Schlagwort: Mara Bu

Pseudonym von Max Barth

  • Eine vorbildliche Familie

    — Jg. 1931, Nr. 10 —

    Ich weiß nicht, was die Leute immer über die schlechten Zeiten zu klagen haben, das ist doch alles übertrieben, wissense, die sind eben mit nichts zufrieden, ich zum Beispiel kenne da eine gewisse Familie, die kommt ganz schön aus, sie lebt vom Existenzminimum und kann alle Einnahmen, die darüber hinausgehen, auf die hohe Kante legen. Ich will Ihnen mal ihren vorbildlichen Etat vorführen.

    Also es sind fünf Köpfe: Vater, Mutter, ein Bub von 14, ein Mädel von 7 Jahren und dann noch ein Setzling von anderthalb. Sehen Sie, die leben da glücklich und vergnügt in einer Zweizimmer-Wohnung; Küche ist natürlich dabei; aber von Zentralheizung und Warmwasserversorgung und solch kostspieligem Zeug ist seffaständlich keine Rede, die Leute sind halt noch vom guten, alten Schlag. Darum leben sie auch in einer Altwohnung — ist immerhin auch eine Ersparnis, wer den Pfennig nicht ehrt, und Raum ist in der kleinsten Hütte …

    Übrigens zahlen die Leutchen keinerlei Steuer, wozu auch; Steuern hat ja in Deutschland nur unsereins zu zahlen, und wie! — immer gleich in die Zehntausende, aber was die sozial tieferstehenden Schichten sind, die haben’s ja wie der Herrgott in Frankreich, und zahlt der vielleicht Steuern?

    Na, sie verdienen auch diese Vergünstigung, meine lieben Bekannten; denn die sind noch vom alten Schlag; da hat zum Beispiel die Frau bis vor sechs Jahren immer noch einen weißen Unterrock gekauft, jedes Jahr; den hat sie aber nun auch aufgegeben; was die Leutchen anziehen, sind wenige, aber gute Sachen: baumwollene Strümpfe die Frau, Flanellhemden der Mann und der Junge, schwarze Rindslederstiefel alle zusammen. Solid, aber gut. Die Stiefel werden zweimal im Jahr besohlt, nur die der Alten und der beiden größeren Kinder versteht sich; achtmal Schuhsohlen für fünf Personen — das langt.

    Was soll ich Ihnen noch erzählen? Ja, also Obst, Salat und dergleichen essen diese schlichten, vorbildlichen Menschen nicht; für Sport werfen sie kein Geld zum Fenster hinaus, und Tabak und Bier gibt’s nicht. Was die Bildung betrifft, so kommen sie mit vier Kinobilletten und vier Reclamheften im Monat aus; ist ja auch reichlich genug, was sollen schon solche Leute mit zum Beispiel Literatur! Zweimal im Jahr darf sich auch eins von den Fünfen die Haare schneiden lassen, natürlich tragen da die übrigen immer ein bißeben wilde Perücken herum, bis sie auch an der Reihe sind; aber das hält warm, schützt das Hirn und erspart Kopfbedeckung, wenigstens im Sommer, meinen Sie nicht auch? Der Vater läßt sich jeden Monat achtmal rasieren, fast jede Woche zweimal, trägt also auch auf diese Weise zur Verbilligung des Haushalts bei. Kurzum, es sind vorbildliche Staatsbürger, wenn nur alle, die immer so auf die Besitzenden schimpfen, sich nach ihnen richten würden. Wir brauchen Einfachheit und Bescheidenheit, brauchen wir, nehmse noch ein Brasil, ja? und einen Hennessy, bitteschön!

