Schlagwort: Hermann List

  • Das Kuchenrezept

    — Jg. 1928, Nr. 23 —

    Man nehme die zur Verfügung stehende Menge sozialdemokratischer Regierungssehnsucht und vermenge sie tüchtig mit deutschvolksparteilicher und großindustrieller Fähigkeit im Machtausüben (wobei eine Dosis zentrümlicher Schläue als Bindemittel gute Dienste tut), gieße einige Tropfen demokratischen Öls darüber und lasse das Ganze über Nacht stehen.

    Am andern Morgen mische man eine Menge kultureller Rückschrittlichkeit und konfessionellen Machtstrebens (beides wird vom Zentrum gerne geliefert) mit etwas sonntäglichem Kulturliberalismus (nur echt in Paketen mit den Aufschriften Bäumer oder Stresemann) und einer möglichst kleinen Dosis sozialdemokratischer Freigeistigkeit, gebe auch noch einige Fähigkeit zum Kompromissein (man achte auf die Schutzmarke Sollmann!) und etwas demokratische Einheitsstaatsgelüste dazu und rühre alles mit dem Teig vom vorigen Abend tüchtig durcheinander, wobei man fortwährend Zollschutzanhänglichkeit, industriellen Imperialismus, Trustpolitik, vorsichtig gemischt mit Völkerbunds- und Kriegsächtungsgerede und sozialdemokratischem Verantwortungsgefühl und Sinn für Taktik, darüber gießt. Falls der Teig nicht aufgeht, empfiehlt sich etwas Tinte aus dem Büro des Reichspräsidenten als Trieb. Die Zugabe einer Quantität arbeiterfeindlicher Schiedsgerichtsbarkeit macht den Kuchen (besonders nach dem Geschmack besserer Herrschaften) bekömmlicher.

    Nachdem man den Teig noch einige Stunden hat stehen lassen, tut man ihn 20 Minuten lang in einen mäßig warmen Ofen, garniert dann mit Schlagsahne, die aus Phrasen wie Volksgemeinschaft, Gewinnung der Arbeiter für den Staat, Erziehung der Sozialdemokraten zu verantwortungsvoller Mitarbeit und anderen hergestellt wird, und serviert den Kuchen der Großen Koalition dem dankbaren Volke.

    Postskriptum: Der Kuchen hat den Vorteil, daß er nicht altbacken wird. Er reicht mindestens zwei Jahre lang für sämtliche Mahlzeiten eines genügsamen Sechzigmillionenvolkes.

    1928, 23 · Hans Lutz

  • Guten Morgen, Wähler!

    Eh du sie wählst, frag die Partei…

    — Jg. 1928, Nr. 17 —

    Die Filmindustrie benützt den Wahlkampf dazu, den Film von der Lustbarkeitssteuer zu befreien: sie zeigt in den Kinos täglich einigen hunderttausend Wählern das Sprüchlein: „Eh du sie wählst, frag die Partei: Werden Filme steuerfrei?“

    Das ist die einzige konkrete Wahlkampfparole, die bis jetzt ausgegeben worden ist. Sonst hört man nichts als Phrasen: „Nie wieder Bürgerblock! Nieder mit Bazille! Keine Deutschnationalen mehr ihn der Regierung!“ Und so weiter. Aber niemand gibt Antwort auf die Frage: „Ja, was dann, wenn statt des Bürgerblocks die große Koalition regiert?“ Solche nasenweisen Frager vertröstet man höchstens mit der billigen Redensart: „Das wird sich schon finden.“ Gewiß, das wird sich finden, wir habens ja schon etliche Male gefunden: ein paar Ministerstühle wechseln ihre Be-sitzer, aber die Politik – die bleibt die gleiche.

    Warum das? Unter anderem deshalb, weil bloß die Filmindustrie so ein Wahlsprüchlein ausgegeben hat, im übrigen aber die Parteien und Kandidaten, eh sie gewählt werden, nach gar nichts gefragt werden. Und man könnte so viele Fragen stellen an die, die unseren Willen vertreten sollen. Z.B.:

    1. Eh du sie wählst, frag die Partei: „Wie soll nach deinem Willen das neue Strafgesetz aussehen? Wirst du dich dafür einsetzen, daß die Todesstrafe verschwindet? Und garantierst du, daß du es erreichst? Trotz Zentrum?“

    2. Eh du sie wählst, frag die Partei: „Was wirst du tun, um die Justizkrise zu beseitigen? Wirst du verlangen, daß die Richter die Tat eines kommunistischen Arbeiters mit dem gleichen Maßstab messen, wie die eines deutschnationalen Arbeiters? Wirst du die (wenigstens zeitweise) Absetzbarkeit der Richter verlangen?“

    3. Eh du sie wählst, frag die Partei: „Wirst du dafür sorgen, daß die Pazifistenverfolgungen aufhören? Daß einer nicht mehr dafür bestraft wird, daß er ungesetzliche Handlungen aufdeckt?“

    4. Eh du sie wählst, frag die Partei: „Wirst du gegen den Reichswehretat stimmen, wenn die Ausgaben nicht bedeutend niedriger werden? Wirst du zu verhindern suchen, daß der unsinnige Panzerkreuzer gebaut und das Geld für den Bau weiterer Panzerschiffe bewilligt wird?“

    5. Eh du sie wählst, frag die Partei: „Welche Vorschläge hast du für die Abrüstung? Welche zur Verhinderung der deutschen Aufrüstung?“

    6. Eh du sie wählst, frag die Partei: „Was wirst du tun, damit wir noch in diesemJahrdem deutschen Einheitsstaat wenigstens einen kleinen Schritt näher kommen?“

    7. Eh du sie wählst, frag die Partei: „Wirst du fordern, daß endlich das Ausführungsgesetz zum Diktaturartikel der Weimarer Verfassung (Artikel 48) zustandekommt? Wirst du dabei zu erreichen suchen, daß auch im Ausnahmezustand die oberste Gewalt nicht in die Hand eines Militärs gegeben werden darf?“

    8. Eh du sie wählst, frag die Partei: „Wie steht’s denn… hm… mit dem… hm, hm… Schulgesetz? Was wirst du tun, wenn das Zentrum seinen Entwurf wieder vorlegt und du in der Regierung bist, liebe Partei? Warum redest du denn vor den Wahlen gar nichts davon?“ (Stimme aus dem Hintergrund: „Blöder Esel wo kämen wir denn hin, wenn wir uns auf solche Einzelheiten festlegen wollten?“ Wahrscheinlich nicht in die Regierung, weiß schon.)

    9. Eh du sie wählst, frag die Partei: „Was wirst du für die Siedlung tun? Werden in den nächsten Jahren, wenn du uns zu regieren hilfst, mehr Bauernsöhne angesiedelt werden als in den letzten?“

    10. Eh du sie wählst, frag die Partei: „Wirst du dafür sorgen, daß mehr Wohnungen gebaut werden als bisher? Daß in vier Jahren nicht mehr eine Million Wohnungen in Deutschland fehlen?“

    So, das sind ein paar Fragen; es gibt noch fünfmal mehr. Aber wer hält sie den Kandidaten vor, die jetzt landauf landab für ihre alleinseligmachende Partei die Dummen suchen? Wer zwingt sie zur Erwiderung, zur Erwiderung nicht nur mit Worten, sondern mit der Tat? Wer legt sich so einen Fragezettel an und holt ihn nach vier Jahren wieder hervor, um zu sehen, was sich geändert hat? Niemand. Niemand. Niemand. Mit einem Wort: bei uns fehlt die Kontrolle der Partei durch die Wähler. Für die paar Wahlkampfwochen entdecken die Bürger ihr politisches Interesse. Dann dösen sie wieder weiter.

    „Verschlaf die Zeit, vergiß das Denken, verändere nie dein Schafsgesicht! Laß dich von jedem Ochsen lenken, und wenn er stößt, so muckse nicht.“ Nach vier Jahren werden sie wieder für ein paar Wochen aufgeweckt. Dann aber gleich: „Der Teufel soll die Politik holen! Man hat doch wahrhaftig Wichtigeres zu tun.“ Ohne Zweifel, man hat Wichtigeres zu tun als über das Wort nachzudenken: „Wenn wir nicht Politik treiben, wird sie mit uns getrieben“, und deshalb Politik zu treiben und nicht zu schlafen.

    Guten Morgen, Wähler!

