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  • Deckname Elsa

    Deckname:Elsa Hotel Silber Im Südwesten gründeten 160 Nazis kurz nach Kriegsende eine geheime Werwolf-Organisation. Von Thomas Faltin

    Heinrich Himmler, der Reichsführer der SS, hatte vorgesorgt für den Fall, dass die militärische Niederlage nicht mehr abgewendet werden konnte: „Werwölfe“ sollten vom Herbst 1944 an hinter den feindlichen Linien Sabotageakte verüben und die deutsche Bevölkerung davon abhalten, mit den Alliierten zusammenzuarbeiten. Zu all dem kam es nur in sehr begrenztem Maße. Aber enorm wirkmächtig war die Freischärler-Organisation „Werwolf“ dennoch. Denn die amerikanischen Truppen überschätzten diese Untergrundbewegung, fürchteten sie und rechneten jederzeit mit Angriffen auf deutschem Gebiet. Bis heute lebt dieser gefährliche Mythos und fällt bei rechtsradikalen Gruppen auf fruchtbaren Boden. In Württemberg dagegen verlief die Geschichte der Werwolf-Organisation ganz anders – das haben Sarah Stewart und Friedemann Rincke vom Haus der Geschichte Baden-Württemberg jetzt recherchiert. Bisher wusste man recht wenig über „Elsa“, wie sich die 160 Personen starke Gruppe nannte.

    Die Unterlagen in den National Archives in Washington

    Ein deutscher Überläufer hat der Army viel verraten. sind nun, wie Stewart und Rincke sagen, erstmals detailliert ausgewertet worden. Viele Erkenntnisse in den amerikanischen Dokumenten stammen vor allem von einem Überläufer, der als Kurier für „Elsa“ eingesetzt war, zugleich aber für die US-Ar my arbeitete und vieles verriet. Danach war es nicht das Ziel dieser Ge stapo-, SD- und SS-Leute, den Krieg doch noch zu gewinnen: „Anschläge haben diese Männer und Frauen nicht mehr geplant“, sagt Friedemann Rincke. Ihnen ging es viel mehr darum, ein Netzwerk aufrecht zu erhalten. Man wollte sich gegenseitig helfen beim Untertauchen und Überleben, bis die Verfolgung aufhörte und man wieder in die Öffentlichkeit zurückkehren konnte – oder noch besser, bis die Alliierten einen sogar brauchten. Viele Werwölfe rechneten nämlich damit, dass sich die Russen und die westlichen Alliierten zerstreiten würden und man ihre Erfahrungen in den neuen Nachrichtendiensten gerne annehmen würde. Rincke: „Diese Hoffnung war auch nicht falsch – nur haben die Werwölfe nicht lange genug durchgehalten.“ Nach etwa einem Jahr, im Januar 1946, konnte die US Army alle führenden Köpfe verhaften. Die Organisation war straff organisiert. Es lässt sich nachweisen, dass Experten der Gestapo, die im Hotel Silber saßen, von Ja nuar 1945 an gefälschte Pässe an die Mitglieder der „Elsa“ ausgaben – die Dokumente waren so gut gemacht, dass die Alliierten sie oft für echt ansahen. Im April 1945 haben Mitarbeiter im Hotel Silber noch 29 000 Reichsmark von der Polizeikasse abgehoben, für die es so kurz vor

    Der letzte Gestapochef, Friedrich Mußgay, hat zu Elsa gehört.

    Foto: Staatsarchiv Ludwigsburg

    Kriegsende eigentlich keine Verwendung mehr gab. Sarah Stewart hält es für sehr wahrscheinlich, dass „Elsa“ sich und ihre Mitglieder mit diesem Geld finanzierte. Wer im Untergrund lebte, erhielt keine Nahrungsmittelmarken und brauchte des halb Bargeld, um zu überleben. Über ganz Württemberg verteilt soll es 22 Gruppen gegeben haben, denen jeweils eine Nachrichtenstelle zugeordnet war. Kuriere, die immer nur einen Teil der Organisation kannten und so nie alle verraten konnten, hinterließen an diesen Orten Briefe – so funktionierte die Kommunikation. Zu Die Frauen wurden weniger stark verfolgt. Zusätzlich gab es Codes, mit denen man sich den anderen Mitgliedern zu erkennen gab. Und in jeder Gruppe von fünf oder sechs Personen gab es mindestens eine Frau. Sie konnten unauffälliger agieren und waren keinem so großen Verfolgungsdruck ausgesetzt. Wenn eine Frau beispielsweise jemanden im Gefängnis besuchte, erweckte dies keinen so großen Argwohn wie bei einem Mann. Der SS-Obersturmbannführer Johannes Thümmler gilt als Chef aller Untergrundbewegungen im deutschen Südwesten. „Elsa“ stand der SS-Hauptsturmführer Alfred Renndorfer vor. Auch der letzte Chef der Gestapo in Württemberg, Friedrich Mußgay, ist Mitglied von „Elsa“ gewesen. Laut Friedemann Rincke gibt es die Vermutung, dass sich Mußgay sogar zeitweise bei Thümmler aufgehalten hat. Vielleicht lag es sogar an der Unterstützung durch „Elsa“, dass Mußgay trotz intensiver Fahndung erst im Januar 1946 endgültig verhaftet werden konnte (laut dem Aufsatz im Buch „Stuttgarter NS-Täter“ war dies aber schon im April oder Mai 1945 der Fall). „Die Amerikaner haben die Werwölfe in Württemberg sehr intensiv und lange observiert“, sagt Friedemann Rincke: „Sie wollten sicher sein, dass sie die Anführer erwischten.“ Das gelang – danach war „Elsa“ nicht einmal mehr ein Phantom.

    Serie

    In loser Folge stellt die StZ neue Erkenntnisse zum Hotel Silber vor, die das Haus der Geschichte…

  • Der Weg zur Meinungsfreiheit

    Der Weg zur Meinungsfreiheit

    Nach der Kapitulation behandeln die Alliierten Deutschland zunächst wie ein besiegtes, nicht wie ein befreites Land. Für Demokraten begann die Stunde null mit Verspätung – auch mithilfe neuer Medien wie der Stuttgarter Zeitung. 

    Vielleicht ist es nur eine Fata Morgana der Hoffnung, die der französische General Jean de Lattre des Tassigny festzuhalten versucht, als der Zweite Weltkrieg zu Ende geht. „Aus den Kellern steigen Menschen, die vor Freude taumeln“, so beschreibt er die ersten Eindrücke von Stuttgart, an jenem 22. April 1945, als er mit seiner Armee die Stadt besetzt hat. Die Empfindungen der Deutschen sind zu jener Zeit nicht so eindeutig und bei den meisten wohl eher zwiespältig. „Zumindest an diesem Nachmittag überwog bei den meisten Bürgern, die mir begegnet sind, das Gefühl der Befreiung“, berichtet Rudolf Steiger, ein Augenzeuge. Es gibt jedoch durchaus gute Gründe, weshalb Bundespräsident Richard von Weizsäcker, auch ein gebürtiger Stuttgarter, 40 Jahre später seine Nation noch einmal nachdrücklich erinnern muss, dass es sich damals tatsächlich um einen Akt der Befreiung gehandelt hatte.

    Jedenfalls ist das Kriegsende, die Kapitulation des diktatorischen Regimes keineswegs die Stunde null für einen demokratischen Neuanfang in Deutschland. Daran denken die Siegermächte zunächst gar nicht. In Stuttgart gründen idealistisch gesinnte Demokraten unmittelbar nach dem Zusammenbruch der NS-Tyrannei „Kampfkomitees“, um das gesellschaftliche Leben neu zu organisieren. Diesen ersten Versuch einer demokratischen Selbstverwaltung unterbinden die französischen Besatzer jedoch strikt. Parteipolitische Aktivitäten bleiben vorerst verboten. Der am Tag nach der Besetzung installierte neue Oberbürgermeister Arnulf Klett scheitert noch im Juni 1945 mit dem Vorschlag, Gemeinderäte einzusetzen, die sich um die unmittelbaren Belange der Stadt kümmern sollen. So etwas komme „auf absehbare Zeit überhaupt nicht in Frage und kann in keiner Form diskutiert werden“, wird ihm beschieden. Davon erzählt ein Buch über „Stuttgart im Jahre Null“. Verfasst hat es der 2012 verstorbene Journalist Martin Hohnecker, viele Jahre stellvertretender Chefredakteur der Stuttgarter Zeitung und Leiter der Lokalredaktion.

