Kategorie: 1920

Auswahl im Jahrgang 1920 veröffentlichter Beiträge

  • Werbung ohne Zensur

    aus dem Editorial der KONTEXT Wochenzeitung vom 16. Februar 2022

    […]

    „Das Inseratenwesen in privater Hand ist die Hauptursache des ganzen Verfalls unserer Presse“, befand vor beinahe 100 Jahren, am 4. Januar 1925, der Journalist Erich Schairer, der nach dem Krieg Herausgeber der „Stuttgarter Zeitung“ wurde – und der sicher keine Luftsprünge gemacht hätte, wenn er miterleben müsste, wie die Themenauswahl des einst stolzen Blattes „nach Reichweiten- und Abozielen gesteuert werden“ soll (Kontext berichtete). Über die Pressevielfalt im Stuttgart der 1920er-Jahre, als es dort noch über zwanzig Tageszeitungen gab, berichtet in dieser Ausgabe Dietrich Heißenbüttel. Ebenso über die Widerstände, gegen die sich kritischer Journalismus schon damals durchsetzen musste.

    […]

  • Am Grabe des Kapitalismus

    Am Grabe des Kapitalismus

    Wir stehen am Grabe der großkapitalistischen Epoche. Der Hochkapitalismus ist zu Ende, nicht das Kapital. Das wird uns alle lange überleben, gleichviel ob als Staats- oder persönliches Kapital. Doch der Hochkapitalismus als Weltbewegung ist – obwohl er im Westen seinen höchsten Gipfel noch nicht erreicht hat – ein gestorbener Koloß. Wir dürfen ihm seine Grabrede halten und sagen: Er hat Enormes geleistet. Er ist eine der größten Weltbewegungen gewesen, er hat an Technik und Verkehr in einem Jahrhundert mehr geleistet als Ägypten und Babylon, als Phönizien und Karthago in Jahrtausenden. Was er schuf, war Pionierarbeit. Wohin er griff, war jungfräuliches Land. Hier griff er in das Gebiet der Erfindungen, hier in das Gebiet der Massenbetätigung; jeden Tag eine neue Möglichkeit, eine neue Richtung, eine neue Erschließung. Er packte Landstrecken, Forsten, Ströme, Bergwerke, Meerengen und Häfen und schuf Unternehmungen. Eine Pionierarbeit, die die Welt urbar machte, nicht im Sinne des Ackerbaus, sondern des Gewerbefleißes. Und diese gewaltige Arbeit, von starken Menschen geleitet, hat die Welt umgewandelt, so daß sie in die Lage kam, anstelle spärlicher Millionen die Milliardenzahl der heutigen Bewohner zu ernähren.

    Nun müssen wir zwei Dinge unterscheiden: auf der einen Seite als Rodungsarbeit, als Squatter-Arbeit, mußte der Kapitalismus aus dem Vollen wirtschaften; er mußte in großen Zügen schöpfen, er dudte sich an das Kleine nicht halten. Es war ganz nebensächlich, ob Milliarden nebenbei gingen, ob unendliche Materialien, unendliche Mengen von Arbeitskräften verwüstet wurden: er konnte in einem Tage mehr erreichen, als zehn Jahre Sparsamkeit ihm eingebracht hätten.

    So hat er in tiefen Zügen aus dem Vollen geschöpft. Er hat vergeudet, nach dem Vorbild der unbekümmerten Natur. Doch nicht in allem hat er vergeudet; in einem Punkt war er sparsam, und diesen Punkt müssen wir scharf ins Auge fassen. Er war unendlich sparsam in der Verwaltung. Verschwenderisch im Betrieb, sparsam in der Verwaltung! Ist das möglich? Das ist sehr gut möglich. Er häufte zwar die Reichtümer, die er schuf, im Besitz seiner Personen, seiner Unternehmen oder seiner Nachkommen. Doch immer wieder wurden sie in den Betrieb gesteckt; er besaß von all diesen Reichtümern nichts weiter als den auf Papier geschriebenen Besitztitel. Er wollte Macht und verzichtete um ihretwillen im Zweifelsfalle auf Genuß. Auch konnte er nicht allzuviel auf Genuß verschwenden, denn die Zahl der erobernden Menschen war viel zu klein, als daß sie den unendlichen Ertrag der Welt hätte vergeuden können. Gewiß, mit Recht spricht der Arbeiter davon, daß es ihm zuwider ist, wenn er durch reiche Straßenviertel wandert, dort große Gärten, Parks und Villen erblickt und sich vorstellt, was hinter diesen Gittern und Mauern geschieht. Doch wenn die Rechnung gemacht wird, so bedeutet alles, was hinter diesen Gittern verschwendet wird, einen verhältnismäßig billigen Verwaltungsaufwand. […]

    Die künftige Form der Wirtschaft und ihrer Verwaltung wird sehr teuer sein; der größte Teil des Arbeitsertrages, der bisher gesammelt wurde, wird verbraucht werden. Noch mehr als das. Es wird außerordentlich schwer sein, den riesenhaften Wirtschaftspark, den wir geerbt haben und von dem wir glauben, daß er unzerstörbar ist, aufrecht zu erhalten. Wir haben diesen Park von Maschinen, von Gebäuden, von Einrichtungen, von Verkehrsmitteln in jener Zeit aus dem Vollen geschaffen, jetzt muß er aus dem Mangel ergänzt und erneuert werden; einstweilen hält er noch, bis auf den Ölfarbenanstrich und die Teppiche.[…]

