Heute vor 75 Jahren, am 18. März 1848, war Straßenkampf in Berlin. Auf den Barrikaden standen Arbeiter aus den Maschinenfabriken von Borsig, Egells und Rüdiger; neben ihnen die Studenten, von denen sie aus den Betrieben geholt worden waren. Auf dem Friedhof der Märzgefallenen im Friedrichshain liegen unter Arbeitern, Handwerkern, kaufmännischen Angestellten und „Frauen aus dem Volke“ sechs Studierende der Berliner Universität, darunter ein Studiosus von Bojanowsky, ein stud. med. von Holtzendorff. Studenten zwangen den König, vor den Leichen gefallener Arbeiter das Haupt zu entblößen. Und mit einer schwarz-rot-goldenen Schärpe gegürtet unternahm Friedrich Wilhelm seinen berühmten Kapitulationsritt durch Berlin.
Heute, nach 75 Jahren, bilden sich Studentenbataillone, wenn es gilt, Arbeiter niederzuschlagen. Studenten erschießen Arbeiter „auf der Flucht“. Studenten beschimpfen die schwarz-rot-goldene „Judenfahne“ der deutschen Republik. Diese Republik aber, die sich offiziell immer noch „Deutsches Reich“ nennt, schämt sich selber ihrer Farben, statt stolz auf deren große Tradition zu sein; und pflegt sie lieber zu verstecken als zu zeigen.
„Preußen geht fortan in Deutschland auf“, hatte Friedrich Wilhelm damals gesprochen (und als guter Hohenzoller natürlich nicht gehalten). Es war die Idee, die dem „Deutschlandlied“ des Revolutionärs Hoffmann v. Fallersleben zu Grunde lag (das heute die Reaktionäre im deutschen „Café National“ singen, wenn sie sich mit französischen Spirituosen besoffen haben). Follen, der Jenenser Burschenschafter, hatte den Plan einer deutschen republikanischen Verfassung entworfen, in dem die bestehenden Landesgrenzen beseitigt waren, das einige Deutschland nach Ständen gegliedert und wie in alter Zeit in Kreise eingeteilt war. Die Frankfurter Nationalversammlung von 1848, voran ihr Präsident Heinrich von Gagern, hatte das Programm der Zerschlagung Preußens aufgenommen und seine große politische Bedeutung erkannt. Ein Ludwig Pfau schrieb immer wieder sein „ceterum censeo Borussiam esse delendam“ (jedenfalls muß Preußen weg!).
Heute ist Preußen immer noch da. Immer noch sitzen zwei Regierungen, zwei Parlamente in Berlin. Immer noch wird preußische Politik gemacht, nach innen und — außen. Als Staatssekretär Preuß 1919 seinen ersten deutschen Verfassungsentwurf erscheinen ließ, hatte man geglaubt, jetzt werde Preußen fallen. Aber es war schon zu spät dazu. Es ist nichts daraus geworden. In der Verfassung vom 11. August 1919 stehen eine Reihe Artikel, die wörtlich aus der Verfassung der Frankfurter Nationalversammlung von 1849 entnommen sind (und ebensogut auf dem Papier stehen wie damals). „Alle Deutschen sind vor dem Gesetze gleich.“ „Alle Titel sind aufgehoben.“ „Die Fideikommisse sind aufzulösen.“ Wir finden in unserer heutigen Verfassung auch manche Sätze nicht, die damals von der deutschen Nationalversammlung, von einem bürgerlichen Parlament, in die Verfassung aufgenommen worden sind. „Die Todesstrafe . . . ist abgeschafft.“ „Die Besteuerung soll so geordnet werden, daß die Bevorzugung einzelner Stände . . . aufhört.“ Und wenn wir in den Protokollen der Paulskirche blättern, so stoßen wir auf Forderungen aus dem Munde von Universitätsprofessoren und Gymnasiallehrern, die heute keiner ihrer Enkel wagen würde zu vertreten. Karl Biedermann, Professor der Filosofie in Leipzig: „Wo Staat und Kirche getrennt sind, da sehen wir das politische Leben in der höchsten Entwicklung . . .“ Karl Vogt, Professor der Zoologie in Gießen: „Ich bin für die Trennung der Kirche vom Staat; allein nur unter der Bedingung, daß das, was man Kirche nennt, überhaupt spurlos verschwinde . . .“ Karl Nauwerck, Professor der Filosofie in Berlin: „ . . . Die Religion und Kirche muß eine Privatsache sein . . .“ Derselbe Nauwerck: „Jeder Deutsche hat ein Recht auf Unterhalt, . . . das Recht, nicht zu verhungern.“ Abg. Eisenstuck-Chemnitz: „Man hat gesagt, das Kapital benutzt die Arbeit, und wenn sie ihm nicht mehr paßt, wirft es die Arbeit auf die Seite . . . Das ist ganz richtig.“ Abg. Schütz-Mainz: „ . . . Ist denn dieser Staat, auf das Kapital gegründet, wirklich das Ideal der menschlichen Gesellschaft?“
Man sieht, die Geschichte macht kleine Schritte. Wenigstens in Deutschland.
1923, 11 Sch.
Aus der Weimarer Verfassung Artikel 165: . . . Die Arbeiter und Angestellten erhalten zur Wahrnehmung ihrer sozialen und wirtschaftlichen Interessen gesetzliche Vertretungen in Betriebsarbeiterräten sowie in nach Wirtschaftsgebieten gegliederten Bezirksarbeiterräten und in einem Reichsarbeiterrat. Die Bezirksarbeiterräte und der Reichsarbeiterrat treten zur Erfüllung der gesamten wirtschaftlichen Aufgaben und zur Mitwirkung bei der Ausführung der Sozialisierungsgesetze mit den Vertretungen der Unternehmer und sonst beteiligter Volkskreise zu Bezirkswirtschaftsräten und zu einem Reichswirtschaftsrat zusammen.
Am 21. Februar [1925] sind es sechs Jahre her, daß Kurt Eisner ermordet worden ist.
Vielleicht — ich weiß nicht — wird einmal eine Zeit sein, wo man in Deutschland diesen Tag als Gedenktag feiern wird.
Heute geschieht das natürlich nicht. Wie sollte man auch? Kaum die Parteigenossen des Toten werden durch ihre Presse auf das Datum aufmerksam gemacht werden. An bürgerlichen Stammtischen ich aber spuckt man aus, wenn der Name fällt; man hält seinen Träger für einen Schuft, einen gemeinen Kerl, einen Vaterlandsverräter. Sein Mörder erfreut sich der Freiheit und besten Ansehens, hat wahrscheinlich sogar ein gutes Gewissen, in der Überzeugung, einen jüdischen „Schädling“ beseitigt zu haben. Wie Haase, wie Landauer, wie Rosa Luxemburg.