    1928, 17 · Hermann List

  • Beim Zeitunglesen

    — Jg. 1927, Nr. 9 —

    Der Vater (nimmt die Zeitung in die Hand): „Dieses Saukorps, die Polacken, eine freche Bande, na, denen wird man schon einmal heimleuchten, ach, den Pestalozzi, den haben sie jetzt aber genug gefeiert, ich weiß nicht, das ist jetzt eben so eine Mode, früher hat man doch auch nichts von ihm gewußt und wir sind trotzdem durch die Schule gekommen, Herrgott, ich möchte nur …, was sie jetzt nur immer mit der Reichswehr haben, neulich — Ernst, hast du’s nicht gesehen? — ist der Gaul vom Hauptmann Köster scheu geworden, wie sie da unten vorbeigezogen sind, gefährlich hat das ausgesehen, sag ich dir, aber der hat ihn in der Hand gehabt, ha, es ist eben doch etwas Schönes, aber jetzt sage ich nichts mehr, hab ich’s nicht gleich gesagt? der Kerl hat die Stelle bekommen, freilich kriegt er da mehr Gehalt, ich hab’s aber gleich gedacht, wie er hergekommen ist, der bleibt nicht lang da, hab ich gedacht, ein Schlauberger ist es, ein Erzschlaule, die mit dem größten Maul, die kommen halt am weitesten bei uns, und unsereiner …“

    Der Sohn: „Jetzt bist fertig mit der Zeitung, ich will nur nach dem Sport sehen, heute ist scheint’s nichts los, aber an der Börse sollte man eben mitmachen, Vater, wenn du etwas wärest, in Schiffahrt oder Farben, ja freilich, ich weiß schon, früher, ja früher, da war man halt anders, ist heut keine Illustrierte dabei? jaso, es ist erst Donnerstag, im Reichstag haben die Kommunisten wieder Krach gemacht, Hindenburg beleidigt, es ist nur gut, daß die Kommunisten noch da sind, sonst wär es vollends stinklangweilig in der Quasselbude, ach Mutter, mach doch kein so Gesicht, ich werde noch lang kein Kommunist, da muß man dazu veranlagt sein, und ich bin das nicht, vom Vater her bestimmt nicht …“

    Die Mutter: „Hör auf mit deinem Geschwätz und gib mir jetzt die Zeitung, ich muß doch das Inserat vom Tietz ansehen, wer ist denn gestorben? scheint’s niemand Bekanntes, „die Kantontruppen vor Schanghai“, warum man da nicht Ordnung schaffen kann, in dem China, früher hat man’s doch auch gekonnt, die Deutschen, aber eklig ist einem die ganze Politik allmählich, äh.“

    Die Tochter: „Die Waldorf-Astoria macht aber jetzt anders Reklame mit ihrer Oberst, ich mag sie erst gar nicht, was im Kino los ist? ,Die Mädchenhändler‘ … , mit Hilfe der amerikanischen Polizei…‘, ach Gott, das Kino ist doch gegenwärtig auch stinkfad, aber jetzt hört einmal her: ,Ein junges Mädchen in Z. hatte schon seit einem halben Jahr ein uneheliches Kind, aber niemand wollte sich zur Vaterschaft bekennen, und sie selbst konnte keinen mit Sicherheit als Vater bezeichnen. Als aber vorige Woche die Nachricht eintraf, sie habe von einer verstorbenen Tante in Amerika 10.000 Dollars geerbt, meldeten sich gleich vier junge Leute mit dem Anspruch, der Vater des Kindes zu sein.‘ Au Backe!“ Der Vater: „Wo, wo steht das? Ich habe doch die Zeitung so genau gelesen, aber das habe ich jetzt nicht gesehen.“ Die Mutter: „Seht, so lest ihr die Zeitung, das Wichtigste findet ihr nie.“ Der Sohn: „Ach nie! Man kann doch nicht immer alles sehen. Aber doll ist das, einfach doll!“

    Und nun seh ich dich vor mir, wie du lachst und denkst: genau so ist es, wenn die Webers drüben die Zeitung lesen. Hm, ja, kann sein; eigentlich hab ich aber dich gemeint, holde Leserin.

    1927, 9 Hans Lutz

  • Durchlaucht wünschen…

    Durchlaucht wünschen…

    — Jg. 1928, Nr. 24 —

    Geld natürlich. Und wofür? Das zu erklären geht nicht ohne eine kleine historische Abschweifung.

    Einer Reihe von deutschen Fürsten hat Napoleon I. ihre Souveränität genommen. Dafür hat sie im Jahre 1815 der König von Preußen entschädigt, indem er ihnen eine Art Halbsouveränität, die „Standesherrlichkeit“, verlieh. Sie bestand aus Ehrenrechten (Adel, Titel und Wappen, Kirchengebet, Landestrauer etc.), Hoheitsrechten (Verwaltung der direkten Steuern, Gerichtsbarkeit, Aufsicht über Kirchen und Schulen) und finanziellen Rechten (Freiheit von Personalsteuern, Brückengeldern etc.). Diese Vorrechte sind den Standesherren 1848 und später teils einfach genommen, teils durch Renten abgelöst worden.

    Die sogenannte Revolution im November 1918 übernahm, deutsch und — treu — wie sie war, mit dem Staat auch dessen Verpflichtungen, den diversen durchlauchtigsten Standesherren jährlich so und so viel Mark zu bezahlen, weil hundert Jahre vorher der König von Preußen es nicht übers Herz gebracht hatte, seine von Napoleon abgesetzten Kollegen im Bürgertum (heute würde man sagen: im Proletariat) versinken zu sehen. Die revolutionären preußischen Regierungen nach 1918 zahlten also. Nur gegen Ende der Inflation, als die Mark wie von Raketen getrieben dem Nullpunkt ihres Wertes entgegensauste, stellten sie die Zahlungen teilweise ein.

    Als dann 1923 und 1924 die Mark und die Gemüter sich wieder beruhigten, meldeten sich die Standesherren. Die Durchlauchtigsten wünschen … Geld natürlich. Und der preußische Staat benahm sich nobel wie ein Kavalier. Er erklärte sich bereit, die Renten weiter zu bezahlen und zwar wegen der verminderten Kaufkraft des Geldes mit einer Steigerung bis zu 50 Prozent, außerdem die während der Inflation geleisteten wertlosen Zahlungen mit 12,5 Prozent aufzuwerten.

    Die Standesherren waren aber damit nicht zufrieden und gingen vor Gericht. Der Herzog von Arenberg, der Fürst zu Salm und der Fürst zu Salm-Horstmar z.B. klagten vor dem Landgericht Münster auf Aufwertung ihrer Renten für die Jahre 1920 bis 1924. Diesen Herren, wohlgemerkt, hatte der preußische Staat während der ganzen Inflationszeit die Rente bezahlt; in den letzten Jahren war das bezahlte Geld natürlich wertlos, im Jahre 1920 und 1921 aber hatte es noch einen Wert, mit dem man rechnen konnte.

    Und was tat das Gericht? Es verurteilte Ende Mai 1928 den preußischen Staat dazu, diesen drei Standesherren ihre Renten vom Jahre 1920 bis 1924 mit vierzig Prozent aufzuwerten und ihnen rund 250.000 Mark auf den Tisch zu legen. Wenn alle die andern Prozesse, die die Standesherren führen, auch so ausgehen, dann muß der preußische Staat 12 Millionen Mark nachbezahlen (abgesehen von der jährlichen Zahlung der jetzt weiterlaufenden Renten).

    Wie ist das in unserer Republik, Theobald Tiger? „Wenn einer keine Arbeit hat, ist kein Geld da. Wenn einer schuftet und wird nicht satt, ist kein Geld da. Aber für Reichswehroffiziere und für andere hohe Tiere, für Obereisenbahndirektionen und schwarze Reichswehrformationen, für den Heimatdienst in der Heimat Berlin und für abgetakelte Monarchien — dafür ist Geld da.“

    1928, 24 Fritz Lenz

  • Fememörder

    — Jg. 1927, Nr. 14 —

    „Wenn zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges sich die Schlachtformationen der Landsknechte mit gefällten Lanzen und Hellebarden gegenüberstanden, so konnte der Nahkampf nur dadurch eröffnet werden, daß ein Trupp Freiwilliger unter rücksichtslosem Einsatz des eigenen Lebens in die geschlossene Mauer der feindlichen Waffen einbrach. Diesen Trupp nannte man den „verlorenen Haufen“ . . . Nichts anderes als solch ein „verlorener Haufen“ sind die jetzt zum Tode verurteilten „Fememörder“ . . . Wenn wir . . . jetzt nach dem Richterspruch für den „verlorenen Haufen“ eintreten, und zwar nicht mit dem Ruf der Amnestie und Begnadigung, sondern aus der Überzeugung heraus, daß aus rechtlichen Gründen eine höhere Instanz auf Freisprechung erkennen muß, so tun wir das nicht etwa, weil wir Tat und Täter nach jeder Richtung hin billigen, sondern weil wir, die wir in der Schlachtreihe für die vaterländische Idee kämpfen, diejenigen nicht im Stich lassen dürfen, die die größten Opfer brachten, den „verlorenen Haufen“. Deswegen halten wir uns für verpflichtet, trotz des Todesurteils zu erklären: Die Tat war eine reine Notwehrhandlung.“

    So läßt sich die „Süddeutsche Zeitung“ (Abendausgabe vom 28. März) aus Berlin schreiben; es wird also wohl auch in anderen Blättern gestanden haben.

    Über die rein juristische Seite mögen andere sich den Kopf zerbrechen; was aber die moralische Seite betrifft, so muß ich sagen: Das ist das einzige aufrechte, menschlich sympathische und vernünftige Urteil, das ich über den Richterspruch im letzten Fememordprozeß gelesen habe.

    Der Schulz und der Klapproth und wie sie heißen, das mögen ganz rohe Gesellen sein: Mörder sind es nicht; wenigstens läßt sich das nie nachweisen. Sie haben nach den moralischen Grundsätzen gehandelt, mit deren Hilfe unsere Staaten gegründet worden sind und sich erhalten. Und eines der wichtigsten Gesetze dieser Moral heißt: In Notzeiten darf (darf? nein: muß) der Einzelne sich über die im Privatleben geltenden Gesetze hinwegsetzen, wenn es das Interesse der Allgemeinheit verlangt; der Staatsmann muß lügen, der Bürger (als Soldat) morden. (Ich will mit diesem Satz durchaus nicht Stellung nehmen für oder gegen diese Staatsmoral; Einschaltung für Esel.)

