Schlagwort: Erich Schairer

  • Leitartikel 1927

    Kleine Chronik zum Einordnen der Leitartikel in den historischen Kontext

    31. Januar: Die alliierte Militärkommission stellt ihre Tätigkeit ein und verlässt Deutschland.

    19. März: In Berlin kommt es zwischen bewaffneten Verbänden der Nationalsozialisten und der Kommunisten zu schweren Straßenschlachten.

    18. April: In Vorbereitung auf die Chinesische Wiedervereinigung wird in Nanjing die Bildung einer Nationalregierung proklamiert.

    4. Mai: Zwischen den USA und Nicaragua wird der Vertrag von Espino Negro (auch „Treaty of Tipitapa“) geschlossen, der den USA jederzeit militärische Interventionen in Nicaragua gestattet und die dortige Polizei unter US-amerikanischen Befehl stellt.

    9. Mai: Das 14 Jahre zuvor gegründete Canberra wird neue Hauptstadt Australiens und löst damit Melbourne ab.

    27. Mai: Großbritannien bricht seine diplomatischen Beziehungen zur Sowjetunion ab und kündigt einen beiderseitigen Handelsvertrag, da Russland den Streik britischer Bergleute unterstützt hat.

    1. Juni: Der Hindenburgdamm, der die Insel Sylt mit dem Festland verbindet, wird eröffnet.

    15. Juli: In Wien wird im Zuge der so genannten Julirevolte der Justizpalast nach einem Skandalurteil gestürmt und in Brand gesteckt.

    7. August: Während des Nordfeldzuges kündigt die Kommunistische Partei Chinas das bestehende Bündnis mit der Kuomintang.

    23. August: Sacco und Vanzetti werden auf dem elektrischen Stuhl hingerichtet.

    11. September: Während des von der Komintern initiierten Herbsternte-Aufstands führen erstmals kommunistische Truppen unter der Führung Mao Zedongs gezielte Kampfhandlungen gegen die Nationalrevolutionäre Armee der Kuomintang durch, womit der Chinesische Bürgerkrieg beginnt.

    18. September: Einweihung des Tannenberg-Denkmals in Ostpreußen

    Abschaffung der Lanze als offizielle Gefechtswaffe in der britischen Armee und der Reichswehr

  • Leitartikel 1928

    Kleine Chronik zum Einordnen der Leitartikel in den historischen Kontext

    1. Januar: Die Visumpflicht zwischen dem Deutschen Reich und Großbritannien wird aufgehoben.

    30. März: Der deutsche Reichstag beschließt gegen die Stimmen von SPD und KPD ein Kriegsschiffbau-Programm, etwa zehn Millionen Mark werden bewilligt. Im Wahlkampf bricht ein Proteststurm los (»Kinderspeisung statt Panzerkreuzer!«)[1]

    20. Mai: Reichstagswahlen in Deutschland: Verluste der DNVP (von 20.5 auf 14,3 %) und der liberalen Parteien; Stimmengewinne der SPD (von 26,0 % auf 29,8 %).

    12. Juni: Der deutsche Reichskanzler Wilhelm Marx vom Zentrum tritt nach der Wahlniederlage seiner Partei bei den Reichstagswahlen zurück.

    14. Juni: Paul Löbe, Sozialdemokratische Partei Deutschlands wird in Berlin erneut zum Reichstagspräsidenten gewählt.

    20. Juni: Im Parlament des Königreiches der Serben, Kroaten und Slowenen in Belgrad schießt ein serbischer Abgeordneter während einer Sitzung fünf kroatische Abgeordnete nieder. Der Führer der kroatischen Bauernpartei, Stjepan Radić, wird tödlich verwundet, zwei weitere Abgeordnete sterben ebenfalls an den Folgen des Anschlags.

    1. August: In Zagreb treten die kroatischen Abgeordneten zusammen und sprechen sich unter dem Eindruck des Attentats vom Juni für eine Separation vom Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen aus.

    27. August: In Paris wird der Briand-Kellogg-Pakt unterzeichnet, der Kriege als Mittel der Politik ablehnt.

  • Leitartikel 1926

    Kleine Chronik zum Einordnen der Leitartikel in den historischen Kontext

    20. Januar: Dem Kabinett Luther I folgt das Kabinett Luther II.

    8. Februar: Deutschland beantragt die Aufnahme in den Völkerbund.

    18. Februar: Die türkische Regierung beschließt, die Polygamie und das Haremssystem abzuschaffen und das Schweizer Zivilgesetzbuch (ZGB) zu übernehmen.

    20. April: Der amerikanische Finanzminister Andrew Mellon und der französische Botschafter in Washington, Henri Bérénger, schließen ein Fundierungsabkommen über Frankreichs interalliierte Kriegsschulden aus dem Ersten Weltkrieg.

    24. April: Berliner Vertrag. Deutschland schließt mit der UdSSR einen Freundschaftsvertrag.

    25. April: In Teheran wird Reza Pahlavi zum neuen Schah Persiens gekrönt.

    4. bis 12. Mai: England: Bergwerksbesitzer wollen Lohnkürzungen und Arbeitszeitverlängerungen durchsetzen und betreiben Aussperrung; der Gewerkschaftsbund (Trades Union Congress) ruft zu einem landesweiten Generalstreik auf. Dieser wird allgemein befolgt und legt das Land weitgehend lahm. Die Regierung setzt die Armee ein.

    12. bis 15. Mai: Maiputsch in Polen durch Marschall Józef Piłsudski.

    18. Mai: Misstrauensvotum gegen Hans Luther im Reichstag (Näheres hier). Ihm folgt das Kabinett Marx III.9. Juli

    Mit dem Ziel der Wiedervereinigung Chinas startet die Kuomintang den Nordfeldzug.

    8. September: Einstimmige Aufnahme Deutschlands in den Völkerbund

    17. Oktober: Kim Il-sung gründet den in nordkoreanischen Kommunistischen Verband zur Zerschlagung des Imperialismus.

    31. Oktober: In Bologna versucht der fünfzehnjährige Anteo Zamboni den faschistischen Ministerpräsidenten Benito Mussolini bei einer Gedenkparade an den Marsch auf Rom zu erschießen. Der Attentäter wird von umstehenden Faschisten attackiert und gelyncht. Er stirbt am selben Tag.

    10. Dezember: Der deutsche Außenminister Gustav Stresemann erhält gemeinsam mit seinem französischen Amtskollegen Aristide Briand den Friedensnobelpreis.

  • Leitartikel 1925

    Kleine Chronik zum Einordnen der Leitartikel in den historischen Kontext

    1. Januar: Die norwegische Hauptstadt Christiania erhält wieder ihren früheren Namen Oslo.

    17. Februar: Der kurdische Scheich-Said-Aufstand in der Türkei beginnt.

    27. Februar: Im Münchner Bürgerbräukeller wird die NSDAP neu gegründet und deutschlandweit organisiert. Adolf Hitler hat seinen ersten Auftritt nach seiner Haft.

    27. Februar: Die türkische Armee beginnt mit Luftangriffen und einer großen Bodenoffensive den kurdischen Scheich-Said-Aufstand zu bekämpfen.

    6. März: Die belgischen Ostkantone werden nach fünfjähriger Übergangszeit unter dem Hochkommissar Herman Baltia endgültig ein Teil Belgiens. Der deutsche Gebietsverlust wurde im Friedensvertrag von Versailles festgelegt.

    29. März: Bei den ersten Reichspräsidentenwahlen der Weimarer Republik erreicht kein Kandidat die absolute Mehrheit – die meisten Stimmen erhält der DVP-Politiker Karl Jarres.

    4. April: Als Leibwache für Adolf Hitler wird die SS gegründet. Sie entwickelt sich in der Zeit des Nationalsozialismus zu einer paramilitärischen Organisation.

    7. April: Ersuchen Hitlers um Entlassung aus der österreichischen Staatsangehörigkeit, dem am 30. April 1925 stattgegeben wird.

    10. April: Die Stadt Zarizyn an der Wolga wird in Stalingrad umbenannt.

    25. April: Der Monarchist Paul von Hindenburg wird gegen den Zentrums-Kandidaten Wilhelm Marx zum Reichspräsidenten gewählt, u. a. auch mit den Stimmen der Mitte-Parteien DVP und BVP (Reichspräsidentenwahl 1925).

    30. Mai: Nationale Revolution in China.

    16. Juni: Volkszählung in Deutschland: 62,5 Millionen Einwohner ohne das Saargebiet.

    17. Juni: Das Genfer Protokoll zur Ächtung von chemischen und biologischen Waffen tritt in Kraft.

    18. Juni: Das Reichsgericht hebt die einzige beschlossene Fürstenenteignung in der Weimarer Republik auf. Das entsprechende Landesgesetz im Freistaat Sachsen-Gotha über die Einziehung von Besitz des Fürstenhauses Sachsen-Coburg und Gotha sei nicht verfassungsgemäß.

    18. Juli: Adolf Hitler veröffentlicht sein Buch Mein Kampf.

    Juli/August: Die französischen und belgischen Truppen räumen das RuhrgebietDuisburg und Düsseldorf.

    26. August: Sein Nachfolger Paul von Hindenburg hebt das von Reichspräsident Friedrich Ebert 1921 verfügte Verbot, in der Öffentlichkeit Uniform zu tragen, auf.

    18. September: Als erste größere Partei in Europa erhebt die SPD in ihrem beschlossenen Heidelberger Programm die Forderung nach Verwirklichung der Vereinigten Staaten von Europa.

    23. September: In der Sowjetunion werden alle 19 bis 40 Jahre alten Werktätigen gesetzlich verpflichtet, eine fünfjährige Wehrpflicht abzuleisten.

    17.–19. Oktober: 1. Deutscher Reichskriegertag in Leipzig.

    4. November: Hitlers erste Rede in Braunschweig. In Bayern, Hamburg und Preußen sind Hitlerreden verboten.

    20. November: Der Münchner Dolchstoßprozess endet im Gerichtsurteil mit der Erkenntnis, dass der beklagte Paul Nikolaus Cossmann bei der Verbreitung der Dolchstoßlegende einem Irrtum erlegen sei.

    30. November: Die Besatzungsmächte beginnen, die ‚Kölner Zone‘ im besetzten Rheinland zu räumen.

    1. Dezember: Unterzeichnung der Verträge von Locarno als Abschluss der Verhandlungen vom 5. bis 16. Oktober. Unterzeichnung durch Reichskanzler Hans Luther. Deutschland, Belgien und Frankreich verzichten auf eine gewaltsame Revision ihrer Grenzen.

    5. Dezember: Die Unterzeichnung der Verträge von Locarno löst eine Krise in der deutschen Regierung („Locarnokrise“) aus. Die DNVP verlässt die Koalition, den Bürgerblock. Die Verträge können dank der Oppositionsparteien SPD und DDP dennoch im Reichstag ratifiziert werden.[1] Das Kabinett Luther I besteht noch bis zum 20. Januar 1926.

    15. Dezember: Reza Pahlavi legt vor dem iranischen Parlament (Madschles) den Amtseid als Schah von Persien ab.

    17. Dezember: Mohammad Reza Pahlavi wird Kronprinz.

    26. Dezember: Die türkische Nationalversammlung beschließt die Einführung des Gregorianischen Kalenders mit Wirkung ab 1. Januar 1926.

  • Leitartikel 1929

    Kleine Chronik zum Einordnen der Leitartikel in den historischen Kontext

    1. Januar: Der in München aufgelegte Völkische Beobachter erscheint erstmals als Berliner Ausgabe.

    11. Februar: Der Staat der Vatikanstadt (Stato della Città del Vaticano) wird nach den Lateranverträgen ein unabhängiger Staat.

    4. März: Amtseinführung von Herbert Hoover als 31. US-Präsident. Er löst Calvin Coolidge ab.

    7. März: Blutnacht von Wöhrden: Bei einem Zusammenstoß zwischen NSDAP und KPD werden drei Menschen getötet.

    1.–3. Mai: Am sogenannten Blutmai werden in Berlin bei Unruhen und hartem Vorgehen der Polizei 33 Zivilisten getötet und zahlreiche Demonstranten und Unbeteiligte verletzt.

    14. Juni: Konkordat zwischen dem Heiligen Stuhl und Preußen

    1. August: Preußisches Gesetz zur kommunalen Neuordnung des rheinisch-westfälischen Industriegebiets. Die Städte Essen und Dortmund erhalten großzügige Gebietszuwächse. Aus den Städten Elberfeld und Barmen entsteht der neue Stadtkreis Barmen-Elberfeld, der 1930 in Wuppertal umbenannt wird. Duisburg und Hamborn vereinigen sich zum neuen Stadtkreis Duisburg-Hamborn. Bereits am 29. Juli 1929 wird aus den Stadtkreisen Oberhausen, Osterfeld und Sterkrade die neue Stadt Oberhausen gebildet.

    24. August: Das zweitägige Massaker von Hebron kostet 67 Menschen das Leben und führt zur Vertreibung aller Juden aus der Stadt. Sie verlieren alles Hab und Gut, das sie nicht tragen können.

    24. September: Die sowjetische Regierung verfügt per Dekret, dass ab 1. Oktober eine Woche zu fünf Tagen eingeführt werde. Nach vier Arbeitstagen folgt ein Ruhetag, Samstag und Sonntag werden abgeschafft. Damit soll die Produktivität gesteigert und das herkömmliche durch ein revolutionäres Kalendersystem abgelöst werden.

    3. Oktober: König Alexander I. lässt während einer Staatskrise das Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen in Jugoslawien umbenennen.

    24. Oktober: Schwarzer Donnerstag an der New Yorker Börse, Beginn der Weltwirtschaftskrise

    25. Oktober: Schwarzer Freitag

    10. Dezember: In Deutschland tritt das Opiumgesetz (Vorläufer des Betäubungsmittelgesetzes) in Kraft – seitdem sind auch Genuss und Besitz von Cannabis verboten.

    22. Dezember: Der von rechten Gruppierungen initiierte Volksentscheid gegen den Young-Plan scheitert.

  • Leitartikel 1930

    Kleine Chronik zum Einordnen der Leitartikel in den historischen Kontext

    14. Januar: Eine kommunistische Gruppe überfällt den Nationalsozialisten Horst Wessel, der den Text für das SA-Kampflied „Die Fahne hoch“ verfasst hat. Er stirbt am 23. Februar an der erlittenen Schussverletzung. Die NSDAP nutzt Wessels Tod propagandistisch: er wird zum „Märtyrer der Bewegungstilisiert.

    27. März: Das Kabinett Müller II, eine große Koalition, zerbricht wegen Streit zwischen SPD und DVP über Finanzierungsbeiträge zur Arbeitslosenversicherung. (Anfang vom Ende der Weimarer Republik)

    29. März: Heinrich Brüning wird zum Reichskanzler ernannt.

    30. Juni: Die alliierte Rheinlandbesetzung endet fünf Jahre früher als ursprünglich beabsichtigt. Mit dem Truppenabzug folgen die Siegermächte des Ersten Weltkriegs Vereinbarungen im Umfeld des Young-Plans.

    18. Juli: Auflösung des Reichstages durch Reichspräsidenten Paul von Hindenburg

    22. Juli: Nationale Befreiungsfeier zum Ende der Alliierten Rheinlandbesetzung in Koblenz unter Teilnahme von Reichspräsident Paul von Hindenburg

    14. September: Bei der Reichstagswahl 1930 wird die NSDAP zweitstärkste Partei.

    1. Oktober: Nach Landtagswahlen im Freistaat Braunschweig entsteht dort die reichsweit erste Koalition mit NSDAP-Beteiligung, sie bildet mit der DNVP eine Regierung. Die NSDAP stellt den Minister für Inneres und Volksbildung.

    Unterzeichnung der Haager Schlussakte, mit der die Reparationszahlungen Deutschlands abschließend geregelt werden

  • Leitartikel 1931

    Kleine Chronik zum Einordnen der Leitartikel in den historischen Kontext

    1931/1932: Die Wirtschaftskrise in Deutschland erreicht ihren Höhepunkt. Es gibt 70.000 Konkurse und 6 Millionen Arbeitslose.

    1. Januar: Die NSDAP-Reichsleitung zieht in das Braune Haus in München.

    24. März: Carl Duisberg fordert auf der Tagung „Wirtschaft in Not“ des Bayrischen Industriellen-Verbandes einen „geschlossenen Wirtschaftsblock von Bordeaux bis Sofia“.

