Schlagwort: Erich Schairer

  • Warum ich nicht Pfarrer blieb

    — Jg. 1921, Nr. 20 —

    Eine Beichte

    1. Entlassungsgesuch. „Da ich es mit meiner persönlichen Überzeugung nicht mehr vereinigen kann, nach meinem demnächst erfolgenden Ausscheiden aus der hiesigen Amtsverwesung die von mir seinerzeit leichtsinnigerweise übernommene und während meiner früheren kirchlichen Amtstätigkeit bereits mehrfach verletzte Verpflichtung für den Dienst an der evangelischen Kirche Württembergs wieder auf mich zu nehmen, so bitte ich das Konsistorium, mich mit Beendigung meiner hiesigen Verwendung aus diesem Dienste entlassen zu wollen.

    Eßlingen, 5. Dezember 1911
    Erich Schairer,
    Professoratsverweser am Eßlinger Lehrerseminar.“

    2. Eidesformel. „Sie als angestellter Pfarrgehilfe (Pfarrverweser) verpflichten sich durch Handtreue an Eides Statt: Seiner Königlichen Majestät, unserem Allergnädigsten König und Herrn, treu und gehorsam zu sein, und alle Obliegenheiten Ihrer Stelle in der Kirche, Schule und Seelsorge nach Vorschrift der Gesetze und Verordnungen, sowie nach den Weisungen Ihrer Vorgesetzten mit Eifer, Fleiß und Genauigkeit zu erfüllen. Sie werden sich insbesondere bei Ihren kirchlichen Vorträgen und dem Religionsunterricht an die Heilige Schrift halten, und sich keine Abweichungen von dem evangelischen Lehrbegriffe, so wie derselbe vorzüglich in der Augsburgischen Konfession enthalten ist, erlauben. In Ihrem Lebenswandel werden Sie sich sorgfältig hüten, Anstoß und Ärgernis zu geben, sich durch ein untadelhaftes, bescheidenes und menschenfreundliches Betragen der Zufriedenheit Ihrer Vorgesetzten und die Achtung und Liebe der Gemeinde zu erwerben suchen. Sie werden sich bestreben, in allem so zu handeln, wie es Ihre Pflicht fordert und Sie es gegen den allwissenden Gott zu verantworten sich getrauen.

    Eßlingen, den 21. August 1909 t. E. Schairer.

    Aus der Augsburgischen Konfession. „Erstlich wird einträchtig gelehrt und gehalten, daß Ein einig göttlich Wesen sei… und sind doch drei Personen in demselben einigen göttlichen Wesen… Weiter wird bei uns gelehret, daß nach Adams Fall alle Menschen… in Sünden empfangen und geboren werden keinen wahren Glauben an Gott von Natur haben können, daß auch dieselbige… Erbsünde wahrhaftiger Zeuge sei und verdammen alle die unter den ewigen Gottesorn, so nicht durch die Taufe… neu geboren werden. Desgleichen wird gelehrt, daß Gott der Sohn sei Mensch geworden, geboren aus der reinen Jungfrau Maria…, daß er ein Opfer wäre nicht allein für die Erbsünde, sondern auch für alle andere Sünde, und Gottes Zorn versöhnete. Ebenso: daß derselbige Christus sei abgestiegen zur Hölle, wahrhaftig am dritten Tage von den Toten auferstanden, aufgefahren gen Himmel, sitzend zur Rechten Gottes… Ferner, daß derselbige Herr Christus endlich wird öffentlich kommen, zu richten die Lebendigen und die Toten … Vom Abendmahl des Herrn wird also gelehret, daß wahrer Leib und Blut Christi wahrhaftig unter der Gestalt des Brots und Weins im Abendmahl gegenwärtig sei, und da ausgeteilt und genommen werde… Auch wird gelehret, daß unser Herr Jesus Christus am Jüngsten Tage… die gottlosen Menschen und die Teufel in die Hölle und die ewige Strafe verdammen wird…

    *

    Als ich, frisch von der Hochschule weg, im Sommer 1909 als „Pfarrgehilfe“ verpflichtet und in der Eßlinger Stadtkirche feierlich ordiniert wurde, machte ich mir über den Inhalt dieser oben wieder gegebenen Verpflichtung kaum Gedanken, obwohl ich das Augsburgische Glaubensbekenntnis kannte. Ich hatte es nicht allzulange vorher fürs Examen großenteils auswendig gelernt, natürlich ohne es nur einen Augenblick für mich selber anzunehmen. Dreieinigkeit, Erbsünde, Menschwerdung des Gottessohnes, Opfertod, Höllen fahrt, Auferstehung, Wiederkunft, ewige Verdammnis, Verwandlung beim Abendmahl — alles das war für mich Aberglaube, im besten Fall Symbol, aber nicht „wahrhaftig“. Ich hielt den Glauben an diese „Heilstatsachen“ auch wirklich bei der Ausübung des Pfarramts nicht für entscheidend. Aber als ich dann mein Amt auszuüben begann, da kam ich bald in eine böse Zwickmühle. Einerseits war ich verpflichtet, bei den Amtshandlungen dauernd jene Sätze, die für mich wirklich nur leere Formeln waren, in den Mund zu nehmen, und getraute mich nicht, das zu unterlassen; andererseits hütete ich mich, in Predigten und Unterricht etwas zu sagen, was ich nicht sorgfältig vor mir selber vertreten konnte. So kam ich mir beim Aussprechen der liturgischen Formeln, des Glaubensbekenntnisses u. dgl. mehr und mehr als ganz kläglicher charakterloser Pfaffe vor, als Schauspieler, der seinen Spott mit dem trieb, was anderen heilig war; während ich in der eigenen Rede mir teils bewußt war, mich gegen meine Verpflichtung zu vergehen, da ich verschwieg, was ich hätte sagen müssen, teils aber mich so auszudrücken bestrebt war, daß ich selber unter meinen Worten etwas verstehen konnte, was ich „glaubte“, während sich die Zuhörer allerdings wahrscheinlich etwas ganz anderes dachten. Das war mir schließlich das Allerpeinlichste, denn bis dahin war es mein Hauptstolz gewesen, wenigstens ein ehrlicher Kerl zu sein. Ich fühlte, daß ich eine zweideutige Figur spielte, daß ich da auf eine Bahn geriet, an deren Ende ich vielleicht jede Achtung vor mir selber verloren haben könnte. Ich griff nach 14 Monaten pfarramtlicher Tätigkeit rasch zu, als sich die Stelle eines Verwesers an einem Lehrerseminar auftat. Ich erhielt sie, froh, bis auf weiteres der Ausübung meiner kirchlichen Pflichten enthoben zu sein. Damals lernte ich Christoph Schrempf kennen, las seine Schriften, hörte seine Vorträge und konnte mich in persönlichem Verkehr mit ihm aussprechen. Seine Persönlichkeit war mir eine Offenbarung: er sprach das aus, was ich bisher halb unbewußt empfunden hatte, er hatte die Konsequenzen gezogen, um die ich im Begriff war, mich herumzudrücken. Ich schwur mir jetzt, künftig keinen Talar mehr anzuziehen.

    Als ich um meine Entlassung aus dem Kirchendienst einkam, und zwar unter ausdrücklicher Bezichtigung dessen, was ich selber in grobem Deutsch einen Meineid heißen mußte, da erwartete ich zum mindesten, daß man mir von der Behörde aus schwere Vorwürfe wegen dieser — verspäteten Offenheit machen würde. Was geschah? Der Herr Prälat X. — seinen Namen habe ich tatsächlich vergessen, ich erinnere mich bloß noch, daß er gestorben ist — forderte mich auf, mein Gesuch zurückzuziehen, und redete mir eindringlich zu, keinen so radikalen Schritt zu machen. Ich solle doch zunächst einmal ein Urlaubsgesuch einreichen, man werde mir gerne ein, zwei Jahre Urlaub geben; dann könne ich mich wieder besinnen. Ich lehnte brüsk ab; mein Respekt vor dieser Kirche, die sich an einem „Meineid“ nicht nur nicht stieß, sondern den Meineidigen sozusagen zu dessen Fortsetzung ermunterte, war auf Null gesunken.

    Man hat mich später manchmal gefragt, ob mich mein Austritt aus dem Pfarrdienst noch nicht gereut habe. Ein gewisser Geist in meiner eigenen Brust hat mir schon hie und da zugeraunt: Esel, wie gut könntest du’s jetzt haben, wie nett könntest du mit deiner Familie irgendwo im Hohenlohischen sitzen, in einem jener wundersamen alten Städtchen, Oehringen, Waldenburg, Weikersheim, Langenburg und wie sie heißen, an deren Mauern diese gräßliche Zeit vorüber strömt, fast ohne sie zu benetzen! Wie hübsch lebt sich’s in so einem kühlen Pfarrhaus, dahinter den verträumten Pfarrgarten mit Gemüserabatten, Träublesstöcken, Spargelbeet und lauschiger Laube! Das bißchen Amtsgeschäft ist leicht erledigt, du hast deine Bücher, deinen Wein im Keller, deine heitere Geselligkeit mit den Honoratioren, Kegelabend, manchmal ein unschuldiges Spielchen, ein Ausflug, ein Vesperspaziergang; ruhig, behaglich und ungestört flöße dein Leben in gewohnten Geleisen, in Mörike- und Gäwelesstimmung getaucht. Das hättest du haben können, das hast du verscherzt, dreifaches Rindvieh!

    Ja, das alles habe ich schwimmen lassen. Aber doch hat mich’s nicht gereut, noch keine Sekunde.

    1921, 20

  • Religiöse Pause

    — 1932 —

    Goethe, den man wohl auch zu den „Gottlosen“ rechnen darf, war ein erbitterter Hasser des Glockenläutens. Er hieß es ein „unerträgliches Gebimmele“; er spricht im Faust vom „verdammten Läuten“, vom „verfluchten Bim-Bam-Bimmel“.

    Ich muß gestehen, daß ich die Kirchenglocken am Sonntag und sogar am Werktag nicht ungern läuten höre, auch wenn sie mir nicht den Ruf zum Kirchgang bedeuten, sondern mich nur daran erinnern, daßes Sonntagvormittag oder Werktagabend ist.

    Ich habe auch nicht die Abneigung gegen die Kirchen, die manche Gottlosen haben oder zur Schau tragen. Wenn ich Gelegenheit habe, trete ich gerne ein und empfinde die Kühle und Stille in den hohen Räumen als angenehme Untcrbrediung des Draußen, das lärmt oder heiß ist. Deshalb bedaure idi es manchmal, daß die Evangelischen ihre Kirchen die Woche über zuschließen, statt sie wie die Katholi schen offen zu halten.

    Ich kann mir daneben vorstellen, daß viele von diesen Kirchen einmal zu Versammlungen weltlichen Charakters dienen werden und sich dazu ganz gut eignen werden. In der Schweiz z. B. werden ja die Kirchen längst zu solchen Zwecken herangezogen.

    Auch die Wörter Religion und Gott brauchten, was mich persönlich betrifft, nicht abgeschafft zu werden. Es gibt „waschechte“ Freidenker, die sich an dem Gruß „Grüß Gott“ ärgern, oder an Ausdrücken wie „weiß Gott“, „in Gottes Namen“. Eigentlich dürften diese Leute auch unsere Zeitrechnung, die von Christi Geburt ausgeht, nicht mitmachen; so wenig übrigens wie die Christen „Dienstag“ oder „Donnerstag“ schreiben dürften, weil sie damit im Grunde doch einem heidnischen Götzen huldigen.

    In Wirklichkeit sind alle diese Wörter und Ausdrücke so abgeschliffen, daß sie ihren ursprünglichen Inhalt längst verloren haben. Sie sind Reliquien, ehrwürdige Reste der Vergangenheit, die nur noch Altertumswert haben oder die sich inzwischen unmerklich mit neuem Inhalt gefüllt haben. Das ist das Schicksal aller Worte, und wer vor einem alten Wortinhalt zurückschaudert, der zeigt genau besehen nichts anderes, als daß er ihm immer noch eine gewisse Bedeutung beimißt.

    Ich könnte von mir aus mit bestem Gewissen auch „wenn Gott will“ sagen, ja sogar „mit Gottes Hilfe“, obwohl ich doch an keinen Gott mehr glaube.

    Ich würde damit lediglich ausdrücken, daß ich mir bewußt bin, daß es auf meinen Willen allein oder auf den menschlichen allein nicht ankommt, daß meine Macht und menschliche Macht überhaupt ziemlich eng begrenzt sind.

    Und das Wort „Religion“, so wie Strauß oder Schleiermacher es verstehen, scheint mir sinnvoll und gut, gerade wenn man die ursprüngliche Bedeutung „Bindung“ zu Grunde legt. Ich fühle mich „gebunden“, an die Welt, von der ich ein Stück bin; ich empfinde diese Bindung sogar als Glück und Quell der Seligkeit wie eine Liebesbindung oder Blutsverwandtschaft.

    Trotzdem vermeide ich es, von Gott zu sprechen, und lasse es mir gerne gefallen, für „gottlos“, sogar im üblen Nebensinne, erklärt zu werden. Auch das Wort Religion, meine ich, gehört bis auf weiteres vom Gebrauche ausgeschlossen.

    Aus dem einzigen, aber triftigen Grund, weil es zu fortwährenden Mißverständnissen führt.

    In einer Zeit wie der unseren, wo Altes zusammenbricht und Neues noch nicht da ist, müssen solche Mißverständnisse vermieden werden. Wer der Wahrheit dienen will, und das ist schließlich Pflicht eines anständigen Menschen, darf unter keinen Umständen den Schein begünstigen, als ob er den alten Glauben noch habe oder aufrecht erhalten wünsche. Wo die Wahrhaftigkeit in Gefahr kommt, hört die Pietät auf.

    Solange das Wort „Gott“ so aufgefaßt werden kann, als ob man einen persönlichen Gott damit meine, gehöre ich also zu den Gottlosen; und solange sollte sich jeder zu den Gottlosen rechnen, der nicht mehr an den Gott der Kirche glaubt. Selbst dann, wenn dabei das andere Mißverständnis in Kauf genommen werden müßte, daß ihn gewisse Leute für des Teufels halten und für einen bösen Menschen erklären.

    Solange „Religion“ die Bedeutung haben kann, die Sigmund Freud und andere dem Worte beimessen: als versuche man mit einem Gott zu verkehren, der von Menschen angebetet sein will —, solange will ich das Wort in Verruf erklären und „irreligiös“ sein, auch wenn ich mich im Stillen auf meine Art für „religiös“ halte.

    Anders kommen wir nicht weiter, kommen wir nicht aus dem geistigen Sumpfe heraus, in dem wir mit diesem sogenannten Christentum stecken. Goethe hat von ihm einmal ein grobes Wort gebraucht, das heute einem Schriftsteller Gefängnis eintrüge. Und er hat ein ander mal gesagt, das „Märchen von Christus“ sei die Ursache, daß „die Welt noch zehn Millionen Jahre stehen kann und niemand recht zu Verstand kommt“.

    Wollen wir nicht lieber versuchen, die zehn Millionen Jahre etwas abzukürzen? Wollen wir nicht das Unsere tun, damit wir aus der großen Verlogenheit herauskommen, bei der schon so mancher „Schaden an seiner Seele genommen“ hat?

    Auch wenn es dabei einige liebgewordene Gewohnheiten zu opfern gilt, einige persönliche Beziehungen, einige angenehme Stunden: das Opfer ist unvermeidlich, und es ist nicht zu groß.

    Bekennen wir uns zur Gottlosigkeit; und stoßen wir uns auch nicht daran, wenn diese manchmal im Kampf der Meinungen in Formen zum Ausdruck kommt, die verletzend wirken. Geburtsvorgänge sind meistens mit unerquicklichen, ja häßlichen Begleiterscheinungen ver bunden. Wir dürfen uns davon nicht abschrecken lassen.

    Es wird einmal eine Zeit kommen, wo man wieder von Gott und Religion wird reden können, ohne mißverstanden zu werden; etwa wie wir heute vom Himmel oder vom Sonnenaufgang reden. Dann wird man, denke ich, auch den ganzen christlichen Sprach- und Gedankenschatz wieder ausgraben und unbefangen verwenden, so wie es vor ein paar hundert Jahren mit dem Reich der römisch-griechischen Götterwelt geschehen ist. (Vielleicht mit alleiniger Ausnahme des „Marterholzes“, des am Kreuzesgalgen hängenden Christus, dessen Bild nur für Gemüter erträglich ist, die es gedankenlos hinnehmen können.) Die Bibel ist eine unerschöpfliche Fundgrube von Weisheit und Wahrheit; man wird sie dereinst wieder zu würdigen wissen.

    Vielleicht werden sogar wieder „religiöse“ Feiern möglich werden. Aber wahrscheinlich in Formen, die wir noch nicht ahnen, die jeden falls von den heutigen grundverschieden sind, etwa so verschieden wie ein heutiger „Gottesdienst“ von einer alten heidnischen oder jüdischen Opferszene.

    Einstweilen muß eine „religiöse Pause“, ein „religiöses Moratorium“ könnte man sagen, eintreten. Ohne Kirche, ohne Bekenntnis, ohne Gott und Religion.

    Die Gottlosigkeit, die „gewonnene Stille und Ruhe ist nicht der Tod, sondern das Leben, das fortblüht und leuchtet, und guten Gewissens wandeln wir hindurch, der Dinge gewärtig, die kommen oder nicht kommen werden“, wie Gottfried Keller im „Verlorenen Lachen“ so gut gesagt hat.

    „Gott“ ist darum nicht tot, wenn auch der Gott, der christliche Gott, dem Schicksal seiner vielen Vorgänger nicht entgehen wird.

    „Gottlosigkeit“, 1932

  • Die Unmenschlichkeit Gottes

    — Jg. 1921, Nr. 11 —

    Wer bin ich, daß ich mit dir reden darf? sagte ein Frommer
    und betete von Stunde an nicht mehr.

    Hans Natonek

    Im Tübinger evangelisch-theologischen Seminar, dem „Stift“, wurde einmal bei einer Semesterprüfung (ich glaube Frühjahr 1907) den Studierenden der Theologie die Aufgabe zur Beantwortung gestellt: „Wie weit ist der Anthropomorfismus in der Gottesvorstellung berechtigt?“ (Anthropomorfismus heißt: Vorstellung Gottes in menschlicher Gestalt). Ich schrieb damals in meiner Arbeit, die Vorstellung Gottes in menschlicher Gestalt oder als Wesen mit menschlichen Eigenschaften sei soweit berechtigt, als sie naiv sei, d. h. solange, als sie nicht als solche, als Vermenschlichung, zum Bewußtsein gekommen sei. Sobald dies eintrete, werde der „Anthropomorfismus“ vom religiösen Menschen als anstößig empfunden und deshalb abgelehnt, auch wenn er noch so verfeinert, veredelt oder — verwaschen sei.

    Diese Antwort lautete anscheinend nicht so, wie sie auf Grund fleißigen Besuchs der Vorlesungen und vorgeschriebenen Übungen (an dem ich’s, ich muß es gestehen, damals etwas fehlen ließ) hätte ausfallen sollen. Die Herren Vorgesetzten wollten, grob gesagt, ungefähr zur Antwort haben, daß der Anthropomorfismus bei den nichtchristlichen Religionen verwerflich, bei der christlichen dagegen erlaubt sei, weil er dazu ganz was anderes und „Höheres“ sei. Meine Lösung klang eher nach revolutionärer Respektlosigkeit als nach braver Wiedergabe von Gelerntem, und ich bekam ein schlechtes Zeugnis.

    Später erzählte ich einmal Christoph Schrempf davon, und er tröstete mich mit dem Bescheid, daß meine Antwort die einzig richtige gewesen sei.

    Ich würde sie auch heute nicht anders aussprechen und habe nie verstehen können, wie die christlichen Theologen die „überwundenen“ Gottesvorstellungen früherer Religionsformen so überlegen ablehnen und gar bespötteln konnten, ohne daß es ihnen eingefallen wäre, sich auch einmal an ihrer eigenen Nase zu packen.

    Für das religiöse Leben an sich spielt die Art der Gottesvorstellung überhaupt keine entscheidende Rolle. Zwischen der Frömmigkeit eines Fetischanbeters eines Ahnenverehrers, eines Polytheisten (der an viele Götter glaubt), eines Monotheisten (der einen Gott anbetet) und eines Pantheisten (dem das All Gott ist) besteht nicht der geringste Unterschied, wenn sie aufrichtig ist. Alle Religionen sind im gewissen Sinne gleich „wahr“, oder: es gibt keine „wahre“ Religion, der gegenüber die anderen „falsch“ wären. Jede Religion ist solange wahr, als ihr Gott dem Denken seines Bekenners nicht widerstreitet oder ihm stand hält. Was soll einen Menschen hindern, sich seinen Gott in Gestalt eines Tigers vorzustellen, solange ihm dieses göttlich (profan ausgedrückt: überlegen) dünkt, solange ihm noch nichts von unserem Hochmut gewachsen ist, der auf das Tier als ein minderwertiges Wesen herabsieht? Darf man daran zweifeln, daß die alten Griechen oder Germanen von Schauern echtester Religion durchschüttelt wurden, wenn sie zu ihren Göttern beteten, die nichts anderes waren als Menschen in Riesenformat? In dieser ihrer Größe bestand die Göttlichkeit, und dem naiven Gläubigen fiel es lange nicht ein, sich an ihrem oft allzu menschlichen Lebenswandel zu stoßen. Es ist sehr interessant, zu beobachten, wie das Bild der Gottheit erst spät in der abendländischen Religionsgeschichte dann allmählich moralische Züge bekommt, bis der gerechte Gott der Juden, der liebende Vatergott der Christen als vorläufiges Endergebnis des „des anthropomorfistischen“ (menschliche Eigenheiten entfernenden) Reinigungsprozesses heraus kommt. Stück um Stück wird Gott das menschliche Kleid ausgezogen, werden die menschlichen Farben ausgelöscht, menschliche Eigenschaften abgeschält — nämlich immer dann, wenn sie als Schwächen, als „Menschlichkeiten“ erkannt werden. Freilich: je weiter die Reinigung schreitet, desto blasser und verwaschener, desto unlebendiger wird dieser Gott; und die populäre Vorstellung gefällt sich mit größter Zähigkeit in unzähligen Rückfällen, die umso reizvoller und poetischer anmuten, je grotesker sie oft ausfallen (man denke an die christlichen Legenden und Heiligengeschichten!).