    Das ist nicht alles. Wir sprechen von Spaa, von der Kriegsentschädigung wie von einer alltäglichen Sache: „Wir haben schon soviel durchgemacht, so werden wir auch das noch durchmachen.“ Milliarden auszusprechen ist leicht, sie zu drucken ist nicht schwer. In einer noch nicht stationär gewordenen Wirtschaft, die im wesendichen noch von Vergangenheit zehrt, in einer Übergangszeit werden die Abnormitäten fast unmerklich in den Kauf genommen. Deshalb sprechen wir gemütlich von den Milliarden, die wir zahlen sollen, und wieder heißt es in einer Ecke unseres Bewußtseins: „Wir werden schon herauskommen.“ Wir werden nicht herauskommen, wir werden zahlen! Denn daß die offene Wunde Europas sich schließen muß, ist gar kein Zweifel. Wie weit Recht, Gesetz, eine moralische Verpflichtung uns zwingen, ist nicht entscheidend. Es wird wiederhergestellt werden! Und diese Wiederherstellung wird in der schwer bedrückten Lage unserer Wirtschaft uns unendliche Sorgen machen. Denn wenn ich auch ganz von den französischen Zahlen absehe, so bitte ich zu bedenken: Jede Milliarde Gold jährlich bedeutet eine Summe von 10 Millionen Mark Papier, die hier gedruckt und irgendwie herangesteuert werden müssen; jede Milliarde Gold bedeutet 15 Millionen Tonnen Kohlen zum Auslandspreis, 50 Millionen zum Inlandspreis. Wir dürfen diese Dinge nicht vergessen. Wir dürfen nicht glauben, weil es nuneinmal wieder vier Wochen leidlich gegangen ist und vielleicht vier Wochen wieder ein bischen schlechter, daß so eine Art von ständigem Zustand eingetreten sei.

    Wenn wir nun fragen: Was ist die Zukunft und wie werden wir über diese Dinge hinwegkommen?, so ist die Antwort die gleiche, die wir erhalten, wenn es sich um ein zusammengebrochenes Unternehmen handelt, das über seine Verhältnisse gewirtschaftet hat, eine Bank, eine Reederei oder eine Fabrik. Es schwebt jedem das Wort „sparen“ auf den Lippen. Nein, nicht das Sparen im gemeinen Sinne ist es, das karge Sparen richtet den Menschen nur zugrunde, wenn es über ein bestimmtes Maß getrieben wird. Wir können nicht die Menschen noch schlechter ernähren, als es geschieht und geschehen ist; die Aufgabe heißt organisieren und ordnen!

    Es ist nicht möglich, daß in einer Wirtschaft, in einer Zukunft, wie wir sie vor uns haben, die Dinge anarchisch, unorganisch, ungeordnet weiterlaufen können. Wir werden nicht mehr in einem unorganischen, verfahrenen, lediglich vom Individualimus, vom persönlichen Eigennutz getriebenen Wirtschaftsmechanismus leben, sondern in einem gegliederten Organismus, in dem jeder, der Wirtschaft oder Ämter führt, in gleichem Maße sich selbst und der Gemeinschaft verantwortlich ist. Unsere Aufgabe und Rettung heißt: Mit gleicher Menschenzahl, verminderten Bodenschätzen, gleicher Arbeitsleistung das Doppelte und Dreifache von dem zu erzeugen, was wir bisher erzeugt haben. Sollen wir teuer verwalten, so müssen wir – in Umkehrung der alten Wirtschaft – um so ökonomischer betreiben. Das scheint den meisten verwegen und unmöglich, weil sie den Prozeß der Gütererzeugung nicht kennen. Wer ihn kennt, der weiß, daß heute die Hälfte der Arbeitsleistung und der Gütermenge nutzlos vertan wird. Der Gesamtprozeß unserer Produktion ist kindlich primitiv, der Laune, dem Eigennutz, dem Zufall überlassen. Er ist vergleichbar der Landwirtschaft vor hundert Jahren, die der rationellen Durcharbeitung entbehrte und kaum den vierten Teil der heutigen Erträge lieferte.

    Durch Schlagworte hat man diesen Gedanken ihre beflügelnde Kraft scheinbar genommen, durch Vermischung mit behördlichen Maßnahmen hat man ihnen den Schein von Mechanismen gegeben, die sie nicht sind. Nein, in diesen Gedanken liegt die tiefste Ethik, deren wir technisch, wirtschaftlich, politisch und sozial fähig sind. Es liegt darin die Ethik der Verantwortung eines jeden Menschen und die Idee der Gemeinschaft.

    1920, 30 · Walther Rathenau

  • Durchs Fegefeuer

    — Jg. 1920, Nr. 42 —

    Die sozialistische Wirtschaft, heißt es, wird für den Bedarf produzieren, nicht für den Markt. Sie wird planmäßig und gleichmäßig ablaufen, nicht chaotisch und ruckweise. Nicht der beliebige Einzelne, weder als Unternehmer noch als Händler noch als Kunde, wird in ihr das Wort haben, wenn er nur drei Häuser weiter schreien kann als sein Nachbar; sondern der oder die Verantwortlichen werden ihm das Wort erteilen, und zwar nicht auf Grund seiner Stimmbänderleistung.

    Das ist Revolution, man mag sich den Weg dazu noch so lang, krumm und „evolutionär“ vorstellen. Und die siegreichen Stimmgewaltigen auf der Kirchweihrauferei unserer bisherigen Wirtschaft wollen deshalb nichts davon wissen; während die Nur-Konsumenten, auf deren Nasen der wilde Tanz sich bisher abspielt und die die Musik und die Zeche bezahlen dürfen, schon eher mit einer Ordnung und Schlichtung des Durcheinanders zufrieden wären. Auch die scheinbar unbeteiligten dienstbaren Kräfte, deren sich die Handelnden bedienen, die Arbeiter, sind einverstanden — was sage ich: einverstanden? — sie sind es ja, die von jeher vom Sozialismus gerade das Paradies statt der Hölle, die Ruhe statt der Hetze, die Würde statt der Mißachtung (Demagogen sagen: den Genuß statt der Mühe) erwarten.