    Planie statt Adolf-Hitler-Straße

    Am 24. Mai 1945 veranlasst OB Klett immerhin so etwas wie eine nominelle Demokratisierung in Stuttgart. Er lässt die von den Nazis gekaperten Straßennamen umbenennen. Aus der Adolf-Hitler-Straße wird somit wieder die Planie. Auch anderswo im Stadtplan müssen Götzen der Menschenverachtung weichen, um Namenspatronen mit demokratischer Gesinnung Platz zu machen. So wird die nach dem rechtsradikalen General Ludendorff benannte Straße ein kleines Denkmal für den ermordeten Nazigegner Eugen Bolz, einst Präsident Württembergs. Ein bisschen Graswurzeldemokratie gestattet die französische Besatzungsmacht doch: Am 31. Mai erlaubt sie die Gründung eines Württembergischen Gewerkschaftsbundes. Der soll die Militärverwaltung in sozialen Fragen unterstützen. Nachdem die Nazis auf ihren „Volksempfängern“ schon wochenlang Sendepause hatten, ist von Juni 1945 an auch wieder ein zivilisiertes Rundfunkprogramm zu empfangen. Für das Programm von Radio Stuttgart verantwortlich ist ein Mann mit einschlägigen Erfahrungen: Josef Eberle. Vor dem Dritten Reich hatte er für den Süddeutschen Rundfunk gearbeitet. Als Leiter der Vortragsabteilung lehnte er einen Beitrag Hitlers ab, erhielt dann prompt Hausverbot bei dem Sender, als die Nazis 1933 das Funkhaus eroberten. Zwei Monate nach seinem Debüt am Mikrofon von Radio Stuttgart sollte Eberle Herausgeber der Stuttgarter Zeitung werden. Davon später mehr.Auch als die Amerikaner im Juli das Regiment in der Stadt übernehmen, bleibt demokratisches Engagement zunächst tabu. Oberst William W. Dawson, Militärgouverneur der US Army in Stuttgart, betont, dass „jede politische Betätigung zur Zeit verboten ist“. So will es die Direktive JCS 1067, eine Art Masterplan für die amerikanische Besatzungspolitik. „Deutschland wird immer als ein besiegtes und nicht als ein befreites Land behandelt werden“, erklärt Dawson, als er seinen Posten antritt.

    Der demokratische Neubeginn 

    Sein Verdikt, dies werde „immer“ so bleiben, verliert aber rasch die Gültigkeit. Ausgerechnet im Mitteilungsblatt der amerikanischen Militärverwaltung, der einzigen Zeitung, die es in Stuttgart zu der Zeit gibt, wird Dawson wenige Wochen später dementiert. Dort schreibt der schwäbische Sozialdemokrat Fritz Ulrich, seine Landsleute dürften aufatmen, „dass wir auf dem Weg zu einem freien demokratischen Staat sind“. Tatsächlich vereinbaren die Siegermächte auf der Potsdamer Konferenz Anfang August 1945, „die endgültige Umgestaltung des politischen Lebens auf demokratischer Grundlage vorzubereiten“. Bei Radio Stuttgart verkündet der US-Offizier Charles L. Jackson, er hoffe, dass der Alltag in der besetzten Stadt bald wieder „in den normalen Bahnen der Demokratie“ ablaufen könne. Der demokratische Neubeginn verläuft dann ziemlich rasant. Am 16. August lassen die Amerikaner die beiden Liberalen Reinhold Maier und Theodor Heuss in der Olga­straße 11 antreten, wo die Militärregierung ihren Sitz hat. Maier wird angewiesen, eine Namensliste für eine künftige Landesregierung aufzustellen. Er selbst soll Ministerpräsident werden – alles noch ohne demokratische Legitimation. Als Heuss ihn darauf anspricht und fragt, wer ihre Regierung eigentlich wieder absetzen könnte, antwortet er: „Entweder die Amerikaner oder die Franzosen oder vielleicht gar die Russen. Und wenn es diese alle nicht tun, dann das dankbare schwäbische Volk.“

    „Es geht vorwärts“

    „Auf Anordnung der Militärregierung“ lässt Oberbürgermeister Klett am 31. August 1945 per Aushang mitteilen, dass „die Bildung von politischen Parteien auf demokratischer Grundlage“ wieder zugelassen sei. Versammlungen, an denen mehr als fünf Leute teilnehmen, bedürfen jedoch einer Genehmigung. In einer seiner Verlautbarungen appelliert Klett an die Stuttgarter: „Trotz dem Los, das jeden von uns betroffen hat, kann nur die Verständigung der Gerechtigkeit zum Durchbruch verhelfen.“ Zur Verständigung braucht es aber mehr als amtliche Bekanntmachungen. Das sehen auch die Amerikaner bald ein. Im August lassen sie eine Wochenzeitung drucken: die „Stuttgarter Stimme“. Doch sie wird unter Regie der Militärverwaltung redigiert. Am 17. September erhalten schließlich drei Deutsche die Lizenz für ein unabhängiges Blatt: Henry Bernhard, Karl Ackermann und ebenjener Rundfunkmann von Radio Stuttgart – Josef Eberle. „Es geht vorwärts“ ist der Leitartikel in der ersten Ausgabe der Stuttgarter Zeitung betitelt, die tags darauf erscheint. Sie umfasst nur vier Seiten, wird aber in einer Auflage von 400 000 Exemplaren gedruckt. Die neu erlangte Pressefreiheit sei „das beste Mittel gegen jenen Pessimismus unserer Landsleute, der in den Ruinen unserer Heimat die Hoffnung auf eine bessere Zukunft begraben sieht“, schreibt der Kommentator Ackermann, einer der drei Lizenzträger. „Nichts kann deutlicher unsere eigene ehrliche Absicht bekunden, mit dem Nazismus fertig zu werden, als ein vernünftiger Gebrauch dieser ersten Freiheit in dem Sinne, dass wir uns von allen Vergewaltigungsmethoden und jeder Abtötung von zuversichtlichem Glauben und freier Meinung distanzieren.“

    Die Gründer gehen bald ihre eigenen Wege: Ackermann, der während des NS-Regimes im KZ gesessen hatte und der Kommunistischen Partei nahesteht, gibt später den „Mannheimer Morgen“ heraus. Bernhardt, früher Privatsekretär des Friedensnobelpreisträgers Gustav Stresemann, gründet im Jahr darauf die Stuttgarter Nachrichten. Dort wiederum stand über Eberle zu lesen, während des Dritten Reiches sei dessen „Weste so weiß geblieben wie die Flügel des Pegasus“. Er habe es verstanden, „seinem überparteilichen, liberalen Blatt Adel zu verleihen und es zu einer der angesehensten Tageszeitungen der Bundesrepublik zu machen“.

    Der große Eberle

    Die „Zeit“ nennt Eberle den „gebildetsten deutschen Journalisten“. Vielleicht war Iosephus Appellus der Grund dafür. Unter diesem Pseudonym verfasst Eberle lateinische Verse, die an Ovid und Martial erinnern. Er schreibt aber auch in einem urwüchsigen Schwäbisch, dies unter dem Namen Sebastian Blau. Der Mann ist eigentlich Buchhändler von Beruf. Nachdem ihn die Nazis beim Süddeutschen Rundfunk die Tür gewiesen haben, sperren sie ihn für sechs Wochen im Konzentrationslager Heuberg ein. 1936 wird er aus der Reichsschrifttumskammer ausgeschlossen. Kurz vor Kriegsende muss er mit seiner Frau untertauchen, die einer jüdischen Familie entstammt. Eberle bleibt geschäftsführender Herausgeber der Stuttgarter Zeitung bis 1971, 15 Jahre später verstirbt er wenige Tage nach dem 85. Geburtstag. Das Blatt ist sein Lebenswerk geworden, schreibt Oskar Fehrenbach, der spätere Chefredakteur. Und dieses Lebenswerk „gründete sich auf den Willen, alles in seinen Kräften Stehende dazu beizutragen, dass sich die Herrschaft des braunen Terrors niemals mehr wiederholen könne; und es war gerade die bei Voltaire erlernte Toleranz, die Eberles Instinkt für jede Form von Intoleranz, von politischer Einseitigkeit und parteipolitischer Illiberalität schärfte“.

    Quelle: Artikel von Armin Käfer in der Stuttgarter Zeitung vom 8. April 2020

    https://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.75-jahre-kriegsende-der-weg-zur-meinungsfreiheit.4f58edd3-01ba-4450-9c6c-b2bbd196f093.html

    Nachbemerkung:

    Josef Eberle hat seinen Mitherausgeber Erich Schairer um 30 Jahre überlebt – ausreichend Zeit, um das Narrativ der frühen Jahre der Stuttgarter Zeitung vom Namen seines Partners zu befreien. Offenbar mit Erfolg, wie der Beitrag von Armin Käfer belegt. Den Herren Käfer und Konsorten möchte ich den Rundfunkbeitrag Schairers zu Eberles fünfzigstem Geburtstag nahe legen, er ist nur einen Klick entfernt…

  • Rudolf Augstein: Lieber Spiegel-Leser!

