Schlagwort: Kazenwadel

Pseudonym von Erich Schairer

  • Verantwortlich

    Verantwortlich

    — Jg. 1928, Nr. 11 —

    Wenn ich mit einer brennenden Pfeife über den Heuboden meiner eigenen Scheuer gehe, etwas Glut fällt heraus, die Scheuer brennt ab, — was glauben Sie, was mir geschieht, obwohl vielleicht außer mir selber nicht einmal jemand zu Schaden gekommen ist?

    Wenn ich als Angestellter der Firma Meier einem armen Reisenden, der mich dauert, fünfzig Mark aus der mir anvertrauten Kasse schenke — den Betrag, den der Chef jeden Abend herausnimmt, um ihn zu verjuxen —, glauben Sie, man wird mir das hingehen lassen?

    Wenn ich mit dem mir anvertrauten Gelde meines Mündels an der Börse spekuliere, z.B. in Filmaktien, oder in Speck, und elend hereinfalle, so daß am Schluß nichts mehr da ist, — wird der Herr Staatsanwalt mich etwa nicht beim Wickel nehmen?

    Wegen Veruntreuung, wegen Unterschlagung, wegen fahrlässiger Brandstiftung? Obwohl meine Gesinnung in allen diesen Fällen am Ende nicht einmal unanständig zu nennen wäre? Aber ich bin eben verantwortlich für etwas, für das Geld, den Besitz, oder Leben und Gesundheit meiner Mitbürger; und wenn ich diese Güter schädige, werde ich zur Verantwortung gezogen. Ich werde bestraft, oder muß Schadenersatz leisten, oder beides.

    Wenn ich als „verantwortlicher“ Minister meines Landes leichtsinnigerweise einen Krieg heraufbeschwöre, in dem zwei Millionen Landsleute mehr oder weniger qualvoll verrecken; wenn ich als Heerführer diesen Krieg infolge meiner bodenlosen Leichtfertigkeit in der Abschätzung der gegnerischen Kräfte verliere, so daß mein Volk 132 Milliarden Mark Kriegsentschädigung zu zahlen bekommt; wenn ich als Chef der Staatsbank so lange Papiergeld drucken lasse, bis es seinen bloßen Papierwert nicht mehr wert ist und auf diese Weise Hunderttausende um ihr mühselig erspartes Vermögen betrüge — was glauben Sie, daß mir dann passiert? Du lieber Gott: nichts. Ich werde höchst ehrenvoll pensioniert, bekomme dicke Ruhegehälter, genieße überall hohen Respekt. Statt daß man mich — (na, malts euch selber aus).

    Wenn ich aus der Kasse meines Landes Leuten wie etwa den Ruhrindustriellen, die schon vorher Millionäre sind, Millionen an die Rippen schmeiße, auf die sie nicht das geringste Anrecht haben; oder wenn ich mich mit den Geldern dieser Kasse als Beamter des Reichswehrministeriums an Film- und Speckgesellschaften beteilige, mit dem Erfolg, daß zwanzig Millionen Steuergelder in die Binsen gehen — wird da wohl ein Hahn darnach krähen? Jawohl, das wird einer, es wird wochenlang, monatelang in den Zeitungen und im Reichstag darüber gequatscht werden. Solange, bis der nächste Skandal reif ist. Aber wird mir etwas passieren? Nicht die Bohne, ich bekomme meine Pension, ziehe mich ins Privatleben zurück, und kann nach ein paar Jahren womöglich wieder weiß nicht was werden, Abgeordneter, Minister, Reichskanzler, Diktator oder so.

    Das ist der kleine Unterschied zwischen der Verantwortlichkeit im gewöhnlichen Leben und der Verantwortlichkeit in der Politik.

    Wenn es anders wäre, dann müßte ja die Politik ein höchst gefährliches Gewerbe sein.

    Und dann würde wahrscheinlich mancher die Finger davon lassen. Heiße er — bitte, die Namen selber einzusetzen, und ziemlich weit oben anzufangen.

    Ich halte es nicht für ausgeschlossen, daß es dann besser um uns stünde.