    11. Mai: Die Österreichische Credit-Anstalt erklärt ihre Zahlungsunfähigkeit und löst damit eine erhebliche Finanzkrise aus. Das Kreditinstitut wird in der Folge durch Sanierungsmaßnahmen und mit staatlicher Hilfe vor dem endgültigen Ruin gerettet.

    20. Juni: Um das in der Weltwirtschaftskrise geschwundene Vertrauen der Kapitalmärkte zu stärken, schlägt der amerikanische Präsident Herbert Hoover ein einjähriges Moratorium für Reparationen und Interalliierte Kriegsschulden vor.

    13. Juli: Die Zahlungsunfähigkeit der Darmstädter und Nationalbank verursacht eine Bankenkrise, der anschließend mehrere kleine Banken zum Opfer fallen.

    13. Juli: Die durch die Deutsche Bankenkrise illiquide Danatbank öffnet ihre Schalter nicht. Sparer stürmen die übrigen deutschen Banken und Sparkassen, um ihre Einlagen zu retten. Dadurch werden auch andere Banken illiquide.

    14. Juli: Die Deutsche Bankenkrise führt zur Anordnung mehrerer allgemeiner Bankfeiertage in Deutschland durch die Regierung Brüning durch mehrere Notverordnungen, um einem Ansturm verunsicherter Kunden zwecks Rückzahlung ihrer Einlagen vorzubeugen.

    5. August: Der Zahlungsverkehr wird wieder vollständig freigegeben.

    18. September: Japan marschiert in der Mandschurei (China) ein und besetzt sie bis Anfang 1932 (siehe Mandschurei-Krise)

    11. Oktober: Bildung der Harzburger Front. Nationale Opposition (NSDAP, DNVP, Stahlhelm, Bund der Frontsoldaten) gegen Eiserne Front (SPD, Gewerkschaften, Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold)

    17./18. Oktober: Adolf Hitler demonstriert mit einem Massenaufmarsch von 100.000 Mann in Braunschweig.

    6. November: In der deutschen Bankenkrise werden durch eine Notverordnung des Reichspräsidenten Paul von Hindenburg die Sparkassen mit der Rechtsform Anstalt des öffentlichen Rechts ausgestaltet. Ihr Vermögen ist vom – zumeist kommunalen – Gewährträger zu trennen, das Institut darf ihm nur begrenzt Kommunalkredit gewähren.

    16. Dezember: In der Eisernen Front formieren sich vor allem Sozialdemokraten und Gewerkschafter in der Zeit der Weimarer Republik im Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Sie wollen damit ein Gegengewicht zur rechtsextremen Harzburger Front schaffen.

  • Leitartikel 1932

    Kleine Chronik zum Einordnen der Leitartikel in den historischen Kontext

    15. Januar: Über sechs Millionen Menschen sind in Deutschland arbeitslos.

    26. Januar: Hitlers Rede vor dem Industrie-Club Düsseldorf

    25. Februar: Adolf Hitler erlangt die deutsche Staatsbürgerschaft.

    13. März: Im ersten Wahlgang der Reichspräsidentenwahl siegt Amtsinhaber Paul von Hindenburg klar vor Adolf Hitler, verfehlt aber knapp die absolute Mehrheit.

    10. April: Paul von Hindenburg wird im zweiten Wahlgang mit 53 % der Stimmen wieder zum deutschen Reichspräsidenten gewählt.

    13. April: Das Verbot der SA und SS wird in Deutschland vom Minister Wilhelm Groener in der Regierung Brüning verfügt. Es kostet den Kanzler Sympathien beim Reichspräsidenten Paul von Hindenburg und wird im Juni von der Regierung Franz von Papen wieder aufgehoben.

    13. Mai: Rücktritt des Reichswehr- und Innenministers Wilhelm Groener

    30. Mai: Rücktritt des Reichskanzlers Heinrich Brüning

    9. Juli: Die deutsche Regierung unter Franz von Papen erreicht am Ende der Konferenz von Lausanne ein Ende der im Versailler Vertrag auferlegten Reparationszahlungen. Die Opposition im Reichstag empfindet das Verhandlungsergebnis als unzureichend.

    17. Juli: Beim Altonaer Blutsonntag, einer Schießerei zwischen Kommunisten, Nationalsozialisten und der Polizei, kommen 18 Menschen ums Leben, 285 werden verletzt.

    20. Juli: Beim sog. Preußenschlag wird auf Initiative von Reichskanzler Franz von Papen durch eine Notverordnung und unter Ausrufung des militärischen Ausnahmezustands die geschäftsführende preußische Regierung, unter Leitung von Otto Braun, für abgesetzt erklärt.

    25. Juli: Polen und die Sowjetunion schließen einen Nichtangriffspakt.

    31. Juli: Nach der Reichstagswahl stellt die NSDAP erstmals die stärkste Fraktion.

    12. September: Reichskanzler von Papen wird durch einen Misstrauensantrag gestürzt und der Reichstag durch den Reichspräsidenten Hindenburg aufgelöst.

    12. Oktober: Konkordat zwischen dem Heiligen Stuhl und Baden

    6. November: Reichstagsneuwahlen, Stimmenverluste der Nationalsozialisten

    17. November: Rücktritt des durch Hindenburg gestützten Reichskanzlers Franz von Papen

    20. November: Mit der Industrielleneingabe an Hindenburg fordern 20 Vertreter aus der Wirtschaft Hitler zum Reichskanzler zu ernennen.

    29. November: Frankreich und die Sowjetunion schließen einen Nichtangriffspakt.[1]

    3. Dezember: Kurt von Schleicher wird von Hindenburg zum Reichskanzler berufen und mit der Bildung eines neuen Präsidialkabinetts beauftragt, nachdem Franz von Papen zuvor an Koalitions-Absagen von SPD und Zentrum gescheitert ist.

    8. Dezember: Rücktritt Gregor Strassers von allen Parteiämtern

  • Leitartikel 1924

    Kleine Chronik zum Einordnen der Leitartikel in den historischen Kontext

    1. Januar: Die Großdeutsche Volksgemeinschaft wird als Ersatzorganisation für die nach dem Fehlschlag des Hitlerputsches in München verbotene NSDAP gegründet.

    9. Januar: Ein rechtsextremer Trupp unter dem Kommando Edgar Jungs ermordet in Speyer den Pfälzischen Separatisten Heinz Orbis. Der Bischof von Speyer, Ludwig Sebastian, verweigert Heinz Orbis ein kirchliches Begräbnis.

    21. Januar: UdSSR. Tod von Lenin (Wladimir Iljitsch Uljanow)

    26. Januar: Die Stadt Petrograd wird vom zweiten Räte-Kongress der UdSSR in Leningrad umbenannt. Man will damit den verstorbenen Revolutionär und Staatsgründer Lenin dauerhaft ehren.

    12. Februar: Mit dem Sturm auf das Bezirksamt in Pirmasens endet die separatische Episode in der Pfalz. Es kommen 23 Menschen zu Tode, es gibt viele Verletzte

    24. Februar: In Magdeburg wird das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold als Organisation aller republiktreuen Frontkämpfer gegründet

    3. März: Die Türkei beschließt die Abschaffung des Kalifats.

    29. März: Konkordat zwischen dem Heiligen Stuhl und Bayern

    1. April: Der Hitler-Prozess endet mit einem Quasi-Freispruch.

    4. Mai: Bei der Reichstagswahl in der Weimarer Republik erringen die republikfeindlichen radikalen Parteien (Kommunisten und Nationalsozialisten) starke Gewinne.

    11. Mai: „Deutscher Tag“ in Halle; Sammlung von rechtsradikalen Frontsoldaten und Freikorpskämpfer zum Sturz der Republik

    Mitte Juli: Die KPD gründet den Rotfrontkämpferbund als Gegenorganisation zum Reichsbanner. Führer sind Ernst Thälmann und Willy Leow.

    7. Dezember: Sieben Monate nach der letzten Wahl finden im Deutschen Reich eine neuerliche Reichstagswahl statt. Sie endet im Vergleich mit der Wahl vom Mai mit einer gewissen Stabilisierung der staatstragenden Parteien und bedeuteten eine klare Niederlage für die extreme Rechte und Linke.

    20. Dezember: Hitler wird vorzeitig aus der Festungshaftanstalt Landsberg am Lech entlassen.

  • Leitartikel 1923

    Kleine Chronik zum Einordnen der Leitartikel in den historischen Kontext 

    2. Januar: Konferenz über die durch die Weimarer Republik zu leistenden Reparationszahlungen

    10. Januar: Litauische Freischärler besetzen das unter französischer Verwaltung stehende Memelland.

    11. Januar: Im Konflikt um die deutschen Reparationsleistungen beginnen französische und belgische Truppen mit der Besetzung des Ruhrgebiets.

    25. Februar: Die Existenz der Mikronation Freistaat Flaschenhals wird durch französische Truppen beendet.

    11. August: Deutschland stellt die Reparationslieferungen ein.

    12. August: Sturz der Regierung Wilhelm Cuno

    13. August: Gustav Stresemann (DVP) wird neuer Reichskanzler.

    30. August: Martialische Einweihung des Fliegerdenkmals auf der Wasserkuppe in der Rhön durch den Ring der Flieger e. V..

    26. September: „Ruhrkampf“: Gustav Stresemann erklärt das Ende des passiven Widerstands.

    27. September: In Deutschland wird wegen des Separationsversuchs von Bayern nach dem Ende des passiven Widerstandes der Ausnahmezustand erklärt.

    21. Oktober: In Aachen und Koblenz wird die „Rheinische Republik“ ausgerufen.

    22. Oktober: Die Duisburger Gruppe des Rheinischen Unabhängigkeitsbundes ruft die „Rheinische Republik“ aus.

    23. Oktober: Der ehemalige bayerische Ministerpräsident Johannes Hoffmann erklärt sich mit einigen Sozialdemokraten bereit, einen unabhängigen Pfälzischen Staat innerhalb des Deutschen Reiches zu gründen. Der Vorschlag stößt bei der Beamtenschaft und den Parteien auf Ablehnung. Auch die pfälzische Sozialdemokratie distanziert sich von Hoffmann.

    23. Oktober: Beginn des Hamburger Aufstandes der KPD in Hamburg und Schleswig-Holstein

    29. Oktober: Reichsexekution gegen Sachsen wegen der Regierungsbeteiligung der KPD unter Ministerpräsident Erich Zeigner (SPD)

    6. November: Reichsexekution gegen Thüringen wegen der Regierungsbeteiligung der KPD unter Ministerpräsident August Frölich (SPD)

    8. November: Hitler-Ludendorff-PutschAdolf Hitler besetzt mit Erich LudendorffHermann Göring und anderen Nationalsozialisten den Bürgerbräukeller in München und verkündet, die „nationale Revolution“ sei ausgebrochen und die Reichsregierung der Weimarer Republik abgesetzt.

    9. November: Hitler und seine Anhänger stürmen die Feldherrnhalle in München. Der Marsch wird blutig gestoppt, 16 Putschisten und vier Polizisten fallen zum Opfer.

    12. November: Heinz Orbis proklamiert in Speyer die Autonome Pfälzische Republik.

    14./15. November Höhepunkt der bewaffneten Auseinandersetzungen im Siebengebirge im Zusammenhang mit der Rheinischen Republik.

    23. November: General Hans von Seeckt verbietet nach Aufstandsversuchen in Deutschland die KPD, die NSDAP und die Deutschvölkische Freiheitspartei.

    27. November Die Regierung der Rheinischen Republik löst sich in Koblenz auf.

    30. November: Wilhelm Marx, Mitglied der Zentrumspartei, wird Reichskanzler.

    Übernahme des bayrischen Heeres in die Reichswehr

  • Leitartikel 1922

    Kleine Chronik zum Einordnen der Leitartikel in den historischen Kontext 

    3. April: Josef Stalin wird Generalsekretär der KPdSU.

    16. April: Vertrag von Rapallo zwischen Deutschland und Russland. Beide Länder verzichten auf den Ersatz der Kriegskosten und -schäden.

    Juni: Hitler wird wegen seiner aufrührerischen Reden zu einer vierwöchigen Gefängnisstrafe verurteilt.

    20. Juni: Ostoberschlesien wird vom Deutschen Reich an Polen abgetreten.

    24. Juni: Der deutsche Reichsaußenminister Walther Rathenau wird von Nationalsozialisten ermordet.

    1. August: Erklärung des britischen Lord President of the Council Arthur Balfour, wonach Großbritannien nur so viel an Reparationen von Deutschland und Kriegsschulden von seinen ehemaligen Verbündeten einfordern werde, wie zur Bedienung seiner eigenen Kriegsschulden bei den Vereinigten Staaten nötig sei.

    11. August: Reichspräsident Friedrich Ebert bestimmt das Lied der Deutschen zur Nationalhymne des Deutschen Reiches.

    4. Oktober: In den Genfer Protokollen wird das Anschlussverbot an Deutschland von Österreich ein weiteres Mal akzeptiert. Im Gegenzug erhält Österreich zur Bewältigung der Hyperinflation nach dem Ersten Weltkrieg 650 Millionen Goldkronen aus einer Anleihe des Völkerbundes.

    28. Oktober: Mussolinis Marsch auf Rom, der ihn am 31. Oktober auch an die Macht bringt.

    30. Dezember: Gründung der Sowjetunion

  • Leitartikel 1921

    Kleine Chronik zum Einordnen der Leitartikel in den historischen Kontext 

    5. Januar: Anlässlich drohender Streiks erhöht die deutsche Reichsregierung die Bezüge der Eisenbahner um 55 bis 70 %.

    8. März: Franzosen und Belgier besetzen die Städte Duisburg und Düsseldorf und sichern sich diese als Pfand für die Zahlung der Reparationen.

    19. März: Preußische Polizei wird zur Wiederherstellung der Ordnung in MansfeldHettstedt und Eisleben eingesetzt. Die Vereinigte Kommunistische Partei Deutschlands verlegt deswegen einen ohnehin geplanten Aufstand vor. Die Märzkämpfe in Mitteldeutschland setzen ein.

    20. März: Eine Volksabstimmung in Oberschlesien ergibt überraschend eine Mehrheit von 60 % für Deutschland.

    24. April: Volksabstimmung in Tirol: 98,5 % Stimmen für den Anschluss an das Deutsche Reich. Die Abstimmung hat jedoch keine Folgen.

    3. Mai: Beginn des dritten polnischen Korfanty-Aufstandes in Oberschlesien

    11. Mai: Die deutsche Reichsregierung unter Reichskanzler Joseph Wirth befolgt das unter der Drohung einer Ruhrgebietsbesetzung stehende Londoner Ultimatum der Alliierten vom 5. Mai, das Anlass zum Rücktritt des Kabinetts Fehrenbach war. Die deutschen Reparationen sollen 132 Milliarden Goldmark ausmachen, wie auf der Londoner Konferenz von den Siegern gegen starken deutschen Protest geregelt.

    23. Mai: Deutsche Truppen stürmen unter Generalleutnant Karl Hoefer und britischer Aufsicht den von polnischen Aufständischen besetzten Wallfahrtsort St. Annaberg in Oberschlesien

    29. Mai: Volksabstimmung in Salzburg: 99,5 % Stimmen für den Anschluss an das Deutsche Reich. Die Abstimmung hat jedoch keine Folgen.

    29. Juli: Adolf Hitler wird durch Mitgliederversammlung zum Parteivorsitzenden der NSDAP gewählt. Er bekommt diktatorische Macht und propagiert die Durchsetzung politischer Ziele mitunter auch mit Gewalt.

    12. August: In Berlin wird nach einem Hilfeaufruf Lenins die KPD-nahe Internationale Arbeiterhilfe gegründet, die in Notlagen aus ihrem Spendenaufkommen Unterstützungen leistet.

    26. August: Der Reichsfinanzminister Matthias Erzberger wird bei Bad Griesbach im Schwarzwald Opfer eines der politisch motivierten Fememorde in der Weimarer Republik.

    14. bis 16. Dezember: Bei der Volksabstimmung in Ödenburg entscheidet sich die Stadt Ödenburg für Ungarn.

    Deutsch-Westungarn das seit über 1000 Jahren die überwiegende Zeit zum Königreich Ungarn gehörte, wird entsprechend dem Vertrag von Saint-Germain als Bundesland Burgenland in die Republik Österreich eingegliedert.