    Was sagense? Gäb’s nich, sone Familie? Da irrense aber, kann ich Ihnen flüstern: die gibt’s! Wissense, was der Reichsindex der Lebenshaltungskosten ist? Das ist die amtliche Berechnung des durchschnittlichen Existenzminimums. Und die Familie, von der ich Ihnen erzählt habe, ist diejenige, nach der unser Index berechnet ist. Die Etatsposten, die ich Ihnen da von meinen Bekannten erzählt habe, stammen aus dem Haushalt der amtlichen Indexfamilie. Was amtlich ist, das stimmt; und wenn amtlich ausgerechnet wird, daß die normale Familie so und so lebt, dann sollten Sie’s nicht besser wissen wollen. Vielleicht mehr: nehmse sich ein Muster, und noch’n Kognac.

    1931, 10 Mara Bu

  • Mann und Frau

    — Jg. 1932, Nr. 14 —

    Eine Hauptrolle unter den vielen Minderwertigkeits- und anderen Komplexen, auf denen die völkische Weltanschauung aufgebaut ist, spielt die Sorge um die Stabilisierung der sexuellen Herrschaft des Männchens.

    Die christliche deutsche Ehe liegt den Nationalsozialisten dringend am Herzen, denn in ihr hat der Mann in jeder Hinsicht das Heft in der Hand. Und so sehr die Frau als Stimmvieh geschätzt wird, so wenig hat sie nach nationalsozialistischer Auffassung in der Politik zu suchen, so wenig wird sie im Dritten Reich zu melden haben.

    In Versammlungen darf sie zwar gehen; aber auch nicht in alle. Schon gibt es „Werbeabende“ der Sturm-Abteilungen, auf deren Ankündigungen man an der Stelle, wo sonst den Juden der Eintritt verboten wird, steht: „Frauen haben keinen Zutritt!“

    Ist der Nazismus in mancher Hinsicht ausgesprochen römische Imitation, so sehen wir in seiner Stellung zur Frau ausgewachsenen Orientalismus sich breit machen. Die Verweisung der Frau in die Küche und ins Bett, d.h. ihre ausschließliche Bestimmung zu haushaltlieber und sexueller Funktion; die Ausschließung von politischen Rechten; die Abstempelung zum Besitzobjekt des Mannes, d.h. die Erzwingung streng monogamer Haltung der Frau (bei, nota bene, keinerlei Garantie für das gleiche Verhalten des Mannes); die geistige Unterernährung, die man der Frau zudenkt; die Absperrung von der Teilnahme an vielen Interessen des Mannes — das alles ist orientalisch. Diese Umgitterung der Welt der Frau, diese Verlötung durch Keuschheitsgürtel für Leib und Geist ist alttestamentlich und allgemein-östlich. […]

    Wenn die Völkischen konsequent wären, würden sie unter ihre Programmpunkte auch die Wiedereinführung des Harems aufnehmen. Die Frau gehört hinter Gitter; Schleier vors Gesicht; Eunuch vor die Tür! Dann kann der Mann draußen die Welt regieren, wie er sich das so vorstellt.

    Gottlob gibt es noch aufrechte Denker, die vor der letzten Konsequenz nicht zurückschrecken. Zwar hört man noch nicht die Forderung nach dem streng verschlossenen Frauengemach; aber immerhin ist schon ein völkischer Profet der Vielweiberei entstanden. Er heißt von Roithberg, ist Arzt und Rassenforscher, und hat im Hammer-Verlag eine Broschüre „Die ungenügende monogame Ehe“ erscheinen lassen. Es heißt in ihr:

    „Heute stehen unsere westeuropäischen Anschauungen und christlichen Eheauffassungen in direktem Widerspruche mit dem Willen des Schöpfers … In der Zeit, da das Weib nur ein Kind austragen kann, kann der Mann sehr viele Kinder erzeugen. Gott hat das mit voller Absicht getan, damit sich der tüchtige, im Leben und in der Arbeit sich bewährende Mann eher vermehre als der Krüppel, Untaugliche und Arbeitslose. Er will die Hinaufzucht unserer Rasse, und das ist bei doppelgeschlechtlichen Einzelwesen nur dann zu erreichen, wenn wenigstens von dem einen Teil der beiden Geschlechter nur die besseren zur Fortpflanzung kommen. Als diesen Teil hat Gott den Mann ausersehen und polygam erschaffen … Gott hat den Mann nicht nur physisch, sondern psychisch polygam gemacht; wäre er nur körperlich polygam und seelisch monogam, so wäre dies ein Widerspruch. Gott aber kennt keine Halbheiten; es ist alles wohl durchdacht.“