Märtyrerschicksal. Schande für die Lebenden, nicht für die Gemordeten. „Wer schweigt, nimmt teil an der Schande.“ Darum soll hier heute ein Wort der Hochachtung für Kurt Eisner stehen.
Nicht weil er etwa ein „großer Mann“ gewesen wäre. Er war ein guter Literat, aber ein schlechter Politiker. Weltfremd, unpraktisch, ohne Menschenkenntnis, ohne den Willen zur Macht. Ich glaube, er hat das selber empfunden; und wäre wohl nie auf den Gedanken gekommen, bayerischer Ministerpräsident werden zu wollen, wenn — ein Besserer dagewesen wäre.
Er hat sich bewußt geopfert, weil er es für seine Pflicht hielt. Denn das war er: ein Charakter. Ein Mann mit dem Mute zur Wahrheit; einer, der wirklich eine Gesinnung, eine Überzeugung hatte, die ihm gebot, gegen Unrecht und Unterdrückung zu kämpfen; und dem Gewissensgebot unbedingte Richtschnur war, vor der alle anderen Rücksichten, und gerade die auf eigene Person und Familie, zurück zutreten hatten. Es war kein Zufall, daß er damals anno 18 aus dem Gefängnis, nicht aus irgend einer Pfründe heraus an die Spitze der Münchener Revolution trat.
Gäbe es in der deutschen Politik von heute viele solcher Männer, die wie Eisner bei der Übernahme eines Amts nicht darnach fragen würden, ob sie nun pensionsberechtigt sind, — dann wäre sie sicher nicht das anrüchige Gewerbe, als das sie sich verschreien lassen, muß.
Unsere Tragik: wir haben zwar charaktervolle Männer, aber sie sind keine Politiker. Und wir haben Politiker, aber mit zu wenig Charakter. Die richtige Legierung fehlt.
Conseil de I’Europe? fragte der Grenzpolizist im Zuge in Kehl mit wohlwollendem Lächeln, als ich ihm meinen Paß hinstreckte. Conseil de l’Europe? fragte auch der Zöllner und verzichtete darauf, daß ich meinen Koffer öffnete. Der Europa-Rat, an dessen dritter Session, zweitem Abschnitt, ich Ende November 1951 teilzunehmen im Begriff war, freilich nur als Zuschauer und Zuhörer, schien bei den französischen Sicherheitsbeamten gut angeschrieben zu sein. Das gab einem fürs erste ein kleines warmes Gefühl ins Herz: vielleicht ging es jetzt doch voran mit Europa; die Idee war offenbar nicht bloß bei der Jugend populär; es war eigentlich allerhand, daß sich sogar national staatliche Gehaltsempfänger dafür erwärmten. Wird am Ende — so dachte ich, als der D 314 über den Rhein fuhr — wird vielleicht auf dem Münster in Straßburg die grün-weiße Europa-Fahne flattern, wenn ich es jetzt nach so vielen Jahren wiedersehe?
Auf dem Münster flatterte die blau-weiß-rote Trikolore. Denn gerade am Tag vor der Eröffnung des Europa-Rats, dem 25. November, hatten die Straßburger zufällig etwas anderes Wichtiges zu feiern: den Tag der Befreiung und die Einweihung eines Denkmals für ihren Befreier, General Leclerc, der einmal den „Schwur von Kufra“ getan hatte, nämlich er werde nicht ruhen, bis er die Farben Frankreichs auf dem Straßburger Münster wehen sehe. Der Satz ist in den Obelisken auf dem Broglie-Platz eingemeißelt, an den sich der steinerne General jetzt lehnt, beide Hände auf die Flügel von Siegesengeln gestützt. Was Wunder, daß nun die Farben, an denen sein Herz hing, auch in Wirklichkeit auf der Spitze des Münsters da sein mußten! Die Straßburger spüren darin anscheinend keinen Widerspruch zur Europa-Idee, also wollen auch wir so etwas nicht behaupten.
In den Schaufenstern und an vielen Häusern der Stadt stieß man denn auch auf die berühmte „Unterhose“, wie die neue Europa-Flagge leider nicht mit Unrecht genannt wird: es ist ein grünes E auf weißem Grund, und die optische Wirkung dieses wahrscheinlich von einem braven Studienprofessor ersonnenen, höchst unglückseligen Symbols ist nun einmal die konträre: einer weißen, einer meist schmutzig-weißen Unterhose auf grünem Rasen. Armes Europa, sie sollten eine bessere Visitenkarte für dich erfinden!
(Auch das alte Europa-Wahrzeichen des österreichischen Grafen Coudenhove, das rote Kreuz in der goldenen Scheibe auf blauem Grund, dem man dazwischen begegnet, ist ein bißchen langweilig, finde ich.)
Im Europa-Palast
Der Europa-Palast, die Maison du Conseil de l’Europe, wie der bescheidenere französische Name lautet, liegt am Nordostende der alten Stadt, gegenüber den Parkanlagen der Orangerie, des einstigen Besitzes der Kaiserin Josephine. Man hat für Bauwerke dieser Art, die in kürzester Zeit hingestellt werden mußten, aber doch repräsentabel sein sollten (das Bundeshaus in Bonn ist auch so eines), den witzigen Ausdruck „Palastbaracke“ geprägt. Sie erinnern trotz architektonischer Schönheit, die man auch diesem Haus nicht absprechen kann, und trotz modernem Komfort im Innern verdächtig an die Stiftshütte des Alten Testaments oder an ein Zirkuszelt, das über Nacht aufgeschlagen worden ist, um ebenso rasch im Lauf einer Nacht wieder abgebrochen zu werden. Vor dem Eingang flattern bei gutem Wind die bunten Flaggen von fünfzehn europäischen Staaten, deren Abgeordnete sich hier versammeln; und die Garnison von Straßburg stellt zur höheren Würde dieser Versammlung ein halbes Dutzend militärischer Posten in dunkelblauem Tuch mit weißem Lederzeug, weißen Stulpen und weißen Gamaschen, aber ohne Ober- und Untergewehr (man gestatte den altertümlichen Ausdruck).
