— Jg. 1927, Nr. 47 —

Das Kegeln ist immer eine nationaldeutsche Angelegenheit gewesen. Aber während es früher leichtsinnigerweise einfach als Vergnügen für den Samstag Abend oder Sonntag Nachmittag behandelt wurde, ist es heute „Leibesübung“, öffentlich anerkannter „Sport“ und Gott sei Dank gut organisiert.

Das haben die Stuttgarter Keglertage, beginnend am 6. November mit der Einweihung des neuen Keglersporthauses, auch dem Skeptiker eindrucksvoll bewiesen. Auffallenderweise ist die württembergische Regierung dabei nicht vertreten gewesen. Sonst hätte man vielleicht eine der Bahnen im Keglerhaus, am besten wohl eine Holzbahn, nach Herrn Bazille benamsen können. Jetzt ist es zu spät dazu. Die Bahnen sind durch Vortrag der ergreifenden Chöre „O Schutzgeist alles Schönen“ und „Die Himmel rühmen“, gesungen vom Männnerchor der Stuttgarter Sportfreunde, geweiht worden. Die schönste heißt nach Herrn Bierfabrikant Robert Leicht, dem hohen Protektor der Kegelei, bei der nach eintretender Staubentwicklung am zweckmäßigsten Leicht’sches Schwabenbräu zur Anfeuchtung verwendet wird.

Vorher zogen unter den Klängen der Kapelle des Grenadierbataillons 13 Hunderte von Keglern im Sportdreß durch die Straßen der Stadt, ein unvergeßlicher Anblick. Ich habe ihn leider versäumt und kann den Dreß deshalb zu meinem Bedauern nicht im Detail schildern, vermute aber, daß die Hemdärmel bei ihm eine gewisse, historisch begründete, Rolle spielen. Die Banner des Deutschen Keglerbundes, des Süddeutschen Gaus und der Verbände von Frankfurt, Durlach, Mainz und Heilbronn wurden in Kutschen mitgeführt, dasjenige des Stuttgarter Verbands sogar in einer vierspännigen. Es war nämlich erst am Abend vorher vom Vorstand des Schwäbischen Keglerbundes enthüllt worden, worauf sehr viele ehrenvolle Bannernägel und Fahnenbänder überreicht wurden. Unter anderem auch von den Heilbronner Damen, die es im Kegeln zu hoher Meisterschaft gebracht haben, denn Frau Störzbach-Heilbronn brachte es bei der im Rahmen der Stuttgarter Keglersportwoche ausgetragenen Damenmeisterschaft (20 Kugeln ins Volle) auf 94 Holz, Frau Drautz auf 91, Frau Heinrich auf 88 und Frau Kircher auf 87. Der württembergische Einzelmeister auf Asfaltbahn, Josef Treß aus Friedrichshafen, hat mit 20 Kugeln ins Volle 107 Holz gemacht, der württembergische Einzelmeister auf Lattenbahn (50 Kugeln, abräumen) 134 Holz.

Die Sonntags-Zeitung hätte nicht versäumen sollen, schon in ihrer letzten Nummer auf diese Stuttgarter Ereignisse hinzuweisen, die nach dem treffenden Ausspruch des Stuttgarter Tagblatts bewiesen haben, daß der Kegelsport in Stuttgart keine nebensächliche Angelegenheit der Körperpflege ist, wenn auch die Regierung Bazille — aber das habe ich ja schon erwähnt.

Ich bin selber alter Kegler und bloß durch den Weltkrieg etwas aus der Übung gekommen. Außerdem habe ich eben erst meinen Beitritt zum „Verein ehemaliger Stubenältester“ angemeldet. In allen Vereinen kann man schließlich nicht sein. Meine Frau erlaubt es auch nicht. Sonst würde ich mich jetzt unbedingt dem Sportwart von „Nemm‘ en du“ oder „G’wackelt hot’r“ als Kegelbruder zur Verfügung stellen. Gut Holz!

1927, 47 Kazenwadel

Am 3. August 2026 waren 70 Jahre seit dem Tod des Journalisten und Zeitungsherausgebers Erich Schairer im Schorndorfer Krankenhaus vergangen. Anlass, um die hier vorliegende, vor bald 30 Jahren begonnene Internetpräsenz etwas aufzufrischen. Hier publiziert sind Beiträge aus der 1920 von Erich Schairer in Heilbronn zunächst als „Die Heilbronner Sonntags-Zeitung“ gegründeten Wochenzeitung. Der Karikaturist Hans Gerner unterstreicht ab ca. 1925 mit seinen scharfen Holzschnitten den Kurs Erich Schairers „…gegen Kirchentum, Kapitalismus, Krieg und Gewaltherrschaft, für Geistesfreiheit, Gemeinwirtschaft, Gerechtigkeit und Frieden“. Ergänzend zu den Artikeln aus der Sonntags-Zeitung – deren Autoren mit einem * gekennzeichnet sind – wurden zahlreiche im Zusammenhang mit Erich Schairer stehende, von Zeitgenossen bzw. Nachkommen verfasste Beiträge in die hier vorliegende Sammlung aufgenommen.