    In den vereinigten sozialpolitischen und wirtschaftspolitischen Ausschüssen des Reichswirtschaftsrates ist kürzlich ein Antrag Baltrusch (Arbeitnehmervertreter) eingegangen, der fordert, daß „Arbeit und Kapital nicht mehr zur Erzeugung von wirtschaftlich nicht notwendigen Waren, sondern zu Gunsten des Exports und des notwendigen Inlandsbedarfs verwendet werden sollen“.

    Donnerwetter, sagte man sich, da haben wir ja wieder die ominöse Wissell-Moellendorff’sche Planwirtschaft, die vor einem Jahr von den Unternehmern verabscheut und von den Arbeitern nicht begriffen worden ist! Habt ihr euch besonnen, Arbeiter? Schön, also kann die Geschichte losgehen, denn ihr seid doch heute noch immer mächtig genug, euch durchzusetzen?

    Aber gemach: gleich meldet sich die bittere Skepsis. Hast du, Baltrusch, gewußt, was deine resolute „Resolution“ bedeutet?

    Auch für die Arbeiter bedeutet, die nämlich bei der Umstellung zur Gemeinwirtschaft nicht so ganz unbeteiligt sind, daß ihnen die Aktion kein Kopfzerbrechen zu machen brauchte. Sie sind sogar sehr unangenehm passiv beteiligt. Wenn Kollege Baltrusch konjugiert: ich stelle um, so heißt das für den Kollegen Ixmüller: du wirst entlassen.

    Ich erinnere mich an eine Versammlung von Berliner Buchdruckern, in der ich einmal über die Sozialisierung der Presse referiert habe. Ich wies die unsinnige Überproduktion an Zeitungen nach, die in Deutschland vorhanden ist, wo jedes Provinznest gleich drei, vier Dreckblätter haben muß. Ich wies auf England hin und behauptete, daß wir in Deutschland so gut wie dort mit 300 Tageszeitungen statt mit 3000 leben könnten. Man sollte den Zeitungsverlegern ihre melkende Kuh, derentwegen der ganze Blätterwald rausche, den Inseratenteil, entziehen und ihn besonderen öffentlich kontrollierten Anzeigenblättern vorbehalten. Dann würden die 3000 Zeitungen ganz gewiß bald auf die Hälfte, auf ein Drittel reduziert sein. Die Versammlung von Buchdruckern lauschte aufmerksam und spendete Beifall, wenn saftige Seitenhiebe auf den raffgierigen Unternehmer fielen. Aber als der Redner fertig war, standen nacheinander drei, vier Arbeiter auf und bedeuteten den Kollegen, man könne da nicht mitmachen, so schön der Gedanke des Referenten vielleicht sei, denn durch eine solche Regelung würden ja 50 Prozent der Buchdrucker arbeitslos, würden ihre Stellung verlieren, ihren Beruf vielleicht ganz aufgeben müssen.

    Das ist der Haken bei der Geschichte, liebe Arbeiter. Ihr müßt wissen, was auch für euch eine Umstellung der Wirtschaft vom unwirtschaftlichen wilden Privatkapitalismus zur wirtschaftlichen Form der bewußt gelenkten, öffentlich kontrollierten Wirtschaft heißen will: Entsagung, Schwierigkeiten, Unbequemlichkeiten, Härten, vielleicht sogar Not, Sorge und Armut für eine nicht ganz kurze Übergangsperiode. Jede Etappe der Wirtschaftsentwicklung ist nicht bloß ein Steigen, sondern auch ein Stolpern gewesen. Erinnert euch der Handwerker, die von der Industrie samt ihrem ganzen Handwerk aufs Trockene gesetzt worden sind, oder der Arbeiter, die durch neue Maschinen an die Luft flogen. Selbstverständlich werden die frei werdenden Arbeitskräfte wieder aufgesogen werden, wenn die Gemeinwirtschaft die planlose Wirtschaft ablöst; und Geschick der Leitenden, guter Wille der Geleiteten wird es dahin bringen können, daß der Umlenkungsprozeß möglichst glatt, möglichst schmerzlos, möglichst rasch vollzogen wird. Aber ganz ohne Opfer wird es für euch Arbeiter nicht abgehen. Wenn operiert wird, muß Blut fließen. Wenn Fabriken geschlossen und Produktionen aufgegeben werden, dann werden zunächst Arbeiter brotlos oder wenigstens — was fast ebenso schlimm ist — beschäftigungslos. Sie müssen umlernen oder umziehen. Da ist nichts zu ändern.

    Der Weg zum Sozialismus braucht vielleicht nicht durch die Hölle zu führen wie in Rußland, aber auf alle Fälle geht er durchs Fegefeuer. Ob wohl Baltrusch daran gedacht hat, als er seinen Antrag einbrachte? Und ob die Arbeitervertreter, die für ihn stimmten, alle wußten, was sie damit beschlossen? Ob schließlich die Wähler jener Arbeitervertreter wissen, was bei der etwaigen Durchführung (etwaigen! bitte, denn er ist ja lediglich „Material“ für die Regierung!) des Beschlusses ihrer wartet? Wenn es so wäre, dann wäre es gut, dann könnte die Umstellung zur Gemeinwirtschaft beginnen.

    1920, 42 · Sch.