Der große Sitzungssaal, den man betritt, nachdem man seinen Ausweis gezückt hat, strahlt im Neonlicht, und an den roten Sesseln der Abgeordneten, aber auch an den etwas bescheideneren Sitzen auf der Pressetribüne hängen die Kopfhörer und Detektoren, mit deren Hilfe man die Reden nach Belieben auf französisch oder auf englisch konsumieren kann. Die Wände sind, wohl der Akustik wegen, mit Ledertafeln bespannt. Als ich mir eben ausgerechnet hatte, wie viele hundert Rindshäute man wohl dazu gebraucht habe, sagte mir jemand, es sei Kunstleder. Hinter dem Präsidententisch erblickt man als einzigen Wandschmuck außer einer Uhr ein Relief, mit dessen Enträtselung sich der Besucher während allzulanger Parlamentsreden die Zeit vertreiben kann. Unter einem korallenartig verästelten Baum liegen zwei nackte Frauengestalten. Die linke, wohlfrisiert, ruht auf dem rechten Bein und dem rechten Ellbogen; sie schlägt die linke Wade über die rechte und hält mit der Linken ein Bündel Ähren (oder einen Blumenstrauß? nein, es sind doch Ähren!) in die Höhe. Die rechte Figur, mit wirrem Haar und abgewandtem Gesicht, hält in der Rechten eine Fackel; der Mund ist geöffnet, als schreie sie, und die Haltung scheint anzudeuten, daß sie wegschwimme oder wegfliege. Es sind Allegorien für Frieden und Krieg, wie ich mir habe erklären lassen, und ihr Sinn ist offenbar, daß der Europa-Rat, der darunter tagt, dem Frieden eine Ruhestatt bereite und den Krieg verscheuche. Wird er das tun? Ach, man möchte es so gerne hoffen, aber es ist nicht ganz leicht, sich dieser Hoffnung hinzugeben und sie festzuhalten, wenn man ein paar Sitzungstage lang den Verhandlungen beiwohnt und sich dabei auch noch einfallen läßt, daß dieses europäische Parlament ja nur ein Rumpfparlament ist, und nicht nur das, sondern auch daß es ein reines Scheinparlament ist: es kann ja gar keine Beschlüsse fassen, die von irgendwem ausgeführt werden müßten, sondern nur „Empfehlungen“ geben. Es ist also nur eine Attrappe, oder, wenn dieser Ausdruck zu schroff klingen sollte: eine Demonstration, die Demonstration eines (fast hätte ich gesagt: frommen) Wunsches.
Gewiß: eine hübsche Attrappe, eine Demonstration, die zunächst nicht ganz ohne Eindruck bleibt. Es ist wirklich eine Art europäischer Versammlung, die man hier vor sich hat, denn die etwa 120 Abgeordneten sitzen nicht nach ihren Ländern getrennt wie die Delegierten der UN, sondern in der alphabetischen Reihenfolge ihrer Namen bunt durcheinander, Belgier, Holländer, Franzosen, Deutsche, Italiener, Engländer, Skandinavier, Griechen, Türken (die gehören also auch noch zu Europa, stellt man fest); so sitzt z. B. die charmante Schottin Lady Tweedsmuir zwischen einem Griechen und einem Türken, die Isländerin Fräulein Thorsteinsdottir zwischen zwei Franzosen, der deutsche Sozialdemokrat Mommer zwischen einem Italiener und einem Franzosen, und so fort. Es ist eine europäische und es ist eine erlesene Versammlung, das sieht man schon an den Köpfen, noch ehe man sich aus dem topographischen Plan des Sitzungssaales orientiert hat; es wimmelt nur so von ehemaligen und heurigen Ministern, Präsidenten und Parteiführern, von Namen, die man aus der Zeltung kennt: Crosbie, Daladier, Delbos, Foster, Koenig, Layton, McLean, Maxwell Fyfe, Mollet, Norton, Reynaud, Spaak, Teitgen, Tsaldaris; Carlo Schmid, Luise Schröder, Rechenberg, Pünder, Ollenhauer, Gerstenmaier, Brentano. Wenn alle diese Männer den leidenschaftlichen Willen zur „Integration“ Europas hätten und wenn sie ihn einstimmig zum Ausdruck brächten, auch nur in diesem Rumpf- und Scheinparlament: müßte das nicht wie ein Sturm über Europa brausen, der alle nationalen Bedenken und Eigensüchte hinwegfegt! Aber leider Gottes geht es in dieser „Assemble consultative“ ganz ähnlich zu wie in irgendeinem anderen Landtag; die Reden sind mit wenigen Ausnahmen nach dem Schema „Ja — aber“ gebaut, so daß man vor lauter Klugschwätzerei zu keinem „Ja — also“ kommt; und auch hier begegnet man der parlamentarischen Unart, die in allen solchen Versammlungen zu beobachten ist: wenn sich irgendein kleinerer Mann zum Wort gemeldet und noch keine zehn Sätze gesprochen hat, beginnt ein Teil der Kollegen aufzustehen und wegzulaufen. Kann man es dem Mann auf der Straße eigentlich übel nehmen, wenn er sich auch von dieser „Schwatzbude“ enttäuscht sieht und nichts mehr von ihr erwartet?
Das Münster
Strasbourg, la capitale de I’Europe — Straßburg, die Hauptstadt Europas, kann man auf Plakaten und Prospekten in der elsässischen Hauptstadt heute hie und da lesen. Es ist eine, sagen wir höflich: propagandistische Übertreibung, die niemand ernst nimmt, so wenig wie etwa die lapidare Inschrift auf dem Denkmal eines Herrn Wurtz bei der Eglise St. Pierre le Jeune: La chimie est une science francaise. Ich möchte mich korrigieren: die beiden Behauptungen sind nicht gleichwertig. Zwar ist Straßburg nicht die Hauptstadt Europas, das es noch nicht gibt, und wird es wahrscheinlich auch nie werden, wenn Europa einmal Wirklichkeit werden sollte; aber immerhin kann Straßburg von sich sagen, daß es, wenn nicht die europäische Hauptstadt, so doch eine europäische Stadt sei — und wäre es nur seines Wahrzeichens wegen, aus dem man noch in tausend Jahren feststellen könnte, was Europa eigentlich war, auch wenn sonst nichts von Europa übriggeblieben wäre. Ich meine das Münster.
Ich bin kein Kunsthistoriker und kann deshalb nicht beschreiben, was für Merkwürdigkeiten gerade diese eine von vielen alten Kirchen in Europa aufweist. Wahrscheinlich kann überhaupt niemand sagen, worin der besondere Zauber dieses Bauwerks besteht. Vielleicht gelüstet es jemand, nachzulesen, was der junge Goethe, dem als Sohn seiner Zeit Gotik ein Greuel war, bis er das Straßburger Münster gesehen hatte, einmal darüber geschrieben hat (Von deutscher Baukunst, 1772). Ich kann nur sagen, daß es auch mich schon als jungen Mann ergriffen und jetzt wieder als alten Knaben überwältigt hat, als ich vor ihm stand. Ich möchte seinen Eindruck fast unheimlich heißen. Es ist wie etwas Gewachsenes, Lebendiges; ich habe das bei keiner anderen von all den gotischen Kathedralen, die ich gesehen, so im Innersten empfunden. Neben ihm sind sie alle, Notre Dame, Reims, Chartres, Amiens, Freiburg, Köln, bloße Architektur. Dies aber ist ein Berg, ein Gebirge, ein Stück Schöpfung, ein Wunder. „Une des sept merveilles du monde“, liest man im Haus Kammerzell zu seinen Füßen, und das ist nun wirklich keine Übertreibung. Was für ein ärmliches Machwerk sind unsere heutigen „repräsentativen“ Gebäude, auch wenn etwas länger daran gebaut worden ist als am Europa-Palast, neben diesem Haus, das zweieinhalb Jahrhunderte gebraucht hat, bis es — unfertig blieb! Könnte man sich vorstellen, daß es einen zweiten Turm hatte? Daß es „freigelegt“ würde, wie es ein banausisches Geschlecht mit so vielen anderen gotischen Domen gemacht hat?