  • Leitartikel 1920

    Kleine Chronik zum Einordnen der Leitartikel in den historischen Kontext

    10. Januar: Der Friedensvertrag von Versailles tritt in Kraft.

    13. Januar: Blutbad vor dem Reichstag. Bei Protesten gegen die Verabschiedung des Betriebsrätegesetzes werden vor dem Berliner Reichstagsgebäude 42 Demonstranten von der Sicherheitswehr erschossen und 105 verwundet.

    4. Februar: Einer Regelung des Versailler Vertrags folgend verlassen die deutschen Behörden das Hultschiner Ländchen. Es fällt an die Tschechoslowakei, obwohl eine überwältigende Bevölkerungsmehrheit nach einer Umfrage beim Deutschen Reich bleiben möchte.

    4. Februar: Das Betriebsrätegesetz wird erlassen. Damit gibt es für Betriebe ab einer Größe von zwanzig Beschäftigten die Verpflichtung, Betriebsräte wählen zu lassen.

    10. Februar: Im ersten Teil der Volksabstimmung in Schleswig stimmt Nordschleswigs Bevölkerung mehrheitlich für die Vereinigung mit Dänemark.

    24. Februar: Die NSDAP wird durch Umbenennung der Deutschen Arbeiterpartei (DAP) im Hofbräuhaus München gegründet.

    12. März: Am späten Abend und in der Nacht marschieren meuternde Reichswehr-Offiziere mit ihren Leuten nach Berlin. Der abgesetzte General Walther von Lüttwitz steuert die Operation, die den Auftakt zum Kapp-Putsch bildet.

    13. März: Artur Mahraun gründet den Jungdeutschen Orden und wird zum Vorsitzenden (Hochmeister) gewählt.

    13.–17. März: Putsch des Generallandschaftsdirektors Wolfgang Kapp, der mit seiner „Brigade Ehrhardt“, einem ehemaligen Freikorps, und einigen Truppenteilen der Reichswehr Berlin besetzt und die Regierung zur Flucht zwingt.

    15. März: Im Deutschen Reich findet als Reaktion auf den Kapp-Putsch der bislang größte Generalstreik statt. 12 Millionen Menschen folgen einem Aufruf verschiedener Organisationen und Parteien. Im Westen bricht sich der Ruhraufstand Bahn.

    1. April: Der Staatsvertrag zur Gründung der Reichseisenbahnen (später Deutsche Reichsbahn) unter der Hoheit des Deutschen Reiches tritt in Kraft.

    2. April: Einheiten der Reichswehr marschieren im Ruhrgebiet ein, um den kommunistischen Ruhraufstand niederzuschlagen, der als Reaktion auf den Kapp-Putsch ausgebrochen ist.

    1. Mai: Schaffung des Landes Thüringen

    9. Mai: Forstrat Georg Escherich gründet in München die „Organisation Escherich“ („Orgesch“).

    Erste Werbeplakate der NSDAP in München. Aufruf zur öffentlichen Parteiversammlung am 11. Mai 1920. Sprecher: Adolf Hitler

    4. Juni: Unterschrift des Friedensvertrags von Trianon.6. Juni: Erste Reichstagswahlen: Weimarer Koalition verliert ihre Mehrheit. Starke Gewinne für USPD und Rechtsparteien (DNVP, DVP).

    15. Juni: Nordschleswig wird nach dem Ergebnis der Volksabstimmungen in Schleswig in der nördlichen Abstimmungszone vom 10. Februar des Jahres dänisch.

    1. Juli: Die Vereinigung des Freistaats Coburg, Teil des vormaligen Doppelherzogtums Sachsen-Coburg und Gotha, mit dem Freistaat Bayern wird vollzogen.

    20. Juli: Die deutsche Regierung erlässt im Hinblick auf den Polnisch-Sowjetischen Krieg ein Waffenembargo und unterstreicht damit ihre Neutralitätserklärung für diesen Konflikt.

    5. August: Der Deutsche Reichstag beschließt mehrheitlich das Entwaffnungsgesetz und befolgt damit eine Verpflichtung aus Artikel 177 des Versailler Vertrags.

    1. Oktober: Das Groß-Berlin-Gesetz tritt in Kraft und macht Berlin zu einer Vier-Millionen-Stadt.

  • Leitartikel 1933

    Kleine Chronik zum Einordnen der Leitartikel in den historischen Kontext

    4. Januar: Weimarer Republik: Adolf Hitler und Franz von Papen vereinbaren Vorbereitungen für eine Regierungsübernahme.

    30. Januar: Deutsches Reich: (Machtergreifung) Adolf Hitler wird zum Reichskanzler ernannt.

    31. Januar: Deutsches Reich: In Mössingen findet der einzige größere Streik gegen die „MachtergreifungAdolf Hitlers statt.

    1. Februar: Deutsches Reich: Reichstag auf Wunsch Hitlers von Reichspräsident Paul von Hindenburg aufgelöst

    3. Februar: Hitlers erste Ansprache vor Befehlshabern der Reichswehr (Ziel der Außenpolitik: Lebensraum im Osten und dessen rücksichtslose Germanisierung) – Liebmann-Aufzeichnung

    4. Februar: Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutze des Deutschen Volkes; die Grundrechte der Weimarer Verfassung, insbesondere Versammlungs- und Pressefreiheit werden eingeschränkt

    20. Februar: Geheimtreffen vom 20. Februar 1933 von Hitler mit Industriellen wegen finanzieller Wahlkampfunterstützung

    27. Februar: Reichstagsbrand in der Nacht zum 28. Februar

    28. Februar Reichstagsbrandverordnung

    3. März: Der Vorsitzende der KPD, Ernst Thälmann wird verhaftet.

    4. März: Vereinigte Staaten: Amtseinführung von Franklin D. Roosevelt als 32. US-Präsident

    Österreich: „Selbstausschaltung des Parlaments“, Beginn des Austrofaschismus

    Deutsches Reich: Die SPD-Zeitung Vorwärts erscheint zum letzten Mal.

    5. März: Reichstagswahlen, die NSDAP erreicht über 43 % der Stimmen.

    13. März: Errichtung des Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda

    15. März: Österreich: Der Nationalrat wird von der Bundesregierung mit Waffengewalt am Zusammentreten gehindert.

    20. März: Das Konzentrationslager Dachau wird errichtet.

    21. März: Tag von Potsdam, Staatsakt in der Garnisonkirche

    23. März: Der Deutsche Reichstag verabschiedet das Ermächtigungsgesetz.

    27. März: Japan erklärt seinen Austritt aus dem Völkerbund.

    31. März: Österreich: Die Dollfuß-Regierung verbietet den Republikanischen Schutzbund.

    Deutsches Reich: Im Reichsgesetzblatt wird die Lex van der Lubbe veröffentlicht, ein rückwirkend geltendes Strafgesetz zum Reichstagsbrand.

    1. April: Durch die Nationalsozialisten organisierter Boykott jüdischer Geschäfte, Anwaltskanzleien und Arztpraxen.

  • Die Ermächtigung

    Die Ermächtigung

    — Jg.1933, Nr. 18 —

    Der deutsche Reichstag ist am 21. März mit einer ungewohnten Feierlichkeit zusammengetreten: um sich selber zu Grabe zu tragen.

    Die Geschichte ist reich an Ironien. Aber ein Parlament, das sich selber in dieser Weise ausschaltet, eine parlamentarisch sanktionierte Diktatur wie die jetzige deutsche: das ist wirklich kein alltägliches Ereignis.

    Man kann heute sagen, daß Hitler in wenigen Wochen einen Weg zurückgelegt hat, zu dem Mussolini ungefähr ebensoviele Jahre gebraucht hat. Es ist kaum übertrieben.

    Die Erwartungen, die manche Leute vor der letzten Reichstagswahl auf das Zentrum gesetzt haben, sind rasch zu Wasser geworden. Das Zentrum hat von seiner „Schlüsselstellung“ keinen Gebrauch gemacht. Ohne das Zentrum war auch nach dem Ausschluß der Kommunisten (mit dem von Anfang an zu rechnen war) im Reichstag keine Mehrheit für ein verfassungsänderndes Ermächtigungsgesetz vorhanden. Wenn die Partei der Herren Kaas und Brüning sich geweigert hätte, eine solche Blankovollmacht auszustellen, hätte die Regierung die Hände nicht so ganz, zum mindesten nicht so rasch frei gehabt, um nun auf vier Jahre unumschränkt über Deutschland zu gebieten.

    (Während dies geschrieben wird, sind zwar die Würfel noch nicht gefallen. Aber man weiß, wie sie fallen werden, und kann es wohl riskieren, von der Zukunft in der Vergangenheit zu reden.)

    Was mag in den Besprechungen, die dieser Lösung vorausgingen, von Seiten der Regierung Hitler und von Seiten des Zentrums verabredet worden sein?

    Ob es den Männern, die seit vierzehn Jahren entscheidend an der deutschen Politik mitbeteiligt waren (das Zentrum ist politisch, wenn auch nicht zahlenmäßig, nach dem Kriege lange die stärkste Partei gewesen) leicht gefallen sein mag, nun so völlig zu verzichten? Ob sie sich der Verantwortung bewußt sind, die dieser Verzicht bedeutet?

    Hat sie der Elan der nationalen Erhebung in seinen Bann gerissen? Wollten sie den neuen Männern, die sich so viel vorgenommen haben, eine „Chance“ geben?

    Die Regierung kann jetzt freilich arbeiten wie keine vor ihr. Der ehemalige Reichstag mit seinen jede zielbewußte Tätigkeit lähmenden Mehrheitsverhältnissen gehört der Vergangenheit an. Man kann es begreifen, daß ein Ministerpräsident froh sein muß, diesen Klotz am Bein wegzuhaben. Man könnte es einem Manne voll Tatkraft und fruchtbarer Ideen sogar gönnen, daß er seine Arme regen kann. Aber…

    Der Reichstag der letzten Jahre war eine Unmöglichkeit. Er war es wirklich wert, unterzugehen. Der Kuhhandel der Regierungsbildungen, wie wir ihn so oft erlebt haben, war ein ekelhaftes Schauspiel. Aber ist gar kein Reichstag auch wirklich besser als ein schlechter Reichstag?

    Der Reichstag selber ist es gewesen, gewiß, der die Weimarer Verfassung ad absurdum geführt hat. Als regierungsbildende Instanz war er bei den deutschen Parteiverhältnissen einfach unbrauchbar. Aber, ihr Herren vom Zentrum, ist es nicht sehr gefährlich, wenn er nun auch als Kontrollinstanz ausgeschaltet ist? […]

    1933, 13 · Erich Schairer

  • Rundfunkwahlen

    Rundfunkwahlen

    — Jg. 1933, Nr. 11 —

    Der 5. März hat der nationalsozialistischen Partei und damit der Regierung Hitler einen Sieg von unerwartetem Ausmaß gebracht. Im Reich und in Preußen sind die 51 Prozent Mehrheit nicht nur erreicht, sondern überboten, und zwar nahezu ausschließlich durch den ungeheuren Stimmenzuwachs der Nationalsozialisten. Diese haben, rechnerisch betrachtet, nicht nur 3,8 Millionen seitherige Nichtwähler für sich mobil gemacht, sondern auch noch beinahe 2 Millionen Wähler aus anderen Lagern zu sich herübergezogen; und zwar nicht nur aus dem „nationalen“ Reservoir, sondern offenbar auch erhebliche Scharen aus den Quellgebieten des Zentrums, der Sozialdemokratie und der kommunistischen Partei.

    Dieser fabelhafte Erfolg ist ohne Zweifel in erster Linie der Propaganda durch den Rundfunk zuzuschreiben, die in solchem Ausmaß und mit solcher Stärke noch nie von einer Partei betrieben worden ist und hat betrieben werden können. Hitlers Wahlreden sind diesmal auch im kleinsten Dorf, vor Menschen, die sozusagen jungfräulicher Boden waren, zur vollen Wirkung gekommen; Ereignisse wie die Durchsuchung des Liebknecht-Hauses und der Reichstagsbrand mit ihren Folgen und Folgerungen konnten hundertprozentig ausgeschlachtet werden; und dazu kam die völlige Ausschaltung eines großen Teils der gegnerischen Presse, vor allem in Norddeutschland.

    Von links ist im Wahlkampf mit Argumenten operiert worden, die angesichts der in breiten Schichten erzeugten Stimmung unbedingt versagen mußten.

    Man fragte, wo denn das Programm sei, mit dem die neue Regierung Deutschland retten wolle. Ein solches Programm war in Einzelheiten nicht vorhanden; aber sein Fehlen hat wahrscheinlich den Regierungsparteien eher genützt als geschadet. Auf diese Weise war nämlich jeder kritischen Debatte über Konkretes der Boden entzogen. Der Glaube an den Willen der Regierung trat an die Stelle einer zweifelhaften Einsicht in die Richtigkeit ihrer Pläne, und jener Glaube erwies sich dabei als die weit stärkere Triebfeder. Das Volk sah Männer vor sich, die jedenfalls an dem Willen, sich durchzusetzen, nicht zweifeln ließen, und solchen zu folgen ist die Masse noch immer geneigt gewesen.

    Wo um die politische Macht gekämpft wird, ist der Wille entscheidend, nicht der Intellekt, dessen Rolle ja schon der alte Oxenstjerna nicht allzuhoch eingeschätzt hat. Die Schwäche der deutschen Linken, die sich jetzt mit so schmerzlicher Deutlichkeit geoffenbart hat, liegt eben zum guten Teil darin, daß in ihr zu wenig Wille mit zu viel Intelligenz gepaart ist.

    Daß die Regierung vor der Wahl Meinungsfreiheit und andere bürgerliche Freiheiten beschränkt hat, dieser andere von der linksstehenden Presse so stark betonte Vorwurf, hat ihr ebenfalls im Wahlkampf nicht sehr viel geschadet. Heutzutage kümmert sich der einfache Mann (und die einfache Frau!}, namentlich auf dem Lande, nicht allzuviel um diese Freiheiten. Wer nichts zu nagen und zu beißen hat, dem stehen die demokratischen Grundrechte nicht im Mittelpunkt des Interesses. Sein Denken kreist um das tägliche Brot, und wer ihn auf irgend eine Weise zu überzeugen vermag, er werde dafür sorgen, daß ihm dieses künftig besser zugemessen werde, der ist sein Mann, auch wenn er Zeitungen verbietet und Versammlungen auflöst.

    Der Sieg des Hakenkreuzes in Deutschland am 5. März ist der Sieg einer unerhört geschickten und stark auftragenden Propaganda. Wenn jetzt, wie man hört, für einen der Hauptregissöre des nationalsozialistischen Wahlfeldzugs, Herrn Goebbels, ein besonderes Propaganda-Ministerium geschaffen werden soll, so wäre das ein sinnfälliger Beweis dafür, welche Bedeutung von der Regierung selber einem von ihr so virtuos gehandhabten Instrument beigemessen wird.

    1933, 11 · Erich Schairer

  • Wie Wilhelm

    Kommt es nur mir so vor, oder hat der neue deutsche Reichskanzler wirklich diese frappante Ähnlichkeit mit Wilhelm dem Zweiten von Hohenzollern?

    Natürlich nicht äußerlich, meine ich. Obwohl man vielleicht auch da… Wenn man sich die Barttracht anders vorstellen würde… Aber das spielt keine Rolle. Ich denke an das Auftreten, an den geistigen Habitus, an die Charaktereigenschaften.

    Erinnert ihr euch noch an den früheren Kaiser? An seine fabelhafte Vielseitigkeit und Beweglichkeit? An jene Impulsivität, die den politischen Beamten des Zweiten Reichs so manchesmal zu schaffen machte? An seine Frömmigkeit, die auf einer gewissermaßen persönlichen Fühlung mit Gott zu beruhen schien? An die naive Freude am Reisen und Reden, die ihn beherrschte, so daß er „bald hier, bald da“ zu sehen und zu hören war, in Uniform und Zivil, in allen Sätteln gerecht, von allem etwas verstehend, überall zu Hause? Wer sich ihm entgegenstellte, den wollte er zerschmettern (z.B. die bösen Sozialdemokraten); er gedachte sein Volk herrlichen Zeiten entgegenzuführen; er war der Friedenskaiser und rutschte dann freilich in einen Krieg hinein. (Und den Krieg verlor er.)