    „Ja, aber es war doch damals, 1921 oder 1923 oder wann die Fememorde geschehen sind, gar keine Notzeit.“ — O doch; zum mindesten haben es die Verurteilten geglaubt, und sie haben es glauben müssen, weil die Regierung doch sicher die Lage im Osten für sehr bedrohlich angesehen hat, sonst hätte sie die 25 000 Mann Schwarze Reichswehr wohl nicht unterhalten. Die Angehörigen der „Arbeitskommandos“ haben sich, ganz mit Recht, als legale, aber geheime Truppe gefühlt; haben sie doch im Jahre 1923 im Hause des Reichspräsidenten Ebert die Wache gestellt. Verrat ihrer Existenz bedeutete die größte Gefahr für sie. Um dieser Gefahr zu begegnen, gab es, da die Verurteilung vor einem Gericht, auch vor einem Kriegsgericht, wegen der Geheimhaltung nicht in Frage kam, nur ein Mittel: Verräter in der Stille beseitigen. Die höheren Stellen der Reichswehr und die Regierung haben von diesem Vorgehen ohne Zweifel gewußt und es gebilligt. In dem Richterspruch steckt eine beispiellose Heuchelei: noch heute werden Leute, die über die Schwarze Reichswehr geschrieben haben, von deutschen Gerichten wegen Landesverrats verurteilt, aber deutsche Gerichte verurteilen Leute, welche vor vier Jahren Landesverrat auf dem damals einzig möglichen und vom Reichswehrministerium zweifellos gebilligten Weg verhindert haben, zum Tod.

    Das ist auch so ein Stück der Moral, auf der unser staatliches Leben beruht, ohne die es zusammenbrechen würde; und es ist deshalb im Grunde eine große Naivität, zu verlangen, die eigentlich Schuldigen, die Minister und Generäle, sollen zur Verantwortung gezogen werden, oder zu fordern, Wirth, Geßler, Severing und ihre Geheimräte sollen sich jetzt vor die Mörder stellen und sagen: „Wir, nur wir sind schuld, wir haben euch in Notzeiten aufgestellt, wir haben euch zu der Ansicht gebracht, ihr seid eine legale Truppe, Soldaten vor dem Feind, wir haben euch auf dem Glauben gelassen, Verräter müssen, aus Notwehr, getötet werden.“ Sie tun das nicht; sie können das nicht tun.

    Diese Verurteilten sind das Opfer, das die Minister, Geheimräte und Offiziere dem Gotte „öffentliche Meinung“ zur Versöhnung dargebracht haben. Sie sind von den Hintermännern im Stich gelassen, verraten worden: ein verlorener Haufen.

    1927, 14 Hermann List

  • Polizei oder Militär?

    — Jg. 1929, Nr. 20 —

    Die Berichte vom Berliner Kriegsschauplatz des ersten Mai 1929 sind zwar je nach der Parteistellung der Berichtenden ebenso verschieden wie etwa die über eine Schlacht im Weltkrieg, aber es gibt doch einige Tatsachen, die von niemand mehr bestritten werden können. Z. B. folgende:

    1. Im Laufe des ersten Mai ist in Berlin das polizeiliche Verbot von Maifeiern, abgesehen von einigen kleineren Ansammlungen, die rasch zerstreut wurden, nicht übertreten worden. Diese Feststellung (wie auch die, daß keine eigentlichen Kämpfe stattgefunden haben) richtet sich in gleichem Maße gegen die Verteidigungsversuche der Polizei wie gegen die blutigen Frasen der Kommunisten und einige bombastische Telegramme aus Moskau, die von „Revolution“ usw. reden.

    2. Die Schießerei ist von der Polizei begonnen worden. Ob Zivilisten überhaupt geschossen haben, ist fraglich. Jedenfalls ist nur ein einziger Polizist durch einen Schuß verletzt worden, und zwar aus Versehen von einem Kollegen.

    3. Die Polizei hat z. T. ohne jede Warnung Passanten erschossen. In den meisten Fällen begann sie sofort nach dem Warnruf „Straße frei!“ mit der Schießerei.

    4. Die Polizei hat ganz unbeteiligte Menschen aus Wohnungen herausgeschleift, mißhandelt und verhaftet. Schon die paar Prozesse, die in Moabit im Schnellverfahren verhandelt worden sind, zeigen das sehr deutlich.

    Außerdem werden eine Unmenge einzelner Beispiele von rohem und sinnlosem Vorgehen der Polizei berichtet. Sie hat z. B. Menschen, die auf Verkehrsinseln die Straßenbahn erwarteten, ohne jede Warnung mit dem Gummiknüppel auseinandergetrieben, hat in den abgesperrten Stadtteilen blindlings die Straßen hinabgeschossen und in Wohnungen hineingefeuert und hat auch aus den abgesperrten Bezirken heraus mit Maschinengewehren in freigegebene Straßen geschossen usw. Das Ergebnis von fünf Kampftagen war daher auf Seiten des „Zivils“: 24 Tote, 73 Schwerverletzte, über hundert Leichtverletzte, auf Seiten der Polizei: kein Toter, 4 Schwerverletzte, 43 Leichtverletzte, unter ihnen, wie gesagt, nur ein einziger durch einen Schuß Verletzter.

    „Soll dies künftig rechtens in Preußen sein, daß die Polizei, wenn eine ihrer Vorschriften von einer kleinen Rotte Menschen wirklich oder vermeintlich nicht befolgt wird, plötzlich ganze Stadtteile abriegeln, in die Fenster knallen, total unbeteiligte Menschen aus Wohnungen zerren, mit Gummiknüppeln lahm und krumm schlagen und wie Treibwild niederschießen darf? Soll es zur Maxime werden, daß Städte oder Stadtteile des eigenen Landes wegen irgendwelcher polizeiwidriger Akte einzelner Einwohner insgesamt als Kriegsgebiet behandelt werden können?“ Fragt das „Tagebuch“.

    Die Antwort auf diese Frage wird lauten müssen: das hängt von der Ausbildung der Polizei ab. Nach der Revolution, als der Glaube an das Wort „Der Mensch ist gut“ noch stärker war, hat man viel davon gesprochen, der Polizist müsse der „Vertrauensmann der Straße“ sein. Heute wagt man kaum mehr davon zu reden. Denn heute ist die Ausbildung der Polizei, des „zweiten Heeres“, ganz militärisch. Die Polizei wird auf den Bürgerkrieg trainiert. Nach einem Artikel in der Beamten-Korrespondenz „Beko“ haben die jungen Polizeianwärter jeden vierten Tag einmal einige Stunden Unterricht im Polizeidienst, im übrigen aber werden sie militärisch gedrillt. Auf der Polizeioffiziersschule ist es nicht anders. Die Leiter halten sich an die Übungsmethoden des alten Generalstabs, teils weil sie selber noch in dieser Mentalität leben, teils weil es die Vorschriften verlangen. Bei den von Zeit zu Zeit stattfindenden Offiziersbesprechungen z. B. erhalten die Offiziere in versiegeltem Umschlag taktische Aufgaben für den Bürgerkrieg gestellt, die sie mit Bleisoldaten zu lösen haben. In den Maitagen haben die Offiziere die jungen Polizeimannschaften (man hat zum größten Teil ganz junge Leute „eingesetzt“) dann genau so in den „Krieg“ geführt wie sie es am Sandkasten gelernt haben.

    Im September vorigen Jahres hat Ignaz Wrobel in einem Artikel der „Weltbühne“ auf ein Buch „Polizeiverwendung, dargestellt an Aufgaben, Buch II, Beim Einsatz im Stadtgebiet“ von K. v. Oven hingewiesen. Wenn man heute diesen Artikel und die darin angeführten Zitate aus Ovens Buch liest, dann ist man über das Vorgehen der Polizei in den Maitagen nicht mehr erstaunt: die Praxis entspricht haargenau der Theorie, in der von nichts anderem die Rede ist als von „Einsatz“, „Stoßrichtung“, „Kampfweise der Aufständischen“, „Ablieferung von Gefangenen“ usw. Es ist also gar kein Wunder, wenn man heute, wie die „Frankfurter Zeitung“ in einem Bericht über die Maitage es getan hat, feststellen muß: „Die Aufgabe ist typisch polizeilich, der Einsatz an Mannschaften aber und das Vorgehen ist militärisch.“

    Die Vorschriften für die Ausbildung der Polizei sind militärisch und die Lehrer und Offiziere leben in militärischem Geist — man muß also die Ausbildungsvorschriften und die Personalpolitik ändern. Für beides ist das preußische Ministerium des Innern verantwortlich. Hier sitzt zwar der Sozialdemokrat Grzesinski an der Spitze, aber man merkt nichts davon. Ob er nicht kann oder ob er nicht will, weiß ich nicht. Jedenfalls hat der Ministerialdirektor Klausener, der Leiter der Polizeiabteilung, mehr Einfluß auf die Polizei als Grzesinski. Hier müßte man also mit dem Ausputzen anfangen.

    Wahrscheinlich geschieht aber nichts. Höchstens werden ein paar reaktionäre Polizeioffiziere, die sich durch besonders rohes Vorgehen bemerkbar gemacht haben, versetzt. Zehn gegen eins zu wetten: als Lehrer an eine Polizeischule. Damit die Tradition erhalten bleibt.