    1928, 11 Kazenwadel

  • Glaubt den Schwindel nicht

    — Jg. 1928, Nr. 2 —

    Wenn ich sehr reich wäre, würde ich mir anläßlich der diesjährigen Wahlen folgenden Scherz leisten. Ich würde in einer Auflage von hundert Millionen Stück ein Plakat drucken lassen, rote Schrift auf weißem Grund: „Glaubt den Schwindel nicht!“ Dieses Plakat müßte vier Wochen vor dem Wahlsonntag an jeder Plakatsäule, jedem Zaun und jedem Scheunentor in ganz Deutschland kleben und wöchentlich in der Nacht von Samstag auf Sonntag erneuert werden.

    Sie meinen, der Text wäre zu undeutlich? Ich solle lieber sagen: „Glaubt den deutschnationalen Schwindel nicht!“? Mein Lieber, wenn es so heißen würde, dann dächte ja jedermann, das sei ein sozialdemokratisches Plakat, und da dann die Absicht am Tage läge, wäre meine Aufforderung nicht halb so wirksam. Warum sollten sich denn die Leute nicht ein wenig besinnen, welchen Schwindel sie nicht glauben sollen? Und seien Sie ruhig überzeugt: neunzig Prozent von dem Gesamtschwindel, der in der Wahlzeit über Deutschland ausgegossen werden wird, wird deutschnationaler Schwindel sein. Das geht nach einer ganz einfachen Rechnung daraus hervor, daß vier Fünftel der ganzen deutschen Presse, dazu fast der ganze gewaltige Apparat von Kino und Radio, durch Hugenberg und seine Leute kontrolliert werden. Man macht sich gar keine Vorstellung, wie groß dank der täglichen Verdunkelungsarbeit jener Mächte die politische Unkenntnis unseres Volkes ist. Keine Ahnung haben wir, habt ihr „Intellektuellen“ vor allem, wie es in den Köpfen von Millionen unserer deutschen Mitbürger aussieht. Wie viel Menschen, schätzen Sie wohl, gibt es in Deutschland, die noch an den leibhaftigen Satan glauben? Was? Na, sehen Sie, gestern erst habe ich mich mit so einem unterhalten. Wo? Mitten in der Großstadt, zwischen Autos, elektrischen Lampen und Lautsprechern.

    Eines der besten Beispiele für die Unbesieglichkeit einer langdauernden, systematischen, raffinierten Propaganda, die mit der Wahrheit gar nichts zu tun hat, ist der Kriegsschuldlügen-Schwindel. Nicht einer unter Tausenden in Deutschland macht sich wahrscheinlich ein halbwegs richtiges Bild von der Art und Weise, wie der Krieg zustande gekommen ist. Nicht ein Zehntel Prozent dieses armen Volkes weiß, wieviel Schuld an seinem Ausbruch jener Mann in Holland und seine Schranzen (Paladine hat man nach Siebzig gesagt, da hatte man gesiegt) auf dem Gewissen haben. Wenn die Wahrheit über den Krieg auch nur in ihren Grundzügen bekannt wäre, dann wäre die deutschnationale Partei ein kleiner Klüngel, um den sich niemand zu kümmern brauchte.

    Sie verstehen, wie stark das Interesse jener Kreise sein muß, der Öffentlichkeit den Tatbestand von 1914, auch von 1917 und 1918, zu verschleiern. Man hat diese rein innenpolitische Angelegenheit zu einer außenpolitischen gemacht und tut so, als ob Deutschland für den verlorenen Krieg nichts zu berappen brauchte, wenn die Welt endlich einsehen würde, daß es, d. h. seine damaligen Regierer, die heute wieder regieren, an seinem Ausbruch unschuldig gewesen sei. Das Ausland weiß so ziemlich Bescheid, übertreibt natürlich ein wenig zu seinen Gunsten; aber wir in Deutschland haben keine Ahnung.

    Kriegerwitwen, verlassene alte Eltern, Kriegskrüppel, verarmte Rentner, denken Sie nur, wählen deutschnational, wählen die Leute, denen sie ihr Unglück, die Zerstörung ihres Lebensglückes zu verdanken haben! Die ihren Wilhelm am liebsten morgen wieder heimholen würden, damit er nach der kleinen Unterbrechung als „Friedens-Kaiser“ glorreich weiterregieren könnte!

    Verzweifeln möchte man oft, wenn man sich das alles vergegenwärtigt. Lügen hätten kurze Beine? Siebenmeilenstiefel haben sie heutzutage an, sage ich Ihnen. Ja, wenn man Geld hätte, Geld wie Hugenberg!