    Da ist die völkische Ideologie also auf streng legalem Wege ins Allerorientalischste gemündet: Der liebe Gott will’s! Und er weiß, was er tut; er „kennt keine Halbheiten“! Welch hohes Ziel beginnt da aufzuleuchten wie Montsalwatsch dem tumben Toren Parsifal: die Vielweiberei als sittliches Ideal und göttliche Forderung! Monogamie der Frau, Polygamie für den Mann! Juda ist überwunden: man ist schon bei Mohamed.

    Das ist die Weltanschauung, nach der sich Neudeutschland unbewußt gesehnt hat! Freie Bahn dem Tüchtigen! Nieder mit den entsittlichten Marxisten, die auch der Frau das zugestehen, was sie dem Mann gestatten! Und hoch die Lehre semitischer Wüstenstämme: erotische Freizügigkeit dem deutschen Manne, aber Harem und Kindbett den deutschen Frauen!

    1932, 14 Mara Bu

    Wunder der Statistik. In Nr. 38 der „Weltbühne“ bespricht Ozzo Lehmann-Rußbüldt die Statistiken über den Waffenhandel, die der Völkerbund herausgibt. Er entdeckt dabei neben manchen anderen auch folgende Merkwürdigkeit: Nach der chinesischen Einfuhrstatistik hat China im Jahr 1925 für 5,4 Millionen Dollar Waffen und Munition eingeführt, davon für 3 Millionen aus Deutschland; nach der deutschen Ausfuhrstatistik hat Deutschland im gleichen Jahr für 400.000 Dollar Waffen nach China ausgeführt. — Wo die Differenz geblieben ist, das können einem vielleicht ein paar Munitionsschieber und das Reichswehrministerium sagen.

    1929, 30

  • Winterschlaf

    — Jg. 1930, Nr. 49 —

    „Professor Pötzl in Wien ist es gelungen, den Menschen in künstlichen Winterschlaf zu versetzen.“ (Zeitungsmeldung)

    „Alma“, sagte ich zu meiner Frau, „wie wär’s, wenn du dir das neue Kleid aus dem Sinn schlügst? Wir kommen viel billiger weg, wenn wir uns pötzln lassen.“

    „Und wenn inzwischen das Dritte Reich ausbricht?“ fragte sie, sie ist nämlich streng völkisch.

    „Eben drum!“ meinte ich. „Solln wir uns abrackern, um uns in dieser verjudeten Republik über Wasser, beziehungsweise Eis zu halten, bis der große Morgen tagt? Das können wir doch viel angenehmer haben: wir legen uns winterschlafen, und wenn wir wieder aufwachen, ist’s Frühling, die Sonne scheint, von allen Kirchtürmen leuchten die Hakenkreuze, und an den Landstraßen hängen die Juden und andere Vaterlandsbeziehungsweise Rassenverräter, Baum um Baum. Wie wonnig wird uns sein, mein Herz, wenn so der Deutsche Lenz uns anlacht!“

    „Und du sitzest auf dem Trockenen“, rief Alma. „Wie willst du im Dritten Reich einen Posten bekommen, wenn du nicht von Anfang an dabei bist? Jetzt hast du Aussichten; du weißt, daß dir der Portier versprochen hat, bei seinem Neffen, dem Gymnasiasten, ein gutes Wort für dich einzulegen, damit er sein Mädel bittet, ihren Bräutigam, den Chef der Befreiungsdivision Oberbayern, was für dich tun zu lassen. Du kannst am Morgen nach dem Umsturz glatt Hoffilosof bei Hitler selbst werden, wenn du es geschickt anfängst.“