  • Mein Programm

    Mein Programm

    — 1. Jg. 1920, Nr. 1 —

    Das arme deutsche Volk ist durch die Borniertheit und Leichtfertigkeit einer Regierung, die seinem Erleben und Erleiden fremd und verständnislos gegenüberstand, in einen unglückseligen Krieg hineingerissen worden. Während dieses Kriegs hat eine politisch unfähige, rücksichtslose Militärkaste die Macht an sich gerissen und die sich mehrfach bietenden Gelegenheiten zu einer vernünftigen Liquidierung des Kriegs von sich gewiesen. Dann hat sich das alte Sprichwort ,Hochmut kommt vor dem Fall‘ erfüllt. Die militärische Niederlage hätte jedoch noch nicht ohne weiteres eine politische zu werden brauchen, wenn nicht durch die Schuld des Unglücksmenschen Ludendorff ein voreiliger und kopfloser Waffenstillstand geschlossen worden wäre. Er drückte das Siegel auf den vollkommenen Zusammenbruch. In ihm sind die alten politischen und militärischen Gewalten verschwunden. Die Revolution hat Kaiser und Könige, Generäle und Minister hinweggefegt und die deutsche Republik, den hundertjährigen Traum der Patrioten, erfüllt. Aber es war ein schlimmes Erbe, das sie antreten mußte. Wohl waren die schuldbeladenen Häupter verjagt; aber die Folgen der Vergangenheit waren damit nicht aus der Welt geschafft. An diesen bitteren Folgen haben wir jetzt zu würgen, und wir wissen beim Anbruch dieses kommenden schweren Jahres [1920] noch nicht, ob wir nicht daran ersticken werden.

    Ob wir wieder aus dem Elend herauskommen werden, hängt von zweierlei Umständen ab. Einmal von dem in mehr als einer Beziehung zweifelhaften Wohlwollen der bisher feindlichen Regierungen. Es wäre schlimm, wenn wir uns darauf allzusehr verlassen wollten oder sogar einzig verlassen müßten, wie Österreich. Und umso weniger wird dies nötig werden, je mehr wir selber die Kraft finden, uns aufzuraffen. Das heißt: je entschlossener, entsagender, ernsthafter wir uns zu gemeinsamer, planvoller Arbeit im Dienste des deutschen Vaterlandes zusammenschließen.

    Leider ist von einem solchen Zusammenschluß, von einem sieghaften Erwachen des Solidaritätsgedankens (das verstehe ich auch unter Sozialismus und Sozialisierung) bisher in Deutschland nicht viel zu bemerken. Weder politisch noch wirtschaftlich noch sozial. Die Vereinigung der deutschen Einzelstaaten zum einen Deutschland wird zwar mehr und mehr als nationale und wirtschaftliche Notwendigkeit eingesehen, aber noch ist die Bereitschaft dazu über Trägheit und Eigenbrödelei nicht Herr geworden. Die alten Parteien sind mit neuen Firmenschildern wieder auferstanden und zanken sich über dieselben Worte (denn zu Taten kommt es nicht) und mit denselben widerlichen Methoden wie früher. Der Zusammenschluß der wirtschaftlichen Gruppen und ihre Einordnung in einen planvoll funktionierenden Gesamtorganismus ist zwar weithin als wünschenswert und vernünftig erkannt; aber noch steht Industrie gegen Handel, Stadt gegen Land, Verbraucher gegen Erzeuger; und der wirtschaftliche Egoismus feiert höllische Triumphe. Die Arbeitsgemeinschaft zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber, der Friede zwischen den Ständen und Klassen, wird zwar unermüdlich gepredigt; aber alle Predigt hat die tiefe Kluft der Entfremdung und des Übelwollens, die von altersher befestigt ist, noch nicht zuschütten können. Wir leben dem Buchstaben nach in einer sozialen und demokratischen Republik; aber der Geist des Sozialismus und der Demokratie, der Rücksicht, Verständnis, Wohlwollen und Gerechtigkeit bedeutet, ist nicht zum Leben erwacht.

    Diesem Geiste wird diese Zeitung dienen. Sie wird eintreten für die Gleichberechtigung aller Volksgenossen ohne Unterschied des Standes oder Berufs und für das Recht der Allgemeinheit, das vor dem Einzel- oder Gruppeninteresse rangiert; sie wird kämpfen gegen Standesvorurteile und Eigennutz, gegen jedwede Ungerechtigkeit und das Erbübel der Deutschen: die Zersplitterung. Der deutsche Einheitsstaat, die Gemeinwirtschaft und die Wahrung der Menschenwürde sind ihre drei Leitsterne für Politik, Wirtschaft und Gesellschaftsordnung. Sie wird national und sozial sein. Aber wie sie innerhalb des Volkes für Frieden und gegenseitiges Verständnis eintreten wird – das bedeutet ,sozial‘ – , so wird sie auch in der äußeren Politik nicht etwa nationalistisch und national verwechseln. Auch die Völker und Nationen sind zur Gemeinschaft bestimmt und nicht zur gegenseitigen Zerfleischung. Sie sollen und werden einander anerkennen und verstehen lernen. Die Völker hassen sich nicht; trotz aller giftigen Saat, die von falschen Führern und ihrer Presse ausgestreut worden ist und jetzt wieder ausgestreut wird. Auch diese Verhetzung soll hier kein Echo finden.

    Es mag vielleicht gewagt sein, in dieser Zeit und unter solcher Devise eine Zeitung ins Leben zu rufen. Sei es gewagt! Wenn der Widerhall ausbleiben sollte, dann umso schlimmer – nicht sowohl für mich als für das Gemeinwesen.