    1928, 2 Kazenwadel

  • Warum die Juristen für Roggenzölle sein müssen

    — Jg. 1928, Nr. 9 —

    Hat da ein Statistiker Roggenpreise und Kriminalitätszahlen nebeneinander geschrieben; und siehe, die beiden Kurven stimmen überein! Steigt der Roggenpreis, nehmen die Diebstähle zu; sinkt der Roggenpreis, nehmen sie ab.

    Mein Neffe hat sein juristisches Examen gemacht und ist jetzt Referendar, ich habe ihm geraten, dieses Frühjahr deutschnational zu wählen (was er sowieso tun wird). Denn die Deutschnationalen, die Partei der roggenbauenden Großgrundbesitzer, sind die einzige Partei, die wirklich zuverlässig für eine Verteuerung des Roggens durch Zölle zu haben ist.

    Die Juristen haben sozusagen ein Berufsinteresse an hohen Roggenpreisen. Wo kämen sie denn hin, wenn gar nicht mehr gestohlen würde, weil das Brot nichts mehr kostet?

    Verstehen Sie jetzt, warum unsere Juristen, ohne Zweifel einem unterbewußt waltenden, aber richtigen Instinkte folgend, meistens deutschnational sind?

    1928, 9 Kazenwadel

  • Hausse in Brauerei-Aktien

    — Jg. 1927, Nr. 11 —

    Kaufen Sie Schultheiß-Patzenhofer! Steigen Sie ein, ehe es zu spät ist! Sie riskieren nichts, Sie werden mir dankbar sein!

    Unbekannt, sagen Sie? Also Sie wissen nicht, daß die vereinigten Brauereien von Schultheiß und Patzenhofer in Berlin — vor zwanzig Jahren waren sie noch scharfe Konkurrenten — heute die größte Brauerei Europas sind? Drei Millionen Hektoliter Bier, oder — Bier gibt Mark! — 120 Millionen Mark sind im letzten Geschäftsjahr umgesetzt worden. Dividendenbrühe, mein Lieber! Im laufenden Jahr, unter einer nationalen Regierung, muß das Ergebnis noch ganz anders ausfallen!

    Die Biersteuer? Nee, da täuschen Sie sich aber ganz gewaltig. Ihr gedachtet es böse zu machen, heißt es da, — wir aber haben’s gut gemacht, Stimmt schon, daß die Biersteuer am 1. Januar um zwei Mark pro Hektoliter erhöht worden ist. Aber die zahlt doch nicht Schultheiß-Patzenhofer, was meinen Sie denn, die zahlt unser lieber deutscher Biertrinker, unser wackeres Volk, auf das immer noch Verlaß ist. Und noch einmal zwei Mark für die Firma dazu, denn die hat am 1. Januar natürlich nicht um zwei Mark, sondern gleich um vier Mark aufgeschlagen; also sozusagen ihrerseits die Biersteuer verdoppelt. So macht’s der Geschäftsmann! Man muß seine Kunden kennen! Das deutsche Volk ist das beste Volk der Welt, wenn Sie das noch nicht gewußt haben.

    Zurückgehen, der Bierkonsum? Wird er nicht, wird er garantiert nicht. Wir haben doch jetzt eine nationale Regierung, nicht zu vergessen. Und wenn der Lebenshaltungsindex steigt, dann steigt auch der Bierkonsum. Kennen Sie dieses nationalökonomische Gesetz denn noch nicht, Sie Ahnungsloser? Jawohl, der Weinkonsum geht zurück, da haben Sie recht — trinkt deutschen Wein! — , aber dafür steigt ja gerade der Bierkonsum. Haben Sie schon einmal einen Arbeitslosen Wein trinken sehen? Bier? Na, also!

    Ganz recht, Schnaps auch. Aber deshalb hat Schultheiß-Patzenhoter ja Kahlbaum in sich aufgenommen und mit den Ostwerken eine Interessengemeinschaft. Und der Konzern Schultheiß-Patzenhofer-Ostwerke verfügt nicht bloß über Brauereien, Hefe- und Malzfabriken, Schnapsfabriken und sogar Sektkellereien, sondern auch über Mühlen, Zementfabriken, Glas-, Maschinen- und (hm) chemische Fabriken. Also seien Sie beruhigt. Da muß ja ein Geschäft herausspringen. 15 Prozent Dividende sind das Mindeste, worauf ich wette.

