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Beiträge über Erich Schairer, seine Sonntags-Zeitung und den historischen Zusammenhang

  • Ein Kerl für ein Standbild

    Ein Kerl für ein Standbild

    Hommage · Vier Jahre verbrachte Christian Friedrich Daniel Schubart in Ludwigsburg – vor zweieinhalb Jahrhunderten. · Von Holger Bäuerle

    Vor 250 Jahren kommt der Dichter, Musiker und Journalist Christian Friedrich Daniel Schubart nach Ludwigsburg. Schon vier Jahre später wird er von Herzog Carl Eugen aus der Stadt und damit des Landes verwiesen. Wenig später gibt er Deutschlands erste überregionale politische Zeitung heraus. ein Schritt, der ihn schließlich auf den Hohenasperg bringen sollte.

    Im Jahr der Französischen Revolution porträtiert der Maler August Friedrich Oelenheinz einen schwäbischen Revolutionär. Einen, von dem schon die Zeitgenossen sagten, er sei noch „in Fesseln frei“ gewesen: den 1739 geborenen Schubart, den ersten bedeutenden politischen Journalisten Deutschlands. Von 1774 an, nach seinem Rauswurf aus Württemberg, redigiert er von den freien – und damit sicheren – Reichsstädten Augsburg und Ulm aus seine „Deutsche Chronik“, was ihn weit über die württembergischen Landesgrenzen hinaus berühmt macht.

    Kraftvoll, gerne kernig, derb, dreist, immer volksnah, bildhaft in Wort und Stil, greift er darin kühn an, was sich seiner Gegenwart in den Weg stellt: absolutistisch regierende Fürsten, kriechende, katzbuckelnde Höflinge, das „Geschmeiß in den Amtsstuben“, den katholischen Klerus. Er klärt auf und ist der Aufklärung gegenüber misstrauisch, er ist Stürmer und Dränger, er begleitet hellsichtig die deutsche Literatur und liefert bei alledem literarische Texte, die bis heute bekannt geblieben sind: Die von Schubert vertonte „Forelle“, „Die Fürstengruft“, „Das Kaplied“.

    Zehn Jahre Haft bringen Schubart sein umtriebiges politisches Engagement, sein beißender Spott, seine unverhohlenen Angriffe auf die Mächtigen schließlich ein: Von 1777 bis 1787 arretiert ihn Herzog Carl Eugen, auf dem Hohenasperg.

    Nach Ludwigsburg gekommen war er Ende 1769. Er bezog mit seiner Familie das geräumige Haus Kirchstraße 18, das heutige Schubart-Haus. Gegen die Bitten seiner Frau hatte er sich entschieden, das Amt des Musikdirektors und Organisten am württembergischen Hofe anzunehmen. Im Nebenberuf gab er den Damen der feinen Gesellschaft Klavierstunden, hielt anfangs, vermittelt durch den Literaturprofessor Balthasar Haug, Vorträge über Geschichte und Ästhetik.

    Schubart fasste rasch in den höfischen Kreisen Fuß – und blickte selbstironisch auf sein Treiben: „Ich bin nunmehro ein Hofmann!“, schrieb er an seinen Schwager Christian Gottfried Friedrich Boeckh, den Rektor des Esslinger Gymnasiums. „stolz, windisch, unwissend, vornehm, ohne Geld und trage samtne Hosen. (. . .) Meine Studierstube hat sich in ein Putzzimmer verwandelt, mein Pult in eine Toilette (. . .), und statt des Tobaks kaue ich Lavendel.“

    Diesem Leben war ausschweifend, er hatte angeblich zahllose Affären mit Frauen, besang im Wirtshaus aber Franziska von Hohenheim, die Mätresse des Herzogs, als „Donna Schmergalina“, die sich mit dem Nissenkamm zu reinigen habe. Wegen des „verdächtigen Umgangs mit einem Mädchen“ kam er vorübergehend ins Gefängnis, seine Frau Helene, eine geborene Bühler, verließ ihn mit den Kindern. 1773, er hatte mit seiner Haushaltshilfe Barbara Streicher Ehebruch begangen, wurde er per herzoglichem Dekret nicht nur der Stadt, sondern gleich des Landes Württemberg verwiesen.

    Ein Kerl für ein Standbild, mal heroisch, mal sentimentalisch verklärt. Ein Freiheitsheiliger des 18. Jahrhunderts. Für die aufbegehrende Jugend einer, den man als Che Guevara auf dem T-Shirt hätte tragen müssen, ein Statement. Dabei ist das Bild des Dichters, seine Ludwigsburger Zeit belegt es, wohl ein differenzierteres, diffizileres: Schubart war in der Lage, Gedichte zu schreiben, die Fürstentümer zu erschüttern vermochten – und konnte im gleichen Atemzug Ständchen zum Ruhm der Fürsten trällern. „Da liegen sie, die stolzen Fürstentrümmer, Ehmals die Götzen ihrer Welt!“, heißt es dort, andere plätschern in strophenlanger Gedankenlosigkeit von Refrain zu Refrain.

    1787 wurde der Dichter vom Hohen­sperg entlassen. Er übernahm in Stuttgart die Leitung des Theaters und redigierte neuerlich, nun mit der gebotenen Vorsicht, unter den Augen des Herzogs und dessen Zensurbehörde, seine „Deutsche Chronik“, die nun „Vaterländische Chronik“ heißt. Er war populärer denn je, aber die Kerkerhaft hatte ihn gezeichnet. Und das unmäßige Essen und Trinken nach jahrelangen Entbehrungen schwemmte ihn binnen kurzer Zeit auf. Auch vom Spiel, von den Frauen konnte der bald 50-jährige noch immer nicht lassen.

    Die französische Revolution freilich durfte er noch erleben. „Freiheit, Freiheit, Silberton dem Ohre, Licht dem Verstande! Dem Herzen groß Gefühl Und freier Flug zu denken!!“, feierte er sie in seiner „Vaterländischen Chronik“. Die Freude eines Mannes, der einst die absolutistische Welt beunruhigt hatte, der besiegt und gebrochen wurde, aber nicht mundtot zu machen war. Zwei Jahre hatte er nach dem großen Ereignis noch zu leben. 1991 starb er in Stuttgart, sein Grab befindet sich auf dem Hoppenlaufriedhof.

    Quelle: Artikel von Holger Bäuerle in der Stuttgarter Zeitung vom 17. April 2020

    Siehe auch:

    https://www.volksliederarchiv.de/lieddichter/schubart-christian-daniel-friedrich-schubart

  • Der lange Schatten der Revolution

    Michael Brenners Studie untersucht das München der Weimarer Zeit.

    „Im Kaiserreich war München demokratisch und das Asyl all derjenigen im Norden als revolutionär verschrienen Elemente, die der Unduldsamkeit norddeutscher Polizeiorgane weichen mussten. Jetzt ist wiederum München deutscher Asylort. Aber nun für die Vertreter jener alten preußischen Junkerherrschaft, gegen die die Bayern früher nicht genug Sturm laufen konnten.

    Dass Verhältnisse wandelbar sind und politische Systeme nicht unumstößlich, ist heute, angesichts von Frieden seit Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 und dem gefestigten Charakter der bundesdeutschen Demokratie, schwierig zu vermitteln.

    Obiges Zitat aus der Vossischen Zeitung vom Oktober 1923 belegt nur, wie rasch sich das Gesellschaftsgefüge Münchens verändert hatte, von einer modernen, kulturaffinen, in Teilen liberalen Großstadt mit dem Kulminationspunkt Schwabing bei der Ausrufung der Münchner Räterepublik am 7. November 1918 über deren brutale Niederschlagung im Mai 1919 und der Errichtung des reaktionären Regimes durch Gustav von Kahr und der sogenannten „Ordnungszelle Bayern“ 1920/21 bis zum faschistischen Umsturzversuch „Hitlerputsch“ wenige Tage nach Publikation jenes Artikels am 9. November 1923. Das Zitat findet sich in Michael Brenners Studie „Der lange Schatten der Revolution“, der ebendiesen fünfjährigen Zeitraum beleuchtet.

    Ihr Untertitel „Juden und Antisemiten in Hitlers München 1918–1923“ ist allerdings etwas irreführend. Der Österreicher Hitler lebte zwar seit 1913 und dann ab 1918 erneut in der Stadt. Er war wie viele andere, vom Ersten Weltkrieg versehrte Soldaten extrem antisemitisch geprägt. In den Monaten der Räterepublik trat er jedoch noch nicht politisch in Erscheinung. Mutmaßlich erledigte er für das bayerische Militär Spitzeldienste und überwachte pazifistische Aktivisten. Seine Spuren im München von 1918/19 sind spärlich und der Autor geht auch nur am Rande auf diese ein.

    Was Brenner in „Der lange Schatten der Revolution“ jedoch sehr überzeugend darstellt, sind die allgemeinen antijüdischen Tendenzen in Bayern, die bereits vor dem Ersten Weltkrieg virulent sind und nach dem gewaltsamen Ende der Räterepublik verstärkt hervortreten. Warum Juden so zahlreich in den Räten aktiv waren, hat mit ihrer gesellschaftlichen Diskriminierung zu tun: „Viele von ihnen erblickten im Sozialismus eine Möglichkeit, ihrer eigenen sozialen Notlage zu entkommen“, schreibt Brenner. Ab 1871 waren sie im Deutschen Reich zwar rechtlich gleichgestellt und auch in den Parlamenten vertreten, wurden aber nur im linksliberalen und linken Lager akzeptiert. Vor 1914 gab es bei den Sozialdemokraten die meisten jüdischen Abgeordneten, während die Mehrheit der jüdischen Wähler für konservative Parteien stimmte. Auch in München und Bayern war die große Mehrheit der jüdischen Bürger konservativ eingestellt und betrachtete die Entwicklungen nach der Ausrufung der ­Räterepublik mit Sorge.

    Hetze und Verunglimpfung

    Als sich Kurt Eisner am 7. November 1918 zum Ministerpräsidenten Bayerns ernannte und den Freistaat begründete, wurde er damit überhaupt zum ersten jüdischen Repräsentanten an der Spitze eines deutschen Landes. Sofort wurde er mit antisemitischer Hetze überzogen. Thomas Mann schrieb im Frühjahr 1919 vom „Typus des russischen Juden, des Führers der Weltbewegung, dieser sprengstoffhaften Mischung aus jüdischem Intellektual-Radikalismus und slawischer Christus-Schwärmerei“. Und verlangte, mit „standrechtlicher Kürze gegen diesen Menschenschlag“ vorzugehen. Manns antisemitische Einlassung wirkt angesichts von völkischen Hetzern, die den gebürtigen Berliner Journalisten und Politiker Eisner und den gebürtigen Karlsruher Philosophen Gustav Landauer unisono als „galizische Juden“ verunglimpften, eher noch gemäßigt. Wie Brenner anhand von Zahlen belegt, lebten damals wenige Hundert aus Galizien eingewanderte Juden in München, die dann zum Teil tatsächlich aus Bayern ausgewiesen wurden. Sie hielten als Feindbild her.