    Und der neue Kanzler? Hat er in der kurzen Zeit, die er nun im Amte ist, nicht schon eine ganze Reihe von Zügen entwikkelt, die geradezu frappant an den ehemaligen deutschen Kaiser erinnern?

    Auch Adolf Hitler liebt die markigen Reden, die Ansprachen an sein Volk, und hat dabei den technischen Vorsprung des Rundfunks und des Flugzeugs voraus, Einrichtungen, die es damals noch nicht gab und um deren Handhabung ihn Wilhelm der Verflossene wahrscheinlich ehrlich beneidet.

    Auch Adolf Hitler betrachtet den „allmächtigen Gott“ als seinen speziellen Bundesgenossen, mit dem zusammen er die Wiederauferstehung der Nation herbeiführen wird, ein „Reich der Größe, der Kraft, der Herrlichkeit und der Gerechtigkeit, Amen“, wie er im Anklang an das Vaterunser jene Berliner Sportpalastrede vom 10. Februar geschlossen hat.

    Auch Hitler will den Kommunismus und „Marxismus“, wie man jetzt sagt, ausrotten; er will Christentum und Familie in seinen Schutz nehmen; er tritt für die „Erhaltung und Festigung des Friedens“ ein und strebt mit allen Kräften nach Abrüstung. Dann passiert es ihm freilich zwischendurch (wie Wilhelm s. Z. die Daily-Telegraf-Affäre), daß ein Engländer ein Interview nicht ganz einwandfrei wiedergibt und daß Mißverständnisse wegen des polnischen Korridors und so berichtigt werden müssen.

    Freitag abend spricht er vor dem begeisterten Publikum im Berliner Sportpalast über die deutsche Zukunft, am Sonntag eröffnet er mit einer äußerst sachkundigen Rede die deutsche Automobilausstellung und steht am seihen Tag noch in Kassel, „an der Stelle, von der aus ein Kaiser und ein Bismarck den Friedrichsplatz überschauten“ (Völk. Beobachter vom 13. Februar), und am Sonntag Mittag finden wir ihn in Leipzig dabei, wie Richard Wagners 50. Todestag begangen wird. Er darf da nicht fehlen.

    Könnte man diese Wiederkehr Wilhelms II. in anderer Gestalt nicht beinahe gespenstisch heißen?

    Jedenfalls ist sie kein Zufall. Das deutsche Volk will offenbar solche Führer haben wie Wilhelm und Hitler.

    Sollen wir ihm wünschen, daß das Ergebnis diesmal anders ausfalle? Wird es, kann es mit der Herrlichkeit des dritten Reiches ein anderes Ende nehmen als mit der des zweiten?

    1933, 8 · Erich Schairer

  • Augen rechts

    Augen rechts

    Der Feind steht rechts, der Gegner links.
    Friedrich Naumann

    — Jg. 1933, Nr. 8 —

    Es ist schon tragisch, daß man dem Proletariat heute das predigen muß, was ein bürgerlicher Politiker vor etwa 25 Jahren gesagt hat, also zu einer Zeit, wo es noch keinen Faschismus gab, und unter einem System, das man am heutigen gemessen beinahe „parlamentarisch“ nennen könnte.

    Man kann in gewissem Sinne von einer ,.dialektischen“ Tragik reden. These: Die gesamte Lage erfordert gebieterisch die proletarische Einigung. Antithese: Diese Einigung ist für den Augenblick unmöglich.

    Wenigstens, wenn man darunter auch nur ein noch so loses Kartell zwischen SPD und KPD in Deutschland versteht. Denn die deutsche KP untersteht nun einmal — das ist kein Vorwurf sondern eine Konstatierung — in allen wichtigen Entscheidungen den Weisungen des „Ekki“, des Exekutivkomitees der III. Internationale, und so wie die Dinge liegen, würde sie auch von ihrem Partner verlangen, daß er sich diesen Beschlüssen unterwidt. Tut er es nicht, so ist das Kartell schon ohne weiteres gesprengt. Soweit hat Otto Bauer ganz recht, wenn er verlangt, daß zunächst einmal die beiden Internationalen von Amsterdam und Moskau zu einem Einvernehmen kommen müssen […]

    An Aufmärschen der „Eisernen Front“ haben sich Kommunisten in geschlossenen Abteilungen beteiligt, und das Gleiche ist umgekehrt geschehen. Bei Beerdigungen sind schon beide Formationen überhaupt gemeinsam marschiert. Geschmacklose Ausdrücke wie „Kozi“ oder „Sozialfascisten“ kommen kaum noch vor und werden eigentlich nur noch von Parteijournalisten gebraucht, die die Stimmung der Massen nicht kennen oder nicht kennen wollen. Im übrigen werden sie von den Lesern allgemein mißbilligt.

    Und so wäre alles in schönster Ordnung, wenn — ja wenn nicht die Tatsache bestände, daß SPD und KPD das gleiche Wählerreservoir haben, um die gleiche Wählerschicht kämpfen müssen. Und da muß einmal Fraktur geredet werden: Wie sich diese Wählermassen, die zwischen SPD und KPD schwanken, diesmal entscheiden werden, wissen wir nicht. Es ist aber gegenüber der fascistischen Gefahr und angesichts der kümmerlichen Rolle, die das kommende Parlament überhaupt spielen wird, wirklich ganz gleichgültig, welche der proletarischen Parteien der anderen ein halbes oder selbst ein ganzes Dutzend Mandate abnehmen wird.

    Wichtig ist einzig und allein, daß die antifascistische Front steht, innerhalb und außerhalb des Parlaments.

    1933, 8 · Dr. E.

  • Anschauungsunterricht

    Anschauungsunterricht

    — Jg. 1931, Nr. 2 —

    Ein Gutes hat die große Wirtschaftskrise, in der wir uns befinden: sie erteilt auf breitester Basis Anschauungsunterricht über das kapitalistische System, unter dessen Herrschaft die Menschen neben vollen Scheuern verhungern können.

    Die Menschen wollen fühlen, nicht hören. Ein Beispiel, und vollends eines am eigenen Leib, ist besser als zehn Predigten. Auch das Beispiel genügt im allgemeinen nicht, wenn es vereinzelt bleibt. Es muß repetiert und wieder repetiert werden. Am Ende des letzten Krieges war alles voll Abscheu und Ablehnung gegenüber dem Wahnsinn des Völkermords nach dem Prinzip der umgekehrten Auslese. Nie wieder Krieg! Heute ist jener Eindruck schon wieder halb vergessen. Man treibt in Europa auf einen neuen Krieg zu, der schlimmer sein wird als der vorige. Vielleicht wird das dann der letzte sein, oder der vorletzte.

    Auch von der gegenwärtigen Krise, der „größten Weltwirtschaftskrise seit einem halben Jahrhundert“ (Julius Hirsch), glauben manche, sie werde den endgültigen Zusammenbruch des Kapitalismus heraufführen. Wir wollen nicht so optimistisch sein; aber soviel ist sicher, daß sie mithilft, ihn vorzubereiten. Not lehrt denken, fragen, zweifeln.

    „Sollte es denn im zwanzigsten Jahrhundert dem menschlichen Geiste, der fast jedes technische Problem spielend löst, der immer neue Methoden zur Steigerung des Güterreichtums ersinnt, nicht möglich sein, auch eine Organisation der Wirtschaft zu schaffen, die eine störungslose Entwicklung ermöglicht und alle Menschen auch wirklich in den Genuß dieses Güterreichtums bringt?“ So fragt Max Weber im schweizerischen „Aufbau“ und wird sicher auch mancher fragen, der sich sonst nicht mit wirtschaftstheoretischen Problemen zu befassen pflegt. Ein Pfarrer aus der Stuttgarter Umgebung, kein Sozialist, schreibt in der zum Jahresschluß von ihm herausgegebenen Chronik seiner Gemeinde: „…Im übrigen muß eine Ordnung gefunden und aufgerichtet werden, nach der nicht die einen prassen und die andern darben, nach der das Wohl des ganzen Volkes und jedes Einzelnen und nicht der Profit und die Bereicherung verhältnismäßig Weniger das Maßgebende und Entscheidende ist.“ Also genau das, was wir hier seit elf Jahren immer wiederholen. Und Hugo Borst, der frühere kaufmännische Direktor der Robert Bosch AG., ebenfalls kein Sozialist, hat vor acht Tagen im „Stuttgarter Tagblatt“ gesagt: „Es handelt sich … gegenwärtig um die vielleicht letzte Probe auf die Tragfähigkeit unserer heutigen individualistischen kapitalistischen Wirtschaftsordnung … Auch Wirtschaftsformen ändern sich und entwickeln sich weiter.“ Er fährt allerdings fort: „Ich glaube nicht, daß wir heute schon am Ende der unserigen stehen“, und zwar, „weil wir aus unserer gegenwärtigen Schwäche und Armut heraus gar nicht die Kraft aufbringen, eine völlig neue, bessere Ordnung zu schaffen.“

    Diese Begründung mag stimmen oder nicht; jedenfalls beweisen die angeführten Sätze, daß sogar im kapitalistischen Lager selber, um einen militärischen Ausdruck zu gebrauchen: die Moral der Truppe zu wanken beginnt. Und das ist keineswegs unwichtig. Wenn die Vertreter eines Systems selber nicht mehr daran glauben, dann trägt das ebensoviel oder mehr zu seinem Ende bei als die Angriffe der Gegner von außen. Man erinnere sich an das politische Ende des wilhelminischen Reiches, das 1918 nur deshalb so leicht zu stürzen war, weil es seine berufenen Verteidiger von innen her bereits aufgegeben hatten.

    Der Anschauungsunterricht durch Beispiel ist wirksamer als alle Theorie. Und doppelt wirkungsvoll ist das Beispiel, wenn es durch ein Gegenbeispiel unterstützt wird. Wenn es wahr ist, daß der russische Fünfjahresplan in diesem Jahr dahin geändert werden soll, daß die Erzeugung und Verteilung von Konsumwaren, die seither zugunsten der Schwerindustrie zurückgestellt gewesen ist, jetzt mehr in den Vordergrund treten wird, so könnte darin ein kluger Schachzug der Bolschewisten gerade im Hinblick auf das heutige Elend in den kapitalistischen Ländern liegen.

    1931, 2 · Erich Schairer

  • In Verlegenheit

    — Jg. 1930, Nr. 35 —

    Der Wahlausweis ist ins Haus gekommen. Nummer so und so. Wahllokal da und da. Was macht man bloß?

    Zuhause bleiben? Aber sie werden dann kommen nachmittags, die Schlepper, und milde Vorwüde ausstrahlen. Mit Recht eigentlich. Man ist doch schließlich Staatsbürger, nicht wahr. Es kann auf eine Stimme ankommen; auf die deine!

    Verreisen? Mit dem Rucksack in den Wald liegen? Es sieht nach Flucht aus, nach Feigheit. Geht auch nicht. Würde einen ganz schlechten Eindruck machen.

    Also hingehen. Schließlich ist die Wahl ja geheim. Man kann zwei Zettel statt einen in den Umschlag tun. Man kann zwei Parteien ankreuzen, oder gar keine. Dann ist die Stimme ungültig. Doch das Gewissen sagt: das ist so etwas wie Betrug, wenn du’s absichtlich machst; du müßtest dich vor dir selber schämen.

    Aber ums Himmels willen: was kann man denn mit gutem Gewissen wählen? Welche Partei ist die richtige? Hat man nicht die ganze Zeit auf die verdammten Bonzen geschimpft?

    Aha, da sind doch die sogenannten Splitterparteien. Ist die U.S.P. des wackeren alten Ledebour eigentlich noch da? Oder wie wär’s mit Vitus Hellers Christlich-sozialer Reichspartei? Die Leute sind sozialistisch und pazifistisch bis in die Knochen. Wären’s eigentlich wert, daß man sie unterstützte.

    Bloß: sie werden bestimmt nicht durchdringen. 60.000 Stimmen in einem Wahlkreis, sonst langt’s keinen Sitz! Und das ist ausgeschlossen. Alle Stimmen, die auf Splitterparteien fallen, sind nun einmal verloren, umsonst abgegeben. Sogar wenn’s so einem Grüppchen zwei, drei Sitze langen würde — was hätt’s für einen Wert? Nein, dazu denken wir zu sehr politisch. Wenn ich meine Stimme abgebe, soll sie wenigstens ein wenn auch kleines Gewicht haben.

    Bliebe also: S.P.D. oder K.P.D. Welche von beiden? Die Panzerkreuzerpartei? Die Selbstzerfleischer?

    Die Sozialdemokraten haben sich im letzten Reichstag und im Kabinett Hermann Müller als derart unzuverlässig und unfähig erwiesen, daß ich mir geschworen habe, das nächstemal nicht mehr Liste 1 zu wählen. Soll ich mich neuen Enttäuschungen aussetzen? Kann man eine Partei wählen, von der nichts, aber auch gar nichts zu erwarten ist?

    Aber ist nicht eine starke Sozialdemokratie die einzige Möglichkeit der Rettung vor dem drohenden Bürgerblock, dessen Schatten sich immer deutlicher am Horizont abzeichnet? Vor einem Bürgerblock mit Einschluß der Hakenkreuzler, die man noch vor ein paar Wochen nicht für „regierungsfähig“ gehalten hat, was man heute kaum mehr unterschreiben kann? Wäre ein „Hindenburgkabinett“, eine reaktionäre Regierung von den Nationalsozialisten bis zur Staatspartei, nicht ein großes Unglück für Deutschland? Ein umso größeres, wenn eine starke und aggressive radikale Linke ihr die erwünschten Anlässe zum „Durchgreifen“ liefern würde? Darf man einer derartigen gefährlichen Wendung Vorschub leisten?

    Die Kommunisten kommen für keine Regierungsbildung, für keinerlei „positive“ politische Arbeit in Betracht. Zu ihrem und unserem Glück, denn so, wie sie sind, haben sie ebensowenig das Zeug dazu wie die Hitlerleute. Aber sind sie nicht die einzige zuverlässige Oppositionspartei, die wir haben? Hätte ich nicht im letzten Reichstag fast immer so abgestimmt wie die Kommunisten? Werden nicht im nächsten Reichstag Dinge zur Debatte stehen — Strafrechtsreform, Schulgesetz, Kirchengesetze, Sozialpolitik, Steuerfragen, Wrrtschaftsgesetzgebung, Verhältnis zu Rußland —, bei denen ich mit ziemlicher Sicherheit annehmen kann, daß die kommunistische Partei meine Meinung vertreten wird? Wird es also nicht das Beste sein, kommunistisch zu wählen?

    Ich will mir’s nocheinmal überlegen. Wie heißt doch das alte, gute Wahlrezept des Herrn von Gerlach? „Lieber einen Meter zu weit nach links als einen Zentimeter zu weit nach rechts!“

    1930, 35 · Erich Schairer

  • Verantwortlich

    Verantwortlich

    — Jg. 1928, Nr. 11 —

    Wenn ich mit einer brennenden Pfeife über den Heuboden meiner eigenen Scheuer gehe, etwas Glut fällt heraus, die Scheuer brennt ab, — was glauben Sie, was mir geschieht, obwohl vielleicht außer mir selber nicht einmal jemand zu Schaden gekommen ist?

    Wenn ich als Angestellter der Firma Meier einem armen Reisenden, der mich dauert, fünfzig Mark aus der mir anvertrauten Kasse schenke — den Betrag, den der Chef jeden Abend herausnimmt, um ihn zu verjuxen —, glauben Sie, man wird mir das hingehen lassen?

    Wenn ich mit dem mir anvertrauten Gelde meines Mündels an der Börse spekuliere, z.B. in Filmaktien, oder in Speck, und elend hereinfalle, so daß am Schluß nichts mehr da ist, — wird der Herr Staatsanwalt mich etwa nicht beim Wickel nehmen?

    Wegen Veruntreuung, wegen Unterschlagung, wegen fahrlässiger Brandstiftung? Obwohl meine Gesinnung in allen diesen Fällen am Ende nicht einmal unanständig zu nennen wäre? Aber ich bin eben verantwortlich für etwas, für das Geld, den Besitz, oder Leben und Gesundheit meiner Mitbürger; und wenn ich diese Güter schädige, werde ich zur Verantwortung gezogen. Ich werde bestraft, oder muß Schadenersatz leisten, oder beides.