    Rudolf Augstein: Lieber Spiegel-Leser!

    11.03.1964

    Ich muß mal wieder das eigene Nest beschmutzen.

    Kaum einer von uns, der nicht gelernt hätte, daß der Erste Weltkrieg, der den Europäern das Konzept verdarb, einer unglücklichen Verkettung von Umständen entsprungen sei. Die europäischen Nationen, mit dem Wort des englischen Premiers Lloyd George, seien „in den Krieg hineingeschlittert“. So steht es bis heute in den Schulbüchern, und so lehren uns die Senioren der Geschichtswissenschaft von Gerhard Ritter bis Hans Herzfeld.

    In der Tat, da die deutsche Alleinschuld am Zweiten Weltkrieg nicht wohl bestritten werden kann, wäre es höchst praktisch, Deutschland wenigstens für den Ersten Weltkrieg einen Freispruch zweiter Klasse einzuhandeln, in einer Reihe mit den anderen vier europäischen Großmächten, „wegen entschuldbaren Verbotsirrtums“ gewissermaßen.

    Unglücklicherweise zeigen die neuesten Forschungen, daß davon nicht die Rede sein kann. Auch der Erste Weltkrieg, wie der Zweite, ist entstanden, weil das Bismarck-Reich das ihm von seinem Gründer angemessene Korsett sprengen und eine Weltstellung mit Gewalt erobern wollte, wie sie die USA nur zwischen 1940 und 1955, und auch das nicht absichtsvoll, innehatten.

    Wortwörtlich bis zum „schwarzen Tag an der Westfront“, dem 8. August 1918, an dem die Alliierten das letzte deutsche Aufgebot in die „Siegfriedstellung“ zurückwarfen, hat Deutschland die durch wirtschaftliche und militärische Faustpfänder gesicherte Vorherrschaft über den Kontinent erstrebt, von Finnland bis nach Baku am Kaspischen Meer, dazu ein zusammenhängendes mittelafrikanisches Kolonialreich von der räumlichen Ausdehnung Australiens, mit Katanga als Kronjuwel.

    Bis zum Zusammenbruch hat das Reich versucht, vier Großmächte auf einmal, nämlich England, Frankreich, Rußland und das verbündete Österreich -Ungarn, auf den Rang einer Macht minderer Ordnung herunterzudrücken. Im Mai 1918 noch entschied man in Berlin, Österreich-Ungarn wirtschaftlich (zu) beherrschen wie Polen und Rußland“. Die „wirtschaftliche Ausnutzung der Türkei im Frieden“ zu sichern, einschließlich der mesopotamischen Ölquellen, beschloß die Reichsleitung am 7. April 1917.

    Kaiser, Kanzler und Oberste Heeresleitung hatten keinen Respekt vor dem Recht auf Heimat“ und vor dem Lebensrecht anderer Völker. Der Gedanke, daß 60 Millionen Reichsdeutsche rund hundert Millionen „Fremdvölker“ militärisch beherrschen und wirtschaftlich ausbeuten sollten, schreckte sie nicht im mindesten. Von Georgien etwa versprach sich der General Ludendorff gutes „Soldatenmaterial“: „Unsere Westfront braucht Menschen.“

    Wie Hitler die Tiroler auf der Krim anzusiedeln erwog, so wollte im Ersten Weltkrieg Ludendorff auf der Krim alle Rußlanddeutschen in einem eigenen Staat („Krim-Taurien“ oder „Tatarische Republik“ genannt) zusammenfassen, wie er überhaupt alle Über-Land- und Übersee-Deutschen in heimische Siedlungsräume, die durchaus anderen Völkerschaften gehörten, zurückrufen wollte.

    Sein militärischer Emissär von Lossow – auch ihm wird man 1923 während des Hitler-Putsches im Bürgerbräukeller wiederbegegnen – schrieb im Mai 1918, kurz bevor er den Satelliten-Staat Georgien gründete, mit Blick auf Aserbeidschan, das Kuban-Gebiet und den nördlichen Kaukasus: „Hier ist ein großes, reiches Land zu vergeben, eine Gelegenheit, wie sie vielleicht in vielen Jahrhunderten nicht wiederkehren wird.“ Baku, Luftlinie 3000 Kilometer von Berlin entfernt, war „das zweitgrößte Naphtha-Gebiet der Erde“.

    Satelliten-Regierungen schossen 1918 unter dem deutschen Regen wie Pilze aus der Erde, ohne freie und meistens ganz ohne Wahlen. In Litauen wurde am 4. Juni 1918 als „Mindaugas II.“ ein Herzog von Urach aus der katholischen Linie König; einem rundum zur Amputation bestimmten Kongreß-Polen, das militärisch und wirtschaftlich „dauernd“ an Deutschland angegliedert werden sollte, wurde ein Hohenzollern-Prinz angedient. Prinz Friedrich Karl von Hessen, der am 9. Oktober 1918 durch das finnische Parlament zum König gewählt wurde, als einziger Schattenkönig legitim, war auch schon den Rumänen avisiert worden. Die Finnen räumten den Deutschen Marinestützpunkte ein, die Rumänen ihr Öl, ihr Getreide und ihre Eisenbahnen.

    Estland, Livland und Kurland, von Rußland abgetrennt, sollten wirtschaftlich und militärisch von Deutschland beherrscht werden; in der Ukraine ließen die deutschen Herren den Hetman Skoropadski die „Jüngelchen“ des parlamentarisch-sozialistischen örtlichen Regimes abservieren – die Regierung wich dem deutschen Ruf „Hände, hoch!“ – und, machten sich sogleich ans Umnageln der Eisenbahnschienen (Der Hetman wurde später Mitbegründer des „Völkischen Beobachter“).

    Erste Aufgabe der örtlichen Puppen-Regierungen war es, den Deutschen die Kontrolle über die Eisenbahnen und alle sonstigen wichtigen Verkehrswege nebst Ausbeutung der Bodenschätze zu gewährleisten. Die Häfen Nikolajew, Cherson, Sewastopol, Taganrog, Rostow und Noworossisk, alles neuvertraute Namen, sollten auch im Frieden Deutschland überantwortet bleiben.

    Aber auch über den Rest des „halbasiatischen Moskowiter-Reichs“ (so Staatssekretär von Jagow 1915), der eilfertigst „Großrußland“ genannt wurde, wollte das Reich verfügen. Zwar, man hatte mit den Bolschewisten im März 1918 den Frieden von Brest-Litowsk geschlossen und sie als einziger Staat anerkannt. Aber damit hatte die Reichsleitung, wie Staatssekretär von Kühlmann scharfsinnig bemerkte, noch lange nicht dekretiert, „daß zur Abspaltung eines Randstaates die Genehmigung des Mutterstaates nötig ist“.

    Wenn die „selbständige“ Ukraine weiteres Gebiet von Rußland verlangte, mußte man es ihr verschaffen. Wenn die Don-Kosaken Waffen gegen die sowjetischen Vertragspartner der Reichsregierung wollten, mußte man sie heimlich bedienen und sie anschließend unter den Schutz des Reichs stellen.

    Einmarschieren mußte man auch, denn – so schrieb der Unterstaatssekretär im Außenamt von dem Bussche – den „vollkommenen Einfluß auf die wirtschaftliche Kapazität eines Landes könnten papierene Abmachungen allein“ nicht sichern. Die deutsche Beteiligung müsse, forderte Bussche, nicht nur in der Ukraine und im Kaukasus, sondern im gesamten Ostraum, „wie sie sich auch gestalten möge, nach außen hin unter Verwendung des betreffenden Staates als Kulisse“ auftreten. So war die deutsche Vertragstreue beschaffen, auf die das bolschewistische Reich in seiner Geburtsstunde stieß.