    Verunglimpfung und Bedrohung hatten System. Sofort wurden die Räterevolutionäre in der völkischen Propaganda als „landfremde Elemente“ bekämpft. Auch nach Niederschlagung der Räterepublik blieben die Stereotype: Vergewaltiger, Wucherer, Christusmörder, das ganze Arsenal antisemitischer Begriffe kam zum Einsatz. Brenners Buch liefert viele unappetitliche Fundstücke: So stürmten rechte Studenten im Dezember 1919 eine Aufführung von Frank Wedekinds Theaterstück „Schloss Wetterstein“ in den Münchner Kammerspielen, verprügelten jüdisch aussehende Besucher:innen, riefen „Hurenstall“ und „jüdische Schweinebande“. Die Polizei ließ daraufhin das Stück absetzen, nicht etwa die Schläger verfolgen. Münchens Weg hin zur „Hauptstadt der Bewegung“ verdeutlicht Brenner mit zahlreichen Fakten. Ursache (Aussagen von rechten Politkern) und Wirkung (Gewalt) werden anschaulich. Bereits im September 1923 wurden Juden in München auf offener Straße verprügelt, werden Synagogenfenster zerdeppert. Zu diesem Zeitpunkt hatten viele prominente Schriftsteller und Künstlerinnen die Stadt bereits Richtung Berlin verlassen.

    Was „Der lange Schatten der Revolution“ abhebt von den bisherigen Analysen der Räterevolution, ist ein Perspektivwechsel, den sein Autor, Professor für Jüdische Geschichte in München und Direktor des Center for Israel Studies in ­Washington, vornimmt. Michael Brenner zeigt „zumeist ausgeblendete Aspekte“, etwa, wie heterogen die jüdische Bevölkerung der bayerischen Landeshauptstadt war. In München lebten Zionisten, Liberale, aber auch Monarchisten sowie ultrakonservative Nationalisten jüdischen Glaubens. Und Brenner lässt sie in seinem Buch alle zu Wort kommen; anhand von Zeitungsartikeln, Justizakten und Tagebucheinträgen belegt er, wie sie von rechten Kräften drangsaliert wurden. Wie sich Antisemitismus in politischen Kreisen und auch in breiten Bevölkerungskreisen Bahn brach. Wie unterschiedlich Juden andererseits die Impulse und Ideen der Räterevolutionäre beurteilten.

    Zunächst platziert der Historiker jedoch kurze biografische Porträts derjenigen jüdischen Akteure, die Anteil an der Ausrufung Bayerns zum Freistaat hatten: Kurt Eisner, Gustav Landauer, Felix Fechenbach, Sonja Lechner, Erich Mühsam suchten ihr Heil in einer fortschrittlichen linken und – nach Kriegsausbruch 1914 – pazifistischen Politik. Die Genannten charakterisiert Brenner als „gottlose Juden“, weil sie entweder nicht sehr religiös geprägt waren oder nie öffentlich mit ihrer Herkunft argumentiert haben. Am Beispiel Gustav Landauer erklärt Brenner sehr anschaulich dessen lebenslange intensive Auseinandersetzung mit seinen Wurzeln. Und mit dem Schriftsteller Erich Mühsam, der penetrant auf seine jüdische Herkunft reduziert wurde, zeigt Brenner, wie gelassen dieser auf solche Anwürfe reagiert hat. „Daß ich Jude bin, betrachte ich weder als Vorzug, noch als Mangel; es gehört einfach zu meiner Wesenheit wie mein roter Bart, mein Körpergewicht oder meine ­Interessen-Veranlagung“, antwortete Mühsam auf einen öffentlichen Brief des orthodoxen ­Juden Siegmund ­Fraenkel in den Münchner Neuesten Nachrichten.

    Dass Brenners Buch auch aktuell von Interesse ist, nicht nur wegen des Andenkens an die Räterevolution 100 Jahre danach, steht außer Frage: Die Bedrohung durch den Antisemitismus ist weiterhin ernst zu nehmen. Im München gab es 2019 eine Zunahme von antisemitischen Straftaten. Beunruhigend stimmt besonders die Tatsache, wie offen, wie frech Rechtsextreme zu Werke gehen, wie mühsam der Kampf gegen die tägliche Bedrohung ausfällt, wie wenig Resonanz dies in der breiten Bevölkerung findet. Geradezu ungeheuerlich mutet die Nachricht an, dass der gebürtige Österreicher Harald Z. vor wenigen Tagen einen „germanischen Arbeiterverein“ in München gründen wollte, in einem Wirtshaus in der Münchner Innenstadt, in dem sich vor 100 Jahren schon einmal ein nationalsozialistischer Arbeiterverein gründete, der das Hetzblatt Völkischer Beobachter herausgab. Dies konnte mithilfe des Wirts, einigen Gegendemonstranten und der anwesenden Polizei verhindert werden.

    Brenners Buch liefert sehr viel historisches Anschauungsmaterial zum Thema Antisemitismus, das auch für aktuelle Debatten bedeutsam ist. Zudem füllt seine Untersuchung eine Leerstelle zur jüdischen Seite der Münchner Räterepublik und räumt mit falschen Behauptungen auf. Während die Herkunft der Revolutionäre von der Linken oftmals heruntergespielt wurde oder schlichtweg übersehen, argumentierte die konservative Geschichtsschreibung auch nach 1945 noch mit Klischees und falschen Kausalitäten: Selbst renommierte Historiker wie Golo Mann vertraten die These, die jüdische Herkunft von Kurt Eisner, Gustav Landauer und Erich Mühsam seien direkt für das Aufkommen des Antisemitismus mitverantwortlich. Brenner belegt, dass es Antisemitismus in Bayern längst gab, bevor die Räterevolutionäre in München tätig waren, und wie er sich nach 1919 zunehmend radikalisierte.

    Michael Brenner: „Der lange Schatten der Revolution. Juden und Antisemiten in Hitlers München 1918–1923“. Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag, Berlin 2019, 400 Seiten, 28 Euro

    Quelle: taz vom Dienstag, 14.01.2020, Seite 15

  • Denkmal der Schande

    Der Schriftsteller Arnold Zweig sagte schon 1925 von den Büchern Emil Julius Gumbels (1891–1966), sie würden „in die Blutkeller der deutschen Reaktion hineinleuchten“. Wie richtig Zweig damit lag, ist am Lebensweg Gumbels, Mathematiker in Heidelberg, Statistiker und politischer Publizist, abzulesen. Eine kleine, aber sehr kenntnisreich dokumentierte Ausstellung im Universitätsmuseum in Heidelberg verfolgt dessen Lebensweg mit Fotos, Kurzbiografien, persönlichen Dokumenten und Akten. Von der liberalkonservativen Heidelberger Professorenschaft bis zu den Nationalsozialisten hat man Gumbel seine Anklagen gegen die deutschnationale Reaktion, den rechten Nationalismus, die Reichswehr und den Nationalsozialismus nicht verziehen und nicht vergessen.

    In der Eingangshalle des Museums sind auf einer Bronzetafel die Namen der „unter der nationalsozialistischen Diktatur entrechteten und vertriebenen Hochschullehrer“ verzeichnet. Gumbels Name fehlt, dafür wird Arnold Bergstraesser (1896–1964), einer der Begründer der Politikwissenschaft nach 1945, genannt, der zwar wegen seiner jüdischen Vorfahren 1937 ins Exil musste, aber schon 1954 wieder auf seinen Lehrstuhl in Heidelberg zurückkehren konnte.

    […]

    Den ganzen Artikel von Rudolf Walther aus der taz vom 20.08.2019 finden Sie hier: https://taz.de/Archiv-Suche/!5616155&s=&SuchRahmen=Print/

    Siehe auch Emil Julius Gumbels Artikel aus der Sonntags-Zeitung, Jg. 1922, Nr. 20: „Ungesühntes Blut“ – Zur Soziologie der politischen Morde in Deutschland.

    UNIVERSITÄTSMUSEUM ZEIGT AUSSTELLUNG ZU EMIL JULIUS GUMBEL
    https://www.uni-heidelberg.de/de/newsroom/statistiker-pazifist-publizist

    KRIEG GEGEN EINEN PAZIFISTEN – IN DER WEIMARER REPUBLIK ERSCHÜTTERTE DER „FALL GUMBEL“ DIE UNIVERSITÄT HEIDELBERG
    https://www.uni-heidelberg.de/de/universitaet/heidelberger-profile/historische-portraets/krieg-einen-pazifisten

    Ausstellung: „Emil J. Gumbel (1891–1966) – Statistiker, Pazifist, Publizist“. Universitätsmuseum Heidelberg. Bis 19. Oktober 2019. Kein Katalog.

    Buch: Eine Schrift von Emil Julius Gumbel mit dem Titel: „Verräter verfallen der Feme. Opfer/Mörder/Richter 1919–1929“ erscheint demnächst im Verlag Das kulturelle Gedächtnis, Berlin.

  • Schandfrieden

    Schandfrieden

    Volker Ullrich in DIE ZEIT Nr. 7 vom 8. Februar 2018. Der Versailler Vertrag war milde im Vergleich zu den Bestimmungen von Brest-Litowsk: Vor 100 Jahren diktierte das Deutsche Reich Russland einen Gewaltfrieden ohne Kompromisse und setzte seinen Eroberungszug im Osten unvermindert fort.

    Am 3. März 1918, einem lauen Vorfrühlingstag, herrscht auf der Leipziger Messe ein Gedränge wie in Friedenszeiten. Ein besonders dichtes Knäuel hat sich um ein Denkmal mit einem davor postierten erbeuteten englischen tank gebildet. An ihn angelehnt, verkauft ein Mann ein Extrablatt: „Heute um fünf Uhr wurde der Friede in Brest-Litowsk unterzeichnet“. „Stück um Stück ging sehr rasch ab“, beobachtet der Romanist Victor Klemperer, „und jedes wurde mit den ruhigen und monoton gesprochenen Worten überreicht: ‚Rahmen Sie sich das ein – rahmen Sie sich das ein‘.“

    „Eingerahmt“ haben sich die Deutschen die Erinnerung an den Frieden von Brest-Litowsk nicht. Im Gegenteil: Nach 1918 setzte rasch ein Prozess des Verdrängens ein. In der Depression über die Niederlage im Westen vergaß man ganz, wie euphorisch man ein halbes Jahr zuvor den Friedensschluss im Osten bejubelt hatte, der noch einmal die Aussicht auf einen Gesamtsieg zu eröffnen schien. Und in der allgemeinen Empörung über den „Schandfrieden“ von Versailles übersah man geflissentlich, dass Deutschland dem revolutionären Russland Bedingungen oktroyiert hatte, an denen gemessen sich das Versailler „Diktat“ geradezu milde ausnahm.