    Es widerstrebt Ihnen, Geld von Arbeitslosen und überhaupt am Alkoholkonsum des deutschen Volkes zu verdienen? Aber hören Sie mal, Sie stammen wohl vom Monde? Sie sind wohl Idealist? Sozialist, was?

    Ich will Ihnen was sagen: Sie getrauen sich einfach nicht, das ist alles. Sie wollen nichts riskieren. Schämen Sie sich. Gott, wenn unser braves Volk aus lauter solchen Schlappschwänzen bestünde! Ober, noch ein Helles!

    1927, 11 Kazenwadel

  • Aktionäre

    — Jg. 1924, Nr. 17 —

    Irgendwo in Hannover ist man kürzlich auf eine sehr ergiebige Erdölquelle gestoßen.

    Ein Ereignis für ganz Deutschland, hätte man denken können. Allgemeine Freude. Vorträge in den Schulen, Filmvorführungen, Zeitungsartikel: „Ein neuer Bodenschatz“, „Bereicherung des Nationalvermögens“ und dergleichen.

    Es blieb aber bei einer kleinen Notiz unter „Neueste Nachrichten“, einem kleinen Artikel im Handelsteil (den der Bürger nicht liest, weil er lateinisch gedruckt ist) und — ja, die Aktien der bohrenden Firma gingen über Nacht um zehn und etliche Prozent in die Höhe.

    Einige Leute werden sich also immerhin über den Erfolg gefreut haben: die Herren Aktionäre, die Bankdirektoren und Börsenjobber, die in dem betreffenden Papier „engagiert“ waren.

    Sollen wir’s ihnen gönnen? Haben sie verdient, was sie „verdient“ haben? Für ihre Tatkraft, mit der sie die Bohrung durchgeführt, den Schweiß, den sie dabei vergossen, den Segen, den sie damit gestiftet haben? Du lieber Gott, von den Herren haben die meisten vielleicht nie einen Bohrturm gesehen außer in der Berliner Illustrierten, und, da sie in „besseren Verhältnissen“ aufgewachsen sind, wissen sie wahrscheinlich kaum, wie Erdöl riecht. Sie gehören zu der Schicht von Mitbürgern, die ihr Geld im Klubsessel und an der Telefonstrippe verdienen.

    Es stimmt schon: daß das ein ungeheurer Unfug ist; daß diese Menschen mit „arbeitslosem Einkommen“ in Wirklichkeit erbärmliche Schmarotzer sind; daß zwischen Arbeit und Kapital niemals Friede gemacht werden kann, solange der Arbeiter zusehen muß, wie fette Faulenzer mit dem, was er in saurer, schlechtgelohnter Fronarbeit erschaffen und aufbauen hilft, an der Börse spielen. Man komme mir nicht mit dem Geschwätz von der „wirtschaftlichen Notwendigkeit“ der Jobberei, von der „automatischen Steuerung“ der Wirtschaft durch die Börse, von der Auslese im Kampf ums kapitalistische Dasein. Es hört sich manchmal sehr gelehrt an, aber ich versichere euch, es ist Quatsch. Wenn es wirklich so wäre, daß alle Börsenspekulanten Juden und alle Juden Börsenspekulanten wären, dann würde ich heute noch Antisemit.

    Der Haß des arbeitenden Volks gegen die Leute, die von seiner Arbeit leben, ohne den Finger krumm zu machen, ist voll berechtigt. An ihn appellieren die „völkischen“ Agitatoren. Kein Wunder, wenn sie Erfolge haben. Dazu ist das Publikum (und sind die — häufig gutgläubigen — Agitatoren selber) leider zu dumm, um die Taschenspielerei zu durchschauen, mit der sie die Begriffe „Jude“ und „Jobber“ miteinander auszuwechseln pflegen. (Die Hintermänner, die selber auf „Aktienpaketen“ sitzen, sind über das Ablenkungsmanöver natürlich im Bilde.) Und soweit denkt die Masse natürlich auch nicht, daß sie die Judenfresser nach ihrem positiven Wirtschaftsrezept („Brechung der Zinsknechtschaft“ ist eine Frase, nichts weiter) fragte und es unter die kritische Lupe nähme.