Im Querschiff des Münsters, am berühmten Engelspfeiler, haben sich in einer Zeit, wo das offenbar noch erlaubt war, allerlei fremde Besucher verewigt, indem sie — ohne Zweifel manchmal in stundenlanger Arbeit — ihre werten Namen in den Stein gruben, z. B. Herr Samuel Beyer, Leipzig 1664. Ein barbarischer Unfug. Aber ich gestehe, daß es mich ein wenig gelüstet hat, mich ebenfalls einzuritzen, so wie ein Verliebter sich nicht entblödet, seine Initialen in die Rinde eines Waldbaums zu graben, unter dem er sein Mädchen geküßt hat.
Eine Weinstube
Nicht weit vom Straßburger Münster, in der Rue des Orfèvres, der Goldschmiedegasse, liegt die Wynstub zuem Heilig Grab. So steht es auch heute noch auf ihrem Schild; nur ganz klein liest man darunter die Übersetzung: Débit de vins St. Sépulcre. Wer wissen möchte, was für Leute in Straßburg leben, wer sozusagen die Atmosphäre der Stadt kennen lernen möchte (und notabene, das Organ dafür hat!), dem rate ich, diese kleine Kneipe in einem alten Haus und in einer alten Gasse zu besuchen. Nicht etwa die Gerwerstub, Haus Kammerzell oder La bonne Auberge („The newest and best Grillroom in Town“), Lokale, die gewiß auch ihre Vorzüge haben: Kellner im Frack oder in beinahe elsässischer Tracht, eine ellenlange Speisekarte voll leckerer Gerichte, eine stolze Weinkarte mit sämtlichen großen Marken von diesseits und jenseits des Rheins. Auch nicht das Hühnerloch, das zwar weibliche Bedienung hat und auf volkstümlich aufgemacht ist, in dem aber allzu viele Honoratioren verkehren und das ebensogut in Stuttgart, Freiburg, Mannheim oder Frankfurt liegen könnte. Das „Heilig Grab“ hat nur einen einzigen, niederen und winkeligen Gastraum, der mit vierzig Gästen schon beinahe überfüllt, also von abends an bis Mitternacht meist überfüllt ist. Ich saß an einem Ecktisch, auf dem ein ziemlich schmutziges Tischtuch lag, was mich aber merkwürdigerweise nicht unangenehm berührte. Dieser Tisch hatte von vornherein meine Sympathie, denn er war nicht etwa rund, quadratisch oder rechteckig, sondern hatte die Form eines unregelmäßigen Vierecks: die eine Schmalseite war etwa dreißig Zentimeter länger als die ihr gegenüberliegende, weil nämlich die Ecke, in der er stand, nicht rechtwinklig, sondern stumpfwinklig war. Eine Weinkarte gibt es im Heiligen Grab nicht; die Weinsorten, die ausgeschenkt werden und die der Wirt selber oder seine Frau an den Tisch bringt, sind mit Seife auf den Spiegel geschrieben. Es gibt fünf oder sechs elsässische Landweine, Neuen und Alten, der teuerste, aber immer noch billige, ist ein Gewürztraminer, der meistgetrunkene ein „Zwicker“; das Wort bedeutet, daß hier zweierlei Traubensorten verschnitten sind. (Sind es besonders gute Sorten, sagt man Edelzwicker.) Wer nicht „leer“ trinken will, kann sich ein Tartarbrot bestellen, eine rote Wurst mit Essig, Öl und Zwiebeln, zu gewissen Zeiten auch einen Zwiebelkuchen, den sie dort aber ein wenig anders machen als bei uns, daher er auch den würdigen französischen Namen Tarte d’oignons trägt. Ich habe mir das alles schmecken lassen, dazu die Weine durchprobiert, mich pudelwohl gefühlt und mit den Nachbarn am Tisch gut unterhalten. Das Getränk wird viertelliterweise bestellt und in einer hübschen kleinen Karaffe serviert, nebst einem geschliffenen Achtel- oder Dezigläschen ohne Fuß. Diese Gläser gefielen mir so gut, daß ich mir den kleinen Laden am Marche neuf verraten ließ, wo man sie kaufen kann, und mir ein Dutzend davon als Reiseandenken mitnahm.
Ich habe mich gefragt, warum der Wein im Heiligen Grab oder im Lion vert — einer ähnlichen Kneipe In der Petite rue de l’Eglise, noch viel kleiner, mit Tischen aus Kirschbaumholz — so gut schmeckte und warum man so viel davon trinken konnte, ohne am andern Tag mit Kopfweh aufzuwachen. (Obwohl er, wie die Wirte mir selber verrieten, gezuckert sein soll.) Vielleicht hing es damit zusammen, daß man dort den Wein noch aus dem Faß schenkt, wie es auch bei uns vor dreißig, vierzig Jahren gewesen ist. Er wird wohl nicht so viel mit Kaliumpersulfit und anderen Chemikalien „gepflegt“ wie in fortgeschritteneren Gegenden und hat sich die Kastration durch das EK-Filter nicht gefallen lassen müssen. Die Elsässer sind uns gegenüber anscheinend etwa eine Generation in der „Kultur“ zurück, und das verleiht dem Aufenthalt bei ihnen gewisse Reize, die jüngere Leute hierzulande gar nicht kennen und ältere wohl oder übel entbehren müssen. Sogar das „Defense de cracher“ in den Straßburger Trambahnwagen rechne ich zu dieser liebenswürdigen Rückständigkeit. Bei uns ist heute keine derartige Aufforderung mehr nötig, weil wir hygienisch „einfach viel weiter“ sind. Aber auch die Hygiene hat ihre zwei Seiten, und das Wort steril hat eine verdammte Doppelbedeutung. Womit ich freilich nun nicht etwa sagen möchte, man solle in der Bahn auf den Boden spucken.
Foie gras und Choucroute garnie
Das Wort Straßburg löst, wahrscheinlich nicht nur bei mir, zunächst die Assoziation „Münster“ aus. Bei anderen aber, das weiß ich, lautet die erste Gedankenverbindung: Gänseleberpastete. Die Gänseleber scheint in der Tat eine große Rolle in dieser Stadt zu spielen und ist eine lohnende Ausfuhrware. In den Schaufensterauslagen der Krämer, der Feinkost- und Fleischwarengeschäfte ist sie in Terrinen und Dosen der vorstechende Artikel; als getrüffelte Pastete paradiert sie auf allen Speisekarten. Wer nach Straßburg kommt, muß Gänseleber essen, sonst ist er nicht dort gewesen.