    Wenn ich als „verantwortlicher“ Minister meines Landes leichtsinnigerweise einen Krieg heraufbeschwöre, in dem zwei Millionen Landsleute mehr oder weniger qualvoll verrecken; wenn ich als Heerführer diesen Krieg infolge meiner bodenlosen Leichtfertigkeit in der Abschätzung der gegnerischen Kräfte verliere, so daß mein Volk 132 Milliarden Mark Kriegsentschädigung zu zahlen bekommt; wenn ich als Chef der Staatsbank so lange Papiergeld drucken lasse, bis es seinen bloßen Papierwert nicht mehr wert ist und auf diese Weise Hunderttausende um ihr mühselig erspartes Vermögen betrüge — was glauben Sie, daß mir dann passiert? Du lieber Gott: nichts. Ich werde höchst ehrenvoll pensioniert, bekomme dicke Ruhegehälter, genieße überall hohen Respekt. Statt daß man mich — (na, malts euch selber aus).

    Wenn ich aus der Kasse meines Landes Leuten wie etwa den Ruhrindustriellen, die schon vorher Millionäre sind, Millionen an die Rippen schmeiße, auf die sie nicht das geringste Anrecht haben; oder wenn ich mich mit den Geldern dieser Kasse als Beamter des Reichswehrministeriums an Film- und Speckgesellschaften beteilige, mit dem Erfolg, daß zwanzig Millionen Steuergelder in die Binsen gehen — wird da wohl ein Hahn darnach krähen? Jawohl, das wird einer, es wird wochenlang, monatelang in den Zeitungen und im Reichstag darüber gequatscht werden. Solange, bis der nächste Skandal reif ist. Aber wird mir etwas passieren? Nicht die Bohne, ich bekomme meine Pension, ziehe mich ins Privatleben zurück, und kann nach ein paar Jahren womöglich wieder weiß nicht was werden, Abgeordneter, Minister, Reichskanzler, Diktator oder so.

    Das ist der kleine Unterschied zwischen der Verantwortlichkeit im gewöhnlichen Leben und der Verantwortlichkeit in der Politik.

    Wenn es anders wäre, dann müßte ja die Politik ein höchst gefährliches Gewerbe sein.

    Und dann würde wahrscheinlich mancher die Finger davon lassen. Heiße er — bitte, die Namen selber einzusetzen, und ziemlich weit oben anzufangen.

    Ich halte es nicht für ausgeschlossen, daß es dann besser um uns stünde.

    1928, 11 Kazenwadel

  • Gescheitert

    — Jg. 1928, Nr. 43 —

    Das von der kommunistischen Partei eingeleitete Volksbegehren, das den Bau von Kriegsschiffen verboten wissen wollte, ist gescheitert. Es sind nur etwa zwei Millionen Stimmen aufgekommen, die Hälfte der Zahl, die notwendig gewesen wäre, um das beantragte Gesetz vor den Reichstag und einen etwaigen späteren Volksentscheid zu bringen.

    Die Sozialdemokratie, die in dem Volksbegehren der K.P.D. lediglich ein gegen sie gerichtetes parteipolitisches Manöver gesehen hat, triumphiert. Vielleicht etwas zu sehr und etwas zu früh.

    Es ist zwar richtig: man hat nun gesehen, daß eine derartige Aktion ohne die S.P.D. keinen Erfolg hat. Der Einfluß der K.P.D. in Deutschland ist weit geringer als die Wählerziffer vom 20. Mai es erscheinen ließ. Sie hat keine Presse, kein Geld, keine Führer. Und sie hat auf dem Lande fast gar keinen Boden. Ein „Kommunist“ ist für die große Mehrzahl unserer biederen Volksgenossen und namentlich -genossinnen offenbar etwas Fürchterliches.

    Man kreuzt zwar bei einer geheimen Wahl aus lauter Verbitterung einmal die rote Partei an, etwa wie Kinder den Teufel an die Wand malen (und dann froh sind, wenn er doch nicht kommt). Aber seinen Namen auf eine Liste setzen, die von der K.P.D. aufgelegt ist — Gott behüte! Ja, wenn die S.P.D. mitgemacht hätte, die heute durchaus gesellschafts- und regierungsfähig geworden ist!

    Die S.P.D. hat nicht mitgemacht, obwohl sie, wie sie nachdrücklich versichert, ebenfalls gegen den Bau von Panzerkreuzern ist. Und auch ihre „oppositionellen“ Mitglieder, der linke Flügel, die Sachsen, haben Disziplin gehalten und in der kritischen Zeit nicht gegen den Panzerkreuzer, sondern gegen die K.P.D. agitiert, die ebenfalls gegen Panzerkreuzer ist. Eine Haltung, die bei der Parteileitung der S.P.D. stolze Befriedigung erweckt haben mag: wir haben unsere Leute fest in der Hand; bei neutralen Zuschauern je nachdem ebenfalls Befriedigung oder Trauer: über die unheilbare Spaltung der Arbeiterklasse, die über den Klassenfeind niemals siegen wird, solange sie mit beispielloser Verbissenheit und tödlichem Haß den Bruderkrieg in den eigenen Reihen führt.

    Die S.P.D., der stärkere Bruder, freut sich über den Sieg, den ihm der Mißerfolg des Volksbegehrens bedeutet. Aber wenn die Partei den Weg weitergehen wird, den ihre Führer am 10. August (dem Nachfolger des 4. August 1914) beschritten haben, wenn die Taktiker vom Kaliber Severing und Hörsing in ihr die unumstrittene Oberhand bekommen, wenn mit ihrer Hilfe nach einem „positiven Wehrprogramm“ aufgerüstet werden wird, dann wird es sich eines Tages zeigen, daß ein Sieg auch ein Pyrrhussieg sein und daß hinter einem Höhepunkt der jähe Abfall kommen kann. „Genosse“ Severing und „Kamerad“ Hörsing wollen Seite an Seite mit Hindenburg, Groener und Heye marschieren. Es ist kaum denkbar, auch bei einem Höchstmaß von Parteifrommheit, „Disziplin“, Schafsgeduld oder wie wir das je nach Temperament nun heißen mögen, daß die sozialdemokratischen Arbeitermassen (in denen, o Ironie des Geschehens, heute die Erinnerung an die Zeit vor 50 Jahren jubiläumsweise aufgefrischt wird) dabei auf die Dauer mitgehen werden.

    Wir Kriegsgegner, die wir, ohne an dem Zwist zwischen S.P.D. und K.P.D. beteiligt oder interessiert zu sein, das Volksbegehren mitunterzeichnet haben (und morgen wieder mitunterzeichnen würden), weil sein Inhalt unserem Willen entsprach, werden jedenfalls bis auf Weiteres nicht mehr mit dem alten Vertrauen zur S.P.D. hinüberschauen können wie bisher. Wir verfolgen ihre Politik, die heute nicht mehr so eindeutig ist wie vor fünfzig Jahren, mit einer Spannung, die von Zweifel und Besorgnis erfüllt ist.

    1928, 43 Erich Schairer

  • Versäumte Möglichkeiten

    Versäumte Möglichkeiten

    — Jg. 1930, Nr. 49 —

    Die „Deutsche Allgemeine Zeitung“ hat dieser Tage auf die geradezu selbstmörderische Verblendung hingewiesen, mit der die Republik die unabweisbaren Bedürfnisse des deutschen Volkes nach Tamtam und Ordensgeklunker ignoriert. Es sei, ruft sie aus, ein Unfug, in einem Volke, dem die Freude am Soldatentum im Blute sitze, die Armee ohne Paradeuniform zu lassen, und wenn man die Orden abgeschafft habe und z.B. den Diplomaten als Ersatz Vasen, Zigarettendosen mit Brillanten und andere Kostbarkeiten überreiche, so wisse man eben einfach nicht, daß so was kein Ersatz sei, und daß damit niemals die moralischen und politischen Eroberungen zu machen seien, die etwa Frankreich mit seiner Ehrenlegion mache.

    Etwas ist schon daran. Je schwerer es ein Staat hat, desto mehr sollte er sich um diese unwägbaren Dinge kümmern. Das deutsche Volk wäre wahrscheinlich viel leichter über die Beschränkung seiner Wehrmacht hinweggekommen, wenn man sie wenigstens mit prächtigen Paradeuniformen ausstaffiert hätte […]

    So ist in den Ietzten Jahren aus unterdrücktem Verlangen heraus ein bedenkliches Vakuum entstanden, in das nun der geschmacklose, aber um die Bedürfnisse der Massen wissende Herr Hitler mit seinem forschen S.A.-Heerbann einströmt. Man fragt nicht mehr nach Programmen und Argumenten, sondern verlangt nach dem Apparat. Es ist bezeichnend, daß heute ohne große imponierende Aufmärsche mit Blechmusik keine Politik mehr zu machen ist. Eine tiefe Sehnsucht, von der Republik ignoriert, stillt sich aus sich selbst heraus. Die Herzen konnten den Weg zum Volksstaat nicht finden, nun finden sich die Hände zur Hosennaht, und es stellt sich wie von selbst die leichteste der Gruppierungen her: die Gruppenkolonne.

    Was hat man nur den vielen Tausenden angetan, als man ihnen die Aussicht auf Orden nahm! Deren Zauber ist unleugbar. Ihr Besitz verlieh auch dem dürftigsten Dasein Farbe und Genüge. Es gab Höhepunkte des Lebens, wo man sich strahlend die Orden vorknöpfte und herausgehoben war aus dem Dreck; mochte nachher auch der Alltag wieder mies sein, das Geltungsbedürfnis wußte, daß es von Zeit zu Zeit Genüge finden konnte.

    Die Republik hätte sich in den schwierigen Entwicklungsjahren dieser menschlichen Schwächen ruhig bedienen dürfen, ja müssen. Man ändert den Charakter eines Volkes nicht auf dem Verordnungsweg von heute auf morgen, und gerade so grotesk unwirkliche Dinge wie der Ordenszauber und anderes haben die zäheste Lebenskraft.

    Dem gewaltsam trocken gelegten Amerika bricht der Alkohol aus allen Poren; das seiner dümmsten Dummheiten beraubte deutsche Volk schafft sich abseits vom Staat seine eigenen militärischen Paraden und seine Privatorden.

    Man soll ein Pferd nicht am Schwanz aufzäumen, besonders wenn es ein altes Militärpferd ist.

    1930, 49 · oha

    Die große Trommel. Der „Völkische Beobachter“, das Organ der „Nationalsozialistischen deutschen Arbeiterpartei“, bringt folgende Anzeige: Große Trommel wird für die Musikabteilung der N.S.D.A.P. benötigt. Gefällige Angebote an die Musikabteilung der N.S.D.A.P. München, Corneliusstraße 12. — Herr Hitler ist von jeher für Schlagzeug gewesen.

    1923, 15

  • Gleichheit

    — Jg. 1926, Nr. 35 —

    Kein politisches Schlagwort muß sich gröbere Mißverständnisse und dümmere Ausdeutungen gefallen lassen, als die alte demokratische Forderung — oder Behauptung — der Gleichheit aller Staatsbürger.

    Es ist wirklich kein Kunststück, festzustellen, daß die Menschen verschieden sind. Immerhin sind sie z.B. darin gleich, daß sie alle sterben müssen, und daß sie alle zum Leben Brot, Kleider und Häuser brauchen. Daß sie alle leiden, wenn man sie quält, und froh sind, wenn man sie in Ruhe läßt. Erst wenn ihre Grundbedürfnisse befriedigt sind, wenn gewisse allgemein gleiche Grundbedingungen erfüllt sind, wird es den Einzelnen möglich, die persönlichen Eigenschaften und Gaben zur Geltung zu bringen, in denen ihre Verschiedenheit von anderen beruht. Es ist also keine „öde Gleichmacherei“, sondern die Voraussetzung für das Gegenteil, wenn man von einer sozialen Ordnung verlangt, daß sie „gerecht“ sei, daß sie allen Teilhabern gleichen Start und gleiche Chancen gewähre. Nur auf diese Weise wird die richtige, die gerechte Auslese, wird Sieg und Führerschaft der Besten ermöglicht.

    Wenn diesen dann infolge ihrer besonderen Leistung eine besondere Stellung und ein größerer Anteil an den Gütern des Lebens zufällt, wenn ihnen die Befriedigung von Bedürfnissen über das allgemein gleiche Minimum hinaus gestattet wird, so widerspricht das zunächst keineswegs demokratischen Grundsätzen. Erst die Vererbung größeren Besitzes oder größerer Macht ist bedenklich, fordert Korrektur und Sicherung.

    Auch hier wieder lautet ein kindlicher Einwand: es werde ja doch nie gelingen, alle Güter, allen Besitz auf die Dauer gleichmäßig zu verteilen. Er erinnert fatal an den Satz, daß es keinen Sinn habe, die Stiefel zu putzen, weil sie ja doch bald wieder schmutzig würden. Eine periodische Neuaufteilung des Besitzes, wie sie die mosaische Gesetzgebung im sogenannten „Halljahr“ alle fünfzig Jahre vorsah, wäre eine sehr weise Einrichtung, weil sie zwar keine mathematische Gleichheit garantieren, aber die sehr schädliche allzu große Ungleichheit des Besitzes verhindern würde. Es gibt nämlich eine Grenze nach oben und eine nach unten, innerhalb derer in einem gesunden Gemeinwesen Einzelbesitz wünschenswert oder erträglich ist. Was drüber oder drunter ist, das ist vom Übel.

    Das übermäßige Anwachsen von Besitz in einer einzelnen Hand ließe sich nun aber auf sehr einfache Weise verhindern: durch eine radikale Erbschaftsbesteuerung, wie sie etwa der vor fünf Jahren ermordete Erzberger einmal im Sinne hatte. Auf dem Weg über eine Erbschaftssteuer könnte man auch die Enteignung des Großgrundbesitzes bewerkstelligen, zu der die Verfassung von Weimar zwar die Handhabe bietet, aber ohne daß sie bis jetzt von einem deutschen Staatsmann ergriffen worden wäre. Am Spezialfall des Grundbesitzes wird die Gemeinschädlichkeit des Übermaßes für jeden Betrachter, der nicht absichtlich die Augen verschließt, ganz besonders deutlich. Zwar würde es auch ohne Großgrundbesitz noch eine „Arbeiterfrage“ geben; aber sie würde anders und weniger gefährlich lauten als die unsrige.

    Was heute von den Besitzenden und Privilegierten verächtlich als „Masse“ behandelt und trotz demokratischen Formen und „freiester Verfassung der Welt“ von der Teilnahme am Leben des Staates so weit als möglich ferngehalten wird, ist das Ergebnis einer undemokratischen, ungerechten, verkehrten Gesellschaftsordnung, die dem, der hat, noch mehr gibt und dem, der nicht hat, auch das Wenige noch nehmen möchte. Erst eine Nivellierung, die altes Sumpfgelände austrocknet und alte Aufschüttungen abträgt, die das Monopol der Reichen, der „Gebildeten“ (sie sind es ja nur in Anführungszeichen), der „Akademiker“ beseitigt -, erst eine solche Einebnung könnte den gesunden Nährboden schaffen für ein Volk, das nicht „Masse“ ist; das nicht von „Bonzen“ geführt wird, sondern von Persönlichkeiten.

    1926, 35 Erich Schairer

  • Durchs Fegefeuer

    — Jg. 1920, Nr. 42 —

    Die sozialistische Wirtschaft, heißt es, wird für den Bedarf produzieren, nicht für den Markt. Sie wird planmäßig und gleichmäßig ablaufen, nicht chaotisch und ruckweise. Nicht der beliebige Einzelne, weder als Unternehmer noch als Händler noch als Kunde, wird in ihr das Wort haben, wenn er nur drei Häuser weiter schreien kann als sein Nachbar; sondern der oder die Verantwortlichen werden ihm das Wort erteilen, und zwar nicht auf Grund seiner Stimmbänderleistung.

    Das ist Revolution, man mag sich den Weg dazu noch so lang, krumm und „evolutionär“ vorstellen. Und die siegreichen Stimmgewaltigen auf der Kirchweihrauferei unserer bisherigen Wirtschaft wollen deshalb nichts davon wissen; während die Nur-Konsumenten, auf deren Nasen der wilde Tanz sich bisher abspielt und die die Musik und die Zeche bezahlen dürfen, schon eher mit einer Ordnung und Schlichtung des Durcheinanders zufrieden wären. Auch die scheinbar unbeteiligten dienstbaren Kräfte, deren sich die Handelnden bedienen, die Arbeiter, sind einverstanden — was sage ich: einverstanden? — sie sind es ja, die von jeher vom Sozialismus gerade das Paradies statt der Hölle, die Ruhe statt der Hetze, die Würde statt der Mißachtung (Demagogen sagen: den Genuß statt der Mühe) erwarten.