    1929, 20 Hermann List

    1. 5. 1929: Während der Maikundgebungen kommt es in vielen Städten zu Unruhen. In Berlin gehen 13.000 Polizisten gewaltsam gegen Demonstranten vor. Neun Menschen sterben, 63 werden schwer verletzt.

    3. 5. 1929: Nach neuen Zusammenstößen zwischen Demonstranten und Polizei verhängt der Berliner Polizeipräsident ein „Verkehr- und Lichtverbot“ über die Berliner Bezirke Wedding und Neukölln. Es wurden insgesamt 33 Demonstranten getötet, weitere 198 Demonstranten sowie 47 Polizisten wurden verletzt.

  • In der Drecklinie

    — Jg. 1922, Nr. 5 —

    Nirgends findet man bissigere Feindschaft als unter Verwandten. Schwiegermutter und junges Paar, Vater und Sohn, zwei feindliche Brüder — gibt es Beziehungen, die häufiger und heftiger vom Haß vergiftet werden?

    So ist es auch im politischen Leben. Mit überlegener Ironie bewitzeln die demokratischen Blätter die Deutschnationalen, mit heimlichen Neid beehren diese die „Asfaltdemokraten“ mit Retourchaisen: zwei Kreise, die sich kaum berühren. Aber schon wenn die Sozialdemokraten mit dem Zentrum oder die Demokraten mit der Deutschen Volkspartei sich herumstreiten, spürt man die Erbitterung, geboren aus der Angst vor der Konkurrenz. Jedoch die schönsten Blüten treibt der Konkurrenzneid im Kampf zwischen Sozialdemokraten und Kommunisten.

    Der Ausdruck „Bonze“ wirkt wie Gestreicheltwerden von weichen Händen, und „Heuchler“ ist fast eine Liebkosung, „Geschwätz der S.P.D.“ wird wie eine wissenschaftlich-sachliche Feststellung gebraucht, und „Demagogie“ ist abgeleiert und veraltet. Im Krieg der beiden „Bruderparteien“ braucht man ganz andere Geschosse: „Arbeiterleutnants“, „echte Gassenjungenmanier“, „Dreck“, „Gimpelfang“, „Clowns“, „Taschenspieler“, „enge Doktorhirne“, „Arbeiterhenker“ (statt des verblaßten Ausdrucks „Verräter“) — mit solchen Granaten bombardiert man, wenn man kommunistischer Zeitungsschreiber ist, seine Genossen.

    Und die Maschinengewehre der sozialdemokratischen Redaktionen entgegnen mit Witzchen, die überlegen und ironisch sein sollen und doch die besorgte Stimmung kaum verbergen können. Eine Veranstaltung der K.P.D. ist eine „Gala-Vorstellung“, der „große Saal gähnt von öder Leere“ (was hat denn sonst ein Saal zu tun?), nur hie und da durcheilen ihn „wichtigtuende Funktionäre“. Die Leiter der Versammlung verschleudern die „Arbeitergroschen“ in ellenlangen Protesttelegrammen. Eine Versammlung des „Roten Frontkämpferbundes“ sieht nach den Berichten sozialdemokratischer Zeitungen aus wie der Kriegsrat eines Indianerstammes. Da erscheint der „Höchstkommandierende in kriegerischem Schmuck“, seine „juchteledernen Reitstiefel“ bedecken „beinah seine ganzen Oberschenkel“. Es graust einem vor den Kommunisten, wenn man sich das vorstellt! Und selbst die kommunistischen Blasinstrumente taugen nichts. Sie geben keine gut bürgerlichen Töne von sich, wie es sich eigentlich gehört, nein: ihr Ton stimmt „vollständig mit dem einer Ziehharmonika“ überein. Die Redner „verzapfen Tiraden“, bewegen sich wie „Marionetten“, und wenn einer Kasper heißt, dann heißt er nicht nur so: „sein Name ist ein Symbol“. Man meint manchmal, diese Artikelschreiber verwechseln das Tinten- mit dem Güllenfaß.

    Genug? O bitte, es soll mir eine Ehre sein, weiter aufzuwarten.

    Noch schlimmer als in Zeitungsartikeln ist es in Versammlungen. „Keil, der gerissene Schieber“ ist ein beliebtes Inventarstück kommunistischer Redner, das „Reichsbanner“ ist geworden zu einem „Reichsjammer“ (falls es nicht „Jammerblase“ oder — sehr geschmackvoll! — „Schwarz-Rot-Hengstenberg“ tituliert wird). Die Ehre des „Reichsbanners“ wird aber wiederhergestellt, indem man, mit dem denkbar größten Aufwand von Geist, den „Roten Frontkämpferbund“ als „Laubsammlerbund“ bezeichnet. Übrigens lohnt es sich gar nicht, sich mit der K.P.D. noch weiter abzugeben: sie ist und bleibt die „Partei der moralischen Verlumpung“.

    So befehden sich die beiden Parteien, deren Angehörige das gleiche Los, die gleiche Not zu tragen haben. So erziehen die Führer den Stand, von dem man sagt, er sei dazu berufen, eine bessere Zeit heraufzuführen, den Stand, von dem man hofft, er werde einst eine gerechtere Gesellschaftsordnung schaffen.

    Wie wird die aussehen? Sachlichkeit, Ordnung, Anstand, Achtung vor dem Gegner werden wohl die Haupttugenden des öffentlichen Lebens sein. Denn schon ein altes Sprichwort sagt: Wie man säet, so wird man ernten.

    1927, 16 Hermann List

    Sie schlugen sich gegenseitig die Schädel ein; zum Schluß hörte ich sie dann die „Internationale“ singen.

    1922, 5 Mauthe

  • Nur für Herrschaften

    — Jg. 1929, Nr. 34 —

    Vor einigen Wochen haben ein paar russische Flieger auf einem Europarundflug auch in Rom einen Besuch gemacht und sind dort festlich empfangen worden: Begrüßung mit Faschistengruß und Händedruck, Reden, Gelage und was so dazugehört. Diese „Verbrüderung zwischen Bolschewisten und Faschisten“ war natürlich für die sozialdemokratischen Zeitungen ein gefundenes Fressen. In der ganzen Welt rufen die Kommunisten zum Kampf gegen den Faschismus auf, aber in Rom lassen sich bolschewistische Flieger von Mussolini und seinen Anhängern feiern und bejubeln — das war ein so augenfälliger Gegensatz, daß die Sozialdemokraten unmöglich ihren Spott zurückhalten konnten; und ihr Spott war ja ganz berechtigt.

    Aber kaum war das Propellergesurr der bolschewistischen Flugzeuge über Rom verklungen, da erschienen in Kiel italienische Kriegsschiffe. Die Besatzung wurde von den Kieler Behörden festlich empfangen: Begrüßung mit Händedruck, Reden, Gelage und was so dazu gehört. Der Oberpräsident von Schleswig-Holstein lud die fascistischen Offiziere zu einem Bankett in ein Hotel ein und sprach dabei vor seinen Gästen von der „Freundschaft des deutschen Volkes, das, wenn es einmal erkennt, daß eine Hand ihm in Freundschaft dargeboten wird, diese Hand ergreift und herzlich drückt“. Der also geredet hat, war kein Anhänger Hugenbergs, sondern ein Sozialdemokrat, Kürbis mit Namen.

    Während er sich bei Wein und Braten mit den fascistischen Offizieren verbrüderte, sammelten sich vor dem Hotel Arbeitslose und brachen in die Rufe aus: Nieder mit dem Faschismus! Wir haben Hunger! Gebt uns Arbeit und Brot! Aber gegen Arbeitslose hat ja ein sozialdemokratischer Oberpräsident ein wirksames Mittel: den Gummiknüppel. Die Polizei „säuberte“ also den Platz vor dem Hotel und zeigte so den tafelnden Faschisten, daß man auch in Deutschland mit dieser Waffe umzugehen weiß. Haben die kommunistischen Zeitungen nicht recht, wenn sie schreiben: „S.P.D. feiert fascistische Offiziere“, und mit Spott und Empörung über die Sozialfascisten herziehen? Doch, sie haben recht.

    Aber nur drei Tage lang. Denn kaum war der Rauch der italienischen Kriegsschiffe am Horizont verschwunden, da traf in Pillau ein sowjetrussisches Geschwader ein und wurde feierlich empfangen: Begrüßung mit Händedruck, Reden, Gelage und was so dazugehört. Ein deutscher Seeoffizier sagte in seiner Begrüßungsansprache u. a.: „Es ist mir eine besondere Freude, Ihnen, Herr Kapitän Smirnow, meinen Glückwunsch zu dem vorzüglichen Aussehen der Torpedoboote „Lenin“ und „Rykow“ und zu der tadellosen Haltung Ihrer Mannschaften zum Ausdruck zu bringen. Wir teilen die Freude der Sowjetregierung an den Erfolgen der Aufbauarbeit auch Ihrer Flotte.“ Und in Berlin, wo für den russischen Konteradmiral noch ein besonderer Empfang veranstaltet wurde, brachte ein deutscher Admiral ein Hoch auf die Sowjetflotte und die Völker der Sowjetunion aus und wünschte der Sowjetunion „zum Ausbau ihrer Seeschiffahrt vollen Erfolg“.

    Diese „Verbrüderung“ der deutschen und der russischen Offiziere ist natürlich von den sozialdemokratischen Zeitungen wieder zur Verspottung der Kommunisten, deren russische Bundesgenossen mit deutschen Offizieren tafeln, benützt worden. Und haben sie nicht recht?