    Sie haben überhaupt keine durchführbare aufbauende Idee, sie wissen keinen gangbaren Weg zur Beseitigung des Aktienschwindels und Börsenspiels.

    Erzberger hat sich einmal bemüht, einen solchen aufzuzeigen. Er nannte ihn „christlichen Solidarismus“. Zufällig ist er kurz darauf ermordet worden. Von Antisemiten. Als Werkzeugen von — nun, wahrscheinlich von Leuten, die Aktien haben. Teils Nichtjuden, teils — hm, es könnte sein, daß auch Juden dabei sind.

    Walther Rathenau, der Jude, hat in seiner letzten Schrift ebenfalls einen solchen Weg gezeigt. Sie hieß „Autonome Wirtschaft“; sie handelt von der Abschaffung des Unternehmers, von der Übernahme der Betriebe durch die Arbeiter, von der radikalen Beseitigung des ganzen Aktienunwesens. Der Verfasser, der zeigen wollte, wie man die „Zinsknechtschaft“ brechen könnte, ist — wer weiß, vielleicht wegen dieser Schrift — ermordet worden. Von Antisemiten. Von Werkzeugen. In wessen Solde? Man weiß nicht. Wahrscheinlich — siehe oben.

    1924, 17 · Kazenwadel

  • Kirchensteuern

    — Jg. 1925, Nr. 38 —

    Ein Schauspiel für Götter: das evangelische Volk jammert über seine Kirchensteuern.

    Früher, als diese gottlose Trennung von Staat und Kirche noch nicht in der Verfassung verankert war, hat es nämlich fast gar nichts gekostet, evangelischer Christ zu sein. Die paar Groschen zahlte man mit einem schlechten Witz. Was die Mutter Kirche brauchte, hatte im übrigen der Vater Staat aufzubringen.

    Jetzt ist die „Trennung“ da. Infolgedessen bekommt die Kirche vom Staat bloß noch lumpige paar Millionen. Damit kann sie doch nicht auskommen! Sie muß sich wohl oder übel an ihre lieben Kinder wenden. Die finden das unerhört; schimpfen im Wirtshaus; schicken ein „Eingesandt“ an die Presse; behaupten, sie werden diesmal aber keinen Pfennig zahlen.

    Schämt euch! Wollt ihr denn die Segnungen eurer Kirche, irdische und gar schließlich noch himmlische, umsonst genießen? Was glaubt ihr, was die vielen Pfarrer, die standesgemäß leben sollen, für Geld kosten? Vergeßt bitte nicht, daß es lauter Akademiker sind, die um schweres Geld haben studieren müssen. Sollen studierte Herren, womöglich Reserveoffiziere, heutigentags etwa von Heuschrecken und wildem Honig leben, oder nicht wissen, wohin sie samt Frau und Kindern ihr Haupt hinlegen sollen? Wißt ihr nicht, daß sie einen schweren Beruf haben, sogut wie täglich arbeiten müssen, ungerechnet die vielen Seelenkämpfe, die sie mit sich selber ausfechten?

    Zahlt nur, gute Leute. Nachher wird’s euch dann leichter sein. Von wegen: keinen Pfennig — da könnt ihr euch nämlich brennen. Ich weiß Fälle, da war einer eurer Glaubensbrüder im Rückstand mit der Steuer; flugs kam der Gerichtsvollzieher und holte an Hausrat, was entbehrlich schien. Im Namen — des Gesetzes.

    Eins will ich euch sagen: nächstes Jahr wird die Kirchensteuer vielleicht noch ein bißchen saftiger ausfallen. Da könnt ihr dann erst recht zeigen, daß ihr für eure liebe Kirche auch etwas zu opfern imstande seid.

    Ihr tut’s ja freiwillig. Wem’s nicht paßt, der kann austreten.

    1925, 38 Kazenwadel

    Das Christentum wurde von einem Juden begründet und der neudeutsche Antisemitismus von einem Hofprediger.