    Alles begann mit der Machtübernahme der Bolschewiki am 7. November 1917 in Petrograd. Bereits einen Tag später richtete der Zweite Allrussische Rätekongress auf Vorschlag Lenins einen Aufruf an alle kriegführenden Mächte, einen sofortigen Frieden zu schließen „ohne Annexionen und Kontributionen“. Während Russlands ehemalige Verbündete, England und Frankreich, wenig Neigung zeigten, der Einladung Folge zu leisten, signalisierten die Mittelmächte, Deutschland und Österreich-Ungarn, Verhandlungsbereitschaft. Da man nicht wisse, wie lange sich Lenin halten könne, müsse man „den Moment ausnutzen“, um „Faits accomplis zu schaffen“, erklärte Österreich-Ungarns Außenminister Ottokar Graf Czernin. Bereits am 15. Dezember schloss man ein Waffenstillstandsabkommen. Es galt zunächst für vier Wochen, während derer förmliche Friedensverhandlungen begonnen werden sollten.

    […]

    Den gesamten Artikel von Volker Ullrich aus DIE ZEIT Nr. 7 vom 8. Februar 2018 finden Sie hier: https://www.zeit.de/2018/07/friedensvertrag-von-brest-litowsk-deutsches-reich-russland/komplettansicht

  • Rudolf Augstein: Lieber Spiegel-Leser!

    Rudolf Augstein: Lieber Spiegel-Leser!

    11.03.1964

    Ich muß mal wieder das eigene Nest beschmutzen.

    Kaum einer von uns, der nicht gelernt hätte, daß der Erste Weltkrieg, der den Europäern das Konzept verdarb, einer unglücklichen Verkettung von Umständen entsprungen sei. Die europäischen Nationen, mit dem Wort des englischen Premiers Lloyd George, seien „in den Krieg hineingeschlittert“. So steht es bis heute in den Schulbüchern, und so lehren uns die Senioren der Geschichtswissenschaft von Gerhard Ritter bis Hans Herzfeld.

    In der Tat, da die deutsche Alleinschuld am Zweiten Weltkrieg nicht wohl bestritten werden kann, wäre es höchst praktisch, Deutschland wenigstens für den Ersten Weltkrieg einen Freispruch zweiter Klasse einzuhandeln, in einer Reihe mit den anderen vier europäischen Großmächten, „wegen entschuldbaren Verbotsirrtums“ gewissermaßen.

    Unglücklicherweise zeigen die neuesten Forschungen, daß davon nicht die Rede sein kann. Auch der Erste Weltkrieg, wie der Zweite, ist entstanden, weil das Bismarck-Reich das ihm von seinem Gründer angemessene Korsett sprengen und eine Weltstellung mit Gewalt erobern wollte, wie sie die USA nur zwischen 1940 und 1955, und auch das nicht absichtsvoll, innehatten.

    Wortwörtlich bis zum „schwarzen Tag an der Westfront“, dem 8. August 1918, an dem die Alliierten das letzte deutsche Aufgebot in die „Siegfriedstellung“ zurückwarfen, hat Deutschland die durch wirtschaftliche und militärische Faustpfänder gesicherte Vorherrschaft über den Kontinent erstrebt, von Finnland bis nach Baku am Kaspischen Meer, dazu ein zusammenhängendes mittelafrikanisches Kolonialreich von der räumlichen Ausdehnung Australiens, mit Katanga als Kronjuwel.

    Bis zum Zusammenbruch hat das Reich versucht, vier Großmächte auf einmal, nämlich England, Frankreich, Rußland und das verbündete Österreich -Ungarn, auf den Rang einer Macht minderer Ordnung herunterzudrücken. Im Mai 1918 noch entschied man in Berlin, Österreich-Ungarn wirtschaftlich (zu) beherrschen wie Polen und Rußland“. Die „wirtschaftliche Ausnutzung der Türkei im Frieden“ zu sichern, einschließlich der mesopotamischen Ölquellen, beschloß die Reichsleitung am 7. April 1917.

    Kaiser, Kanzler und Oberste Heeresleitung hatten keinen Respekt vor dem Recht auf Heimat“ und vor dem Lebensrecht anderer Völker. Der Gedanke, daß 60 Millionen Reichsdeutsche rund hundert Millionen „Fremdvölker“ militärisch beherrschen und wirtschaftlich ausbeuten sollten, schreckte sie nicht im mindesten. Von Georgien etwa versprach sich der General Ludendorff gutes „Soldatenmaterial“: „Unsere Westfront braucht Menschen.“

    Wie Hitler die Tiroler auf der Krim anzusiedeln erwog, so wollte im Ersten Weltkrieg Ludendorff auf der Krim alle Rußlanddeutschen in einem eigenen Staat („Krim-Taurien“ oder „Tatarische Republik“ genannt) zusammenfassen, wie er überhaupt alle Über-Land- und Übersee-Deutschen in heimische Siedlungsräume, die durchaus anderen Völkerschaften gehörten, zurückrufen wollte.

    Sein militärischer Emissär von Lossow – auch ihm wird man 1923 während des Hitler-Putsches im Bürgerbräukeller wiederbegegnen – schrieb im Mai 1918, kurz bevor er den Satelliten-Staat Georgien gründete, mit Blick auf Aserbeidschan, das Kuban-Gebiet und den nördlichen Kaukasus: „Hier ist ein großes, reiches Land zu vergeben, eine Gelegenheit, wie sie vielleicht in vielen Jahrhunderten nicht wiederkehren wird.“ Baku, Luftlinie 3000 Kilometer von Berlin entfernt, war „das zweitgrößte Naphtha-Gebiet der Erde“.

    Satelliten-Regierungen schossen 1918 unter dem deutschen Regen wie Pilze aus der Erde, ohne freie und meistens ganz ohne Wahlen. In Litauen wurde am 4. Juni 1918 als „Mindaugas II.“ ein Herzog von Urach aus der katholischen Linie König; einem rundum zur Amputation bestimmten Kongreß-Polen, das militärisch und wirtschaftlich „dauernd“ an Deutschland angegliedert werden sollte, wurde ein Hohenzollern-Prinz angedient. Prinz Friedrich Karl von Hessen, der am 9. Oktober 1918 durch das finnische Parlament zum König gewählt wurde, als einziger Schattenkönig legitim, war auch schon den Rumänen avisiert worden. Die Finnen räumten den Deutschen Marinestützpunkte ein, die Rumänen ihr Öl, ihr Getreide und ihre Eisenbahnen.

    Estland, Livland und Kurland, von Rußland abgetrennt, sollten wirtschaftlich und militärisch von Deutschland beherrscht werden; in der Ukraine ließen die deutschen Herren den Hetman Skoropadski die „Jüngelchen“ des parlamentarisch-sozialistischen örtlichen Regimes abservieren – die Regierung wich dem deutschen Ruf „Hände, hoch!“ – und, machten sich sogleich ans Umnageln der Eisenbahnschienen (Der Hetman wurde später Mitbegründer des „Völkischen Beobachter“).

    Erste Aufgabe der örtlichen Puppen-Regierungen war es, den Deutschen die Kontrolle über die Eisenbahnen und alle sonstigen wichtigen Verkehrswege nebst Ausbeutung der Bodenschätze zu gewährleisten. Die Häfen Nikolajew, Cherson, Sewastopol, Taganrog, Rostow und Noworossisk, alles neuvertraute Namen, sollten auch im Frieden Deutschland überantwortet bleiben.

    Aber auch über den Rest des „halbasiatischen Moskowiter-Reichs“ (so Staatssekretär von Jagow 1915), der eilfertigst „Großrußland“ genannt wurde, wollte das Reich verfügen. Zwar, man hatte mit den Bolschewisten im März 1918 den Frieden von Brest-Litowsk geschlossen und sie als einziger Staat anerkannt. Aber damit hatte die Reichsleitung, wie Staatssekretär von Kühlmann scharfsinnig bemerkte, noch lange nicht dekretiert, „daß zur Abspaltung eines Randstaates die Genehmigung des Mutterstaates nötig ist“.

    Wenn die „selbständige“ Ukraine weiteres Gebiet von Rußland verlangte, mußte man es ihr verschaffen. Wenn die Don-Kosaken Waffen gegen die sowjetischen Vertragspartner der Reichsregierung wollten, mußte man sie heimlich bedienen und sie anschließend unter den Schutz des Reichs stellen.

    Einmarschieren mußte man auch, denn – so schrieb der Unterstaatssekretär im Außenamt von dem Bussche – den „vollkommenen Einfluß auf die wirtschaftliche Kapazität eines Landes könnten papierene Abmachungen allein“ nicht sichern. Die deutsche Beteiligung müsse, forderte Bussche, nicht nur in der Ukraine und im Kaukasus, sondern im gesamten Ostraum, „wie sie sich auch gestalten möge, nach außen hin unter Verwendung des betreffenden Staates als Kulisse“ auftreten. So war die deutsche Vertragstreue beschaffen, auf die das bolschewistische Reich in seiner Geburtsstunde stieß.

    Für Restrußland selbst, „Großrußland“, forderte der Unterstaatssekretär am 14. Juni 1918: „Das russische Verkehrswesen, die Industrie und die ganze Volkswirtschaft müssen in unsere Hände kommen. Es muß gelingen, den Osten für uns auszubeuten. Dort sind die Zinsen für unsere Kriegsanleihen zu holen.“

    Zuvor, am 16. Mai 1918, hatten die Vertreter der zwölf gewichtigsten deutschen Eisen- und Stahl-Konzerne den Versuch empfohlen, Eisenbahnen und Wasserstraßen im gesamten früheren russischen Reich und auf dem Balkan unter deutsche Kontrolle zu bringen. Der Deutsche Handelstag verlangte Ende 1917, daß Rußland „durch Oktroyierung entsprechender wirtschaftlicher Verträge zum Ausbeutungsobjekt gemacht werden soll“, und am 30. Mai 1918 erklärte der Reichskanzler Graf Hertling vom katholischen Zentrum: „Rußland muß unsere wirtschaftliche Domäne werden.“ Der Chef der Obersten Heeresleitung, Paul von Hindenburg, erkannte lange vor seinem „böhmischen Gefreiten“: „Rassenhaß ist der Grund unserer Gegnerschaft zu Rußland.“

    Wirklicher Friede mit Rußland, so schrieb Kaiser Wilhelm im Mai 1918, nachdem er Brest-Litowsk gebilligt hatte, an den Aktenrand, „ist zwischen Slawen und Germanen überhaupt unmöglich“. Er „kann nur durch Furcht vor uns erhalten werden. Die Slawen werden uns immer hassen und Feinde bleiben! Sie fürchten und haben nur Respekt vor dem, der sie verhaut!“

    Den vollständigen Text von Rudolf Augstein finden Sie hier: https://www.spiegel.de/spiegel/print/d-46163408.html

    oder auch hier:

    SPIEGEL_1964_11_46163408

  • Mörderische Statistik

    [15.02.2016] Emil Julius Gumbel hat um 1920 politisch motivierte Morde untersucht und stellte fest: Die Justiz ist auf dem rechten Auge blind. Mehr als 350 rechtsextremen Morden standen rund 20 linksextreme gegenüber. Linke Täter bekamen Todesurteile, rechte im Schnitt nur vier Monate Haft. Sein Buch wurde von den Nazis verbrannt, jetzt ist es wieder da.