    In den vereinigten sozialpolitischen und wirtschaftspolitischen Ausschüssen des Reichswirtschaftsrates ist kürzlich ein Antrag Baltrusch (Arbeitnehmervertreter) eingegangen, der fordert, daß „Arbeit und Kapital nicht mehr zur Erzeugung von wirtschaftlich nicht notwendigen Waren, sondern zu Gunsten des Exports und des notwendigen Inlandsbedarfs verwendet werden sollen“.

    Donnerwetter, sagte man sich, da haben wir ja wieder die ominöse Wissell-Moellendorff’sche Planwirtschaft, die vor einem Jahr von den Unternehmern verabscheut und von den Arbeitern nicht begriffen worden ist! Habt ihr euch besonnen, Arbeiter? Schön, also kann die Geschichte losgehen, denn ihr seid doch heute noch immer mächtig genug, euch durchzusetzen?

    Aber gemach: gleich meldet sich die bittere Skepsis. Hast du, Baltrusch, gewußt, was deine resolute „Resolution“ bedeutet?

    Auch für die Arbeiter bedeutet, die nämlich bei der Umstellung zur Gemeinwirtschaft nicht so ganz unbeteiligt sind, daß ihnen die Aktion kein Kopfzerbrechen zu machen brauchte. Sie sind sogar sehr unangenehm passiv beteiligt. Wenn Kollege Baltrusch konjugiert: ich stelle um, so heißt das für den Kollegen Ixmüller: du wirst entlassen.

    Ich erinnere mich an eine Versammlung von Berliner Buchdruckern, in der ich einmal über die Sozialisierung der Presse referiert habe. Ich wies die unsinnige Überproduktion an Zeitungen nach, die in Deutschland vorhanden ist, wo jedes Provinznest gleich drei, vier Dreckblätter haben muß. Ich wies auf England hin und behauptete, daß wir in Deutschland so gut wie dort mit 300 Tageszeitungen statt mit 3000 leben könnten. Man sollte den Zeitungsverlegern ihre melkende Kuh, derentwegen der ganze Blätterwald rausche, den Inseratenteil, entziehen und ihn besonderen öffentlich kontrollierten Anzeigenblättern vorbehalten. Dann würden die 3000 Zeitungen ganz gewiß bald auf die Hälfte, auf ein Drittel reduziert sein. Die Versammlung von Buchdruckern lauschte aufmerksam und spendete Beifall, wenn saftige Seitenhiebe auf den raffgierigen Unternehmer fielen. Aber als der Redner fertig war, standen nacheinander drei, vier Arbeiter auf und bedeuteten den Kollegen, man könne da nicht mitmachen, so schön der Gedanke des Referenten vielleicht sei, denn durch eine solche Regelung würden ja 50 Prozent der Buchdrucker arbeitslos, würden ihre Stellung verlieren, ihren Beruf vielleicht ganz aufgeben müssen.

    Das ist der Haken bei der Geschichte, liebe Arbeiter. Ihr müßt wissen, was auch für euch eine Umstellung der Wirtschaft vom unwirtschaftlichen wilden Privatkapitalismus zur wirtschaftlichen Form der bewußt gelenkten, öffentlich kontrollierten Wirtschaft heißen will: Entsagung, Schwierigkeiten, Unbequemlichkeiten, Härten, vielleicht sogar Not, Sorge und Armut für eine nicht ganz kurze Übergangsperiode. Jede Etappe der Wirtschaftsentwicklung ist nicht bloß ein Steigen, sondern auch ein Stolpern gewesen. Erinnert euch der Handwerker, die von der Industrie samt ihrem ganzen Handwerk aufs Trockene gesetzt worden sind, oder der Arbeiter, die durch neue Maschinen an die Luft flogen. Selbstverständlich werden die frei werdenden Arbeitskräfte wieder aufgesogen werden, wenn die Gemeinwirtschaft die planlose Wirtschaft ablöst; und Geschick der Leitenden, guter Wille der Geleiteten wird es dahin bringen können, daß der Umlenkungsprozeß möglichst glatt, möglichst schmerzlos, möglichst rasch vollzogen wird. Aber ganz ohne Opfer wird es für euch Arbeiter nicht abgehen. Wenn operiert wird, muß Blut fließen. Wenn Fabriken geschlossen und Produktionen aufgegeben werden, dann werden zunächst Arbeiter brotlos oder wenigstens — was fast ebenso schlimm ist — beschäftigungslos. Sie müssen umlernen oder umziehen. Da ist nichts zu ändern.

    Der Weg zum Sozialismus braucht vielleicht nicht durch die Hölle zu führen wie in Rußland, aber auf alle Fälle geht er durchs Fegefeuer. Ob wohl Baltrusch daran gedacht hat, als er seinen Antrag einbrachte? Und ob die Arbeitervertreter, die für ihn stimmten, alle wußten, was sie damit beschlossen? Ob schließlich die Wähler jener Arbeitervertreter wissen, was bei der etwaigen Durchführung (etwaigen! bitte, denn er ist ja lediglich „Material“ für die Regierung!) des Beschlusses ihrer wartet? Wenn es so wäre, dann wäre es gut, dann könnte die Umstellung zur Gemeinwirtschaft beginnen.

    1920, 42 · Sch.

  • Bedarf und Bedürfnis

    — Jg. 1927, Nr. 37 —

    So, so: im Reichsministerium des Innern wird wieder einmal eine Denkschrift ausgearbeitet. Über die „Gründe des Geburtenrückgangs“. Sehr interessant. Ja, was mag der wohl für Gründe haben?

    Wenn ich Herrn Geheimrat einen geheimen Rat geben darf … Nein, nicht das, ich kann mir ja denken, daß die gnädige Frau über Fünfzig ist … Wieviel Kinder? Zwei? Und nur eine Siebenzimmerwohnung? Allen Respekt, das ist ja ganz ungewöhnlich … Nein, etwas Anderes, vielmehr gerade das wollte ich sagen: wenn ich Herrn Geheimrat raten darf, so gehen Sie doch mal nach Zimmer 4327, im Vorderflur links die dritte Türe, zu Ihrem Herrn Kollegen von der Wohnungszählung.

    Über diese mit Hilfe von vielen riesigen Papierbogen im Monat Mai durchgeführte Zählung gibt das verehrliche Ministerium des Innern offiziell bekannt: „Das Ergebnis entspricht den bisherigen Schätzungen. An zweiten und weiteren Haushaltungen, die eigene Wirtschaft führen, aber keine selbständige Wohnung besitzen, wurden 660.000, und an weiteren Familien, die weder eigene Hauswirtschaft führen noch eine eigene Wohnung besitzen, rund 240.000 ermittelt. Für die nicht in die Zählung einbezogenen Gemeinden … kommt ein Zuschlag von schätzungsweise 50.000 – 100.000 Fällen in Frage, so daß sich rein zahlenmäßig ein Fehlbetrag von einer Million Wohnungen ergibt.“

    Eine Million Wohnungen zu wenig! Aber erschrecken Sie nicht, es ist nicht so schlimm. „Der tatsächliche Bedarf an Wohnungen“, fährt das amtliche Communique fort, „ist diesen Zahlen jedoch nicht unmittelbar zu entnehmen, da nicht jede Haushaltung oder Familie, die keine eigene Wohnung hat, eine solche beansprucht“. Schon in der Vorkriegszeit seien in Mittel- und Großstädten etwa zwei Prozent der Wohnungen mit zwei oder mehr Haushaltungen belegt gewesen; und heute werde man diesen Prozentsatz „zweifelsohne höher annehmen müssen.“

    Das haben sie nicht gewußt, daß es so bescheidene Familien gibt? Die keine eigene Wohnung „beanspruchen“? Ja, das gibt es. Fällt ihnen gar nicht ein, zu beanspruchen. Sie würden ja ganz gern eine eigene Wohnung haben, die Leute; aber sie können sie nicht bezahlen, deshalb beanspruchen sie sie nicht, und es existiert in diesem Falle kein Bedarf.

    Alle diese armen Menschen bedürfen doch einer Wohnung, erwidern Sie. Wie human Sie denken, Verehrtester! Aber man kann sehr wohl etwas bedürfen, und doch keinen Bedarf haben. Bedürfnis und Bedarf ist eben nicht dasselbe, müssen Sie wissen. Wenn Sie zwar am Verhungern, jedoch leider ohne einen Pfennig in der Tasche sind, so haben Sie keinen „Bedarf“ an Brot. Wenn Sie mit Ihrer schwindsüchtigen Frau und den fünf skrofulösen Kindern — nein, ich fingiere ja nur! — in einem Kellerloch in Berlin-NO bei den lieben Schwiegereltern residieren, aber als Gelegenheitsarbeiter dauernd nichts verdienen, dann existiert Ihrerseits kein Wohnungsbedarf.

    Sie verdienten an sich eine Wohnung, natürlich; aber Sie können sie nicht verdienen. Das Bedürfnis wäre da; aber Sie sind zu bedürftig, um einen Bedarf zu haben.

    Um auf unser Thema zurückzukommen: daß Menschen, die sich gern haben, auch Kinder möchten, ist an sich das Gegebene. Eine Frau, die einen Mann liebt, hat das Bedürfnis, von ihm Kinder zu bekommen. Aber ohne Wohnung haben sie keinen Bedarf an Kindern.

    Für den Statistiker heißt das: Geburtenrückgang. Geheimräte in Ministerien verfassen Denkschriften darüber. Andere Geheimräte in denselben Ministerien befassen sich mit Wohnungszählungen.

    In Deutschland herrscht infolgedessen starker Bedarf an Geheimräten. Obwohl sie an sich kein Bedürfnis sind.

    1927, 37 · Rauschnabel

    Früher wollten die Leute unbedingt in den Himmel kommen, heute sind sie schon mit einem Nachruf im General-Anzeiger zufrieden.

    Professoren kommen manchmal schon nach wenigen Jahren ernsten Studiums auf Dinge, über die sich andere erst nach fünf Minuten richtig klar sind.

  • Die Versöhnung

    Die Versöhnung

    — Jg. 1925, Nr. 25 —

    Die Verständigung mit Frankreich unter ausdrücklichem Verzicht auf Elsaß-Lothringen, die jetzt unter der Präsidentschaft Hindenburgs von einer deutschnationalen Regierung betrieben wird, hätte schon ein paar Jahre früher an die Spitze unseres außenpolitischen Programms gehört. Die damaligen deutschen Minister hätten freilich das Leben riskiert, wenn sie so etwas gewagt hätten. Die heutigen riskieren weniger, aber immerhin ihren Sessel —, vorausgesetzt, daß es ihnen ernst ist mit ihrem Schritt. Vielleicht ist es auch nur eine Stresemanniade; ein Schachzug im Rahmen der bisherigen, scheinbar schlauen, in Wirklichkeit verkehrten Politik, England gegen Frankreich auszuspielen. 

    Daß man das deutsche Angebot, auf das nunmehr die französische Antwort erfolgt ist, monatelang nicht veröffentlicht hat, würde zu dieser Annahme passen. Ehrliche Politik kann mit offenen Karten spielen. Oder hat man es dem eigenen Volk so lange als möglich verheimlichen wollen? Nachdem man es jahrelang mit allen Mitteln gegen den Abschaum der Menschheit, die Franzosen, verhetzt hat, mußte man ihm wohl etwas Zeit zur Umstellung lassen. Man wird dann auch jetzt den Hebel nur allmählich weiter rücken und die Verhandlungen über den Sicherheitspakt möglichst in die Länge ziehen. (Für die Unterhändler selber ganz angenehm; Herr Trendelenburg, der seit über einem halben Jahr den Handelsvertrag abschließt, mag sich in Paris hübsch akklimatisiert haben.) 

    Während dieser Zeit dürfte es sich also herausstellen, ob der Sicherheitspakt diplomatisches Spiel oder politischer Ernst ist. In diesem Falle, wenn wirklich eine Annäherung an Frankreich beabsichtigt ist (die das A und O einer vernünftigen deutschen Außenpolitik sein müßte), würde in der von Hugenberg und Stinnes kontrollierten Presse doch wohl zur Abrüstung der Köpfe geschritten werden. Bei der Schafsdämlichkeit, mit der die deutschen Zeitungsleser den ihnen vorgesetzten Kohl zu fressen und zu verdauen pflegen, könnte man denken, daß ein Quartal hiezu genügen würde. Aber der Franzosenhaß sitzt, glaube ich, doch tiefer als das „Gott strafe England!“ Seine systematische, zielbewußte Ausräumung ist ein so großes Unternehmen, daß ich es unserer verehrlichen Regierung eigentlich nicht zutrauen kann. 

    Umsomehr ist es die Pflicht aller Vernünftigen, ihn, und sei es auch nur sandkornweise, abtragen zu helfen. Europa wird untergehen, wenn es sich nicht assoziiert; Voraussetzung dafür ist das deutsch-französische Bündnis; Voraussetzung für dieses die Beseitigung des Revanchegeistes. Wer an ihr arbeitet, dient seinem Volk; wer sie verhindert, und hielte er sich für noch so patriotisch, verrät es. 

    Deutsche und Franzosen, laßt euch nicht von Verblendeten und Interessenten weiter belügen! Ihr steht euch „völkisch“ viel näher als ihr glaubt; ihr ergänzt euch prächtig, wo ihr verschieden seid. Lernt euch kennen, studiert einander, besucht euch! Der Krieg hat euch, die Einfachen, Unverbildeten unter euch, durch Quartier und selbst Gefangenschaft ja eher näher als ferner gerückt. Pflegt die Beziehungen von damals; knüpft neue an! Arbeiterorganisationen, haltet gemeinsame Kongresse, schickt euch eure Kinder in die Ferien; Jugendbünde, macht euch auf die Fahrt ins Nachbarland; Schüler, wechselt Briefe mit Kameraden jenseits der Grenze; Studenten, soweit ihr nicht unheilbar fanatisiert seid, besucht gegenseitig eure Hochschulen; Ästheten, Künstler, Kunsthistoriker, Schriftsteller, Männer der Wissenschaft, widmet euch der Erkenntnis und Erforschung der nachbarlichen Kultur, die, ohne daß es manchem von euch bewußt ist, zum Teil eure eigene ist! 

    Deutschland und Frankreich sind Geschwister. Geschwister können sich so hassen, wie sie sich lieben sollten. Ihr habt nur die eine Wahl: beide zu Grunde zu gehen oder euch endlich, endlich wieder die Hand zu reichen. 

    1925, 25 · Erich Schairer 

  • Mein Programm

    Mein Programm

    — 1. Jg. 1920, Nr. 1 —

    Das arme deutsche Volk ist durch die Borniertheit und Leichtfertigkeit einer Regierung, die seinem Erleben und Erleiden fremd und verständnislos gegenüberstand, in einen unglückseligen Krieg hineingerissen worden. Während dieses Kriegs hat eine politisch unfähige, rücksichtslose Militärkaste die Macht an sich gerissen und die sich mehrfach bietenden Gelegenheiten zu einer vernünftigen Liquidierung des Kriegs von sich gewiesen. Dann hat sich das alte Sprichwort ,Hochmut kommt vor dem Fall‘ erfüllt. Die militärische Niederlage hätte jedoch noch nicht ohne weiteres eine politische zu werden brauchen, wenn nicht durch die Schuld des Unglücksmenschen Ludendorff ein voreiliger und kopfloser Waffenstillstand geschlossen worden wäre. Er drückte das Siegel auf den vollkommenen Zusammenbruch. In ihm sind die alten politischen und militärischen Gewalten verschwunden. Die Revolution hat Kaiser und Könige, Generäle und Minister hinweggefegt und die deutsche Republik, den hundertjährigen Traum der Patrioten, erfüllt. Aber es war ein schlimmes Erbe, das sie antreten mußte. Wohl waren die schuldbeladenen Häupter verjagt; aber die Folgen der Vergangenheit waren damit nicht aus der Welt geschafft. An diesen bitteren Folgen haben wir jetzt zu würgen, und wir wissen beim Anbruch dieses kommenden schweren Jahres [1920] noch nicht, ob wir nicht daran ersticken werden.