    Doch, sie haben natürlich recht. Es haben beide recht: die Sozialdemokraten und die Kommunisten. Leider aber hört man von ihrem Spott immer nur dann etwas, wenn gerade die andere Partei sich einen Verstoß gegen das „proletarische Empfinden“ hat zuschulden kommen lassen.

    1929, 34 Jan Hagel

  • Wie finden Sie das?

    Der Mädchenhändler

    — Jg. 1928, Nr. 46 —

    Fritz Lang, der Regisseur des „Metropolis“-Films und anderer ebenso monumentaler wie kitschiger Zelluloidstreifen, entdeckt eine junge Schauspielerin, Fräulein Dyers. Er verpflichtet sie vertraglich auf sechs Jahre und sichert ihr eine von Jahr zu Jahr steigende Gage zu (gegenwärtig 1500 Mark monatlich). Fräulein Dyers spielt, mit Erfolg, aber nur einmal unter Fritz Lang. Sonst bei anderen Filmgesellschaften. Fritz Lang vermietet sie nämlich; der Vertrag gibt ihm das Recht dazu.

    Wie finden Sie das? Aber warten Sie noch einen Augenblick! Er vermietet sie nämlich nicht zum Selbstkostenpreis, sondern verlangt von den Gesellschaften, an die er Fräulein Dyers ausleiht, das Sieben- und Achtfache dessen, was er ihr als Gage zahlt. An diesem „Mädchenhandel“ hat er in einem Jahr rund und nett 20 000 Mark verdient.

    Nun sagen Sie: wie finden Sie das? Ich bin ganz Ihrer Meinung: das ist abscheulich, ja . . . ach, die Worte fehlen einem. Das Gericht, vor das Fräulein Dyers endlich gegangen ist, hat auch gedacht wie Sie und den Vertrag zwischen Fritz Lang und Fräulein Dyers als gegen die guten Sitten verstoßend für ungültig erklärt.

    Das ist also soweit in Ordnung. Aber nun hören Sie zu: In Ihrer Wohnung ist ein Rohr der Wasserspülung beschädigt. Sie eilen ans Telefon und lassen von einem Installationsgeschäft einen Arbeiter kommen. Wenn er das Rohr geflickt hat, überreicht er Ihnen eine Rechnung, auf der seine Arbeitsstunde mit 1,50 Mark berechnet wird. Er selbst bekommt aber von seinem Unternehmer nur 70 Pfennig.

    Nun sagen Sie: wie finden Sie das? Ganz in Ordnung? Ich weiß doch nicht. Aber gehen wir zu etwas anderem über.

    Hundert Arbeiter machen aus Eisen, Blech, Holz, Leder usw. Automobile. Ihr Unternehmer kauft die Rohmaterialien um 1 Million Mark ein und verkauft die fertigen Automobile um 3 Millionen Mark. Nach Abzug aller Unkosten (abgesehen von den Löhnen) hat er einen Gewinn von 1 Million Mark. Gibt er nun diese Million seinen Arbeitern als Lohn? O nein, nur einen Teil; und den andern Teil behält er für sich. (Wenn das Unternehmen eine Aktiengesellschaft ist, wird das Geld den Aktionären als Dividende ausbezahlt.) Und nun reden Sie: wie finden Sie das?

    „Aber Herr Hagel. Sie haben heute einmal spassige Manieren! Ich finde es ganz richtig, daß der Inhaber des Installationsgeschäftes und der Automobil-Fabrikant auch etwas verdienen. Die geben doch ihr Kapital her, ohne das die Arbeiter gar nicht arbeiten könnten. Stellen Sie sich einmal vor, der Installationsarbeiter wäre nicht in einem Geschäft angestellt! Der könnte lange suchen, bis er ein geplatztes Rohr fände, bei dessen Reparierung er Geld verdienen kann.“

    Schön, Verehrter, aber jetzt seien Sie bitte einmal konsequent. Mit dem selben Recht kann Fritz Lang sagen, ohne ihn würde Fräulein Dyers gar nicht beim Film arbeiten und 1 500 Mark im Monat verdienen, sondern sie wäre noch Tippfräulein oder anderes in Wien mit 200 Schilling Monatsgehalt. Er habe sie entdeckt, ihr Arbeit und Ruhm verschafft, er habe auch das Recht, an der Arbeit, die sie bei andern Gesellschaften leiste, Geld zu verdienen. Das sei recht und billig. Außerdem brauche er das Geld als „Kapital“ bei seinem „Geschäft“, sonst könnte er nicht andere junge Talente entdecken und ausbilden. Es ist aufs Haar genau der gleiche Fall wie der des Installationsarbeiters. Und im Grunde ist die Lage der hundert Arbeiter der Automobilfabrik auch nicht anders.

    Aber Sie empfinden die Behandlung von Fräulein Dyers als Unrecht, die der Arbeiter dagegen nicht. Wissen Sie, woher das kommt? Weil Fräulein Dyers zwei schöne Augen und zwei schlanke Beine hat und weil ihr die Schönheit eine Art von Monopol verleiht. Die Arbeiter aber stehen seit vielen Jahrzehnten ohne Monopol (es gibt ja ein paar Millionen zu viel) dem Monopol der Unternehmer (Kapital, Boden, Arbeitsgelegenheit) machtlos gegenüber; sie werden deshalb seit langem ausgebeutet, und das sind Sie so gewöhnt, daß Sie es gar nicht mehr als Unrecht empfinden.

    „Ich darf doch mit einem Regenschirm . . .“

    Die Eisenindustriellen, die jetzt, da Wilhelm es nicht mehr tun kann, auf Schiedsgerichte sch . . ., ihre Fabriktore zumachen, das Erz ungenützt im Boden lassen und 200 000 Arbeiterfamilien den Verdienst nehmen, gehören einfach enteignet.

    „Na hören Sie mal, Herr Hagel, Sie sind ja der reinste Bolschewist. Die Fabriken und die Hütten gehören nun einmal den Unternehmern, da können Sie ihnen nicht einfach vorschreiben, was sie mit ihrem Eigentum tun dürfen und was nicht. Ich darf doch mit einem Regenschirm, der mir gehört, auch anfangen, was ich will.“

    Da befinden Sie sich in einem Irrtum, Verehrter. Sie können Ihren Regenschirm zwar bei Sonnenschein spazierentragen, aber Sie dürfen ihn nicht Ihrem Nachbar in den Bauch rennen und dann aufspannen. Sonst bekommen Sie’s mit der Polizei zu tun. Denn dazu ist der Regenschirm nicht da. Und die Erze im Boden sind nicht dazu da, daß man sie den Arbeitswilligen sperrt und dadurch der Allgemeinheit schadet. Das ist Mißbrauch, der gestraft gehört. „Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich Dienst sein für das gemeine Beste.“ So heißt es in Artikel 153 der Weimarer Verfassung.

    Darf der Staat stehlen?

    Die pietätlosen Bolschewisten haben nicht nur Kohlengruben und Ölfelder enteignet, sondern auch wertvolle Kunstgegenstände entschädigungslos aus Privatbesitz in staatliche Museen übernommen. Und nun versteigert der Sowjetstaat einige Stücke seiner reichhaltigen Sammlungen im Auktionshaus Lepke in Berlin. Wie finden Sie das? Recht oder Unrecht?

    Nun, ein russischer Fürst hat etwas anderes gefunden: nämlich unter den zur Versteigerung ausgestellten Gegenständen ein paar, die einst ihm gehört haben. „Gestohlen!“ sagt er entrüstet, geht vor ein deutsches Gericht und erreicht, daß die Gegenstände „einem Gerichtsvollzieher zwecks Sicherstellung“ herausgegeben werden müssen und also nicht versteigert werden dürfen. Wie finden Sie das?

    Ich finde es zum mindesten inkonsequent. Denn das Öl, das wir von Rußland kaufen, ist auch „gestohlen“, ebenso das Getreide, das Platin, die Wolle usw., außerdem stammt das Geld, das eine deutsche Fabrik von Sowjetrußland für Lieferung von Maschinen erhält, auch aus „Diebstahl“.

    Aha, Sie finden, es sei ein Unterschied, ob der Staat Bodenschätze, die der Allgemeinheit nützen sollen, „stehle“, oder ein wertvolles Bild. Aber die Bolschewisten werden Ihnen entgegnen, das Bild nütze dem Volk viel mehr, wenn es in einem öffentlichen Museum hänge, als wenn es nur wenigen Besuchern zugänglich sei. Und wenn der Staat jetzt diese Bilder verkaufe und von dem Erlös in Moskau ein Kinderheim oder eine Textilfabrik baue, dann könne die Allgemeinheit gar nichts dagegen einwenden.

    Die deutschen Gerichte scheinen aber da Bedenken zu haben, obgleich sie doch zugeben müßten, daß auch der deutsche Staat täglich zum Wohle der Allgemeinheit „stiehlt“. Er „stiehlt“ Ihnen z. B. jeden Monat 10 Prozent Ihres Einkommens und sagt, er brauche das Geld, um zu verhindern, daß Ihnen irgend ein Gauner den Rest stiehlt, oder um gute Straßen für den Buick des Herrn Thyssen zu bauen. Sie lassen sich das ruhig gefallen, obgleich Sie sogar wissen, daß Ihre Steuern oft nicht der Allgemeinheit zugutekommen, sondern denen, die dem Herzen bzw. Geldbeutel des Staates am nächsten stehen. Sie empfinden das zwar als Unrecht, aber Sie sind durchaus nicht so empört darüber, daß Sie sich dadurch auch nur im geringsten in Ihrer täglichen Arbeit stören ließen. Ja, es gibt Leute, die nehmen davon gar keine Notiz, debattieren jetzt aber, unter Assistenz der Hugenberg-Blätter, erregt über die Frage: „Finden Sie, daß Lepke sich richtig verhält?“

    Sehen Sie, so inkonsequent sind unsere Anschauungen über Recht und Unrecht, so verworren unsere Begriffe von Eigentum und Diebstahl.