    Von Otto Langels

    Der Justiz der Weimarer Republik wird nachgesagt, sie sei „auf dem rechten Auge blind“ gewesen und habe damit als rechtsstaatliche Institution versagt. Rechtsextreme Straftäter hätten kaum etwas zu befürchten gehabt, während Staatsanwälte und Richter Linksextremisten rigoros verfolgt und bestraft hätten. Emil Julius Gumbel, ein junger Mathematiker und Statistiker, untermauerte diese These bereits 1922 in einer Aufstellung der politischen Morde in den Jahren 1919 bis 1922. Seine Recherchen veröffentlichte er unter dem Titel „Vier Jahre politischer Mord“ und setzte damit sein Leben aufs Spiel.

    „Der Arbeiter Piontek wurde am 12. März 1919, angeblich, weil er sich geweigert hatte, einem Soldaten Feuer zu geben, verhaftet, und in der Normannenstraße von dem Gefreiten Ritter und dem Unteroffizier Wendler erschossen. Am 31. Januar 1922 verurteilte das Schwurgericht Ritter wegen versuchten Totschlags mit mildernden Umständen zu 3 Jahren Zuchthaus, Wendler wurde freigesprochen.“

    Der Mord an dem Arbeiter Piontek ist einer von mehreren hundert Fällen, die Emil Julius Gumbel in seiner Schrift „Vier Jahre politischer Mord“ auflistet. Akribisch sammelte der 1891 in München geborene Mathematiker Daten und Fakten über alle politischen Gewaltverbrechen, von rechts wie von links. Er beschrieb detailliert die Tat, nannte, soweit bekannt, die Namen der Mörder und Auftraggeber sowie die strafrechtlichen Folgen. Dabei berücksichtigte Gumbel die Umstände jedes einzelnen Mordes aus den Jahren 1919 bis 22:

    „Ich habe nur solche Fälle aufgenommen, wo die erschießende Partei nicht behauptet hat, dass sie von der Menge angegriffen wurde.“

    Emil Julius Gumbel fasste die Fälle in Tabellen zusammen. Das Ergebnis ist bedrückend: 354 rechtsextremen Morden, hauptsächlich verübt von ehemaligen Soldaten und Freikorps-Angehörigen, stehen 22 linksextreme Morde gegenüber. Noch erschreckender ist die Sühne der Verbrechen. Die Gerichte verhängten bei linken Tätern zehn Todesurteile, in den übrigen Prozessen betrug die durchschnittliche Haftstrafe 15 Jahre pro Mord, rechte Mörder kamen mit durchschnittlich vier Monaten Haft davon.

    „Am 10. März kamen zu dem jungen Kurt Friedrich, 16 Jahre, seine beiden Freunde Hans Galaska, 16 Jahre, und Otto Werner, 18 Jahre, in die Wohnung der Mutter des Friedrich zu Besuch. Die drei jungen Menschen hatten sich nie mit Politik beschäftigt. Sie waren kaum zusammen, als acht Regierungssoldaten auf Grund einer Denunziation ankamen. Sie erklärten die drei jungen Menschen für verhaftet und führten sie ab. Nach zwei schrecklichen Tagen des Wartens fand Frau Friedrich die drei jungen Freunde im Leichenschauhaus als Tote wieder. Es erfolgte weder gegen die beteiligten Mannschaften noch gegen die verantwortlichen Offiziere ein Verfahren.“

    Das Reichsjustizministerium bestätigte zwar die Angaben Gumbels, aber seine aufrüttelnde Bilanz blieb folgenlos, nicht ein einziger Mörder wurde auf Grund der Recherchen Gumbels bestraft. 1924 fasste der Mathematiker seine Statistiken in einem bitteren Fazit zusammen:

    „Es ist amtlich bestätigt, dass in Deutschland seit 1919 mindestens 400 politische Morde vorgekommen sind. Es ist amtlich bestätigt, dass fast alle von rechtsradikaler Seite begangen wurden, und es ist amtlich bestätigt, dass die überwältigende Zahl dieser Morde unbestraft geblieben ist.“

    Bevor Emil Julius Gumbel mit seiner Veröffentlichung Anstoß erregt, hat sich der Sozialdemokrat als erklärter Kriegsgegner und Pazifist bereits den Hass rechtsradikaler Kreise zugezogen: Im März 1919 taucht ein Offizier der Garde-Kavallerie-Schützendivision mit zehn bewaffneten Männern in seiner Berliner Wohnung auf, um ihn als „Schädling“ standrechtlich zu erschießen. Gumbel hat Glück, er befindet sich gerade im Ausland. Die Soldaten verwüsten und plündern daraufhin seine Wohnung. Ein Jahr später schlägt ihn ein rechtsradikaler Mob während einer Versammlung der Deutschen Friedensgesellschaft blutig nieder. Dennoch veröffentlicht er die Statistik der politischen Morde und riskiert damit sein Leben.

    1923 wird Gumbel Privatdozent für Statistik an der Universität Heidelberg, er zieht sich jedoch schon bald den Zorn rechter Studenten und konservativer Professoren zu, als er bei einer Friedensversammlung vom „Feld der Unehre“ spricht. Die Universität leitet sogleich ein Disziplinarverfahren gegen ihn ein, es endet glimpflich, aber die Fakultät lässt es sich nicht nehmen, ihn als „ausgesprochene Demagogennatur“ zu bezeichnen. Als er im Mai 1932 die Figur einer Kohlrübe für ein Kriegerdenkmal vorschlägt, ist die Empörung groß, die Universität entzieht ihm umgehend wegen „Unwürdigkeit“ die Lehrbefugnis.

    1991 stellte die Hochschule zu seinem 100. Geburtstag klar:

    „Die Universität handelte falsch und beging Unrecht, als sie Gumbel ausschloss.“

    Emil Julius Gumbel wird noch im selben Jahr Gastprofessor in Paris, und das rettet ihm als Juden womöglich das Leben. 1933 verbrennen die Nazis seine Bücher, darunter „Vier Jahre politischer Mord“. Er selbst wird ausgebürgert.

    „Ich empfinde es als große Ehre, dass ich wegen meiner Veröffentlichungen über die Schwarze Reichswehr und die politischen Morde bereits auf die erste Ausbürgerungsliste kam.“

    Schreibt er Jahre später.

    1940 flieht Emil Julius Gumbel vor den Nazis in die USA, dort hält er sich mühsam mit Lehraufträgen über Wasser. Nach dem Krieg möchte er nach Deutschland zurückkehren, aber an seiner alten Heidelberger Universität ist er nicht willkommen. Lediglich die Freie Universität Berlin bietet ihm eine Gastprofessur. Als er 1966 in New York stirbt, würdigt ihn keine deutsche Zeitung.

    Dabei hat Emil Julius Gumbel mit „Vier Jahre politischer Mord“ bereits Anfang der 1920er Jahre eindringlich auf die hemmungslose mörderische Gewalt von rechts hingewiesen. Er hat zugleich auf das Versagen der Justiz aufmerksam gemacht und damit frühzeitig zwei Ursachen für das spätere Scheitern der Weimarer Republik benannt.

    Emil Julius Gumbel: Vier Jahre politischer Mord.
    Reprint der Originalausgabe von 1922.
    Verlag Das Wunderhorn, Heidelberg, 1980. 360 Seiten, 12,80 Euro

    Quelle: https://www.deutschlandfunk.de/moerderische-statistik-gewalt-von-rechts.1310.de.html?dram:article_id=345863

    Siehe auch…

    Die Leerstelle

    Die NS-Verfolgung queerer Menschen wurde lange nicht anerkannt. Wegen staatlicher Repression machten Überlebende ihr Leid nicht öffentlich. So auch Kurt Koch, der vier Konzentrationslager überlebte.

    https://www.bpb.de/themen/deutschlandarchiv/578025/die-leerstelle

  • Aus dem Leben eines Fabeltiers

    Aus dem Leben eines Fabeltiers

    4. September 1987 – AUS DER ZEIT NR. 37/1987

    Mir ist, als ob uns eine Herde Irrsinniger regiere.
    Max Weber

    Kurz nach Ausbruch des großen Krieges im Sommer 1914 schrieb ein preußischer Offizier in Brasilien an einen Freund in Heidelberg, es stehe endlich fest, daß Kaiser Wilhelm II. dazu berufen sei, ein „Weltgestalter“ zu sein. Ihm komme mehr Größe als Bismarck und Moltke, ein höheres Schicksal als Napoleon zu. Begeistert rief er aus: „Wer ist dieser Kaiser, dessen Friedensherrschaft so voller Anstoß und mühseligen Lavierens war?… Wer ist dieser Kaiser, der plötzlich diese Zweifel von sich wirft, das Visier emporreißt, ein Titanenhaupt entblößend und der Welt entgegenstemmend? …Ich habe diesen Kaiser verkannt, ich habe ihn für einen Zauderer gehalten. Er ist ein Jupiter, die Blitze in der Hand auf dem Olymp seiner eisenstarrenden Macht. In diesem Augenblick ist er Gott und der Herr der Welt… Ungeheuer wird sich die Gestalt Wilhelms II. aus der Geschichte emporrecken.“ Der Offizier irrte sich. Bis heute gibt es von Kaiser Wilhelm II. keine einzige vollwertige Biographie aus der Feder eines deutschen Geschichtsgelehrten. Schlimmer noch: Die heute in der Bundesrepublik vorherrschende Forschungsrichtung verwirft jede Beschäftigung mit ihm – ja mit Persönlichkeiten in der Geschichte überhaupt – als personalistischen Rückfall in längst überholte Methoden der Geschichtsschreibung. Die „neue Orthodoxie“ schreibt die Geschichte des Kaiserreiches ohne Kaiser, die des Wilhelminismus ohne Wilhelm. 