Nun, mein Geschmack ist Gänseleber nicht. Mir ist ein Stück Ochsenfleisch lieber als dieses süßliche schmierige Zeug, das die Leute für eine Delikatesse halten. Übrigens würde vielleicht manchem, der sich daran ergötzt, der Appetit vergehen, wenn er wüßte, daß es eigentlich eine kranke Leber ist, die er sich da einverleibt, und daß der Weg zu ihr über eine üble Tierquälerei führt.
Dafür hatte ich mich auf ein anderes spezifisch elsässisches Gericht in Straßburg gefreut: auf eine Choucroute garnie. Es war eine Enttäuschung, trotz bester Garnierung mit Fleisch, Würstchen und Leberklößen. Die Grundlage dieses Essens ist und bleibt eben doch das Sauerkraut, und das kochen die Elsässer auch nicht viel besser als unsere schwäbischen Köchinnen, nämlich zu fett und zu lang. (Immerhin sparen sie wenigstens das Mehl dabei.) Ich hab’s in einem halben Dutzend von Wirtshäusern probiert, in einfachen und in feinen, aber geschmeckt hat’s nirgends recht. Das Glas Wein oder Sekt, das man hineinschüttet, rettet den Fall nicht. (Sauerkraut können anscheinend außer den Pfälzern nur die Bayern richtig machen, deren Küche man sonst nicht viel Gutes nachsagt; das beste hab‘ ich vor langen Jahren einmal im Hofbräuhaus in München bekommen.)
Franzosen oder Deutsche?
Der Streit, ob die Elsässer nun eigentlich Franzosen oder Deutsche seien, kommt mir ein bißchen lächerlich vor. Es sind französische Deutsche oder deutsche Franzosen. Ihre Sprache, das Elsässer Dütsch, ist ein alemannischer Dialekt; übrigens lange nicht so sehr mit französischen Brocken durchsetzt, wie es in Witzen und Anekdoten oft dargestellt wird. Im „Heilig Grab“ und im „Lion vert“ habe ich in Stunden kaum einmal einen französischen Satz gehört. Oft ist mir’s am Anfang geschehen, daß ich jemand auf der Straße oder in der Tram französisch anredete und auf deutsch Antwort bekam. Nur die Buchhandlungen scheinen sich für verpflichtet zu halten, ein französisches Gesicht zu wahren. Nicht einmal einen deutschen Reiseführer habe ich bekommen, obwohl ich vier, fünf Läden abklapperte. Aber in den Kiosken auf der Straße gibt’s deutsche Lektüre. Und in den „Dernieres Nouvelles d’Alsace“, die man dort kauft, ist nur der Zeitungskopf französisch, der übrige Inhalt ist fast durchweg deutsch. Das Blatt soll eine Auflage von 150 000 Stück haben, davon 120 000 in Deutsch, und unter der französischen Auflage mit 30 000 Stück sind wahrscheinlich viele unbezahlte Exemplare. Aber die Elsässer, das ist sicher, sind trotz ihrer Sprache keine deutsche Irredenta. Deutschland hat sie seit 1871 wiederholt so dumm und so böse behandelt, daß sie kaum Heimweh nach ihm haben werden. Merkwürdigerweise habe ich aber auch keinen Haß getroffen und jedenfalls nie zu spüren bekommen.
Ein kleiner Ladenbesitzer, bei dem ich am Tag meiner Abreise noch etwas Reiseproviant kaufte und mit dem ich ins Gespräch kam, erzählte mir, daß er in Deutschland im KZ gewesen sei. Aber er war dadurch nicht etwa zum Deutschenfeind geworden. Er gab deutlich zu verstehen, daß er — trotz seinen persönlichen Erfahrungen — Brutalität und Rücksichtslosigkeit nicht für nationale Eigenschaften der Deutschen halte. Und an die Deutschen verraten habe ihn damals ein — Elsässer.
Hüben und drüben seien Menschen, sagte mein braver Epicier (der sich weigerte, einen Überpreis zu nehmen, obwohl er wegen meines kleinen Reisefläschchens eine große Flasche Quetsch hatte anbrechen müssen), und warum man denn nicht unter demselben Dach Europa beieinander leben könne? Als der Europa-Rat nach Straßburg gekommen sei, habe man ihn mit Enthusiasmus begrüßt und gehofft, nun werde manches anders werden. Inzwischen habe man leider seine Hoffnungen wieder zurückstecken müssen.
„Zu viel Egoismus, zu wenig Idealismus“ — so formulierte dieser letzte Straßburger, mit dem ich damals sprach, sein Urteil über den Europa-Rat. Sollte er recht haben?
In einer warmen Sommernacht konnte man in einem der Ankreise eines rechtwinkligen Dreiecks leise schmelzende Akkorde vernehmen. In dem Dreieck wohnte nämlich unter Obhut ihrer Tante Kontangens das Fräulein Tangens, und eben brachte ihr Don Sinus ein Ständchen auf einer Ellipse, über die vier Parallelen gespannt waren. Er lehnte sich schwärmerisch an den Radius c des Kreises und sang etwa folgendes:
„Der Inhalt des Kreises ist r Quadrat pi O Tangens! ich lieb dich, ach wüßtest du, wie!
Der Inhalt des Dreiecks a h durch 2, O süßeste Tangens, ich bleibe dir treu!“
Ein leises Rauschen ging durch die Lüfte und ein messingner Reißnagel warf sein mildes Licht über die Szene. — Der Sinus hatte sein Lied beendet. Fräulein Tangens war im Winkel auf einer Transversale am Fenster gesessen, öffnete es jetzt, ergriffen von dem rührenden Volkslied, und warf dem Ritter eine wunderschöne Quadratwurzel hinab, die Don Sinus entzückt beroch und an den Busen steckte. Dann legte er die Hand aufs Herz und entfernte sich mit edlem Anstand, dem Mittelpunkt des anbeschriebenen Kreises zu.
Kaum aber war er einige Schritte gegangen, da stürzte hinter einem dunklen Logarithmusbusch sein Nebenbuhler Cosinus hervor, einen scharfgeschliffenen Bruchstrich in der Hand. Sinus wollte seinerseits vom Leder ziehen, sah sich aber ohne Waffen und verteidigte sich verzweifelt mit einer Mantisse, die er aus dem Logarithmusbusch riß; doch bald unterlag er dem besser bewaffneten Cosinus, der ihn im Zorn zu lauter Proportionalteilchen zerhieb. Dann pfiff dieser gellend durch seine Finger, worauf aus allen Winkeln gedungene Sekanten hervorkamen, die das rechtwinklige Dreieck in Brand steckten und die alte Kotangens zuerst an einem Strahlenbüschel aufspießten und dann mit einer eckigen Klammer totschlugen. Die jammernde Tangens aber riß Cosinus aus den Flammen, setzte sie in ein reguläres Sechseck, das mit zwei Radikanden bespannt war und fuhr mit der Schnelligkeit einer geometrischen Prozession davon. Er ruhte nicht, bis er im vierten Quadranten angelangt war; da sah er erst seine Torheit, denn bekanntlich wird die Tangens im vierten Quadranten sogleich negativ. Sie konnte sich also ungesehen entfernen, irrte zu den Trümmern ihres rechtwinkligen Dreiecks zurück, und als sie dort die verstümmelte Leiche des Sinus fand, stürzte sie sich schweigend von der Peripherie des einbeschriebenen Kreises herab.