    Für Restrußland selbst, „Großrußland“, forderte der Unterstaatssekretär am 14. Juni 1918: „Das russische Verkehrswesen, die Industrie und die ganze Volkswirtschaft müssen in unsere Hände kommen. Es muß gelingen, den Osten für uns auszubeuten. Dort sind die Zinsen für unsere Kriegsanleihen zu holen.“

    Zuvor, am 16. Mai 1918, hatten die Vertreter der zwölf gewichtigsten deutschen Eisen- und Stahl-Konzerne den Versuch empfohlen, Eisenbahnen und Wasserstraßen im gesamten früheren russischen Reich und auf dem Balkan unter deutsche Kontrolle zu bringen. Der Deutsche Handelstag verlangte Ende 1917, daß Rußland „durch Oktroyierung entsprechender wirtschaftlicher Verträge zum Ausbeutungsobjekt gemacht werden soll“, und am 30. Mai 1918 erklärte der Reichskanzler Graf Hertling vom katholischen Zentrum: „Rußland muß unsere wirtschaftliche Domäne werden.“ Der Chef der Obersten Heeresleitung, Paul von Hindenburg, erkannte lange vor seinem „böhmischen Gefreiten“: „Rassenhaß ist der Grund unserer Gegnerschaft zu Rußland.“

    Wirklicher Friede mit Rußland, so schrieb Kaiser Wilhelm im Mai 1918, nachdem er Brest-Litowsk gebilligt hatte, an den Aktenrand, „ist zwischen Slawen und Germanen überhaupt unmöglich“. Er „kann nur durch Furcht vor uns erhalten werden. Die Slawen werden uns immer hassen und Feinde bleiben! Sie fürchten und haben nur Respekt vor dem, der sie verhaut!“

    Den vollständigen Text von Rudolf Augstein finden Sie hier: https://www.spiegel.de/spiegel/print/d-46163408.html

    oder auch hier:

    SPIEGEL_1964_11_46163408

  • Historische Zeitungsartikel der FAZ

    Historische Zeitungsartikel der FAZ

    [4.8.2014] Die Frankfurter Allgemeine Zeitung veröffentlicht zum 100. Jahrestag des Ausbruchs des Ersten Weltkrieges historische Zeitungsausgaben als e-Paper. 

    Auf ihrer Webseite kommentiert die F.A.Z. die Sammlung ihrer früheren Zeitungsausgaben: „Die Frankfurter Zeitung vor 100 Jahren. Nach dem Attentat von Sarajevo vor 100 Jahren ahnt zunächst kaum jemand etwas von einem heraufziehenden Weltkrieg. Folgen Sie den Entwicklungen aus der Perspektive von Zeitgenossen. Mit dem historischen E-Paper der Frankfurter Zeitung.“ 

    Die e-Paper der Frankfurter Zeitung vor 100 Jahren finden Sie hier: https://www.faz.net/aktuell/politik/der-erste-weltkrieg/historisches-e-paper/

    Quelle: https://www.die-zeitungen.de/aktuelles/news/article/news/historische-epaper-der-faz.html

  • Ein Geheimplan für den Zweiten Weltkrieg

    Ein Geheimplan für den Zweiten Weltkrieg

    Bereits wenige Jahre nach dem Ersten Weltkrieg plante die deutsche Reichswehr eine systematische Aufrüstung. Als Hitler den Zweiten Weltkrieg entfesselte, war die vorgesehene «Kriegsstärke» erreicht.

    Wie konnte es einem besiegten Deutschland gelingen, nach der katastrophalen Niederlage im Ersten Weltkrieg, in nur zwei Jahrzehnten ein neues Heer aufzustellen, grösser als das Heer des Kaiserreiches? War der Angriffs- und Vernichtungskrieg der Wehrmacht das Finale einer seit Mitte der 1920er Jahre von der Reichswehrführung geplanten und vorbereiteten militärischen Revanche? Schon seit etwa 1970 bewiesen die Forschungen vor allem jüngerer Historiker, dass die Wiederaufrüstung insgeheim lange vor der «Machtergreifung» Hitlers begann.

    Das Dokument jedoch, das die Planung eines Revanchekrieges seit Mitte der zwanziger Jahre klar beweist, wurde nicht bekannt. Erst die Wiederentdeckung des von General Hans von Seeckt, Chef der Heeresleitung der Reichswehr, im Jahre 1923 initiierten Dreistufenplanes für den Aufbau eines 102 Divisionen starken Heeres entlarvte die Führung der Reichswehr als eine Clique von Revanchisten, die hinter dem Rücken von Regierung und Parlament die systematische Aufrüstung der Reichswehr vorantrieben. Ziel der Reichswehrführung war es, Deutschland auf einen Angriffskrieg vorzubereiten. Die «Schande» des «Versailler Diktats» sollte ausgelöscht, verlorenes Gebiet zurückerobert und die Grossmachtstellung von 1914 wieder eingenommen werden.

    Die 1997 im Militärarchiv in Freiburg im Breisgau aufgefundenen Dokumente mit dem Titel «WH 808 – Übersicht der Gesamtstärken und -ausrüstung der Kommandobehörden und Truppeneinheiten des Feldheeres», insgesamt vier Hefte mit einigen hundert Seiten, brachten eines der am besten gehüteten Geheimnisse der deutschen Militärgeschichte ans Tageslicht. In Verbindung mit Anfang der neunziger Jahre aus russischen Archiven freigegebenen Dokumenten über die geheime Zusammenarbeit zwischen Reichswehr und Roter Armee widerlegten sie die These, die Reichswehr habe nichts weiter als die Landesverteidigung im Sinn gehabt und sei erst dann durch Hitler als ein Werkzeug seiner Gewaltherrschaft missbraucht worden. In den fast zeitgleichen Diskussionen um die Wehrmachtsausstellung (offizieller Titel: «Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944») wurde dies in der breiten Öffentlichkeit in Deutschland als untauglicher Versuch der Konstruktionsbildung einer «sauberen Wehrmacht» demaskiert.

    Der Generalplan aus den zwanziger Jahren wird zur Grundlage sämtlicher Rüstungsprogramme bis Kriegsbeginn. Der Planungsstab der Reichswehr orientierte sich an ehrgeizigen Zielvorgaben: ein Heer mit 2,8 bis 3 Millionen Soldaten in 102 Divisionen, aufgeteilt in 39 Grenzschutzdivisionen und 63 Felddivisionen. Das Verblüffende an diesem geheimen Rüstungsplan war, dass das deutsche Heer am 1. September 1939 genau diese «Kriegsstärke» erreicht hatte – bis in die Details stimmten Grösse, Ausstattung und Aufgliederung der Wehrmacht Ende 1939 mit dem von 1923 bis 1925 erarbeiteten Generalplan überein.

    Die Reichswehr hatte 42 Generale, für das grosse Heer waren 252 vorgesehen. Genauso viele Etatstellen für Generale wies auch das Feldheer 1939 auf. Acht Armeen hatte man 1925 projektiert – so viel wie zu Beginn des Ersten Weltkrieges –, und tatsächlich standen 1939 acht vollwertige Armeen bereit. Der Entwurf für diese Streitmacht wurde Mitte der zwanziger Jahre von sechs Majoren und zehn Hauptleuten erarbeitet. «Diese Arbeit war damals das Geheimste vom Geheimen», so beginnt ein Handschreiben, das Generalleutnant a. D. Walter Behschnitt 1960 im Bundesarchiv in Koblenz zurückliess, nachdem er dort die 1945 von den amerikanischen Streitkräften beschlagnahmte und inzwischen aus den USA zurückgekehrte Akte wiedergefunden hatte. Fünfunddreissig Jahre zuvor hatte er als junger Hauptmann in der Organisationsabteilung des Truppenamtes der Reichswehr gemeinsam mit anderen Offizieren dieses Planwerk erarbeitet.

    […]

    Den gesamten Artikel von Michael Berger in der Neuen Zürcher Zeitung vom 24.08.2014 finden Sie hier: https://www.nzz.ch/international/europa/ein-geheimplan-fuer-den-zweiten-weltkrieg-1.18368619

    Siehe auch:https://www.n-tv.de/politik/Der-Weg-in-die-grosse-Katastrophe-article13517956.html

    oder auch: https://www.zeit.de/1997/11/Der_grosse_Plan

    oder hier: https://diepresse.com/home/meinung/debatte/506389/Die-Revanche-der-Generale

  • Gedenkblatt für Erich Schairer

    Gedenkblatt für Erich Schairer

    Es sind nun schon mehr als elf Jahre, daß wir Erich Schairer auf dem Stuttgarter Waldfriedhof das letzte Geleit gaben. Unser Kreis alter Blaubeurer Seminaristen aus den Jahren 1903/05 ist seitdem kleiner geworden, so klein, daß man sich fast nicht mehr getraut, ihn zusammenzurufen. Wir waren ja so froh, daß wir Erich Schairer nach dem zweiten Weltkrieg wieder in unserer Mitte hatten, so oft wir zusammenkamen. Wenn sich alte Jugendfreunde treffen, heißt es: „Alte Liebe rostet nicht“, und wenn wir auch durch Jahrzehnte getrennte Wege gegangen sind, das Leben führte uns doch immer wieder zusammen, manchmal unter höchst seltsamen, ja erschütternden Umständen. Seine Freundestreue habe ich besonders im Winter 1903/04 erfahren, als ich mir beim Schlittenfahren auf der Sonderbucher Steige den Fuß verstaucht hatte, so daß ich acht Wochen lang im Gipsverband liegen mußte. Er hat mich damals auf der Krankenstube des Seminars so treulich versorgt wie kein anderer, und ich sehe noch heute, wie er meinen Nachtstuhl, wenn auch mit leicht gerümpfter Nase, zur Stube hinaustrug. Dafür haben wir dann auch die Kuchen, die mir meine Mutter sandte, miteinander verzehrt nach dem Rezept, das er einmal in die Verse gefaßt hatte: „Da kommt ein Kuchen, süß und groß, er (der Seminarist) glaubt sich schon in Abrahams Schoß, doch zeigt sich ihm zu großem Leid, gleich das Gesetz der Teilbarkeit. Mit dem Messer und in Eile, macht er viele, viele Teile. Und am Schluß ist es noch viel, wenn ihm bleibt ein Molekül.“ — Später hat Erich die Verse durchgestrichen; so war er immer: Teilen, helfen, ja — aber nicht damit angeben wollen. Gutes tun, ja — aber in aller Stille.