    „Alma“, sagte ich, „die Stelle läuft mir nicht davon. Ich bin doch gut Freund mit dem Herrn Krotoschiner, dem Führer der Sturmstaffel Treuenbrietzen, der wird die Sache schon schmeißen. Auf den ist Verlaß, was der anpackt, das wird was. Man muß sich immer an die Juden halten, wenn man seiner Sache sicher sein will; was die in die Hand nehmen, ist in Ordnung. Krotoschiner wird die Sache schon schmeißen. Na, was meinst du dazu?“

    „Gemacht!“ sagte Alma, und wir bestellten uns den Professor Pötzl.

    Er sandte uns einen seiner Mitarbeiter, der ließ sich vorausbezahlen, stellte ein rotierendes Hakenkreuz vor uns auf und murmelte einen monotonen Singsang, der zur Hälfte aus dem Muspilli, zur Hälfte aus der Kabbala stammte, dazu schlug er unaufhörlich das Hakenkreuz und machte priesterliche Verbeugungen in der Richtung gen Walhall. Wir schauten eine halbe Stunde stier in die rotierende Swastika und ließen das arische Geseires des Einschläferers in uns hinabrieseln wie teutschen Wein dann waren wir eingeschlafen.

    Und so liegen wir denn nun im friedlichen Winterschlaf, brauchen weder Brot noch Geld, weder Licht noch Kohlen noch Gas, und träumen mit seligem Lächeln um die deutschen Lippen dem Morgen der Befreiung entgegen, an dem es durch alle Boulevardblätter rauschen, durch alle Straßen hallen wird: „Deutschland erwache, Juda verrecke!“ Das walte Wotan!

    1930, 49 Mara Bu

    Die Symbol-Krawatte. Es gibt, falls Sie das noch nicht wissen sollten, auch Hakenkreuz-Krawatten. Inserate im „Völkischen Beobachter“ verkunden: „Kaufen Sie nur von rein nationalsozialistischem Betrieb Qualitätskrawatten mit fein eingewebtem Symbol…“ — Das Hauptsymbol liegt wohl darin, daß sich der Arbeiter mit solcher Krawatte selbst den Hals zuzieht.

    1932, 36

  • Vom Hungern

    Vom Hungern

    — Jg. 1925, Nr. 27 —

    In einer Ansprache an Vertreter der Aufwertungsorganisationen hat Herr von Hindenburg u.a. gesagt: „Im großen und ganzen stehe ich dieser Frage ja fern … Ich habe selbst mein Vermögen verloren. Wenn ich nicht meine Pension gehabt hätte, und die war ja ausreichend, hätte ich auch hungern müssen.“

    Denken Sie mal an: er hätte auch fast gehungert! Welches Heldentum! Er hätte beinahe erfahren, wie es dem Hauptteil des Volkes, an dessen Spitze er steht, in der Inflationszeit und schon vorher, in den Kriegsjahren, zumute gewesen ist. Beinahe — ums Härchen; aber das ist’s eben; dieses Härchen macht es aus: daß sie nie ganz und wirklich von dem gleichen Schicksal erfaßt werden wie das übrige Volk — das trennt unsere Regierenden, Maßgebenden und Prominenten vom Volke. Sie sitzen immer nur im Kino und sehen den Film „Die Tragödie Deutschlands“ laufen. Wo unser Volk auf offener Bühne stirbt, da sitzen sie mit der übrigen, der außerdeutschen Menschheit dabei als Zuschauer.