    Die Entmenschlichung Gottes aber schreitet weiter, mit der wahrhaft göttlichen Unerbittlichkeit der Naturgesetze, die auch dem menschlichen Denken eignet: bis zum Ende, bis auch dieses Wesen, dessen Blutleere die schließliche Auflösung schon ahnen läßt, vollends restlos zersetzt ist wie das Metall im Königswasser. Auch der christliche Gott ist nichts anderes als ein Idealmensch. Auch die Gerechtigkeit und die Gnade, die Weisheit und die Güte Gottes sind menschliche Eigenschaften, sind Anthropomorfismen, sind Gottes nicht würdig und an ihm nicht wirklich. Wer heute nicht bloß oberflächlich und halb, sondern ganz und gründlich nachdenkt, wessen Urteil unvoreingenommen und von eigenen Wünschen nicht getrübt ist, der wird damit den Weg zu Ende schreiten und des alten Gottes letzte menschliche Eigenschaft, die Persönlichkeit, vollends ausstreichen. Jetzt, wenn der nach menschlichem Bild geschaffene Gott ganz bei Seite geräumt ist, wird im Innern des modernen Menschen der Raum frei für den neuen unendlich viel größeren Gott, der alles umfaßt und mit dem er in seiner Winzigkeit sich nicht messen und vergleichen darf, mit dem er, um wieder derb zu reden, nicht mehr Vetterles tut und — Schindluder treibt. Wenn man von ihm reden will (am besten redet man möglichst wenig von ihm), dann kann dies eigentlich nur in Verneinungen oder Verneinungspaaren geschehen. Er ist alles das nicht, was man bisher von ihm ausgesagt hat. Er ist nicht menschlich — unmenschlich…

    1921, 11

  • Dummes Zeug

    — Jg. 1925, Nr. 37 —

    Wenn mich mein Onkel früher vor den Sozialdemokraten warnen wollte, sagte er immer, das seien dumme Leute, die wollten alles teilen, und dächten nicht daran, daß es nach zehn, zwanzig Jahren noch wieder Reiche und Arme geben würde, weil es eben Faule und Fleißige gebe. Später sagte mir dann einmal ein sozialdemokratischer Abgeordneter, daß das ja gar nicht wahr sei, sie wollten gar nicht teilen, so dumm seien sie nicht.

    Heute muß ich gestehen, daß ich es gar nicht so dumm fände, und daß mich der Einwand meines klugen Onkels stark an jene Theorie erinnert, die besagt, man brauche die Stiefel nicht zu putzen, well sie ja doch wieder schmutzig würden. Wenn man alle Menschenalter einmal den Besitz etwas nivellieren würde (man könnte es, weiß Gott, ganz einfach: durch eine Erbschaftssteuer!), dann gäbe es wenigstens keine ganz Reichen neben ganz Armen. Es brauchen nicht alle gleich viel zu haben, das ist Unsinn; aber zu große Besitzunterschiede sind auch Unsinn. Eben weil die Menschen ungleich sind, sollen sie gleichen Start haben; und der ist nur möglich, wenn die irdischen Güter nicht gar so ungleich verteilt sind.

    Die alten Juden, von denen wir manches übernommen haben, was weniger wichtig ist, sollen eine sehr vernünftige soziale Einrichtung gehabt haben: das Hall- oder Jubeljahr. Es kehrte alle 50 Jahre wieder; und in ihm wurden alle Sklaven frei und alle Schulden hinfällig.

    Nebenbei: Ich würde zu gern auch in der Parteipolitik ein solches Halljahr einführen. Da müßten alle Parteien aufgelöst und alle Abgeordneten für zehn Jahre nicht wieder wählbar werden. Es gäbe dann neue Abgeordnete, und diese könnten neue Fraktionen und neue Parteien gründen. 1918 hätte ein solcher Termin sein sollen. Aber wahrscheinlich ist das ein dummer Gedanke, wie der vom „Teilen“. Ich will also lieber jetzt das Maul halten.

    1925, 37

  • Sozialismus

    — Jg. 1929, Nr. 32 —

    Ein Arbeiter unter den Lesern der Sonntags-Zeitung hat mir vor längerer Zeit einen Brief geschrieben, der mit den Worten schließt: Glauben Sie an den Sozialismus? Wenn ja: wann sind wir für den Sozialismus reif?

    Da ich mir inmitten der heutigen Gesellschaftsordnung immer als Sozialist vorkomme und es wenigstens solange zu bleiben gedenke, als wir keine sozialistische Gesellschaftsordnung haben, so gestehe ich nicht ohne Befangenheit, daß ich auf diese Fragen bis heute keine Antwort gefunden habe. Sie scheinen mir eine verdächtige Ähnlichkeit mit der Frage nach Gott und dem ewigen Leben zu haben, auf die ich ebenfalls keinen Bescheid weiß; die ich aber vorsichtshalber zu verneinen pflege, denn ich kann mit ziemlicher Sicherheit annehmen, daß der Fragesteller sich dabei etwas denken wird, was ich ablehne. Wahrscheinlich versteht auch mein Freund, der sich nach meinem Glauben an den Sozialismus erkundigt hat, eine Art von Reich Gottes auf Erden darunter, in dem keiner mehr etwas für sich haben will. In diesem Fall würde ich alle meine Lebenserwartungen in den Wind schlagen müssen, wenn ich Ja sagen wollte.

    Nein, ich glaube nicht an einen Sozialismus, zu dem man erst „reif“ werden müßte. Aber ich bin Sozialist, denn ich hasse und verachte diese Gesellschaft, in der die Drohnen von der Ausbeutung der Bienen leben dürfen, und ich kann mir nichts Unwirtschaftlicheres denken als den Wirtschaftsapparat, der zu diesem Zwecke in Bewegung gesetzt wird. Ich bin überzeugt, daß eine gerechte Ordnung und eine wirtschaftlichere Wirtschaft möglich ist, ohne das vorher aus Menschen Engel zu werden brauchten.

    Eben weil die Menschen keine Engel sind, muß hiezu die sogenannte „freie“ Wirtschaftsordnung, in der wir leben, durch eine gebundene abgelöst werden, in der jeder, ob er will oder nicht, seinen Dienst zu erfüllen hat, und in der die Güter nicht ins Blaue hinein, sondern nach einem Plan erzeugt und verteilt werden. Über den Weg zu diesem Ziel getraue ich mir nicht eine Ansicht zu äußern, die den Anspruch auf Alleingültigkeit erheben könnte. Ich halte es nicht für ausgeschlossen, daß es verschiedene Wege dazu gibt, ja daß es sogar auf Umwegen erreichbar ist. Ich begrüße jede Annäherung an das Ziel, gehe sie aus, von wo sie wolle; und mißtraue jedem Ismus, der die Patentlösung in der Tasche zu haben behauptet. (Auch dem Marxismus.) Insbesondere bin ich mir keineswegs so ganz klar darüber, ob die Durchführung des Sozialismus von einer gewaltsamen, blutigen Umwälzung bedingt (und andererseits garantiert) ist. Die Geschichte lehrt allerdings, daß herrschende Klassen ihre Macht nicht freiwillig aus der Hand zu geben pflegen. Aber ich weiß nicht, ob diese Geschichte schon lange genug gedauert hat, daß man behaupten könnte, was bisher so oder so gewesen sei, müsse überhaupt und immer so sein.

    *

    Alle mehr oder weniger gelehrten bürgerlichen Einwände gegen den Sozialismus gehen aus einer Wurzel hervor, deren populäre Formel lautet: da nicht alle Menschen gleich sind, so können sie auch nicht alle gleichviel haben wollen. Gegen die Demokratie, die politisch „alles gleichmachen“ wolle, hat man seinerzeit ähnlich argumentiert. Ihre Vertreter haben mit Recht erwidert, daß sie nicht alles gleichmähen, aber allen gleichen Start geben möchten. Was hat der Sozialist auf jenen Vorwurf zu antworten?

    Es stimmt schon, daß nicht alle Menschen gleich sind, so wenig wie alle Baumblätter, alle Katzen oder alle Wanzen. Aber bis an einen gewissen Punkt sind sie alle gleich: alle müssen essen, wenn sie Hunger haben, alle müssen sich kleiden und ein Dach über dem Kopf haben, wenn sie nicht frieren sollen, und alle müssen sterben, wenn sie krank oder alt sind. Solange das so sein wird, solange hat jede menschliche Gesellschaft die Pflicht, ihre einzelnen Mitglieder vor Hunger und Frost zu bewahren und in Krankheit und Alter zu pflegen, und das Recht, die hiezu erforderliche Arbeitsleistung auf alle zu verteilen; jedes einzelne Mitglied der Gesellschaft hat umgekehrt das Recht, die Sicherung seiner Existenz zu beanspruchen, und die Pflicht, zu dem hiezu nötigen Aufwand sein Teil beizusteuern. Für die kleinste gesellschaftliche Gruppe, die Familie, gilt dies als selbstverständlich, ohne daß man diesen Sozialismus groß als solchen bezeichnet. Auch noch in der altgermanischen Dorfgenossenschaft und in der mittelalterlichen Stadt hat es diesen Sozialismus gegeben. Heute gehören wir, wohl oder übel, größeren gesellschaftlichen Verbänden an. Ist es nicht selbstverständlich, daß auch jene Pflicht und jenes Recht sich auf sie vererben muß?

    Keiner hat dies so überzeugend begründet und gleichzeitig die Durchführung der Forderung technisch so vollkommen ins einzelne durchdacht wie der Wiener Ingenieur und Soziologe Popper-Lynkeus in seinem Werk über die „Allgemeine Nährpflicht“, dessen Studium vielleicht als Ergänzung zu Karl Marxens Parteibibel manchen eifrigen Sozialisten empfohlen werden darf. Und ein anderer Nichtmarxist, der sich ebenfalls Gedanken nicht bloß über den Weg, sondern das Ziel gemacht hat, Wichard von Moellendorff, hat vor Jahren in dieser Zeitung erklärt, daß ein vierstündiger Arbeitstag genügen würde, um die Bedürfnisse der heutigen Gesellschaft durch arbeitsteilige Arbeit zu decken.

    *

    An dem Punkt, wo die Menschen ungleich werden (und das können sie erst, wenn die allen gleichen Bedürfnisse befriedigt sind), hört die Notwendigkeit und das Recht des Sozialismus auf. Von da an wäre Sozialismus nicht Hilfe, sondern Vergewaltigung. Wenn einmal eine überspannte „sozialistische“ Epoche käme, wo die Menschen, die jetzt unter dem Banner der individualistischen „Freiheit“ den Kampf aller gegen alle führen, gewissermaßen alle in einer großen Kaserne leben müßten, dann wäre es an der Zeit, dem Sozialismus den Kampf anzusagen. Aber darüber brauchen wir uns heute wahrhaftig keine Sorgen zu machen.

    1929, 32

  • Warum „Sonntags-Zeitung“?

    Warum „Sonntags-Zeitung“?

    Zum Beginn des Jahres 1930 schreibt Erich Schairer:

    Gerade zehn Jahre ist es nun her, da bekam ich als wohlbestallter Chefredaktör der demokratischen Heilbronner „Neckarzeitung“ wegen begründeten Verdachts sozialistischer und sonstiger radikaler Neigungen vom Herrn Verleger den Stuhl vor die Türe gesetzt. Der „Fall“ war eine Zeitlang Tagesgespräch in der Stadt, und Freunde rieten mir, diese Situation zu einer eigenen Zeitungsgründung auszunützen. Ich verpulverte einen Teil meiner Abfindung, ließ Plakate anschlagen, einen Aufruf drucken und Einzeichnungen für ein erstes Jahresabonnement sammeln. Wenn sich tausend Leser für ein Jahr verpflichten würden, wollte ich’s wagen. Sechshundert kamen zusammen, und am 1. Januar 1920 erschien die erste Nummer der „Heilbronner Sonntags-Zeitung“. Ich erklärte in einem programmatischen Einführungsartikel, diese Zeitung werde dem Geiste des Sozialismus und der Demokratie dienen, der in der angeblich sozialistischen und demokratischen Republik noch keineswegs lebendig geworden sei.

    In vielen deutschen Städten sind damals solche Zeitungen gegründet worden. Fast alle sind nach kurzer Frist wieder eingegangen. Auch mir ist dieses Schicksal oft profezeit worden. Es sei unmöglich, hieß es, eine Zeitung aufrecht zu erhalten, die weder eigenes Kapital noch eine Interessengruppe oder Partei hinter sich habe, und die dazu noch verrückterweise auf Inserate verzichte.

    Daß es schwer sei, wußte ich. Daß es möglich ist, glaube ich bewiesen zu haben. Gleich von Anfang an habe ich diesen meinen „Spleen“ der inseratenlosen Zeitung allerdings nicht durchgeführt. Im ersten Jahrgang hatte jede Nummer eine ganze Seite von mir höchstpersönlich acquirierter Annoncen. (Alles selber machen: das war mein Geschäftsgeheimnis, das mich neben der Anhänglichkeit und Opferwilligkeit der Leser in jenen ersten Jahren, notabene in den Inflationsjahren, über Wasser gehalten hat.) Ich hatte mir aber vorgenommen und das auch öffentlich versprochen, jedes folgende Jahr eine Viertelseite Inserate abzubauen. Das habe ich gehalten: seit dem fünften Jahrgang erscheint in der Sonntags-Zeitung kein Inserat mehr, und es wird keines in ihr erscheinen, solange ich sie herausgebe.

    Warum? Das Inseratenwesen ist, wie schon Lassalle gepredigt hat, in erster Linie schuld an der Minderwertigkeit unserer Zeitungen. Wie kann ein Blatt dem öffentlichen Interesse dienen, das gleichzeitig über den Inseratenteil jedem zahlungsfähigen Privatinteresse zur Verfügung steht? Auch die sozialistische und die kommunistische Presse glaubt ohne diese unreinliche Verquickung nicht existieren zu können. Sie könnte es, wenn sie es wagen würde, sich räumlich oder zeitlich etwas einzuschränken und sich von den Lesern statt von den Geschäftemachern bezahlen zu lassen.

    Die Sonntags-Zeitung ist stolz darauf, daß sie das fertig bringt. Ihre Leserzahl ist, mit Ausnahme von zwei Stockungen, in der Inflationszeit 1922-23 und während der Wirtschaftskrise 1926-27, langsam aber stetig gewachsen. Sie wird, wie ich vermute, noch weiter zunehmen.

    Soll ich aus den zehn Jahren, die jetzt vergangen sind, ein paar Anekdoten erzählen? Wie ich meine Mitarbeiter fand, mit Druckereien wechseln mußte, manches richtig und vieles falsch vorausgesagt habe? Oder etwas von Gerichtsverhandlungen, Landes- und Hochverratsklagen, Haussuchungen und so? Es gäbe schon einiges, aber reden wir lieber später drüber, wenn wir einmal älter und geschwätziger geworden sind. Bloß eine kleine Geschichte will ich aufwärmen: wie der Name „Sonntags-Zeitung“, den so manche für wenig glücklich halten, ohne mein Wissen für ihr Dasein entscheidend gewesen ist.

    Die „Sonntags-Zeitung“ (von Januar bis Oktober 1920: „Heilbronner Sonntags-Zeitung“, von da bis Oktober 1922 „Süddeutsche Sonntags-Zeitung“, seither nur noch „Die Sonntags-Zeitung“) heißt so aus dem gleichen Grund, aus dem eine Montags erscheinende Zeitung „Montags-Zeitung“ heißt. Aber der Name hat für manche Leute ein Nebengeschmäckchen, das ich seinerzeit absichtlich ignoriert habe. Und gerade das hat dem Blatt sozusagen in der Wiege einmal das Leben gerettet.

    Damals nämlich war das Zeitungspapier noch kontingentiert. Wenn man eine Zeitung herausgeben wollte, brauchte man einen Bezugsschein von der „Wirtschaftsstelle für das deutsche Zeitungsgewerbe“ in Berlin. Am 30. Dezember 1919 hatte ich mir einen solchen erbeten und ihn ohne weiteres erhalten. Kurz darauf, als die erste Nummer erschienen war, bekam ich einen Brief dieser selben Wirtschaftsstelle, aber mit anderer Unterschrift, anscheinend von einer anderen Abteilung, in dem es hieß: für meine Zeitung sei kein Druckpapier freigegeben, ihre Herausgabe verstoße gegen das Gesetz und müsse deshalb strafrechtlich verfolgt werden. Ich erwiderte mit einem höflichen Hinweis auf die in meinen Händen befindliche Bewilligung. Und daraufhin kam von Berlin folgende köstliche Antwort: „Wie die auf Grund Ihrer gefl. Mitteilungen vorgenommenen Nachprüfungen ergaben, ist Ihnen allerdings von der für Zeitschriften zuständigen Abteilung der Wirtschaftsstelle ein Bezugsrecht auf vierteljährlich 650 Kilogramm Druckpapier zur Herausgabe einer Sonntags-Zeitung freigegeben worden. Unter der Bezeichnung „Sonntags-Zeitung“ wird von uns eine Zeitschrift religiöser oder wenigstens unterhaltender Tendenz verstanden, nicht aber ein Blatt, das, wie das Ihrige, zwar nur wöchentlich erscheint, aber politische und Tagesereignisse behandelt und deshalb den Charakter einer Tageszeitung hat. Wir wollen nicht die Feststellung unterlassen, daß Ihnen das Bezugsrecht zur Herausgabe dieser Zeitung niemals gewährt worden wäre, wenn Sie uns den wirklichen Charakter Ihres Blattes näher ausgeführt hätten.“

    Für ein religiöses „oder wenigstens“ unterhaltendes Sonntagsblättchen wäre damals in der armen deutschen Republik das Papier nicht zu knapp gewesen. Aber ein Blatt wie die Sonntags-Zeitung hätten die Herren Bonzen ohne Weiteres unterdrückt, wenn sie geahnt hätten, wie es ausfallen würde.

    Es gibt, glaube ich, auch heute noch ein paar Leute, die sich ehrlich freuen würden, wenn diese offenbar nicht religiöse, ja nicht einmal unterhaltende Zeitung ihr Erscheinen einstellen müßte. Ich hoffe, liebe Leser, euch ist sie unterhaltend genug und nicht zu wenig „religiös“. Wir wollen den verehrlichen Herrschaften, die mehr fürs „Religiöse oder wenigstens Unterhaltende“ sind, zum Trotze die Alten bleiben und weitermachen.

    Die Sonntags-Zeitung erscheint übrigens, was noch nicht alle gemerkt haben, seit 1. Juli 1925 nicht mehr in Heilbronn, sondern in Stuttgart.

    Sch.

    Die Auflage der Sonntags-Zeitung

    • Mitte 1920 : 2000
    • Mitte 1921 : 3100
    • Mitte 1922 : 3900
    • Mitte 1923 : 3900
    • Mitte 1924 : 4300
    • Mitte 1925 : 5200
    • Mitte 1926 : 5900
    • Mitte 1927 : 5700
    • Mitte 1928 : 6200
    • Mitte 1929 : 6500
  • Die Reinsburgstraße

    — Stuttgarter Zeitung vom 15.02.1948 —

    Nehmen wir einmal an, Ihr geistesgestörter Stiefvater (den Sie freilich lange für ein Genie gehalten hatten) habe sämtliche Mitglieder einer Nachbarsfamilie bis auf eines ermordet und deren Haus angezündet. Würden Sie sich nicht für verpflichtet halten, gegen den Übriggebliebenen besonders nett zu sein, auch wenn er Ihnen nicht sympathisch wäre?

    Wenn Sie diese Frage, wie ich vermuten möchte, bejahend beantworten werden, so lassen Sie sich verraten, daß die 1500 polnischen Juden in der oberen Reinsburgstraße in Stuttgart in ihrer Mehrzahl die Überlebenden der jüdischen Bevölkerung von Radom sind, die im August 1942 von der deutschen SS „liquidiert“ worden ist.

    Von den über drei Millionen polnischer Juden, mit deren Ausrottung Hitler die SS beauftragt hatte, sind etwa 150 000 übrig geblieben, einer unter zwanzig. Von den 450 000 in Warschau rund 10 000, einer von fünfundvierzig. In Radom, einer Stadt von 90 000 Einwohnern, lebten damals 30 000 Juden, die „ausgesiedelt“ wurden. Sie wurden wie Schlachtvieh zusammengetrieben, Männer, Frauen und Kinder, dann wurden zwei Haufen gemacht. Der eine, große, waren diejenigen, die gleich umgebracht werden sollten, weil sie zu schwerer Arbeit untauglich erschienen, also vor allem die Alten und die Kinder, und dann alle „Exemplare“, die nicht besonders kräftig aussahen. Sie wurden in Waggons gepfercht und etwa 200 Kilometer weit weggebracht, nach der Vernichtungsanstalt in Treblinka (zwischen Warschau und Bialystok). Dort ging es vom Zug weg in die Gaskammern, nachdem Kleider, Wäsche und Schuhe säuberlich abgegeben waren. Der kleine Haufen, im ganzen nur etwa 3 000 Personen, war zur „Vernichtung durch Arbeit“ bestimmt. Sie wurden zunächst in ein Lager am Ort gesperrt, dann auf Majdanek, Auschwitz und andere Konzentrationslager verteilt und kamen im Sommer 1944, beim Rückzug aus Polen, größtenteils nach Vaihingen an der Enz. Beim Zusammenbruch im April 1945 war etwa die Hälfte dieser Leute noch am Leben, die Widerstandsfähigsten, nicht immer die Besten. Für sie ist, nach verschiedenen Zwischenstationen, im August 1945 das Lager in der Reinsburgstraße eingerichtet worden. Ähnliche Lager gibt es noch in Backnang, Hall, Heidenheim, Ulm und Wasseralfingen, im ganzen leben in ihnen rund 18 000 Personen. Sie alle warten darauf, nach Palästina auswandern zu dürfen, wo nach dem Beschluß der Vereinten Nationen ein jüdischer Staat gebildet wird.

