit“ der Jobberei, von der „automatischen Steuerung“ der Wirtschaft durch die Börse, von der Auslese im Kampf ums kapitalistische Dasein. Es hört sich manchmal sehr gelehrt an, aber ich versichere euch, es ist Quatsch. Wenn es wirklich so wäre, daß alle Börsenspekulanten Juden und alle Juden Börsenspekulanten wären, dann würde ich heute noch Antisemit.

    Der Haß des arbeitenden Volks gegen die Leute, die von seiner Arbeit leben, ohne den Finger krumm zu machen, ist voll berechtigt. An ihn appellieren die „völkischen“ Agitatoren. Kein Wunder, wenn sie Erfolge haben. Dazu ist das Publikum (und sind die — häufig gutgläubigen — Agitatoren selber) leider zu dumm, um die Taschenspielerei zu durchschauen, mit der sie die Begriffe „Jude“ und „Jobber“ miteinander auszuwechseln pflegen. (Die Hintermänner, die selber auf „Aktienpaketen“ sitzen, sind über das Ablenkungsmanöver natürlich im Bilde.) Und soweit denkt die Masse natürlich auch nicht, daß sie die Judenfresser nach ihrem positiven Wirtschaftsrezept („Brechung der Zinsknechtschaft“ ist eine Frase, nichts weiter) fragte und es unter die kritische Lupe nähme.

    Sie haben überhaupt keine durchführbare aufbauende Idee, sie wissen keinen gangbaren Weg zur Beseitigung des Aktienschwindels und Börsenspiels.

    Erzberger hat sich einmal bemüht, einen solchen aufzuzeigen. Er nannte ihn „christlichen Solidarismus“. Zufällig ist er kurz darauf ermordet worden. Von Antisemiten. Als Werkzeugen von — nun, wahrscheinlich von Leuten, die Aktien haben. Teils Nichtjuden, teils — hm, es könnte sein, daß auch Juden dabei sind.

    Walther Rathenau, der Jude, hat in seiner letzten Schrift ebenfalls einen solchen Weg gezeigt. Sie hieß „Autonome Wirtschaft“; sie handelt von der Abschaffung des Unternehmers, von der Übernahme der Betriebe durch die Arbeiter, von der radikalen Beseitigung des ganzen Aktienunwesens. Der Verfasser, der zeigen wollte, wie man die „Zinsknechtschaft“ brechen könnte, ist — wer weiß, vielleicht wegen dieser Schrift — ermordet worden. Von Antisemiten. Von Werkzeugen. In wessen Solde? Man weiß nicht. Wahrscheinlich — siehe oben.

    1924, 17 · Kazenwadel