    Und doch: Es gibt gute Gründe, sich mit diesem „Fabeltier unserer Zeit“ (J. Daniel Chamier) auseinanderzusetzen. Erstens bildet seine eigenartige Persönlichkeit ein faszinierendes Rätsel für sich. Sodann regierte Wilhelm II. über den mächtigsten und dynamischsten Staat Europas, und zwar dreißig Jahre lang – das ist länger noch als Bismarck und zweieinhalbmal so lange wie Hitler. Und wenn auch keiner behaupten würde, seine Machtfülle sei der des Eisernen Kanzlers oder des „Führers“ gleichzustellen, so ist es doch absurd, den komplexen Entscheidungsprozeß in diesem „heroisch-aristokratischen Kriegerstaat“ (Karl Alexander von Müller) verstehen zu wollen, ohne die Rolle des Monarchen zu berücksichtigen, der sowohl in der Theorie als auch in der Praxis seinen politischen und gesellschaftlichen Mittelpunkt darstellte, der im militärischen Bereich die absolute Kommandogewalt besaß und das Recht hatte, sämtliche Personalentscheidungen selbst zu treffen. Die Zeitgenossen sahen das jedenfalls anders als die Historiker. „Es gibt im gegenwärtigen Deutschland keine stärkere Macht als das Kaisertum“, schrieb Friedrich Naumann 1900. Zwei Jahre später stellte Maximilian Harden fest: „Der Kaiser ist sein eigener Reichskanzler. Von ihm sind alle wichtigen politischen Entscheidungen der letzten zwölf Jahre ausgegangen.“ Auch für ausländische Beobachter war Kaiser Wilhelm II. einfach „the most important man in Europe“

    Ein dritter Grund, sich mit dem Kaiser zu beschäftigen, liegt in dem Umstand, daß Wilhelm II. in einem ganz ungewöhnlichen Maße die politische Kultur seiner Epoche verkörperte. Er war König von Gottes Gnaden und zugleich stets Parvenü; ein Ritter des Mittelalters in schimmernder Wehr und Schöpfer jenes Wunders der modernen Technologie, der großen Schlachtflotte; ein junkerlicher Reaktionär und auch – wenigstens zeitweilig – „der sozialistische Kaiser“. Wie die Gesellschaft, über die er herrschte, war Wilhelm zugleich brillant und bizarr, aggressiv und unsicher. Er war so, wie die meisten Deutschen seiner Zeit ihn haben wollten. Während des 25. Regierungsjubiläums Kaiser Wilhelms im Juni 1913 rief Friedrich Meinecke vor der versammelten Freiburger Universität aus: „Wir verlangen einen Führer…, für den wir durchs Feuer gehen können.“

    Ja, auch über seine Regierungszeit hinaus kann Wilhelm geradezu als „Schlüsselfigur“ für das Verständnis der Hybris und Nemesis des deutschen Nationalstaates überhaupt dienen. Sein Leben umspannte beinahe bis auf Jahr und Tag die Geschichte des deutschen Reiches von der Reichsgründung durch Bismarck bis zur Selbstzerstörung unter Hitler. Seine Haßliebe für seine Mutter, die älteste Tochter der Queen Victoria, spiegelt genau den deutsch-englischen Antagonismus wider, der in dem Rüstungswettbewerb der Schlachtflotten seinen klarsten Ausdruck fand und in dem fürchterlichen europäischen Bürgerkrieg von 1914-1918 gipfelte. Niederlage, Revolution und Abdankung brachten in Wilhelm eine fanatische Radikalisierung seines Hasses auf seine – wirklichen und eingebildeten – Feinde hervor, der von dem revolutionären Antisemitismus und dem völkischen Nationalismus Adolf Hitlers kaum noch zu unterscheiden ist. Hätte er ein paar Wochen länger gelebt, so hätte er mit Sicherheit dem „Führer“ zum Angriff auf Rußland ein begeistertes Glückwunschtelegramm gesandt, ähnlich wie diejenigen anläßlich der Siege über Polen 1939 und Frankreich 1940.

    Der allerbeste Grund aber, sich mit dem Kaiser auseinanderzusetzen, ist einfach der, daß die Archive Europas voll sind von Briefen von ihm, an ihn und über ihn – Briefe, die in vielen Fällen noch von keinem eingesehen worden sind. Der Historiker hat mehr als ein Recht, diese reichhaltigen Quellen aufzudecken und auszuschöpfen: Er hat die Pflicht. Tut er das nicht, so bleiben die Mythen unwidersprochen, die seit Generationen durch eine Mischung von Wunschdenken und bewußter Propaganda in Umlauf sind. In dieser kurzen Skizze möchte ich ein wenig von meiner Entdeckerfreude mitteilen, als ich in einem Archiv in der DDR das Siegel an einem Paket von Briefen der Queen Victoria an ihren Enkelsohn Willie aufbrach, oder aber auch mein Entsetzen, hoch in einem Burgturm in Württemberg, als ich die furchtbaren antisemitischen Expektorationen des Kaisers aus der Exilzeit auffand.

    Wer, also, war dieser Kaiser, der im Jahre 1888 im Alter von 29 Jahren den „mächtigsten Thron der Welt“ erbte? Zehn Jahre nach der Thronbesteigung schrieb Bernhard von Bülow, damals immerhin Staatssekretär des Auswärtigen Amtes: „Ich hänge mein Herz immer mehr an den Kaiser. Er ist so bedeutend!! Er ist mit dem großen König und dem großen Churfürsten weitaus der bedeutendste Hohenzoller, der je gelebt hat. Er verbindet in einer Weise, wie ich es nie gesehen habe, echteste und ursprünglichste Genialität mit klarstem bon sens. Er besitzt eine Phantasie, die mich mit Adlerschwingen über alle Kleinigkeiten emporhebt, und dabei den nüchternsten Blick auf das Mögliche und Erreichbare. Und dabei welche Tatkraft! Welches Gedächtnis! Welche Schnelligkeit und Sicherheit der Auffassung! Heute morgen im Kronrat war ich geradezu überwältigt!“ Nun ist das Vorhandensein dieser von Bülow hervorgehobenen eindrucksvollen Eigenschaften des Kaisers keineswegs zu bestreiten. Das Problem war aber, daß diese guten Eigenschaften mit anderen Hand in Hand gingen, die zwar bis auf wenige Ausnahmen vor der Öffentlichkeit geheimgehalten werden konnten, aber bei den wenigen Eingeweihten schwerste Besorgnis erregten. Selbst Bülows Optimismus konnte den Kontakt mit der Realität nicht lange überstehen.

    Was war diese Realität? Beginnen wir mit einer Aufzählung der Eigenschaften, die den größten Eindruck auf Wilhelms engsten Freundeskreis machten.

    1. Jede Skizze seines Charakters muß mit der Feststellung beginnen, daß er nie reifer wurde. Am Ende seiner 30jährigen Regierungszeit galt er immer noch als „junger“, als „kindlich-genialer“ Kaiser (Bülow). Er schien unfähig, aus der Erfahrung zu lernen. Philipp Eulenburg, der ihn besser kannte als irgendein anderer, schrieb um die Jahrhundertwende, daß sich der Kaiser während der elf Jahre seiner Regierung zwar „in seinem äußeren Wesen … sehr beruhigt habe“. „Geistig aber hat sich nicht die geringste Wandlung vollzogen. Er ist unverändert in seiner explosiven Art. Sogar härter und plötzlicher in einem Selbstgefühl gereifter Erfahrung, die keine Erfahrung ist. Seine Individualität ist stärker als die Wirkung von Erfahrung.“ 

    Mehr als dreißig Jahre später, als Eulenburg und Bülow beide tot waren und der Kaiser 72 Jahre alt, schrieb sein Adjutant von Ilsemann in seinem Tagebuch in Doorn: „Ich habe jetzt den zweiten Band der Bülow-Memoiren fast ganz durchgelesen, und immer wieder muß ich konstatieren, wie wenig der Kaiser sich seit jener Zeit verändert hat. Fast alles, was sich damals zugetragen hat, wiederholt sich heute, nur mit dem Unterschied, daß seine Handlungen damals von schwerwiegender Bedeutung waren und Folgen hatten, während sie heute kein Unheil anrichten. Auch die vielen guten Eigenschaften dieses seltsamen, eigenartigen Menschen, dieser so komplizierten Natur des Kaisers, hebt Bülow immer wieder hervor.“

    Warum? Die amerikanische Historikerin Isabel Hull hat in ihrer glänzenden Untersuchung über die kaiserliche Umgebung die These aufgestellt, daß die Rastlosigkeit des Kaisers, sein ständiges Reisen, der Zwang, immer selbst zu reden, welcher jedes „Zwiegespräch“ zu einem hektischen Monolog gestaltete, sein Bedürfnis, immer Leute um sich zu haben, auch während er las – daß diese Rastlosigkeit eine „Conspiracy against selfunderstanding“, eine Abwehrtaktik gegen eine Auseinandersetzung mit der eigenen Persönlichkeit darstellte. Das leuchtet sehr ein. Sicher ist, daß eine derartige unruhige Lebensweise den Prozeß der Reifung zur persönlichen Autonomie und Ich-Integrität sehr erschweren mußte.

    2. Die berüchtigte Selbstherrlichkeit Wilhelms, die grobe Überschätzung der eigenen Fähigkeiten, die von seinen Zeitgenossen als „Cäsarenwahnsinn“ (Ludwig Quidde) oder folie d’empereur kritisiert wurde, verhinderte ebenfalls die Aufnahme von konstruktiver Kritik. Wie sollte der Kaiser auch lernen, wenn er seine Minister verachtete, selten empfing und kaum anhörte; wenn er der Überzeugung war, seine Diplomaten hätten so „die Hosen voll“, daß die ganze Wilhelmstraße zum Himmel stinke; wenn er selbst den Kriegsminister und den Chef des Militärkabinetts ab „Ihr alten Esel“ anredete und zu einer Versammlung von Admiralen sagte: „Ihr wißt alle gar nichts. Nur ich weiß etwas, nur ich entscheide.“ Noch vor der Thronbesteigung warnte er: „Wehe, wenn ich zu befehlen haben werde!“ Noch vor der Entlassung Bismarcks drohte er, jeden Gegner zu „zerschmettern“. Er allein sei Herr im Reich, er dulde keinen anderen, hieß es im Mai 1891. Dem Prinzen von Wales sagte er: „I am the sole matter of German policy and my country must follow me wherever I go.“ Zehn Jahre später, in einem Privatbrief an eine Engländerin, erklärte er: „As for having to sink my ideas and feelings at the bidding of the people, that is a.thing unheard of in Prussian history or traditions of my house! What the German Emperor, King of Prussia thinks right and best for bis people he does.“

    Im September 1912 entsandte er gegen den Rat des Reichskanzlers den Fürsten Lichnowsky nach London mit den Worten: „Ich schicke nur einen Botschafter nach London, der Mein Vertrauen hat, Meinem Willen pariert, Meine Befehle ausführt.“ Und noch im Weltkrieg behauptete er: „Was das Publikum darüber sagt, ist mir ganz gleichgültig. Ich entscheide nach meiner Überzeugung, erwarte allerdings dann, daß meine Beamten darauf das Ihrige tun, irrigen Auffassungen des Volkes in geeigneter Form entgegenzutreten.“ Kein Wunder, nach einem solchen Katalog der Selbstglorifizierung, daß man sich in Wien den Witz erzählte, Kaiser Wilhelm wolle auf jeder Jagd der Hirsch, auf jeder Hochzeit die Braut, auf jeder Beerdigung die Leiche sein!