    1922, 5 Mauthe

  • Kirche und Aufwertung

    — Jg. 1926, Nr. 31 —

    Die Freidenkervereine haben einmal in Stuttgart ein Plakat anschlagen lassen, auf dem unter Hinweis auf das Verhalten der Kirche bei der Volksabstimmung über die Fürstenvermögen zum Austritt aus der Kirche aufgefordert wurde. Denn die Kirchen stünden nicht auf der Seite der Mühseligen und Beladenen: sie seien nicht Volks-, sondern Fürstenkirchen. Deshalb hätten sie ja auch nicht protestiert, als die alten Leute, die Mündel und die kleinen Sparer durch die Inflation enteignet wurden.

    Diese letztere Feststellung (nur diese) wird im Stuttgarter Evangelischen Gemeindeblatt als eine „längst widerlegte Verleumdung“ bezeichnet. „Bekanntlich haben die Kirchen im Gegenteil sich rechtzeitig und mit allem Nachdruck für eine möglichst weitgehende, gerechte Aufwertung eingesetzt.“

    Wenn ein Satz mit „bekanntlich“ anfängt, bin ich sonst gerne etwas mißtrauisch gegen seinen Inhalt. Auch könnte man vielleicht, wenn man pedantisch sein wollte, finden, daß das „bekanntlich“ erfolgte rechtzeitige und nachdrückliche Eintreten der Kirche für eine „möglichst weitgehende“ nachträgliche Aufwertung und ihr Verhalten während der Inflation zwei Paar Stiefel seien; daß also hier etwas ganz anderes bestritten werde, als was behauptet worden sei. Aber bekämpfen wir den Zweifel, wie man’s uns damals im Konfirmandenunterricht empfohlen hat, und glauben wir einfach beides: daß die Kirche rechtzeitig und nachdrücklich gegen die Inflation und für die Aufwertung gekämpft hat.

    Dann bleibt uns zunächst nur das Eine unbegreiflich: daß wir vernagelten Freidenker von dieser „bekannten“ Tätigkeit der Kirche gar nichts gemerkt haben.

    Wo, wann, wie mag sie ausgeübt worden sein?

    Waren vielleicht Massenumzüge, die Geistlichkeit im Ornat an der Spitze? Massenversammlungen mit Pfarrern beider Fakultäten als flammenden Rednern?

    Aber nein, so machen’s die Kommunisten, nicht die Kirchenleute. Wie würde das aussehen, behüte, wenn Konsistorialräte auf die Straße gingen?

    Aber wahrscheinlich hat der „Evangelische Preßverband“ und der Volksverein in Mönchen-Gladbach eine Pressekampagne eröffnet? Die deutschen Zeitungen mit Artikeln, Aufsätzen, Aufrufen gegen die Inflation oder für die Aufwertung überschwemmt? Oder hat die Kirche dringliche Eingaben an die Parlamente gerichtet? Die ihr nahestehenden Parteien „rechtzeitig“ und „nachdrücklich“ bearbeitet, sie möchten um der Gerechtigkeit oder um Jesu Christi willen gegen die Inflation oder für die Aufwertung auftreten?

    Verflucht nochmal, daß ich gar nichts, aber auch gar nichts davon erfahren habe. Sollten die Zeitungen alle im Solde des Teufels stehen und den ganzen Kampf der Kirche gegen die Inflation glatt in den Papierkorb geworfen haben?

    Halt, haalt! Jetzt geht mir ein Licht auf! Die Kirche kämpft ihre Kämpfe weder auf der Straße noch auf dem Papier. Hat sie nicht ihre ureigene Arena, wo sie ihre Autorität entfaltet und wo ihr „bekanntlich“ niemand dreinredet: eben die Kirche?

    Sie wird also wohl auf allen Kanzeln in Deutschland mit heiligem Eifer gegen den Betrug an den Witwen und Waisen zu Felde gezogen sein. Wochen- und monatelang, rechtzeitig und mit allem Nachdruck. Wie müssen die Gotteshäuser widergehallt haben von dem frommen Zorn der Pfarrer und Priester, von Profeten- und Jesusworten! Wie mag es den Inflationsgewinnern, den Reichen und Mächtigen in ihren Stühlen da zu Mute geworden sein! Wie müssen die Mühseligen und Beladenen, die Betrogenen und Bestohlenen da aufgeatmet haben, als ihnen der christliche Klerus in ihrem Elend zu Hilfe kam? Durch die Kirchen und Bethäuser von ganz Deutschland muß da eine Welle gebraust sein, eine Welle neuer Sittlichkeit, ein Entrüstungssturm gegen den unsittlichen Staat, der denen nimmt, die wenig oder nichts haben, und denen gibt, die haben!