    Hier möchte ich nun gerne etwa folgendermaßen weiterschreiben können: Landtag und Regierung in Württemberg-Baden erklärten es nach Eröffnung des Lagers in der Reinsburgstraße für ihre selbstverständliche Christenpflicht, an den Überlebenden des grausigsten Verbrechens der neueren Geschichte nach Kräften wieder gutzumachen, was an ihnen und ihren toten Angehörigen von der vorausgegangenen deutschen Regierung gesündigt worden war. Alle jüdischen DP mit der KZ-Tätowierung auf dem Unterarm werden als Gäste der württembergisch-badischen Regierung behandelt, bis sie unser Land verlassen können. Sie haben Anspruch auf doppelte Lebensmittelrationen, anständige Kleidung und bequeme Wohnung, alles auf Staatskosten. Sie erhalten freie Fahrt mit den öffentlichen Verkehrsmitteln, für ihre Vertreter sind bei allen öffentlichen Veranstaltungen Ehrenplätze reserviert. Wenn sie nach ihrer neuen Heimat ausreisen, erhalten sie Reisegeld in guter Währung und außerdem eine Summe, die es ihnen erlaubt, sich am Reiseziel eine neue Existenz zu gründen.

    So oder ähnlich müßte es heißen können, wenn es nach meinem — nicht auch ihrem? — Begriff von Recht und Gerechtigkeit ginge, der verlangt, daß Unrecht wieder gutgemacht werde, einerlei, ob der, um den es sich handelt, mir gefällt oder nicht, ob er z. B. Schwarzhändler ist oder nicht. Natürlich werden mir kluge Leute beweisen, daß ich mich da in utopistische Regionen verstiegen hätte und daß es in der Politik eben nicht immer so zugehen könne, wie man es in der Kirche — wenigstens predige. Aber ich kann mir nicht helfen: dann kann ich den Juden in der Reinsburgstraße auch ihren Schwarzhandel nicht übelnehmen. Er ist, so wie die Dinge liegen, ein Akt der Selbstbehauptung, der Notwehr, möchte man fast sagen, in einer Welt, wie sie den Überlebenden von Radom erscheinen muß: wo jeder am besten tut, für sich selber zu sorgen, wo unter Umständen alle gegen einen stehen, kurz: wo Gewalt vor Recht geht.

    Andere werden mir entgegenhalten, daß man ja auch die deutschen Juden, die alles verloren hätten, bis jetzt nicht entschädigt habe, daß man auch den politisch Verfolgten, den Bombengeschädigten, den Flüchtlingen die kalte Schulter zeige, die uns „näher stünden“ als die Einwohner von Radom. Und doch finde ich, daß an diesen Menschen der nationalsozialistische Staat am schlimmsten gefrevelt hat, und daß sie die ersten hätten sein müssen, denen eine Wiedergutmachung, und wäre es nur eine aufrichtige Geste der Wiedergutmachung, hätte zukommen sollen, abgesehen davon, daß es eine etwas merkwürdige Entschuldigung ist, zu sagen, man tue für andere, die Anrecht auf Schadenersatz hätten, ja auch nichts.

    Hand aufs Herz: würden Sie Bedenken tragen, sich die Mittel für Ihre spätere Niederlassung in Palästina auf dem Wege des Schwarzhandels in Deutschland zu verschaffen, nachdem Ihnen eine deutsche Regierung Eltern und Geschwister ermordet, Sie selber Ihres Eigentums beraubt und Sie dann ein paar Jahre durch die KZ geschleppt hätte, mit der Absicht, Sie ebenfalls nicht am Leben zu lassen? Würden Sie es ablehnen, in diesem Fall Ihre IRO-Verpflegung im Umfang von etwa 2000 Kalorien im Wege des Schwarzhandels aufzubessern? Vielleicht sogar mit dem Verdienst aus diesem Schwarzhandel die Lagerschule finanzieren zu helfen, in der jüdische Kinder in Rechnen und Religion, in Geographie und Gymnastik unterrichtet werden; die Gewerbeschule, in der die 17- bis 24jährigen als Schlosser und Schmiede, als Zuschneider oder Zahntechniker ausgebildet werden, damit sie dereinst im Lande der Hoffnung ihren Mann stellen können?

    Stuttgarter Zeitung, 4. Jg., Nr. 16 vom 15. Februar 1948

    Reinhard Appel errinnert sich, daß der Artikel „wie eine Bombe“ einschlug. Eine Flut von Leserzuschriften an Schairer sei die Folge gewesen. „Er, der sich immer des kleinen Mannes angenommen hat, hielt ihm diesmal den Spiegel vors Gesicht… In über hundert Briefen entlud sich die Empörung und in entlarvender Weise kam die Seele des Kleinbürgers zum Vorschein“.

  • Gottlosigkeit

    „Das Christentum wird gepredigt, aber es lebt nicht.“

    gottlosigkeit

  • In Opposition

    In Opposition

    — Jg. 1926, Nr. 52 —

    Als Oppositionsblatt ist die Sonntags-Zeitung gegründet und bisher geführt worden, und sie gedenkt auch darin zu verharren. Sie opponiert, kurz gesagt, gegen die herrschende Richtung im gesamten öffentlichen Leben des Vaterlandes, in Presse, Politik, Wirtschaft und sogenannter „Kultur“, die man unter Schlagworten wie Nationalismus, Kapitalismus, Klerikalismus und dergleichen zu verstehen pflegt. Sie wehrt sich gegen diese Mächte nicht, wie liebenswürdige Leser und vor allem Nichtleser oft behaupten, aus purer mefistofelischer Freude am Verneinen, am Schimpfen und Schlechtmachen; sondern weil ihr Herausgeber von deren Verlogenheit, Gemeinheit und Dummheit täglich greifbare Beweise vor sich hat und dem Bedürfnis nicht zu widerstehen vermag, dem Ausdruck zu verleihen. Sobald die Welt, in der ich lebe, vernünftig, anständig und wahrhaftig zu werden anfängt, werde ich die Sonntags-Zeitung eingehen lassen und dafür Erbauungsschriften herausgeben.

    Manche Beurteiler, und zwar gerade freundlich gesinnte, finden nun, es sei verkehrt, wenn man sich innerhalb der Oppositionsfront, die sich politisch als „Linke“ zu bezeichnen pflegt, nicht einer bestimmten Parteirichtung anschließe und für diese wirke. Es ist etwas daran, und die laue Gleichgültigkeit oder feige Heuchelei, die sich so gerne als ein „über den Parteien-Stehen“ gebärdet, ist auch mir in der Seele zuwider. Wer seinem Volk und seiner Zeit etwas sagen will, darf sich nicht scheuen, Partei zu ergreifen, auch auf die Gefahr hin, einmal daneben zu hauen. Aber ich habe meine guten Gründe, wenn ich kein Parteimann im engeren Sinne bin und meine Zeitung keiner der mir von Fall zu Fall nahestehenden Linksparteien verschreibe, auch der sozialdemokratischen nicht, a la suite deren ich mich bei Wahlen und dergleichen zu finden pflege. Zu den mir widerwärtigen öffentlichen Unsitten gehört nämlich eine, die auch auf der linken Seite stark verbreitet ist, und die ich den Parteigeist — im schlimmen Sinne — nennen möchte: daß man im eigenen Lager alles schön und gut und im gegnerischen alles böse und schlecht finden muß. Es ist dasselbe, was unseren sogenannten Patriotismus so lächerlich und verbohrt erscheinen läßt; was den Kampf der Klassen verfälscht; was die Auseinandersetzung der Konfessionen und Weltanschauungen vergiftet. Ich mag da nicht mitmachen. Ich halte es für keinen Verrat des eigenen Lagers, wenn man auch einmal eine Persönlichkeit oder eine Handlung des gegnerischen versteht oder billigt; und für kein Beschmutzen des eigenen Nestes, wenn man Unsauberkeiten, die sich in diesem vorfinden, beseitigt oder schwache Stellen in ihm kritisiert. Ich halte das nicht etwa für schädlich, sondern sogar für notwendig.

    Und ich kann mir diese Haltung umsomehr gestatten, als ich ja nicht darauf aus bin, Anhänger um mich zu scharen, einen Klüngel oder eine „Gemeinde“, wie die Profeten lieber sagen, zu sammeln. Ich stehe auf eigenen Füßen und möchte auch die anderen Menschen um mich her gerne auf solchen stehen sehen. Ich bin keineswegs des Glaubens, daß ich im Besitz der alleinigen und patentierten Wahrheit sei. Ich möchte haben, daß auch die anderen, wie ich, nach der Wahrheit suchen, sie aber dabei gerne ihren eigenen Weg gehen lassen. Ich hoffe, der Inhalt dieser Zeitung wird so verstanden. Meine Leser sollen nicht von der Unfehlbarkeit, nur vom guten Willen ihrer Zeitung überzeugt sein. Ich will, daß sie auch diese prüfen, daß sie nachdenken über das, was darin steht; nicht etwa, daß sie, wie der Stammtischbruder auf sein Leibblatt, darauf schwören sollen. Wenn mancher, der eben auch gerne geführt sein möchte, in der Sonntags-Zeitung das ersehnte Leitseil nicht findet: dem kann ich nicht helfen, für den bin ich nicht da, er möge sich ein Parteiblatt kaufen.

    Daß ich damit den Kreis der Leser zu meinem eigenen Nachteil einschränke, weiß ich. Und leider sind unter denen, die in seinem Bezirke liegen, auch noch manche, auf die ich, offen gestanden, keinen sehr großen Wert lege. Diejenigen nämlich, denen es im Grunde nicht Ernst ist; die sich mit der Lektüre dieser Zeitung bloß amüsieren wollen. Die Allesbesserwisser, die Blasierten, die „Intellektuellen“. Ihre Ansprüche an „Geistigkeit“ vermag ich nicht zu befriedigen, und mag es auch nicht. Der Leser, den ich am liebsten habe, ist der einfache, der unverbildete „Mann auf der Straße“. Und es ist meine und meiner Mitarbeiter Unzulänglichkeit, wenn die Zeitung nicht immer so geschrieben ist, daß er ihren Inhalt aufzufassen vermag. Es ist nämlich für unsereinen, der sich den Jargon der sogenannten „Gebildeten“ angewöhnt hat, gar nicht so einfach, ein gutes Deutsch ohne Fremdwörter zu schreiben. In diesem Punkt, dem der Gemeinverständlichkeit, sollte es mit der Sonntags-Zeitung noch besser werden.

    1926, 52 Sch.

  • Das Land der Mitte

    — Jg. 1926, Nr. 16 —

    Zu meiner Schande muß ich gestehen, daß ich während des Kriegs lange an die offizielle Legende über seinen Ausbruch geglaubt habe: Deutschland sei von seinen Feinden überfallen worden. Ich konnte mir nämlich einfach nicht vorstellen, daß ein so „eingekreistes“ Land Händel mit seinen Umliegern provoziert habe. Etwas so Unvernünftiges schien mir nicht wahrscheinlich. Erst als später die Akten über den Kriegsausbruch veröffentlicht wurden, gingen mir die Augen auf. Darüber, daß es in der hohen Politik nichts so Verkehrtes, Dummes und scheinbar Unmögliches gibt, das nicht geschehen könnte. Und seither habe ich sogar noch ein Weiteres dazugelernt: daß es Politiker gibt, vor denen das Sprichwort, daß Schaden klug mache, zuschanden wird. Daß kein Fehler groß genug ist, als daß er nicht von denen, die ihn begangen haben, wiederholt werden könnte. Daß vielmehr nach einem Worte Wolfgang Pfleiderers gerade die entscheidenden Dummheiten immer wieder gemacht werden.

    Wenn man gelesen hat, was nach dem Genfer Mißerfolg auf der sogenannten „nationalen“ Seite in Deutschland über den Völkerbund und Deutschlands Verhältnis zu ihm verzapft worden ist, dann hat man eine neue Bestätigung für diese Lebensweisheit. Es gibt wahrhaftig in Deutschland immer noch Leute, ernsthafte Leute, die nicht zu wissen scheinen, wo sie sich befinden. Daß unser Land immer noch den gleichen Erdenfleck bildet, ohne „natürliche“ Grenzen, mitten drin in dem Kleinstaaten-Komplex Europa, der selber heute nicht viel mehr ist als ein Puffer zwischen Asien und Amerika. Wir sind und bleiben „eingekreist“, von zwar nicht mehr feindlichen, aber andersartigen Mächten umgeben, ein richtiges „Land der Mitte“. Es ist wahrhaftig kein Zufall, daß Deutschland Jahrhunderte lang der europäische Kriegsschauplatz gewesen ist. Soll es vielleicht auch noch einmal der Weltkriegsschauplatz werden, auf dem Westen und Osten, England und Rußland, Amerika und Asien, Kapitalismus und Sozialismus ihre Entscheidungsschlachten schlagen?

    Wer sein deutsches Land liebt, wer sein deutsches Volkstum kennt, kann das nicht wünschen. Er wird vielmehr die durch Natur und nationale Eigenart bestimmte Aufgabe Deutschlands darin erblicken müssen, zwischen den Gegensätzen, in die es eingekeilt ist, und die sich in ihm selber vermischen, zu vermitteln. Die Synthese zwischen Osten und Westen, alter und neuer Welt, zu finden und zu bilden. Es wäre ebenso falsch und einseitig, wenn wir uns östlich wie wenn wir uns westlich „orientieren“ wollten, denn die Scheidelinie geht mitten durch uns selber hindurch. Wer in der Mitte liegt, kann nur einen Beruf haben: den des Mittlers.

    Damit ist für unsere ganze Politik, die äußere und, so merkwürdig es vielleicht klingt, auch in gewissem Sinne für die innere, die klare Linie vorgezeichnet. Wir haben im Innern von Amerika und von Rußland zu lernen, und brauchen weder die amerikanischen noch die russischen Fehler nachzumachen. Und bei allen außenpolitischen Auseinandersetzungen auf der Welt ist die einzig vernünftige und angemessene Haltung Deutschlands die pazifistische: einer absoluten Neutralität.

    Daß diese nicht immer leicht sein wird, versteht sich. Aber um so reizvoller und dankbarer, dächte ich, müßte die Aufgabe für Staatsmänner sein; und ihre Ausführung bedeutet keineswegs Passivität und Verzicht. Es sei denn Verzicht auf großspuriges Auftreten, Maulheldentum, Säbelgerassel und derartige Geräusche gewisser Größen von gestern, die hoffentlich bald von vorgestern und nicht, wie sie sich träumen, wieder diejenigen von morgen sein werden.

    1926, 16 Sch.

  • Prinz Wilhelm

    — Jg. 1927, Nr. 3 —

    Heil dir im Siegerkranz, Harry Domela, Prinz von Hohenzollern! Zwar hat dich die Polizei geschnappt und der Herr Untersuchungsrichter in Behandlung; aber dein Ruhm überstrahlt deinen Untergang, und dein Name sei festgehalten, magst du ein noch so windiger Geselle sein. Denn deine Taten haben uns in dieser trüben Zeit der Külze und Geßler eine Stunde reiner und ungetrübter Freude bereitet.

    Noch hattest du dich selber nicht ganz entdeckt, als du mit deiner abgewetzten Hose in Heidelberg auftratest und als prinzliche Durchlaucht v. Lieven, Leutnant im 4. Reiterregiment zu Potsdam, die Saxo-Borussen besuchtest. Zwar sind das lauter Grafen und Barone, aber waren sie nicht glücklich, sich mit einem Prinzen besaufen zu dürfen? Und die glänzende Generalprobe in Heidelberg gab dir den Schwung für die Hauptvorstellung im thüringischen Lande.

    Als ein simpler Baron v. Korff nahmst du Wohnung im Hotel in Erfurt. Aber dein unvorsichtiges Ferngespräch mit der Hofverwaltung deines Bruders Louis Ferdinand in Potsdam zerstörte das Inkognito. Du hättest es auch so nicht bewahren können: deine Züge hätten dich verraten, das leuchtende Hohenzollernauge, die Nase deines Ahnen, des alten Fritz, der schnittige Mund, den wir von deinem Papa her kennen. Bald wußte die Stadt, wen sie in ihren Mauern hatte. Adel und Gesellschaft drängte sich zur Vorstellung bei Königlicher Hoheit. Als du deine Fahrt nach Gotha unternahmst, war schon ganz Thüringen in begeistertem Aufruhr. Welchen Empfang hat man dir dort im Schlosse bereitet! Der Ministerpräsident a. D. Herr v. Bassewitz, Herr v. Wangenheim, Herr v. Krosigk rechneten es sich zur Ehre, von dir begrüßt zu werden; und gar die Hofdamen alle waren „rein verrückt“ nach dir, dem schlanken und eleganten, inzwischen neu ausstaffierten späteren Thronfolger. Wie huldvoll warst du gegen den armen Oberbürgermeister Dr. Scheffler, der nicht wußte, ob er „kaiserliche“ oder „königliche Hoheit“ zu dir sagen müsse! Und gegen den Herrn Intendanten in Dessau, der dich in die Hofloge geleitete, damit du deinen berühmten Ahnherrn Fritz über die Bretter spazieren sähest. Und die Reichswehrkommandöre in Erfurt und Weimar empfingen dich in Gala, um dich ihrer Ergebenheit zu versichern, die Schupooffiziere standen stramm, und einem Bäckermeister ward die unvergeßliche Gnade zuteil, dir die Hand küssen zu dürfen. Es war ein Triumfzug ohnegleichen, deine Leutseligkeit war bezaubernd, dein ganzes Auftreten so recht hohenzollerisch.

    Tragische Ironie des Geschehens, wenn dich die deutsche Republik nun einspunden wird, statt dich in ihre Dienste zu nehmen! Hätte sie dich nicht auch noch „inkognito“ nach Schwaben und Bayern, nach Ostpreußen und Mecklenburg entsenden müssen, damit du dort republikanischen Anschauungsunterricht erteilest! Gibt es denn eine tödlichere Waffe als die Lächerlichkeit, mit der du die monarchistischen Schweifwedler bloßgestellt und damit für den republikanischen Gedanken mehr getan hast als wir unfähigen Prediger in der Wüste in saurer allwöchentlicher Arbeit vermögen?

    Mögest du Verständnis- und humorvolle Richter finden, Harry Domela, größerer Nachfolger des Hauptmanns von Köpenick! Eine Leibrente sollte dir die Republik aussetzen, wenn dich keine Filmgesellschaft engagiert! Dir gebührt, wenn irgend einem, der erste von den Orden, die demnächst im Namen der Republik wieder verliehen werden sollen.

    1927, 3 Sch.

  • Im Außendienst

    — Jg. 1929, Nr. 19 —

    Bei der Behandlung des Etats des Auswärtigen Amts im Haushaltsausschuß des Reichstags ist man wieder einmal darauf gestoßen, wie teuer unser politischer Außendienst arbeitet. Vor allem, weil seine Beamten, vom Botschafter bis zum Legationssekretär, fabelhafte Gehälter beziehen.

    Der höchstbezahlte Innenbeamte der deutschen Republik, der Reichspräsident, hat monatlich 15 000 Mark. Ebensoviel bekommt schon der Botschafter in London; mehr bekommen: der Gesandte in Buenos Aires (15 300 Mark), der Botschafter in Madrid (15 400 Mark), der in Washington (17 800 Mark) und der in Moskau (19 200 Mark). Der Reichskanzler hat ein Einkommen von monatlich 4250 Mark; als Legationssekretär in Teheran würde er 300 Mark weiter bekommen. Der Gesandte in Teheran hat über 10 000 Mark, der in Budapest nicht ganz 10 000; Stresemann, der Leiter unserer auswärtigen Politik, stellt sich monatlich noch nicht auf 4000 Mark, seine rechte Hand im Auswärtigen Amt, Staatssekretär von Schubert, auf 2300 Mark. Hingegen bekommt ein deutscher Konsul in Danzig 2400 Mark, der in Curitiba (das ist die Hauptstadt des brasilianischen Staates Parana) 5400 und ein Gesandtschaftsrat in Athen 9000 Mark. Alles monatlich, liebe Leser, die ihr solche Zahlen nicht einmal für ein Jahreseinkommen gewöhnt sein möget.

    Nun darf man freilich in- und ausländische Gehälter nicht ohne Weiteres nebeneinander stellen, so wenig wie in- und ausländische Löhne. Wenn man beides vergleichen will, muß man wissen, was die Lebensbedürfnisse im Ausland und im Inland kosten. Hiebei wird sich zeigen, daß man im Ausland unter Umständen doppelt oder meinetwegen dreimal so viel Geld braucht, um so zu leben wie im Inland. Man wird also vielleicht nichts einwenden dürfen, wenn Außenbeamte das Doppelte oder Dreifache des Gehalts beanspruchen, das sie vorher in Berlin bekommen haben. Aber dabei ergeben sich noch lange keine solchen Zahlen wie die angeführten.

    Zu ihnen kommt man erst, wenn man den Auslandsangestellten der Republik eine weitere Konzession macht: daß sie im Ausland nicht ebenso, sondern erheblich besser zu leben haben als daheim. Nämlich weil sie als vorgeschobene Posten eines großen Volkes vor der Öffentlichkeit des Auslands repräsentieren müssen. Namentlich natürlich die Chefs der einzelnen Missionen, die Botschafter und Gesandten. Sie müssen einfach, heißt es, auf großem Fuß leben, mit den besten Kreisen verkehren, prächtige Feste und Gesellschaften geben: damit der Ruf ihres Volkes nicht beeinträchtigt werde, und weil nach vielen alten Erfahrungen bei Sektglas oder Havana oft gerade die wichtigsten diplomatischen Gespräche stattfinden. Wenn man also den Berufszweck dieser Beamten nicht gefährden wolle, so könne man nicht umhin, ihnen entsprechende Summen zur Verfügung zu stellen. Außer etwa man würde sie bloß den reichsten Familien der Heimat entnehmen, was aber aus Gründen der sachlichen Eignung gefährlich und überdies in einer Republik keinesfalls angängig wäre.

    Dieser Grund für die Überbezahlung der diplomatischen Außenbeamten wird manchem plausibel scheinen. Er mag es auch in früheren Zeiten gewesen sein. Heute gilt er nur noch sehr bedingt. Denn heute wird die Politik nicht mehr ausschließlich in höfischen „Kabinetten“, im kleinen Zirkel einiger Vornehmen, im Anschluß an irgendwelche gesellschaftlichen „Ereignisse“ gemacht, sondern in Parlamenten und — Aufsichtsratssitzungen, zwischen den nüchternen Wänden von Arbeitszimmern, wenn auch allenfalls im Klubsessel und mit der Zigarettendose in der Hand. Und die „Repräsentation“, die früher einmal einen Sinn hatte, insofern sie nämlich Macht zum Ausdruck bringen oder vortäuschen sollte, ist heutzutage, wo es statistische Handbücher gibt, oberhalb einer bescheidenen Grenze eine leere, unnötige oder gar lächerliche Äußerlichkeit.