    1920, 1 · Erich Schairer

  • Vor der Wahl – Eine Rede an Sozialdemokraten

    Vor der Wahl – Eine Rede an Sozialdemokraten

    — Jg. 1920, Nr. 22 —

    Parteigenossen! – Ich bin nämlich „Genosse“, und zwar einer von der Mehrheits- (oder bald Minderheits-?) Partei; und ich rede zu euch von dieser Rednerbühne aus, weil ich von der Bühne der „Tagwacht“ oder des „Sozialdemokraten“ aus nicht so reden könnte, wie ich reden muß…

    Parteigenossen! Es ist nun mit der Wahl der Augenblick wieder da, der euch eine politische Entscheidung in die Hand legt, die Entscheidung darüber, was in Zukunft aus der Sozialdemokratie werden soll. Und es kommt nun alles darauf an, daß ihr den ernstlichen Willen habt, das gut zu machen, was ihr im vergangenen Jahr schlecht gemacht habt. Denn darüber sind wir uns ja wohl alle klar: die Sozialdemokratie hat aus der Revolution nicht das gemacht, was sie hätte machen sollen und machen können. Man hat es oft gesagt, und es gibt kein wahreres Wort: die deutsche Revolution ist zu einem Lohnkampf geworden. Höhere Löhne und verminderte Arbeitszeit: das habt ihr herausgeschlagen; dafür habt ihr die Macht eingesetzt, die euch die Revolution gegeben hat. Ist das aber das Ziel der Sozialdemokratie? Haben dafür die Männer eures Heldenzeitalters, die Bebel und Liebknecht, gelitten und gestritten, daß ihr mehr verdient und weniger arbeitet? Haben sie nicht gekämpft für eine neue Gesellschaftsordnung, die jeden zu einem Vollbürger des Staates macht, für ein neues Wirtschaftssystem, das jedem ein würdiges Menschendasein sichert, für eine Idee also, die nicht damit verwirklicht ist, daß ihr bequemer lebt als zuvor. Die Erfolge eures Lohnkampfes bedeuten für den Sozialismus rein gar nichts. In dem großen Krieg zwischen Sozialismus und Kapitalismus sind sie gelungene Beutezüge, aber keine Siege, und (um im Bild zu bleiben) über’m Beutemachen habt ihr den Sinn des ganzen Krieges aus dem Auge verloren. Ihr habt den Geist des Kapitalismus in eure Seelen hineingelassen und seid nun ebenso von ihm besessen, wie eure Todfeinde, die ihr Kapitalisten nennt: das ist die Wahrheit.

    Freilich, die Schuld liegt zum großen Teil an euren Führern. Sie haben versagt, so gründlich, so kläglich versagt, daß es zum Heulen ist. Als die Revolution ausbrach, da schlug ich mich durch ein öffentliches Bekenntnis zur Sozialdemokratie. Hier, so sagte ich mir, sind die Männer, die was Rechtes wollen und die die Kraft haben, es zu wollen. Die bürgerliche Gesellschaft ist unter dem alten Regime satt, faul und unfruchtbar geworden: die bringt keine Männer von großem Zuschnitt hervor. Die Sozialdemokraten, die werden sich nun daranmachen, das deutsche Haus, das verpestet ist, vom Geist eines seelenlosen Autoritätsprinzips, vom Standes- und Bildungsdünkel seines Bürgertums, vom Geist der Lüge und Phrase, die sich auf Thronen, Kanzeln und Kathedern blähte, vom Geist eines gewissenlosen Streberund Schiebertums, das Krieg und Revolution nicht gezeugt, sondern nur entbunden haben,… sie werden sich daranmachen, das deutsche Haus reinzufegen von all dem Dreck, den eine Periode kapitalistischen Gedeihens darin angesammelt hatte.

    Was aber taten nun diese Revolutionshelden? Daß Gott erbarm! Sie begannen mit einer weltgeschichtlichen Dummheit: sie traten in die Regierung ein. Man kann sich denken, wie die Herren von der Rechten schmunzelten, als unsere Leutchen, vom Ehrenspeck gelockt, in die Mausefalle hineinspazierten und sich freundlich und dienstfertig anschickten, die Kriegsschweinerei aufzuputzen, die im Grunde doch die anderen angerichtet hatten. Das war ein schwerer taktischer Fehler, der sich rächen wird und schon gerächt hat, da man auf euch nun die ganze Last der Unzufriedenheit wirft, die sich in unserem furchtbar geschlagenen Land naturgemäß gegen jede Regierung angesammelt hätte … ein schwerer taktischer Fehler, aus Dummheit und Eitelkeit. Das war schlimm genug, aber es kam noch schlimmer. Unsere Regierungsmänner schienen ihre Hauptaufgabe darin zu sehen, sich um jeden Preis auf dem ewig schwankenden Ministerstühlchen zu halten, und wenn einer stürzte, wie der edle Scheidemann, so war es gewiß nicht, weil er mit zu großer Energie für sozialistische Gedanken eintrat. Kompromisse nach allen Seiten, behutsames Leisetreten nach rechts, demokratische Verbrüderung mit Ultramontanen und Demokraten: ein politischer Eiertanz, bei dem man Stück um Stück die Rüstung sozialdemokratischer Überzeugungen ablegte, um sich leichter bewegen zu können. Wer nicht mitmachte, wie unser tapferer Sakmann u.a., wurde kaltgestellt: man wollte keine Kämpfer. Und das alles mit der ewig wiederholten Begründung: man sei nun einmal in einem demokratischen Staat und man habe eben leider nicht die Mehrheit. Aber, zum Teufel, wo bleibt denn da der revolutionäre Gedanke? Seht ihr denn nicht, daß es Kompromisse gibt, die ein Mensch, der eine Idee vertritt, schlechterdings nicht machen darf, weil er sonst zum Verräter wird am Besten, was er in sich trägt? So bereit waren diese Leute zu Kompromissen, daß ihnen auch nicht ein einziges Mal der Gedanke kam, mit ihrem Rücktritt zu drohen, was zu einer Zeit, da der Rechten der Schreck über die Revolution noch in den Gliedern saß, von der besten Wirkung gewesen wäre. So bereit zu Kompromissen, daß sie auch nicht ein einzigesmal die Massen aufgerufen haben, für einen politischen Gedanken ihre Macht in die Wagschale zu werfen. Ach, sie waren so gerührt, unsere Leutchen, daß man sie so nett ankommen ließ! Die anderen sollten sehen, daß der Sozi auch ein Mensch ist, sozusagen, besonnen, belehrbar, gerecht, kein roher Fanatiker und wilder Mann. Fürwahr! So harmlos, so gutmütig, anständig, bescheiden, verträglich, war nie eine Revolutionsregierung! Niemand wurde ein Haar gekrümmt: weder den Monarchisten und Militaristen noch den Kapitalisten, weder der Schule noch der Kirche, weder den Bürokraten noch den Schiebern. Nur gegen Links war man energisch. Da hatte man auf einmal Grundsätze. Warum wohl? Nun, dort standen wirkliche Gegner, nicht Gegner der Anschauung (beileibe nicht! denn um Anschauungen kann man markten), sondern persönliche Gegner, Leute, die auch Führer sein wollten und die da anfingen, die Massen ihren alten Führern zu entfremden. Das freilich war eine ernsthafte Sache! Da mußte man streng sein.