    Aber ich greife vor. Was uns damals gemeinsam begeisterte, war die Liebe zu unseren Dichtern Eduard Mörike, Gottfried Keller und anderen. Vielleicht hatte ich ihm damals noch etwas an Kenntnissen voraus, von meinem literarischen Elternhaus her, aber was ihn an Mörike anzog, das war das Klare und Echte, die unverfälschte Schönheit seiner Dichtung. Als wir nach dem ersten Weltkrieg uns wiedertrafen — am 21. Mai 1919 — war er zu Fuß von Heilbronn zu uns nach Neuenstadt am Kocher gekommen und wir gaben ihm auf dem Rückweg das Geleit nach Cleversulzbach. Am Grab der Dichtermutter entzündete sich aufs neue unsere Freundschaft. Oft habe ich mich gefragt, warum Erich Schairer schriftstellerisch nicht mehr hervorgetreten ist. Er hatte doch das Zeug dazu. Noch heute lese ich mit Entzücken seine geistvolle „Mathematische Romanze“, die er für unsere Weihnachtskneipzeitung 1903 beisteuerte. Keiner von uns hatte je etwas so witziges, einfallreiches, trockene mathematische Begriffe spielerisch Umkreisendes geschrieben. Aber seine Zukunft war der Journalismus, und sein Ehrgeiz, ein gutes, klares Deutsch zu schreiben und, wenn es sein mußte, auch andere dazu zu erziehen. (Siehe „Fünf Minuten Deutsch“! Kein Wunder, der echte und gediegene Schulmeister steckte ihm vom Vater her im Blut!)

    Einmal habe ich seine kritische Ader zu meinem Heil selbst zu spüren bekommen. Ich schrieb ihm damals auf seinen Wunsch für seine „Sonntagszeitung“ kleine Geschichten, Begebnisse, wie sie im Leben des Pfarrers immer wieder vorkommen. In einem Brief vom 20. Juli 1920 — ich besitze ihn heute noch — schrieb er mir: „Dies mal bekommst Du Deine Geschichte zurück. Redaktionen pflegen bei Ablehnung von Manuskripten keine Gründe anzugeben, weil die Verfasser dann meist beleidigt sind. Auch Dir gegenüber hätte ich mich gern mündlich über das „Vogelnest“ geäußert, denn wenn ich meine Kritik schreibe, kommt sie natürlich wüst und herzlos heraus. Aber wer weiß, wann ich wieder einmal hinüberkomme… (Folgt eine eingehende Kritik.) Zum Schluß schreibt er: „Nun, sei mir bitte nicht böse. Betrachte diese absichtlich scharfe Kritik als einen Beweis, daß ich Dich ernst nehme. Sage auch Deiner lieben Frau, sie möge mir jetzt ihr Wohlwollen nicht entziehen und unterlasse es nicht, mir Deine nächste Geschichte zu zeigen. Sonst würde ich es bedauern müssen, das „Vogelnest“ so heruntergerissen und nicht mit irgend einer Ausrede zurückgeschickt zu haben…“

    So war er. Ehrlich, geradeheraus, durch und durch wahrhaftig. Darum hat er ja auch den Kirchendienst verlassen und sich schon bald mit der „Neckarzeitung“ überworfen. Er konnte aus seinem Herzen keine Mördergrube machen. Man wußte bei ihm, woran man war. Auch aus seiner sozialistischen Einstellung machte er keinen Hehl, erst recht nicht in kleinem Kreis. Er freute sich, daß er bei uns Verständnis für seine Ideen fand. Hin und wieder schickte er uns neue Broschüren über Marx, Engels, Lasalle, „zur Orientierung“.

    Es wird wohl im Jahr 1941 gewesen sein, daß er bei uns als „Weinreisender“ auftauchte. Was vorausgegangen war, wußten wir nicht, wir hatten nur gehört, daß ihm die Herausgabe seiner Zeitung verboten worden war. Er selbst sprach nicht davon. Auch später, als wir ihn in Lindau besuchten, vermied er jedes politische Gespräch. Und doch waren es unvergeßlich schöne Wochen im Kreis seiner Familie. Er selbst arbeitete fleißig im Garten und unterrichtete uns in der Bekämpfung der „Werren“ (Maulwurfsgrillen). Damals sahen wir ihn auch auf dem Bahnhof in Lindau in der roten Mütze, mit dem Täfelchen dem Zugführer zur Abfahrt winken. Auch das gehört mit zu seinem Bild, daß er sich in sein Schicksal ergab, so hart es mit ihm umgehen mochte.

    Gott sei Dank, es kam wieder anders; aber auch nach dem großen Umschwung blieb er für seine Freunde der, der er immer gewesen war, unser Erich Schairer.

    Von etwas muß noch die Rede sein. Wenn ich zu Anfang sagte, daß wir durch Jahrzehnte getrennte Wege gegangen seien, so meine ich seine kämpferische Einstellung zu Christentum und Kirche, ja zur Religion überhaupt, wie er in seinem Büchlein „Gottlosigkeit“ ausgedrückt hat. Es war eine ausgesprochene Kampfschrift mit den Vorzügen und Nachteilen einer solchen. Wenn wir sie heute wieder lesen, so scheint uns vieles überholt. Von der Grundthese allerdings, von der er ausging, kann man das nicht sagen: „Das Christentum wird gepredigt, aber es lebt nicht“. Diesen Vorwurf haben ja schon Nietzsche und andere erhoben, und die Christenheit muß sich seiner immer bewußt bleiben. Bei Schairer kam anderes hinzu: die Ablehnung des persönlichen Gottesbegriffs und der Zwiesprache mit ihm. Doch müßte man eigentlich sein Büchlein von hintenherein lesen, um die Mühe zu erkennen, die er sich gab, trotz allem den Christen von heute zu verstehen. Seine Thesen über Gott erinnern uns in vielem etwa an das Buch des englischen Bischofs Robertson: „Gott ist anders“. Das Kapitel „Religiöse Pause“ in Schalters Büchlein enthält positive Aussagen wie: „Es wird einmal eine Zelt kommen, wo man wieder von Gott und Religion wird reden können, ohne mißverstanden zu werden; etwa wie wir heute vom Himmel oder vom Sonnenaufgang reden. Dann wird man, denke ich, auch den ganzen christlichen Sprach- und Gedankenschatz wieder ausgraben und unbefangen verwenden… Die Bibel ist eine unerschöpfliche Fundgrube von Weisheit und Wahrheit; man wird sie dereinst wieder zu würdigen wissen.

    So war er auf der Suche nach „Gott“; kein eigentlicher Gottesleugner schlechthin, aber seine Aussagen über Gott mußten der Erkenntnis des modernen Menschen entsprechen, und er forderte von der Kirche, daß sie diesen Sachverhalt in voller Wahrhaftigkeit bejahe. Als ich ihn zum letztenmal auf seinem Kranken- und Sterbebett besuchte, waren seine letzten Worte: „Weiter wäre nichts mehr zu sagen.“ Er schwieg lieber von Gott, als daß er über ihn sprach.

    1967, Wilhelm Teufel

  • Sprachliche Vermahnung

    Sprachliche Vermahnung

    für die Mitarbeiter der Stuttgarter Zeitung (und andere Zeitungsschreiber)

    1. In Überschriften und bei kurzen Meldungen, die einen abgeschlossenen Tatbestand mitteilen, soll kein Imperfekt (die Zeitform der Erzählung!) verwendet werden, Also: Mussgay hat sich erhängt, nicht: Mussgay hängte sich. Clemenceau ist zum Präsidenten gewählt worden, nicht: wurde zum Präsidenten gewählt.