    Das weiß auch Gustav Stresemann, der im Haushaltungsausschuß seinen Etat verteidigt und dabei selber über die unvernünftige Art der Repräsentation durch „Massenspeisungen“ und dergleichen gejammert hat, die kein Vergnügen, sondern eine Qual bedeute. Aber, hat er hinzugefügt, wenn alle andern es so machen (auch die Herren russischen Auslandsvertreter!), dann könne man doch von unseren Botschaftern nicht verlangen, „daß sie allein ein andere Lebensführung beobachten“.
    So? Warum denn nicht? Wäre es eine Schande, wenn die Vertreter eines Volkes, das erstens einen großen Krieg verloren hat und zweitens sich auf seine sittliche und geistige Qualtät so viel zu gute tut, mit gutem Beispiel vorangingen?

    Nach dem amerikanischen Befreiungskrieg war es, glaube ich, da fielen die Gesandten des jungen amerikanischen Staats in den europäischen Hauptstädten überall dadurch auf, daß sie zu offiziellen Empfängen und Staatsfeierlichkeiten nicht im goldbetreßten Frack erschienen, sondern im bescheidenen Anzug aus „Homespun“, daheim gesponnenem und gewebtem Tuch.

    Amerika ist dabei gar nicht schlecht gefahren, meine ich. Seine Diplomaten verschmähen, soviel ich weiß, auch heute noch, wo sie das mächtigste Reich der Welt verkörpern, die europäische Höflingstracht, die als Diplomatenuniform immer noch Mode ist.

    Die deutsche Republik hingegen hat diese, samt Schiffhut und Degen, auf 1. Januar 1929 wieder neu eingeführt.

    1929, 19 Wendnagel

  • Das dicke Buch

    — Jg. 1927, Nr. 5 —

    Im Nachruf auf einen verblichenen Abgeordneten erinnere ich mich als besonderes Lob die Bemerkung gelesen zu haben, er sei ein „ausgezeichneter Kenner des Etats“ gewesen. Und von Matthias Erzberger ist mir einmal erzählt worden, er habe sich als ehedem jüngstes und persönlich nicht gerade blendendes Mitglied seiner Fraktion in ihr lediglich dadurch einen Namen gemacht, daß er sich mit großem Eifer dem Studium des Etats widmete und in ihm bald besser beschlagen war als die meisten seiner Kollegen innerhalb und außerhalb der Partei; so daß er sehr rasch „Etatredner“ der Fraktion und einer der bekanntesten und von der Regierung gefürchtetsten Abgeordneten wurde.

    Ich habe das bisher nie so recht begreifen können. Was war schon dabei für einen Abgeordneten, sich im Etat auszukennen? War das denn nicht selbstverständlich? Erstens Pflicht, und zweitens die einfachste Sache von der Welt, wozu weder Scharfsinn, noch Menschenkenntnis, sondern lediglich die Kunst des Lesens erforderlich war, die in Deutschland mit seinem fortgeschrittenen Schulwesen sehr weit verbreitet ist?

    Heute weiß ich, was es heißen will, den Etat zu kennen. Weil die Zahlen in den Zeitungen nicht übereinstimmten, habe ich mir ihn im Original kommen lassen, nämlich den „Entwurf eines Gesetzes über die Feststellung des Reichshaushaltsplanes für das Rechnungsjahr 1927“. Jedermann kann ja die Drucksachen (und auch die stenografischen Verhandlungsberichte) des Reichstags kaufen; man kann sich sogar drauf abonnieren wie auf eine Zeitung.

    Der Etat für 1927, den ich mir besorgt habe, ist eine Broschüre in Folio mit rund 1500 Seiten. Sie hat den doppelten Kubikinhalt einer Familienbibel und mit 3,2 Kilogramm etwa das Gewicht eines neugeborenen Kindes. Man sollte sie nicht unter Nachnahme kommen lassen, denn der Preis beläuft sich auf 34 Mark. Wenn es also nur hundert Leute in Deutschland gäbe wie mich, dann würde sich der im ordentlichen Haushalt des Reichstags, Einnahme, Kapitel 1, Titel 4 eingesetzte Posten „Einnahme aus dem Verkaufe von Reichstagsdrucksachen: 3500 Mark“ merklich erhöhen müssen.

    Wer diese sechseinhalb Pfund Papier auf seinem Tisch vor sich liegen hat und sich freiwillig vornimmt, den Wälzer von A bis Z durchzulesen, kann es an Aufopferungswillen nahezu mit einem indischen Büßer aufnehmen. Wie viele von den 493 Reichstagsabgeordneten, die durch ihr Amt dazu verpflichtet sind, werden wohl solchen Vorsatz fassen und auch nur fysisch imstande sein, ihn auszuführen? Du lieber Himmel, ich möchte wetten, daß die Hälfte von ihnen überhaupt noch keinen Blick hineingetan hat, und daß nicht ein einziger dazu kommt, das Buch auch nur halb zu bewältigen. Dabei berät der Haushaltsausschuß des Reichstags schon drei Wochen fröhlich an dem erst seit 29. Dezember vorliegenden Entwurf und hat schon ein gut Teil des Stoffes erledigt. Bis 1. April soll ja die Beratung über den Etat in Ausschuß und Plenum fertig sein.

    Man kann sich denken, was das für eine parlamentarische Kontrolle ist, die da herauskommt. Und wie sich die Geheimräte in den Ministerien im Stillen über den Reichstag lustig machen werden, dem sie jährlich ihren Zauber vormachen, ohne daß viel mehr als eine Zufallsmöglichkeit besteht, daß jemand dahinterkommt. Es sei bloß an die Geschichte mit den Gewehren erinnert, für die im letztjährigen Etat pro Stück 200 Mark eingesetzt waren, obwohl sie nur 154 Mark kosteten (und das war natürlich noch zu viel!); oder an die Reichswehrschränke, die pro Stück 150 Mark gekostet hätten, wenn nicht Gerhart Seger, also kein Reichstagsabgeordneter, im „Anderen Deutschland“ auf diesen Humbug noch rechtzeitig hingewiesen hätte.

    Die ganze Etatsberatung und -verabschiedung im Reichstag, so wie sie in der Praxis heute gehandhabt wird, ist Humbug. Ein Etat wie der vorliegende ist lediglich durch seine Dicke gegen kritische Durchleuchtung gefeit, solange er nicht 1. ein Vierteljahr früher herauskommt, damit die Abgeordneten ihn vor, nicht erst während der Beratung durchsehen können, und solange 2. die Reichstagsfraktionen nicht für jeden Hauptabschnitt mindestens zwei Abgeordnete zu gründlichem Studium verpflichten.

    Der „Parlamentarismus“, wie wir ihn haben, in dem nicht das „Volk“, sondern die Geheimräte regieren, ist eine Karikatur auf sich selber. Aber nur deshalb, weil er von seinen berufenen Vertretern nicht gewissenhaft durchgeführt, nicht ernst genommen wird.

    1927, 5 Sch.

  • Glaubt den Schwindel nicht

    — Jg. 1928, Nr. 2 —

    Wenn ich sehr reich wäre, würde ich mir anläßlich der diesjährigen Wahlen folgenden Scherz leisten. Ich würde in einer Auflage von hundert Millionen Stück ein Plakat drucken lassen, rote Schrift auf weißem Grund: „Glaubt den Schwindel nicht!“ Dieses Plakat müßte vier Wochen vor dem Wahlsonntag an jeder Plakatsäule, jedem Zaun und jedem Scheunentor in ganz Deutschland kleben und wöchentlich in der Nacht von Samstag auf Sonntag erneuert werden.

    Sie meinen, der Text wäre zu undeutlich? Ich solle lieber sagen: „Glaubt den deutschnationalen Schwindel nicht!“? Mein Lieber, wenn es so heißen würde, dann dächte ja jedermann, das sei ein sozialdemokratisches Plakat, und da dann die Absicht am Tage läge, wäre meine Aufforderung nicht halb so wirksam. Warum sollten sich denn die Leute nicht ein wenig besinnen, welchen Schwindel sie nicht glauben sollen? Und seien Sie ruhig überzeugt: neunzig Prozent von dem Gesamtschwindel, der in der Wahlzeit über Deutschland ausgegossen werden wird, wird deutschnationaler Schwindel sein. Das geht nach einer ganz einfachen Rechnung daraus hervor, daß vier Fünftel der ganzen deutschen Presse, dazu fast der ganze gewaltige Apparat von Kino und Radio, durch Hugenberg und seine Leute kontrolliert werden. Man macht sich gar keine Vorstellung, wie groß dank der täglichen Verdunkelungsarbeit jener Mächte die politische Unkenntnis unseres Volkes ist. Keine Ahnung haben wir, habt ihr „Intellektuellen“ vor allem, wie es in den Köpfen von Millionen unserer deutschen Mitbürger aussieht. Wie viel Menschen, schätzen Sie wohl, gibt es in Deutschland, die noch an den leibhaftigen Satan glauben? Was? Na, sehen Sie, gestern erst habe ich mich mit so einem unterhalten. Wo? Mitten in der Großstadt, zwischen Autos, elektrischen Lampen und Lautsprechern.

    Eines der besten Beispiele für die Unbesieglichkeit einer langdauernden, systematischen, raffinierten Propaganda, die mit der Wahrheit gar nichts zu tun hat, ist der Kriegsschuldlügen-Schwindel. Nicht einer unter Tausenden in Deutschland macht sich wahrscheinlich ein halbwegs richtiges Bild von der Art und Weise, wie der Krieg zustande gekommen ist. Nicht ein Zehntel Prozent dieses armen Volkes weiß, wieviel Schuld an seinem Ausbruch jener Mann in Holland und seine Schranzen (Paladine hat man nach Siebzig gesagt, da hatte man gesiegt) auf dem Gewissen haben. Wenn die Wahrheit über den Krieg auch nur in ihren Grundzügen bekannt wäre, dann wäre die deutschnationale Partei ein kleiner Klüngel, um den sich niemand zu kümmern brauchte.

    Sie verstehen, wie stark das Interesse jener Kreise sein muß, der Öffentlichkeit den Tatbestand von 1914, auch von 1917 und 1918, zu verschleiern. Man hat diese rein innenpolitische Angelegenheit zu einer außenpolitischen gemacht und tut so, als ob Deutschland für den verlorenen Krieg nichts zu berappen brauchte, wenn die Welt endlich einsehen würde, daß es, d. h. seine damaligen Regierer, die heute wieder regieren, an seinem Ausbruch unschuldig gewesen sei. Das Ausland weiß so ziemlich Bescheid, übertreibt natürlich ein wenig zu seinen Gunsten; aber wir in Deutschland haben keine Ahnung.

    Kriegerwitwen, verlassene alte Eltern, Kriegskrüppel, verarmte Rentner, denken Sie nur, wählen deutschnational, wählen die Leute, denen sie ihr Unglück, die Zerstörung ihres Lebensglückes zu verdanken haben! Die ihren Wilhelm am liebsten morgen wieder heimholen würden, damit er nach der kleinen Unterbrechung als „Friedens-Kaiser“ glorreich weiterregieren könnte!

    Verzweifeln möchte man oft, wenn man sich das alles vergegenwärtigt. Lügen hätten kurze Beine? Siebenmeilenstiefel haben sie heutzutage an, sage ich Ihnen. Ja, wenn man Geld hätte, Geld wie Hugenberg!

    1928, 2 Kazenwadel

  • Vaterländer

    — Jg. 1927, Nr. 10 —

    Die demokratische Partei will im Reichstag beantragen, daß künftig allen Deutschen die deutsche Reichsangehörigkeit verliehen werden soll.

    Bis jetzt gibt es den Begriff des deutschen Bürgers im staatsrechtlichen Sinne ja noch nicht. Es gibt — sehen Sie nur in Ihrem Paß unter „Staatsangehörigkeit“ mal nach — preußische, württembergische, oldenburgische, lippe-detmoldische und noch vierzehnerlei dergleichen Bürger, aber keine deutschen. Wenn ein Ausländer sich bei uns einbürgern will, so muß er sich wohl oder übel eines der 18 Vaterländer wählen. Das Komische dabei ist, daß alle andern 17 damit einverstanden sein müssen. Er kann also z. B., wenn er in Braunschweig wohnt, nicht braunschweigischer Staatsangehöriger werden, wenn Bayern oder Baden etwas dagegen haben.

    Dem deutschen Reichstag ist zurzeit nicht viel zuzutrauen. Aber diesen alten Zopf wird er doch hoffentlich nicht hängen lassen wollen! Kann sich denn irgend ein Mensch in Deutschland, ausgenommen vielleicht ein paar waschechte Bayern, dagegen sträuben, daß er künftig in seinen Papieren als Deutscher bezeichnet wird?

    Wir dürfen also vielleicht annehmen, daß dieser Schritt zum „Einheitsstaat“ nun demnächst gewagt werden wird; und daß auch Herr Petersen von Hamburg und Herr Braun von Preußen dabei mitmachen, die beide „Unitarier“ sein wollen, sich aber die Einmischung eines „Dritten“, nämlich des Deutschen Reiches, in ihre Grenzstreitigkeiten energisch verbitten.

    Werden dann wohl auch mal die diplomatischen Vertretungen der deutschen Länder beieinander abgeschafft werden? Der preußische Gesandte in München? Der bayrische Gesandte in Berlin, der bayrische „Konsul“ in Stuttgart (Entfernung Stuttgart-München: 1½ Stunden)? Der württembergische, der sächsische Gesandte in Berlin usw.? In Berlin gibt es nach dem „Gotha“ 28 „Diplomaten“ der deutschen Länder, allein zehn davon in der sächsischen Gesandtschaft (Entfernung Dresden-Berlin: 1½ Stunden.)

    Und wird dann auch einmal die Zeit kommen, wo sächsische Banknoten in Württemberg, oder badische in Sachsen an einem Postschalter oder auf einem Finanzamt in Zahlung genommen werden? Bis jetzt wird derartiges „ausländische“ Geld nämlich zurückgewiesen, obwohl es reichsgesetzlich anerkannt und ebenso gut ist wie die Reichsbanknoten.

    Noch einfacher wäre es ja am Ende, die Länderscheine (es gibt badische, württembergische, bayrische und sächsische) ganz abzuschaffen.

    1927, 10 Rauschnabel

  • Langsam voran

    — Jg. 1929, Nr. 28 —

    Das Kamel und die Schnecke gingen einmal eine Wette ein, wer zuerst am Flusse wäre. Die Schnecke gewann; denn das Kamel hatte den Dienstweg eingeschlagen.

    Diese ehrwürdige deutsche Fabel fällt mir zu meinem Troste immer ein, wenn ich etwas über die Vorbereitungen zum deutschen Einheitsstaat lese.

    Im Januar 1928 hat eine Konferenz von Reichs- und Länderministern (die „Länderkonferenz“) einen „Arbeitsausschuß“ dafür eingesetzt. Dieser Ausschuß hat sich in zwei Ausschüsse geteilt, in den Finanzausschuß (zur Aufstellung des „endgültigen“ Finanzausgleichs zwischen Reich und Ländern) und den Verfassungsausschuß. Der Finanzausschuß schläft seither. Der Verfassungsausschuß dagegen ist im Mai 1928 zusammgekommen und hat „Sachverständige“ beauftragt, Referate auszuarbeiten. Im Oktober 1928 hat er abermals getagt, die Referate entgegengenommen und zwei Unterausschüsse aufgestellt. Der eine sollte Vorschläge zur territorialen Neugliederung abfassen, der andere die Abgrenzung der Zuständigkeiten zwischen Reich und Ländern festlegen. Vor acht Tagen sind nun diese Unterausschüsse zusammgetreten.

    Zunächst wurde konstatiert, daß der erste, der Territorialausschuß, erst arbeiten könne, wenn der zweite, der Zuständigkeitsausschuß, fertig wäre. Die Beratungen des ersten wurde deshalb bis zum Herbst verschoben. Der zweite hat sich ausgesprochen; erstens für die Übernahme des Justizwesens durch das Reich (mit 6 gegen 5 Stimmen), zweitens (mit 9 gegen 2 Stimmen) für die Verwandlung der preußischen Provinzen samt den zwischen sie eingestreuten Kleinstaaten in „Länder neuer Art“ neben den „Ländern alter Art“ Bayern, Sachsen, Württemberg und Baden, wobei diese etwas mehr Selbständigkeit behalten als jene bekommen sollen.

    Im September wollen die beiden Unterausschüsse wieder zusammenkommen. Sie wollen dann ihre Arbeit abschließen und dem Verfassungsausschuß berichten. Dieser wird dann seinerseits „Stellung nehmen“ und der Länderkonferenz berichten. Wenn die Länderkonferenz, nehmen wir an nächstes Frühjahr, Stellung genommen hat, wird das Ergebnis wohl oder übel der Reichsregierung vorgelegt werden.

    Diese kann dann einen Gesetzentwurf daraus machen, wenn sie Lust dazu hat. Nehmen wir an, das sei der Fall, dann wird sie wahrscheinlich zunächst zu diesem Behuf im Reichsministerium des Innern einen Ausschuß mit etlichen Unterausschüssen bilden lassen, in denen Referate und Korreferate ausgearbeitet werden. Die Unterausschüsse werden Sachverständige berufen und Sitzungen abhalten. Dann werden sie . . . na, reden wir nächstes Jahr wieder drüber!

    1929, 28 Wendnagel

    „Die Sorge ist berechtigt, daß der Versuch gemacht werden wird, durch mehr oder weniger sanften Druck und auf Umwegen zum Einheitsstaat zu gelangen. Sollte dieser Weg beschritten werden, so wird eine unmittelbare Gefahr für den Bestand des Reiches heraufbeschworen; denn nichts ist irriger als die Meinung, die Länder würden sich schließlich in ihr unvermeidliches Schicksal fügen. So wie die Dinge in Europa liegen, kann dieses Spiel mit dem Feuer den ganzen Kontinent in Brand stecken.“

    Bazille auf der Länderkonferenz im Januar 1928

  • Warum die Juristen für Roggenzölle sein müssen

    — Jg. 1928, Nr. 9 —

    Hat da ein Statistiker Roggenpreise und Kriminalitätszahlen nebeneinander geschrieben; und siehe, die beiden Kurven stimmen überein! Steigt der Roggenpreis, nehmen die Diebstähle zu; sinkt der Roggenpreis, nehmen sie ab.

    Mein Neffe hat sein juristisches Examen gemacht und ist jetzt Referendar, ich habe ihm geraten, dieses Frühjahr deutschnational zu wählen (was er sowieso tun wird). Denn die Deutschnationalen, die Partei der roggenbauenden Großgrundbesitzer, sind die einzige Partei, die wirklich zuverlässig für eine Verteuerung des Roggens durch Zölle zu haben ist.

    Die Juristen haben sozusagen ein Berufsinteresse an hohen Roggenpreisen. Wo kämen sie denn hin, wenn gar nicht mehr gestohlen würde, weil das Brot nichts mehr kostet?

    Verstehen Sie jetzt, warum unsere Juristen, ohne Zweifel einem unterbewußt waltenden, aber richtigen Instinkte folgend, meistens deutschnational sind?

    1928, 9 Kazenwadel

  • Hausse in Brauerei-Aktien

    — Jg. 1927, Nr. 11 —

    Kaufen Sie Schultheiß-Patzenhofer! Steigen Sie ein, ehe es zu spät ist! Sie riskieren nichts, Sie werden mir dankbar sein!

    Unbekannt, sagen Sie? Also Sie wissen nicht, daß die vereinigten Brauereien von Schultheiß und Patzenhofer in Berlin — vor zwanzig Jahren waren sie noch scharfe Konkurrenten — heute die größte Brauerei Europas sind? Drei Millionen Hektoliter Bier, oder — Bier gibt Mark! — 120 Millionen Mark sind im letzten Geschäftsjahr umgesetzt worden. Dividendenbrühe, mein Lieber! Im laufenden Jahr, unter einer nationalen Regierung, muß das Ergebnis noch ganz anders ausfallen!

    Die Biersteuer? Nee, da täuschen Sie sich aber ganz gewaltig. Ihr gedachtet es böse zu machen, heißt es da, — wir aber haben’s gut gemacht, Stimmt schon, daß die Biersteuer am 1. Januar um zwei Mark pro Hektoliter erhöht worden ist. Aber die zahlt doch nicht Schultheiß-Patzenhofer, was meinen Sie denn, die zahlt unser lieber deutscher Biertrinker, unser wackeres Volk, auf das immer noch Verlaß ist. Und noch einmal zwei Mark für die Firma dazu, denn die hat am 1. Januar natürlich nicht um zwei Mark, sondern gleich um vier Mark aufgeschlagen; also sozusagen ihrerseits die Biersteuer verdoppelt. So macht’s der Geschäftsmann! Man muß seine Kunden kennen! Das deutsche Volk ist das beste Volk der Welt, wenn Sie das noch nicht gewußt haben.

    Zurückgehen, der Bierkonsum? Wird er nicht, wird er garantiert nicht. Wir haben doch jetzt eine nationale Regierung, nicht zu vergessen. Und wenn der Lebenshaltungsindex steigt, dann steigt auch der Bierkonsum. Kennen Sie dieses nationalökonomische Gesetz denn noch nicht, Sie Ahnungsloser? Jawohl, der Weinkonsum geht zurück, da haben Sie recht — trinkt deutschen Wein! — , aber dafür steigt ja gerade der Bierkonsum. Haben Sie schon einmal einen Arbeitslosen Wein trinken sehen? Bier? Na, also!

    Ganz recht, Schnaps auch. Aber deshalb hat Schultheiß-Patzenhoter ja Kahlbaum in sich aufgenommen und mit den Ostwerken eine Interessengemeinschaft. Und der Konzern Schultheiß-Patzenhofer-Ostwerke verfügt nicht bloß über Brauereien, Hefe- und Malzfabriken, Schnapsfabriken und sogar Sektkellereien, sondern auch über Mühlen, Zementfabriken, Glas-, Maschinen- und (hm) chemische Fabriken. Also seien Sie beruhigt. Da muß ja ein Geschäft herausspringen. 15 Prozent Dividende sind das Mindeste, worauf ich wette.

    Es widerstrebt Ihnen, Geld von Arbeitslosen und überhaupt am Alkoholkonsum des deutschen Volkes zu verdienen? Aber hören Sie mal, Sie stammen wohl vom Monde? Sie sind wohl Idealist? Sozialist, was?