    1928, 46 Jan Hagel

  • Strümpfe oder Dynamit

    Strümpfe oder Dynamit

    Zum Kriegführen braucht man heute drei Dinge: Giftgas, Dynamit für die Sprenggeschosse und Öl zum Betrieb der Schiffs- und Flugzeugmotoren. In Deutschland werden diese drei Kriegsmittel hergestellt in den Fabriken und Laboratorien des Chemietrustes, der I.-G. Farbenindustrie A.-G.

    Im Herbst 1913 ist in Oppau die erste Fabrik, in der Stickstoff (der Hauptbestandteil der zur Herstellung des Dynamits nötigen Salpetersäure) nach dem Haber-Bosch-Verfahren aus der Luft gewonnen wird, in Betrieb genommen worden. Ohne sie hätte Deutschland 1914 keine drei Monate lang Krieg führen können. Im Mai 1916 hat die kurz zuvor gegründete Interessengemeinschaft der chemischen Industrie Deutschlands (die Vorläuferin der I.-G. Farbenindustrie A.-G.) das zweite Stickstoffwerk in Leuna gegründet. Als nach dem Krieg die Verflüssigung der Kohle gelang, hat sich die Interessengemeinschaft eigene Kohlenfelder, besonders aus der Liquidationsmasse des Stinneskonzerns, zusammengekauft. Im Dezember 1926 sind dann die in der Interessengemeinschaft vereinigten Trusts zu einem großen Unternehmen verschmolzen worden, das den Namen I.-G. (Interessen-Gemeinschaft) Farbenindustrie Aktiengesellschaft erhielt.

    Diese I.-G. Farbenindustrie A.-G., der deutsche Chemietrust (Sitz der Leitung: Frankfurt a. M.), besitzt nicht nur 39 Großbetriebe und Bergwerke, sondern kontrolliert auch durch „Beteiligungen“ und „Interessengemeinschaften“ zahlreiche Montanwerke, Ölfabriken, Sprengstoffwerke, Waffen- und Munitionsfabriken, Unternehmungen der Elektroindustrie, und hat in letzter Zeit 50 Prozent der Aktien der Rheinischen Stahlwerke A.-G. aufgekauft. Das Aktienkapital des Chemietrusts beträgt 100 Millionen Mark; der Trust ist unstreitig die größte Kapitalmacht in Europa.

    In den Werken des Trustes werden erzeugt oder hergestellt: Kohle und Öl, fotochemische Waren, farmazeutische Mittel (z. B. Aspirin, Salvarsan), Filme, Leichtmetalle (Aluminium), Düngemittel, Kalk, vor allem aber Farben und Kunstseide.

    Und nun ist es nötig, sich einen Augenblick mit einem kleinen Kapitel Chemie abzugeben.

    Aus Steinkohlenteer gewinnt man Benzol, Fenol und andere Öle, die die Ausgangsprodukte nicht nur für die meisten Farbstoffe, sondern auch für die wichtigsten Giftgase sind.

    Wenn Stickstoff (der in Leuna und Oppau gewonnen wird) an Wasserstoff gebunden wird, entsteht Ammoniak, eines der wichtigsten Düngemittel. Aus Ammoniak und Sauerstoff erhält man die Salpetersäure. Behandelt man Zellulose mit Salpetersäure, so entsteht Schießbaumwolle, die Grundlage des Dynamits, behandelt man Zellulose dagegen mit Schwefelkohlenstoff, dann ist das Produkt Kunstseide.

    Man sieht: Werkzeuge des Friedens und Kriegswaffen nahe beieinander. Stickstoff verwendet man als Ammoniak zur Düngung des Ackers, als Salpetersäure zur Herstellung von Schießbaumwolle; Indigo oder ein Filmstreifen werden aus den gleichen Stoffen gewonnen wie Giftgas; die Produktion von seidenen Damenstrümpfen hat mit der von Dynamit große Ähnlichkeit.

    Mit anderen Worten: der deutsche Chemietrust, die größte Kapitalmacht Europas, kann sich über Nacht in den größten Rüstungstrust Europas verwandeln. Er produziert die drei Dinge, die man zum Kriegführen braucht: Dynamit, Giftgas und Öl. (Öl — denn er hat das Patent für das Bergin-Verfahren zur Verflüssigung von Kohle, das in der im April 1927 fertiggestellten Anlage bei Leuna zum erstenmal in großem Maßstab angewendet wird.)

    Wenn heute ein Krieg ausbricht, ist der Chemietrust der erste Kriegslieferant. Dann wird sich sein Kapital nicht wie bisher mit 300, sondern mit noch mehr Prozent verzinsen. Und auch an den Kriegsgewinnen der Kohlen- und Erzherzöge würde er teilhaben; denn schon verhandelt er mit den Vereinigten Stahlwerken A.-G., der zweitgrößten Kapitalmacht, über eine engere Verbindung, über die Ablösung des bisherigen Konkurrenzkampfes durch eine Interessengemeinschaft.

    Der Chemietrust sucht sich aber nicht nur mit seinen Partnern im Inland, sondern auch mit den Konkurrenten im Ausland zu ,,verständigen“. Während des Ruhrkriegs hat die chemische Industrie Deutschlands dem französischen Kriegsministerium und der französischen chemischen Industrie einige Patente mitgeteilt und sich verpflichtet, innerhalb der nächsten 15 Jahre in Frankreich keine Fabriken zu errichten. Gegen gute Bezahlung natürlich. Auch an englische und amerikanische Gesellschaften hat der Trust Patente (z. B. für Erdölraffinierung) verkauft. In Spanien, England und U.S.A. besitzt der Chemietrust Fabriken. Über die Gründung eines europäischen Chemietrustes wird schon seit einiger Zeit verhandelt.

    Diese Internationalität sei eine Gewähr dafür, daß der deutsche Chemie-Trust keine Kriegsgefahr bilde, daß er immer Seidenstrümpfe statt Dynamit herstellen werde?

    Das anzunehmen, wäre eine leichtfertige Täuschung. Auch vor 1914 sind die Rüstungs- und Sprengstoffindustriellen international verbunden gewesen (der Nobel-Konzern z. B. hat in fast allen Staaten die Sprengstoffproduktion beherrscht).

    Die Friedensgarantien schafft nicht die Wirtschaft, sondern die Politik. Und wenn die Regierungen keine Friedenspolitik treiben (die Rüstungen in allen Staaten beweisen, daß sie es nicht tun), wenn sie selber unter dem Einfluß der am Kriege verdienenden Rüstungsindustrie stehen, dann hilft nur eines: Einigung aller Friedensfreunde, vor allem Einigung der Arbeiterklasse zum Kampf gegen die imperialistische Politik der Regierungen und der Rüstungsindustriellen.

    1928, 3 Fritz Lenz

  • So wirds werden

    [Eine Fiktion]

    W. T. B. : Berlin, 21. März 1931, 7 Uhr. Heute Morgen 1/2 5 Uhr haben polnische Freischärler östlich von Schlochau die deutsch-polnische Grenze überschritten. Das Reichskabinett ist sofort unter dem Vorsitz des Reichswehrministers Geßler zu einer Sitzung zusammengetreten und hat für ganz Deutschland den Kriegszustand erklärt.

    Extrablatt des „Temps“: Paris, 21. März 1931, 7 Uhr M.E.Z. Wie Havas aus Warschau meldet, hat ein deutsches Fliegergeschwader heute früh gegen 1/2 4 Uhr über verschiedenen polnischen Dörfern, die im tiefsten Frieden lagen, Bomben abgeworfen und ist in Richtung Warschau weitergeflogen. Die polnische Regierung hat daraufhin dem deutschen Gesandten die Pässe zugestellt und die Mobilmachung angeordnet.

    Berliner Lokalanzeiger: Wie wir soeben (1/2 8 Uhr) erfahren, hat das Kabinett an Polen den Krieg erklärt und in einer Verfügung angeordnet, daß die allgemeine Wehrpflicht im Reich wieder eingeführt sei. Wir halten die letztere Maßnahme für gänzlich überflüssig, sind wir doch voll und ganz davon überzeugt, daß alle Deutschen, ohne Unterschied des Standes oder der Konfession, dem Ruf des längst ersehnten Augenblicks folgen und zum heiligen Krieg gegen das räuberische Polenpack ausziehen werden.