    Daß ich auch davon nichts gemerkt habe, daran bin ich nun sicher ganz allein schuld. Weil ich ja nie in die Kirche gehe.

    1926, 31 Kazenwadel

  • Kegelbrüder

    — Jg. 1927, Nr. 47 —

    Das Kegeln ist immer eine nationaldeutsche Angelegenheit gewesen. Aber während es früher leichtsinnigerweise einfach als Vergnügen für den Samstag Abend oder Sonntag Nachmittag behandelt wurde, ist es heute „Leibesübung“, öffentlich anerkannter „Sport“ und Gott sei Dank gut organisiert.

    Das haben die Stuttgarter Keglertage, beginnend am 6. November mit der Einweihung des neuen Keglersporthauses, auch dem Skeptiker eindrucksvoll bewiesen. Auffallenderweise ist die württembergische Regierung dabei nicht vertreten gewesen. Sonst hätte man vielleicht eine der Bahnen im Keglerhaus, am besten wohl eine Holzbahn, nach Herrn Bazille benamsen können. Jetzt ist es zu spät dazu. Die Bahnen sind durch Vortrag der ergreifenden Chöre „O Schutzgeist alles Schönen“ und „Die Himmel rühmen“, gesungen vom Männnerchor der Stuttgarter Sportfreunde, geweiht worden. Die schönste heißt nach Herrn Bierfabrikant Robert Leicht, dem hohen Protektor der Kegelei, bei der nach eintretender Staubentwicklung am zweckmäßigsten Leicht’sches Schwabenbräu zur Anfeuchtung verwendet wird.

    Vorher zogen unter den Klängen der Kapelle des Grenadierbataillons 13 Hunderte von Keglern im Sportdreß durch die Straßen der Stadt, ein unvergeßlicher Anblick. Ich habe ihn leider versäumt und kann den Dreß deshalb zu meinem Bedauern nicht im Detail schildern, vermute aber, daß die Hemdärmel bei ihm eine gewisse, historisch begründete, Rolle spielen. Die Banner des Deutschen Keglerbundes, des Süddeutschen Gaus und der Verbände von Frankfurt, Durlach, Mainz und Heilbronn wurden in Kutschen mitgeführt, dasjenige des Stuttgarter Verbands sogar in einer vierspännigen. Es war nämlich erst am Abend vorher vom Vorstand des Schwäbischen Keglerbundes enthüllt worden, worauf sehr viele ehrenvolle Bannernägel und Fahnenbänder überreicht wurden. Unter anderem auch von den Heilbronner Damen, die es im Kegeln zu hoher Meisterschaft gebracht haben, denn Frau Störzbach-Heilbronn brachte es bei der im Rahmen der Stuttgarter Keglersportwoche ausgetragenen Damenmeisterschaft (20 Kugeln ins Volle) auf 94 Holz, Frau Drautz auf 91, Frau Heinrich auf 88 und Frau Kircher auf 87. Der württembergische Einzelmeister auf Asfaltbahn, Josef Treß aus Friedrichshafen, hat mit 20 Kugeln ins Volle 107 Holz gemacht, der württembergische Einzelmeister auf Lattenbahn (50 Kugeln, abräumen) 134 Holz.

    Die Sonntags-Zeitung hätte nicht versäumen sollen, schon in ihrer letzten Nummer auf diese Stuttgarter Ereignisse hinzuweisen, die nach dem treffenden Ausspruch des Stuttgarter Tagblatts bewiesen haben, daß der Kegelsport in Stuttgart keine nebensächliche Angelegenheit der Körperpflege ist, wenn auch die Regierung Bazille — aber das habe ich ja schon erwähnt.

    Ich bin selber alter Kegler und bloß durch den Weltkrieg etwas aus der Übung gekommen. Außerdem habe ich eben erst meinen Beitritt zum „Verein ehemaliger Stubenältester“ angemeldet. In allen Vereinen kann man schließlich nicht sein. Meine Frau erlaubt es auch nicht. Sonst würde ich mich jetzt unbedingt dem Sportwart von „Nemm‘ en du“ oder „G’wackelt hot’r“ als Kegelbruder zur Verfügung stellen. Gut Holz!

    1927, 47 Kazenwadel