    2. Die Zeitform der Vorvergangenheit, also eines Geschehens, das gegenüber einem anderen vergangenen Geschehen weiter zurückliegt, ist das Plusquamperfektum. In einem erzählenden Bericht über einen Empfangstag beim Papst darf es also nicht heißen: der Papst empfing darauf einige Geistliche, die aus Albanien ausgewiesen wurden, sondern ausgewiesen worden waren.

    3. Nach den Zeitwörtern des Aussagens, Glaubens, Meinens, Denkens wird im allgemeinen der Konjunktiv des Präsens gesetzt, nicht der Vergangenheit. Er sagte, er sei krank, nicht: er wäre krank. Nur wenn der Konjunktiv des Präsens gleich lautet wie der Indikativ, nimmt man an seiner Stelle das Imperfektum, um ein Mißverständnis zu vermeiden. (Er sagte, ich hieße Hans.)

    4. Nachdem ist ein Bindewort, das nur zeitlich gebraucht werden sollte, nicht begründend (statt da oder weil), eine Unsitte, die gegenwärtig aufkommt: „Nachdem die Waschmaschine so billig ist, können wir uns auch einen Staubsauger anschaffen.“

    5. Das Eigenschaftswort in prädikativer (aussagender) Stellung wird nicht gebeugt. Es heißt also nicht: der Anblick ist ein trauriger, sondern: der Anblick ist traurig.

    6. Das rückbezügliche Fürwort steht in Hauptsätzen unmittelbar hinter dem Zeitwort, in Nebensätzen gleich hinter dem ersten Satzteil. Bald begannen sich Menschen auf der Straße anzusammeln. (Nicht: Bald begannen Menschen auf der Straße sich anzusammeln.) Der geistige Zustand, in dem sich das deutsche Bürgertum um die Zeit des Kriegsendes befand. (Nicht: in dem das deutsche Bürgertum um die Zeit des Kriegsendes sich befand.)

    7. Vorsicht mit „um zu“. Ein Satz mit um zu ist nur möglich, wenn Hauptsatz und Nebensatz dasselbe Subjekt haben. Er ging in die Stadt, um einzukaufen. Aber nicht: Er ließ den Arzt rufen, um ihm eine Spritze zu geben. Bei brauchen bitte das „zu“ nicht vergessen! Man sagt: er braucht das nicht zu wissen, nicht: er braucht das nicht wissen.

    8. Man hüte sich vor Übertreibungen und Superlativen, wie sie in der vergangenen Zeit geblüht haben (dazu gehören auch Wörter wie gigantisch, unerhört, unglaublich, phantastisch). Ganz abscheulich ist es „mit“ beim Superlativ zu verwenden. „Das ist ein gutes Buch“ genügt anscheinend nicht, das beste oder eines der besten Bücher wagt man auch nicht zu sagen; man nimmt den Superlativ wieder zurück und schreibt: „mit eines der besten Bücher“. Damit glaubt man zwei Klippen umschifft zu haben und ist glücklich bei einem ebenso häßlichen wie nichtssagenden Ausdruck gelandet.

    9. Anscheinend und scheinbar nicht verwechseln! Dieses Paar ist „scheinbar glücklich“ bedeutet etwas ganz anderes als: „ist anscheinend glücklich“.

    10. Gebrauchen Sie einfache Zeitwörter, und sparen Sie die Hauptwörter, vor allem die auf -ung! Sagen Sie beweisen statt unter Beweis stellen, verzichten statt Verzicht leisten, untersuchen statt einer Untersuchung, unterwerfen und so weiter. „Es gilt nach wie vor die Anordnung, wonach in die Ernennungsurkunde der Lehrerinnen die Bestimmung aufzunehmen ist, daß ihre Verheiratung die Aufhebung ihrer Anstellung zur Folge hat.“ Dieser Satz würde in gutem Deutsch etwa lauten: „Lehrerinnen, die neu angestellt werden, sind darauf hinzuweisen, daß sie aus dem Amt gehen müssen, wenn sie heiraten.“

    11. Sagen Sie nicht Großteil, sondern großer Teil, nicht Frischfische und Frischmilch, sondern frische Fische und frische Milch. Und zwar nicht ab sofort, sondern von jetzt an, also vom 21. September an, nicht ab 21. September.

    12. Vermeiden Sie, wenn Sie es können, Modewörter aus der Hitlerzeit (oder auch schon etwas ältere) wie: Garant, Aggression, Sektor, Ausmaß, im Zuge, Einsatz, aufziehen, aufzeigen, absinken, ausrichten, gestalten, betreuen, erfassen, tragbar, restlos, einmalig, voll und ganz, seitens, hundertprozentig, zweifelsohne und noch ein paar Dutzend andere solcher Blüten einer bösen Zeit, die unsere Sprache nicht reicher und nicht schöner gemacht haben.

    Betrachten Sie bitte diese Aufzählung von Sünden nicht als vollständig. Lassen Sie sich dadurch anregen, ihr Gewissen zu erforschen; vielleicht werden Ihnen noch andere einfallen.

    1950

  • Zum 50. Geburtstag von Josef Eberle

    Zum 50. Geburtstag von Josef Eberle

    [08.09.1951] Es muß Anfang 1926 gewesen sein, als ich in meinem Postfach einmal einen Brief an die „Sonntagszeitung“ aus Leipzig fand, mit einer netten, kleinen, gedrängten Schrift, die mir sogleich gefiel. Ein junger Buchhandlungsgehilfe namens Josef Eberle bot ein Manuskript an. Ich sah sofort, daß er etwas konnte, was wenigen Schriftstellern gegönnt ist: die sogenannte kleine Form. Von da an war Tyll, so hieß Eberles Deckname, Mitarbeiter meiner „Sonntagszeitung“. Bald stellte es sich heraus, daß er es auch verstand, sich in Versen auszudrücken. Am 2. Mai 1926 erschien als erstes Gedicht Tylls eine „Ode an die Dummheit“, die ich heute noch auswendig kann, und deren erste Strophe mir, offen gestanden, manchmal einfällt:

    „Laß mich um deinen Sockel Kränze winden
    aus Immortellen und aus Immergrün.
    Nie wird die Allmacht deines Thrones schwinden,
    und deiner Hand das Zepter zu entwinden
    ist heißes, doch vergebliches Bemühn.“

    Im Spätsommer 1926 sahen wir uns dann zum erstenmal, als Tyll mich auf meiner Redaktionsstube im dritten Stock von Lange Straße 18 in Stuttgart besuchte. Er wurde in unseren nunmehr 4 Personen bestehenden Ringelnatz-Klub aufgenommen, der bei seinem Mitglied Willy Widmann in der „Elsässer Taverne“ zu tagen pflegte, mit oder ohne Ringelnatz; und eines Tages kam Eberle-Tyll dabei auch mit einem anderen Mitarbeiter der „Sonntagszeitung“, meinem alten Freund Dr. Owlglass vom Simplizissimus, zusammen, dem er in mancher Beziehung geistesverwandt war. Daß ich die Verbindung zwischen den beiden habe herstellen können, freut mich heute noch ebensosehr wie das Bewußtsein, den Schriftsteller und Dichter Eberle vor fünfundzwanzig Jahren sozusagen entdeckt zu haben. Ob ich behaupten kann, daß ich ihn wesentlich gefördert hätte, weiß ich nicht. Große Honorare konnte die „Sonntagszeitung“ nicht zahlen. Im Grunde war damals wahrscheinlich mehr er der Gebende, obwohl er zeitweise im Dichten etwas faul war.

    Von einem Pariser Aufenthalt im Jahre 1927, den er eigentlich als Berichterstatter der „Sonntagszeitung“ genommen hatte, hat er z. B. außer Briefen um Geld keine Zeile geschrieben. Aber dann brachte wieder jede Nummer etwas von Tyll, und die steigende Auflage bewies, daß seine zeitkritischen und satirischen Produkte den Lesern ebensoviel Vergnügen machten wie mir selber. Es sind prächtige Sachen darunter, die übrigens zum Teil heute wieder aktuell sind. Ein Sammelbändchen „Mild und bekömmlich“ ist 1928 erschienen und wahrscheinlich große Rarität, denn im Dritten Reich durfte man so etwas nicht haben. Schon im zweiten war es ja nicht ganz ungefährlich, eine Feder zu führen, die den herrschenden Mächten, siehe „Ode an die Dummheit“, so keck entgegentrat; und trotzdem sind wir damals nur ein einzigesmal vor Gericht gestanden — es war die Sache mit dem Holzkopf — und mit 50 Mark davongekommen.

    Heute, nach beiderseits überstandenem Hitler, sind wir nun wieder beieinander und versuchen, mit wenigen Worten gesagt, verhindern zu helfen, daß er wieder kommt.