    Ich will Ihnen was sagen: Sie getrauen sich einfach nicht, das ist alles. Sie wollen nichts riskieren. Schämen Sie sich. Gott, wenn unser braves Volk aus lauter solchen Schlappschwänzen bestünde! Ober, noch ein Helles!

    1927, 11 Kazenwadel

  • Das falsche Geleise

    — Jg. 1926, Nr. 3 —

    Die Faschingszeit ist im Anzug. In Köln, in München, aber auch anderswo beginnen wieder Gewissen zu schlagen. Darf man denn . . . ? In einer Zeit, wo . . . ? Bälle, Redouten, Flirt und Suff — neben Arbeitslosigkeit, Selbstmord und Hungerödem?

    Eigentlich dürfte man wohl nicht. Aber man tut’s trotzdem. Und weil man nicht ehrlich zu gestehen wagt, daß man zu schwach ist, auf Gewohntes zu verzichten, oder daß fremdes Leid nicht wehe tut, wenn man so vorsichtig ist, es zu umgehen oder die Augen ein wenig zuzumachen, — so erfindet man Ausreden. Beispielsweise in Gmünd. Dort hat sich eine Versammlung auf dem Rathaus mit der Frage beschäftigt, ob man nicht dieses Jahr auf die geplanten Kostümbälle verzichten solle. „Nach reger Aussprache wurde beschlossen, die Bälle in bescheidenem Rahmen abzuhalten, wobei in der Hauptsache auf die Geschäftswelt Rücksicht genommen wurde. Bei Nichtabhaltung würden, so stellten einige Vertreter der hiesigen Geschäftswelt fest, nicht nur die Wirte betroffen werden, sondern in erster Linie das Schneiderinnengewerbe, bei dem mit einer vorläufigen Entlassung von etwa 50 Schneiderinnen für die zwei nächsten Monate zu rechnen gewesen wäre.“

    Gott, wie sozial empfunden! Ich muß doch ein Barbar sein, daß sich mir jedesmal, wenn ich so etwas lese, etwas im Leibe herumdreht. Wahrscheinlich ist es mein wirtschaftliches Gewissen, dem es einfach nicht hinunter will, daß man Bier saufen soll, damit Wirte und Brauer nicht brotlos werden, Zigaretten rauchen, Ansichtskarten schreiben, Hüte, Seidenstrümpfe oder Ballkostüme tragen soll, damit soundsoviel Angestellte und Arbeiter in der betreffenden Branche weiterbeschäftigt werden können. Ist denn der Konsum wegen der Produzenten da oder nicht vielmehr umgekehrt, zum Teufel? Kann ich dafür, daß dieses blödsinnige Wirtschaftssystem, das wir haben, seine Arbeitskräfte nicht dahin zu stellen vermag, wo sie nötig wären? Daß man sie z. B. heute nicht zum Bau von Wohnungen verwendet, sondern zur Herstellung von Zahn-, Schuh-, Gesundheits-, Vernunft- und anderen Zerstörungsmitteln?

    Die 50 durch den Verzicht auf Kostümbälle in Gmünd bedrohten Schneiderinnen hätten alle Hände voll zu tun, um Kleider für abgerissene arme Proletarierfrauen zu nähen, wenn diese Frauen Kleider kaufen könnten. Sie könnten kaufen, wenn ihre Männer nicht arbeitslos wären. Ihre Männer wären nicht arbeitslos, wenn Gmünd die 500 Wohnungen bauen würde, die dort ohne Zweifel fehlen. Gmünd könnte diese Wohnungen bauen, wenn Geld dazu vorhanden wäre. Geld dazu wäre vorhanden, wenn es von Reich, Ländern, Gemeinden und Privaten nicht für irgendwelchen Luxus wie Reichsmarine, Neckarkanal, Eckenerspende und Kostümbälle verschwendet würde.

    Walther Rathenau hat in seinen Schriften neben aller sonstigen Unwirtschaftlichkeit im Einzelnen das Grundübel unserer privatkapitalistischen Wirtschaft in der falschen Lenkung des gesamten Erzeugungsvorgangs aufgedeckt. Von dem halben Dutzend Wirtschaftsminister, die in Deutschland ihres Amtes walten, wird noch lange keiner drauf kommen.

    Und wenn einer doch drauf käme und gar versuchen würde, darnach zu handeln? Dann würde er schleunigst abgesägt.

    1926, 3 Sch.

  • Aktionäre

    — Jg. 1924, Nr. 17 —

    Irgendwo in Hannover ist man kürzlich auf eine sehr ergiebige Erdölquelle gestoßen.

    Ein Ereignis für ganz Deutschland, hätte man denken können. Allgemeine Freude. Vorträge in den Schulen, Filmvorführungen, Zeitungsartikel: „Ein neuer Bodenschatz“, „Bereicherung des Nationalvermögens“ und dergleichen.

    Es blieb aber bei einer kleinen Notiz unter „Neueste Nachrichten“, einem kleinen Artikel im Handelsteil (den der Bürger nicht liest, weil er lateinisch gedruckt ist) und — ja, die Aktien der bohrenden Firma gingen über Nacht um zehn und etliche Prozent in die Höhe.

    Einige Leute werden sich also immerhin über den Erfolg gefreut haben: die Herren Aktionäre, die Bankdirektoren und Börsenjobber, die in dem betreffenden Papier „engagiert“ waren.

    Sollen wir’s ihnen gönnen? Haben sie verdient, was sie „verdient“ haben? Für ihre Tatkraft, mit der sie die Bohrung durchgeführt, den Schweiß, den sie dabei vergossen, den Segen, den sie damit gestiftet haben? Du lieber Gott, von den Herren haben die meisten vielleicht nie einen Bohrturm gesehen außer in der Berliner Illustrierten, und, da sie in „besseren Verhältnissen“ aufgewachsen sind, wissen sie wahrscheinlich kaum, wie Erdöl riecht. Sie gehören zu der Schicht von Mitbürgern, die ihr Geld im Klubsessel und an der Telefonstrippe verdienen.

    Es stimmt schon: daß das ein ungeheurer Unfug ist; daß diese Menschen mit „arbeitslosem Einkommen“ in Wirklichkeit erbärmliche Schmarotzer sind; daß zwischen Arbeit und Kapital niemals Friede gemacht werden kann, solange der Arbeiter zusehen muß, wie fette Faulenzer mit dem, was er in saurer, schlechtgelohnter Fronarbeit erschaffen und aufbauen hilft, an der Börse spielen. Man komme mir nicht mit dem Geschwätz von der „wirtschaftlichen Notwendigkeit“ der Jobberei, von der „automatischen Steuerung“ der Wirtschaft durch die Börse, von der Auslese im Kampf ums kapitalistische Dasein. Es hört sich manchmal sehr gelehrt an, aber ich versichere euch, es ist Quatsch. Wenn es wirklich so wäre, daß alle Börsenspekulanten Juden und alle Juden Börsenspekulanten wären, dann würde ich heute noch Antisemit.

    Der Haß des arbeitenden Volks gegen die Leute, die von seiner Arbeit leben, ohne den Finger krumm zu machen, ist voll berechtigt. An ihn appellieren die „völkischen“ Agitatoren. Kein Wunder, wenn sie Erfolge haben. Dazu ist das Publikum (und sind die — häufig gutgläubigen — Agitatoren selber) leider zu dumm, um die Taschenspielerei zu durchschauen, mit der sie die Begriffe „Jude“ und „Jobber“ miteinander auszuwechseln pflegen. (Die Hintermänner, die selber auf „Aktienpaketen“ sitzen, sind über das Ablenkungsmanöver natürlich im Bilde.) Und soweit denkt die Masse natürlich auch nicht, daß sie die Judenfresser nach ihrem positiven Wirtschaftsrezept („Brechung der Zinsknechtschaft“ ist eine Frase, nichts weiter) fragte und es unter die kritische Lupe nähme.

    Sie haben überhaupt keine durchführbare aufbauende Idee, sie wissen keinen gangbaren Weg zur Beseitigung des Aktienschwindels und Börsenspiels.

    Erzberger hat sich einmal bemüht, einen solchen aufzuzeigen. Er nannte ihn „christlichen Solidarismus“. Zufällig ist er kurz darauf ermordet worden. Von Antisemiten. Als Werkzeugen von — nun, wahrscheinlich von Leuten, die Aktien haben. Teils Nichtjuden, teils — hm, es könnte sein, daß auch Juden dabei sind.

    Walther Rathenau, der Jude, hat in seiner letzten Schrift ebenfalls einen solchen Weg gezeigt. Sie hieß „Autonome Wirtschaft“; sie handelt von der Abschaffung des Unternehmers, von der Übernahme der Betriebe durch die Arbeiter, von der radikalen Beseitigung des ganzen Aktienunwesens. Der Verfasser, der zeigen wollte, wie man die „Zinsknechtschaft“ brechen könnte, ist — wer weiß, vielleicht wegen dieser Schrift — ermordet worden. Von Antisemiten. Von Werkzeugen. In wessen Solde? Man weiß nicht. Wahrscheinlich — siehe oben.

    1924, 17 · Kazenwadel

  • Ein sozialistisches Programm

    — Jg. 1921, Nr. 49 —

    Entwurf eines Bekenntnisses zur Gemeinwirtschaft, vor dem Görlitzer Parteitag der S.P.D. 1921 von einem Nichtmarxisten für einen Marxisten verfaßt

    Wir sind durch zwei Menschenalter vom kommunistischen Manifest und durch eines vom Erfurter Programm getrennt. Die wirtschaftliche Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft hat in großen Zügen den ihr vorausgesagten Lauf genommen, und wir haben den Tag erlebt, an dem den Sozialisten die Macht zufiel, um die Kapitalisten zu beerben.

    An diesem Wendepunkt der sozialistischen Geschichte ist eine schwere Enttäuschung zu verzeichnen. Es hat nichts genützt, sich im Glauben an sein besseres Recht und im Besitz seiner stärkeren Gewalt zu befinden. Der Versuch, den Sieg zu verwirklichen, endete mit einer Niederlage.

    Es fehlte nicht an der Reife der Dinge, sondern an der Reife der Menschen. Es besteht kein Grund zum Verzweifeln, sondern aus Verstehen und Umlernen kann neue Kraft gewonnen werden. Vergebens behaupten unsere Gegner, unsere Sache scheitere am natürlichen Wesen der Menschheit. An uns ist es, zu beweisen, daß unsere Schwächen nicht angeboren, sondern angekünstelt, nicht unabänderlich, sondern überwindbar sind.

    Wir litten an der Einbildung, über die Tugend des Gemeinsinnes zu verfügen. Hatten wir nicht vielleicht nur noch keine Gelegenheit gehabt, das Laster gemeinschädlicher Begierden und Handlungen auszuüben? Wir bedürfen einer bewußten Selbstzucht, um uns in der Zukunft als echte Sozialisten zu bewähren, die in ihren Reihen keine Tat auf Kosten der Gemeinschaft dulden.

    Wir unterschätzten die Fähigkeiten des Unternehmertums, das erfahrener und gewissenhafter ist, als wir wußten. Wir haben zu beherzigen, daß uns in dem Augenblick einer wahren Sozialisierung eine Aufgabe und nicht schon deren Lösung zufällt, daß es also gilt, die wertvollen Eigenschaften des Kapitalismus in den Sozialismus miteinzubringen.

    Es genügte nicht, das erhoffte Ziel in Umrissen vor sich zu sehen. Wir stellten uns den Übergang vom Kapitalismus zu glatt und einfach, zu automatisch und zu schematisch vor. Wir werden allmählich erkennen, daß auch die Welt unserer Ordnungen mehr als das kleine Einmaleins bedingt.

    Wir stammen aus dem Zeitalter des Erwerbs und des Erfolges. Wir klagen über die Versündigungen des Ehrgeizes und der Habsucht. Aber solange ein Rest von Neid und Mißgunst unseren Blick und Willen trübt, droht uns die Gefahr des blinden Wütens. Selbst das vielgeschmähte private Eigentum von Produktionsmitteln hat sowohl Lichtseiten, die jede sozialistische Gemeinschaft würdigen wird, wie auch Schattenseiten, deren geheime Anbetung sich nicht einmal eine sozialistische Gemeinschaft leisten darf. Es tut mehr not, die heutige Eigentumsgeltung als die heutige Eigentümerschicht zu beseitigen.

    Wir sind der Kindheit der technischen Erdumwälzung noch nicht entwachsen. Sonst würden wir in aller Ruhe den mindestens zwiespältigen Charakter der sich rational dünkenden Produktion, nämlich den Segen ihrer planmäßigen Bedarfsdeckung und den Fluch ihrer planlosen Bedarfserregung, überschauen und begreifen, daß nicht nur die Unternehmer, sondern auch wir fortwährend das Erste durch das Zweite zerstören helfen, indem wir nach einem Schlaraffien trachten. Das Werk der Konstruktions- und Organisationskunst ist geleistet, wenn sie der Gemeinschaft an allen ihren Gliedern eine mäßige Lebensfristung sichert. Sozialist sein heißt nebenbei auch, seine Ansprüche an die Gemeinschaft beschränken.

    Denn Sozialist sein heißt, über den Kapitalismus hinaus das Getriebe der Wirtschaft nicht nur zweckmäßig einrichten wollen, sondern ihm im Namen der Gemeinschaft den Zweck erst setzen. Die Wirtschaft ist nicht um ihrer selbst willen da. Deshalb steht die kritiklose Verhimmelung der Produktivität einem Sozialisten übel an. Wir haben doch nachgerade hinter den süßen Bissen des belohnten Fleißes den sauren Beigeschmack gekostet, der jede gesellschaftliche Arbeit begleitet. Je mehr man sie vervollkommnet, desto deutlicher ist sie für den Menschen, der sie verrichtet (solange ihn die Maschine nicht ganz verdrängt), ein Dienst, dessen Freiheit günstigsten Falles einen freiwilligen Pflichtengehorsam gestattet, gleichviel ob ein privater oder ein von der Gemeinschaft bestellter Disponent die Anordnungen trifft. Es ist nicht sozialistisch, sondern liberal und demokratisch gedacht, wenn man die unvermeidliche straffste Disziplin des gesellschaftlichen Betriebes durch Unzweckmäßigkeiten frei oder durch Mitbestimmungsrechte gerecht gestatten will.

    Innerhalb des sozialistischen Bannkreises sei es geboten, daß jeder Arbeitsfähige eine gleichwertige Menge exekutiver Arbeit verrichte, und daß jeder Lebende eine gleichwertige Menge der also erzeugten Güter erhalte. Außerhalb des sozialistischen Bannkreises dagegen sei es verboten, Güter durch vergesellschaftete Arbeit zu erzeugen. So sieht die sozialistische Auffassung von Freiheit und Gerechtigkeit aus, deren dritte Schwester im Bunde, die Brüderlichkeit, vom neunzehnten Jahrhundert vergessen worden war.

    Seitdem sich zeigte, daß die Landwirtschaft und mancher Gewerbezweig den Konzentrationsregeln der Industrie nicht folgten, schwankten wir, ob wir zur Fabrik hin oder von der Fabrik fort streben sollten. Die sozialistische Gemeinschaft hüte sich vor einem doktrinären Entweder-Oder und anerkenne das praktische Teils-Teils. Je weniger Güter die Gemeinschaft durch vergesellschaftete Arbeit zu erzeugen braucht, desto heilsamer vermag sie den zwischen dem Einzelnen und der Gemeinschaft ewig schwärenden Schmerz zu lindern. Dadurch, daß der Sozialismus alle Erscheinungen unter den Gesichtswinkel des Klassenkampfes zwischen industriellem Bürgertum und Proletariat zwängt, entfremdet er sich jene zahlreichen Neutralen, die ihm anhängen würden, sobald er die Front veränderte.

    Der neuerdings zum Schieber umgetaufte willkürliche Händler stellt den eigentlichen Feind des Sozialismus dar. Er ist es, der auch unter uns im Dunkeln munkelt. Ins Helle mit ihm! Nicht sein Geschäft, sondern unsere Vereinbarung bestimme Form und Inhalt unserer Wohlfahrt. Sein Reich, dieses Mittelding zwischen Markt und Plan, werde aufgeteilt in die beiden Reiche: des Alle bindenden Planes und des Niemanden bindenden Marktes.

    Der Sozialist hat sich über die Staatsscheu seiner Vorgänger emporzuschwingen. Zu seinem Wesen paßt es nicht, den Staat wie einen Regenmantel zu behandeln, den man bei gewöhnlichem Wetter in den Schrank hängt und bei schlechtem Wetter beschuldigt, Nässe durchzulassen. Der sozialistische Staat ist identisch mit der Gesellschaft. Er erläßt auf demokratischer Grundlage seine Gesetze und überträgt der sozialistisch verfaßten Wirtschaft unter öffentlicher Verantwortung jene Befugnisse, die heute von Privaten wie Gottesgnadengeschenke empfangen und genossen werden. Der Sozialist fühlt sich im Staat als Soldat und beseitigt den unwürdigen Zustand, in dem der Staat ein lächerlich fiskalisch-bürokratischer Konkurrent derjenigen Klasse ist, welche ihn ihren Interessen vorspannt.

    Jedes Volk ist imstande, einen solchen Sozialismus aus sich heraus zu gebären; jedes aber auch, sich einem Sozialismus der Völker anzuschließen. Auch zwischen den Völkern wird die Regel Platz greifen, daß sie internationale Beziehungen nur da eingehen, wo Not es gebietet, jenseits dieser Grenze aber den Nationen überlassen, zu bleiben, was sie sind: gewachsene Organismen, die voneinander aus Gründen des Blutes und der Heimat in ihren Sitten und Gebräuchen abweichen. Opfern wir auch dasjenige Händlerideal, welches hinter einem kommerziellen Einerlei die imperialistischen Triebe verbarg, und bekehren wir uns zur Republik der Menschheit, die den Streit zwischen Einzahl und Mehrzahl möglichst selten beginnen und niemals auf Kosten des Ganzen beenden läßt.

    Thesen:

    1. Der Sozialismus ergreift in der Kette zwischen Mensch und Menschheit zugunsten des Teiles Partei, solange es die Wohlfahrt des Ganzen erlaubt, und zugunsten des Ganzen Partei, sobald es die Wohlfahrt des Teiles erheischt.

    2. Der Sozialismus heiligt Einrichtungen wie das Eigentum, insofern sie dem Ganzen dienen oder die Wohlfahrt des Ganzen nicht berühren, und entheiligt Einrichtungen wie das Eigentum, insofern sie das Ganze zum Teil in Beziehung setzen, ohne das Ganze zu fördern. Innerhalb der vom Ganzen benötigten Produktion kennt der Sozialismus nur ein bedingtes Privateigentum, das zur Strafe für Verstöße gegen die Gesellschaftsordnung entzogen werden kann und auf das die Gesellschaft bei freiwilligem Verzicht des Einzelnen die Vorhand hat. Außerhalb der gesellschaftlichen Produktion genießt das Privateigentum den unbedingten Schutz der Gesellschaft.

    3. Der Sozialismus unterscheidet zwischen:
    a) ausführendem Gesellschaftsdienst (z. B. des Metalldrehers, des Schreibers, des Bahnschaffners),
    b) dienstwertiger freier Arbeit (z. B. der Hausfrau, des Handwerkers, des Bauern, des Arztes, des Lehrers),
    c) von der Gesellschaft benötigter freier Tätigkeit (z. B. des industriellen Direktors, des Verwaltungsbeamten, des Abgeordneten),
    d) anderer freier Tätigkeit (z. B. des Künstlers, des Schriftstellers, des nebenberuflich Beschäftigten).
    Wer b) verrichtet, kann von a) befreit werden. Unter alle, die b) nicht verrichten, wird a) gleichmäßig verteilt, auch wenn sie c) und d) verrichten. Mit anderen Worten: a) und b) gelten als Dienste, c) und d) nicht; a) wird planmäßig rationiert, b) planmäßig angerechnet, c) und d) nach dem Marktprinzip behandelt.

    4. Der Sozialismus gesteht dem Ganzen zu, zu bestimmen, wieviel Gesellschaftsdienst (3 a) jährlich verrichtet werden soll. Hiezu stellt er fest, wie groß der jährliche Gesamtbedarf an Produktions- und Konsumptionsmittein ist und wieviel davon durch dienstwertige freie Arbeit (3 b) entsteht; in diese Rechnung ist die gesellschaftliche Ein- und Ausfuhr eingeschlossen. Außer im Rahmen des Gesellschaftsdienstes verbietet der Sozialismus, die Arbeit nach Anordnung und Ausführung zu teilen; insbesondere erlaubt der Sozialismus jede nebenberufliche freie Tätigkeit (3 d) nur unter der Bedingung, daß sie ohne Arbeitsteilung erfolgt. Mit anderen Worten: der Sozialismus macht die arbeitsteilige Arbeit von öffentlicher Konzession und Kontrolle abhängig.

    5. Der Sozialismus behält sich vor, die Dienstrationen (3 a) je nach Zweckmäßigkeit kontinuierlich (als tägliche Dienststunden) oder intermittierend (als Dienstjahre) zu beanspruchen. Die auf das Leben eines Arbeitsfähigen (außer 3 b) entfallende Dienstmenge wird jedoch genau gleich bemessen. Ebenso wird genau paritätisch (Altersunterschiede!) das gesellschaftliche möglichst uniforme Arbeitsprodukt unter die Konsumenten verteilt. Der Sozialismus scheut sich nicht vor der Gleichförmigkeit dieses gesellschaftlichen Unterbaues, weil er Zeit genug zu ersparen glaubt, um jeden einzelnen außerhalb des Gesellschaftsdienstes für die persönlichen Nuancen sorgen zu lassen.

    6. Der Sozialismus billigt der gesellschaftlichen Wirtschaft innerhalb des Staates die Selbstverwaltung zu. Die Zentralorgane dieser Selbstverwaltung sind paritätisch mit anordnenden und ausführenden Funktionären der Gesellschaft zu besetzen. Im einzelnen Betrieb liegt die volle Verantwortung beim anordnenden Funktionär. Der Staat (Rechtsstaat) beschränkt sich auf die wirtschaftliche Rahmengesetzgebung, vor deren Beschluß er die Wirtschaft hört.

    7. Der Sozialismus ist sich der geo- und ethnografischen Differenzen auf der Erde bewußt. Er wünscht auf das Verhältnis zwischen den Völkern und der Menschheit dieselben Thesen anzuwenden wie auf jedes Verhältnis zwischen Einzelnen und einem Ganzen. Aber er kann sich beispielsweise vorstellen, daß ein Volk das Los der Kargheit statt der Auswanderung wählt, ohne deswegen von der Menschheit eine Erleichterung dieses Loses fordern zu dürfen.