    3. Der Kaiser hatte eine ganz ungewöhnliche Gabe, die Welt zu sehen, nicht wie sie war, sondern wie er sie sehen wollte. Im Sommer 1903 schrieb Eulenburg von der Nordlandreise an Reichskanzler von Bülow: „Wochenlang… mit dem lieben Herrn in Kontakt zu sein, öffnet ja auch dem weniger Eingeweihten die Augen – und auch dieser erschreckt über die immer mehr in Erscheinung tretende Tatsache, daß S. M. alle Dinge und alle Menschen lediglich von seinem persönlichen Standpunkt betrachtet und beurteilt. Die Objektivität ist völlig verloren, die Subjektivität reitet auf einem beißenden und stampfenden Rosse.“ 1927 mußte sich auch die Kronprinzessin fragen, wie es möglich sei, daß ein doch so kluger Mensch „so jede Dimension verliert und die phantastischsten Dinge erzählt und sie selbst glaubt? In einem gewissen Augenblick ist eben völlig Schluß beim Kaiser, da hört sein Blick für jede Wirklichkeit auf und dann glaubt er an die unmöglichsten Zusammenhänge. Er ist und bleibt ein Rätsel.“

    Das drastischste Beispiel für die Fähigkeit des Kaisers, die Welt nach seinen Bedürfnissen zurechtzurücken, bietet wohl seine Erkenntnis aus dem Jahre 1923, daß er sich mit seinen Mahnungen gegen die „Gelbe Gefahr“ geirrt hatte. „Endlich weiß ich (sagte er), welche Zukunft wir Deutschen haben, wozu wir noch berufen sind!… Wir werden die Führer des Orients gegen den Okzident. Mein Bild ‚Völker Europas‘ muß ich jetzt ändern. Wir gehören ja auf die andere Seite! Wenn wir den Deutschen erst einmal beigebracht haben, daß Franzosen und Engländer gar keine Weißen, sondern Schwarze. … sind, dann werden sie schon gegen die Bande vorgehen!“ Wer Engländer und Franzosen für Neger halten konnte, hatte natürlich auch kaum Schwierigkeiten, Jesus von Nazareth als „Nichtsemiten“ und ab „niemals … ein Jude“ zu bezeichnen.

    4. Der Kaiser wütete gegen jeden, der nicht seinen Willen tat, und war voller Rachsucht gegen alle, die ihn „verraten“ hatten. 1900 notierte Eulenburg, daß Wilhelm die Ermordung des deutschen Gesandten in China „als eine persönliche Beleidigung“ auffaßte, für die er „durch die Truppen Rache“ nehmen wollte. Dementsprechend telegraphierte er an Bülow: „Der Deutsche Gesandte wird durch meine Truppen gerächt. Peking muß rasiert werden.“ Wenige Wochen später befiehlt er dann in seiner wohl fürchterlichsten Rede den Truppen, die nach China eingeschifft wurden, sich wie die Hunnen zu benehmen:„Bewährt die alte preußische Tüchtigkeit, zeigt euch als Christen im freudigen Ertragen von Leiden, möge Ehre und Ruhm euren Fahnen und Waffen folgen, gebt an Manneszucht und Disziplin aller Welt ein Beispiel. Ihr wißt es wohl, ihr sollt fechten gegen einen verschlagenen, tapferen, gut bewaffneten, grausamen Feind. Kommt ihr an ihn, so wißt: Pardon wird (euch) nicht gegeben, Gefangene werden nicht gemacht. Führt eure Waffen so, daß [211] auf tausend Jahre hinaus kein Chinese mehr es wagt, einen Deutschen scheel anzusehen.“

    (zitiert nach wikisource, siehe hier: https://de.m.wikisource.org/wiki/Hunnenrede)

    Das war keine einmalige Entgleisung. Während des Ersten Weltkriegs befahl er den Offizieren einer Division, keine Gefangenen zu machen. Und im September 1914, nach der Schlacht von Tannenberg, schlug er vor, daß die 90 000 russischen Kriegsgefangenen so lange auf die Kurische Nehrung getrieben werden sollten, bis sie vor Hunger und Durst umkämen.

    In der Innenpolitik war das nicht anders. 1899 meinte der Kaiser: „Ehe nicht die sozialdemokratischen Führer durch Soldaten aus dem Reichstag herausgeholt und füsiliert sind, ist keine Besserung zu erhoffen.“ Während eines Streiks der Berliner Trambahner 1900 drahtete Wilhelm dem Kommandeur von Berlin: „Ich erwarte, daß beim Einschreiten der Truppe mindestens 500 Leute zur Strecke gebracht werden.“ 1903 schilderte der Kaiser, wie er mit der kommenden Revolution fertig zu werden gedenke. Er würde alle Sozialdemokraten zusammenschießen, sagte er, aber erst, nachdem sie „ordentlich Juden und Reiche geplündert“ hätten, denn er habe „Rache zu nehmen für ’48 – Rache!!!“

    Seine Rachsucht wurde selbstverständlich noch dominanter, nachdem die Revolution von 1918 ihn vom Throne getrieben hatte. In den frühen 1920er Jahren entwickelte Wilhelm II. eine vollständige Weltverschwörungstheorie, laut welcher die Freimaurer, Jesuiten und Juden die Welt erobern wollten, um alle „deutschen“ (d. h. monarchischen) Werte zu vernichten. Seine Freunde in Deutschland und Amerika erhielten regelmäßig 20- bis 30seitige Briefe, die diese Weltverschwörungsidee in solch drastischer Weise verbreiteten, daß ich, während ich sie las, immer mehr befürchten mußte, eines Tages das Unsagbare zu entdecken. Und vor einiger Zeit fand ich tatsächlich folgenden Passus in einem Schreiben Kaiser Wilhelms: „Die tiefste, gemeinste Schande, die je ein Volk in der Geschichte fertiggebracht, die Deutschen haben sie verübt an sich selbst. Angehetzt und verführt durch den ihnen verhaßten Stamm Juda, der Gastrecht bei ihnen genoß! Das war sein Dank! Kein Deutscher vergesse das je, und ruhe nicht bis nicht diese Schmarotzer vom Deutschen Boden vertilgt und ausgerottet sind! Dieser Giftpilz am Deutschen Eichbaum!“ Diese Worte sind eigenhändig geschrieben und datieren vom 2. Dezember 1919.

    Kaiser Wilhelm wütete aber nicht nur gegen die ehemaligen „Reichsfeinde“, sondern gegen jeden, der sich seinem Willen widersetzte. Nach Hindenburgs Tod im Sommer 1934 rief er aus, in Erwartung einer baldigen Restauration: „Blut muß fließen, viel Blut, bei den Offizieren und den Beamten, vor allem beim Adel, bei allen, die mich verlassen haben.“ Es war, wie Eulenburg einmal schrieb, „als ob gewisse Empfindungen, die wir an anderen voraussetzen, plötzlich verschwunden sind“.

    Ja, selbst Wilhelms Familie und Verwandtschaft wurden nicht verschont. Dem „verdammten Pollacken“ Prinz Alexander von Battenberg wollte er „eine Kugel vor den Kopf schießen“. „Wenn alles reißt“, sagte er 1887, „schlage ich den Battenberger tot!“ Während des Besuchs der Queen Victoria in jenem Jahr erklärte Wilhelm, es sei höchste Zeit, daß die alte Frau – seine Großmutter – sterbe. Er bezeichnete sie jetzt als „Kaiserin von Hindostan“, seine Mutter und Schwestern ab „Englische Kolonie“, die Ärzte, die den Kehlkopfkrebs seines Vaters behandelten, ab „Judenlümmel“, „Halunken“ und „Satansknochen“. Alle, so behauptete er, seien durchsetzt von „Rassenhaß“ und „Antideutschtum bis zum Rande des Grabes“. Während der tragischen 99-Tage-Regierung seines Vaters schrieb Wilhelm an Eulenburg: „Was ich hier in den letzten 8 Tagen durchgelebt, ist eben einfach nicht zu schildern und spottet auch nur des Gedankens! Das Gefühl der tiefen Scham für das gesunkene Ansehen meines einst so hoch und unantastbar dastehenden Hauses ist aber das stärkste! Ich sehe das als Prüfung für mich und uns alle an, und versuche, es mit Geduld zu tragen! Daß unser Familienschild befleckt und das Reich an den Rand des Verderbens gebracht ist durch eine englische Prinzessin, die meine Mutter ist, das ist das Allerfurchtbarste!“ Ein Jahr vor der Thronbesteigung sagte Wilhelm, man könne nicht Haß genug gegen England haben, und warnte: „England kann sich vorsehen, wenn ich einmal etwas zu sagen habe.“

    5. Wilhelms „Humor“ hatte nicht selten einen verletzenden, ja bisweilen sadistischen Charakter. Obwohl sein rechter Arm so stark war, wie der linke nutzlos von der Schulter hing, amüsierte es ihn, seine Ringe nach innen zu drehen – um dann die Hand von Besuchern so fest zu drücken, bis ihnen die Tränen kamen. König Ferdinand von Bulgarien reiste „weißglühend vor Haß“ von Berlin ab, nachdem der Kaiser ihm öffentlich einen wuchtigen Schlag auf den Hintern gegeben hatte. Dem Großfürsten Wladimir von Rußland schlug er mit dem Marschallstab auf den Rücken. Den Herzog von Sachsen-Coburg und Gotha, auch ein Enkel der Queen, kniff und puffte der Kaiser derart in der Bibliothek, „daß der arme kleine Herzog eigentlich“, wie ein Hofmarschall seinem Tagebuch anvertraute, „in regelrechter Weise verprügelt wird“. Auch nach der Thronbesteigung des Herzogs kam es vor, daß der Kaiser ihm befahl, sich auf den Rücken zu legen, während Majestät sich dann auf den Bauch des Herzogs setzte.