    Herr von Hindenburg hätte beinahe gehungert. Und er ist naiv genug, das jenen Männern vorzuhalten, die gekommen sind, ihn um Hilfe zu bitten, weil sie gehungert haben, wirklich gehungert, höchst prosaisch und ohne das Pathos, das in so einem „Beinahe“ liegt.

    Herr von Hindenburg hat seine Pension gehabt; „und die war ja ausreichend“. Ein wahres Wort! Wahrer als alle Heeresberichte, die jemals von der Firma Hindenburg in die Welt geschickt worden sind. Hat sich der deutsche Heros mit der ausreichenden Pension und dem aufgewerteten Reichspräsidentengehalt auch einmal gefragt, ob die Pensionen seiner „Helden“, der Muskaten, die im Weltkrieg zu Wracks geschossen worden sind, auch „ausreichend“ sind? Ach ja, Herr Präsident: im großen und ganzen stehen Sie dieser Frage ja fern. Man muß Ihnen darin beipflichten […]

    1925, 27 Mara Bu

  • Aufruf an mich selbst

    — Jg. 1924, Nr. 13 —

    Einem längst gefühlten Bedürfnis gehorchend, habe ich mich entschlossen, eine neue Partei zu gründen. Um sicher zu sein, daß meine Forderungen im Reichstag richtige und nachdrückliche Vertretung finden, habe ich mich selbst als Spitzenkandidat meiner Reichs- und meiner sämtlichen Einzellisten aufgestellt. Weitere Kandidaten werden nicht auf die Liste gesetzt. Kandidat bin nur ich. Parteimitglied kann außer mir niemand werden. Meine Partei soll möglichst vor innerer Zersplitterung bewahrt bleiben. In einer gestern abend im großen Saal des „Blauen Kanarienvogels“ abgehaltenen Versammlung meiner selbst habe ich einstimmig beschlossen, folgenden Wahlruf an mich zu erlassen: „Bürger, Zeitgenosse, Genosse und edles Stimmtier! Nur die allerdümmsten Kälber wählen ihren Metzger selber. Darum wähle DICH! Wahltag ist Zahltag! Dem Volke muß die Religion erhalten bleiben. Nieder mit dem großkapitalistischen, in den Klauen der Jesuiten, Juden, Ultramontanen und Völkischen ächzenden freimaurerischen Marxismus! Nieder mit der Reaktion! Hoch Stinnes! Stimme für edle Menschlichkeit! Gegen die Zehnpfennigtaxe in den Rotunden! Gegen Shimmy! Gegen die Bügelfalte! Gegen die Tollwut der Hunde! Sie ist volksfeindlich. Welchen Nutzen bringt dir der Neumond? Stimme dagegen, gegen den Mond überhaupt! Stimme für Sterne! Die Zukunft gehört dem schwarzweißroten Sowjetstern mit eingelegtem Hakenkreuz. Er allein bringt Rettung! Darum stimme für Mara Bu!“

    Die Wirkung des Aufrufs war Erfolg versprechend. Mein frenetischer Beifall belohnte mich. Beim Verlassen des Versammlungslokals zeigte es sich, daß ich mir die Pferde ausgespannt, d. h. den Motor abgekurbelt hatte. Begeistert schob ich mich zu meiner Wohnung. Tiefe Rührung entpreßte mir eine Dankrede an mich selbst.

    Letzte Meldung. Die Partei Mara Bu hat sich, Blättermeldungen zufolge, in einen rechten und einen linken Flügel gespalten. Der rechte ist für, der linke gegen die Ausrottung der Blattläuse. Einigungsverhandlungen sind im Gang. Man erwartet den Abschluß eines Blocks.

    1924, 13 Mara Bu

    Der „Fortschritt“ ist ein Karussell; aber es fährt sich so wunderschön.

    Bei der „freien Bahn dem Tüchtigen“ gibt es längst schon wieder Wagen-Klassen.