    Nun werden diejenigen unter euch, die links stehen, sagen: Ja, das waren die Mehrheitsleute; aber wir von der U.S.P und der K.P., wir sind doch andere Kerle! Liebe Freunde, bildet euch nichts ein! Als die Mehrheitsleute im Weimarer Schulkompromiß die deutsche Geistesfreiheit schamlos verhandelten, wo waret ihr da? Ist die Schul- und Kirchenfrage am Ende auch für euch ein heißes Eisen, wie für die Herren Demokraten, die sich, als die Krise kam, rechtzeitig um die Verantwortung zu drücken wußten? Und was habt ihr sonst Reelles getan und geleistet? „Diktatur des Proletariats“ habt ihr gebrüllt ─ gut gebrüllt, in allen Tonarten, ich gebe es zu ─ und habt die Massen mit diesem Zauberwort betört. Aber was ihr diktieren wollt, wenn’s darauf ankäme: davon schweigt die Geschichte. Und die Massen, die hinter euch dreinlaufen, sind so anspruchslos und bescheiden: sie haben ein neues, gutes Schlagwort; was dahinter steckt, interessiert sie wenig. Oh so brüllt nur weiter euer Diktaturgeschrei, aber hütet euch, daß ihr nicht einmal diktieren müßt! Das gäbe eine böse Verlegenheit und es käme zur ersten Verlegenheit der Sozialdemokratie die zweite… Fühlt ihr nicht die tiefe Unehrlichkeit und die öde Unfruchtbarkeit, die in eurer Schiagwortpolitik liegt? Meint ihr, dabei könne etwas Vernünftiges herauskommen? Meint ihr, ihr könntet ernten, wo ihr nicht gesät habt?… „Das Proletariat muß zur Herrschaft kommen… das übrige wird sich finden.“ O nie! Das übrige wird sich nicht finden. Sondern es wird sich finden, daß ihr zerstören könnt, aber nicht aufbauen. Und wenn ihr mir mit Rußland kommt, so sage ich: „Zeigt mir erst euren Lenin und Trotzki! Dann wollen wir weiterreden!“ …

    Was aber sollen wir nun tun? fragen einige (wenige) von euch, die mir rechtgeben. Das will ich euch sagen!

    Zum ersten: denkt ein bischen weniger an euer leibliches Wohl und mehr an Ideen. Bebel und Liebknecht haben nicht über die Probleme „Most“, „Marmelade“, „Zucker“ und dergleichen geredet. Die Ideen sind die großen Triebfedern des Weltgeschehens, die Ideen siegen. Beschäftigt euch ein bißchen mehr mit den Ideen des Sozialismus! Die Art, wie ihr mit dem geistigen Gut des Sozialismus umgeht, ist unwürdig und kindisch. Zum zweiten: Wählt andere Männer zu Führern! Nicht bloß eben andere, sondern Männer von anderem Schlag. Daß eure Führer versagt haben, muß euch zu denken geben. Ihr habt nicht das richtige Gefühl für das, was den Führer macht. Es kommt nicht vor allem darauf an, daß einer ein gerissener Hund sei und ein gewandter Schwätzer. Die Sorte taugt nichts: das haben wir gesehen. Und sie sind nicht bloß in unserer Partei. Ganz Deutschland wimmelt von ihnen, wie von Käsemilben, und stinkt von der gemeinen Routine und dem schleimigen Phrasengetratsche dieser schellenlauten politischen Toren. Denkt an das Wort des Dichters: „Es trägt Verstand und rechter Sinn mit wenig Kunst sich selber vor“. Das ist’s, was wir brauchen: Männer von Verstand und rechtem Sinn. Männer, die an die Sache denken und nicht an ihren persönlichen Vorteil. Männer, die Charakter haben, einen klaren Kopf und einen festen Willen.

    …Das laßt euch gesagt sein, ehe ihr zur Wahlurne schreitet. Und damit Gott befohlen!