So waren Sinus und Tangens im Tode vereint. Man legte sie anderntags in einen prismatisdien Raum und begrub sie unter gedämpfter Musik in einer körperlichen Ecke. Ein regulärer Tetraeder bezeichnet heute noch ihr Grab.
Beitrag des 16jährigen Erich Schairer zur Weihnachts-Kneipzeitung 1903 der Blaubeurener Seminaristen.
Immer öfter beschleicht mich neuerdings der ketzerische Gedanke, daß der Mensch nicht die Krone der Schöpfung, sondern eine Fehlkonstruktion sei, zum Untergang bestimmt wie die Saurier der Jurazeit, weil er nicht imstande ist, sagen wir es gerade heraus: weil er zu dumm ist, sich den (von ihm selber!) veränderten Lebensverhältnissen einer neuen Erdperiode anzupassen.
Auch die Saurier sind wahrscheinlich ziemlich dumm gewesen. Diese Vermutung drängt sich auf, wenn man auf den um das Gerüst gefundener Knochen gezeichneten Bildern die winzigen Köpfchen betrachtet, von denen jene Fleischberge dirigiert worden zu sein scheinen.
Sie finden, lieber Leser, daß der Mensch ganz anders aussehe. Aber Sie dürfen jetzt nicht an den einzelnen Menschen denken, der seinerzeit noch mit den Drachen gekämpft hat und dabei Sieger geblieben ist. Den einzelnen Menschen gibt es im Bereich unserer Erfahrung längst nicht mehr. Es gibt den Menschen nur noch als Kollektiv, auch wenn noch so viel von der Persönlichkeit die Rede ist. Überlegen Sie sich doch einmal, woher die Kleider kommen, die Sie anhaben, das Auto, in dem Sie fahren, sogar das Brot, das Sie essen. Zwischen dem zum Riesenorganismus angewachsenen Kollektiv Mensch und dem Brontosaurus lassen sich nun aber allerlei verdächtige Parallelen ziehen, vor allem die der zu kurz geratenen Intelligenz.
Nicht wahr, Sie verstehen mich recht: ich meine nicht Ihre private, persönliche Intelligenz, von der ich eine sehr hohe Meinung habe, sondern Ihre Einsicht als Stück eines sozialen Körpers, das Sie sind, als Teil Ihres Volkes, Ihres Staates, Ihrer Staatenföderation oder, wenn Sie erlauben, der Menschheit.
Der Mensch als Einzelwesen, denken wir etwa an Robinson, ist ein sehr kluges Geschöpf; aber sobald er mit andren Menschen zusammenleben muß, beginnt seine Klugheit anscheinend zu versagen, und zwar umsomehr, je größer die Masse wird, die ihn umgibt. Es ist, als ob sein geistiger Horizont im selben Maße kleiner würde, in dem seine Entfernung vom Nebenmenschen abgenommen hat.
Wenn auf jeden Quadratkilometer Boden nur ein einziger Mensch entfiele, wäre die menschliche Welt wahrscheinlich in Ordnung; vielmehr sie bedürfte keiner besonderen Ordnung. Je dichter die menschliche Bevölkerung wird, desto nötiger wäre die Ordnung. Aber die Menschen können das nicht einsehen. Sie möchten ihre Freiheit, ihre Ellbogenfreiheit nicht aufgeben, auch wenn am Tisch der Erde, der sich nun einmal nicht ausziehen läßt, jetzt doppelt und dreifach so viele Gäste sitzen als noch vor ein paar Menschenaltern. Sie vermehren sich lustig weiter, aber jeder möchte dabei am liebsten so leben, als ob er allein da wäre.
Das Seltsamste dabei ist der Umstand, daß das Rezept für ein gedeihliches Zusammenleben der Menschheit längst allgemein bekannt ist. Es heißt: Liebe deinen Nächsten als dich selbst. Wenn es befolgt würde, wären sämtliche sozialen und politischen Probleme wie mit einem Schlage gelöst. Aber die Menschen lieben einander eben nicht, sondern sind sich herzlich gleichgültig.
Da man sich, wie wir gestehen wollen, zur Liebe nicht zwingen kann, könnte man vielleicht versuchen, an ihre Stelle eine moralische Übereinkunft zu setzen, wonach jeder den anderen wenigstens gelten lassen müßte, etwa nach dem Grundsatz: Was du nicht willst, daß man dir tu, das füg auch keinem andern zu. Ohne Zweifel eine vernünftige und durch alte Erfahrung erprobte Regel. Theoretisch wird niemand an ihr zu rütteln wagen. Aber in der Praxis pflegt sie mit umso größerem Zynismus durchbrochen zu werden, je höher auf der Stufenleiter der Verantwortung die handelnden Personen stehen und je umfassender die Interessen sind, die dabei in Betracht kommen. Sonst könnte es zum Beispiel keinen Krieg mehr geben — der klare Beweis dafür, daß der Mensch dumm ist.
Nach dem Kriege von 1914 bis 1918 hat jemand ausgerechnet, daß die Kriegskosten ausgereicht hätten, jeder Familie in den beteiligten Völkern ein wohleingerichtetes Häuschen in einem Garten zu schenken. Aber wahrscheinlich hätte man einen Minister, der einen solchen Vorschlag statt des Krieges gemacht hätte, in eine Heilanstalt geschickt. Den Mann, der fünfundzwanzig Jahre später den zweiten Weltkrieg anfing, haben seine Landsleute, und nicht bloß diese, lange für einen großen Staatsmann, für ein Genie gehalten. Er war, mit einem Wort, dumm. Aber er war keine Ausnahme. Der Mensch ist dumm.
Nun leben wir in der Pause zwischen dem zweiten und dem dritten Krieg.
Es wird auf zwei Seiten eifrig gerüstet, damit er nicht ausbreche. Man erwartet infolgedessen seinen Ausbruch in drei, sieben oder zwölf Jahren. Er wird schätzungsweise die halbe Welt in Trümmer legen. Die andere Hälfte wird nachher beginnen, sie aufzuräumen. Vielleicht wird man die Trümmer das nächste Mal auch liegen lassen. Wenn der Mensch nicht dumm wäre, dann hätte er längst merken müssen, daß Kriege auch dem Sieger mehr schaden als nützen. Er ist es, der die Kriegsentschädigung zu leisten hat, wenn der Unterlegene bankrott ist; genau wie man nach einem gewonnenen Prozeß unter Umständen das Vergnügen hat, auch den gegnerischen Rechtsanwalt bezahlen zu dürfen. Daß der moderne Krieg kein antiker Zweikampf mehr ist in dem der Lebenstüchtigere die größere Chance hat übrig zu bleiben, sondern eine umgekehrte Auslese, bei der gerade die Besten zugrunde gehen, könnten auch die akademisch gebildeten Kreise allmählich gemerkt haben.