    Die nähere Umgebung des Kaisers blieb von solchen „Scherzen“ nicht verschont. Ein Diplomat schrieb in sein Tagebuch während einer Schiffsreise: „Morgens machen wir mitsamt dem Kaiser gesundheitshalber ‚Freiübungen‘… Ein ulkiger Anblick: Wenn all die alten Kracher von Militärs gemeinsam die Kniebeuge machen müssen mit verzerrten Gesichtern! Der Kaiser lacht manchmal laut auf und hilft mit Rippenstößen nach. Die alten Knaben tun dann so, ab ob diese Auszeichnung ihnen eine besondere Freude machen würde, ballen aber die Faust in der Tasche und schimpfen nachher unter sich über den Kaiser wie alte Weiber.“

    Wiederholt beklagt sich auch Philipp Eulenburg über dieses „geradezu ekelhafte“ Schauspiel: „Alle alten Exzellenzen und Würdenträger (müssen) unter Geschrei und Witzen zum Turnen antreten.“ Ab Eulenburg sich nach einem besonders enervierenden Tag auf der Hohenzollern nachts schlafen legte, hörte er um Mitternacht „plötzlich die laut lachende, schreiend schallende Stimme des Kaisers vor meiner Tür: Er jagte die alten Exzellenzen Heintze, Kessel, Scholl, etc. durch die Gänge des Schiffes zu Bett“. Auch daran änderte sich im Laufe der Jahre nichts. Noch während der zweiten Marokkokrise notierte der Chef des Marinekabinetts in seinem Tagebuch: „Beim Turnen morgens große Albernheit. S. M. schneidet Scholl mit einem Taschenmesser die Hosenträger durch.“

    6. Schließlich hatte der Kaiser eine Vorliebe für Uniformen, historische Kostüme, Schmuck und Juwelen, vor allem aber für kindliche Spiele in männlicher Gesellschaft. Einer seiner engsten Freunde, Graf Görtz, machte „heulende und tanzende Derwische und allerlei Schnickschnack“ für den Kaiser. Er konnte auch Tierstimmen vorzüglich nachahmen. Für die Liebenberger Jagd im Herbst 1892 schlug Georg von Hülsen Görtz vor: „Sie müssen von mir ab dressierter Pudel vorgeführt werden! – Das ist ein ,Schlager‘ wie kein anderer. Bedenken Sie: hinten geschoren (Tricot), vorn langer Behang aus schwarzer oder weißer Wolle, hinten unter dem echten Pudelschwanz eine markierte Darmöffnung und, sobald sie ‚schön machen‘ vorne ein Feigenblatt. Denken Sie wie herrlich, wenn Sie bellen, zur Musik heulen, eine Pistole abschießen oder andere Mätzchen machen. Das ist einfach großartig!!… Ich sehe bereits S. M. lachen wie wir … Ich komme mir dabei vor wie der Clown aus dem Knaus’schen Bild „Hinter den Kulissen‘. Gleichviel! – S. M. soll zufrieden sein!!“ Der Bruder Georg Hülsens, Dietrich, General und Chef des Militärkabinetts, starb 1908 an einem Herzanfall, während er in Donaueschingen – in einen großen Federhut und ein Ballettröckchen gekleidet – dem Kaiser vortanzte.

    Unsere Aufzählung der Charaktereigenschaften Kaiser Wilhelms II. hat bisher ein höchst unerquickliches Porträt ergeben – eines, das weit entfernt ist von dem Bilde, welches die meisten Biographien zeichnen. War das aber vielleicht nur eine Fassade? Gab es, hinter diesem harten, grausamen Äußeren, einen weicheren, liebenswürdigeren Wilhelm, wie Rathenau beispielsweise vermutete? Um diese Fragen zu beantworten, müssen wir sein Privatleben etwas näher beleuchten.

    Den gesamten Artikel von John G. G. Röhl in der ZEIT vom 4. September 1987 finden Sie hier: https://www.zeit.de/1987/37/aus-dem-leben-eines-fabeltiers/komplettansicht

  • Hinter den Kulissen der Sonntagszeitung

    von Max Barth

    Anfangs 1924 machte Dr. Schairer mir den Vorschlag, zu ihm nach Heilbronn zu kommen, da sein Mitarbeiter Hermann Mauthe im Begriff sei, nach Mexiko auszuwandern. So war ich vom Frühjahr 1924 bis Ende Juli 1932 an der „Sonntags-Zeitung“, zeitweilig als Redaktionsmitglied, in den Zwischenzeiten als regelmäßiger auswärtiger Mitarbeiter. In den Zeiten, da ich nicht in Heilbronn, beziehungsweise in Stuttgart lebte, wohin Schairer und sein Blatt im Sommer 1925 übergesiedelt waren, nahm zunächst Hermann Mauthe, der nach wenigen Monaten von Mexiko genug gehabt hatte, und später Hermann List meinen Platz ein. Im Frühjahr 1931 übernahm List die Sonntags-Zeitung als Herausgeber; auf den 1. August 1932 nahm Schairer sie wieder an sich und entließ mich. Von da an arbeitete ich nur noch gelegentlich mit.

    Eine logische Folge von Schairers Vorliebe für den gesunden Menschenverstand, für das Allgemeinverständliche und die schlichte, direkte Rede war, daß ein Teil der Beiträge seines Blattes von Nichtpolitikern und Nichtschriftstellern stammte, also von Lesern, die über irgendein Gebiet Bescheid wußten. Berufsschreiber schätzte er nicht sehr, obgleich wir beide ja auch solche waren. Als sich einmal Emil Ludwig unterfing, uns einige Beiträge zu schicken, sagte er: „Die schicken wir ihm zurück! Das ist so ein Schriftsteller.“ Andere Blätter nahmen Arbeiten des damals sehr bekannten Verfassers mit Kußhand an, weil sein Name einen Abglanz auf sie warf. Zu unseren Mitarbeitern gehörte z. B. ein Mann, der zwei Doktortitel hatte, aber ein Vagabund war. Er erschien ein- oder zweimal im Jahr auf der Redaktion, kam gerade von Italien oder Afrika, blieb ein Weilchen, erzählte und ließ zwei oder drei Artikel da. Ein anderer, der von Zeit zu Zeit auftauchte, war ein wirklicher Vagabund, einer aus Prinzip, mit anarchistischer Weltanschauung. Er trug einen gewaltigen braunen Vollbart und hatte eine reich und voll tönende Stimme, in seinem weitschwingenden Mantel schritt er einher wie ein König. Schairer hatte eine Schwäche für Originale. Normale Besucher — die oft die Redaktion aufsuchten, weil sie ihn sehen wollten — gingen abgekühlt von dannen, wenn nichts an ihnen Schairers Interesse weckte. Er konnte dann von erstaunlicher Wortkargheit sein und von bewußter Primitivität und Hölzernheit.

    Unter den Lesern hatten wir auch allerhand Käuze. In einem Winkel des Bayrischen Waldes saß zum Beispiel ein einfacher aber politisch interessierter Mann, der nichts an sich hatte, was ihn als Gesinnungsgenossen auswies, aber da er arm war, bekam er die „Sonntags-Zeitung“ umsonst. Ein anderer Gratisbezieher war ein Mann in einem bayerischen Gefängnis. Er hatte zwei Morde auf dem Gewissen, und offenbar sehr üble. Von Zeit zu Zeit schrieb er einen Brief, in dem er seine Erwartung mitteilte, bald begnadigt zu werden. Als ich in New York, wo ich bei Hearst arbeitete, einmal eine Auseinandersetzung mit einem Kollegen hatte, einem alten nationalistischen Amerikadeutschen, brach der plötzlich wütend aus: „Und die Zeitung, an der Sie waren, das war doch nur ein Winkelblatt!“ Auch er muß die „S.-Z.“ manchmal gelesen haben. Vielleicht war er jener Mann, der von Zeit zu Zeit lange Briefe schrieb, die mit Chicago datiert und aus Chicago abgesandt waren. Er unterschrieb mit „Austauschprofessor“, und die Briefe waren voll von Beschimpfungen. Es hagelte nur so von Landesverrätern, Hochverrätern, Lumpen, A… löchern usw. und von Drohungen, was man mit uns anfangen werde. Ich schlug Schairer vor, einmal so einen Erguß abzudrucken, aber er sagte: „Das ist ein Psychopath; der will ja gerade, daß man seine Sachen druckt. Es trifft ihn viel mehr, wenn man ihn garnicht beachtet.“ Womit er sicherlich recht hatte.

    Die Behörden waren der „Sonntags-Zeitung“ natürlich nicht sehr gewogen. Zwar waren die einzelnen Beamten — wie ich mindestens aus der Stuttgarter Zeit weiß — aus Interesse scharf dahinter her, das abgelieferte Pflichtexemplar gleich nach dem Herauskommen lesen zu können; aber die Behörde als Amt versuchte immer wieder, dem Dr. Schairer ein Bein zu stellen. Das fing schon an, als die erste Nummer erschienen war. Schairer hat die Geschichte in dem 1929 erschienenen Sammelband „Mit andern Augen“ erzählt.

    Eines Tages, noch in Heilbronn, kam ich von der Post zurück. Frau Schairer ließ mich ein. „Gehen Sie nur nicht hinein“, sagte sie, „die Polizei ist da.“ Ich ging natürlich doch hinein. Schairer stand blaß vor Wut an seinem Stehpult, während zwei Kriminalbeamte in einem Schrank wühlten. Ich fragte, was los sei; Schairer zeigte mir die vor ihm liegende letzte Nummer. Er hatte da in einem Artikel über die Neuordnung Deutschlands davon geredet, daß dazu auch die „Zerschlagung Preußens“ nötig sei. Das war ein volkswirtschaftlicher Ausdruck; man redet von der Zerschlagenheit eines Großgrundbesitzes zum Beispiel. Mit dem Hochverrat, den man Schairer anhängen wollte, war es nichts. Die Beamten stießen auf eine Fotografie: Auf einer breiten Treppe standen Herren im Gehrock, hohe Offiziere und Schairer auch dabei. Er mußte erklären. „Das ist der deutsche Botschafter in Konstantinopel, das der General Soundso…“; ich glaube, es war auch der eine oder andere türkische Offizier dabei. Schairer war im Krieg eine zeitlang zur deutschen Botschaft in Konstantinopel abkommandiert gewesen; er hatte auch, gemeinsam mit einem Türken, ein deutsch-türkisches Worterbuch herausgebracht. Die Beamten wandten sich anderen Dingen zu. Gleich das nächste war ein Dokument mit sonderbaren Schriftzeichen, womöglich in einer Verschwörerschrift. Es war ein Handschreiben aus der Kanzlei des Sultans Abdul Hamid II. an Schairer, eine Anerkennung seines Wirkens für die Türkei.