    1920, 22 Wolfgang Pfleiderer

  • Weder Berlin noch Weinsberg allein

    Weder Berlin noch Weinsberg allein

    — Jg. 1920, Nr. 37 —

    Mein Freund hat mich aus Berlin geholt und ist mit mir nach Weinsberg spaziert. Dort hat er mir von der Höhe her das Tal gezeigt und mich gemahnt: „Euer Berlin ist ein Umweg, eine Sackgasse, ein endloser Sumpf. Kehr zurück in unser Idyll. Hier ist Gleichmaß, Glück, Gemeinschaft, Gerechtigkeit. Mach aus Deutschland eine Welt voller Weinsberge. Überwinde das Neue durch das Alte.“ Was soll ich darauf antworten? Einem selbst steht vor dem Erinnerungsbild das Herz beinahe still. Man stößt auf Schritt und Tritt an Ecksteine des Heimwehs. Jedes krumme Gäßchen, jedes hohe Dach, jeder Nußbaum lockt rückwärts. Jede Villa, jedes Autoschild, jeder Schornstein schmerzt. Wozu predigt nun auch noch der Freund! Da, da pfeift eine Lokomotive. Weinsberg, soviel von dir noch lebt, unzertrümmert noch im Safte strotzt: dankst du es nur dem Mittelalter, das dich aufbaute, oder dankst du es gar zur Hälfte eben der Eisenbahn, der Technik, der Arbeitsteilung mit Berlin? Es gibt kein Zurück. Hüte dich vor dem Kanonenkampf, aber auch vor dem Konkurrenzkampf mit Berlin. Die Spuren deiner zermalmten Feste, aber auch die Spuren deiner provinziellen Nachahmung des Modernen schrecken. Verweichliche mich nicht. Gesetzt den Fall, ich wäre ein zärtlicher Liebhaber deiner Museumschönheit und schlöße dich ab und zöge aus dich zu rühmen: wir röchen alsbald zusammen nach der Mottenkiste oder nach Moder. Wenn nicht Berlin, dann London, wenn nicht London, dann Newyork, wenn nicht Newyork, dann Moskau wäre stärker als unsere Sentimentalität. Denn wie auch immer: der Schaffende hat Recht.

    Ich bin wieder in Berlin. Allabendlich fliehe ich vor dem Fieber der Arbeit ins Freie, zur Ruhe, unter das dämpfende Zudeck einer sogenannten Gartenvorstadt. Ein Gift zerfrißt mich, und nicht allein mich, nicht allein uns Menschen, auch unsere Bauten, ja unsere Blumen: es gibt eine tausendblütige Kletterrose, die aussieht wie die Massenware einer Fabrik. Kann man sich etwas Entsetzlicheres erdenken als eine mechanistische Fratze der Natur? Stauden oder Roßkastanien, die eingerichtet — eingerichtet! — sind, rasch, um jeden Preis rasch zu wirken — zu wirken! -?

    Das Gift heißt Hast. Berlin ist ein Karussell. Personifiziertes Tempo hastet und rast und stampft über mich und die anderen hinweg und verwandelt unser Dasein in eine Hölle. Denn, so flackert es in meinem Gehirn zwischen Wachen und Schlafen, Narr, der du warst, als du Weinsberg verleugnetest und verließest, gewiß hat der Schaffende Recht, aber bist du dich Drehender, du im Kreis Gedrehter wirklich ein Schaffender? Was hat dein neunzehntes Jahrhundert, was hat deine Maschine, was hat dein Berlin vollbracht? Lief nicht immer wieder der Hunger schneller als die Sättigung? Türmte der Fortschritt nicht einfach immer wieder den heutigen auf den gestrigen Unrat? Wo blieb sein Werk? Bestand sein letzter Selbstzweck nicht im Auflösen? Und läßt sich daran irgend etwas ändern, solange du dem Glauben nachjagst, mit Hilfe von Erfindung, Rotation, Industrie die Übervölkerung fördern zu sollen? So träume ich denn in einen neuen Morgen hinein die gräßlichen Gesichter einer quälerischen Wahl.

    Ich werde noch einmal nach Weinsberg fahren, um die Fibel niederzuschreiben, die mich vom Entweder-Oder befreit. Ich will ein Ding vor Augen haben, dem es lohnt, mein Ziel anzuähneln oder doch ebenbürtig zu gestalten. Ich will Berlin als Werkzeug im Rücken haben; das Konservieren genügt mir nicht, ich will bauen. Ich mag mich nicht in die Aussicht bescheiden, daß „nun einmal weniger geboren und mehr gestorben werden muß“. Mich ekelt vor dem billigen Nihilismus, der nichts mehr versucht, weil er sich mit seiner Romantik und seiner Rationalität blamiert hat, und mich widert der Schwindel an, der in die Rationalität Romantik hineingeheimnißt. Ich sehne mich nicht nach einem Ausweg aus dem Seienden. Ich vertraue auf den Sinn des Daseins. Ich verlange danach, Verstand und Gefühl zu vereinigen, ohne sie zu vermantschen; jener muß so unterworfen werden, daß er diesem zur Zufriedenheit dient. Ich ahne eine Gesellschaftsordnung von ungefähr folgendem Gepräge:

    Jeder Erzeugte hat neben jedem anderen Erzeugten gleiches Recht und gleiche Pflicht zu produzieren und zu konsumieren. Da nach der bisherigen Erfahrung jeder Mehrkonsum eine mehr als proportionale Mehrproduktion erfordert und deshalb „das Glück“ nicht mehrt, sondern mindert, so beschränkt die Gesellschaft ihre mechanistisch-arbeitsteilige Produktion auf die Deckung desjenigen Bedarfes, den sie als das Existenzminimum ihrer Mitglieder anerkennt. Diese Produktion wird von allen arbeitsfähigen Mitgliedern mit gleichwertigen Anteilen bewerkstelligt, und zwar so rationalistisch und intensiv wie möglich. Wahrscheinlich genügen Bruchteile der jetzigen durchschnittlichen Arbeitszeit, um der Gesellschaft das Existenzminimum zu sichern. Um den Rest der menschlichen Arbeitsfähigkeit kümmert sich die Gesellschaft nur insoweit, als sie außerhalb der gesellschaftlich organisierten Produktion jede Art von „Arbeitgeberschaft“ verbietet. Du magst in deiner freien Zeit auf dem Rücken liegen oder musizieren oder Obst züchten oder dein Kleid zieren oder Löffel schnitzen oder Regenrinnen flicken oder Knöpfe verkaufen; aber „Arbeitnehmer“ anzuwerben ist dir untersagt.