    Tägliche Rundschau: Berlin, 22. März. Von besonderer, dem Auswärtigen Amt nahestehender Seite erfahren wir: Seitdem Polen voriges Jahr den Ostlocarnopakt gekündigt hat, waren unsere Beziehungen zu diesem barbarischen Volk sehr gespannt. Bisher haben die Geduld und der Friedenswille unserer Regierung zwar den Ausbruch eines offenen Konfliktes immer noch verhindern können, ob es aber diesmal noch gelingen wird, nachdem die polnische Armee ohne jeden Grund Deutschland im tiefsten Frieden überfallen hat, das steht in Gottes Hand. Die Meldungen von einer Kriegserklärung und der Einführung der allgemeinen Wehrpflicht sind zwar noch etwas verfrüht, wir stehen aber nicht an, zu erklären, daß wir diese Maßnahmen je eher je lieber begrüßen werden. Denn der polnische Korridor muß jetzt endlich einmal ausgeräuchert werden. Und wir haben über unsere Haltung nie einen Zweifel aufkommen lassen: wir sind national bis auf die Knochen. — Wie uns Herr Oberhofprediger Dr. D. Döhring, dessen Kriegsabende im Weltkrieg noch in guter Erinnerung sein werden, gütigst mitteilt, wird er heute Abend im Lustgarten einen Feldgottesdienst abhalten. Wir zweifeln nicht daran, daß ganz Berlin aus seinen Worten Trost und Kraft für die kommenden schweren Tage schöpfen wird. Gott segne unser deutsches Vaterland in dieser schicksalsschweren Stunde!

    W.T.B.: Berlin, 22. März, 11.50 Uhr. Soeben hat sich Prinz Wilhelm von Preußen, der älteste Sohn des Kronprinzen, als Freiwilliger beim 1. Gardekürassierregiment gemeldet. — S. M. Kaiser Wilhelm hat in Doorn einen Hausgottesdienst veranstaltet und den Segen Gottes auf die deutschen Waffen herabgefleht.

    Dr. Wirth im „Berliner Tageblatt“: Tief erschüttert steht jeder gute Europäer vor den Trümmern seiner Arbeit. Menschenwerk! Und jetzt hat Gott gesprochen. Noch einmal muß Europa durch Blut schreiten, bevor es in Einigkeit und Brüderlichkeit den Tempel der Menschheit errichtet. Aber diese Betrachtung von einem höheren Standpunkt aus darf uns nicht abhalten von dem Bekenntnis: Wir sind unschuldig. Ja, unschuldig sind wir. Und das Blut aller deiner Söhne, deutsche Republik, komme über die Missetäter jenseits der Weichsel! Der junge Staat, dem wir im innersten Herzen anhangen, hat jetzt seine Feuertaufe zu bestehen. Auf in den Kampf, deutsche Republik!

    Vorwärts: Berlin, 23. März. Wir haben uns bisher, da das Auswärtige Amt sehr schweigsam war, jeder Stellungnahme enthalten und nur die amtlichen Nachrichten gebracht: den frevelhaften Überfall polnischer Banditen, die Kriegserklärung Deutschlands an Polen, die deutsche Mobilmachung, die Kriegserklärung Frankreichs an Deutschland (die mit der erlogenen Meldung, deutsche Flugzeuge hätten Bomben über polnischen Dörfern abgeworfen, begründet wurde) und den ersten herrlichen Sieg der deutschen Waffen bei Schneidemühl. Jetzt aber, nachdem unser einstiger Reichspräsident Generalfeldmarschall v. Hindenburg von Hannover nach Berlin geeilt ist (völlig aus eigenem Antrieb, und nicht, wie verblendete Kommunisten behaupten, auf Veranlassung des Herrn v. Tirpitz) und in tiefbewegten Worten zur Einigkeit und zum Gottvertrauen gemahnt hat, rufen wir dir, deutscher Arbeiter, zu: Zieh in den Kampf für dein Vaterland, für Menschenwürde und Sozialismus! Die Kommunisten aber mögen bei den nächsten Wahlen sehen, wohin sie mit ihrer landesverräterischen Propaganda kommen.

    Die Sonntags-Zeitung: Weltkrieg, Ruhrkampf — und jetzt geht der Schwindel zum drittenmal los. Wer’s noch nicht geglaubt hat, daß die Menschen dumm und unbelehrbar sind, der weiß es jetzt ganz sicher. Deutschland rast wieder vor Begeisterung, die Leute schlucken faustdicke Lügen wie himmlische Wahrheit, und in allen Ländern laufen die Menschen in die Kirchen, um den Herrgott zu bitten, er möge möglichst viele ihrer Brüder vergasen. Gottvater hat sich sicheren Nachrichten zufolge entschlossen, das Ressort der Einzelseelsorge seinem Sohn zu übertragen, da er selbst mit dem Segnen von Fliegerbomben und Granaten genügend beschäftigt ist. Eine derart ekelh . . . (Der Rest des Inhalts ist von der Zensur gestrichen worden.)

    1927, 38 Hans Lutz

  • Der Friede von Potsdam

    Der Friede von Potsdam

    — Jg. 1929, Nr. 26 —

    In diesen Wochen wird der Kampf gegen die Kriegsschuldlüge und den Sklavenvertrag von Versailles mit verstärkten Kräften geführt. In allen Orten werden Vorträge gehalten, in denen dem Publikum eingeredet wird, wir müßten nur deswegen zahlen, weil im Versailler Vertrag stehe, wir seien am Krieg schuldig, und die ahnungslosen Zuhörer können sich nicht mehr fassen vor Entrüstung über die unerhörte Machtgier und Ungerechtigkeit unserer Feinde.

    Nun wird niemand behaupten, der Versailler Vertrag sei ein Bollwerk der Gerechtigkeit oder ein Mittel zur Befriedung Europas, und wer 1918 auf die vierzehn Punkte Wilsons vertraut hat oder wer, trotz allen Enttäuschungen, auch heute noch den Geist dieser Punkte wirksam sehen möchte, hat allen Grund, sich über den Versailler Vertrag zu beklagen. Aber merkwürdigerweise kommen die Angriffe gegen die Ungerechtigkeiten des Vertrages gerade von der andern Seite, nämlich von denen, die über den „Idealisten“ Wilson spotten und im Völkerleben nichts anderes anerkennen als gewaltsame Regelungen. Gerade die Militaristen und die Gewaltpolitiker sind es, die den Kampf gegen Versailles führen, und zwar deshalb, weil sich die Prinzipien, die sie selber anerkennen, diesmal gegen ihr eigenes Land und nicht gegen ein fremdes gewandt haben. Bei ihrem Kampf gegen die Ungerechtigkeit ist es ihnen nicht um Gerechtigkeit, sondern um Macht zu tun; das Recht ist ihnen nur ein Mittel, kein Ziel. Und deshalb können wir, die wir dem Recht im Völkerleben zur Macht verhelfen wollen, diesen Kampf gegen Versailles nicht ohne weiteres mitmachen, auch wenn wir selber den Vertrag für ein übles Machwerk halten.

    Die skrupellose Selbstgerechtigkeit derer, die jetzt an Recht und Moral appellieren und doch grundsätzlich Gegner der Moral in der Politik sind, kann durch nichts besser gekennzeichnet werden als durch die Untersuchung der Frage: wie hätte der Friedensvertrag ausgesehen, wenn Deutschland gesiegt hätte?

    Man erinnert sich noch an die Siegfriedensprogramme unserer Alldeutschen, die halb Europa und ganz Afrika annektieren wollten. Daraus wollen wir jetzt nicht eingehen. Ernster zu nehmen sind schon die Programme der Industrie und der Obersten Heeresleitung. Noch im September 1917 hat Ludendorff im Falle eines Friedens gefordert: Annektierung der französischen Industriegebiete auf beiden Seiten der Maas, militärische Besetzung Belgiens, bis es sich politisch an Deutschland anschließt, Druck auf Holland, sich ebenfalls anzuschließen, Vergrößerung des afrikanischen Kolonialbesitzes usw. Noch weiter ist eine Denkschrift der Industrieverbände vom Mai 1915 gegangen; sie verlangt Annektierung der Festungen Verdun und Belfort, der Erzbecken von Briey und Longwy, der Kohlengebiete Nordfrankreichs bis Calais — kurz: die Somme als Grenze.

    Fantasien seien das? Kann sein; aber wir haben ja als Beweis für den Machtkoller der deutschen Industrie und der Obersten Heeresleitung nicht nur solche Programme, sondern zwei abgeschlossene Friedensverträge: den von Brest-Litowsk mit Rußland und den von Bukarest mit Rumänien.

    Quelle: https://www.zeit.de/2018/07/friedensvertrag-von-brest-litowsk-deutsches-reich-russland/komplettansicht

    Im Frieden von Brest-Litowsk wurden von Rußland das Baltikum, Finnland, Russisch-Polen, Litauen, die Ukraine und Bessarabien losgelöst, ein Gebiet, das doppelt so groß ist wie Deutschland. Wilhelm II. war schon zum Herzog von Kurland, Livland und Estland bestimmt. Rußland mußte versprechen, das Gold der russischen Staatsbank an Deutschland abzuliefern und für ewige Zeiten von der gesamten Ölproduktion ein Viertel Deutschland zu überlassen.

    Im Vertrag von Bukarest wurde Rumänien verkleinert, entwaffnet und wirtschaftlich „versklavt“ (so sagt man doch, deutsche Moralisten?). „Bis zu einem später zu vereinbarenden Zeitpunkt“ sollte das Land besetzt bleiben; die Truppenführung hatte das Aufsichtsrecht über alle Fabriken und Betriebe. Rumänien mußte auf 90 Jahre einer deutschen Gesellschaft das alleinige Recht zur Ausbeutung der Ölquellen überlassen. Auf 90 Jahre, nicht auf 58.