    Ob wir wieder aus dem Elend herauskommen werden, hängt von zweierlei Umständen ab. Einmal von dem in mehr als einer Beziehung zweifelhaften Wohlwollen der bisher feindlichen Regierungen. Es wäre schlimm, wenn wir uns darauf allzusehr verlassen wollten oder sogar einzig verlassen müßten, wie Österreich. Und umso weniger wird dies nötig werden, je mehr wir selber die Kraft finden, uns aufzuraffen. Das heißt: je entschlossener, entsagender, ernsthafter wir uns zu gemeinsamer, planvoller Arbeit im Dienste des deutschen Vaterlandes zusammenschließen.

    Leider ist von einem solchen Zusammenschluß, von einem sieghaften Erwachen des Solidaritätsgedankens (das verstehe ich auch unter Sozialismus und Sozialisierung) bisher in Deutschland nicht viel zu bemerken. Weder politisch noch wirtschaftlich noch sozial. Die Vereinigung der deutschen Einzelstaaten zum einen Deutschland wird zwar mehr und mehr als nationale und wirtschaftliche Notwendigkeit eingesehen, aber noch ist die Bereitschaft dazu über Trägheit und Eigenbrödelei nicht Herr geworden. Die alten Parteien sind mit neuen Firmenschildern wieder auferstanden und zanken sich über dieselben Worte (denn zu Taten kommt es nicht) und mit denselben widerlichen Methoden wie früher. Der Zusammenschluß der wirtschaftlichen Gruppen und ihre Einordnung in einen planvoll funktionierenden Gesamtorganismus ist zwar weithin als wünschenswert und vernünftig erkannt; aber noch steht Industrie gegen Handel, Stadt gegen Land, Verbraucher gegen Erzeuger; und der wirtschaftliche Egoismus feiert höllische Triumphe. Die Arbeitsgemeinschaft zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber, der Friede zwischen den Ständen und Klassen, wird zwar unermüdlich gepredigt; aber alle Predigt hat die tiefe Kluft der Entfremdung und des Übelwollens, die von altersher befestigt ist, noch nicht zuschütten können. Wir leben dem Buchstaben nach in einer sozialen und demokratischen Republik; aber der Geist des Sozialismus und der Demokratie, der Rücksicht, Verständnis, Wohlwollen und Gerechtigkeit bedeutet, ist nicht zum Leben erwacht.

    Diesem Geiste wird diese Zeitung dienen. Sie wird eintreten für die Gleichberechtigung aller Volksgenossen ohne Unterschied des Standes oder Berufs und für das Recht der Allgemeinheit, das vor dem Einzel- oder Gruppeninteresse rangiert; sie wird kämpfen gegen Standesvorurteile und Eigennutz, gegen jedwede Ungerechtigkeit und das Erbübel der Deutschen: die Zersplitterung. Der deutsche Einheitsstaat, die Gemeinwirtschaft und die Wahrung der Menschenwürde sind ihre drei Leitsterne für Politik, Wirtschaft und Gesellschaftsordnung. Sie wird national und sozial sein. Aber wie sie innerhalb des Volkes für Frieden und gegenseitiges Verständnis eintreten wird – das bedeutet ,sozial‘ – , so wird sie auch in der äußeren Politik nicht etwa nationalistisch und national verwechseln. Auch die Völker und Nationen sind zur Gemeinschaft bestimmt und nicht zur gegenseitigen Zerfleischung. Sie sollen und werden einander anerkennen und verstehen lernen. Die Völker hassen sich nicht; trotz aller giftigen Saat, die von falschen Führern und ihrer Presse ausgestreut worden ist und jetzt wieder ausgestreut wird. Auch diese Verhetzung soll hier kein Echo finden.

    Es mag vielleicht gewagt sein, in dieser Zeit und unter solcher Devise eine Zeitung ins Leben zu rufen. Sei es gewagt! Wenn der Widerhall ausbleiben sollte, dann umso schlimmer – nicht sowohl für mich als für das Gemeinwesen.

    1920, 1 · Erich Schairer

  • Wehrpflicht und Nährpflicht

    — Jg. 1923, Nr. 19 —

    Es ist ganz richtig, daß die allgemeine Wehrpflicht ein alter demokratischer Gedanke ist, mag er im wilhelminischen Deutschland durch Offiziersprivileg und Soldatenschinderei noch so sehr entstellt worden sein. Geht einmal in die Schweiz, die ihm ihre Existenz verdankt, oder lest wenigstens Gottfried Kellers Fähnlein der sieben Aufrechten, und ihr werdet einen Begriff davon bekommen. Oder hört einmal zu, wenn alte Bauern am Sonntagnachmittag im Wirtshaus aus ihrer Soldatenzeit erzählen: ob ihr den volkstümlichen Hauch nicht empfindet, der Uniform und militärischen „Dienst“ umwittert, mögen sie noch so eng und streng gewesen sein.

    Wenn viele heute sagen, mit der Wehrpflicht sei unserem Volke etwas genommen worden, nicht bloß eine Schule körperlicher Erziehung und äußeren Schliffs, sondern auch etwas Ideelles, so läßt sich das nicht so ohne weiteres zurückweisen. Und wenn der Krieg nicht gewesen wäre, dann würde es wohl nur ganz vereinzelten Schwärmern einfallen, an dem Gedanken der Wehrpflicht überhaupt zu rütteln oder ihn zu bekämpfen.

    Der Krieg erst hat uns das Unsittliche des Soldatenwesens im heutigen Staate vor Augen demonstriert. Es besteht darin, daß Menschen gezwungen werden, für Ideale, die nicht die ihren sind, schlimmer noch: für Ideale und Interessen, die den ihrigen entgegengesetzt sind, ihr Leben zu opfern. Den Heldentod kann man nur für sein eigenes Ideal sterben; darum pflegen wir heute die „Helden“ des Kriegs, die in Wirklichkeit arme gemordete Schlachtopfer waren, mit Gänsefüßchen zu schreiben. Im heutigen Klassenstaat, auch wo er sich „Republik“ heißt, ist die allgemeine Wehrpflicht ein Nonsens. In ihm dürfte es nur freiwilligen Kriegsdienst geben. In ihm waren diejenigen die Helden, die — in England, in Amerika, vereinzelt auch in Deutschland — den Kriegsdienst verweigert haben. Nur in einem wirklich demokratischen Gemeinwesen, in dem es keine Klassen gibt, ist auch die allgemeine Wehrpflicht kein scheinheiliger Name für den Gipfel der Ausbeutung und Unterdrückung.

    An was erkennt man aber nun eigentlich den wahren demokratischen Staat? Wagen wir eine Definition, die sehr wenig gelehrt klingt, aber dafür jedem verständlich sein wird: daran, daß in ihm niemand verhungert. Daß das Leben, das unter Umständen für die Gesamtheit als Opfer dargebracht werden soll, jedem einzelnen von eben dieser Gesamtheit garantiert wird, solange es dauert. Die logische Ergänzung des Gedankens der allgemeinen Wehrpflicht der Bürger bildet die allgemeine Nährpflicht des Staates, wie sie Popper-Lynkeus in seinem genialen Reformplan verwirklicht sehen wollte: die bedingungslose Gewährung des Existenzminimums in Nahrung, Kleidung und Wohnung an jeden Einzelnen, von der Geburt bis zum Tode, ohne Rücksicht auf persönliche Qualität, Herkunft und Leistung.

    Eine solche „beitragslose Versicherung“ ist in ihrer vollen Ausdehnung nur möglich unter einer Voraussetzung: daß sämtliche Staatsbürger einen Teil ihrer Lebens-Arbeitsleistung unmittelbar der Allgemeinheit zur Verfügung stellen. Also der allgemeinen Arbeitspflicht, die man recht wohl mit der Wehrpflicht vergleichen und als allgemeine Wehrpflicht gegen den Mangel, den wahren „inneren Feind“, bezeichnen könnte.

    Die Wiedereinführung der allgemeinen Wehrpflicht ist Deutschland — Gott sei Dank, werden viele seufzen — durch den Vertrag von Versailles verboten. Aber könnte man ihre „demokratischen“ Vorzüge, die Erziehung und Ausbildung der jungen Männer, die Idee der gleichen Verpflichtung aller zum Dienst am Ganzen, nicht in dieser besseren und nützlicheren Gestalt wieder aufleben lassen? Könnte Deutschland nicht das entsetzliche Unrecht gegen seine enteigneten Rentner, gegen die darbenden Alten, Kriegereltern, Kriegerwitwen und -waisen, das es auf dem Gewissen hat, wiedergutmachen, indem es wenigstens einmal jedem Bürger vom 60. Lebensjahr ab seinen Lebensunterhalt garantierte und dafür einige Jahrgänge zuchtloser und verwilderter Jungmannen zum Dienst in Arbeitsbataillonen einzöge, statt sie in Hitlerbluse und Hakenkreuz Soldätles spielen zu lassen?

    1924, 19 Rauschnabel

  • Sprachliche Vermahnung

    Sprachliche Vermahnung

    für die Mitarbeiter der Stuttgarter Zeitung (und andere Zeitungsschreiber)

    1. In Überschriften und bei kurzen Meldungen, die einen abgeschlossenen Tatbestand mitteilen, soll kein Imperfekt (die Zeitform der Erzählung!) verwendet werden, Also: Mussgay hat sich erhängt, nicht: Mussgay hängte sich. Clemenceau ist zum Präsidenten gewählt worden, nicht: wurde zum Präsidenten gewählt.

    2. Die Zeitform der Vorvergangenheit, also eines Geschehens, das gegenüber einem anderen vergangenen Geschehen weiter zurückliegt, ist das Plusquamperfektum. In einem erzählenden Bericht über einen Empfangstag beim Papst darf es also nicht heißen: der Papst empfing darauf einige Geistliche, die aus Albanien ausgewiesen wurden, sondern ausgewiesen worden waren.

    3. Nach den Zeitwörtern des Aussagens, Glaubens, Meinens, Denkens wird im allgemeinen der Konjunktiv des Präsens gesetzt, nicht der Vergangenheit. Er sagte, er sei krank, nicht: er wäre krank. Nur wenn der Konjunktiv des Präsens gleich lautet wie der Indikativ, nimmt man an seiner Stelle das Imperfektum, um ein Mißverständnis zu vermeiden. (Er sagte, ich hieße Hans.)

    4. Nachdem ist ein Bindewort, das nur zeitlich gebraucht werden sollte, nicht begründend (statt da oder weil), eine Unsitte, die gegenwärtig aufkommt: „Nachdem die Waschmaschine so billig ist, können wir uns auch einen Staubsauger anschaffen.“

    5. Das Eigenschaftswort in prädikativer (aussagender) Stellung wird nicht gebeugt. Es heißt also nicht: der Anblick ist ein trauriger, sondern: der Anblick ist traurig.

    6. Das rückbezügliche Fürwort steht in Hauptsätzen unmittelbar hinter dem Zeitwort, in Nebensätzen gleich hinter dem ersten Satzteil. Bald begannen sich Menschen auf der Straße anzusammeln. (Nicht: Bald begannen Menschen auf der Straße sich anzusammeln.) Der geistige Zustand, in dem sich das deutsche Bürgertum um die Zeit des Kriegsendes befand. (Nicht: in dem das deutsche Bürgertum um die Zeit des Kriegsendes sich befand.)

    7. Vorsicht mit „um zu“. Ein Satz mit um zu ist nur möglich, wenn Hauptsatz und Nebensatz dasselbe Subjekt haben. Er ging in die Stadt, um einzukaufen. Aber nicht: Er ließ den Arzt rufen, um ihm eine Spritze zu geben. Bei brauchen bitte das „zu“ nicht vergessen! Man sagt: er braucht das nicht zu wissen, nicht: er braucht das nicht wissen.

    8. Man hüte sich vor Übertreibungen und Superlativen, wie sie in der vergangenen Zeit geblüht haben (dazu gehören auch Wörter wie gigantisch, unerhört, unglaublich, phantastisch). Ganz abscheulich ist es „mit“ beim Superlativ zu verwenden. „Das ist ein gutes Buch“ genügt anscheinend nicht, das beste oder eines der besten Bücher wagt man auch nicht zu sagen; man nimmt den Superlativ wieder zurück und schreibt: „mit eines der besten Bücher“. Damit glaubt man zwei Klippen umschifft zu haben und ist glücklich bei einem ebenso häßlichen wie nichtssagenden Ausdruck gelandet.

    9. Anscheinend und scheinbar nicht verwechseln! Dieses Paar ist „scheinbar glücklich“ bedeutet etwas ganz anderes als: „ist anscheinend glücklich“.

    10. Gebrauchen Sie einfache Zeitwörter, und sparen Sie die Hauptwörter, vor allem die auf -ung! Sagen Sie beweisen statt unter Beweis stellen, verzichten statt Verzicht leisten, untersuchen statt einer Untersuchung, unterwerfen und so weiter. „Es gilt nach wie vor die Anordnung, wonach in die Ernennungsurkunde der Lehrerinnen die Bestimmung aufzunehmen ist, daß ihre Verheiratung die Aufhebung ihrer Anstellung zur Folge hat.“ Dieser Satz würde in gutem Deutsch etwa lauten: „Lehrerinnen, die neu angestellt werden, sind darauf hinzuweisen, daß sie aus dem Amt gehen müssen, wenn sie heiraten.“

    11. Sagen Sie nicht Großteil, sondern großer Teil, nicht Frischfische und Frischmilch, sondern frische Fische und frische Milch. Und zwar nicht ab sofort, sondern von jetzt an, also vom 21. September an, nicht ab 21. September.

    12. Vermeiden Sie, wenn Sie es können, Modewörter aus der Hitlerzeit (oder auch schon etwas ältere) wie: Garant, Aggression, Sektor, Ausmaß, im Zuge, Einsatz, aufziehen, aufzeigen, absinken, ausrichten, gestalten, betreuen, erfassen, tragbar, restlos, einmalig, voll und ganz, seitens, hundertprozentig, zweifelsohne und noch ein paar Dutzend andere solcher Blüten einer bösen Zeit, die unsere Sprache nicht reicher und nicht schöner gemacht haben.

    Betrachten Sie bitte diese Aufzählung von Sünden nicht als vollständig. Lassen Sie sich dadurch anregen, ihr Gewissen zu erforschen; vielleicht werden Ihnen noch andere einfallen.

    1950

  • Zum 50. Geburtstag von Josef Eberle

    Zum 50. Geburtstag von Josef Eberle

    [08.09.1951] Es muß Anfang 1926 gewesen sein, als ich in meinem Postfach einmal einen Brief an die „Sonntagszeitung“ aus Leipzig fand, mit einer netten, kleinen, gedrängten Schrift, die mir sogleich gefiel. Ein junger Buchhandlungsgehilfe namens Josef Eberle bot ein Manuskript an. Ich sah sofort, daß er etwas konnte, was wenigen Schriftstellern gegönnt ist: die sogenannte kleine Form. Von da an war Tyll, so hieß Eberles Deckname, Mitarbeiter meiner „Sonntagszeitung“. Bald stellte es sich heraus, daß er es auch verstand, sich in Versen auszudrücken. Am 2. Mai 1926 erschien als erstes Gedicht Tylls eine „Ode an die Dummheit“, die ich heute noch auswendig kann, und deren erste Strophe mir, offen gestanden, manchmal einfällt:

    „Laß mich um deinen Sockel Kränze winden
    aus Immortellen und aus Immergrün.
    Nie wird die Allmacht deines Thrones schwinden,
    und deiner Hand das Zepter zu entwinden
    ist heißes, doch vergebliches Bemühn.“

    Im Spätsommer 1926 sahen wir uns dann zum erstenmal, als Tyll mich auf meiner Redaktionsstube im dritten Stock von Lange Straße 18 in Stuttgart besuchte. Er wurde in unseren nunmehr 4 Personen bestehenden Ringelnatz-Klub aufgenommen, der bei seinem Mitglied Willy Widmann in der „Elsässer Taverne“ zu tagen pflegte, mit oder ohne Ringelnatz; und eines Tages kam Eberle-Tyll dabei auch mit einem anderen Mitarbeiter der „Sonntagszeitung“, meinem alten Freund Dr. Owlglass vom Simplizissimus, zusammen, dem er in mancher Beziehung geistesverwandt war. Daß ich die Verbindung zwischen den beiden habe herstellen können, freut mich heute noch ebensosehr wie das Bewußtsein, den Schriftsteller und Dichter Eberle vor fünfundzwanzig Jahren sozusagen entdeckt zu haben. Ob ich behaupten kann, daß ich ihn wesentlich gefördert hätte, weiß ich nicht. Große Honorare konnte die „Sonntagszeitung“ nicht zahlen. Im Grunde war damals wahrscheinlich mehr er der Gebende, obwohl er zeitweise im Dichten etwas faul war.