    1921, 49 ***

    Die so laut verkündigten Geburtswehen einer neuen Zeit haben sich als gewöhnliche Verdauungsbeschwerden erwiesen.

    1922, 43 Momos

  • Drei gesellschaftliche Zeitalter

    — Jg. 1922, Nr. 12 —

    „Kerl“ (Plural: Kerls), sagte mein Großvater — denn er dachte feudal und sprach feudalistisch — „Kerl, er muß“. Der Ton klang grob und gutmütig und wurde gelegentlich von einer warmen Tracht Erziehungsprügel begleitet. Der Betroffene hörte das Gepolter zwar nicht immer gern, aber gehorchte nicht nur bedingungslos, sondern sogar vertrauensvoll, wie einem Schicksalsbefehl, der sich selbst verantwortet, keine Wahl läßt und im Allgemeinen hinterher als sinnreich gerechtfertigt erscheint. Wirkte sich ein Fehlgriff sichtbar aus, so wurde er unbeschönigt wieder gut gemacht. Im Großen und Ganzen ging es bei aller Härte leidlich gerecht zu. Stimmte die Voraussetzung, konnte zwischen Mensch und Mensch ein Verhältnis wie zwischen Mensch und Pferd sein, so war die Folgerung erlaubt, sich darein zu finden, wenn nur der Knecht unter der Obhut seines Herrn so gut gedieh wie durchschnittlich der Gaul unter der Pflege seines Kutschers. Aus sich heraus zerbrach der Friede selten. In Einzelfällen rächten sich Futtergeiz, Fuchtelmißbrauch, Untreue. In der Regel entsprang der Zwist jedoch nicht einmal der Aufklärung, und die Sitten vor und nach der Abschaffung der Leibeigenschaft glichen einander oft genug bis aufs Haar. Die Liebe starb erst allmählich und von oben her aus.

    „Mann“ (Plural: Leute), sagte mein Vater — denn er dachte liberal und sprach liberalistisch — „Mann, du darfst“. Der Ton klang höflich und hochmütig und wurde gelegentlich von der lauen Würze einer Erzieherträne begleitet. Der Betroffene hörte die Predigt zwar nicht immer ungern, aber gehorchte nur unter Bedingungen und ohne Vertrauen wie einer Schicksalslaune, die sich nicht selbst verantwortet, eine gewisse Wahl läßt und hinterher vermöge ihrer Vieldeutigkeit einigermaßen gerechtfertigt erscheint. Offenbarte sich ein Irrtum, so wurde er durch Beschönigung zurechtgestutzt. Im Großen und Ganzen ging es bei aller Milde ziemlich ungerecht zu. Stimmte die Voraussetzung, konnte zwischen erwachsenen Menschen ein Verhältnis wie zwischen Lehrer und Schüler sein, so war die Folgerung erlaubt, sich nicht darein zu finden, wenn der Beauftragte unter der Leitung seines Auftraggebers so schlecht gedieh wie durchschnittlich der Bengel in der Lehre seines Federfuchsers. Aus sich heraus hielt der Friede selten. In Einzelfällen bewährten sich Zuckerbrot, Ehrenstachel, Wortgeklingel. In der Regel ruhte der Verdacht jedoch nicht einmal in den Hallen der Aufklärung und die Sitten vor und nach einer noch so ehrlich versöhnlichen Versammlung wichen nicht voneinander ab. Der Haß starb erst allmählich mit dem Tode der Oberschicht aus.

    „Genosse“, sagt mein Sohn — denn er denkt sozial und spricht sozialistisch — „Genosse, Sie mögen“. Der Ton klingt frech und demütig und wird gelegentlich vom kalten Spott eines bezweckt erziehlichen Lächelns begleitet. Der Betroffene hört den Ruf weder gern noch ungern und gehorcht der Schicksalsmache mit jenen scheuen Vorbehalten, die hinter allzuviel Spielraum und Wahlfreiheit schon die eigenverantwortliche Enttäuschung wittern. Warum wird täglich Gleichberechtigung beteuert und trotzdem stündlich Ungleichheit erlebt? Wozu die Wahrheit, die Notwendigkeit, die Abhängigkeit aller von allen beschönigen? Im Großen und Ganzen geht es vielleicht gerechter, aber nicht angenehmer zu als früher. Stimmt die Voraussetzung, eignet sich der nägelbeschnittene Löwe eine Lämmerseele an, so ist die Folgerung erlaubt, sich darein zu finden, wenn man mit dem Leithammel zwar anders als mit dem Schäferhund, aber auf der Weide auch anders artet als im Dschungel. Aus sich heraus ist in der Welt kein Friede. In Einzelfällen helfen Geduld und Neigung nach. In der Regel trotzt das Böse den Mitteln des Verstandes und Aufklärung bringt es nicht weiter, als neben der Liebe auch den Haß zu dämpfen.

    „Bruder“, würde sagen, wer weder …al dächte noch …istisch spräche, „Bruder, wir wollen“. Der Ton klänge stolz und bescheiden und würde gelegentlich von der heißen Flamme einer unbezweckt erzieherischen Tat begleitet. Der Betroffene hörte und gehorchte mit Leidenschaft wie jemand, dem eine innere Stimme den Glauben an sich, an sein Werk, an sein Schicksal verliehe. Brüderlichkeit behauptete keine Gleichheit, gelobte keine Freiheit, pochte auf keine Gerechtigkeit, erwartete weder Dank noch Lohn, sondern gäbe sich hin, wodurch allein ein würdiges Verhältnis, zwischen den Menschen und ein dauerhafter Friede zu verbürgen wäre. Selbst die Ausnahme bestätigt die Regel; denn wer in solcher Gesellschaft zu nehmen statt zu geben versuchte, bewiese erst recht, daß die Gesellschaft endlich aus sich heraus Bestand hätte: sie würde den ungeselligen, unbrüderlichen Dummkopf oder Schlauberger nämlich einfach in eine Einsiedelei verbannen.

    Indessen, meine Herren, wozu zerbrechen wir uns darüber den Kopf? Wir sagen weder „Kerls“ noch „Leute“ noch „Genossen“ noch „Brüder“ zueinander, sondern eben „meine Herren“, meine Herren, und wissen, was wir meinen: die Umgangsform von unzusammengehörig Zusammengespannten, von auseinanderstrebenden Miteinanderverbundenen, kurz von Ausbeutern einer nur so genannten Gesellschaft. Unserem ungesellschaftlichen Zeitalter gilt durchaus jede Gesellschaft, geschweige denn die Bruderschaft, als utopisch.

    1922, 12 ***

  • Kirchensteuern

    — Jg. 1925, Nr. 38 —

    Ein Schauspiel für Götter: das evangelische Volk jammert über seine Kirchensteuern.

    Früher, als diese gottlose Trennung von Staat und Kirche noch nicht in der Verfassung verankert war, hat es nämlich fast gar nichts gekostet, evangelischer Christ zu sein. Die paar Groschen zahlte man mit einem schlechten Witz. Was die Mutter Kirche brauchte, hatte im übrigen der Vater Staat aufzubringen.

    Jetzt ist die „Trennung“ da. Infolgedessen bekommt die Kirche vom Staat bloß noch lumpige paar Millionen. Damit kann sie doch nicht auskommen! Sie muß sich wohl oder übel an ihre lieben Kinder wenden. Die finden das unerhört; schimpfen im Wirtshaus; schicken ein „Eingesandt“ an die Presse; behaupten, sie werden diesmal aber keinen Pfennig zahlen.

    Schämt euch! Wollt ihr denn die Segnungen eurer Kirche, irdische und gar schließlich noch himmlische, umsonst genießen? Was glaubt ihr, was die vielen Pfarrer, die standesgemäß leben sollen, für Geld kosten? Vergeßt bitte nicht, daß es lauter Akademiker sind, die um schweres Geld haben studieren müssen. Sollen studierte Herren, womöglich Reserveoffiziere, heutigentags etwa von Heuschrecken und wildem Honig leben, oder nicht wissen, wohin sie samt Frau und Kindern ihr Haupt hinlegen sollen? Wißt ihr nicht, daß sie einen schweren Beruf haben, sogut wie täglich arbeiten müssen, ungerechnet die vielen Seelenkämpfe, die sie mit sich selber ausfechten?

    Zahlt nur, gute Leute. Nachher wird’s euch dann leichter sein. Von wegen: keinen Pfennig — da könnt ihr euch nämlich brennen. Ich weiß Fälle, da war einer eurer Glaubensbrüder im Rückstand mit der Steuer; flugs kam der Gerichtsvollzieher und holte an Hausrat, was entbehrlich schien. Im Namen — des Gesetzes.

    Eins will ich euch sagen: nächstes Jahr wird die Kirchensteuer vielleicht noch ein bißchen saftiger ausfallen. Da könnt ihr dann erst recht zeigen, daß ihr für eure liebe Kirche auch etwas zu opfern imstande seid.

    Ihr tut’s ja freiwillig. Wem’s nicht paßt, der kann austreten.

    1925, 38 Kazenwadel

    Das Christentum wurde von einem Juden begründet und der neudeutsche Antisemitismus von einem Hofprediger.

    1922, 5 Mauthe

  • Kirche und Aufwertung

    — Jg. 1926, Nr. 31 —

    Die Freidenkervereine haben einmal in Stuttgart ein Plakat anschlagen lassen, auf dem unter Hinweis auf das Verhalten der Kirche bei der Volksabstimmung über die Fürstenvermögen zum Austritt aus der Kirche aufgefordert wurde. Denn die Kirchen stünden nicht auf der Seite der Mühseligen und Beladenen: sie seien nicht Volks-, sondern Fürstenkirchen. Deshalb hätten sie ja auch nicht protestiert, als die alten Leute, die Mündel und die kleinen Sparer durch die Inflation enteignet wurden.

    Diese letztere Feststellung (nur diese) wird im Stuttgarter Evangelischen Gemeindeblatt als eine „längst widerlegte Verleumdung“ bezeichnet. „Bekanntlich haben die Kirchen im Gegenteil sich rechtzeitig und mit allem Nachdruck für eine möglichst weitgehende, gerechte Aufwertung eingesetzt.“

    Wenn ein Satz mit „bekanntlich“ anfängt, bin ich sonst gerne etwas mißtrauisch gegen seinen Inhalt. Auch könnte man vielleicht, wenn man pedantisch sein wollte, finden, daß das „bekanntlich“ erfolgte rechtzeitige und nachdrückliche Eintreten der Kirche für eine „möglichst weitgehende“ nachträgliche Aufwertung und ihr Verhalten während der Inflation zwei Paar Stiefel seien; daß also hier etwas ganz anderes bestritten werde, als was behauptet worden sei. Aber bekämpfen wir den Zweifel, wie man’s uns damals im Konfirmandenunterricht empfohlen hat, und glauben wir einfach beides: daß die Kirche rechtzeitig und nachdrücklich gegen die Inflation und für die Aufwertung gekämpft hat.

    Dann bleibt uns zunächst nur das Eine unbegreiflich: daß wir vernagelten Freidenker von dieser „bekannten“ Tätigkeit der Kirche gar nichts gemerkt haben.

    Wo, wann, wie mag sie ausgeübt worden sein?

    Waren vielleicht Massenumzüge, die Geistlichkeit im Ornat an der Spitze? Massenversammlungen mit Pfarrern beider Fakultäten als flammenden Rednern?

    Aber nein, so machen’s die Kommunisten, nicht die Kirchenleute. Wie würde das aussehen, behüte, wenn Konsistorialräte auf die Straße gingen?

    Aber wahrscheinlich hat der „Evangelische Preßverband“ und der Volksverein in Mönchen-Gladbach eine Pressekampagne eröffnet? Die deutschen Zeitungen mit Artikeln, Aufsätzen, Aufrufen gegen die Inflation oder für die Aufwertung überschwemmt? Oder hat die Kirche dringliche Eingaben an die Parlamente gerichtet? Die ihr nahestehenden Parteien „rechtzeitig“ und „nachdrücklich“ bearbeitet, sie möchten um der Gerechtigkeit oder um Jesu Christi willen gegen die Inflation oder für die Aufwertung auftreten?

    Verflucht nochmal, daß ich gar nichts, aber auch gar nichts davon erfahren habe. Sollten die Zeitungen alle im Solde des Teufels stehen und den ganzen Kampf der Kirche gegen die Inflation glatt in den Papierkorb geworfen haben?

    Halt, haalt! Jetzt geht mir ein Licht auf! Die Kirche kämpft ihre Kämpfe weder auf der Straße noch auf dem Papier. Hat sie nicht ihre ureigene Arena, wo sie ihre Autorität entfaltet und wo ihr „bekanntlich“ niemand dreinredet: eben die Kirche?

    Sie wird also wohl auf allen Kanzeln in Deutschland mit heiligem Eifer gegen den Betrug an den Witwen und Waisen zu Felde gezogen sein. Wochen- und monatelang, rechtzeitig und mit allem Nachdruck. Wie müssen die Gotteshäuser widergehallt haben von dem frommen Zorn der Pfarrer und Priester, von Profeten- und Jesusworten! Wie mag es den Inflationsgewinnern, den Reichen und Mächtigen in ihren Stühlen da zu Mute geworden sein! Wie müssen die Mühseligen und Beladenen, die Betrogenen und Bestohlenen da aufgeatmet haben, als ihnen der christliche Klerus in ihrem Elend zu Hilfe kam? Durch die Kirchen und Bethäuser von ganz Deutschland muß da eine Welle gebraust sein, eine Welle neuer Sittlichkeit, ein Entrüstungssturm gegen den unsittlichen Staat, der denen nimmt, die wenig oder nichts haben, und denen gibt, die haben!

    Daß ich auch davon nichts gemerkt habe, daran bin ich nun sicher ganz allein schuld. Weil ich ja nie in die Kirche gehe.

    1926, 31 Kazenwadel

  • Der Christusballon

    — Jg. 1922, Nr. 20 —

    Theatertechnisches aus Oberammergau

    Eine amerikanische Zeitschrift läßt sich von ihrem nach Oberammergau entsandten Sonderberichterstatter melden:

    Eine neue Attraktion, die eine in verschiedener Hinsicht wertvolle Ergänzung des Spielplans bedeutet, ist für die diesjährige Theatersaison in Oberammergau in Aussicht genommen. Die technischen Errungenschaften unserer Zeit werden es ermöglichen, auf der herrlichen Alpenfreibühne jetzt auch die Himmelfahrt des Herrn natur- und wahrheitsgetreu darzustellen.

    Die Szenerie zeigt die Gegend des Ölbergs in der Nähe von Bethanien. Für bibelunkundige Zuschauer ist im Vordergrund eine Wegtafel angebracht mit der Aufschrift: „Ölberg. Nach Jerusalem 1 Sabbatweg“. Es erscheinen die elf Jünger, in der Mitte der Heiland. Die Gruppe ordnet sich und es werden die Worte Apostelgeschichte Kap. 1, Vers 4-8 gesprochen. Und nun erfolgt das Wunderbare: langsam, unter den staunenden Gebärden der umstehenden Jünger, erhebt sich die Gestalt des Meisters in die Luft. Während er rascher und rascher gen Himmel schwebt, breiten sich seine Arme majestätisch segnend aus; die Jünger knien betend nieder. Eine Darstellung von erschütternd und erhebend weihevoller Wirkung. Zugleich ein Triumf moderner Theatertechnik: die Gestalt Christi ist in Wirklichkeit ein kunstvoll konstruierter Wasserstoffballon, der genügend mit Sandsäcken beschwert auf unsichtbaren Rädchen hereingerollt wird. Nachdem die Worte des Abschieds von einer Stimme aus den Kulissen gesprochen sind — ihr geisterhafter, entrückter Klang paßt ausgezeichnet in die Situation -, werden ein paar der schwersten Säcke, die in der hinteren Lendengegend der Figur angebracht sind, geschickt von Petrus oder Johannes abgehängt; infolgedessen erhebt sich Jesus langsam in die Lüfte. Eine automatische Vorrichtung, ähnlich der an den Schrapnells mit Zeitzünder, entleert nach und nach die weiteren Sandsäckchen, so daß die Gestalt rascher und rascher zum Himmel steigt. Das Herabrieseln des feinen Sandes bleibt im Zuschauerraum unbemerkt; wenn sich von den Jüngern einige die Augen reiben müssen, so erhöht das die packende Lebenswahrheit der Szene. Zugleich breiten sich die beiden Arme durch einen sinnreichen Mechanismus seitwärts — hierbei wird die Ausdehnung des Gases mit zunehmender Höhenlage als treibende Kraft benützt. Inzwischen sind zwei Männer in weißen Kleidern zu der Gruppe getreten. Sie sprechen das biblische Schlußwort: Ihr Männer von Galiläa, was steht ihr und sehet gen Himmel? Dieser Jesus, welcher von euch aufgenommen ist gen Himmel, wird kommen, wie ihr ihn gesehen habt gen Himmel fahren. Der Vorhang fällt, während hoch oben die Gestalt des zum Himmel Gefahrenen eben im Äther verschwindet.

    Das Wort der beiden Engel hat seine besondere Bedeutung: indem es sich nämlich tatsächlich erfüllt. Es wäre natürlich finanziell unmöglich, für jede Aufführung einen neuen Christusballon zu verwenden, da ihn seine komplizierte Konstruktion ziemlich teuer macht. Hier kommt nun der Umstand trefflich zustatten, daß die bei der Auffahrt sich ausbreitenden Arme als Fallschirm wirken, sobald der Ballon infolge Gasverlusts zu sinken anfängt. Infolgedessen gelangt das Kunstwerk in langsamem Schweben meistens vollständig unversehrt irgendwo in der Umgegend wieder zu Boden — „er wird kommen, wie ihr ihn gesehen habt gen Himmel fahren“ ist nicht zu kühn behauptet — und wird von der hiezu ausgesandten Dorfjugend von Oberammergau unter kindlichem Jubel wieder eingebracht.

    1922, 20 Adam Heller

  • Auf der Karte vergessen

    Auf der Karte vergessen

    — Jg. 1927, Nr. 1 —

    Im Veltlin, nicht weit von der Bernina, an der schweizerisch-italienischen Grenze, liegt das kleine schweizerische Dorf Carajone. Es besteht aus 16 Häusern und hat etwa 100 Einwohner. Als das Veltlin im Jahre 1794 der „Cisalpinischen Republik“ angegliedert und aus diesem Anlaß eine neue Karte von Graubünden entworfen wurde, geschah es, daß Carajone auf dieser Karte nicht eingezeichnet ward, denn es war mit der übrigen zivilisierten Welt nur durch vereinzelte Ziegensteige verbunden und deshalb übersehen worden. Erst im Jahre 1863, bei Festlegung der italienisch-schweizerischen Grenze, wurde das Dorf wieder entdeckt und der Gemeinde Bruzio zugeschlagen, wofür der Bund der Eidgenossen 17 900, der Kanton Graubünden 3600 und die Einwohnerschaft von Carajone 1420 Franken „Eintrittsgeld“ zu zahlen hatten.

    Bis dahin, also 69 Jahre lang, zwei Menschenalter, hatte Carajone zu keinem Staate gehört. Seine Bewohner hatten ohne Gesetze gelebt, keine Steuern bezahlt, keinen Militärdienst geleistet, keine Schule und keinen Pfarrer gehabt. Kindstaufen und Trauungen waren, „wenn es nötig war“, aus nachbarlicher Gefälligkeit von italienischen Geistlichen vorgenommen worden.

    Die Frankfurter Zeitung, die von diesem weltvergessenen Ort erzählt, nennt die jahrzehntelange Staatenlosigkeit und „unabhängige Existenz“ der Carajonesen einen „glücklichen Fall“.

    Demnach wäre es also kein Unglück für eine Gemeinde, keinem Staat anzugehören? Offenbar haben die Leute von Carajone so gedacht, sonst hätten sie es nicht 69 Jahre lang ohne Staat, ohne Gesetz, ohne Steuern und ohne eine Behörde, von der die „Staatsgesinnung“ gepflegt worden wäre, ausgehalten.

    Ob die gute Frankfurter Zeitung wohl bedacht hat, daß sie mit ihrer Neuigkeit „aus Welt und Leben“ Wasser auf die Mühle der ihr doch sicher nicht nahestehenden Anarchisten geleitet hat? Daß diese Geschichte geeignet ist, die steinhart gewordenen Anschauungen und Begriffe vom Staat, die uns eingeimpft sind, wenn nicht aufzulösen, so doch einigermaßen zu erweichen?

    So, so, man kann also auch ohne Staat und Gesetz leben? Ohne sich aufzufressen? Ohne etwas zu vermissen? Aber das „nationale Empfinden“, wo bleibt dann das? Gibt es das vielleicht gar nicht; und die nationalen „Belange“, sind sie am Ende nur so eine Ausrede für etwas ganz anderes?

    Schade, daß es schon so lange her ist seit dem Ende der carajonesischen Unabhängigkeit. Sonst würde ich nächstes Jahr einmal dorthin in die Sommerfrische gehen und die Eingeborenen über das goldene Zeitalter interviewen, das die einen in die Vergangenheit und die andern in die Zukunft legen, und das in Carajone vor nicht allzulanger Zeit Gegenwart gewesen zu sein scheint.

    1927, 1 Rauschnabel

  • Die neue Wohnung

    Die neue Wohnung

    Die Stuttgarter Werkbundhäuser

    — Jg. 1927, Nr. 39 —

    Sage mir keiner etwas gegen die alten Häuser. Ich bin in einem solchen aufgewachsen; ich habe schöne Stunden in alten ländlichen Pfarrhäusern und kleinstädtischen Bürgerhäusern verlebt.

    Was gab es da für prächtige große Stuben, für gewaltige, helle Treppenhäuser mit bequemem Aufstieg, für riesige Flure (Öhrne sagt man bei uns), für unendliche Bühnen (Bodenräume sagt man bei Ihnen), zwei, drei übereinander, für unheimliche, tiefe und gute Keller! Platz hatte man in den alten Häusern! Freilich, es gab auch Bügel und Winkel, dunkle Alkoven, muffige Kammern, schlechtriechende Aborte. Aber das machte nichts, darin brauchte man sich im allgemeinen nicht aufzuhalten. Man war bei gutem Wetter ja viel im Freien, man hatte den Garten beim Haus, und in den Wald oder ins Wasser waren es fünf oder zehn Minuten. Badezimmer, nein, das war keines vorhanden. Aber man behalf sich. Man badete nicht so viel damals. Man hielt es nicht für so notwendig wie heute.