    Das sind ein paar Bestimmungen aus den Verträgen von Brest-Litowsk und Bukarest, die von den Gesinnungsfreunden unserer jetzigen Unschuldslämmer abgeschlossen wurden. Sie legen die Vermutung nahe, daß der Vertrag von Potsdam, den die kaiserliche Regierung im Falle ihres Sieges abgeschlossen hätte, dem Vertrag von Versailles mindestens ebenbürtig geworden wäre. Wer das weiß, der sollte lieber, statt gegen die Ungerechtigkeiten der andern zu wüten (mit dem geheimen Ziel, es ihnen später zu vergelten), einmal in sich gehen und sich schämen.

    1929, 26 Fritz Lenz

    Die „Kriegsschuldlüge“

    Artikel 231 des Versailler Vertrags

    Die alliierten und assoziierten Regierungen erklären, und Deutschland erkennt an, daß Deutschland und seine Verbündeten als Urheber für alle Verluste und Schäden verantwortlich sind, die die alliierten und assoziierten Regierungen und ihre Staatsangehörigen infolge des Krieges, der ihnen durch den Angriff Deutschlands und seiner Verbündeten aufgezwungen wurde, erlitten haben.

    Siehe hierzu auch:

    Lieber Leser!

    http://erich-schairer.de/schandfrieden/

  • Hugenberg

    Hugenberg

    — Jg. 1928, Nr. 34 —

    Der deutschnationale Abgeordnete Hugenberg ist einer der mächtigsten Männer nicht nur in der Deutschnationalen Volkspartei, sondern in Deutschland überhaupt. Worauf beruht seine Macht?

    Im Jahre 1913 teilte August Scherl dem Reichskanzler Bethmann-Hollweg mit, er werde 8 Millionen Mark Stammanteile des Scherl-Verlags verkaufen; Rudolf Mosse biete ihm 11 1/2 Millionen Mark, er, Scherl, sei aber bereit, „Freunden der Regierung“ die Stammanteile um 10 Millionen zu überlassen.

    Bethmann verhandelte mit einigen reichen Leuten; vergeblich. Die Gefahr, daß Rudolf Mosse oder die Gebrüder Ullstein den Scherl-Verlag übernehmen könnten, wurde immer drohender. Um diese „jüdische Gefahr“, vor der hohe und allerhöchste Stellen in Berlin zitterten, abzuwehren, übernahmen schließlich (lachen Sie nicht!) Baron Alfred von Oppenheim und der Kölner Finanzmann Louis Hagen die 8 Millionen Mark Stammanteile.

    Jetzt aber griff Alfred Hugenberg, Vorsitzender des Direktoriums von Krupp, ein. Er gründete in Düsseldorf den „Deutschen Verlagsverein“; dieser kaufte in den folgenden Jahren den Scherl-Verlag auf. Hugenberg wandte sich einfach an die preußische Regierung mit der Bitte, daß dem Deutschen Verlagsverein „aus irgendwelchen uns nicht bekannten Fonds ein Vorschuß gegeben werde“. Auf eine Geheimverfügung des preußischen Ministers des Innern erhielt der Verlagsverein im August 1914 und im Jahre 1916 je 2 1/2 Millionen Mark. (Daß diese 5 Millionen heute noch nicht zurückgezahlt sind, ist für die republikanische Regierung Preußens nicht gerade ein Kompliment.)

    So erwarb Hugenberg den Scherl-Verlag, der jetzt eine Menge stramm deutschnationaler Zeitungen (allen voran den „Berliner Lokalanzeiger“), Zeitschriften, Magazine und Bücher herausgibt.

    Hugenberg erkannte aber, daß in Deutschland die Provinzpresse ebenso wichtig ist wie die Berliner Presse. Die Pariser und Londoner Zeitungen haben viel größere Auflagen als die Berliner, und zwar deshalb, weil sie auch in der Provinz gelesen werden. In Deutschland dagegen hat die kleinste Provinzstadt ihr Lokalblättchen, und die meisten Leute, bescheiden wie sie sind, begnügen sich mit der geistigen Nahrung dieser Zeitung.

    Diese „Kanäle zu den Gehirnen der Menschen“ machte Hugenberg seinen Interessen dienstbar. Er gründete 1922 die „Wirtschaftsstelle der Provinzpresse (Wipro)“, die eine Maternkorrespondenz herausgibt. Nach der Inflation kaufte er noch eine zweite Maternkorrespondenz auf. Diese Maternkorrespondenzen schicken Leitartikel, Nachrichten, Plaudereien, Romane, Sportberichte usw. in Pappstreifen eingepreßt an die Provinzdruckereien, die mit Hilfe einer einfachen Metallgießmaschine die Druckplatten herstellen. Nehmen Sie irgend ein Provinzblatt in die Hand — außer den lokalen Nachrichten ist alles (auch die Schimpfereien über den Berliner Zentralismus) in Berlin fabriziert worden. Und die meisten Provinzblätter beziehen ihr Material aus Hugenbergs Werkstätten.

    Eine solche Korrespondenz kann aber nur die Nachrichten an die Zeitungen weiterleiten, die sie irgendwoher erhält; sie ist also abhängig von den Nachrichtenbüros. Nach dem Kriege gab es in Deutschland nur ein einziges Nachrichtenbüro von Bedeutung: Wolffs Telegrafen-Büro (W.T.B.). Dieses war bei seinen Inlandsnachrichten abhängig von der Regierung (es ist das offiziöse Nachrichtenbüro), bei seinen Nachrichten aus dem Ausland von den englischen und französischen Nachrichtenorganisationen (Reuter und Havas). Wenn also in Buenos Aires eine Revolution ausbrach, ging die Nachricht über das Reuter-Büro und das W.T.B. an die Korrespondenzbüros. Wenn in Berlin die Metalldrücker streikten, meldete das W.T.B. diese Tatsache mit dem nötigen Kommentar dem Reuterbüro und dieses leitete die Nachricht an die Newyorker Zeitungen; wie die Nachricht dort ankam, kann man sich etwa vorstellen.

    Hier griff Hugenberg ein durch den Erwerb und den Ausbau der Telegrafen-Union (T.U.) Er brach das Nachrichtenmonopol des von der Regierung abhängigen W.T.B. im Inland und machte sich auch daran, im Ausland einen eigenen Nachrichtendienst einzurichten: er schloß Verträge mit ausländischen Nachrichtenbüros und gründete eigene Filialen. Wenn also jetzt in Berlin ein Streik ausbricht, gibt die T.U. die Nachricht mit dem entsprechenden Kommentar der United Preß und diese muß sie, nach den abgeschlossenen Verträgen, unverändert an die amerikanischen Zeitungen liefern. Wenn es in Prag zu einem Straßenauflauf kommt, dann meldet die Prager Filiale der T.U. nach Berlin, dort wird die Nachricht zurechtgemacht und dann, teils in Telegrammen, teils schon in Matern, an etwa 1600 deutsche Zeitungen verschickt. Nicht nur an deutschnationale Zeitungen — nein, Hugenberg beliefert auch Zeitungen der Deutschen Volkspartei, ja sogar Zentrums- und Demokratenblätter mit Nachrichten und Leitartikeln. Die Nachrichten müssen natürlich mit Vorsicht und mit Rücksicht auf die Parteistellung der empfangenden Zeitung ausgewählt und „ausgewertet“, d. h. kommentiert werden. Mit dieser Aufgabe beschäftigt Hugenberg außer etwa 2000 Mitarbeitern 500 bis 600 festangestellte Beamte und 90 Redaktöre.

    Nachrichten auswählen, formulieren und kommentieren — das bedeutet: Nachrichtenpolitik treiben. Und Nachrichtenpolitik in dem Maßstab treiben wie Hugenberg es tut — das bedeutet: die Menschen beherrschen. Haben ausländische Blätter recht, wenn sie Hugenberg „uncrowned king“, „roi sans couronne“, „ungekrönten König“ nennen?

    Sie haben recht. Sie haben zehnmal recht, seit Hugenberg auch noch Film und Kino in seine Gewalt zu bringen sucht. Schon 1916 hat er eine „Deutsche Lichtbildgesellschaft“ gegründet, aus der dann 1920 die Deuligfilm A.-G. entstand. Und vor einem Jahr hat er die Werkstätten und die Theater des größten deutschen Filmunternehmens, der Universum-Filmgesellschaft (Ufa) erworben. Über die Machtsteigerung, die dieses Eindringen in die Filmindustrie bedeutet, braucht man kein Wort zu verlieren.

    Woher hat Hugenberg das Geld genommen, mit dem er diese Macht erwarb? Antwort: 1. Von der preußischen Regierung (siehe oben); 2. von der Schwerindustrie; 3. von den Großgrundbesitzern. Eine Ausnahme allerdings gibt es, und die ist sehr bezeichnend für die Entwicklung und die jetzige Macht des Hugenberg-Konzerns: die Ufa hat Hugenberg ohne jede Kapitalzuwendung von der Industrie oder der Landwirtschaft ganz aus eigener Kraft, d. h. aus Reserven und kaufmännisch normalen Bankkrediten seinem Konzern eingegliedert.

    So hat Alfred Hugenberg in den letzten vierzehn Jahren ein Gebäude errichtet, das nicht so leicht eingestürzt werden wird. Denn er kennt die Menschen und hat seinen Bau errichtet auf ihrem Geschmack fürs Mittelmäßige, ihrem Mangel an Zivilkurasche, ihrer geistigen Schwerfälligkeit und ihrer Kritiklosigkeit. Und das sind die sichersten Fundamente.

    1928, 34 · Pitt

    https://www.zeit.de/1970/10/who-is-hugenberg/komplettansicht