    Als die Nazis „dran waren“, ging es natürlich erst recht los. Im Frühjahr 1933 wurde die „Sonntags-Zeitung“ verboten; das Verbot wurde aber nach vier Wochen aufgehoben. Ein halbes Jahr später, im September 1933, legte die Gestapo von Altona der in Berlin drei Nummern vor, die zeigen sollten, daß die „S.-Z.“ „feindlich eingestellt“ sei. „Ihr Druck in lateinischer Schrift“, heißt es da auch, „läßt darauf schließen, daß sie auch für den Versand ins Ausland bestimmt ist.“ Der Denunziant war die Oberpostdirektion Hamburg; sie hatte die drei Nummern der Gestapo übergeben. Berlin wandte sich an die Politische Polizei in Stuttgart, und die antwortete, das Weiterbestehen der „Sonntags-Zeitung“ sei „aus besonderen politischen Gründen“ wünschenswert. Es ist also anzunehmen, daß man das Blatt der Tarnung wegen zunächst am Leben ließ. Man wollte wohl zeigen — besonders dem Ausland (man denke an die lateinische Schrift und die Bedeutung, die sie für Gestapohirne hatte!) — daß auch unabhängige Blätter geduldet würden. Die Verfolgung erstreckte sich übrigens auch auf andere. So wurden zwei Partner, die sich Dr. Schairer genommen hatte, nacheinander abgelehnt, der eine im November 1935, der andere im Januar 1936: eine weitere verlegerische Tätigkeit des N. N. könne nicht befürwortet werden, hieß es jedesmal. Auch über den Drucker Friedrich Späth in Waiblingen wurde dieses Verdikt ausgesprochen. Späth kam dann auf einige Zeit in Schutzhaft.

    An Schairer selbst ging man im März 1936 heran. Dem Reichsverband der deutschen Zeitungsverleger wurde vom Württembergischen Politischen Landespolizeiamt, dem er, wie mitgeteilt wurde, „aktenmäßig bekannt“ war, sein Lebenslauf geschildert: Pfarrer, der aus der Kirche ausgetreten war, Redakteur an der „Neckar-Zeitung“, Herausgeber der „Sonntags-Zeitung“, „die er in radikal pazifistischem Sinne leitete“. Dreimal wegen politischer Vergehen angezeigt, zweimal beim Oberreichsanwalt, 1926 und 1927, einmal bei der Stuttgarter Staatsanwaltschaft, 1928. Alle drei Verfahren waren eingestellt worden: obwohl man ihm sehr gerne etwas anhängen wollte, konnte man aus den beanstandeten Texten doch keinen Landesverrat konstruieren. Es wurden Stücke aus seinen Artikeln abgedruckt (belastende natürlich, für Nazihirne); es wurde seine dunkle Vergangenheit aufgedeckt: wichtige Funktionen in Friedensgesellschaft, deutscher Liga für Menschenrechte, republikanischer Beschwerdestelle, Mitgliedschaft in Freidenker- und Monistenbund, zeitweilige Mitgliedschaft in der Internationalen Arbeiterhilfe. Und natürlich konnte „die Fortsetzung seiner verlegerischen Tätigkeit nicht befürwortet werden.“

  • Gottlosigkeit

    „Das Christentum wird gepredigt, aber es lebt nicht.“

    gottlosigkeit

  • Behüt dich Gott, es wär zu schön gewesen

    Behüt dich Gott, es wär zu schön gewesen

    Revolutions-Rückblick

    Ich schau zurück. Die Pressegenerale
    ergriff vor einem Jahr der große Schreck.
    Die O. H. L. verstummt mit einem Male.
    Hurra, Hurra! Die Phrase lag im Dreck.

    Vorbei die Pläne und die dicken Thesen,
    vorbei die plumpen Renommisterein.
    Behüt dich Gott, es wär zu schön gewesen,
    behüt dich Gott, es hat nicht sollen sein!

    Soldaten vor! Der Kaiser hat verzichtet.
    Nun wolltet ihr alleine weiter sehn.
    Das ist im Leben häßlich eingerichtet,
    daß bei den Eberts gleich die Noskes stehn.

    Kaum ist das Land von einer Pest genesen,
    fällt es mit Grazie in die nächste rein.
    Behüt dich Gott, es wär zu schön gewesen,
    behüt dich Gott, es hat nicht sollen sein!

    Wir dachten schon: Jetzt gilts den Offizieren!
    Wir dachten schon: Hier wird nun Ernst gemacht.
    Wir dachten schon: Man wird sich nicht genieren,
    das Feuer brennt einmal… es ist enfacht.

    Wir dachten schon: Nun kommt der Eisenbesen…
    Doch weicht der Deutsche sich die Hosen ein –
    Behüt dich Gott, es wär zu schön gewesen,
    behüt dich Gott, es hat nicht sollen sein!

    Kommt diesem Lande niemals denn ein Retter?
    Die graue Regenluft weht naß und fahl.
    Zum Abschiednehmen just das rechte Wetter:
    Fahr wohl, fahr wohl, November-Ideal!

    Denn erstens kostest du zu hohe Spesen,
    und zweitens singt ihr noch die Wacht am Rhein.
    Tatütata, es wär zu schön gewesen,
    behüt dich Gott, es hat nicht sollen sein!

    Kurt Tucholsky

    unter dem Pseudonym Kaspar Hauser veröffentlicht in der Weltbühne am 6.11.1919

  • Über diese Website

    Über diese Website

    „Zeitungspapier ist ein vergänglicher Stoff. Es ist im allgemeinen gut so, denn was in der Zeitung steht, ist nicht für die Ewigkeit bestimmt, sondern für den Augenblick. […] Aber manches darin ist doch wert, auf holzfreiem Papier ein wenig länger aufbewahrt zu werden.“

    So schreibt Erich Schairer in der Einleitung seines 1929 in Stuttgart erschienenen ersten Jahrbuchs der Sonntags-Zeitung, in welchem er, unter dem Titel „Mit andern Augen“, auf die ersten zehn Jahre seiner mit der Weimarer Republik aufgewachsenen Wochenzeitung zurückblickt.

    Schairers journalistisches und publizistisches Werk sowie einige Beiträge seiner Zeitgenossen und Epigonen bieten einen erhellenden Blick „mit andern Augen“ in die jüngere deutsche Geschichte.

    Diese Website über meinen Großvater und sein Werkn habe ich um das Jahr 2000 herum begonnen und erstmals veröffentlicht. Etwa zwanzig Jahre dümpelte sie unverändert im weltweiten Netz. Aktuell habe ich sie nun aus Anlass des kommenden 100. Jubiläumsjahrs der Gründung der „Sonntags-Zeitung“ inhaltlich erweitert und in ihrer typografischen Erscheinung bearbeitet.

    Nachtrag 9.8.2016: Wir hatten am 3. August 2026 den 70sten Todestag Erich Schairers. Anlass für mich zu einem neuerlichen update und „relaunch“

    Eine redaktionelle Anmerkung:

    In der „Sonntags-Zeitung“ gab es neben den Holzschnitt-Karikaturen Hans Gerners keine weiteren Bilder. Zur Illustration einiger hier präsentierter Artikel habe ich zusätzlich ein paar Beitragsbilder bzw. Fotos ausgesucht und hinzugefügt. Diese Bilder haben in der Regemit der jeweils ursprünglichen Veröffentlichung der Artikel nichts zu tun und sind dort nicht enthalten.

    Stuttgart, im März 2019, update: 9.8.2026
    Andreas Schairer

  • Rechnen gegen den Terror

    Von Daniel Furth

    Er kämpfte mit Zahlen – und riskierte dabei sein Leben. 1922 untersuchte der Mathematiker Emil Julius Gumbel Hunderte politische Morde in der jungen Weimarer Republik und offenbarte schonungslos die Willkür der deutschen Justiz. Dann nahm seine Karriere in Deutschland abrupt ein Ende.

    Zehn schwer bewaffnete Männer der Garde-Kavallerie-Schützen-Division stürmten am 19. März 1919 die Berliner Wohnung des Mathematikers Emil Julius Gumbel. Ihr Auftrag lautete, den gerade 27-jährigen sozialistischen Aktivisten standrechtlich zu erschießen. Doch Gumbel hatte Glück. Er war kurz zuvor nach Bern abgereist, um an einer Konferenz des Völkerbunds teilzunehmen. Die Fememörder waren zu spät gekommen. Frustriert verwüsteten sie die Wohnung und zogen wieder ab.

    Als Gumbel zurückkehrte und das Chaos sah, war ihm sofort klar, dass er auf einer der Todeslisten der rund 120 rechtskonservativen Freikorps stand, in denen sich nach dem Ersten Weltkrieg rund 400.000 ehemalige Frontsoldaten mit zutiefst antidemokratischen Überzeugungen zusammengeschlossen hatten. Im November 1918 hatten die alten Frontkämpfer im Auftrag der Reichsregierung die Revolution niederknüppelt, im Januar 1919 den Spartakusaufstand. Nebenbei arbeiteten sie ihre eigene politische Agenda ab. Im Windschatten der Revolutionswirren schalteten ihre Hinrichtungskommandos reihenweise führende Köpfe der Linken aus. Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, die im Januar 1919 heimtückisch ermordet wurden, sind die wohl berühmtesten Opfer. Und nun hatten sie auch den Pazifisten und Liebknecht-Vertrauten Gumbel beinahe erwischt.

    Den ganzen Artikel von Daniel Furth auf SPIEGEL ONLINE finden Sie hier:

    http://www.spiegel.de/einestages/statistiker-emil-gumbel-a-947548.html

  • Gumbels Enthüllungs-Buch

    — DER SPIEGEL 33/1981 —

    Als 1966 im amerikanischen Exil der jüdische Pazifist Emil Julius Gumbel starb, haben die deutschen Zeitungen geschwiegen. Weil Gumbel immer noch der Makel anhaftete, ein „Landesverräter“ zu sein? Seit einiger Zeit erinnert der Heidelberger „Verlag Das Wunderhorn“ an den linken Moralisten und Tucholsky-Freund, der in der ersten deutschen Republik Mathematik lehrte, die Schriften Bertrand Russells übersetzte, zweimal aus der SPD austrat und, noch bevor die Nazis ihn 1933 ausbürgerten, auf Betreiben der antisemitischen Studentenschaft bereits 1932 seine Heidelberger Professur verlor. Unter dem Titel „Vier Jahre politischer Mord“ hat „Das Wunderhorn“ eine 1922 erschienene Enthüllungs-Recherche wieder zugänglich gemacht, die, wie Arnold Zweig in der „Weltbühne“ schrieb, „in den Blutkeller der deutschen Reaktion hineinleuchtet“, dem Autor Landesverratsverfahren und eine (der Neuausgabe einverleibte) „Denkschrift des Reichsjustizministers“ eintrug, in der seine Anklagen fast durchweg bestätigt werden mußten. Aber Gumbels Buch macht nicht nur die Mörder namhaft; es rückt auch die doppelte Moral der deutschen Justiz ins Bild: „354 politische Morde von rechts; Gesamtsühne: 90 Jahre, 2 Monate Einsperrung, 730 M. Geldstrafe und 1 lebenslängliche Haft“; dagegen: „22 Morde von links; Gesamtsühne: 10 Erschießungen, 248 Jahre, 9 Monate Einsperrung, 3 lebenslängliche Zuchthausstrafen.“

    Quelle: DER SPIEGEL 33/1981 http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-14336404.html