    Viel Arbeit machten jene Wohnungen freilich, besonders im Winter, wenn es darin behaglich sein sollte. Kräftige Mägde brauchte man, und sie hatten wenig Freistunden. Samstags, wenn geputzt wurde, ging man gern aus dem Wege; über die große Frühjahrs- oder Herbstreinigung verreiste man am besten. Aber die Hausfrauen und die Hausmägde wußten das nicht anders, und hatten daneben merkwürdigerweise noch Zeit, ein halbes oder ganzes Dutzend Kinder aufzuziehen, wunderbar zu kochen, zu backen, einzumachen, zu nähen, zu flicken, zu waschen und dazwischendurch Kaffeevisiten, Metzelsuppen und fabelhafte Bowlen zu arrangieren. Man hatte Zeit in den alten Häusern.

    Heute leben wir anders als damals. Wir haben keine Zeit mehr, und wir sitzen in den großen Städten klumpenweise aufeinander: wir haben keinen Raum mehr. Garten beim Haus, Arbeit im Freien, Spaziergang ins Grüne nach Feierabend, Kinder, die sich im Grase tummeln oder abends um den großen Tisch herumsitzen: wer kennt das noch? Einem Drittel von uns, bald wird es die Hälfte sein, sind das sagenhafte Dinge. Man mag es noch so sehr bedauern: es ist so. Und deshalb brauchen wir andere Häuser.

    Was wir in den letzten 30 Jahren in den Städten und Vorstädten an Häusern gebaut und an Wohnungen eingerichtet haben, sind verkümmerte, häßliche, deplazierte Versuche, die alte Wohnform und Bauart beizubehalten. Die heutige Großstadt-Wohnung ist eine Verkrüppelung der alten Landwohnung. Aus den großen Stuben sind kleine geworden, aus dem Flur ein dunkler Gang, aus Keller und Bodenraum je ein Stück Verschlag, aus Veranda oder Balkon ein Vogelkäfig, aus dem Garten hinterm Haus ein Blumenständer mit Zimmerlinde. Geblieben sind Kammern, Winkel, lichtlose Räume; und geblieben ist der Väter- und Urväterhausrat, der in die enge Wohnung hineingestopft wird, weil er unentbehrlich scheint. Soweit er nicht geblieben ist, wird er von einer fleißigen Industrie reproduziert, nur um etliche Grade schlechter, geschmackloser und unpraktischer als ihn früher ein ehrsames Handwerk geliefert hat. In einer heutigen durchschnittlichen „bürgerlichen“ Stadtwohnung ist es nicht auszuhalten vor Trödelkram, Staubfängern, Vorhängen, gräßlichen Tapeten, unmöglichen Möbeln und Bildern.

    Wer das empfindet, und allmählich sind das doch viele unter uns, für den ist die Werkbundsiedlung auf dem Weißenhof bei Stuttgart gebaut worden. 33 Häuser, teils Einzel-, teils Doppel- und Reihenhäuser, auch eine richtige „Mietskaserne“ ist dabei. Die Erbauer sind eine Anzahl von mehr oder weniger berühmten modernen Architekten, Poelzig, die beiden Taut, Behrens und andere; auch Ausländer, ein welscher Schweizer, ein Belgier, zwei Holländer sind dabei.

    Diese Ausstellung, mag man an ihr im Einzelnen noch so viel auszusetzen haben, ist eine erlösende Tat, für die dem Werkbund und der Stadt Stuttgart Dank und Anerkennung gebührt. Hier sieht man, daß wir endlich im Begriff sind, Häuser und Wohnungen herzustellen, wie sie zu unserer Zeit gehören, in denen sich heutige Menschen wohl fühlen können. Es sind Häuser aus neuem Material (Holz und Ziegel treten zurück gegen Beton, Eisen, Kunststein) und mit neuen, ungewohnten Formen (durchweg mit flachem Dach). Sie haben viele und große Fenster, kleine aber helle Räume mit beweglichen Wänden, wenig Nebenräume, keine Keller, keine Böden (Bühnen), eingebaute Schränke; keine Tapeten, keine Portieren, keine überflüssigen Möbel; alles ist glatt, einfach, praktisch, leicht zu reinigen, nahe beieinander. Der entsetzliche Begriff „Zimmerschmuck“ existiert nicht mehr; dafür kommt an den Wänden die Farbe zu Ehren (worüber der graue Spießer besonders eifrig den Kopf schüttelt). Wenn ich das hier so summarisch sage, so bitte ich den Leser, nicht etwa zu meinen, daß alle die Häuser ein Typ seien. Sie sind sehr verschieden, vom beinahe altmodischen Behrens bis zum revolutionären Le Corbusier; vom ganz kleinen Reihenhaus, dessen hervorragendste Lösung der Rotterdamer Stadtbaumeister Oud gefunden hat, bis zum beinahe üppigen Einfamilienhaus eines Schneck oder Gropius.

    Die öffentliche Meinung und die Presse verhält sich der Ausstellung gegenüber, wie man sich denken kann, ziemlich verständnislos. Die Sachverständigen zählen einem an allen Fingern die Fehler vor, die gemacht worden seien, die dieser oder jener „Lösung“ anhaften. Natürlich haben sie recht. Es wimmelt von Fehlern; auch grundsätzliche und schwerwiegende Fragen wie nach Beheizung, Wetter- und Wasserschutz, Haltbarkeit sind durchaus nicht überzeugend oder endgültig beantwortet. Aber das ist ja auch nicht möglich; dazu bedarf es noch jahre-, jahrzehntelanger Erfahrung. Und Einseitigkeiten, Übertreibungen, wie man sie findet, sind bei jeder Propaganda unvermeidlich.

    Was die Laien auszusetzen haben: in diesen Häusern sei kein „Familienleben“ möglich, dürfe man keine Kinder haben, dürfe man nicht krank werden und nicht sterben, und dergleichen, stimmt ebenfalls im großen Ganzen. Bloß ist es an die falsche Adresse gerichtet. Der Stadtmensch von heute hat sowieso kein Familienleben. Er hat keine Kinder oder nur ganz wenige, und die würden meistens besser in einem Internat aufwachsen als bei den Eltern. Er wird in der Klinik geboren, und wenn er krank wird, dann kommt er ins Krankenhaus.

    Wenn wir noch Verhältnisse hätten wie vor hundert Jahren, dann brauchten wir keine neue Bauart. Und wo solche Verhältnisse noch teilweise bestehen, nämlich auf dem Lande, wird man wahrscheinlich auch nicht so bauen wie auf dem Weißenhof. Wo sie aber nicht mehr bestehen, in der modernen Großstadt, da wird man künftig so bauen und so wohnen wie es dort gezeigt ist. Darum handelt sich’s, und deshalb ist die Werkbundausstellung so wertvoll und wichtig.

    Vielleicht wäre dieser springende Punkt manchem ahnungslosen Gemüt etwas deutlicher geworden, wenn die Ausstellungsleitung in Figura statt nur auf einem Plakat veranschaulicht hätte, wie die alte Wohnung neben der neuen aussieht. Mitten unter den „verrückten“ Werkbundhäusern müßte eine Leistung irgend eines „normalen“ Bautigers stehen; und die Wohnräume darin müßten genau so eingerichtet sein wie sie es in den meisten Fällen heute sind. Man hätte sich dabei ja von Herrn Pazaurek, dem Schöpfer des Greuelkabinetts im Landesgewerbemuseum, beraten lassen können. So, durch Beispiel und Gegenbeispiel, wäre der Zweck des Unternehmens schärfer hervorgetreten; und die Ausstellung wäre um eine Riesenattraktion bereichert gewesen.

    Schade, daß das nicht geschehen ist. Man hätte ein solches „altes Haus“ unter den neuen vermutlich glänzend verkauft. Und wenn nicht, fünfzigtausend Mark wäre der Spaß wert gewesen.

    1927, 39 Hans Hutzelmann

  • Undeutsch

    — Jg. 1927, Nr. 39 —

    Die Werkbundsiedlung auf dem Weißenhof bei Stuttgart ist das Entsetzen aller derer, die etwas ablehnen, weil es anders ist als sie es gewohnt sind. Häuser ohne Dach! Wände ohne Tapeten! Möbel ohne Verzierungen! Nein, das frißt der brave Bürger nicht.

    Da ja auch niemand von ihm verlangt, daß er von morgen ab in einem Haus von Le Corbusier wohnen solle, so hat diese Entrüstung des Publikums weiter nichts zu bedeuten. Aber es gibt auch Leute, die sich etwas ernsthafter aufregen, weil sie ihre Interessen bedroht sehen: die Dachziegelindustriellen, die Tapetenfabrikanten, die Möbelfabrikanten. Sie protestieren aus voller Brust gegen das Neue, das keine Rücksicht auf ihr Absatzbedürfnis nimmt. Und sie begründen ihren Einspruch damit, daß dieser Stil, den der Werkbund da propagiere, undeutsch sei.

    Da haben wir’s also wieder. Wenn irgend eine Gruppe von Interessenten in Deutschland ihren Profit von einer Geistesrichtung, die ihr deshalb nicht paßt, bedroht sieht, dann wallt auf einmal das treudeutsche Herz. Hat man es schon erlebt, daß so ein patentierter Deutscher sagt: ich bin dafür, obwohl ich daran nichts verdiene? Oder: ich bin dagegen, obwohl ich dabei verdienen würde? Oder auch nur ehrlich und offen: ich bin dagegen, weil ich dabei nichts verdiene? Nein, man ist gegen etwas, weil es „undeutsch“ ist.

    Wenn die Arbeiter sich international verabreden, weil sie nur so gegen ihre international verbrüderten Ausbeuter aufkommen können, dann sind sie vaterlandslose Gesellen, die kein nationales Empfinden haben. Wenn vernünftige, rechtlich denkende Menschen gegen den Wahnsinn und die Gemeinheit der Massenschlächterei, genannt Krieg, ihre Stimme erheben, dann behaupten die Kanonen-, Pulver- und Giftgasfabrikanten und ihre Vettern, die Generäle, das seien Vaterlandsverräter. Bierbrauer finden es undeutsch, wenn man kein Bier trinkt. Hutfabrikanten, wenn man barhaupt geht. Warum nicht auch Metzger, wenn einer kein Fleisch ißt? Oder vielleicht Regenschirmhändler, wenn es nicht regnet?

    Die Welt wird offenbar immer undeutscher. Ob es am Ende gar noch so weit kommen wird, daß man mit seinem Deutschtum in Deutschland nichts verdienen kann?

    Dann wüßte man wahrscheinlich überhaupt nicht mehr, was eigentlich deutsch ist. Bis jetzt heißt deutsch sein bekanntlich: eine Sache um ihrer selbst willen tun.

    Das Wort stammt von Paul de Lagarde. Einem echten Deutschen, was schon daraus hervorgeht, daß er sich so einen schönen französischen Namen zugelegt hat.

    1927, 39 Sch.

  • Kegelbrüder

    — Jg. 1927, Nr. 47 —

    Das Kegeln ist immer eine nationaldeutsche Angelegenheit gewesen. Aber während es früher leichtsinnigerweise einfach als Vergnügen für den Samstag Abend oder Sonntag Nachmittag behandelt wurde, ist es heute „Leibesübung“, öffentlich anerkannter „Sport“ und Gott sei Dank gut organisiert.

    Das haben die Stuttgarter Keglertage, beginnend am 6. November mit der Einweihung des neuen Keglersporthauses, auch dem Skeptiker eindrucksvoll bewiesen. Auffallenderweise ist die württembergische Regierung dabei nicht vertreten gewesen. Sonst hätte man vielleicht eine der Bahnen im Keglerhaus, am besten wohl eine Holzbahn, nach Herrn Bazille benamsen können. Jetzt ist es zu spät dazu. Die Bahnen sind durch Vortrag der ergreifenden Chöre „O Schutzgeist alles Schönen“ und „Die Himmel rühmen“, gesungen vom Männnerchor der Stuttgarter Sportfreunde, geweiht worden. Die schönste heißt nach Herrn Bierfabrikant Robert Leicht, dem hohen Protektor der Kegelei, bei der nach eintretender Staubentwicklung am zweckmäßigsten Leicht’sches Schwabenbräu zur Anfeuchtung verwendet wird.

    Vorher zogen unter den Klängen der Kapelle des Grenadierbataillons 13 Hunderte von Keglern im Sportdreß durch die Straßen der Stadt, ein unvergeßlicher Anblick. Ich habe ihn leider versäumt und kann den Dreß deshalb zu meinem Bedauern nicht im Detail schildern, vermute aber, daß die Hemdärmel bei ihm eine gewisse, historisch begründete, Rolle spielen. Die Banner des Deutschen Keglerbundes, des Süddeutschen Gaus und der Verbände von Frankfurt, Durlach, Mainz und Heilbronn wurden in Kutschen mitgeführt, dasjenige des Stuttgarter Verbands sogar in einer vierspännigen. Es war nämlich erst am Abend vorher vom Vorstand des Schwäbischen Keglerbundes enthüllt worden, worauf sehr viele ehrenvolle Bannernägel und Fahnenbänder überreicht wurden. Unter anderem auch von den Heilbronner Damen, die es im Kegeln zu hoher Meisterschaft gebracht haben, denn Frau Störzbach-Heilbronn brachte es bei der im Rahmen der Stuttgarter Keglersportwoche ausgetragenen Damenmeisterschaft (20 Kugeln ins Volle) auf 94 Holz, Frau Drautz auf 91, Frau Heinrich auf 88 und Frau Kircher auf 87. Der württembergische Einzelmeister auf Asfaltbahn, Josef Treß aus Friedrichshafen, hat mit 20 Kugeln ins Volle 107 Holz gemacht, der württembergische Einzelmeister auf Lattenbahn (50 Kugeln, abräumen) 134 Holz.

    Die Sonntags-Zeitung hätte nicht versäumen sollen, schon in ihrer letzten Nummer auf diese Stuttgarter Ereignisse hinzuweisen, die nach dem treffenden Ausspruch des Stuttgarter Tagblatts bewiesen haben, daß der Kegelsport in Stuttgart keine nebensächliche Angelegenheit der Körperpflege ist, wenn auch die Regierung Bazille — aber das habe ich ja schon erwähnt.

    Ich bin selber alter Kegler und bloß durch den Weltkrieg etwas aus der Übung gekommen. Außerdem habe ich eben erst meinen Beitritt zum „Verein ehemaliger Stubenältester“ angemeldet. In allen Vereinen kann man schließlich nicht sein. Meine Frau erlaubt es auch nicht. Sonst würde ich mich jetzt unbedingt dem Sportwart von „Nemm‘ en du“ oder „G’wackelt hot’r“ als Kegelbruder zur Verfügung stellen. Gut Holz!

    1927, 47 Kazenwadel

  • Fünf Minuten Deutsch

    Fünf Minuten Deutsch

    Einleitung

    Am 2. Oktober 1946 erschien im Feuilleton der Stuttgarter Zeitung zum ersten Mal die Rubrik „Fünf Minuten Deutsch“. Ich wollte mir damit, wenn auch nur in Form eines Stoßseufzers (denn das Papier war kostbar), den Ärger über das schlechte Deutsch der Zeitgenossen von der Seele schreiben, den ich von Berufs wegen tagtäglich zu leiden hatte. An Stoff für diese kleine Sprachecke fehlte es wahrhaftig nicht, und so wurde sie versuchsweise ein paar Wochen lang aufrechterhalten. Die lieben Kollegen, die sich dabei gelegentlich selber getroffen fühlen mußten, fragten mich hie und da, ob ich nicht bald Schluß mit dieser Schulmeisterei machen wolle, und neckten mich mit den römischen Zahlen, die anfangs drüber standen und die ein Beweis dafür sind, daß ich selber an keine allzulange Dauer des Unternehmens gedacht hatte.

    Aber zu meiner eigenen Überraschung ging es anders. Das Echo, das die kleinen Glossen jeweils bei den Lesern fanden, war lebhaft und wurde immer stärker. Beinahe jeden Tag kamen Briefe und Anrufe, und zwar – es ist hier wirklich keine Phrase – aus „allen Schichten der Bevölkerung“, vom hohen Beamten bis zum Dorfschultes (ein solcher war eine zeitlang mein eifrigster Mitarbeiter), von Fabrikanten, Geschäftsleuten, Arbeitern, Lehrern, Schülern, Ärzten, Anwälten, Ingenieuren, und nicht zum wenigsten auch von Frauen, und zwar nicht etwa nur beruflich tätigen Frauen, sondern von „einfachen“ Hausfrauen, die sich Zeitungsverleger sonst nur als Leserinnen des Anzeigenteils und des Romans vorzustellen pflegen. Es war mir manchmal fast zu viel des Guten, namentlich als ich an den Telefonanrufen merkte, daß ich offenbar eine Art von Autorität in sprachlichen Dingen zu werden schien und wegen aller möglichen kitzligen Probleme zu Rate gezogen wurde, etwa in der Rechtschreibung, in der ich mich selber nicht immer sicher fühlte (und für deren Verzwicktheiten ich nicht viel übrig hatte).

    Heute ist es so, daß die „Fünf Minuten Deutsch“ bei Nummer 667 angelangt sind, und daß in jedem Posteinlauf einige Zuschriften an den Redakteur der „Fünf Minuten Deutsch“ liegen. Das Interesse an Sprache und Stil hält also an, und es ist viel weiter verbreitet als man zunächst glauben möchte. Ich kann es wagen, diese Sammlung von eigenen Beiträgen zur Sprachecke der Stuttgarter Zeitung herauszugeben. Manche ihrer Leser haben sie sich schon gewünscht; ich hoffe, sie werden mich nun auch nicht im Stich lassen und das kleine Bändchen verbreiten helfen.

    Wahrscheinlich müßte man jetzt als die Autorität, die man geworden ist, noch etwas Tiefgründiges über die Entwicklung der Sprache von sich geben, müßte wenigstens den Niedergang beklagen, dem die deutsche Sprache in den letzten zwei Jahrzehnten offenbar verfallen ist, oder gar als Hintergrund den Untergang des Abendlands an die Wand malen. Ich kann mich nicht recht dazu entschließen. Vielleicht darf die Beliebtheit der „Fünf Minuten Deutsch“ als Zeichen dafür gelten, daß es doch nicht ganz so schlimm ist. Sonst brauchte man sich ja auch keine Mühe zu geben, jenen Niedergang aufzuhalten. Es könnte sein, daß es auch wieder einmal aufwärts geht, wenn die Trümmerhaufen weggeräumt sind, die uns Hitler und seine Gesellen auch auf sprachlichem Gebiet hinterlassen haben.

    Stuttgart, Weihnachten 1951

    Erich Schairer

    5min-deutsch

  • Aufwertung

    Wer immer Treu und Redlichkeit
    geübt hat bis zum Grab,
    dem nahm der Staat in „großer“ Zeit
    den letzten Groschen ab.

    Heut zahlt er seine Dankesschuld
    mit Zins und Zinseszins . . .
    Auch ihr kommt dran, habt nur Geduld,
    Gevatter Kunz und Hinz!

    Die Schlotbarone an der Ruhr
    sind grad wie der in Doorn
    und Lindström, der nach Schweden fuhr,
    voll aufgewertet wor’n.

    Selbst Lüttwitz, der ver-kappte Held,
    nimmt vom verhaßten Staat
    — non olet — eine Menge Geld
    für seinen Hochverrat.

    Erst wenn die Lumpen alle satt,
    dann kommt auch ihr daran.
    Doch weil’s so viele Lumpen hat,
    kann niemand sagen wann!

    1927, 3 Pickelhering

  • Stiefelwichse

    Eine nationale Forderung

    — Jg. 1920, Nr. 15 —

    Bitte: es handelt sich hier um keine Kleinigkeit, wie Sie annehmen, sondern um eine Sache, die das ganze deutsche Volk angeht, soweit es nicht barfuß läuft oder laufen will. Eine Angelegenheit von breitester nationaler Bedeutung. Unbegreiflich, daß sich die Öffentlichkeit darum bis jetzt nicht gekümmert hat. Meines Wissens enthält kein einziges Parteiprogramm diese Forderung, auch kein Wirtschaftsbund hat sie bis jetzt ausgesprochen; höchstens, daß vielleicht der Reichswirtschaftsrat . . . doch der ist Zukunftsmusik, bekanntlich.

    Also die Forderung lautet: Wir brauchen eine anständige Stiefelwichse! Meine Herrschaften: die Stiefelwichse-Verhältnisse sind trostlos. Es gibt zwar eine Unmenge von Stiefelwichsen, pardon: von Schuhcremes, Schuhpasten, Schuhputz-Zaubermitteln. Sie alle sind „die besten“, wie uns andauernd versichert wird; aber eine gute Stiefelwichse (bitte genehmigen Sie das ordinäre, aber vertrauenerweckende altmodische Wort) ist nicht darunter. Alle erzeugen „Hochglanz“ in fabelhaft kurzer Zeit; aber alle machen das Leder kaputt, weil sie es anfressen, statt es zu konservieren. Sie wissen, was heute ein Paar Stiefel kosten; Sie wissen auf alle Fälle, daß wir in Deutschland Ledermangel haben. Wenn man wenig Leder hat, dann soll man versuchen, dieses wenige möglichst pfleglich zu behandeln, damit man es möglichst lange hat. Wie kommt es nur, daß wir unter dieser Voraussetzung (das ist doch logisch, pflegt mein Nachbar zu sagen) unser Schuhleder systematisch vermittelst Planetal, Kosmin, Colorin und wie die unmöglichen und unzähligen Wölfe im Schafspelz (Säuren im Fettpelz?) heißen, ruinieren? Wenn sämtliche Stiefel in Deutschland dank einem Schuhputzmittel, das bewahrt, statt zu zerstören, je ein Jahr länger halten, dann sparen wir 25 Prozent an Schuhleder. Ist das eine Kleinigkeit? Ist das vielleicht nicht im nationalen Interesse, Herr zweiter Vorsitzender des Wahlvereins Ostvorstadt? Ich sage Ihnen: ich werde bei der nächsten Wahl nur einer Liste meine Stimme geben, deren Vertreter mir schwören, daß sie für eine gute Schuhwichse kämpfen werden.