    Von einem Pariser Aufenthalt im Jahre 1927, den er eigentlich als Berichterstatter der „Sonntagszeitung“ genommen hatte, hat er z. B. außer Briefen um Geld keine Zeile geschrieben. Aber dann brachte wieder jede Nummer etwas von Tyll, und die steigende Auflage bewies, daß seine zeitkritischen und satirischen Produkte den Lesern ebensoviel Vergnügen machten wie mir selber. Es sind prächtige Sachen darunter, die übrigens zum Teil heute wieder aktuell sind. Ein Sammelbändchen „Mild und bekömmlich“ ist 1928 erschienen und wahrscheinlich große Rarität, denn im Dritten Reich durfte man so etwas nicht haben. Schon im zweiten war es ja nicht ganz ungefährlich, eine Feder zu führen, die den herrschenden Mächten, siehe „Ode an die Dummheit“, so keck entgegentrat; und trotzdem sind wir damals nur ein einzigesmal vor Gericht gestanden — es war die Sache mit dem Holzkopf — und mit 50 Mark davongekommen.

    Heute, nach beiderseits überstandenem Hitler, sind wir nun wieder beieinander und versuchen, mit wenigen Worten gesagt, verhindern zu helfen, daß er wieder kommt.

    Gesprochen im Süddeutschen Rundfunk am 8. 9. 1951

    http://erich-schairer.de/wp-content/uploads/mp3/ESzuJE50.mp3

  • Christoph Schrempf zum Gedächtnis

    Christoph Schrempf zum Gedächtnis

    Sechs Jahre sind es jetzt her, daß Christoph Schrempf gestorben ist. Wenn es ihm beschieden gewesen wäre wie G. B. Shaw, sich selber zu überleben, dann wäre er heute neunzig Jahre alt, und die Zeitungen würden Artikel über ihn bringen: nicht weil er Christoph Schrempf, sondern weil er neunzig wäre. Im ganz hohen Alter werden sogar unbequeme Zeitgenossen ehrwürdig.

    Da Schrempf nun aber tot ist, scheint es fast, als ob man ihn schon vergessen hätte. Seine Bücher werden, wie man hört, nicht viel gekauft. Die Leute haben andere Interessen. War er nicht ein Sonderling, dieser ursprüngliche Pietist und abgesetzte Pfarrer, der das Glaubensbekenntnis nicht mehr gelten lassen wollte und sich ein ganzes langes Leben lang über sein Verhältnis zu Gott Gedanken machte, statt ihn einen guten Mann sein zu lassen? Dieser Theologe, der seinen Beruf so ernst nahm, daß er glaubte, wenigstens in religiösen Dingen dürfe es keine durch stillschweigendes Übereinkommen sanktionierte Unwahrhaftigkeit, keine Herrschaft der Konvention, auf gut Deutsch: keine Lüge geben, auch wenn sie noch so fromm scheine? Wer hat heute schon Zeit für Theologie und Lust zu solchen Diskussionen?

    Vielleicht, oder sollten wir sagen: hoffentlich wird es einmal wieder so weit kommen, daß die Menschen Zeit und Lust haben, sich mit den „letzten Dingen“ ernsthaft zu beschäftigen. In zehn, zwanzig, dreißig Jahren; dann wird Christoph Schrempf eines Tages neu entdeckt und als großer religiöser Denker gefeiert werden. Seine gedankliche Auseinandersetzung mit dem überlieferten Christentum wird Sensation machen, nicht bloß nach ihrem Inhalt, sondern vor allem in ihrer besonderen Form: Schrempf ist der erste Theologe, der auf seinem Gebiet die scholastische Methode überwunden hat.

    Während etwa in der Naturwissenschaft die Sachlichkeit, die Loslösung von Überlieferung und persönlicher Autorität längst durchgedrungen und selbstverständlich geworden ist, segeln die sogenannten Geisteswissenschaften immer noch im toten Fahrwasser hingenommener Tradition und abgestandener Begriffe. Sie sind, wie Schrempf sagt, ein Fortspinnen vorhandener Meinungen mit einem Seitenblick auf die Sache, statt daß man umgekehrt der Sache nachginge, höchstens mit einem Seitenblick auf die Meinungen, die bereits über sie vorhanden sind. Das ist die Methode des Antischolastikers und Antiromantikers Schrempf. Was andere, was Vorgänger über Gott und Welt gesagt haben, heißen sie wie sie sollen, kümmert ihn erst hinterdrein, nachdem er die Sache selber untersucht hat und sich über sie klar geworden ist. Und bei dieser Untersuchung gibt es für ihn keine Pietät, keine Rücksicht irgendwelcher Art, kein Halten vor irgendeiner Schranke außer der, die dem Erkennen selber gesetzt ist. Die Theologie ist bei Schrempf wirklich zur Wissenschaft geworden, ein Gegensatz zwischen Theologie und Philosophie ist für ihn nicht mehr vorhanden. Die Begriffe, die beiden eigen sind, haben nicht mehr verschiedenen, aber sie haben einen neuen Inhalt. „Die Religion hört in dem Verhältnis zum wirklichen Gott auf; das Verhältnis zum wirklichen Gott hört in der Religion auf.“

    Man begreift, daß es nicht jedermanns Sache ist, sich in dieser Luft zu bewegen. Wer es sich zutraut, dem sei die dreibändige Auswahl aus Schrempfs gesammelten Werken empfohlen, die Otto Engel vor einiger Zeit [1950…] im Frommann’schen Verlag herausgegeben hat: „Religion ohne Religion“, Preis 24 DM; wer nicht so viel Geld hat, der lese Schrempfs „Menschenlos“ (5 DM) oder „Vom öffentlichen Geheimnis des Lebens“ (6 DM), ebenfalls aus dem Frommann’schen Verlag.

    Stuttgarter Zeitung, 1950, 98

  • Das deutsche Verbrechen

    Das deutsche Verbrechen

    Klar sieht, wer von ferne sieht;
    Nebelhaft, wer Anteil nimmt.

    Laotse

    [StZ vom 31.12.1946] Professor Friedrich Wilhelm Förster, der bekannte Pädagoge und Pazifist, hatte in der „Neuen Zürcher Zeitung“ einen Aufsatz über „Moralische Präliminarien des Friedens mit Deutschland“ erscheinen lassen, in dem er die Alliierten davor warnt, Deutschland zu vertrauen und es in den Kreis der Nationen aufzunehmen, ehe es sein Riesenverbrechen wirklich eingesehen und bereut und sich moralisch gebessert habe. Vorläufig sei davon noch nichts zu entdecken. „Wann hat man je gehört, daß ein erbarmungsloser Räuber und seine Komplicen schon ein Jahr nach der Verhaftung und ohne daß auch nur das geringste Zeichen einer Sinnesänderung vorliegt, in allem Ernst eingeladen werden (gemeint ist Churchills Paneuropa-Vorschlag, die Red.), mit seinen Opfern zusammen einen Verein zur Sicherung der öffentlichen Ordnung zu begründen?“

    Förster zitiert ein Wort von General Haushofer aus dem Jahr 1941 zu einem amerikanischen Journalisten: „Sie können sicher sein, daß wir im Falle einer Niederlage von der ersten Stunde nach dem Waffenstillstand Tag und Nacht an nichts denken als an die Vorbereitung des nächsten Krieges.“ So denke heute noch die Mehrheit der Deutschen. Die Verbrecher und ihre verblendeten Mitläufer hätten nichts bereut und nichts aufgegeben; sie seien entschlossen, ihren Plan so bald als möglich „mit andern Mitteln und Bundesgenossen“ wieder aufzunehmen.

    Darum sei es unbedingt nötig, Deutschland streng zu behandeln, ihm die materiellen und geistigen Grundlagen für einen Angriff zu entziehen, also in erster Linie seine Kriegsindustrie zu vernichten und jede Propaganda für die alte Ordnung zu unterbinden, und keinen der kompromittierten Agenten des alten Deutschlands in Amt und Ehren zu lassen. Alles sei verloren, wenn „die jetzige Praxis weitergeht und die Alliierten um die Wette den Deutschen den Hof machen, selbst wenn es sich um Nazi oder Pangermanisten handelt“.

    Hat Professor Förster mit diesem seinem Pessimismus recht oder nicht? Es ist nicht ganz einfach, diese Frage zu beantworten.

    Richtig ist, daß die Nazi in Deutschland keineswegs ausgerottet sind; daß ihre Gesinnung namentlich an einigen wichtigen Stellen, in der Wirtschaft, in der Justiz und auf den Universitäten, weiterlebt; daß sie so gut wie unbelehrbar sind und nur für Gewalt Verständnis haben.

    Daß die Mehrheit der Deutschen heute schon wieder an die Vorbereitung des nächsten Kriegs denke, ist ohne Zweifel stark über trieben. Aber hat denn die Mehrheit den letzten oder den vorletzten gewollt? Kriege sind bis jetzt immer von Minderheiten gemacht worden. Die Mehrheiten sind ihnen dann gefolgt, und wer sich nicht scheut, der “Wirklichkeit ins Auge zu sehen, der wird zugeben, daß auch heute eine Mehrheit des deutschen Volkes nicht imstande wäre, einen Krieg zu verhindern, den anzufangen eine Minderheit mächtig genug wäre; auch wenn es diese Mehrheit heute weit von sich weisen wird, daß sie einen Krieg wünsche oder mit einem solchen rechne.

    Die große politische Aufgabe der alliierten Mächte besteht darin, einen neuen Krieg zu verhindern, auf den heute die nazistischen Elemente in Deutschland wieder hoffen mögen. Die Voraussetzung dafür ist, daß die Alliierten unter sich einig sind; daß es ihnen gelingt, die zwischen ihnen vorhandenen Interessengegensätze, mit denen der geschlagene Nazismus rechnen zu dürfen glaubt, auch weiterhin friedlich auszugleichen. Damit würde diesem der Wind aus den Segeln genommen; von sich aus kann er ja keinen Krieg mehr an fangen, solange Deutschland von den alliierten Mächten besetzt ist. Er würde dann vielleicht zwar nicht von heute auf morgen, aber doch im Laufe der Zeit langsam absterben, weil ihm sozusagen der Boden entzogen würde, aus dem er Nahrung saugen kann.

    Ob Herr Förster mit seiner moralisierenden Betrachtungsweise und mit seinem pädagogischen Rezept der Strenge auf dem richtigen Wege ist, bleibe dahingestellt. Den Nationalismus mit negativem Vorzeichen, zu dem ihn seine Haltung verführt, halten wir für ebenso verfehlt wie den positiven. Der alte Abraham, derSodom und Gomorrha retten wollte, auch wenn er nur fünf Gerechte in seinen Mauern gehabt hätte, war vermutlich nicht bloß etwas menschen freundlicher, sondern auch ein besserer Politiker.

    Wir büßen heute alle für das, was die Nazi gefrevelt haben. Das ist in der Ordnung. Aber trotzdem wollen wir uns nicht insgesamt mit den Nazi in einen Topf werfen lassen, wie Förster es tut; und Moralpredigten wirken nicht so unbedingt erzieherisch, wie der be rühmte Pädagoge anzunehmen scheint. Es könnte sein, daß allzu große kollektive Strenge in der Behandlung eines geschlagenen Volkes das Gegenteil von der beabsichtigten Wirkung hervorriefe: vermehrten Nationalismus, weiterschwelenden Nazismus.

    Es wäre also vielleicht besser gewesen, wenn Herr Förster, etwas weniger alttestamentlich, auch ein paar milde Tone gefunden und den Alliierten geraten hätte, zwar die militanten Nazi in Deutschland mit Skorpionen statt mit Ruten zu züchtigen, aber gnädig zu sein gegen die bloßen Mitläufer und die vielen anderen, deren Schuld lediglich darin besteht, daß sie noch leben.

    „Hat nicht die deutsche Nation“, schreibt Förster, „ein kollektives Riesenverbrechen begangen, das ohnegleichen in der ganzen Geschichte der Menschheit ist?“ Gewiß, es war ein Riesenverbrechen, das geschehen ist; fast so groß wie das eines Dschingis Khan oder Tamerlan. Aber darf man sagen, die „deutsche Nation“ habe es begangen, von der Tausende und Abertausende behaupten und beweisen können, daß es nicht von, sondern an ihnen begangen worden ist?

    Stuttgarter Zeitung, 31. 12. 1946

  • Antwort auf eine Frage

    Antwort auf eine Frage

    Als die Besatzungsbehörden ihn 1946 zur schriftlichen Beantwortung der Routinefrage „Welches waren Ihre Gefühle während der Nazizeit?“ aufforderten, schrieb Erich Schairer in der Form einer Antwort an einen Freund:

    Du fragst mich (etwas neugierig, wie mir scheint), wie es während der Nazizeit in meinem Inneren ausgesehen habe. Schlimm, kann ich Dir sagen. Ich war zerrissen in einem Hin und Her zwischen Trauer, Scham und Haß.

    Ich erinnere mich eines Nachmittags, an dem ich meinen Dienst auf dem Lindauer Bahnhof absolvierte; einen Zwangsdienst, der mir nicht einmal so unwillkommen war, weil er mir die Möglichkeit gab, mich unverdächtig abseits zu halten. In dem Zug, den ich eben abgefertigt hatte, saß mein 25jähriger Sohn, ein guter, friedfertiger, etwas träumerisch veranlagter Junge, den sie zur SS gepreßt hatten. Er hatte ein paar kurze Tage Urlaub gehabt, die er wortkarger als früher hingebracht hatte. Er schien innerlich aus dem Gleichgewicht; er hatte wohl manches Böse, vielleicht Entsetzliches mitansehen müssen und nicht verhindern können. Nun würden also wieder Raubmörder sein täglicher Umgang sein. Der arme Kerl — ich hatte ihn nicht retten können, wenn er nun vielleicht zugrunde ging.

    Als ich nach der Abfahrt des Zuges den Bahnsteig verließ, kam ich an einem Güterwagen vorüber, den ich nachher in den Münchener Zug stellen mußte. Ich warf einen Blick durch die offene Türe. Da lagen, kauerten und standen unter der Bewachung von ein paar Bewaffneten etwa dreißig bis vierzig Dachauer Schutzhäftlinge in ihren gestreiften Verbrecherkleidern. Grünlich-bleiche Gesichter mit wirren Bartstoppeln, zum Skelett abgemagerte Gestalten. Sie wurden aus Überlingen ins Dachauer K.Z. zurückgebracht, weil sie zu schwach und krank waren, um noch weiter ausgeschunden werden zu können.

    Wer weiß, was mit ihnen jetzt geschehen würde? Sie stierten apathisch vor sich hin; kaum einer, der vielleicht daran dachte, daß von drüben, sechs Kilometer über den See entfernt, die Schweiz, das Land der Freiheit, herüberleuchtete. Dem oder jenem sah man es an: er war ein „Intellektueller“, ein geistiger Mensch wie ich selber. Müßtest Du, der du hier mit der roten Mütze in hübscher Uniform herumspazierst und freilich auch lieber in der Schweiz drüben säßest, müßtest Du, dachte ich, nicht eigentlich auch unter diesen Schächern sein, die nun sterben würden, weil sie gegen den Mann protestiert hatten, den auch ich für einen Verbrecher hielt?

    Langsam und wie geistesabwesend ging ich zurück in mein wohl geheiztes Büro und setzte mich auf meinen Sessel hinter dem Schreibtisch mit den Papieren und Telefonen. Gegenüber an der Wand, so daß ich es beständig im Gesicht hatte, hing ein großes Brustbild des „Führers“. Wieder einmal schaute ich in diese ekelhafte, gewöhnliche Fratze, und meine Fantasie malte mir auf die fliehende Stirn das kleine, runde Loch mit dem dünnen Blutstreifen, das ich mir unwillkürlich immer dazudenken mußte, wenn mein Blick auf die verhaßten Züge fiel. Wann und wie würde dieser Mensch enden? Und würde es dann nicht zu spät sein, zu spät für uns alle?

    1946