    Gesprochen im Süddeutschen Rundfunk am 8. 9. 1951

    http://erich-schairer.de/wp-content/uploads/mp3/ESzuJE50.mp3

  • Antwort auf eine Frage

    Antwort auf eine Frage

    Als die Besatzungsbehörden ihn 1946 zur schriftlichen Beantwortung der Routinefrage „Welches waren Ihre Gefühle während der Nazizeit?“ aufforderten, schrieb Erich Schairer in der Form einer Antwort an einen Freund:

    Du fragst mich (etwas neugierig, wie mir scheint), wie es während der Nazizeit in meinem Inneren ausgesehen habe. Schlimm, kann ich Dir sagen. Ich war zerrissen in einem Hin und Her zwischen Trauer, Scham und Haß.

    Ich erinnere mich eines Nachmittags, an dem ich meinen Dienst auf dem Lindauer Bahnhof absolvierte; einen Zwangsdienst, der mir nicht einmal so unwillkommen war, weil er mir die Möglichkeit gab, mich unverdächtig abseits zu halten. In dem Zug, den ich eben abgefertigt hatte, saß mein 25jähriger Sohn, ein guter, friedfertiger, etwas träumerisch veranlagter Junge, den sie zur SS gepreßt hatten. Er hatte ein paar kurze Tage Urlaub gehabt, die er wortkarger als früher hingebracht hatte. Er schien innerlich aus dem Gleichgewicht; er hatte wohl manches Böse, vielleicht Entsetzliches mitansehen müssen und nicht verhindern können. Nun würden also wieder Raubmörder sein täglicher Umgang sein. Der arme Kerl — ich hatte ihn nicht retten können, wenn er nun vielleicht zugrunde ging.

    Als ich nach der Abfahrt des Zuges den Bahnsteig verließ, kam ich an einem Güterwagen vorüber, den ich nachher in den Münchener Zug stellen mußte. Ich warf einen Blick durch die offene Türe. Da lagen, kauerten und standen unter der Bewachung von ein paar Bewaffneten etwa dreißig bis vierzig Dachauer Schutzhäftlinge in ihren gestreiften Verbrecherkleidern. Grünlich-bleiche Gesichter mit wirren Bartstoppeln, zum Skelett abgemagerte Gestalten. Sie wurden aus Überlingen ins Dachauer K.Z. zurückgebracht, weil sie zu schwach und krank waren, um noch weiter ausgeschunden werden zu können.

    Wer weiß, was mit ihnen jetzt geschehen würde? Sie stierten apathisch vor sich hin; kaum einer, der vielleicht daran dachte, daß von drüben, sechs Kilometer über den See entfernt, die Schweiz, das Land der Freiheit, herüberleuchtete. Dem oder jenem sah man es an: er war ein „Intellektueller“, ein geistiger Mensch wie ich selber. Müßtest Du, der du hier mit der roten Mütze in hübscher Uniform herumspazierst und freilich auch lieber in der Schweiz drüben säßest, müßtest Du, dachte ich, nicht eigentlich auch unter diesen Schächern sein, die nun sterben würden, weil sie gegen den Mann protestiert hatten, den auch ich für einen Verbrecher hielt?

    Langsam und wie geistesabwesend ging ich zurück in mein wohl geheiztes Büro und setzte mich auf meinen Sessel hinter dem Schreibtisch mit den Papieren und Telefonen. Gegenüber an der Wand, so daß ich es beständig im Gesicht hatte, hing ein großes Brustbild des „Führers“. Wieder einmal schaute ich in diese ekelhafte, gewöhnliche Fratze, und meine Fantasie malte mir auf die fliehende Stirn das kleine, runde Loch mit dem dünnen Blutstreifen, das ich mir unwillkürlich immer dazudenken mußte, wenn mein Blick auf die verhaßten Züge fiel. Wann und wie würde dieser Mensch enden? Und würde es dann nicht zu spät sein, zu spät für uns alle?

    1946

  • Mutiger Publizist in der Weimarer Zeit

    — Stuttgarter Zeitung vom 12. Sept. 1995 —

    Ursprünglich wollte der Lehrersohn Pfarrer werden. Dann promovierte er über den Dichter Schubart, kehrte der Kirche den Rücken und wurde Journalist. Im Krieg war er Weinvertreter und Bahnhofsvorsteher, nach dem Krieg Herausgeber der „Stuttgarter Zeitung“. 

    Erich Schairer war, das läßt sich ohne Einschränkung sagen, einer der mutigsten Publizisten der Weimarer Republik und in den ersten Hitler-Jahren. Manche stellen ihn neben Kurt Tucholsky und – mehr noch, weil wesensverwandter – neben Siegfried Jacobsohn, mit dessen „Weltbühne“ die von Schairer herausgegebene ,,Sonntagszeitung“ in vielem übereinstimmte. Erich Schairer, ein Freund Josef Eberles, kam im September 1946 zur „Stuttgarter Zeitung“, er wurde Mitherausgeber und war verantwortlich für den politischen Teil. Leider waren ihm nur acht Jahre des Wirkens vergönnt. 1954 legte er seine Ämter nieder und starb zwei Jahre später in Schorndorf. Gleichwohl hat er bleibende Spuren hinterlassen und den Charakter der noch jungen „Stuttgarter Zeitung“ geprägt. 

    Das konnte bei einem so eindrucksvollen Manne auch gar nicht anders sein. Der 1887 im württembergischen Hemmingen geborene Lehrersohn hatte einen unbezähmbaren Hang zu Wahrhaftigkeit und Geradlinigkeit. Politisches Bürger- und Selbstbewußtsein war ihm selbstverständlich. Nicht von ungefähr promovierte der Theologe Schairer, der zuvor aus Gewissensgründen aus dem Dienst der evangelischen Kirche Württembergs geschieden war, über den Dichter-Rebellen und „politischen Journalisten“ Christian Friedrich Daniel Schubart. Das hatte Bedeutung für sein weiteres Leben. Schairer wurde Redakteur in Hamburg, gegen Ende des Ersten Weltkrieges dann Chefredakteur der „Neckarzeitung“ in Heilbronn. Nach politischen Auseinandersetzungen mit dem Verleger gründete Schairer, was seinem Drang nach Unabhängigkeit entgegenkam, ein Wochenblatt, die ,„Sonntagszeitung“. Das Blatt war ein Kuriosum insofern, als es auf Anzeigen verzichtete, um sich freizuhalten von jedweden Einflüssen. Das kleine, aber rasch an Einfluß gewinnende Blatt wandte sich an nachdenkliche Leser aller sozialen Schichten. Es pflegte die kleine Form und war sprachlich durchgefeilt. Bezeichnend war folgender Satz: „Manche Leute haben es mit ihrer Bildung wie gewiße Krämer; sie präsentieren stets ihr ganzes Warenlager, um ihre Leistungsfähigkeit zu beweisen.“

    Politisch wandte sich die Zeitung gegen nachwirkende wilhelminische Tendenzen und neue deutschnationale Träumereien. Rasch geriet Schairer in Konflikt mit der heraufkommenden NS-Ideologie. Kaum ein Journalist hat damals so klar vorhergesagt, was die Deutschen von Hitler zu erwarten hatten. Schairer erkannte, in welchem Maße der Rundfunk dazu beitrug, Hitlers Thesen bis ins kleinste Dorf zu verbreiten. Und im Februar 1933 schrieb er hellsichtig: „Das deutsche Volk will offenbar solche Führer haben wie Wilhelm und Hitler… Wird es, kann es mit der Herrlichkeit des ‚Dritten Reiches‘ ein anderes Ende nehmen als mit der des zweiten?“ Einen Monat später wurde die „Sonntagszeitung“ verboten, dann unter strengen Auflagen wieder zugelassen. 1937 geriet das Blatt völlig unter NS-Einfluß. Schairer fristete sein Dasein als Handelsvertreter und gegen Kriegsende als Reichsbahngehilfe in Lindau, immer wieder behelligt von der Gestapo. Nach einem Neubeginn als Redakteur des „Schwäbischen Tagblatts“ in Tübingen wurde Schairer 1946 Mitherausgeber der „Stuttgarter Zeitung“. 

    Er prägte diese Zeitung vor allem stilistisch. Eine klare Sprache bedeutete für Schairer klares Denken. Er richtete die Rubrik „Fünf Minuten Deutsch“ ein und pflegte sie über Jahre hinweg. Die Rubrik fand viel Anklang bei den Lesern. Auch die Redakteure der „Zeitung“ profitierten von der Schairer’schen Schule. Ältere Journalisten erinnern sich dankbar an die „Sprachliche Vermahnung für die Mitarbeiter der Stuttgarter Zeitung (und andere Zeitungsschreiber)“.