Seit man Bomben vom Himmel auf die Zivilbevölkerung abwirft, werden allerdings auch die Schwachen vernichtet; ein Verfahren, an dem sich unsere Großväter vermutlich noch gestoßen hätten.
Die moderne Technik wird gerne als Beweis der hohen menschlichen Intelligenz betrachtet. Aber gibt sie nicht dem Menschen, und zwar nicht nur im Kriege, immer wieder Gelegenheit, seine Dummheit zu zeigen?
Er könnte sich mit ihrer Hilfe das Leben auf Erden zwar nicht zum Paradies machen (das liegt irgendwo anders), aber doch recht behaglich und bequem gestalten. Statt dessen schindet er sich nach wie vor. Er arbeitet etwa doppelt so lange als er es nötig hätte; und viele von den Arbeitern, die zu menschlichen Automaten versklavt sind, müssen noch froh sein, wenn sie überhaupt arbeiten dürfen.
Gute Ernten sind mehr gefürchtet als Mißernten, weil man den Überfluß dann auf irgend eine Weise vernichten muß, während gleichzeitig anderswo Hungers gestorben wird. Auf den Gedanken, daß man den Segen der Erde an seine Mitmenschen verschenken könnte, ist bis jetzt niemand gekommen. Seien wir offen: wir sind zu dumm dazu.
Mit den Schätzen der Erde, die keineswegs unendlich sind, so wenig wie die Erde selber es ist, wird ein fröhlicher Raubbau getrieben. Holz, Kohle, Eisen, was es auch sei, wird ohne Rücksicht auf spätere Geschlechter ausgebeutet und sorglos verschwendet. Wälder werden vernichtet, Tiere und kindliche Völker werden ausgerottet — nach uns die Sintflut!
Wie es scheint, ist der Raubbau diejenige Form des Wirtschaftens, die dem menschlichen Charakter am ehesten entspricht. Aber für eine Menschheit von zwei Milliarden, die noch weiter Kinder und Kindeskinder zeugen will, ist er eine gewissenlose Torheit. Wenn sie dieses zwangsläufige Einmaleins nicht zu memorieren vermag, wird sie mit ihrer vielgepriesenen Kultur eines Tages am Ende sein und braucht sich dann auch über Kapitalismus und Sozialismus keine Gedanken mehr zu machen.
Vielleicht ist es ein bedeutungsvolles Omen, daß die großen Staaten der Erde immer noch Raubtiere in ihrem Wappen führen, die bald nur noch in zoologischen Gärten zu treffen sein werden.
Auch die Saurier waren Raubtiere. Und dumm.
Ich fürchte, ich fürchte: die Menschheit wird an ihrer Dummheit zugrunde gehen.
Eine Studie der Vereinten Nationen lässt aufhorchen: Bis zu einer Million Tier- und Pflanzenarten seien vom Aussterben bedroht, heißt es da. Noch ist der Report nicht veröffentlicht, der Entwurf aber ist schon durchgesickert: Demnach prophezeien die Autoren, dass viele der 500 000 bis eine Million hoch bedrohter Arten „in den kommenden Jahrzehnten“ zu verschwinden drohen. Dass die Schuld dafür eindeutig beim Menschen und der von ihm verursachten fortschreitenden Umweltzerstörung liegt, verschweigt der Report auch nicht: Genannt werden Landwirtschaft, Abholzung, Bergbau, Fischerei und Jagd, gefolgt von Klimawandel und Umweltverschmutzung. Ob der alarmierende Bericht allerdings in aller Schärfe auch von den Staaten letztlich abgesegnet wird, muss sich in der kommenden Woche zeigen. Vorgestellt werden soll die Studie der Zwischenstaatlichen Plattform für Biodiversität und Ökosystemdienstleistungen (IPBES) auf einer Konferenz, die ab kommendem Montag in Paris stattfindet. 130 IPBES-Mitgliedstaaten sind dort vertreten.Die Botschaft ist brisant, denn bis zu einer Million aussterbende Arten sind eine gewaltige Menge. Kritiker mögen indes einwenden, dass man ja gar nicht weiß, wie viele Tier- und Pflanzenarten es auf der Erde überhaupt gibt. Eine Hochrechnung von 2011 ging von 8,7 Millionen Arten aus. Allerdings glauben Experten, die an diesem Thema arbeiten, dass bis zu 80 Prozent aller Spezies noch gar nicht entdeckt wurden. So reichen die Schätzung von zwei bis 100 Millionen Arten. Nimmt man das Heer der Mikroorganismen dazu, könnten es mehr als eine Billion Arten sein. Sicher ist nicht einmal, wie viele Arten bereits wissenschaftlich beschrieben wurden: Schätzungen zufolge könnten es mehr als zwei Millionen sein.Auch wenn – wie so oft bei solchen Konferenzen – noch Veränderungen und Abschwächungen am Text vorgenommen werden sollten, das Fazit ist eindeutig: Die Welt steuert auf ein Massenaussterben zu – in einer ähnlichen Dimension, wie es nach dem Einschlag eines riesigen Meteoriten vor rund 65 Millionen Jahren der Fall war, als auch die Saurier starben. Nur dass heute nicht die Natur, sondern der Mensch dafür verantwortlich ist.
Nachdem sich die Marxisten als unfähig erwiesen haben, uns den Sozialismus zu bescheren (wahrscheinlich deshalb, weil wir nicht „reif“ dazu waren), kann man es uns nicht übel nehmen, wenn wir uns von der Beschäftigung mit dem „wissenschaftlichen“ Sozialismus ab- und anderen Lehren zuwenden: solchen, die zwar nicht so gelehrt sind und nicht so ,,historisch“ denken, aber sich dafür ein Bild zu machen suchen, wie die sozialistische Gesellschaft der Zukunft aussehen müßte und auf welchem Wege sie heraufzuführen wäre. Diese Sozialisten, denen die Wirklichkeit mehr ist als die Lehre, und die Zukunft wichtiger als die Vergangenheit, werden von den zünftigen Vertretern des Sozialismus seit Marx unter dem Namen der „Utopisten“ über die Achsel angesehen, weil sie eine „überwundene“ Stufe und wissenschaftlich nicht einwandfrei seien. Aber wir Laien, die wir uns doch auch für Sozialisten halten, können mit ihnen vielleicht mehr anfangen als mit den Hochgelehrten und ihren Nachbetern, die gezeigt haben, daß sie zwar auseinandernehmen, aber nicht zusammensetzen können.