    1922, 39 Mauthe

  • Vom Spucken

    — Jg. 1929, Nr. 46 —

    Spucken Sie? — Wieso Ihr Urgroßvater? Ich denke, der ist längst tot? — Ach so, Sie sind Spiritist! Nein, das meine ich nicht, sondern das andere, mit ck. Das richtige Spucken, wissen Sie. Wie ein Lama oder ein Maurer, kurz, sehen Sie: so! Da hab ich eine Fliege getroffen, tut mir sehr leid. — So, Sie nicht? Kurios. Ich spucke. — Nein, einfach so, ohne Anlaß. Zum Beispiel auf den Asfalt, wissen Sie, in die Weite; man kann da unglaubliche Leistungen erzielen, Rekorde geradezu, sag ich Ihnen. Aber ja nicht im Bogen; das ist Kraftverschwendung. Möglichst flach, Flachbahngeschoß, Sie erinnern sich? — Haha! richtig, damals hat uns auch mancher angespuckt; vielleicht ist es bei mir noch eine Reminiszenz, eine verspätete Rache sozusagen. Aber ich glaub das doch nicht ganz. Es ist noch von viel früher. Wenn ich auf einem Turm stehe oder an einem Fenster, im vierten, fünften Stockwerk, oder im Theater auf der Galerie — immer hab ich Lust; es macht mir geradezu Angst. Zum Beispiel im Theater: wenn ich es nun, gegen meinen Willen, aber weil etwas in mir es möchte, plötzlich täte, dem Herrn da drunten auf die glänzende Glatze. Das wäre doch höchst peinlich. — Für mich, mein ich. Für ihn auch, ja. Aber für mich, mein ich. — Ja, das können Sie nicht verstehen; ich auch nicht. Aber wer weiß, ob er nicht einmal etwas tun wird, was er nie tun wollte. Die Wünsche überrumpeln manchmal den Willen. Ich sitze darum nie gern in der ersten Reihe, oben. Unten, im Parterre, macht’s nichts; da juckt es mich nicht. Ich glaube, das Fallen ist das Interessante daran; das lockt. Haben Sie nie in einer alten Burg Steine in den schwarzen Brunnen geworfen? Oder in einen See, der unter ihnen, am Fuß des Hanges, lag? — Sehen Sie! Daß es fällt, eine ungreifbare Linie zieht zwischen uns und dem Drunten: das ist auch dabei. Aber das ist noch nicht alles. Am schönsten ist es vom Brückengeländer hinab ins Wasser. Da darf man. Man sammelt haushälterisch den Speichel, spitzt den Mund, denkt sich aus, wo es wohl auftreffen werde, und spuckt. Platsch; es gibt ein kleines Loch oder auch nicht; man sieht das weiße Häufchen einige Sekunden lang; es zergeht. Und dann die kleinen Ringe, die sich ausbreiten und zergehen. Lauter feine, kleine Ringe. — Ja, auch mit Steinen. Aber das ist zu plump, zu undifferenziert, zu unpersönlich. Der Stein ist hart und nichts von einem selbst. Der Erfolg ist zu drastisch. Und zu sicher. Mit Steinen, das ist — amerikanisch. Kindliche Sensation durch technisches Mittel, nuancenlos und knallig. Gar nichts Märchenhaftes mehr, der Erfolg ist sicher. Nein, nicht mit Steinen. Mit Steinen nur bei sehr großen Höhen, besonders, wenn man nicht weiß, gelingt es einem überhaupt, so weit hinaus zu schmeißen, daß das Wasser noch erreicht wird: das Moment der Spannung, das Risiko, wissen Sie, macht dabei den Reiz aus. Aber sonst, in kleinen Verhältnissen: spucken. — Kindlich, sagen Sie? Sie haben recht, wie mich das freut! Sagen Sie ruhig kindisch. Kindskopf ist keine Beleidigung, für mich nicht. Selbst wenn Sie sagen sollten: infantil -, na sehen Sie, hab ich mir’s doch gedacht! Also infantil, sehr gut, sehr gut. Und nun noch: Psychoanalyse, bitte. — Also! — Nein, nein, nicht im Geringsten! Ich bin nicht so. Sie haben ja auch recht; ich weiß das, aber ich schäme mich gar nicht. — Nein, ich gehe da rechts ab; ich will da über die Kanalbrücke. Wollen Sie nicht mitkommen? — Schade. Na, adjöh denn. Ich bin nun mal so: ich spucke.