    Das Getriebe Berlin und du, ein Rädchen in ihm, schaffen, verschaffen dir Spielraum, nicht mehr: nur Spielraum, in dem du dir dein Weinsberg formen magst, wie es dir gefällt. Berlin ist außerstande, ein Schöpfer von Weinsberg zu sein. Aber es ist, in die Grenzen einer bewußten Aufgabe eingeschlossen, imstande, dir fünf Sechstel oder drei Viertel deines Tages so zu überliefern, als wärest du noch ein Weinsberger. Dahin hat alles Bemühen der letzten Jahrzehnte gedrängt. Was fehlte, war die Erkenntnis, daß „aus sich heraus“ der materielle Eifer niemals eine Idee gebären konnte.

    1920, 37 Wichard von Moellendorff

    Siehe auch:https://www.dhm.de/lemo/biografie/wichard-moellendorff

  • Stiefelwichse

    Eine nationale Forderung

    — Jg. 1920, Nr. 15 —

    Bitte: es handelt sich hier um keine Kleinigkeit, wie Sie annehmen, sondern um eine Sache, die das ganze deutsche Volk angeht, soweit es nicht barfuß läuft oder laufen will. Eine Angelegenheit von breitester nationaler Bedeutung. Unbegreiflich, daß sich die Öffentlichkeit darum bis jetzt nicht gekümmert hat. Meines Wissens enthält kein einziges Parteiprogramm diese Forderung, auch kein Wirtschaftsbund hat sie bis jetzt ausgesprochen; höchstens, daß vielleicht der Reichswirtschaftsrat . . . doch der ist Zukunftsmusik, bekanntlich.

    Also die Forderung lautet: Wir brauchen eine anständige Stiefelwichse! Meine Herrschaften: die Stiefelwichse-Verhältnisse sind trostlos. Es gibt zwar eine Unmenge von Stiefelwichsen, pardon: von Schuhcremes, Schuhpasten, Schuhputz-Zaubermitteln. Sie alle sind „die besten“, wie uns andauernd versichert wird; aber eine gute Stiefelwichse (bitte genehmigen Sie das ordinäre, aber vertrauenerweckende altmodische Wort) ist nicht darunter. Alle erzeugen „Hochglanz“ in fabelhaft kurzer Zeit; aber alle machen das Leder kaputt, weil sie es anfressen, statt es zu konservieren. Sie wissen, was heute ein Paar Stiefel kosten; Sie wissen auf alle Fälle, daß wir in Deutschland Ledermangel haben. Wenn man wenig Leder hat, dann soll man versuchen, dieses wenige möglichst pfleglich zu behandeln, damit man es möglichst lange hat. Wie kommt es nur, daß wir unter dieser Voraussetzung (das ist doch logisch, pflegt mein Nachbar zu sagen) unser Schuhleder systematisch vermittelst Planetal, Kosmin, Colorin und wie die unmöglichen und unzähligen Wölfe im Schafspelz (Säuren im Fettpelz?) heißen, ruinieren? Wenn sämtliche Stiefel in Deutschland dank einem Schuhputzmittel, das bewahrt, statt zu zerstören, je ein Jahr länger halten, dann sparen wir 25 Prozent an Schuhleder. Ist das eine Kleinigkeit? Ist das vielleicht nicht im nationalen Interesse, Herr zweiter Vorsitzender des Wahlvereins Ostvorstadt? Ich sage Ihnen: ich werde bei der nächsten Wahl nur einer Liste meine Stimme geben, deren Vertreter mir schwören, daß sie für eine gute Schuhwichse kämpfen werden.

    Aber vielleicht gibt es in Deutschland einen Fabrikanten, dem mit diesen Zeilen entsetzliches Unrecht geschieht. Einen Mann, der wirklich eine anständige Stiefelwichse produziert und die schlichte Wahrheit sagt, wenn er diese als die „beste“ bezeichnet. Aber warum kenne ich ihn und sein preiswürdiges Fabrikat nicht? Ich habe unzählige von den verfluchten Schmieren durchprobiert; es war nicht darunter. Liebes Reichswirtschaftsministerium! Hilf! (Denn in dein Ressort gehört doch die Stiefelwichse.) Laß mal ein paar Chemiker — aber keine, die mit der Herstellung von Stiefelwichse zu tun haben -, vielleicht aber vereidigte Gerichtschemiker, zusammensitzen und sämtliche in Deutschland fabrizierten „Schuhcremes“ durchanalysieren. Als sachverständigen Beirat würde ich einen tüchtigen Schuster empfehlen (nicht den Geschäftsführer des Verbands Deutscher Schuhfabrikanten). Sollte dabei eine Wichse zutage treten, die dem Leder gut tut, dann gib einen Erlaß heraus: „Schmotzin ist die beste Schuhwichse. Der Reichswirtschaftsminister.“ Von da an weiß ich, was ich zu tun habe. Oder, wenn es sich herausstellen sollte, daß alle die vorhandenen Wichsen nicht „die besten“ sind, dann möge das Reichswirtschaftsministerium einen Preis aussetzen für die beste Stiefelwichse und sich das Patent darauf geben lassen und eine Fabrik darauf gründen. Ich werde von da an nur noch „Schmidtin“ oder wie es nun heißen soll, verwenden; und würde endlich einmal meine Stiefel putzen können, ohne mich über die verdammte Wichse zu ärgern.

    1920, 15 Sch.