Ein solcher Utopist ist der österreichische Ingeniör Josef Popper mit dem Schriftstellernamen Lynkeus, der im hohen Alter am 21. Dezember 1921 gestorben ist. Als Ergebnis einer Lebensarbeit hat Popper Lynkeus im Jahr 1912 sein Buch über „Die allgemeine Nährpflicht als Lösung der sozialen Frage“ im Verlag von Carl Reißner in Dresden erscheinen lassen. Zu Lebzeiten des Verfassers hat das Werk in der Öffentlichkeit wenig Aufmerksamkeit gefunden; jetzt, da er tot ist — so geht es gewöhnlich — wird man ihn „entdecken“ und vielleicht sogar einmal ein Denkmal für ihn setzen.
Popper-Lynkeus geht in seinen Gedanken nicht vom Kapitalismus aus, sondern von der Not. Die möchte er beseitigen; wie es dann dabei dem Kapitalismus geht, ist ihm gleichgültig. Die Not ist die Begleiterscheinung oder Folge der Existenzunsicherheit, die das Kennzeichen unserer Wirtschaftsverfassung bildet. Es gibt in ihr, richtig gesehen, nur zwei Klassen: die kleine der gesicherten und die überaus große, nicht etwa bloß die Arbeiter umfassende, der ungesicherten Existenzen. Sie sind ständig bedroht, und zwar nicht so sehr und beständig von den allgemeinen Wirtschaftskrisen, als von den rein persönlichen zufälligen „Privatkrisen“, wie Popper sie nennt. Ein Maler, der blind wird; ein Arzt, der taub wird; ein Sparer, dessen Papiere gestohlen werden oder ihren Wert verlieren; ein Landwirt, der Mißwachs hat; ein Buchhalter, der wegen Differenzen mit dem Chef entlassen wird; eine junge Witwe, die den Ernährer verliert; eine Familie, die mit Krankheit heimgesucht wird; der Gartenwirt bei schlechtem Wetter, der Sommertheaterdirektor bei gutem: sie alle können an „Privatkrisen“ zu Grunde gehen, gegen die kein soziales Programm etwas hilft, weil sie unberechenbar sind. Es gibt nur ein einziges Mittel dagegen: die Garantie des Existenzminimums an Nahrung, Kleidung, Wohnung und ärztlicher Hilfe für jeden Mitbürger ohne Unterschied. Dies, aber nicht mehr, zu gewähren, ist Aufgabe und Pflicht der Gesellschaft; und ist möglich für die Gesellschaft. Was drüber hinausgeht, ist Sache des Einzelnen und muß ihm überlassen bleiben, Popper hält die volle Ausschaltung des privaten Gewinnstrebens, der freien Privatwirtschaft, wie sie etwa eine radikale Sozialisierung (z. B. der „wissenschaftlichen“ Sozialisten) sich denkt, für unmöglich (utopisch!) und auch nicht für wünschenswert.
Die Voraussetzung der Lieferung des Existenzminimums an jeden Einzelnen, und zwar nicht in Geld, sondern in Natura, und zugleich die Gegenleistung des Einzelnen an das Ganze, ist die Einführung einer allgemeinen Dienstpflicht, die Aufstellung einer „Nährpflichtarmee“, in der alle männlichen und weiblichen Bürger eine bestimmte Zeit zu dienen haben; und die Gründung der nötigen Anzahl landwirtschaftlicher und industrieller Großbetriebe. Die Dienstzeit in der Nährarmee müßte nach Poppers Berechnung in Deutschland für Männer 13 Jahre und für Frauen 8 Jahre (vom 18. bis 30. bzw. vom 18. bis 25. Lebensjahr) dauern; bei einer täglichen Arbeitszeit von 7 bis 7½ Stunden.
Popper trennt also das zum Leben Notwendige vom Überflüssigen. Für dieses will er die freie Wirtschaft mit Geld als Tauschmittel und freier Konkurrenz, also den „Kapitalismus“, erhalten wissen. Jenes will er „sozialisieren“: es soll durch die allgemeine Nährpflicht beschafft und „umsonst“, unter Vermeidung jeder Art von Geldwirtschaft, an jeden Staatsangehörigen von der Geburt bis zum Tode verteilt werden.
Sein Programm lautet dementsprechend:
„Die soziale Frage (als Frage nach der gesicherten Lebenshaltung aller) ist zu lösen durch die Institution einer Minimum- oder Nährarmee, die alles das produziert oder herbeischaffen hilft, was nach den Grundsätzen der Physiologie und Hygiene den Menschen notwendig ist; und falls es beschafft werden kann, noch etwas darüber hinaus, das heißt das, was zum Zwecke einer behaglicheren Lebenshaltung als wünschenswert gilt.
Die Versorgung dieses Lebens- oder Existenzminimums geschieht in natura, also nicht in Geldform, ausnahms- und bedingungslos für alle dem Staate angehörigen Menschen; nur werden die Tauglichen unter ihnen durch eine allgemeine Nährpflicht verhalten, eine bestimmte Anzahl von Jahren in der Minimuminstitution, welche einem Ministerium für Lebenshaltung unterstellt ist, tätig zu sein.
Die Minimuminstitution sichert jedem: Nahrung, Wohnung nebst Wohnungseinrichtung, Kleidung, ärztliche Hilfe und Krankenpflege. Alles das, was nicht zu diesem Minimum gehört, gilt als Luxus und bleibt der bisherigen freien Geldwirtschaft, mit Privateigentum und Vertragsfreiheit, vorbehalten, welche, da die Existenz aller gesichert ist, eventuell noch freier betrieben werden kann als heute.
Neben dem in natura verteilten Existenzminimum wird noch ein sekundäres oder kulturelles Minimum ebenfalls bedingungslos, jedoch in Geldform, ausgeteilt, das es ermöglichen soll, Luxusbedürfnisse — durch Kauf aus der freien Privatwirtschaft — zu befriedigen.“
Dem Leser wird die Verwandtschaft Poppers mit Wichard v. Moellendorff (auch einem Ingeniör!) aufgefallen sein. Auch dieser geht von der Unterscheidung zwischen Existenzminimum und Luxus aus. Jenes wünscht er sozialistisch und arbeitsteilig zu befriedigen; diesen will er freigeben, allerdings unter Ausschaltung arbeitsteiliger Arbeit, bei der Arbeitgeber und Arbeitnehmer entstehen. Popper-Lynkeus würde Moellendorff vielleicht entgegnen, daß das Verbot arbeitsteiliger Produktion für die freie Wirtschaft in seinem Staate gar nicht nötig sein werde, da nach dem Wegfall der Hungerpeitsche der Arbeiter ganz von selber dem Arbeitgeber gegenüber in eine andere Machtposition rückte, weil dann wahrscheinlich (um mit Oppenheimer zu reden) nicht mehr zwei Arbeiter einem Unternehmer, sondern zwei Unternehmer einem Arbeiter nachlaufen würden.