    1929, 46 Mara Bu

  • Max Barth

    Max Barth

    Max Barth, geboren am 22. Januar 1896 in Waldkirch/Elztal. Nach der Realschule Besuch des Karlsruher Lehrerseminars; Teilnahme am Ersten Weltkrieg in Belgien, Frankreich, Polen und Rumänien. Drei Jahre Volksschullehrer; seit 1922 freier Autor und Journalist. Erste Veröffentlichungen in der „Sonntags-Zeitung“ Anfang 1924. Im selben Jahr von Erich Schairer in die Redaktion geholt, wurde Barth unter zahlreichen Pseudonymen zu einem der produktivsten und vielseitigsten Mitarbeiter. Im August 1932 wegen politischer Differenzen entlassen, gründete Barth eine eigene kleine Wochenzeitung („Die Richtung“). Aufgrund drohender Verhaftung wegen „Hochverrats“ (Barth hatte in seiner Zeitung zur Abwehr des Nationalsozialismus zum Generalstreik aufgerufen). Anfang März 1933 Flucht in die Schweiz. Damit begann ein 17 Jahre währendes Exil, das Barth rund um die Welt führte (Frankreich: 1933 und 1935, Spanien: 1934, Tschechoslowakei: 1935, Norwegen: 1938, Schweden: 1940 und USA: 1941). 1950 Heimkehr: zunächst Stuttgart, zwei Jahre später Waldkirch, wo er sich – über die politische Entwicklung und seine eigene „Überflüssigkeit“ enttäuscht – „zu Ende lebte“. Tod am 15. Juli 1970.

    Pseudonyme: Mufti Bufti, Mara Bu, Karl Fehr, Franz Kury, Jack, Knurrhahn, Peng

    Selbständige Veröffentlichungen:

    Kabif [als Mufti Bufti]. Gedichte. Stuttgart: Verlag der „Sonntags-Zeitung“ 1930.

    Die Rubaijat des Omar Khaijam. Frankfurt: Europäische Verlagsanstalt 1963.

    Die Nacht des Kaisers. Der Herr des Reiches. Waldkirch: Privatdruck 1964.

    Ein fremder Hund: Waldkirch: Privatdruck 1964.

    Der rote Stein und andere Geschichten. Waldkirch: Privatdruck 1966.

    Höllentorer Chronik. Waldkirch: Privatdruck o.J.

    Spur im Ufersand. Eine Auswahl aus dem Werk. Waldkirch: Waldkircher Verlag 1971.

    Flucht in die Welt. Exilerinnerungen 1933-1950. Hrsg. von Manfred Bosch. Waldkirch: Waldkircher Verlag 1986.

    Lob des Dialekts. Waldkircher Redensarten. Texte und Gedichte. Waldkirch: Waldkircher Verlag 1986.

    (Biografie und Bibliografie aus: Manfred Bosch (Hg.), Mit der Setzmaschine in die Opposition, Auswahl aus Erich Schairers Sonntags-Zeitung 1920-1933, 1989)

    Inventory of the MAX BARTH PAPERS, 1916-1962
    M.E. Grenander Department of Special Collections and Archives GERMAN INTELLECTUAL ÉMIGRÉ COLLECTION

    siehe auch:

    https://www.zeit.de/1987/18/sechseinhalbtausend-mark-wiedergutmachung

    https://de.wikipedia.org/wiki/Max_Barth_(Journalist)