    Politisch verstand Schairer die „Stuttgarter Zeitung“ als parteiunabhängiges Oppositionsblatt. Und so schrieb ein Redaktionsmitglied der frühen Jahre, nämlich Reinhard Appel, über Schairers Wirken: „Er verstand es, aus dem Blatt eine demokratische Institution zu entwickeln, die bei den Regierenden und den Regierten gleichermaßen Respekt und Einfluß genoß.“ Schairer habe ein Beispiel dafür gegeben, „daß die Freiheitsrechte des Bürgers gegenüber der Macht im Großen wie im Kleinen nur dort bewahrt bleiben können, wo sie auch wahrgenommen und furchtlos verteidigt werden“. Die deutsche Teilung, gegen die er ankämpfte, sah Schairer frühzeitig voraus. In einem Leitartikel schrieb er 1947 prophetisch: „Solange der Ost-West-Gegensatz besteht, sind alle Worte von der deutschen Einheit leeres Geschwätz…“ Und so war es dann auch. 

    Werner Birkenmaier 

    „50 Jahre Stuttgarter Zeitung“, Jubiläumsausgabe vom 12. Sept. 1995, Seite 4 

  • Die Reinsburgstraße

    — Stuttgarter Zeitung vom 15.02.1948 —

    Nehmen wir einmal an, Ihr geistesgestörter Stiefvater (den Sie freilich lange für ein Genie gehalten hatten) habe sämtliche Mitglieder einer Nachbarsfamilie bis auf eines ermordet und deren Haus angezündet. Würden Sie sich nicht für verpflichtet halten, gegen den Übriggebliebenen besonders nett zu sein, auch wenn er Ihnen nicht sympathisch wäre?

    Wenn Sie diese Frage, wie ich vermuten möchte, bejahend beantworten werden, so lassen Sie sich verraten, daß die 1500 polnischen Juden in der oberen Reinsburgstraße in Stuttgart in ihrer Mehrzahl die Überlebenden der jüdischen Bevölkerung von Radom sind, die im August 1942 von der deutschen SS „liquidiert“ worden ist.

    Von den über drei Millionen polnischer Juden, mit deren Ausrottung Hitler die SS beauftragt hatte, sind etwa 150 000 übrig geblieben, einer unter zwanzig. Von den 450 000 in Warschau rund 10 000, einer von fünfundvierzig. In Radom, einer Stadt von 90 000 Einwohnern, lebten damals 30 000 Juden, die „ausgesiedelt“ wurden. Sie wurden wie Schlachtvieh zusammengetrieben, Männer, Frauen und Kinder, dann wurden zwei Haufen gemacht. Der eine, große, waren diejenigen, die gleich umgebracht werden sollten, weil sie zu schwerer Arbeit untauglich erschienen, also vor allem die Alten und die Kinder, und dann alle „Exemplare“, die nicht besonders kräftig aussahen. Sie wurden in Waggons gepfercht und etwa 200 Kilometer weit weggebracht, nach der Vernichtungsanstalt in Treblinka (zwischen Warschau und Bialystok). Dort ging es vom Zug weg in die Gaskammern, nachdem Kleider, Wäsche und Schuhe säuberlich abgegeben waren. Der kleine Haufen, im ganzen nur etwa 3 000 Personen, war zur „Vernichtung durch Arbeit“ bestimmt. Sie wurden zunächst in ein Lager am Ort gesperrt, dann auf Majdanek, Auschwitz und andere Konzentrationslager verteilt und kamen im Sommer 1944, beim Rückzug aus Polen, größtenteils nach Vaihingen an der Enz. Beim Zusammenbruch im April 1945 war etwa die Hälfte dieser Leute noch am Leben, die Widerstandsfähigsten, nicht immer die Besten. Für sie ist, nach verschiedenen Zwischenstationen, im August 1945 das Lager in der Reinsburgstraße eingerichtet worden. Ähnliche Lager gibt es noch in Backnang, Hall, Heidenheim, Ulm und Wasseralfingen, im ganzen leben in ihnen rund 18 000 Personen. Sie alle warten darauf, nach Palästina auswandern zu dürfen, wo nach dem Beschluß der Vereinten Nationen ein jüdischer Staat gebildet wird.

    Hier möchte ich nun gerne etwa folgendermaßen weiterschreiben können: Landtag und Regierung in Württemberg-Baden erklärten es nach Eröffnung des Lagers in der Reinsburgstraße für ihre selbstverständliche Christenpflicht, an den Überlebenden des grausigsten Verbrechens der neueren Geschichte nach Kräften wieder gutzumachen, was an ihnen und ihren toten Angehörigen von der vorausgegangenen deutschen Regierung gesündigt worden war. Alle jüdischen DP mit der KZ-Tätowierung auf dem Unterarm werden als Gäste der württembergisch-badischen Regierung behandelt, bis sie unser Land verlassen können. Sie haben Anspruch auf doppelte Lebensmittelrationen, anständige Kleidung und bequeme Wohnung, alles auf Staatskosten. Sie erhalten freie Fahrt mit den öffentlichen Verkehrsmitteln, für ihre Vertreter sind bei allen öffentlichen Veranstaltungen Ehrenplätze reserviert. Wenn sie nach ihrer neuen Heimat ausreisen, erhalten sie Reisegeld in guter Währung und außerdem eine Summe, die es ihnen erlaubt, sich am Reiseziel eine neue Existenz zu gründen.

    So oder ähnlich müßte es heißen können, wenn es nach meinem — nicht auch ihrem? — Begriff von Recht und Gerechtigkeit ginge, der verlangt, daß Unrecht wieder gutgemacht werde, einerlei, ob der, um den es sich handelt, mir gefällt oder nicht, ob er z. B. Schwarzhändler ist oder nicht. Natürlich werden mir kluge Leute beweisen, daß ich mich da in utopistische Regionen verstiegen hätte und daß es in der Politik eben nicht immer so zugehen könne, wie man es in der Kirche — wenigstens predige. Aber ich kann mir nicht helfen: dann kann ich den Juden in der Reinsburgstraße auch ihren Schwarzhandel nicht übelnehmen. Er ist, so wie die Dinge liegen, ein Akt der Selbstbehauptung, der Notwehr, möchte man fast sagen, in einer Welt, wie sie den Überlebenden von Radom erscheinen muß: wo jeder am besten tut, für sich selber zu sorgen, wo unter Umständen alle gegen einen stehen, kurz: wo Gewalt vor Recht geht.

    Andere werden mir entgegenhalten, daß man ja auch die deutschen Juden, die alles verloren hätten, bis jetzt nicht entschädigt habe, daß man auch den politisch Verfolgten, den Bombengeschädigten, den Flüchtlingen die kalte Schulter zeige, die uns „näher stünden“ als die Einwohner von Radom. Und doch finde ich, daß an diesen Menschen der nationalsozialistische Staat am schlimmsten gefrevelt hat, und daß sie die ersten hätten sein müssen, denen eine Wiedergutmachung, und wäre es nur eine aufrichtige Geste der Wiedergutmachung, hätte zukommen sollen, abgesehen davon, daß es eine etwas merkwürdige Entschuldigung ist, zu sagen, man tue für andere, die Anrecht auf Schadenersatz hätten, ja auch nichts.

    Hand aufs Herz: würden Sie Bedenken tragen, sich die Mittel für Ihre spätere Niederlassung in Palästina auf dem Wege des Schwarzhandels in Deutschland zu verschaffen, nachdem Ihnen eine deutsche Regierung Eltern und Geschwister ermordet, Sie selber Ihres Eigentums beraubt und Sie dann ein paar Jahre durch die KZ geschleppt hätte, mit der Absicht, Sie ebenfalls nicht am Leben zu lassen? Würden Sie es ablehnen, in diesem Fall Ihre IRO-Verpflegung im Umfang von etwa 2000 Kalorien im Wege des Schwarzhandels aufzubessern? Vielleicht sogar mit dem Verdienst aus diesem Schwarzhandel die Lagerschule finanzieren zu helfen, in der jüdische Kinder in Rechnen und Religion, in Geographie und Gymnastik unterrichtet werden; die Gewerbeschule, in der die 17- bis 24jährigen als Schlosser und Schmiede, als Zuschneider oder Zahntechniker ausgebildet werden, damit sie dereinst im Lande der Hoffnung ihren Mann stellen können?

    Stuttgarter Zeitung, 4. Jg., Nr. 16 vom 15. Februar 1948

    Reinhard Appel errinnert sich, daß der Artikel „wie eine Bombe“ einschlug. Eine Flut von Leserzuschriften an Schairer sei die Folge gewesen. „Er, der sich immer des kleinen Mannes angenommen hat, hielt ihm diesmal den Spiegel vors Gesicht… In über hundert Briefen entlud sich die Empörung und in entlarvender Weise kam die Seele des Kleinbürgers zum Vorschein“.