    Aber vielleicht gibt es in Deutschland einen Fabrikanten, dem mit diesen Zeilen entsetzliches Unrecht geschieht. Einen Mann, der wirklich eine anständige Stiefelwichse produziert und die schlichte Wahrheit sagt, wenn er diese als die „beste“ bezeichnet. Aber warum kenne ich ihn und sein preiswürdiges Fabrikat nicht? Ich habe unzählige von den verfluchten Schmieren durchprobiert; es war nicht darunter. Liebes Reichswirtschaftsministerium! Hilf! (Denn in dein Ressort gehört doch die Stiefelwichse.) Laß mal ein paar Chemiker — aber keine, die mit der Herstellung von Stiefelwichse zu tun haben -, vielleicht aber vereidigte Gerichtschemiker, zusammensitzen und sämtliche in Deutschland fabrizierten „Schuhcremes“ durchanalysieren. Als sachverständigen Beirat würde ich einen tüchtigen Schuster empfehlen (nicht den Geschäftsführer des Verbands Deutscher Schuhfabrikanten). Sollte dabei eine Wichse zutage treten, die dem Leder gut tut, dann gib einen Erlaß heraus: „Schmotzin ist die beste Schuhwichse. Der Reichswirtschaftsminister.“ Von da an weiß ich, was ich zu tun habe. Oder, wenn es sich herausstellen sollte, daß alle die vorhandenen Wichsen nicht „die besten“ sind, dann möge das Reichswirtschaftsministerium einen Preis aussetzen für die beste Stiefelwichse und sich das Patent darauf geben lassen und eine Fabrik darauf gründen. Ich werde von da an nur noch „Schmidtin“ oder wie es nun heißen soll, verwenden; und würde endlich einmal meine Stiefel putzen können, ohne mich über die verdammte Wichse zu ärgern.

    1920, 15 Sch.

  • Hindenburg

    Hindenburg

    — Jg. 1927, Nr. 40 —

    Herr v. Hindenburg feiert heute seinen 80. Geburtstag. Da er seit Tannenberg so etwas wie ein deutscher Nationalheiliger ist, wird es ohne einen kleinen Hindenburgrummel nicht abgehen. Auch linksstehende Blätter und Personen werden sich ihm wahrscheinlich nicht entziehen können. Wir sind leider im politischen Takt auf der einen und im Bürgerstolz auf der andern Seite noch nicht so weit fortgeschritten, daß derartige Anlässe nicht peinlich zu werden brauchten.

    Hindenburg ist Präsident der deutschen Republik. Wo er als solcher in angemessener Form geehrt wird, da ist er nicht Person, sondern Symbol; und kein Republikaner, auch nicht der schärfste politische Gegner des Staatsoberhauptes, hätte Anlaß, sich der Veranstaltung zu entziehen oder sie gar zu stören. Aber Hindenburg ist auch kaiserlicher Generalfeldmarschall und schwarz-weiß-rote Propagandafigur; er hat bei aller Loyalität gegen die Republik, die man an ihm seit Übernahme seines heutigen Amtes beobachtet hat, die Beziehungen nicht aufgegeben, die mit seiner ehemaligen Stellung zusammenhängen. Insbesondere scheint er sich immer noch (trotz persönlicher Abneigung) durch seine Soldatenpflicht an den einstigen „obersten Kriegsherrn“ gebunden zu fühlen; sonst hätte er ihm auf jenes echt wilhelminische Telegramm am Tage von Tannenberg nicht geantwortet. Und wenn der Geburtstag Hindenburgs mit Demonstrationen sogenannter vaterländischer Verbände und monarchistischen Flaggenparaden begangen wird, dann wird man es keinem Republikaner zumuten können, mitzumachen. Das Reichsbanner Schwarz-rot-gold hat recht, wenn es darauf verzichtet, in Berlin neben Werwölfen und anderen Hakenkreuzlern Spalier zu stehen.

    Auch an der ganz unbegründeten, für Eingeweihte nahezu komischen Verherrlichung der Person Hindenburgs wird sich niemand beteiligen können, der über die Hindenburglegende Bescheid weiß. Sollte der preußische Ministerpräsident a. D. Adam Stegerwald nicht genügend darüber aufgeklärt sein? Er ist der Verfasser eines schmalzigen Maternartikels, den die Provinzpresse samt dem mit Lorbeerblättern garnierten Bild des Jubilars schon vor längerer Zeit veröffentlicht hat. Hindenburg kann nicht wohl in allen Dingen „unser aller Vorbild“ sein; er ist kein „großer Mann“; und seine Verdienste als Heerführer sind wahrhaftig nicht gerade unbestreitbar. Stegerwald macht’s ungefähr wie jener Weingärtner, der von einem guten Jahrgang zu sagen pflegte: „eigenes Gewächs“, und von einem schlechten: „so hat ihn halt unser Herrgott wachsen lassen“. Er schreibt nämlich von seinem Helden: „Er hat Erfolg gehabt und wurde nicht stolz dabei. Er hat Unglück über sich und seine Sache hereinbrechen sehen . . ., und zerbrach selber nicht.“ Könnte man nicht auch versucht sein, statt Erfolg „Glück“ zu setzen, und statt Unglück „Mißerfolg“? Das — entscheidende — Endergebnis des von Hindenburg geführten Feldzugs war leider der Mißerfolg, und man tut ihm weder Ehre an noch entspricht der geschichtlichen Wahrheit, wenn man ihn für ganz unverantwortlich an der Niederlage erklärt, auch wenn er selber robust genug war, nicht an ihr zu zerbrechen.

    Mit der Verantwortlichkeit der Verantwortlichen ist es heutzutage bei uns etwas Merkwürdiges. Man verfährt ganz nach jener oben zitierten Weingärtnerfilosofie. Hat ein Diplomat, ein Minister, ein General Erfolg, dann betet man ihn an, auch wenn der Erfolg mehr „Schwein“ als Verdienst war. (Das ist immer so gewesen.) Hat der Mann aber Mißerfolg, dann nimmt man ihm das nicht übel, selbst wenn dieser Mißerfolg offenkundig nicht von „Pech“ kommt, sondern auf Unfähigkeit, Starrsinn, Übermut zurückzuführen ist. (Das ist nicht immer so gewesen; für solche Fälle hatte man früher und anderswo Staats- und Kriegsgerichte oder die seidene Schnur.)

    Das deutsche Volk, vielmehr eine knappe Mehrheit dieses Volkes, hat seinen Hindenburg zum Präsidenten gewählt, nachdem er den rechtzeitigen Frieden verhindert und den Krieg verloren hatte, der für ihn freilich nur ein großes Manöver gewesen zu sein scheint.

    Wir haben ihn nicht gewählt. Es sei ferne von uns, ihn zu beschimpfen, wie man Ebert beschimpft hat. Wir sind bereit, ihn als den Präsidenten der Republik geziemend zu ehren. Aber wir möchten ihn dabei im Gehrock auftreten sehen, nicht im Generalskostüm. Und wir lehnen es ab, ihn zu verehren.

    1927, 40 Sch.

  • Der Moloch

    Der Moloch

    Vom Zehnmilliardenetat der deutschen Republik für 1929 nimmt der Wehretat rund 700 Millionen Mark in Anspruch; davon sind 200 Millionen für die Marine. Wenn man weiß, wie dieser Wehretat zustandekommt, dann weiß man auch, daß ohne jede nähere Untersuchung hundert Millionen bei der Marine und hundert beim Landheer gestrichen werden könnten, ohne daß darum ein Mann entlassen zu werden brauchte oder der Wert unserer militärischen Rüstung Not litte.

    Aber diese 700 Millionen sind noch lange nicht unsere gesamten Rüstungskosten. Es wäre eine Arbeit für Wochen, diese zusammenzutragen und zu den gesamten öffentlichen Ausgaben in Deutschland, die sich, vorsichtig geschätzt, auf 15 Milliarden belaufen mögen, ins Verhältnis zu setzen. Versuchen wir, in ganz groben Umrissen einen Begriff davon zu geben.

    Zunächst ist daran zu erinnern, daß die Reichswehr es verstanden hat, einen erklecklichen Teil ihrer Ausgaben für Kasernenbauten, Exerzierplätze und dgl. auf die Gemeinden abzuschieben, die sich ja darum raufen, eine Garnison zu bekommen. Das „Andere Deutschland“ hat in seiner letzten Nummer allein aus Schlesien sechs Städte aufgeführt, die zusammen über 6 Millionen Mark für Kasernenbauten ausgegeben haben.

    Zweitens sind eine Reihe von Ausgabeposten als „unsichtbare“ Rüstungsausgaben anzusprechen, die gar nicht im Etat des Reichswehrministeriums, sondern in anderen Abschnitten des Gesamthaushaltsplans enthalten sind, vor allem in dem Etat des Verkehrsministeriums. Hieher gehören die Subventionen für das Luftfahrwesen und die Beihilfen für Firmen, die als Kriegsmaterialerzeuger in Betracht kommen.

    Drittens sind die Ausgaben für die staatliche Polizei, ebenfalls rund 700 Millionen, zu denen das Reich den Ländern Zuschüsse in Höhe von 200 Millionen Mark beisteuert, zwar nicht gerade durchweg, aber zu einem großen Teil Rüstungsausgaben. Denn die staatliche Polizei ist in ihrem heutigen Umfang und Wesen auch eine Art Militär, obwohl sie nur zu inneren Zwecken bestimmt ist. Wenn sie sich nicht selber als solches fühlen würde, wie hätte sie dann die ehrenvolle Aufgabe übernehmen können, in ihren einzelnen Landesabteilungen die „Tradition“ der ehemaligen deutschen Kolonialarmee zu pflegen? (Die württembergische Schutzpolizei z. B. ist Traditionstruppenteil der Südseeschutztruppe; für uns Eingeborene immer ein merkwürdiges, wenig ehrenvolles Bewußtsein.)

    Taxieren wir alle diese Rüstungskosten, die nicht im Reichswehretat stehen, zusammen auf 400 Millionen, so wissen wir, daß wir deutsches Volk jährlich über eine Milliarde Mark aufbringen, um den nächsten Krieg vorzubereiten.

    Dabei ist der letzte bekanntlich noch nicht ganz abgezahlt. Die Versorgung von Kriegsbeschädigten und Hinterbliebenen kostet im Etatsjahr 1929 etwa anderthalb Milliarden; die Kriegsentschädigung zweieinhalb Milliarden (davon über den Reichsetat anderthalb, eine weitere zahlen wir über die Industrie- und die Eisenbahnobligationen).

    Es gibt ein Sprichwort: Schaden macht klug, oder: Gebrannte Kinder fürchten das Feuer.

    Solche Weisheiten gelten aber, ähnlich wie die Lehren des Christentums, nur im Privatleben.

    Vielmehr: nicht einmal da.

    1929, 16 Sch.

    Siehe hierzu auch den Artikel von Michael Berger in der Neuen Zürcher Zeitung vom 24.08.2014: https://www.nzz.ch/international/europa/ein-geheimplan-fuer-den-zweiten-weltkrieg-1.18368619

  • Die „Unschuldigen“

    Die „Unschuldigen“

    — Jg. 1927, Nr. 26 —

    Als vor einigen Monaten die letzten Bände des Werkes „Die große Politik der europäischen Kabinette 1871-1914“ erschienen, haben die Streiter gegen die „Schuldlüge“ dem deutschen Volke großes Heil verkündet. Da stünde sie drin, die Unschuld Deutschlands! (Sie reden immer von Deutschland, wenn sie Wilhelm meinen.) Die Herrschaften haben sich aber gehütet, die Aktenstücke näher zu bezeichnen, die die Unschuld Wilhelms beweisen sollen. Sie haben wohl gewußt, warum. Solche gibt es nämlich gar nicht. Dagegen finden sich in der „großen Politik“ zahlreiche Dokumente, die Wilhelm und seine Handlanger schwer belasten.

    Am 20. Dezember 1912 hat Fürst Lichnowsky aus London an Bethmann geschrieben (Aktenstücke Nr. 12561): „Man achtet uns hier, man schätzt, man überschätzt uns vielleicht, und aus diesem Gefühle, das man mitunter geneigt wäre, Furcht zu nennen, geht das Bestreben hervor, uns einzuengen, nicht aber die Lust, uns zu bekriegen. Dazu sind die gemeinsamen Interessen zu groß, die wirtschaftlichen Verbindungen zu eng und zu bedeutend, die materiellen Verluste selbst eines siegreichen Krieges zu empfindlich. Dazu ist man hier auch zu bequem geworden, das Volk ist friedliebend und liebt es, in seinen täglichen Gewohnheiten nicht gestört zu werden. Ein Krieg mit uns wäre daher durchaus nicht populär, er würde aber trotzdem geführt werden, um Frankreich, falls wir es bedrohten, zu schützen. Denn man glaubt hier, daß es nicht in der Lage wäre, sich ohne britische Hilfe der deutschen Übermacht zu erwehren.“

    Am 7. März 1914 hat Lichnowsky nochmals berichtet (Nr. 14700): „Die ungeschmälerte Erhaltung Frankreichs gilt den Engländern ebensosehr als eine politische Notwendigkeit wie uns die Erhaltung Österreich-Ungarns, und sie würden daher, wie ich nochmals hervorheben möchte, in einem Krieg zwischen uns und Frankreich unter allen Umständen ihre schützende Hand über letzteres halten.“

    Soviel zu den deutsch-englischen Beziehungen. Nun zu den deutsch-französischen. Am 30. November 1912 hat der deutsche Botschafter in Paris, Freiherr v. Schön, an Bethmann geschrieben (Nr. 12471): „Die Befriedigung, mit der hier die Nachrichten über die anscheinende Entspannung der internationalen Lage aufgenommen werden, läßt wiederum erkennen, daß die überwiegende Mehrheit der öffentlichen Meinung nichts sehnlicher wünscht, als daß Frankreich vor kriegerischen Verwicklungen bewahrt bleiben möge.“ Und der Bericht schließt mit den Worten: „Ohne die Rechtfertigung eines Frankreich drohenden deutschen Angriffs würden, das möchte ich bestimmt annehmen, weder Poincaré noch Millerand noch Delcasse angesichts der einem Krieg durchaus ungünstigen Stimmung der Mehrheit der Kammer und des Volkes es niemals wagen, das Land vor eine vollendete Tatsache zu stellen.“

    Am 4. Dezember 1912 hat Lichnowsky folgende Äußerungen Greys nach Berlin berichtet (Nr. 12481): „Entstände aber ein europäischer Krieg dadurch, daß Österreich gegen Serbien vorginge und Rußland, durch die öffentliche Meinung gezwungen, und um nicht abermals eine Demütigung wie 1909 zu erleben, in Galizien einmarschierte, was uns (Deutschland) zur Hilfeleistung veranlassen würde, so sei die Beteiligung Frankreichs unausbleiblich und die weiteren Folgen unabsehbar.“

    Wie war das Verhältnis zwischen Deutschland und Rußland? Am 6. Februar 1913 hat der deutsche Botschafter in Petersburg, Graf von Pourtales, nach Berlin gemeldet (Nr. 12805): „Ich bleibe dabei, daß der Kaiser [Zar Nikolaus II.], Sassonow und Kokowzow „pour tant et tant de raisons“ (aus so und so viel Gründen) . . . den Krieg nicht wollen und alles tun werden, ihn zu vermeiden. Ich möchte aber bestimmt annehmen . . ., daß im Falle eines Vorgehens Österreichs gegen Serbien die zwar verhältnismäßig kleine, aber mächtige und sehr rührige Gruppe der panslawistischen Hetzer die ganze öffentliche Meinung mit sich fortreißen und die jetzigen Leiter der Regierung verdrängen würden und daß dann der Krieg zum mindesten sehr wahrscheinlich werden würde.“

    Am 17. Juni 1914 hat der deutsche Gesandte in Bukarest v. Waldhausen folgende Äußerung Sassonows zu dem rumänischen Ministerpräsidenten Bratianu nach Berlin berichtet (Nr. 15833): Sassonow habe mehrfach versichert, „daß Rußland die friedlichste Politik verfolge. Auch gegenüber Österreich habe er friedliche Absichten, doch könne er unter keinem Vorwand einen österreichischen Angriff auf Serbien zulassen“.

    Noch ein Dutzend solcher Zitate stehen zur Verfügung. Sie sagen alle das Gleiche: England wollte den Frieden, aber mit dem Vorbehalt: Frankreich darf nicht angegriffen werden. Frankreich wollte den Frieden, aber Rußland darf nicht angegriffen werden. Rußland wollte den Frieden, aber Serbien darf nicht angegriffen werden.

    So waren Wilhelm und die Bethmänner durch ihre eigenen Botschafter und Gesandten informiert, so waren sie gewarnt, als sie im Juli 1914 die Österreicher unermüdlich in den Krieg mit Serbien drängten und trieben. Nach dieser Kriegserklärung nahm das Verhängnis geradezu programmäßig seinen Lauf: der Krieg mit Serbien provozierte den Krieg mit Rußland, der Krieg mit Rußland verursachte den Krieg mit Frankreich und der Krieg mit Frankreich den Krieg mit England.

    Also: dadurch, daß sie die Österreicher in den Krieg mit Serbien hetzten, haben Wilhelm und seine Bethmänner Europa in Brand gesteckt. Sie sind die Schuldigen, die Alleinschuldigen. Das ist’s, was „Die große Politik der europäischen Kabinette“ beweist.

    1927, 26 Emel

  • Verantwortlich

    Verantwortlich

    — Jg. 1929, Nr. 50 —

    Am 28. Juli 1914, vormittags 11 Uhr, hat mit der österreichisch-ungarischen Kriegserklärung an Serbien der große Krieg begonnen, den man [1929…] etwas verfrüht als Weltkrieg zu bezeichnen pflegt. Am Abend vorher war als Abgesandter der deutschen Sozialdemokraten ein gewisser Hermann Müller nach Paris gefahren, um den französischen Genossen vorzuschlagen, in der Kammer gegen den Krieg zu protestieren, im gleichen Wortlaut wie die deutschen es im Reichstag machen wollten. Es war derselbe Müller, der nicht ganz fünf Jahre später, im Juni 1919, als deutscher Minister des Auswärtigen den Vertrag von Versailles unterzeichnete, und der heute, nach fünfzehn Jahren, deutscher Reichskanzler ist. Seine damalige Pariser Mission war zum Scheitern verurteilt, weil sich die Parteifreunde zu Hause inzwischen hatten umstimmen lassen. Wir „schlidderten“ in den Krieg, weil keiner da war, der ihn aufgehalten hätte.

    Er wäre aufzuhalten gewesen, wenn auch nicht von den Sozialdemokraten. Das hat jetzt, besser als alle die seither ehrlich die Akten studiert haben, ein Meister der Darstellung uns von neuem bewiesen: Emil Ludwig in seinem Buche „Juli 14“. Wer es gelesen hat, der wird kaum mehr von der deutschen „Unschuld“ überzeugt sein. Leider werden diejenigen, die es in erster Linie lesen müßten, unsere Akademiker und Studenten, so vorsichtig sein es lieber nicht zu lesen. Aber man sollte jetzt mit keinem sogenannten Gebildeten mehr über die „Schuldfrage“ disputieren, der Ludwigs Buch nicht kennt.

    Als Hauptschuldigen betrachtet und behandelt Ludwig den damaligen österreichischen Minister des Äußern Grafen Berchtold, der den Krieg eingefädelt und angezettelt hat. Den deutschen Beteiligten gegenüber hält er sich, wie man zu sehen glaubt, absichtlich etwas zurück. Aber vielleicht nur um den sachlichen Eindruck nicht zu stören, der sich dabei umso stärker aufdrängt: daß Wilhelm und seine Diplomaten vor der Geschichte die entscheidende Verantwortung an der Entfesselung der Katastrofe zu tragen haben.

    Verantwortung? Haben sich die Kriegsmacher auf allen Seiten denn irgendeinmal wirklich verantwortet? Hat sie jemand zur Rechenschaft gezogen? Ist einem ein Haar gekrümmt worden? Zwei von ihnen, und nicht die Schuldigsten, haben nachher ein gewaltsames Ende gefunden, der Zar und Graf Tisza. Allen anderen ist nichts passiert, weder an Leib und Leben noch an Vermögen und öffentlicher Geltung. Im Gegenteil!

    Das ist das Erschütterndste bei der Lektüre des Ludwig’schen Buches: zu sehen, wie das diplomatische Handwerk nur für seine Objekte, für die Massen der Völker, gefährlich ist, für die ausübenden Subjekte dagegen nichts anderes als ein spannendes Spiel mit Figuren. (Ebenso nachher das militärische: die Hauptquartiere haben sich nicht beschossen, die Feldmarschälle stehen in keiner Verlustliste.)

    Ist ein Beruf, bei dem das eigene Risiko gleich Null ist, während dabei das Leben von Millionen eingesetzt und geopfert wird, eigentlich noch ein „ehrlicher“ Beruf, dessen Träger Achtung und Bewunderung oder nicht vielmehr Verachtung und Abscheu verdienen? Kann man einem Grafen Berchtold oder einem Grafen Pourtales denn überhaupt noch die Hand geben wie anderen anständigen Menschen? Wie haben solche Leute es über sich bringen mögen, sich überhaupt noch in Gesellschaft zu zeigen, weiterzuleben, als ob nichts gewesen wäre?

    In alten Zeiten sind die Herrscher an der Spitze ihrer Scharen ins Feld gezogen und haben als erste den Kampf eröffnet. Von ihnen hing die Entscheidung ab, um ihr Leben ging es in erster Linie. Feldherren und Diplomaten, die nicht siegreich blieben, winkte die seidene Schnur, das Kriegsgericht, die Verbannung oder das Harakiri. Barbarische Sitten, nicht wahr? Aber gute.

    Könnte man das nicht wieder einführen? Könnte man die Herren Staatsmänner nicht tatsächlich verantwortlich machen für das, was sie anrichten?

    „Wenn sich Europa nicht in einen neuen Krieg stürzen lassen will, so müssen alle Länder Gesetze annehmen, nach denen jedem beteiligten Minister die Gasmaske entzogen wird. Dann wird man sich plötzlich vertragen.“

    Fügen wir diesem Satze Emil Ludwigs noch die Worte „und Parlamentarier“ hinzu, und wir würden keine pazifistische Bewegung mehr brauchen, wenn er Geltung bekäme.

    1929, 50 Sch.

    Den vollständigen Text des Buches „Juli 14“ von Emil Ludwig finden Sie hier: https://archive.org/details/Ludwig-Emil-Juli-1914